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42.88
Die Novembernacht

Bezpłatny fragment - Die Novembernacht

Objętość:
264 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-1030-3

PERSONEN DER ERSTEN SZENE:

Pallas Athene

Nike der Napoleoniden

Nike von Thermopylae

Nike von Salamis

Nike von Chaeronaea

Nike von Marathon

Peter Wysocki

Fähnriche

Die Szenen spielen am 29. November 1830 in Warschau.

Ein Korridor in der Fähnrichsschule

führt von der Rampe nach dem Hintergrund.

Von links durch hohe Fenster scheint

Das Mondlicht bleich und fahl herein;

Im Hintergrund ein Tor, darüber

Vier Fahnen zum Bukett vereint;

Rechts an der Wand stehen Gewehre

Geordnet in zwei Reihn.

Nacht, — später Abend, — Stille, — Leere; —

Nur vom Łazienkiparke dringt

Ein Rauschen leis herüber.

Die Wache stampft, — man hört die Tritte,

Auf Böcken Trommeln und zwei Mörser;

Ein Häufchen Kugeln und ein Degen.

Ein unterirdisch Tor springt rasselnd

Auf und im Korridore steht

Ein Mädchen. Ihren Kopf umweht

Ein Helmbusch; ihre Rechte hält

Den Speer, die Linke einen Schild;

Sie tritt als Erste uns entgegen

Mit Rede und mit Spiel.

Ein kupferoter Helm verbirgt

Die Züge, ihre Augen brennen

Heiß unterm Erz. Im Mondlicht wirkt

Ihr hell Gewand wie erzgewebt.

Der mächtge Schild an goldner Kette

An ihrer Schulter leise bebt.

Der silbernen Ägide Schlangen

Rascheln mit furchtbar wildem Ton.

Die hohen, starken Schultern, von

Lebendgen Schlangen überlastet

Sind leicht gehoben und sie stösst

Den Speer fest in die Erde. Ruft, —

Als ob ein Donner sich gelöst

Aus Jovis Händen, tönt die Stimme;

Und eine Schar von Mädchen hastet

Beflügelt auf sie zu.

PALLAS

Zu mir! Zu mir! Zu mir!

Siegreiche Geister, eilt herbei

Im Adlerfluge, windgehaucht,

In Sturmestoben und Brausen;

Bei diesem Zeichen ruf ich euch!

Kampflustbeseelt,

Des kalten Stahles, männermordender

Wehr Priesterinnen,

Ihr stolzen Ruhmes Dienerinnen;

Auf des Hymetos, Ossa Gipfel

Dem Sonnengotte anvermählt!

Nun von des Pelion Gipfel eilt

Herbei in Scharen und euch treibe

Die Gier nach blutigem Erliegen

Der Sterblichen. — Es starrt der Speer!

Zu mir denn, her zu mir!!

Donner

Du, Siegerin von Marathon,

Die du Athen den Freudenrausch gesandt;

Und du, Bezwingerin vor Salamis,

Die du den Perser peitschen ließt das Meer,

Bis ächzend er im Staub sich wand;

Du, die du vor den Thermopylen

Gestanden; die du Alexander

Zum Tyrus führtest, ihm verliehen

Achilleus Kraft; du, die da lebt

In Liedern, die von Hektors Taten

Vor Troja singen; du, die Roms

Cäsaren durch die Welt geführt

Von Ost nach West, von Pol zu Pol;

Du, die den Ruhm aufs neu belebt,

Als eines Nordens Sterne sanken;

Du, die des Tuisco Söhne überwand,

Als Witold, aresgleich und kampfdurchglüht,

Das große Blutbad schuf;

Und du, die du die Gottesgeissel

Durch Feuerscheine führtest zu

Dreimal verwünschtem Ruhme, dassDas Kreuz erbebte in der Stadt

Der sieben Berge, als du in

Das Licht die Löwenbrut geschleudert!

Zu mir! Im Donnerrollen her

Zu mir!

Donner

Bei diesem Zeichen ruf ich euch;

Bei der Ägide Gold und Erz

Und Elfenbein;

Beschwöre euch bei ewger Nacht,

In die mein Wink allein

Euch, wenn ich will, gebracht;

Beschwör euch bei der ewgen Glut

Der Sonne und bei Vater Zeus’

Furchtbaren Locken, bei der Gorgo

Schrecklicher Schlangenbrut,

Auf!!!

Ihr, denen ich Unsterblichkeit

Verleihe, kommt und steht bereit

Allgegenwärtig, allbewusst!

Im Fluge naht, in luftger Bahn!

Zu mir! Zu mir! Zu mir!!

Es nahen nun im Flug des Sieges

Göttinnen, eine Mädchenschar.

Und rauschend kreisen sie mit weiten

Flügeln durch die Luft und gleiten

Langsam eine nach der andern

Nieder.

PALLAS

Der von den schwindelnd steilen Höhen

Einst die Giganten niederstieß

Zum Tartarus, der in dem Reich

Der Wolken, der im ewgen Blau

Regiert, von dort den Donner und

Den Blitz herniederschleudert, Zeus,

Befiehlt durch meinen Mund.

Donner und Blitze, zeuget nun lodernde

Gluten auf schwelenden ewgen Altären!

Rasende raset in aresgeborenem

Gierigem Taumel! Niemand soll wehren!

Atmet die Seele des furchtbaren Gottes:

Zeus beruft seine Diener!

CHOR

Ares!! Mein Herr und mein Gott!

PALLAS

Aus des Olympos erztönendem Tor

Stürmt jetzt Ares befreit hervor,

Eilt wie ein Sturmwind, stürzt auf die Stadt

Und durcheilt sie auf wilden Rossen,

Schreit und stachelt und hetzt.

CHOR

Wehe den Männern! Wunden und Tod!!

PALLAS

Eilet ihm nach!!!

CHOR

Ha! Mit grimmigem Flügelschlage

Überfliegen wir die Stadt,

Packen zu und schlagen zu,

Würgen, geben keine Ruh.

Und die Äcker werden Gräber

Ganzer Völker; Sieg und Blut!!

PALLAS

Über den Völkern brechen die Donner,

Wolken brennen, in Gluten verloren

Bersten die Häuser und stürzen zur Erde,

Aus den Himmeln quillt lodernde Glut

Und der Zorn wird geboren!

CHOR

Wer kämpft —?

PALLAS

Mit dem Zaren der Pole! — —

Treulich entsendet, heilig beschworen

Nahen die Keren, die bleichen Dämonen

Aus des Tartaros grässlicher Nacht, —

Und die Harpyien, die der Gefallenen

Blut aussaugen...

Ihr kennt des Phidias Nike, wie

Sie eilig die Sandalen bindet.

Dabei den Kopf nach oben richtet

(Der zwar bei dem Fragmente fehlt),

Wie sie, im Flug gehemmt, geschmeidig

Den losen Riemen der Sandale

Aufs neu zu knüpfen sich bemüht.

Und ihr Gewand, das nicht gehalten

Durch einen Gürtel, fließt in Falten

Ihr über Brust und Hüften, über

Den leicht gebeugten Körper nieder.

Nun spricht sie also:

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Vor Moskau zu der Zaren Wiege

Führt ich der Franken Kaiser hin;

Flog durch die Wolken, die aus Adlern

Geballt die Sonne bargen, über

Wälder von flatternden Standarten

Empor, empor!

Das Glück hob mich im Fluge:

Ich führte in meinem Zuge

Gar vielgeliebte Ritter...

PALLAS

Findest sie wieder, wirst sie führen

Die Vielgeliebten: Eile...

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Mein sind die Seelen, die Herzen,

Die Sieger führ ich im Fluge

Zur Walstatt.

PALLAS

      Eile!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      So lass

Mich die Sandalen noch knüpfen;

Kaum könnt dem Olymp ich entschlüpfen,

Da eilt ich in fliegender Hast

Erschrocken bei deinem Rufe

Hierher und stieß an dem Tor

Heftig mich, — strauchelte; — fast

Stürzte ich hin —

Knüpft den Riemen

      Sag, wen wirst

Du mir als Feind benennen?

PALLAS

Den Fürst.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Und werden sie ihn ergreifen?!

PALLAS

Verrat!!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Nein!

PALLAS

Sie eilen in Scharen

Und greifen den Fürsten im Schlaf.

Du folgst ihnen nach!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Nein!! — —

Auge in Auge Kampf

Und Brust an Brust; in Dampf

Sollen sie der Geschütze

Zuckend dampfende Blitze

Von Angesicht zu Angesicht

Mit offnem Auge schleudern;

Die Nacht verging noch nicht, —

Und ich will dir gebären

Den Kampf auf freiem Feld

Schwert gegen Schwert!

PALLAS

Du willst dem Schicksal wehren?

Und doch geschieht, was soll.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

O du Gewaltige

Und doch Kleinmütige!

Lass sie die Schwerter greifen,

Lass sie wie Götter kämpfen!

Kam ich doch vom Olymp!

PALLAS

In deiner eignen Wangen

Gluten verseng ich dich:

Erkennst du Gorgos Schlangen?!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Doch flecht ich nicht den Kranz!

PALLAS

Gut denn! — Die Tat wird ganz

Getan auch ohne dich!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Niemals! — Denn nur wen wir

Geleiten und begleiten

Wir mit den weichen, weiten

Flügeln, kann Sieger sein.

PALLAS

Stürzt ich durch diese Macht

Nicht Troja, hab ich nicht

Odysseus groß gemacht?

Der Fürst wird zum Gefangenen.

DIE TROJANISCHE NIKE

Weh Ilions Überwindern!

Nie wirst du siegreich sein.

PALLAS

Ich werde siegen!! Denn

Ich muss, das Schicksal wills.

Ich werde Ketten zwingen!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Du Adlermädchen, nie

Wirst du den Sieg erringen.

PALLAS

O Adlergleiche, wenn

Ich den gewaltgen Schild

Zur Erde werfe, sieh,

Erzittert Jovis Thron,

Der goldene, adlerprächtige;

Bann ich vor eine Seele

Gespenster übermächtige.

Sinkt auch der Stärkste nieder.

NIKE DER THERMOPYLEN

Ich siegte bei Thermopylae,

Da fielen wackre Krieger,

Die ich noch jetzt im Blute seh

Sich winden, das Verrat

Gefärbt. Noch niemals hat

Verrat geschändet. Wen Verrat

Gefällt, dem reiche ich

Das Lorbeerreis. Ich habe sie

ln ihrem übermütgen Stolz

Erdrosselt und erwürgt.

Sie sanken nieder, da der Pfeile

Dichtschwarze Wolken ihren Blick

Verhängt, der Speere wildes Sausen

Sie hat betäubt, da das Geschick

In dem zerklüfteten Gestein

Der ungangbaren Felsenwände

Sie straucheln ließ. Auf denn zur Tat,

Ihr Schwestern, auf! Wenn durch Verrat

Der Sieg uns näher ist, dann durch —

Verrat!

NIKE VON SALAMIS

Ein Geier umkrall ich die Völker;

Ich stand vor Salamis!

Wessen Schicksal erfüllt,

Der mag zugrunde gehn.

Die da auf Raub auszogen.

Mag nun die Erde verschlingen,

So sie in ihrem Schoße

Flammende Lohe trägt.

Pflügen auf fremdem Boden,

Fremde Saaten entwenden —?

Lieber aus Räubers Händen

Blutigen Tod erdulden,

Als die Bosheit ertragen! —

Wonach denn dürsten wir?!

CHOR

Nach Blut.

NIKE VON SALAMIS

Doch wie werden wir

Uns den Lorbeer erringen?

CHOR

Durch Blut!!

PALLAS

Denn Blut kennt nicht Schuld!

NIKE VON SALAMIS

Wer führt die Völker?!

CHOR

Der Zorn.

NIKE VON SALAMIS

Wer greift den Kranz aus Rosen —?

CHOR

Der Führer!

NIKE VON SALAMIS

Er ist?

PALLAS

Wie die Nacht —

Dunkel und düster.

NIKE VON MARATHON

Gleicht er dem Meinen, einem,

Der auf Marathons Feldern

Aufstand in Feuerscheinen,

Eisenbewehrt und in Blut,

Bevor noch Helios seinen

Ewigen Lauf in Glut

Halb erst vollendet —? Sein Name?

PALLAS

Man ruft ihn bei Donner und Blitz.

Ruft ihn im Sternennebel

Napoleonischer Adler.

Er ist der Erste, der Einige.

CHOR

Nenn uns den Namen —

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Taten!!

Lass ihn zu meinem Dienste;

leb will in seinem Blute

Die Begierde erregen.

Wie erkenn ich ihn wieder?

PALLAS

Er leuchtet im Ruhmesglanz;

Und alle Menschen zittern

Ihm, dem Einen, entgegen.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Wo finde ich ihn?

PALLAS

Die Satyren

Ergötzen durch Spiel ihn und Tanz

Auf dem Theater.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

So will ich den Satyren

Die Leiern denn zerstücken.

Will ihm ins Auge blicken

Und rufen: In der Stadt

Tobt Kampf!!!

PALLAS

So eile und entfalte

Die Schwingen über ihn,

Trag ihn hinfort und halte

Ihn im Arsenal

Verborgen.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Er ist mein.

PALLAS

Greif ihn und hüte ihn.

NIKE VON CHAERONAEA

Ernst und düster tritt sie ein,

Grabesluft bringt sie herein;

In den weichen, bleichen Händen

Trägt sie Tannenzweigeenden,

Die zu Kränzen sind gebunden.

Sie umfasst sie bang umwunden,

Faltet ihre Hände, streckt

Sie mit schmerzlicher Bewegung

Vor sich, ihre Seele weckt

Einer Ahnung stille RegungUnd ihr stummer, bleicher Mund

Gibt des Unheils Botschaft kund.

Schwarze Schleier, schwarze Tücher,

Enggepresst die Lippen sind,

Und die Göttinnen erstaunen

Und sie lauschen, fragen, raunen.

Ich bring euch Kränze, frisch gewunden

Aus Tannenzweigen; stand im Garten

Die Weile still und brach das Reis.

NIKE VON SALAMIS

Ich will aus Rosen duftge Kränze.

NIKE VON CHAERONAEA

Es gibt keine Rosen, alle Rosen

Sind tot, der Blumen trockne Stiele

Hat flüchtger Wind verweht zu Staub;

Und auf den Wassern liegt ein Teppich

Aus bunten und aus goldnen Blättern.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Aus Lorbeer und aus Eichenlaub

Will ich die Kränze. Wie soll sich

Der Sieg denn sonst erfüllen —?

NIKE VON CHAERONAEA

Am Eichbaum nicht ein Blatt ich fand.

Der Wind hat einen EiseshauchÜber die Gärten hingesandt; —

Die Blätter fielen! Baum und Strauch

Sind kahl; — die Zweige morsch, der Garten lag

Verödet; und kein Vogellaut

Tönt durch die Luft, kein einzger Ton

Aus Marsyas Flöte schwingt im Hag.

Des Äolus verirrte Kinder

Blasen den überreifen Dung

Vom Acker, schlingen dürre Halme

Um die entblößten Kronen, und

Die Bäume singen, wenn die Äste

Vom Wind geschüttelt werden, leis

Wie eine Harfe wehe Lieder;

Die Sträucher, die da kostbar sind,

Sind eingebettet in das Stroh,

Und Sträucher, die nur ärmlich sind,

Stehn in zerfetztem Kleide des

Nur spärlich dunkelfalben Laubes

Und zittern.

CHOR

Wie soll der Sieg sich uns erfüllen —?

NIKE VON CHAERONAEA

Nicht duftet der Jasmin, nicht blühen

Mehr Blumen und nur Tränen fallen

Auf Ebereschen, — blutig rote

Korallen — —

NIKE VON MARATHON

Wenn siegreich erst die Fahnen flattern,

Was brauchen die Helden Gestrüpp?

NIKE VON SALAMIS

Blüten in Elend gestorben,

In Nacht und in Frost verdorben —

Mein Fuß soll ihr Blühen verheeren

Und Feuer ihr Leben versehren.

Sind uns denn Lautenspieler

Und blinde Sänger erstanden

Oder fanden

Wir ein Geschlecht von Helden?!

NIKE VON CHAERONAEA

Ihnen frommt wohl jener Kranz

Statt der Rosen. —

NIKE VON SALAMIS

Sänger?!

NIKE VON CHAERONAEA

      Spott!

Einen Augenblick wird Glanz

Sie umstrahlen.

NIKE VON SALAMIS

Nennst du sie —?

NIKE VON CHAERONAEA

Unter Qualen und in Not

Wurden sie und lebten sie.

CHOR

Nennst du sie?!

PALLAS

Erstehen Männer?

NIKE VON CHAERONAEA

Auf einem Felseneiland bangt

Vom Wind geschüttelt Fichte und

Wacholder...

NIKE VON MARATHON

Trauerbäume!

NIKE VON CHAERONAEA

Schwestern!

Der rauhe Wind hat Baum und Strauch

Getötet und der weiße Reif

Stirbt. Lorbeer ist nicht mehr, die Rosen

Sind tot.

CHOR

Wie soll der Sieg uns blühen?

NIKE VON CHAERONAEA

So mögen sie denn sterben, meine Söhne,

Genug der Schande, Schmach und Leid;

Die Träne quillt nicht mehr, zum Fluge

Entfalten sich die Flügel breit...

CHOR

Enteilest du —?

NIKE VON CHAERONAEA

      Den Tod zu rufen.

Also soll in ihrem Blute

Ich sie wieder zucken sehen,

Also darf ich neu erstehen,

Die Gefallenen zur Nacht

Betten; Pallas, Zeusgeborne,

Wie mich dieses glücklich macht.

Ruhm, ich sehe Taten wieder

Meinen Weg mir leuchtend weisen.

Oh, ich sah Maciejowice

Und ich sah gefallne Brüder.

Auf zum Kampfe! Auf zur Schlacht!

Reicht die Hände, teure Schwestern:

Diese Stunde knüpft von gestern

Bis auf heut ein heilig Band.

CHOR

reicht sich die Hände

Still! — Und steh!

Der rauhe Wind hat Baum und Strauch

Getötet; in dem trocknen, dürren

Gezweig der Bäume schluchzt ein Hauch

Von Aeols Harfe weh und bang.

Der Lorbeer ist verblüht, die Hosen

Sind tot — —

NIKE VON CHAERONAEA

      Ihr Schwestern! Es gelang

Dieser Stunde dieser Bund.

Auf nun, und dem wesenlosen

Tode nach: Ich führ ihn her.

Lass sie kämpfen erzbewehrt,

Lass sie fallen ruhmbetört.

Tränen siebt der Tag nicht mehr.

Sie stehen Hand in Hand.

PALLAS

Helden, stolze Recken harren

Euer uod verbuhlte Narren,

Stolze, die der Hochmut schwellt,

Göttlich Große, tierisch Kleine,

Ernste, Stille, drohend Grimme,

Und Geringe und Gemeine, —

Himmlisch, göttlich, heilig Reine.

Eilt! Eilt fort in dunkle Gassen,

Rufet durch die leeren Straßen:

Ares naht!

Schleudert eure Blitze gegen

Alle Glocken, dass sie schallen,

Hallen und die ganze Stadt

Soll der Schrecken nun befallen.

Auf und schreit und weckt die Schlaffen:

An die Waffen!!

CHOR

      An die Waffen!!!

Der Chor enteilt, indessen Pallas

Nun aus dem Schein des Lichtes, das

Umflossen sie, ins Dunkel tritt.

Hier bleibt sie stehn, hemmt ihren Schritt

Und lauscht und weilt.

In diesem Augenblicke eilt

Peter Wysocki rechts hervor

Aus einer Tür zum Korridor.

Ein weiter Mantel deckt ihn zu,

Birgt sein Gesicht, in einem Nu

Ist er jetzt dicht vor dem Portal

Im Hintergrunde, das zum Saal

Hinführt, stößt es gewaltsam auf,

Fasst seines Degens Silberknauf

Zieht und beschreibt dann einen Kreis;

Wirft seinen Mantel ab; wie auf GeheißStürzt an die Tür die junge Schar,

Die ihn erkennt, und drängt hervor,

Und da er spricht, ist alles Ohr:

WYSOCKI

Auf, meine Brüder, Kinder, Soldaten,

An die Gewehre, auf, an die Waffen!

Jeder ergreife nun sein Gewehr,

Stelle in Reih und Glied sich daher

Unten im Hof.

Auf denn, ihr Brüder, Stürme erwachen,

Auf, an die Waffen, auf, an die Waffen!

Sehet, die Stunde kam rauschend geflossen,

Da wir die stählernen Ketten brechen,

Die uns den Nacken, die Arme umschlossen,

Da wir die Tage der Knechtschaft rächen.

Da wir die Schwerter und Dolche segnen!

Da wir sie schärfen!!

Tod den Tyrannen, Usurpatoren,

Die unsre Throne besudeln, begeifern,

Unsre Altäre mit Schmutz bewerfen.

Gott gab das Zeichen,

Lasst uns nicht weichen,

Gott ist mit uns, er sendet den Strahl

Leuchtender Freiheit nach langer Qual.

Und aus den göttlichen Händen

Kommt sie den Völkern und Ständen.

Stunde der Rache für Unrecht und Schmach,

Stunde der Rache, rächender Tag!

Schleudert auf Felder glimmende Funken

Nun von den Hütten, die lodernd versunken.

Für all die Leiden, die Qualen, die Tränen

Auf, meine Brüder! Gewaltiges Sehnen

Schlingt eure Hände zu heiligem Bunde

Heute zusammen! Laut schlägt nun die Stunde,

Da sie die Sehnsucht in langen Jahren

Endloser Mühen und in Gefahren

Zitternd und sehnend beflügelt.

Auf, an die Waffen, Jesus Maria!

Auf, an die Waffen, auf, und besiegelt

Blutigen Bund mit blutiger Tat.

Auf nun für Polen, fürs Vaterland!

Stunde der Sühne, da unvergessen

Jahre der Knechtschaft, Tyrannenmacht,

Die mit hohler, gespenstisch verzerrter

lächelnder Fratze das Haus uns besessen,

Die es geschändet, die es verlacht.

Nun soll das Kreuz die Gespenster bannen;

Euer die Stunde, der Zeiger rückt;

Seid nun Erfüller, zeigt euch als Mannen,

Greift nach dem Sieg, zu den Sternen blickt.

Kinder, herrliche Beute winkt

Euch, denn die Zeit ist gekommen.

Und hemmen auch Berge von Leichen den Lauf,

Achtet nicht drauf!

Hütet euch nur, dass ihr nicht versinkt,

Denkt, dass aus dunklem Schicksalsschoß

Nur eure eigne Faust euch bringt

An das Licht der grünenden Saat

Herrlich beglückendes Los.

Mutig voran, Männer der Tat!

Schon naht das Mädchen und mit Worten,

Die Gluten atmen, weist sie ihn

Und reißt ihn fort bis an die Pforten,

Draus Flammen ihm entgegenblühn.

PALLAS

Lasst Städte brennen, Burgen lodern,

Auf zu den Waffen! Auf zu den Waffen!

WYSOCKI

So bist du neben mich getreten

Im lichten Glanze mädchenhafter Reine:

Du lohst in rotem Feuerscheine...

PALLAS

Ich bin bei dir, bin deine Schwester;

Es flammen Blitze auf in meinen Händen,

In meinen Händen stirbt der Sterne Licht.

CHOR DER FÄHNRICHE

Seht doch, wie seine Wangen glühen.

WYSOCKI

Ha! Unsre Schmach muss einmal enden!

PALLAS

Auf denn, mein junger Held, zur Pflicht!

WYSOCKI

Dir weih ich meine Kraft, mein Schwert;

Ich kenne dich, du herrliche Gestalt,

Du nahmst mich bei der Hand und wiesest

Mir meinen Weg, Zeustochter, hochgeehrt,

Und Tausende von Männern stießest

Du in den Staub und sie erbleichten bald

Vor dir und mussten sterben...

CHOR DER FÄHNRICHE

Unser der Ruhm, unser allein!

Tod dem Fürsten, Verderben!

PALLAS

Sieh, wie die Muskeln ihnen schwellen,

Sieh, wie sie eilen, ich mit ihnen,

Das Adlerweib.

Will wie mit Fackeln sie erhellen,

Sie sollen zum Verbrechen ziehn.

Mit Schlangen peitsch ich ihren Leib,

Ich hauche fürchterlichen Zorn

ln ihre Herzen, armes Schwelen

Entfache ich zur Lohe, von den Seelen,

Den unberührten, reiß ich alle Scham,

Spreng ihre Brust mit fürchterlichem Schrei,

Und wie die Adler fliegen sie vorbei, —

Ein sterblich Lied aus Menschenkehlen.

WYSOCKI

Blut denn und Blut, sie sollen

Sich paaren zu schrecklicher Lust;

Ritter des blutigen Bundes,

Hört, wie die Donner rollen

Über des Erdenrundes

Bahnen in eure Brust,

In das polnische Herz.

Alles hat euch der Räuber entrissen.

Pallas, du Donnergeborne,

Schüttle den Donnerschild,

Lass deine Flammen wild

Vor ihren Augen lodern,

Lass sie in Flammen stehn,

Feurige Stürme wehn!

Zerreiß mit dem Donner das Nebelfeld.

Donner.

CHOR DER FÄHNRICHE

Ein Feuerschein den Himmel hellt.

WYSOCKI

Gedenket des Jahres eintausend

Achthundertunddreißig, des neun

Undzwanzigsten Novembers:

In dieser Nacht

Ward euch der Tag geboren!

Lichtschein.

PALLAS

Euer die Kraft und die Macht!

WYSOCKI

Des neuen Lebens herrliches Gut

Winkt euch, ihr Rächer, Mut und Blut!

PALLAS

Sieg!

Nieder mit den Zentauren!

WYSOCKI

Wort der Erlösung erdröhne und flieg:

Auf an die Waffen!

PALLAS

Morgen der Sieg!!

CHOR DER FÄHNRICHE

Du lang Ersehnter heißt uns eilen,

Wahrlich dein Kommen ward uns prophezeit.

PALLAS

Das Wort erstand, es springen Gräber

Auf und der Geist durch lange Zeit

Beschworen naht, und es erbebt

Das Herz in Banden. Wer da jetzt

Dein heilgen Willen widerstrebe,

Dess' Schild berühr ich mit der Axt,

Verdamme ihn zu ewiger Qual.

An eurem Ohre tönt es: Ruhm!

Die Adler rauschen, ziehen durch die Luft,

Ein Feuerschein kost sie mit Flammenduft,

Und unter feurigen Wehen

Flammende Geister erstehen.

Heilig das Schwert, denn sein ist die Tat,

Euer das Schicksal, das ihr bejaht.

CHOR DER FÄHNRICHE

Gib die Befehle!

WYSOCKI

An die Gewehre, die reihenweis dort

Stehn an der Wand, ergreift sie und fort;

Es flieht die Zeit, drum schnell an das Tor,

Ehe der Russe euch kommt zuvor.

Sie dürfen euch nicht erkennen;

Dann heißts zu den Kasernen rennen.

Dort draußen auf Solec, da brennt eine Miete

Unweit der Stadtgrenze, auf Vorstadtgebiete,

Es ist ein verabredet Zeichen.

Wie viele seid ihr? Hundertundsechzig?

CHOR DER FÄHNRICHE

Ja.

WYSOCKI

      Alle anwesend?

CHOR DER FÄHNRICHE

      Alle sind da.

Sieh, wie die Gänge sich füllen ...

WYSOCKI

Euch fällt der Löwenanteil zu

Am heutgen Werk. Drei Regimenter

Ulanen müssen wir entwaffnen,

Müssen die Brücke auch besetzen,

Die Wache täuschen. Ich verteile

Selbst die Patronen, instruiere

Euch selbst. Dann gehts hinein zur Stadt.

Zu einigen, die neu hinzugekommen sind.

An die Gewehre!

CHOR DER FÄHNRICHE

      An die Gewehre!

WYSOCKI

Die Zeit entflieht, nur jetzt kein Säumen

Und Träumen. —

Am Belvedere vorüber eilen

Wir hin zur Stadt, zum Arsenal.

Zaliwski stürmt es.

PALLAS

flüstert ihm zu

Fühlst du nicht die Qual

Der Eifersucht, dass du den Ruhm mit ihm

Musst teilen —?

WYSOCKI

Im Parke, an der Denkmalsbrücke steht

Und wartet eine Schar von sechzehn Mann,

Studenten von der Universität

Und Literaten, denen man

Patronen geben muss und zum Palais

Den Weg bezeichnen. Zwei von euch erseh

Ich zu dem Zwecke aus, — ich nenn sie später.

Sie haben auch den Fürsten wieder

Zu greifen, falls er durch den Park

Zu fliehen suchte.

CHOR DER FÄHNRICHE

So ist es denn heute, —

Wir können es nicht fassen...

WYSOCKI

Brüder!

Heut ist der Tag der Freiheit.

CHOR DER FÄHNRICHE

Eile

Mit uns, du Adler, adlerstolz und stark!

Schon drängen sie und eilen

Und nichts mehr hält sie auf.

Gewehre in den Händen,

So eilen sie und wenden

Den Blick von ihrem Führer

Nicht ab; das Klirren ihrer

Waffen, Lärm und Gesumm

Geht in der Halle um.

Sie eilen und sie stecken

In dunkelblauen Röcken,

Aufschläge gelb, — und weiß

Die Hosen und Gamaschen.

Auf den Gewehren starren

Die Bajonette, harren

Des blutgen Ziels. Sie schnallen

Die Säbel um und packen

Sich die Tornister auf.

Schon stehn sie in vier Reihen

Im Rechteck, dann zu zweien

In einer langen Reih.

Man sieht bei ihnen allen

Die Freude laut und frei.

WYSOCKI

An die Gewehre! Achtung! Denn heute

Gilt es. Pflanzt Bajonette auf!

Gehet hinunter, sammelt euch Leute,

Unten im Hof; fort in schnellem Lauf!

Dass sie die Tore euch nicht verschließen!

Unten bekommt ihr Patronen zum Schießen.

Ich bin mit euch, — ich führe euch an.

An die Gewehre! Die Zeit rückt heran,

Unser die Macht und unser die Kraft.

Für all die Schande, die Jahre der Knechtschaft,

Für Jahre der Tränen, die qualvolle Zeit

Heute den Räubern Henker seid!

Aus der Scholle, die aufgebrochen,

Rissen wir das Schwert. —

All die Bosheit wird gerochen

Und wir graben stahlbewehrt

Gräber, weite Gräber.

Schleudern sie zu Boden, treten

Sie mit Füßen, stampfen, brechen

Die Gebeine, denn wir rächen!

PALLAS

Wirst Unsterblichkeit erringen!

WYSOCKI

Ewiges Leben wird euch bringen

Dieser Tag. Es muss gelingen.

PALLAS

Lodert in Flammen alle zusammen,

Leuchtende Fackeln, eilet dahin.

0 des Heiligtums Tore stehn weit

Auf und des wundersamen

Glanzes umstrahlendes Licht

Führt euch durch Blut und Tod und Gericht

Hin zur ewigen Herrlichkeit!

WYSOCKI

Auf, meine Brüder, Kinder, Soldaten!

PALLAS

Auf ging der Stern, er leuchtet euch hell!

WYSOCKI

Götter schaffen die Saaten!

PALLAS

An die Waffen!

WYSOCKI

      An die Waffen!!

CHOR DER FÄHNRICHE

      An die Waffen!!!

PERSONEN DER ZWEITEN SZENE:

Grossfürst Konstantin

Johanna

seine Frau

General Gendre

Kuruta

Makrot

ein Spitzel

Der Offizier vom Dienst

Lakaien

SALON IM BELVEDERE

Zwei Türen rechts, zwei Türen links.

Im Hintergrund ein Fenster dreigeteilt,

Das bis zum Boden reicht. Dahinter

Der Garten von Łazienki. Fern

Sieht man ein weißes Reitermonument.

JOHANNA

tritt ein

Der Himmel glüht, — ein heller Feuerschein.

GROSSFÜRST KONSTANTIN

tritt ein

Wo ist der Brand?

KURUTA

tritt ein

      Es brennt die Stadt.

GENDRE

tritt ein

      Nein.

Die Stadt brennt nicht.

GROSSFÜRST

      Wo?

GENDRE

      Dort ganz hinten weit.

Ich hab im Hof Signale schon gehört.

KURUTA

Es sitzen zwei Schwadronen schon zu Pferd

Und sprengen aus dem Hofe nach der Stadt.

JOHANNA

verlässt den Salon.

GENDRE

Ein Pferd für Seine Hoheit!

KURUTA

      Steht bereit.

GROSSFÜRST

Wie? Nein, — ich bleibe. — Dorthin — und wozu?

Mags brennen.

KURUTA

      Was denn würden Hoheit sagen,

Wenn diesem einen, diesem ersten Brand

Der zweite folgte und der dritte, vierte,

Wenn aus dem unterirdschen, dunklen Land

Ein Spiel der Flammen züngelnd sich entwirrte —?

GROSSFÜRST

Es sei ein Aufstand.

KURUTA

      Hm, — ja — ja — im ganzen

Ein Aufstand nur. — Was weiter? — Nun, es brennt. —

Ja, wenn dies Volk erst mal in Flammen steht,

Wird jedes frische Grab zum Flammenquell.

Für uns wird es ein Totentanz.

GROSSFÜRST

      Wir tanzen,

Das goldne Vlies um unsern Hals; wir schlagen

Den Alantei auf und auch sogleich erkennt

Man uns als Diener Seiner Majestät

Des Kaiserlichen Herren. Kavaliere, —

Die sterben nicht, die fallen oder siegen.

Und wills der Zar, so werden wir berühmt.

GENDRE

Und wills der Zar nicht —?

KURUTA

      Bleiben wir ihm treu.

GENDRE

verlässt den Salon.

GROSSFÜRST

Er bleibt.

KURUTA

      Zu Diensten.

GROSSFÜRST

      Idiot.

KURUTA

      Nur Mensch.

GROSSFÜRST

Hm, — könnte Er wie ein gewisser Fürst

Zarudzki eine Dirne sich entführen

Und dann im Kreml nach der Krone greifen?

KURUTA

Hoheit sind Herr, — ich Diener.

GROSSFÜRST

      Nun, — weiß schon.

KURUTA

Bin treu.

GROSSFÜRST

      Und dumm.

KURUTA

      Klug, wenn man mirs befiehlt.

GROSSFÜRST

Ah, schlauer Grieche; merkt doch gleich am Ton,

Woher der Wind weht, — und wohin man zielt.

Ich plaudre gern ...

KURUTA

      Gewiss, so ganz sans gêne.

GROSSFÜRST

Halts Maul. Hinaus. — Und dienen ... dienen, wie ...

KURUTA

Ein Hund.

GROSSFÜRST

      Ja. — Sag Er, hätte Er wohl die

Courage, ins Feuer für den Zar zu gehn?

KURUTA

Auch für des Zaren Bruder, wenn ers soll.

GROSSFÜRST

Den Dolch ins Herz, in Blut getränkt, —

Und dann das Kreuz, das goldne Kreuz;

Hm, — Er wird bleich? Erst wird der Zar

Ihn hängen lassen, doch dann schenkt

Das Kreuz er. — Ah, — Scher Er sich. Pascholt! — —

Adieu, — hier meine Hand, — Adieu, Kamerad.

KURUTA

Hoheit...

GROSSFÜRST

      Ich bin ein Philosoph, — es war

Von jeher meine Art, im Finstern so

Mir meine Menschen auszusuchen, — Männer;

Die schöne Seele wittr' ich stets, — auch wo

Sie nur in lumpiger Umhüllung wandelt.

KURUTA

Hoheit waren stets ein Menschenkenner.

GROSSFÜRST

Ich will Ihm was erzählen, — ja — und zwar

Kameradschaftlich. — Er fürchtet sich doch nicht

Vor Strafe?

KURUTA

      Hols der Satan! Um was handelt

Sichs denn?

GROSSFÜRST

Der Fürst wird Zar.

KURUTA

lacht auf

GROSSFÜRST

      Hinaus! — Was lacht

Der Satan?

KURUTA

schweigt.

GROSSFÜRST

Weg! Kann Ihn nicht brauchen.

KURUTA

bleibt.

GROSSFÜRST

      Weg!

Hinaus! Fort zu den Karten.

Stößt Kuruta zur Tür hinaus; allein; klopft an die Tür links.In der Türe erscheint

JOHANNA

geht bis zur Mitte des Salons.

GROSSFÜRST

schließt sämtliche Türen; geht zum Schreibtisch

Seit frühem Morgen schieb ich es hinaus

Und gestern schon den ganzen Tag und auch

Vorgestern bis zu diesem Augenblick,

Da der Begebenheiten Uhr die Stunde

Für mich und jene kündet.

Schlägt mit der Hand an den Schreibtisch

      Hier, — des Kaisers Brief.

JOHANNA

Des Zaren!?

GROSSFÜRST

      Seines Bruders. Die Ernennung.

JOHANNA

Und zum Befreier!

GROSSFÜRST

      Nein, — zum Henker.

JOHANNA

      Wie?

GROSSFÜRST

Der Zar ist toll.

JOHANNA

      Was soll das heißen ... ?

GROSSFÜRST

      Schweigen,

Und ein Geheimnis, — unumschränkte Macht, —

Komödie, — Schmutz! Ich stehe heut ...

JOHANNA

      In Flammen.

GROSSFÜRST

Ich packe zu, — und liefere die Schlacht,

In Blut getaucht erschein ich euch und hole

Dem Polen seine Freiheit von den Sternen, —

Und werde selber was, kein Narr, kein Popanz,

Lakai des Zaren, werde selber Zar

Von Polen, — durch das Blut, —

JOHANNA

      Du!!

GROSSFÜRST

      Werde Pole.

JOHANNA

Du lügst.

GROSSFÜRST

      Schweig still!

JOHANNA

      Du winselst und du fluchst.

GROSSFÜRST

Hör zu, — und schweig, — ich scherze nicht; du suchst

Vergebens dich zu täuschen, ich bin doch

So wach wie nie und werde löwenstark,

Ich dürste heut nach Blut, — nach Kampf, — ich roch

Blut in der Luft. — Ein Gott werd ich durch dich.

JOHANNA

Du lügst.

GROSSFÜRST

      Du Schöne, — leise, — leiser sprich,

Denn jedes Wort von dir erdrückt, zermalmt.

Hör mich, — und schweig. — Wir sahen einen Krieg,

Und werden ihn jetzt abermals erleben.

Du Herrliche, Erhabene wirst Zarin; — —

Ich sehe schon den Purpurbaldachin

Sich über deinem Haupte neigen

Und einer Krone selten kostbar Gut

Wird dir zu eigen.

Du bist mein Weib. — Krieg, Krieg und Blut.

Die Polen gleichen Löwen, alles werden

Sie sich erstreiten und wie Eiskristalle

Durchdringen und durchbohren sie die Erden.

Wie denn? Des Kaisers Adler wären tot?!

Nun, Polin?!

JOHANNA

      Oh, mein Herz sieht klar. Ein Traum, —

Du, — du — was spinnst du — —?

GROSSFÜRST

      Es erbleicht der Zar.

JOHANNA

Wider den Bruder — du, der Bruder — —

GROSSFÜRST

      War

Er Zaubrer dir?! Glaub mir, — ein solches Wort,

Wie ich es sprach, hört es der Zar, der Schaum

Von seinem Munde würde Tausende

Vergiften. Ah! Der eifersüchtige Zar, —

Ich werde mehr als er, ja, denn ich bin

Von Polen König — und dein Glaube ist

Mit mir. Nun sprich! Begreifst du jetzt den Sinn —?

JOHANNA

Ein Anschlag.

GROSSFÜRST

      Meine Stunde nahet nun!

Wie? — Nur dahin mich deine Stimme wies.

Bin ich gegangen. Polin, du.

JOHANNA

      Ah! Hysterie.

Du spielst Komödie und willst mich betrügen.

Gib mir den Brief, — ich will ihn lesen...

GROSSFÜRST

entnimmt den Brief dem Schreibtisch und gibt ihn ihr

      Lies.

Was weißt du nun? Plein pouvoir. — Wie?

Ah, du begreifst. — Nun sprich, so sags doch, — du,

Schrei es hinaus, dein Blut, es wallt. Du stehst

Vor mir, das Messer in der Hand. — Stoß zu!

Wie? — Was? —

JOHANNA

      Geh weg!

GROSSFÜRST

      Aha! Du fürchtest dich. —

Wovor —? Wie leuchtet, Polin, deine Seele,

Du strahlst, in deinen Augen sprühen Funken,

Da brennts, da loderts, — purpurflammentrunken.

Sag, — hättest du wohl Lust — von Meer zu Meer?

Nun breite deine Schwingen aus, — flieg her.

Verbirg dich nicht, ich weiß, du leidest Qualen

Und glühst in Schmerzen, — heilige, keusche Glut —

Vestalin du, — du Reine, — lausche gut

Mir die Gedanken ab.

JOHANNA

      Du Bankrottier.

Spielst mir Komödie vor, — geh weg von mir.

Du lachst des Herzens und der Seele.

GROSSFÜRST

      Puppe, —

Du Wunderbild, — geraubtes Kleinod Polens,

Wie stolz du bist, wie herrlich, und wie bleich.

Wer bist du? Meine Sklavin. — Nun, ganz gleich

Auch meine Gattin. Ja. — So liebe mich!

Der Genius ist erwacht in mir; — versprich

Mir, dass du meiner denkst; denn sieh, der Geist

In mir erwachte, — und er weist

Heut zu den Höhen. Meine Seele irrte

Und taumelte in Elend, in dem Schmutz

Gemeiner Freuden, — ja —, ich war ein Lump;

Doch du, — du heiligst mich, — du wunderbare Reine,

So jung und unberührt warst du die Meine. —

Bist meine Sklavin. — Gib mir deine Lippen,

Lass mich den heißen, süßen Atem trinken,

Mich dürstet nach der Reinheit deiner Seele

Und nach dem roten Mund. — Du sollst versinken

In meinen Armen und die Lilien blühen

Als Hochzeitsfackeln in der Liebesnacht. —

Gib deine Lippen.

JOHANNA

      Lass. —

GROSSFÜRST

      Die Wangen glühen,

Dein Blut —

JOHANNA

      Lass mich.

GROSSFÜRST

      So fühle meine Macht.

JOHANNA

Weg.

GROSSFÜRST

      Ah! Du wirst die Wollust preisen, Weib,

Mir danken, — bist ja Weib, du fällst ...

JOHANNA

      Gemein.

GROSSFÜRST

Du bist so schwach, — du Blume, — deinen Leib

Will ich erschließen, er soll duftend sein. —

— Dirne! Scher dich hinaus.

JOHANNA

geht.

GROSSFÜRST

Bleib.

JOHANNA

steht.

Schweigen.

GROSSFÜRST

senkt den Blick; steht willenlos.

JOHANNA

wendet den Kopf nach dem Fenster

Stehn dort nicht Menschen —?

GROSSFÜRST

      Lass. Was solls?

Unbeweglich

Wie es mich quält. Ich muss jetzt ernstlich an

Das Werk; muss handeln, muss Befehle geben.

So vieles muss man können, wissen, man

Muss überwinden sich und muss daneben

Verdacht verscheuchen und die Schatten bannen. —

Wer ist mein Feind —?

JOHANNA

      Sieh dort hinaus.

GROSSFÜRST

      Gewissen.

Scharf

Was willst du?

Zärtlich

      Komm. Verlangt es dich denn nicht

Nach meinem Kusse? Liebe, — Traum, — du jagst

Gespenstern nach im Garten.

JOHANNA

      Schwarz umrissen

Dort auf den Wassern Nebelstreifen, — dicht

Beim Monument ein Schatten.

GROSSFÜRST

      Träumerin, —

Du Süße, — jagst die Schatten, ah, ich bin

Verloren, wenn der Geist mir nicht erstarkt.

Sich ins Gewaltge weitet. Heut verspürte

Ich einen Hauch von Größe, — eingesargt

Lieg ich nun tief, — ich war zu schwach, zu klein, —

Ich bin ein andrer heut als sonst, verstehe

Mich selber nicht. Erhabne Größe sehe

Ich und erzittere...

JOHANNA

      Myriaden Sterne —

Sie funkeln...

GROSSFÜRST

      Nicht auf Erden weilst du, nein,

Jenseits der Grenzen, — dort — ganz weit, — ganz ferne.

JOHANNA

Mich friert.

GROSSFÜRST

      Die Schatten an den Fenstern dort —

JOHANNA

Dort stehen Menschen.

GROSSFÜRST

      Wachen sind am Eingang

Postiert. — Du liesest Lamartine —

JOHANNA

      Ich fing

Heut morgen an. Erhabne Harmonien

Der Sphären schwingen in den Weltenraum

Und Gott scheint grenzenlos. Die Seelen ziehen

Über den Wassern hin in heilig reiner

Erhabner Liebe, still und ohne Sünden;

Und denken morgens, denken abends seiner.

GROSSFÜRST

So träumst du und siehst Menschen, wo sie nicht zu finden;

Die Lebenden gewahrst du nicht.

JOHANNA

      Ein Traum; —

Mit Seelenaugen les ich im Gestirn, —

Und bin so dankbar...

GROSSFÜRST

Ja, dem französischen Grafen mit dem Hirn

Der Eule und dem Weibsgefühl. — Umstellt

Von zwei Schwadronen ist der Park, hierher

Kommt niemand. — Oder doch? — Was meinst du wer —?

JOHANNA

Niemand. — Vielleicht sinds auch die Bäume nur

Die rauschen —? Immer dichtrer Nebel fällt, —

GROSSFÜRST

An deiner Wimper hängen Tränen.

JOHANNA

      Ach. —

Was tuts.

GROSSFÜRST

      Ich bin dein Sklave, — ich bin schwach,

Bin wieder gut, — und bin gerührt, — ich küsse

Dich wieder, komm, — vergib.

JOHANNA

      Das Monument

Dort in der Ferne bannt den Blick und mit

Geheimem Zauber lockt das Bild.

GROSSFÜRST

      Genug.

JOHANNA

Ich gehe in den Garten, — —

GROSSFÜRST

stampft mit dem Fuße.

      Keinen Schritt.

Du bleibst.

JOHANNA

      Gut denn. Ich bleibe schon — und du,

Woran denkst du —?

GROSSFÜRST

      So geh.

JOHANNA

      Dorthin, — wozu?

GROSSFÜRST

Ein Zauber weht, — du weißer Zaubrer du, —

Du Heiliger und Krieger. — Hörst du ...?

JOHANNA

      Flüstern.

GROSSFÜRST

Es raschelt in den Zweigen. Es ist der Wind. —

Wie alle Schatten dort lebendig sind

Im Garten.

JOHANNA

      Nun ists wieder still.

GROSSFÜRST

      Du bist

Verliebt in diesen kalten Stein ...?

JOHANNA

      Mag sein.

GROSSFÜRST

Ich stürze ihn von seinem Pferd herab.

JOHANNA

Ich seh ja nicht mehr hin.

GROSSFÜRST

      Ich lass ihn sprengen.

JOHANNA

verächtlich

Ach du!

GROSSFÜRST

      Ich lasse ihn vergolden und

In purem Gold soll er dir leuchten, — dann

Will ich mich mit ihm messen — Aug in Auge,

Der Held —

JOHANNA

      Mit dem Gesindel.

GROSSFÜRST

      Schweig!

Packt ihr Handgelenk.

JOHANNA

      Was ist

Denn nur —?

GROSSFÜRST

      Du stolzgenährte Seele du,

Bist schwach —, schließ, Blume, deine Kelche zu.

Du glühst und diesen Purpur hat auf deine Wangen

Gezaubert heißer Wünsche heimliches Verlangen,

Die der Erfüllung harren; regenbogengleich

Malst du das Wolkenmeer mit bunten Lichtern

Und jeder Windstoß scheucht den Glanz hinfort.

Du arme Blume, hauchverwirrt und schüchtern

Schwankst du entwurzelt heimatlicher Erde,

Und Polens Zauberduft umwebte dich,

Ließt dich berücken, glaubtest dich so reich, —

Ich brech den Zauber. —

JOHANNA

      Du bist widerlich.

GROSSFÜRST

Du Kurtisane, — deine Wangen brennen,

Du stehst in Flammen. — Komm nun —

JOHANNA

      Lass.

GROSSFÜRST

      Komm her.

JOHANNA

Weg.

GROSSFÜRST

      Dirne! Komm.

JOHANNA

      Heilige Jungfrau! Nein —,

Erzwing es nicht.

GROSSFÜRST

      Den Zwang vergisst du bald. —

Wonach verlangst du denn? Dort —, in dem Zimmer

Seh ich dich schon in meinen Armen liegen,

Und dich in Ohnmacbt und in Wollust biegen.

Es ekelt dich? Ich kann nur lachen. Schlimmer

Kann es nicht kommen, — du wirst trotzdem küssen,

Wirst schmeicheln, kosen, girren, und wirst schrein,

Haha! Was wirst du schreien.

JOHANNA

      Heilge Jungfrau!

GROSSFÜRST

Die Hände weg!

JOHANNA

      Du brichst sie mir entzwei.

O Schmach, o Qual!

GROSSFÜRST

      Du sollst die Lust genießen,

Du Weib und schamhaft wie ein Mädchen, du, —

Du bist wohl eines Thrones wert, — wirst Zarin ...

JOHANNA

sinkt zu Boden

Ich Unglückliche.

GROSSFÜRST

      Fluch nicht, — — wimmere nicht, —

Sei still —, ganz still —!

JOHANNA

      Weg!

GROSSFÜRST

      Ah, wie schön du bist

In deinem heilgen Zorn, in deinem Schmerz.

JOHANNA

Lass mich, ich rase.

GROSSFÜRST

      Dummchen, — Tollkopf du,

Im Wahnsinn liegt ja meine Kraft, ich bin

Ein Löwe heut im Wahnsinn. — Könntest du glühen.

O könnten Flammen lodernd dich umspielen,

Dir Hals und Nacken, deinen Leib umblühen,

Und könnten heiße Schauer deinen kühlen

Leib im Glutenrausch zerwühlen,

Dass du die weißen, weichen Arme mir

Um meinen Nacken schlängst, mich trunken machtest

In nie verlöschender, glühender Gier,

Du, — könntest du —

JOHANNA

      O diese Qual. Erbarmen!

Es schwinden mir die Sinne und mir graust. —

Was schreist du so — gewaltig? — Es umbraust

Ein Sturmwind mich —

GROSSFÜRST

      Ein Sturmwind — wie? — Ich wäre

Ein Sturmwind, — ein Orkan —

JOHANNA

      Im Hof dort —? Höre —

Ein Wimmern? — Rauschen so die Bäume —?

GROSSFÜRST

      Es ist

Der Zauber. Träume nur, — in meinen Armen

Träum weiter, Seherin, verzaubert Weib.

Gib mir den Frieden meiner Seele wieder, —

Gib deine Lippen —

JOHANNA

      Du...

GROSSFÜRST

      Gib deinen Leib.

JOHANNA

Gib, — gib, — o küsse mich, — du mein Geliebter,

Sei stark, o tu's — halt mich — vor meinem Blick,

In meiner Seele senkt die Nacht sich nieder;

Verwirrt die Sinne. Schwarze Nebel sanken

Vor Aug und Seele, — tot sind die Gedanken,

Tot, — nur ein Rauschen, — Sprühen — —

GROSSFÜRST

      Ah! du liebst,

Küss mich. —

JOHANNA

      Ah —!

GROSSFÜRST

      Küss mich.

JOHANNA

      Still...

GROSSFÜRST

      Es ist ja nichts.

JOHANNA

Was war das? — Ja. — Es pfeift der Wind, — es klirren

Die Fensterscheiben, — in der Luft ein Schwirren,

Ein Wispern und ein Schluchzen; — wer — wer — sinnt ...?

GROSSFÜRST

Es rauscht der Nordwind.

JOHANNA

      Ja, — es weht der Wind.

GROSSFÜRST

Du weinst. — Warum? — Weinst, weil du liebst. — Du Liebe,

Geliebte du, — du Priesterin der Liebe —

JOHANNA

Ich bin von Sinnen. Ja. — Du bist jetzt mein. —

Wer stöhnt dort drauß? Hascht des Windes Wehn?

Wer flucht so böse, — flucht vielleicht dir — mir —?

GROSSFÜRST

Gib deine Lippen.

JOHANNA

      Küsse dir den Tod.

GROSSFÜRST

Gib mir den Mund — er ist so heiß und rot, —

JOHANNA

Die Liebe zu mir ließ den Thron dich schmähn.

GROSSFÜRST

Ich werde dir erringen einen Thron

Und setze dir aufs Haupt das Diadem.

JOHANNA

Du mein — Geliebter — Herr —

GROSSFÜRST

      Ich schenke dir

Ein Königreich —

JOHANNA

      In St. Johannis Kirche.

GROSSFÜRST

Ein Zarentum.

JOHANNA

      Die Krone ist erstanden.

Nicht erst seit heute fühl ich es und weiß

Und wünsche und verlange, —

Und bebe und bange.

Du mein Geliebter, — Held, — du stießt ins Horn

Und riefst zum Kampf und alle fanden

Sich ein, — die Ritter all auf dein Geheiß.

Sie werden siegen! — Fürchterlicher Zorn

Packt mich, — Geliebter du, — erhebe

Dich und verdirb den Zaren,

Erwürge ihn, — zerschmettre ihn.

Entfache Stürme und belebe

Die Flammen. — Hab mich lieb,

Küss mich, — du — deine Lippen gib;

Sieh, wie die Flammen aufwärts glühen.

Denn alle sind bereit und harren! —

Empörung!!

GROSSFÜRST

      Wie? — Du weißt —?

JOHANNA

      Ich weiß. — Dort in

Den Herzen lodert Glut. Dort draußen warten

Sie und vergehen fast. — —

GROSSFÜRST

      Dort? — Wo? — Du rast, —

Du weißt nicht, was du sprichst. — Ein Aufstand, — wie?

Ein Aufstand, — wo? Du weißt? — Sprich nun —, du hast

Dich schon verraten.

JOHANNA

      Sieh mir in die Augen.

Spion des Zaren. Oh, mein Traum —, gemein.

Du Lügner —, hast ja Angst, du Feigling, denn

Du stehst allein — —

GROSSFÜRST

      Ich bin allein. — — So habe

Ich mich verraten. — Wie? — Womit? —

Was war ich denn? — Du sprachst:

Spion des Zaren. Du, mein Weib,

Mein Liebstes auf der Welt, du brachst

Mir meinen Willen und den Leib

Hast du vergiftet. Und hast mich

Gestürzt. Ich wollte hoch empor,

Ich hatt den Willen, wollte zu den Höhen

Empor mich schwingen mit dem Adlerchor; —

Du wolltest es nicht dulden, aus der Seele

Zerwühlten Tiefen brachtest du ans Liebt

Nur das Gemeine. So bist du mein Feind. —

Und sah ich nicht

In Ohnmacht dich zu meinen Füßen liegen, —

Um Liebe flehen?

Was weiß ich? Kann ich mich betrügen —?

Ein Zauber geht jetzt um, —

Du Göttliche, — du Heiligtum. —

Er läutet.

JOHANNA

ist ohnmächtig zusammengebrochen.

GROSSFÜRST

schließt alle Türen auf; führt sie in die anstoßenden Gemächer.

HOFDAMEN

eilen herein, bemühen sich eine kurze Weile um die Ohnmächtige,entfernen sich dann wieder.

GROSSFÜRST

kehrt eilends in den Salon zurück; tritt an die Schwelle eines derSeitengemächer, unterhält sich mit jemandem in der Tür, kehrtnach einer Weile in den Salon zurück.Mit dem Fürsten tritt ein

GENDRE

senkt den Kopf.

GROSSFÜRST

Was sagt er? Tödlich? — Hm. — Der General?

GENDRE

Warum bin ich denn nicht gestorben?

Ich Feigling. — Ah —, und Eure Hoheit sind ...

Wir sind ja alle feige, — alle sind

Wir so gemein, — verdorben.

Mag jeder, was er will, sich nehmen,

Jeder; — wer mag; — auch Gott.

Ich will mit vollen Händen verschwenden —

Und mich nicht schämen. —

Ein jeder werde satt, — wer nimmt, der hat. —

Greift zu, ihr Engel, Teufel, Gott und Zar.

Das Herz muss schweigen, — still, — mir war

Ein Herz zu eigen — und ich hab gefühlt.

Ha, ha, heut trag ich eine Uniform

Und Ordenssterne zieren mich; —

Auch Eure Hoheit schmücken sich

Mit einem Stern, — wie brennt die Stirn so heiß, — —

Lehnt seine Stirn an des Fürsten Brust

Ich will die Stirne kühlen, — o wie kühlt

Der Stein — und das Emaille — Beweis

Der Kaiserlichen Gnade, — o wie schön —

GROSSFÜRST

Du armer — Tor, — —

GENDRE

      Wie doch von einer Krone,

Von einer Zarenkrone Zauber wehn.

GROSSFÜRST

Bist du sentimental oder betrunken?

GENDRE

Hoheit? —

GROSSFÜRST

      Beleidigt —? Nun, schon gut, ich sehe,

Es ist nur Rührung, — Sentiment, — gewiss;

Er hat vor mir sein Herz geöffnet, bis

Geheime Töne daraus sich entrangen.

Für wessen Ohr erklangen

Die schmerzlich wehen Töne —? General,

Ich sehe an seiner Seite harten Stahl,

Ein Degen — wie?

GENDRE

      Wer hat aus meiner frommen

Brust mir das Herz gerissen?

Sind Mörder über mich gekommen,

Da schwach ich ward im Geist — —?

Der Zar hat alles mir genommen,

Sei's drum; — ich steh am Grabesrand, —

Wer reicht mir heute helfend seine Hand

Und führt mich zu der reinen Quelle,

Daraus die Seelen klare, helle

Fluten des Vergessens trinken —?

Da doch die Seele schmachtend kreist —

GROSSFÜRST

Wie? dir — dir, meinem Bruder, winken

Des Jenseits stille Lande?

Wer zwingt dich denn?

GENDRE

      Der Geist. —

Ich sehe hier nur Schmach und Schande, —

Schamlosigkeit, — dort in der Ferne gleißt

Des neuen Lebens heller Morgenstrahl;

Hier atmet die Gemeinheit, Schmutz und Qual,

Jenseits des Grabes fließen keusche Tränen,

Und reine Trauer zeugt ein reines Sehnen ...

GROSSFÜRST

So nehm Er Urlaub, — warte Er ein wenig, —

GENDRE

Urlaub der Seele. O entlasse sie

In Gnaden, Herr, und lass sie dorthin eilen, —

Dort weit hinaus — —

GROSSFÜRST

      Du Tölpel —, wie

Wärs mit einem Teorban, du langweilst dich;

Wenn Glöckchen läuteten, — vielleicht behagte

Dir die Musik, — vielleicht könnt sie dich heilen.

Und wenn ich wie Mazeppa dich, — du weißt —

Auf einem Pferde durch die Steppe jagte,

Du wärest ein Zentaur, — und wie ein Geist

Flögst du dahin durchs Dickicht, — eine Laura,

So ein verliebtes Ding mit aufgelösten Haaren

Setzte dir nach, — trotz Stürmen und Gefahren —

Dir immer nach — dem Liebsten...

GENDRE

      Hoheit kuppeln...

KURUTA

ist leise eingetreten und flüstert dem Fürsten ins Ohr

Votre Majesté, der Mann —

GROSSFÜRST

      Eintreten lassen.

Zu Gendre

Adieu.

Zu Kuruta

      Lösch Lichter aus. Auch ohnehin

Sieht mir der Kerl zu viel.

KURUTA

      Ich weiß, wers ist.

GROSSFÜRST

Was weißt du? Niemand ists.

GENDRE

      Addio, Fürst!

Geht ab.

GROSSFÜRST

Ein Lump, ein Scheusal und ein Schuft, —

Doch wertvoll macht ihn eben sein Gemüt.

MAKROT

tritt ein

KURUTA

He, was für mich?

MAKROT

      Ein Wörtchen für den Fürsten.

KURUTA

Warum für mich nichts?

MAKROT

      Für die Majestät.

KURUTA

Du hör, ich hab die Stelle dir verschafft.

MAKROT

Die füll ich redlich aus und bin diskret.

KURUTA

Zum Henker denn —

Flüstert mit dem Fürsten; zu Makrot

      Was hast du aufgedeckt?

MAKROT

Hm, — Worte, — Gesten, — Schatten.

KURUTA

Wer wird denn daraus klug?

MAKROT

      Das böse

Gewissen. Denn wer Angst hat, dem genügt

Auch eine Geste, eine einzge nur,

Wenn sie bedeutend ist. Denn wer zu raten

Versteht, der findet gleich die richtge Spur

Aus einem kleinen Wort, das halb gesprochen,

Aus einer Geste, die erst halb getan,

Und die noch beide tief im Geiste hämmern,

Noch unbefreit im Dunkel dämmern,

Das Blut vergiften und das Mark durchfressen,

Die üppig wuchern und den Blutlauf stören,

Gefühl und Denken, Sehen, Hören

Betäuben, wie ein Alp die Brust beschweren,

Zu Boden drücken und in nächtgen Bann

Die Seele schlagen. —

KUKUTA

      Ja —, die treuste Seele,

Die haben wir. — Gib deine Hand, —

Na, — auch den Mund, — so nun erzähle,

Was du entdeckt, erraten und erdacht.

MAKROT

Erst eine Bande. Möglich dass sichs macht. —

Man muss mal hin und muss sie hören sprechen.

KURUTA

Kann man dorthin? —

MAKROT

      Man kann.

GROSSFÜRST

      Ganz öffentlich?

MAKROT

Nicht gut.

GROSSFÜRST

      Was schmieden sie?

MAKROT

      Sie —? — Ein Verbrechen.

Begeben Hoheit selber sich dorthin,

So werden Hoheit mir dann glauben, sich

Auf mich verlassen ...

GROSSFÜRST

      Wie auf Sancho Pansa.

Sinds viele, die zusammenkommen?

MAKROT

      Nun, —

So eine Handvoll, nicht grad viel, auch nicht

Grad wenig. — Es kommt drauf an.

GROSSFÜRST

      An welchem Orte

Versammeln sie sich?

MAKROT

      Wer grad kommt, der spricht.

Was sie im Schilde führen, ist gar leicht

Aus ihren leisen Heden zu entnehmen,

Spitzt man die Ohren nur, gibt man gut acht.

Es sind zwar immer abgerissne Worte,

Die man vernimmt, jedoch der Sinn, der gleicht

Sich.

GROSSFÜRST

      Ginge ich allein dorthin ... ?

MAKROT

      Es macht

Wohl schlechten Eindruck. — Gott, ich muss mich schämen,

Mein Anzug ist zerlumpt, dass nicht zu sagen,

Ich gleiche Bettlern, pfui —, ich darfs nicht wagen,

Bei Tage herzukommen, denn mit Hunden

Hetzten mich die Lakaien aus dem Haus.

Was hilfts —? Ich muss doch leben für die Kinder, —

Mein armes Herz, es lebt und weiß und fühlt —

GROSSFÜRST

Wo ist es?

MAKROT

      Wichtig ist die Sache, spielt

Sich im Verborgnen ab und ist nicht minder

Ganz öffentlich.

GROSSFÜRST

      Warst du denn selber dort?

MAKROT

Ich komme grad von dort.

KURUTA

      Ah, schlauer Hund!

GROSSFÜRST

Wo ist es also?

MAKROT

      Es ist die Kloake

Auf der Johannisstrasse.

KURUTA

lacht

MAKROT

      Ein Komplott

Hab ich entdeckt. — Bald bring ich die Beweise.

GROSSFÜRST

Du Schuft, du willst, ich sollte in den Kot —?

MAKROT

Es fallen über Hoheit Worte, — leise

Doch schmutzge Worte.

GROSSFÜRST

      Ist das, Lump, ein Grund,

Um mich mit diesem Unrat zu bewerfen?

MAKROT

Bitterkalt wars, — mich hungerte, — ich stand

Auf meinem Platze, rührte mich nicht fort;

Mit Wollust hascht ich jedes ekle Wort,

Das seinen Weg zu meinem Ohre fand,

Und wiederholte mir im Geiste: Bleib,

Bleib noch ein bisschen, warte noch und lausche, —

Bedenk, du stehst ja nicht zum Zeitvertreib,

Empfängst Dukaten hinterher — zum Tausche

Für jede Botschaft, — goldene Dukaten.

GROSSFÜRST

Nun und? — Was denn? — Was bringst du also? — Was?

MAKROT

Nur immer lauschen, — bis zum Halse waten

In Schmutz und Ekel; — was bedeutet das?

Ich leb davon und — Eure Hoheit zahlen.

GROSSFÜRST

wirft ihm Geld hin

Da nimm und sprich.

MAKROT

      „Er hat sich mit dem Bruder

Wieder versöhnt, — und spielt jetzt nur Komödie, —

Vom Zaren kam ein Brief, — noch heute gilt es”, —

Sehn Eure Hoheit hier auf meiner Stirn

Die Tropfen ...

GROSSFÜRST

      Sprich.

MAKROT

      „Schlagt heute noch dem Luder

Den Schädel ein.”

GROSSFÜRST

      Mir?!

MAKROT

      Nun, ich denke.

GROSSFÜRST

      Weg! —

Mir!?

MAKROT

      Klar, — da ja noch anderer Beweis

Vorhanden ist, dass heute — noch so manches

Sich soll ereignen und — man ferner weiß,

Auch was und wo — und muss doch dran ersticken.

GROSSFÜRST

Was denn? — Was? — Scher dich weg! — Doch halt. — Nein, bleibe

Noch. Ich erteile dann Befehle. — Ach,

Wie angenehm ich mir die Zeit vertreibe, —

Und ihr, — ihr ängstigt mich. Soll ich denn nie,

Niemals zur Ruhe kommen, stets in Schach

Gehalten werden. — Wer hält mich in Schach?

Ihr. — So ein Wahnsinn. —

MAKROT

      Zu den Gräbern wandern

ln Scharen sie und beten dort am Tag

Der nationalen Trauer, wie sie's nennen.

Da geh ich mit und singe mit den andern —

Und wein auch mit, — nun ja, man muss das können.

Und im Notizbuch schreib ich heimlich fromm

Die Namen derer auf, die auf den Knieen

Gebete murmeln, weinen — und so komm

Ich dem Komplott allmählich auf die Spur, —

Dort auf dem Friedhof ohne große Mühen,

Da kalter Wind durch schwanke Äste fuhr

Und Blätter fielen ... — Die Notizen.

Holt Papiere hervor

      Wie? —

Ein ganzer Stoß? — Wenn Hoheit der Erinnrung

Geruhen Raum zu gehen, — November ists ...

GROSSFÜRST

Ja, der November ist gefährlich für

Den Polen.

MAKROT

      Und bedeutungsvoll.

GROSSFÜRST

      Du siehst

Gespenster.

MAKROT

      Nun, da wir November zählen,

Hab ich ein scharfes Ohr. Ists doch die Zeit,

Da sich die Toten aus den Gräbern stehlen

Und mit den Lebenden wie Brüder — weit

Über die Felder wandeln.

KURUTA

lacht laut auf.

GROSSFÜRST

lacht

      Du Poet.

Ein neuer Lamartine vielleicht. — Sieh an,

Ein Spitzel und Ästhet, — So? — Ein Komplott, —

Und täglich ein Komplott ...

KURUTA

      So ist es auch.

GROSSFÜRST

Und jeden Tag ein neues.

KURUTA

      Jeden Tag.

MAKROT

An allen Ecken.

KURUTA

      Spinnt sich etwas an.

MAKROT

Und ist gesponnen.

GROSSFÜRST

      Alles ist verflogen

Am Morgen, denn der Nacht Gespensterbann

Zerbricht beim ersten Grauen, — Eulen ihr,

Ihr Spukgesindel, alles ist gelogen,

Ich glaub euch nicht ein Wort, — haha.

KURUTA

      Ja, für

Hoheit gibt es keine Furcht, — ich weiß —

Der kriegerische Geist, nun ja, — nun gut. —

Es muss der Tagsbefehl erlassen werden,

Dass alles ruhig bleibe, auch das Blut

Und auch der Geist. — Les ich es schwarz auf weiß

Erst im Befehl, verfliegen die Gespenster.

GROSSFÜRST

Spassvogel du.

KURUTA

      Ich bin auf alles schon

Gefasst. — Doch wer ist morgen hier der Herr —?

GROSSFÜRST

Hier herrsche ich. In meiner Gegenwart

Von einem andern Herrn — keinen Ton.

KURUTA

Ich dachte ja nur an den Zaren.

GROSSFÜRST

      Schweig.

KURUTA

Jenun, — ich dachte nur an einen Staatsstreich.

Ich hörte an der Tür, — ganz par hazard, —

Oh, ich verstehe, die Idee sie war

Genial.

GROSSFÜRST

      Du hast gehört? — Ich lass dich knebeln,

In Ketten legen, Schurke.

KURUTA

      Schon

Erfährts der Zar.

GROSSFÜRST

      Erfährt nichts. — Du Spion,

Ich lass dich hängen. — Ihr Spione alle,

Weg, weg von mir — ihr saugt mein Blut, — ein Hund

Kommt ihr gekrochen, wedelt, wartet bloß,

Mein kaiserliches Blut zu lecken und

Ihr leckt und schlampft, ihr habt die Seele mir

Umkrallt und lasst sie nicht mehr los.

Ihr haltet mich und schleppt mich, — Teufel ihr,

In tiefste Nacht. —

Jagt sie beide hinaus

Ich bin allein, — entblößt —

Von wo kommt der Erlöser mir? Und wer

Wirds sein, der mich erlöst — —?

Feuerschein draußen

Was ist das? — — Eine Feuersbrunst, vorbei, —

Erloschen, — wieder sprüht die Garbe Funken. —

Kein Laut. — Und immer Nacht, so taub und leer.

Er klingelt.

DER OFFIZIER VOM DIENST

tritt ein, — salutiert.

GROSSFÜRST

Was gibt es?

DER OFFIZIER VOM DIENST

      Zum Rapport. — Der Brand gelöscht; —

Auf Solec brennt allein noch eine Miete, —

Nur etwas Stroh.

GROSSFÜRST

      Strohfeuer, — und erloschen, —

DER OFFIZIER VOM DIENST

Zurück die vier Schwadronen.

GROSSFÜRST

      Grund des Brandes?

DER OFFIZIER VOM DIENST

Ist unbekannt.

GROSSFÜRST

      Wie —? — Nichts, — haha, — Gesichter — —

Ist unbekannt; gut, — ist ja alles nichts. — —

Wer so nach etwas lüstern ist, — — — Was? — — Wie?

Zum Offizier

Einziehn die Wachen. Alles gehe schlafen.

DER OFFIZIER VOM DIENST

salutiert; — geht ab.

GROSSFÜRST

klatscht in die Hände.

LAKAIEN

erscheinen in der Tür.

GROSSFÜRST

      Verlöscht die Lichter.

PERSONEN DER DRITTEN SZENE:

Sewerin Goszczynski

Ludwik Nabielak

Erster Fähnrich

Zweiter Fähnrich

Verschworene

Demeter

Kora

Hekate

Eumeniden

Hochzeitsgäste

AM DENKMAL SOBIESKIS

GOSZCZYNSKI

Es rauscht der Wind, ein Schluchzen geht

Bei jedem Windstoß durch den Garten...

ERSTE STIMME

Sie nahen.

ZWEITE STIMME

      Horch, sind das nicht Schritte...

DRITTE STIMME

Im Schloss verlöschen sie die Lichter.

GOSZCZYNSKI

Der Nebel fällt. — Bist du es, Bruder?

ERSTE STIMME

Ich bins.

GOSZCZYNSKI

      Zähl uns.

ERSTE STIMME

      Sind sechzehn Mann.

GOSZCZYNSKI

Die Bäume klagen, — Harfenklang —

Der Garten stöhnt — gespensterbang.

ERSTE STIMME

Wenn nun der Fürst erwacht...?

ZWEITE STIMME

Wenn sie nun gar nicht kämen —?

GOSZCZYNSKI

Unruhe brennt mit Feuersmacht

Die Herzen; Wut

Entfacht das Blut.

Der Schwur, — ein billig Wort — erstirbt!

Die Saat verdirbt.

ERSTE STIMME

Sie kommen...

GOSZCZYNSKI

      Ja, ich höre sie.

DRITTE STIMME

Es ist die alte Melodie, —

Die Bäume rauschen nur.

ERSTE STIMME

Sie kommen nicht.

GOSZCZYNSKI

      Verzaubert spricht

Der Garten —, die Natur.

ERSTE STIMME

Wir schlagen zu und stechen rings

Und spalten rechts und brechen links.

GOSZCZYNSKI

Die Zweige deckt der weiße Reif,

Es breitet sich der Nebelstreif.

ERSTE STIMME

Sie nahen schon —

ZWEITE STIMME

      Bist du’s?

ERSTE STIMME

      Wie dunkel

Es ist. Kein Lichtstrahl von den Sternen...

GOSZCZYNSKI

Erbarm dich meiner, du mein Gott. —

Glaubst du, sie haben die Kasernen

Erreicht?

ERSTE STIMME

      Ich denke wohl.

GOSZCZYNSKl

      Mein Tod

Ist diese Stille. — Niemand weit und breit.

ERSTE STIMME

Es rauscht der Wind.

GOSZCZYNSKI

      Es fliegt die Zeit.

ERSTE STIMME

Zwei Stunden schon vergangen sind,

Ich steh im Schnee, dem weißen ...

GOSZCZYNSKI

Schweig. — Flammen schlagen an die Brust,

Die Hand zuckt kampfbereit.

ERSTE STIMME

In das Palais zu dringen, welche Lust,

Den Schuft aus seinem Bett zu reißen.

ZWEITE STIMME

Wenn wir ihn nun ergreifen —?

ERSTE STIMME

Wenn er zu fliehn vermöchte —?

DRITTE STIMME

Ein dichter Nebelstreifen

Senkt sich hernieder.

GOSZCZYNSKI

Wie Adler schweben wir im Wolkenmeer.

Die Bäume flüstern, — Äste bloß und leer

Und Sträucher strohbedeckt.

Aus schwanken Träumen aufgeweckt,

Stehen gleich uns im Garten

Und warten

Voll banger Ungeduld.

DRITTE STIMME

Die Nebel sinken.

GOSZCZYNSKI

      Und der Wind rauscht fort ...

ALLE

Es spricht der Garten...

Es steht die junge Heldenschar

Im Garten und sie spinnt

Gedanken, die gar schmerzlich sind.

Die Bäume rauschen seltne Melodien,

Die durch den Garten, durch die Herzen ziehen.

Das Monument erglänzt in wunderbar

Geheimnisvollem Glühen.

GOSZCZYNSKI

Er weist — — dorthin.

NABIELAK

      Er weist zum Belvedere.

GOSZCZYNSKI

Als lenkt er unsern Sinn.

NABIELAK

      Er denkt und fühlt wie wir.

GOSZCZYNSKI

Sieh, wie die Hand ihm bebt.

NABIELAK

      Im Mondenlichte webt

Der Bäume Schatten um ihn her,

Huscht über seine Schulter bin.

GOSZCZYNSKI

Wie Schnee so leuchtend weiß steht er...

NABIELAK

Er weist dorthin, sein Auge lebt.

GOSZCZYNSKI

Sein Blick bannt mich am Boden fest.

NABIELAK

Er weiß und fühlt.

GOSZCZYNSKI

      Sieh, er erbebt,

Sein Pferd bäumt sich —!

NABIELAK

      Ein Schatten trägt

Ihn auf und ab.

GOSZCZYNSKI

      Die Stunde schlägt.

Zwei Frauen nahn sich sonderbar,

Sie gehen durch die Mitte, durch die Jünglingsschar,

Und gehen langsam, eng umschlungen...

Gar seltsam das Geheimnis war,

Das diese Nacht gesungen.

DEMETER ABSCHIED VON IHRER TOCHTER KORA

KORA

Weh! Orkus führt in dunkle Nacht,

In Stürme mich, in Schauer.

Erblick nicht mehr der Sonne Pracht,

Nicht deine Augen und nicht lacht

Dein Mund mir mehr, in Trauer

Verlass ich, Mutter, dich.

DEMETER

Leb wohl, o Tochter, teures Kind;

Es wartet Orkus, Orkus wacht,

Dass er sein Weib gewinnt.

Du trittst ins Reich der Toten ein,

Vermählt dem dunkeln Los,

Und unentrinnbar, mitleidslos

Umfängt dich ewige Nacht.

Gedenk der Tränen, die ich weinte,

Da noch das Licht mich dir vereinte,

Denk meines Kummers, meiner Pein.

KORA

Es ruft mich Orkus und ich kehre,

Die Gattin, heim und kannte nur

Ein Glück, da Blum und reife Ähre

ln Frühlicht tauchte die Natur,

Da ich bei dir, o Mutter, weilte.

Es ist vorbei, die Zeit enteilte,

Die Abschiedsstunde eint uns beide

Noch auf dem Weg zur Unterwelt;

Wir ziehen klagend; weh dem Leide, —

Ich bin der Unterwelt vermählt.

DEMETER

Küss mir die Lippen, küss die Augen;

Auf deinem Antlitz zuckt ein Bangen,

Bin fahles Bahrtuch hüllt dich ein,

Und doch blühn Rosen auf den Wangen.

KORA

Wie kann das Brauthemd mir wohl taugen.

Das Tränen spannen, Leid gewebt,

Wie kann der Kranz mich glücklich finden,

Den Dienerinnen für mich winden

Aus Totengrün im düstern Hain?

Kann ich dem Schicksalsruf entfliehen?

Kann ich entgehn der Hochzeitsnacht?

Ich muss in Gattenliebe glühen,

Verzaubert durch der Liebe Macht.

Ich brenne schon und es umfluten

Verschwiegen mich die heilgen Gluten

Und meine Sehnsucht ist erwacht.

DEMETER

Geliebte Tochter, lebe wohl;

Der Mutter Herz willst du verschmähen.

Nicht werd ich mehr der Haare Fluten

Zum Kranz dir flechten, nicht mehr sehen,

Wie deine jungfräulichen Glieder

Ein schön Gewand und Putz verziert.

Du lässt die Mutter, kehrst nicht wieder; —

Doch nimmt michs wunder, sieh, wie wird

Dein Antlitz purpurn und du glühst, —

Liebst du, da du versprochen bist?

KORA

O Mutter, ich vergeh vor Scham

Und meine Brust ein Glühen weitet,

Dass mir durch euch die Liebe kam; —

Da ihr die Gattin heut geleitet,

So brennen meine Wangen heiß.

Ja, Mutter, ja ich liebe, — weiß

Das eine nur, eins, dass ich liebe.

DEMETER

Wie kann ich diese Fesseln lösen?

KORA

Glaub nicht, sie drückten mich zu sehr.

DEMETER

Doch muss ich dich durch sie verlieren.

KORA

0 Mutter, — mit dem Sommer kehr

Auch ich zu dir zurück.

DEMETER

Bis dahin währt es lange Zeit.

KORA

Bis dahin weil ich fern und weit

Als Dienerin und Frau.

DEMETER

Du solltest mit der Mutter weilen

Frei und als Jungfrau, nicht als Magd

In Orkus' Schattenreich.

KORA

O Mutter, du vergisst, wie reich

Die Liebe mich gemacht.

Die Flammen lodern, lass mich ziehen;

Leb wohl, und kommt der Frühling wieder,

Will ich im Sonnenlichte glühen. —

Ich steig zum Reich der Träume nieder.

DEMETER

Ins Reich der Stürme zieht es dich,

Wo keine Sonne scheint.

KORA

Jährt nur der blühnde Frühling sich,

Sind beide wir vereint.

Sie steht von Purpur übergossen.

Löst aus der Mutter Arm sich sacht,

Und ihre Glieder sind umflossen

Von einem Kleid aus Tau und Nacht.

Sie steht gar sinnend und die Augen

Sind fast mit Tränen angefüllt

Und auf der Stirn, der düstern, weißen

Und in den Augen kann man lesen,

Dass ein Geheimnis sie verhüllt,

Das ihr zu hüten war geheißen.

Und doch, es scheint, als ob die Träne,

Die ihre müden Wimpern feuchtet,

Von frohem Glanze wär erleuchtet.

Sie hebt den Finger jetzt zum Munde

Und gibt der Mutter solche Kunde:

KORA

Weißt du noch, Mutter, wie im Sommer

Ich lachend unter Blumen weilte

Und von den Feldern zu dir eilte

Im Blumenschmuck und sang und sprang?

DEMETER

Umsonst sprichst du vom Tag der Freude

Am Tag der Tränen, da du heute

Verlassen musst des Tages Licht.

Da deine Mutter dich verliert,

Weil Orkus dir den Brautkranz flicht

Und übern Styx dich mir entführt

Zum schwarzen Hadesthron.

KORA

O Mutter, Hymen wird mich leiten

Und meinen Hochzeitszug bereiten,

Die Hochzeitsfackeln werden lohn.

Den Dienern legt er duftge Kränze

Aufs Haar und stimmt das Hochzeitslied

Im Zuge an, da ich die Grenze

Beschreite und die Königin

Ins Land der Träume zieht.

DEMETER

Schlägst dir die Mutter aus dem Sinn;

Die Fackeln, die dir flammend leuchten,

Erlöschen auch.

KORA

Im Lenz, da Eiskristalle tauen,

Da erster, lauer Windesbauch

Das Feld bestreicht, wirst du mich schauen.

DEMETER

Du gehst, — die letzten Augenblicke

Darf ich dich lebend vor mir sehn.

KORA

Ich geh entgegen meinem Glücke.

DEMETER

Du gehst den Weg, den Tote gehn.

KORA

Will ein Geheimnis dir enthüllen:

Ich bin nicht arm, der Unterwelt

Geräumge weite Speicher füllen

Der Saaten und der Früchte viel.

Von jeder Frucht den Samen hält

Man dort verborgen, jedes Korn

Wird aufbewahrt, — ein ewger Born

Des ewgen Werdens. Sieh, ich will

Ans Licht sie bringen, sie zum Leben

Erwecken, dass sie Früchte geben.

DEMETER

Sieh, alle Triebe müssen sterben,

Da nächtens kalte Winde wehen.

Sieh, wie entblößt die Bäume stehen.

KORA

Gedenke, Mutter, früher Saat.

Ich muss von dannen, ich muss gehen,

Da ich zur Hüterin bestellt

Der Saaten bin, sie sammeln muss.

Dort unten, tief im Schoss, geschehen

Geheimnisvolle Dinge, die

Nicht ohne mich geschehen können.

DEMETER

Du strebst von mir, die Qualen brennen

Die Brust mir und mein Herz ist kalt;

Du gehst dahin, du fliehst, du eilst...

Mein sommerliches Gut verdirbt;

Du Mitleidslose, o du teilst

Den Jammer, dran das Herz mir stirbt,

Nicht und ich bin so arm und alt.

KORA

Noch ein Geheimnis, Mutter, sei

Dir offenbart: Ganz anders ist

Mein Land. Da schlummern ewge Kräfte,

Aus ihnen regt sich immer neu

Der junge Trieb, die frischen Säfte

Quellen empor und treiben Blüten.

Was lebt, ist dort im Keim gegründet

Und wartet, bis das Morgenrot

Die Stunde der Entfaltung kündet.

DEMETER

Doch alle jene, die verblühten,

Erleiden sie den frostgen Tod,

Den bitter, einsam herben...?

KORA

Was leben soll, muss sterben...

DEMETER

Zum Tode führst du alles, was

Dir untertan! Was deine Liebe

Vermag, erkannt ich nun und das

Verkündende Prophetenwort.

KORA

Wir werden, Mutter, auferstehen

Am großen Feiertag der Saat.

DEMETER

Mein Kind, der Fackelträger naht!!

Hymen kommt an der Spitze des Hochzeitszuges; alle tragenFackeln, Musik; Kora wird umringt.

KORA

Noch dies Geheimnis, Mutter, höre:

Die Hand, die alle Grenzen steckt,

Vernichtet alles, was da lebt;

Doch neues Leben blüht und strebt

Aus dem gestorbnen; neuer Trieb

Erwacht, zu neuem Sein geweckt.

So fasst mich Trauer, da ich scheide,

Doch mein Geheimnis füllt mit Freude

Mich an und meines Hochzeitskleids

Bin ich wohl wert. — Genug des Leids,

Der Trauer und der Tränen.

DEMETER

Du Törin, niemand kehrt zurück

Aus jenem Reich, dem Untergang

Bist du durch deinen Schwur geweiht.

KORA

Wenn ich des Todes Macht bezwang,

Wenn unter meiner Zauberhand

Die jungen Triebe grünen, sprießen

Auf Fluren, Wiesen, Ackerland, —

Dann darf ich höchstes Glück gemessen;

Ich stehe an des Lebens Wiege,

Die Tat der Schöpfung, sie ist mein! —

Bereite Eggen, schärf die Pflüge...

DEMETER

Als Lebende den Tod zu wählen,

Ist Sünde!

KORA

ernst

      Die Unsterblichkeit

Winkt mir, brech ich den finstern Bann.

Hochzeitsmusik ertönt.

DEMETER

Die Nacht entführt ins Reich der Seelen

Dich, in die ewge Dunkelheit!

KORA

gebieterisch

Tragt mir voran die heilgen Fackeln!!

Die Hochzeitsfackeln tragt voran!!!

Der Hochzeitszug ordnet sich um Kora und entführt sie unterKlängen zur Unterwelt.

DEMETER

versinkt im Garten.

ERSTER FÄHNRICH

eilt schnell herein

Peter Wysocki sendet uns.

Er selber folgt.

GOSZCZYNSKI

      Wo?

ERSTER FÄHNRICH

      Durch den Nebel.

Marschiert zur Kavalleriekaserne,

Will sie im Schlafe überraschen.

Wo sind die Deinen?

GOSZCZYNSKI

      Hier im Garten.

ERSTER FÄHNRICH

Mehr sind es nicht?

GOSZCZYNSKI

      Mehr? — Sie genügen.

ERSTER FÄHNRICH

Die übrigen?

GOSZCZYNSKI

      Umsonst zu warten.

ERSTER FÄHNRICH

Ich zeige euch den Weg zum Schloss.

ZWEITER FÄHNRICH

eilt hinzu.

ERSTER FÄHNRICH

Wysocki hat uns zwei euch zugeteilt.

Wir kennen jeden Zugang zum Palais.

Sorgsam ist jeder zu bewachen,

Damit der Fürst uns nicht enteilt.

GOSZCZYNSKI

Sieh, wie das Blatt im Winde tanzt,

Die Bäume rauschen leise.

Hast du Patronen?

ZWEITER FÄHNRICH

      In der Tasche. —

Verteil sie, nimm.

GOSZCZYNSKI

      Erstürmt Wysocki

Auch die Kaserne?

ERSTER FÄHNRICH

      Glückt es ihm,

Unvorbereitet sie zu überraschen.

NABIELAK

Bereit?

GOSZCZYNSKI

      Bereit.

ERSTER FÄHNRICH

      Mir nach!

In der Nähe fällt ein Schuss.

GOSZCZYNSKI

      Es fiel

Ein Schuss!

ZWEITER FÄHNRICH

      So hat Wysocki schon

Den Park verlassen. Dieser Schuss

War das Signal für euch.

GOSZCZYNSKI

Dem weißen König unsern Gruß...

ZWEITER FÄHNRICH

Bereit?!

NABIELAK

      Bereit!

ALLE

      Bereit!

Sie eilen hinaus.

DEMETER

tritt auf

Wo bist du, Tochter, die du mir gesungen

So manches Lied in heller Sommerzeit —?

Noch hör ich, wie dein Weinen leis geklungen

In nächtger Stille, durch die Einsamkeit.

Und weinend hör ich meiner eignen Klagen,

Der eignen Seufzer dumpfen Widerhall,

Als war es deines Jammers weher Schall.

Vielleicht sehnst du zu lichten Erdentagen

Dich nicht einmal zurück? Und Liebesflammen

Umlodern dich, die Hymen dir entzündet —?

0 Tochter, deiner Mutter Seele findet

Die Ruh nicht mehr in ihres Alters Tagen.

Muss ich durch lange dunkle Nächte schreiten,

Da mir kein Lichtschein blinkt, dein Auge mir

Nicht leuchtet, muss ich denn in endlos weiten

Und dunklen Nächten für und für

Den Tag ersehnen, der die Nacht mir kündet,

Und Tag und Nacht allein sein, ohne dich —?

Hast du die dunkle Schwelle überschritten,

Dahinter Orkus' finstres Reich beginnt,

Und bist du mir verloren, teures Kind —?

Rufend

Hekate, Tochter des Titanen, jungfräuliche Lichtbringerin, Trägerin zweier Fackeln, erscheine, die dualler Klage und allen Jammers achtest; die du gegenwärtig bist, da Mütter gebären, die du Einsame beschützest in ihrer Einsamkeit und an den Dreiwegenwachst. Erscheine!

Aus dem Boden steigt herauf

HEKATE

hält Fackeln in den Händen

Hier bin ich!

DEMETER

Mein Kind ist mir geraubt, entrissen und gefangen;aus meinen Augen hab ich sie verloren, sie war schönund jung; wo weilt sie, wohin ist sie entschwunden,die Erinnerung hab ich verloren, ich weiß nichtsmehr und darum ruf ich dich, geh, eile, suche sie;o du, die Geheimnisse der Götter errät und denMenschen den Verstand benimmt, sie mit Wahnsinn schlägt, eile, leuchte mit dem Lichte deinerbeiden Fackeln und finde sie, meine geliebte Tochter.

Entfernt sich in den Garten.

HEKATE

Zu mir, beflügelte Eumeniden; die ihr des Tartarusweiträumige, zerklüftete Öden bewohnt, auf! Die ihrin Dämmer schreitet, gehüllt in dunkle Wolken, eiletherbei! Ein Unrecht ist geschehen!

EUMENIDEN

steigen aus der Erde herauf.

HEKATE

Ihr, geboren aus Tropfen Bluts, die auf schwarze

Erde fielen; geboren aus dem Blute der Ermordeten,

ihr, deren Tränen Blut sind,

Ein junges Leben ward geraubt

Im vollen Duft der ersten Blüte

Und ward entführt in Nacht und Grab

Und ward entführt in Finsternis.

O seht, ein Unrecht ist geschehen:

Und so ist alles tot, verblüht,

Erloschen und verblichen;

Die Erde ward ein Grab,

Die Bäume stehen kahl,

Zertreten Frucht und Blume.

Auf, Eumeniden, leichtbeschwingte,

Ihr heischet Rache, nehmet sie,

Ein grässlich Unrecht ist geschehen.

Vernichtet ist der Hütte Frieden,

Zerstört das Glück des Ehebettes. —

Umstrickt mit Wahnsinn jede Seele,

Im Wahnsinn sollen Leiber bluten,

Die Seelen im Verbrechen glühn,

Und sollen Qualen dulden, Martern.

Zur Rache auf! Ein Unrecht ist

Geschehen! Lasst die Fackeln lodern!!

EUMENIDEN

Sie entzünden ihre Fackeln,

In dem Schein des roten Lichts

Glühen ihre Augen wild,

Sprühen Funken, spritzen Blut.

Um die Häupter ringeln Schlangen,

Schlingen sich um Haar und Stirn,

Fliehen sich, verstricken sich,

Winden und verwickeln sich,

Schmerzverzerrt und wutentbrannt

Lauschen gierig sie den Worten.

HEKATE

Nicht eher werde eure Tat

Vollbracht, als bis dreimal

Der Mond gewechselt hat.

Schwört, Flugbereite, dass ihr eher

Nicht Frieden gebt, nicht eher ruht,

Als bis das Unrecht ist gerächt.

Auf! Beißt und brecht,

Und stoßt und stecht!

Krieg! Krieg! Der Leiber heißes Blut

Reiz und beflügle euren Lauf.

Stürzt auf die Menschen euch, auf Stirn

Und Nacken, saugt das rote BlutAus Herzen, fresst das Hirn,

Auf dass sie heilgen Zorn erkennen,

Davon die Götter brennen!

Eilt durch den Park und weiter eilt

Und fort und fort, eilt durch die Weh,

Im Fluge eilt, rachebereit!

Die Rache lebt, die Rache frisst!

Die Erde sah ein großes Leid

Und zitterte. Ein Unrecht istGeschehen!!!

EUMENIDEN

eilen nach allen Seiten durch den Garten.

HEKATE

versinkt.

PERSONEN DER VIERTEN SZENE:

Der Grossfürst

Johanna

General Gendre

Kuruta

Lubowidzki, Polizeipräsident

Offizier der Kürassiere

Kammerdiener Friese

Graf Stanislaus Potocki

Goszczynski

Nabielak

Aufständische

Kürassiere

Lakaien

DER SALON IM BELVEDERE

Nacht. Im Garten Mondschein.

GENERAL GENDRE

liegt betrunken auf dem Sofa.

LUBOWIDZKI

geht auf und ab.

GENDRE

Bringst du was Neus? — Erhieltest du Berichte?

LUBOWIDZKI

Zu seiner Zeit — erfährt er die Geschichte.

GENDRE

Sieh zu, dass er es nicht zu spät erfahrt. —

Was gibts denn Neues?

LUBOWIDZKI

      Das, was ich gehört,

Erzähl ich nur dem Fürsten. Was scherts dich?

GENDRE

Du weißt ja nichts.

LUBOWIDZKI

      Behalte es für mich.

GENDRE

Heb es gut auf, bis es verschimmelt ist.

LUBOWIDZKI

Ich plag mich für den Fürsten. — He, du bist

Wohl neidisch auf den Lohn —?

GENDRE

      Ein Spielchen? Wie?

LUBOWIDZKI

Bin nicht in Stimmung. — Ja, bei Gott, noch nie

War ich so kopflos wie grad heute.

GENDRE

      Für

Einen Spitzel schlimm. Glaubst du, der Fürst

Hilft ihn dir suchen? Schwerlich wohl und wirst

Du noch so gnädig heut von ihm empfangen.

LUBOWIDZKI

Nur grad heraus, willst wieder Geld von mir.

GENDRE

Da nimm, du Lump, — Dukaten klangen

Dir immer süß; — wo andre hungern müssen,

Musst du dich mästen.

LUBOWIDZKI

läuft dem Dukaten nach

      Die Dukaten ließen

Nie mit sich spaßen, — tja — und ein Dukat,

Ists auch nicht viel, — bleibt immer ein Dukat.

GENDRE

Das musst du Gauner ja am besten wissen,

Bestiehlst den Fürsten, wo du kannst.

LUBOWIDZKI

wirft Gendre den Dukaten wieder hin

      Hör auf,

Du Säufer, denn du langweilst mich.

GENDRE

      Halt du

Dein ungewaschen Maul, — sonst wacht der Fürst

Am Ende auf ...

Man hört einen unbestimmten Lärm.

LUBOWIDZKI

      Was gibts? — Man schlägt ans Haus?!

Man bricht das Tor auf?!

GENDRE

      Was geht mich das an? —

Das ist ja deine Sache.

LUBOWIDZKI

Man muss den Fürsten wecken!

Stürzt zum Schlafzimmer des Großfürsten.

KAMMERDIENER FRIESE

stürzt aus der Mitteltür

Weckt den Fürsten!

Eilt ins Schlafzimmer.

GENDRE

Lasst ihn doch schlafen, — diese Emotion —

Wozu —? Gott, was geschehen soll, geschieht

Ja doch. —

FRIESE

aus dem Schlafzimmer; schleift den Großfürsten, notdürftig bekleidet, durch den Salon zur Mitteltür.

LUBOWIDZKI

im Schlafzimmer

Zu Hilfe! Räuber!!

FÄHNRICH

im Schlafzimmer

Du Lump! — Er ist davon!!

AUFSTÄNDISCHE

stürzen aus dem Schlafzimmer in den Salon und eiten von dort indie Seitengemächer.

NABIELAK

      Wer hat die Wache?

Stößt auf General Gendre.

GENDRE

bestürzt

Ich bin unschuldig —

NABIELAK

      Still, du Hundesohn.

GENDRE

Wisst ihr auch, — wen ihr tötet? dass mein Tod,

Verlässt euch euer Glück, euch zu Verbrechern,

Zu frechen Mördern stempelt.

GOSZCZYNSKI

      Bist du auch

Unschuldig, schuldig bist du voll

Durch deine Reden.

GENDRE

      Euer Wort ist — Rauch.

Schlag zu, — ich bin bereit.

NABIELAK

      Du willst, ich soll

Mir deinen Tod erst überlegen? Auch

Das hab ich nun getan.

Durchstößt ihn mit dem Bajonett.

GENDRE

O Elend!

GOSZCZYNSKI

      Ruhm!

GENDRE

      Verflucht —

NABIELAK

      Ihr Lumpen. —

Du Spieler, Dieb...

GENDRE

      Du Ritter. — Leute,

Ihr mordet; glaubt ihr denn, dass Gott mit euch?

Auch für euch kommt die Stunde des Gerichts.

NABIELAK

Sie wird nicht kommen, denn wir sind seit heute

Gericht und Richter. Ihr habt ausgespielt. —

Du hast dein Teil weg. —

GOSZCZYNSKI

      Komm. — Die andern sind

Uns schon voraus. Wir müssen jetzt noch gleich

Die Zimmer schnell durchsuchen.

Weist auf die Tür links

      Durch die Tür.

Gib acht, dass wir uns in dem Labyrinth

Von Zimmern nicht verirren. — — Hm, — geschlossen.

NABIELAK

Stoß auf.

GOSZCZYNSKI

Es hält wer fest.

NABIELAK

Stemm dich dagegen.

GOSZCZYNSKI

Wart. Ihrer Hoheit Zimmer, — war es möglich —?

NABIELAK

Ich helfe mit, — stoß zu. — Sie muss sich regen. —

Horch, — sinds die andern, die schon wiederkommen —?

Die Zeit drängt. Wär es ihm gelungen, sich

In Sicherheit zu bringen —?

AUFSTÄNDISCHE

stürzen durch die Mitteltür herein zur Schlafzimmertür hin.

GOSZCZYNSKI

      Sieh, man leistet

Mir Widerstand.

NABIELAK

      Schlag mit dem Kolben zu!

GOSZCZYNSKI

Jetzt flog der Riegel vor, — der Schlüssel knarrte —

Lauscht

Ich höre Schritte, — man enteilt — —

NABIELAK

      Schlag zu!

GOSZCZYNSKI

Was ist das?

NABIELAK

      Wer steht auf der Schwelle —?

Die Tür geht auf; Kerzenschimmer dringt in den Salon.

JOHANNA

Ich bin des Fürsten Gattin.

GOSZCZYNSKI

      Polin.

JOHANNA

      Mörder.

NABIELAK

Bist du des Schurken Gattin, — traf dichs schon.

JOHANNA

Zurück, — nur über meine Leiche hier

Hinein.

GOSZCZYNSKI

      Wahnsinnge Puppe, Löwin an Gefühl,

Oh, wie ich dich verachte.

JOHANNA

      Wie vor dir

Mich ekelt.

NABIELAK

      Du hast im Zimmer ihn versteckt,

— Den Feigling — und wir werden ihn doch fangen.

JOHANNA

Hinweg von hier, — oh, wie seid ihr gemein.

GOSZCZYNSKI

Schweig, — denn wir gehn auch ohnedies. —

Behalt ihn nur, — den Gatten; — Weib, du weißt

Nicht, dass gemeine Liebe dich befleckt,

Dass du viel schöner wärest, wärst du: Judith.

JOHANNA

Polin bin ich, — da Gott mich lieben hieß,

So lieb ich und verteidge Schritt für Schritt

Den, den ich liebe, mag mein eigen Haus

Dabei in Flammen stehn.

GOSZCZYNSKI

      Hier liegt ein Mann,

Verwundet.

JOHANNA

eilt zur Leiche Gendres

      Gott!

NABIELAK

      Er war besinnungslos.

JOHANNA

Ach, der? — Er war betrunken —

Man hört Schüsse.

NABIELAK

      Was war das?

GOSZCZYNSKI

Es fielen Schüsse.

NABIELAK

      Und ein Stampfen, — Hufschlag —

JOHANNA

Des Fürsten Kürassiere.

NABIELAK

      Wir sind hier

Allein, — die Unsern sind bereits geflohn.

Eilt zur Tür im Hintergründe rechts.

GOSZCZYNSKI

eilt ihm nach

JOHANNA

Nicht dort hinaus, —

GOSZCZYNSKI

      Was soll der Hohn?!

JOHANNA

Und rast ihr Helden auch, die ihr die Tat

Auf eure Fahnen schriebt, ihr seid doch Helden,

Darum will ich euch retten. Hier hinaus,

Durch diese Türe.

Weist auf die Tür zum Schlafzimmer.

NABIELAK

      So ist er nicht dort!?

JOHANNA

Beeilt euch!

GOSZCZYNSKI

      Sie sind schon im Hofe. Fort!

Eilen hinaus.

JOHANNA

Ah, eine Leiche sperrt den Weg

Zum Schlafgemach.

GROSSFÜRST

eilt aus dem Hintergründe links; fällt ihr zu Füßen

Du Polin, — Polin!

JOHANNA

      Memme!

GROSSFÜRST

So würdest du jetzt lieber mit Gefühl

An meiner Leiche ein Nocturno spielen,

Wenn die mich dort gemordet hätten —?

JOHANNA

Wie deinen Treuen, der da fiel.

GROSSFÜRST

Mein treuer Hund, — schon tot, — und schon verfärbt —

Ah! Weg mit ihm!

LAKAIEN

tragen den toten Gendre und Lubowidzki hinaus

JOHANNA

      Verbindet seine Wunden.

GROSSFÜRST

Er ist schon tot, — verreckt, — ah, — ah den Hunden

Ein Leckerbissen; — Blut klebt überall.

So säh ich aus ... Hinaus mit ihm — tot — tot

Und ganz verfärbt, — wie eklig, — er ist weg.

Jetzt schreibt der Teufel seine Sünden auf.

Er hat verspielt! — Ich — spiele noch und wage

Den letzten Einsatz — ah — ah — alles — — Dreck.

OFFIZIER DER KÜRASSIERE

tritt ein, salutiert

Euer Hoheit! Die Rebellen sind entflohn.

GROSSFÜRST

Entflohn!! — Ha ha ha — auch er? — Auch der

Vom Monument? Auch fort — ganz fort — — So sage...

Seine Stimme versagt, er taumelt.

OFFIZIER DER KÜRASSIERE

Wer? Kaiserliche Hoheit?

JOHANNA

      Wen meinst du?

GROSSFÜRST

Ah! — Wie sein Pferd die Nüstern bläht, es schäumt

Und weißer Schaum und Blut befleckt mein Hemd.

Er sitzt zu Ross, — der weiße König, weist

Mit seinem Marschallstab auf mich, — es bäumt

Das Pferd sich auf, setzt auf mich zu, es stemmt

Die Hufe mir vor meine Brust und reißt

Sie auf, — und quetscht und tanzt auf mir herum. —

Der weiße König dort schreit mir ins Ohr:

Heliodor!!!

Sinkt zu Boden

      Zu Hilfe!

KURUTA

      Alle Teufel.

JOHANNA

Jesus Maria! — Hilf — er stirbt.

GROSSFÜRST

      Riecht ihr

Den Schwefel in der Luft? Es riecht nach Schwefel —

LAKAIEN

bringen die Uniform des Fürsten.

ERSTER LAKAI

reicht ein Kleidungsstück

Geruhen Eure Kaiserliche Hoheit...

ZWEITER LAKAI

mit einem anderen Kleidungsstück

      Geruhen gnädigst...

ERSTER LAKAI

      Eure Hoheit... Hier

Der Ärmel, nun der zweite, — so...

ZWEITER LAKAI

mit dem Beinkleid

Jetzt noch das Beinkleid, — Hoheit — darf ich

      bitten...

ERSTER LAKAI

Das Ordensband...

ZWEITER LAKAI

      Der Stern.

ERSTER LAKAI

      Und hier der Degen.

GROSSFÜRST

Wer seid ihr —?

ERSTER LAKAI

      Euer Hoheit...

ZWEITER LAKAI

      Treue Diener.

GROSSFÜRST

Mir war doch, — als ob tausend Teufel mich

Umkicherten.

JOHANNA

      Beruhige dich, —

GROSSFÜRST

setzt den federbuschgeschmückten Hut auf

      Wie ruhig

Du bist! — Du Schlange, — Herrliche! — Hast wohl

Mit ihnen konspiriert?

JOHANNA

      Mit wem? — Du Narr,

Du phantasierst.

GROSSFÜRST

      Mit ihm. — Hast konspiriert

Mit ihm, dem weißen König.

JOHANNA

      Ah, du kannst

Noch spotten, meine Brust zerreißt der Schmerz

Um diese heutge Tat, — sind es ja doch

Die Meinen.

GROSSFÜRST

      Deine Brüder!!

JOHANNA

      Du bist toll.

GROSSFÜRST

Ich bins. — Doch weißt du, wer mich toll gemacht!

Zieht den Degen

Ich zog den Degen heute — Nicht zum Scherz!

Eine Kavallerie-Abteilung betritt den Salon.

GROSSFÜRST

kommandiert

Halt!

JOHANNA

      Gib Befehle.

GROSSFÜRST

      Polin. — Zauberin.

Wer hat auf deinen bleichen Wangen

Der Hölle Glutensturm entfacht? —

Die Hoffnung. Myriaden Schlangen

Treiben in deinen Augen jetzt ihr Spiel.

Glaubst du vielleicht, sie werden ...

JOHANNA

      Siegen!

GROSSFÜRST

Du Polin. — Brütest Rache, kennst nur dies Gefühl!

Du meinst wohl gar, ich werde ...

JOHANNA

      Unterliegen!!!

GROSSFÜRST

Ah! —

Eilt auf sie zu, um sie zu schlagen.

JOHANNA

fällt bewusstlos in die Arme ihrer Damen.

GROSSFÜRST

Vraiment, — c'est une dame.

Je deviens Polonais, — und ich kämpfe.

KURUTA

salutiert

General Potocki mit dem Regiment

Hat das Palais umzingelt, — die Kanonen

Sind aufgefahren.

GROSSFÜRST

in höchster Angst

      Wie? — Umzingelt!! — Mein

Potocki?!

KURUTA

lacht

      Nein, er kommt zu Hilfe.

GROSSFÜRST

      Wie?

Zu Hilfe? — Wie gemein. — Ach so, — — Nein,

      nein —

Charmant garçon.

STANISLAUS GRAF POTOCKI

tritt ein

      Bon soir, mon ami, cher prince!

GROSSFÜRST

      Que dit-on

De moi? — Varsovie va se taire!

On parlera de vous auprès de l'empereur.

Donnez l'ordre, mon vieux-beau —

      que la Pologne meurt!

Marchez, — sur Varsovie, — et massacrez tout!

POTOCKI

schweigt; düster.

GROSSFÜRST

Comment? — Tu restes muet?

Zittert; blickt auf Johanna; schreit in höchster Angst

      So wach doch auf, — du!!

PERSONEN DER FÜNFTEN SZENE:

Ein Schauspieler

Erster, Satyr

Zweiter, Satyr

Dritter, Satyr

General Chlopicki

Leutnant Zajonczkowski

Leutnant Dombrowski

Nike der Napoleoniden

Offiziere

Publikum

Bühnenarbeiter

Volk

IM THEATER ROZMAITOŚCI

Der Bühnnraum von hinten gesehen. Rückwändeder Dekorationen; im Hintergrunde ist der Vorhangheruntergelassen. Satyrn aus einem Ballett, das getanzt werden soll, hängen Kulissen auf und plazierenVersatzstücke. Schauspieler im Kostüm ihrer Rollen.

SCHAUSPIELER

auf der Bühne, hinter dem Vorhang; sagt an

Wir spielen eine Posse mit Gesang!

PUBLIKUM

im Zuschauerraum hinter dem Vorhang

Ja, mit Gesang!

SCHAUSPIELER

      Mit Kudlicz als Mephisto!

PUBLIKUM

Hoch Kudlicz!

SCHAUSPIELER

      Zwischendurch auch ein Couplet,

Wie’s grade passt, — so a propos.

PUBLIKUM

Kudlicz! Couplets!

SCHAUSPIELER

      Wir fangen an!

Tritt ab, der Vorhang geht auf; man sieht den erleuchteten Zuschauerraum.

PUBLIKUM

in den Logen und im Parterre, in reger Unterhaltung, steht inGruppen, ohne sich um die Vorgänge auf der Bühne zu kümmern;auf der Bühne Fausts Studierzimmer

FAUST

beschwört.

MEPHISTO

steigt aus der Versenkung empor; Pantomime; Mephisto machtbeschwörende Gesten, es erscheint

VENUS-HELENA

einen Pokal in der Hand.

FAUST

kniet vor der Erscheinung.

MEPHISTO

nimmt den Pokal entgegen.

VENUS-HELENA

verschwindet.

MEPHISTO

reicht Faust den Pokal.

FAUST

trinkt; sein schwarzer Mantel fällt ab; er steht verjüngt da.Ein Gazevorhang geht nieder und verdeckt den Zuschauerraum; aufder Bühne Umbau; Zwischenaktsmusik.

ERSTER SATYR

springt am der Kulisse, weist aufs Publikum

Was denken die? —

ZWEITER SATYR

      An andere Sachen.

Nicht daran, was wir oben machen.

ERSTER SATYR

So müssen wir was Neues bringen,

Die sollen staunen —

ZWEITER SATYR

      Ha ha ha.

ERSTER SATYR

Pass nur gut auf, es wird gelingen

Das lustige Allotria.

Ich also bin der Großfürst, — du

Der Grieche und mein Ohrenbläser.

ZWEITER SATYR

reicht ihm einen Frack

Der Frack!

ERSTER SATYR

ziehtden Frack an

      Bind mir die Schärpe zu!

im Befehlston

Die Pfoten weg!

ZWEITER SATYR

kichert

ERSTER SATYR

      Halts Maul! Steh still!

Ducken sich hinter die Kulisse; inzwischen ist der Umbau beendet;die Bühne stellt den Platz vor dem Dome vor; der Vorhang gehtauf und enthüllt den Zuschauerraum.

GRETCHEN

tritt aus dem Dom.

FAUST

nähert sich ihr

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

Meinen Arm und Geleit —?

GRETCHEN

      Ich danke sehr.

FAUST

Will Ritterdienste Euch antragen,

Als Eurer Tugend Schirm und Wehr.

GRETCHEN

Ich bitt Euch, lasst mich schon allein.

FAUST

Wie kann man so hartherzig sein?

GRETCHEN

Ich werde weich, wenn Ihr Euch trollt.

Sie gehen vorüber. Nach ihrem Abgang springen die Satyrn aufdie Bühne; leise Musik.

ERSTER SATYR

als Großfürst

Was sagen denn die Polenmädchen

Von mir? Sie sind bei Gott nicht faul!

ZWEITER SATYR

als Adjutant Kuruta

Sie singen überall im Städtchen,

Hoheit hätt ein Kalmückenmaul.

ERSTER SATYR

Was sagen denn von mir die Polen?

Raus mit der Sprache, du Genie.

ZWEITER SATYR

Sie reden —, mags der Teufel holen...

ERSTER SATYR

Wovon?!

ZWEITER SATYR

      Von Hoheits Idiotie.

ERSTER SATYR

Wer sprach davon?

ZWEITER SATYR

      Ich habs vergessen.

ERSTER SATYR

Verdienstkreuz erster! — Weißt du’s nun?!

ZWEITER SATYR

weist ins Publikum

Wenn Eure Hoheit denn geruhn

Gnädigst gewahr zu werden dessen —

Dort im Fauteuil.

ERSTER SATYR

      Chłopicki?

ZWEITER SATYR

      Stimmt.

PUBLIKUM

steht von den Plätzen auf, wird neugierig; der Gazevorhang fällt;auf der Bühne Umbau.

SATYRN

verschwinden in den Kulissen; Zwischenaktsmusik.

SCHAUSPIELER

läuft wütend auf der Biihne umher

Der Vorhang sollte doch gleich fallen

Nach Faustens Abgang, — Schweinerei!

Wo steckt der Kerl vom Vorhang wieder?!

ERSTER SATYR

Siehst du wohl, unsere Spielerei

Hat ihm nicht sonderlich gefallen.

SCHAUSPIELER

Mir war doch, als ob jemand spielte?!

ERSTER SATYR

Ihm war so —!

ZWEITER SATYR

      Gott, wie ist er bieder,

Erkannte meinen Bocksfuß nicht.

SCHAUSPIELER

zu den Statisten

Antreten bitte zum Ballett!

Und achtgegeben auf mein Zeichen!

ERSTER SATYR

zum zweiten

Vergiss nicht, mir den Helm zu reichen.

Ich werd so tun, als fehlt mir was.

Ein Legionär wird dann auf Richt

Euch stramm in Reih und Gliede stehn.

Ich werde fluchen, werde blass

Vor Wut und reiß die Achselstücke

Herunter; du wirst dieses sehn

Und dich so räuspern:

räuspert sich

      Hm, hm, hm.

Der Umbau ist inzwischen beendet; die Bühne stellt einen öffentlichen Platz vor; der Vorhang geht auf; der Zuschauerraum wirdsichtbar; auf der Bühne Bürger und Bürgerinnen; wandeln aufund ab.

SATYRN

ein Teil der Satyrn erscheint hinter den Kulissen im Zuschauerraum im Parterre.

DRITTER SATYR

hinter dem Sessel Chłopickis

Weißt du noch auf dem Sächsischen Platze,

Wie vor der Front

Hoheit der Großfürst und Thronerbe

Wie toll umhersprang, stampfte und stieß,

Kaum vor Wut sich noch halten könnt,

Und dann einem die Achselstücke

Schäumend und rasend herunterriß

Und mit den Füßen im Kot zertrat? —

Da ward es still...

Du aber blicktest von weitem zu, —

Räuspertest dich...

CHŁOPICKI

räuspert sich laut.

DRITTER SATYR

Plötzlich wandte er sich dann um

Und der Degen in seiner Hand

Zitterte, denn aller Augen waren

Auf dich gebannt...

PUBLIKUM

wird auf Chłopicki aufmerksam.

DRITTER SATYR

Er erkannte dich und wurde rot,

Brummte dann etwas vor sich hin,

Spornte sein Pferd und ritt davon.

Und die Parade war aus.

SATYRN

lachen

Haha — haha

Beinahe ward er toll.

DRITTER SATYR

Denn er hat Angst vor dir, der Heiduck.

VIERTER SATYR

Blickt da empor und sieht Chłopicki.

Auf die Bühne kommen Statisten in Gardeuniform und stellen sichin zwei Reihen zu beiden Seiten der Bühne auf; bilden so ein Spalier für das Ballett; die Musik spielt eine Ballettweise.

ERSTER SATYR

der den Großfürsten vorstellt, stürzt mit dem bloßen Degen in derHand auf die Bühne und läuft die beiden Reihen der Soldaten ab,indem er mit dem Degen die Richtung prüft; als er sieht, dass einSoldat den Helm eines polnischen Soldaten trägt, droht er ihm mitder Faust, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, reißt ihmdie Achselstücke ab, schleudert sie zu Boden, tritt sie mit Füßen;— Stille.

ZWEITER SATYR

in einem weiten Mantel und Zylinder, in Kleidung und Gebarenden General Chłopicki vorstellend, räuspert sich.

ERSTER SATYR

der den Großfürsten vorstellt, stürzt bei diesem Räuspern von der Bühne.

PUBLIKUM

lacht laut auf.

DRITTER SATYR

hinter dem Sessel Chłopickis

Seine Hoheit wurden rot

Und ganz Warschau lachte.

SATYRN

Hahaha, — hahaha —

PUBLIKUM

      Hahaha — hahaha —

ERSTER SATYR

in den Kulissen

Vorhang!!

SCHAUSPIELER

in den Kulissen

      Was gibts?!

PUBLIKUM

      Da capo! da capo!

Der Gazevorhang fällt wieder; Zwischenaktsmusik.

SCHAUSPIELER

stürzt wütend auf die Bühne

Wer ist hier Herr!!

ERSTER SATYR

in den Kulissen

      Das war ein Spiel!

PUBLIKUM

hinter dem Vorhang, unsichtbar

Bravo!!!

ERSTER SATYR

kommt auf die Mitte der Bühne, triumphierend

Das Publikum ruft.

PUBLIKUM

      Da capo! da capo!

SCHAUSPIELER

verzweifelt

Man macht uns das Theater zu!!

ERSTER SATYR

spottend

Das wäre ne Schande!

SCHAUSPIELER

      Rede du! —

Zu den Satyrn

Ihr solltet tanzen, denke ich!?

ERSTER SATYR

aufgeblasen

Mein werter Freund, Sie irren sich,

Sie können uns nicht kommandieren!

ZWEITER SATYR

lachend

Jedoch du kannst uns engagieren!

SCHAUSPIELER

Wer seid ihr denn!!?

ERSTER SATYR

      Ich bin ein Gott!

Und spiele so, wie mirs gefällt!

SCHAUSPIELER

Bis dich der Teufel mal beim Wickel halt!

ERSTER SATYR

In mir erblickst du die Person,

Die mit den Menschen sich will amüsieren!!

Die Musik wird leiser.

ZWEITER SATYR

beschwichtigt den Schauspieler

Das Spiel beginnt.

SCHAUSPIELER

sieht sich um

      Wie? Ist denn schon

Auerbachs Keller, in der Ecke

Fehlt ja das Weinfass!!

ERSTER SATYR

zum zweiten

      Komm und stecke

Dir auch die Maske vor!

Der Umbau ist inzwischen beendet; Auerbachs Keller. Der Vorhang geht auf; auf der Bühne sitzen und liegen betrunkene Studenten auf Stühlen und Bänken herum und zechen inmitten vonFäsern.

STUDENTEN

singen durcheinander

MEPHISTO und FAUST

kommen zur Mitte der Bühne.

MEPHISTO

zu Faust

Hör nur gut zu, — und eins zwei drei

Liegt dir die Dirne schon im Arm.

Drum frisch ans Werk.

FAUST

      Wie solls gelingen?

MEPHISTO

Mit Gold. Des Goldes Melodei

Wird auch dem Mädchen lieblich klingen.

FAUST

Ich hab kein Gold.

MEPHISTO

      Was tuts? Der Schwarm

Der Geister ist zu meinen Diensten.

Und hast du Lust, so zeige ich

Sogleich ein Beispiel dir von meinen Künsten.

Er beschwört; es erscheint

PANDORA

ein Kästchen in den Händen.

MEPHISTO

nimmt ihr das Kästchen ab.

PANDORA

verschwindet.

MEPHISTO

reicht Faust das Kästchen

FAUST

öffnet es und betrachtet die Kleinodien.

MEPHISTO

So kriecht der Mensch in jene Maschen

Des Netzes, das ich ausgespannt.

Geh jetzt zu ihr, — sie wartet liebentbrannt,

Und reichts nicht aus, so füll ich deine Taschen.

FAUST

Wie viele Seelen hast du schon verführt,

Dass sie vom Golde trunken waren?

ERSTER SATYR

in Maske, inmitten der Zechenden

Tagtäglich werden Orden dediziert.

ZWEITER SATYR

gleichfalls in Maske

Den Zaren machte Gott zum Zaren.

ERSTER SATYR

Den Rest der Nacht will ich mich nun ergetzen,

Mich heut am Wein, morgen am Blute letzen!

ZWEITER SATYR

Sein Ordensband will ich zur Schlinge winden

Und ihn erwürgen, heute finden

Mich Lieder lustig, Lieder froh!

STUDENTEN

singen

Tralalala — tralalala.

Lalalalala!

ERSTER SATYR

Schwört, das Geheimnis zu bewahren.

ZWEITER SATYR

Die Maske deckt uns heute.

ERSTER SATYR

Doch morgen mit dem Frühlichtschein

Erkennt man uns, ihr Leute.

ZWEITER SATYR

Beim Fürsten halten wir die Wache.

ERSTER SATYR

Und stoßen zu, — ins Herz hinein.

Wir rechnen ab am Tag der Rache!

ZWEITER SATYR

Der Zar ist nicht mehr Zar!

STUDENTEN

betrunken; singen

Tralalala. Tralalala.

Tralalala — Juchhe!!

Der Gazevorhang fällt; Zwischenaktsmusik; auf der Bühne Umbau.

SCHAUSPIELER

zu den Satyrn

Ich weiß nicht, was das alles soll!?

Das Spielgeld werd ich Ihnen kürzen.

ERSTER SATYR

Scheint dir jetzt alles noch so toll,

So wirst du morgen alles dies verstehn!

ZWEITER SATYR

Dass Sie sich bloß nicht in Unkosten stürzen!

SCHAUSPIELER

zu den Theaterarbeitern

Ich bitte, auf die Herren achtzugeben,

Sie stören mich hier immerzu.

ZWEITER SATYR

stampft auf die Versenkung und gibt damit das Zeichen, sie herabzulassen.

ERSTER SATYR

Nur einen Augenblick und du wirst schweben

Hinunter in der Tiefen kühle Ruh.

SCHAUSPIELER

versinkt mit der Versenkung, auf die er aus Versehen getreten ist.Inzwischen ist auf der Bühne der Umbau beendet; die Bühne stelltden Garten bei Gretchens Hause vor; der Vorhang geht auf, mansieht wieder den Zuschauerraum.

SATYRN

ducken sich hinter die Kulissen.

MEPHISTO und FAUST

treten auf.

FAUST

legt ein Kästchen aufs Fensterbrett.

MEPHISTO und FAUST

verbergen sich hinter den Sträuchern.

GRETCHEN

erscheint im Fenster, erblickt das Kästchen, öffnet es, entnimmt ihmdie Kleinodien und legt sie zögernd an

O diese Pracht,

Wie's blinkt und lacht

Mich an. — O sieh...

MEPHISTO

Das hast du gut gemacht.

Sieh, wie sie greift,

Ihr Auge schweift

Gar lüstern im Betrachten.

Geh nun heran,

Ein solcher Mann

Wie du wird nicht vergebens schmachten.

Summt

Zähl, mein Mädel, zähl die Steine,

Morgen kommen wir ins reine.

GRETCHEN

zu Faust

Lieber Herr, Ihr habt mir dies geschenkt;

Ist denn alles das für mich?

FAUST

Was die liebe Unschuld denkt!

Lass dich lieben, — küssen dich!

GRETCHEN

Ist mir doch, als ob Ihr, Herr,

Immer mich geliebt.

Liebt Ihr mich auch wirklich sehr — ,

Und nur mich?

FAUST

      Du bist betrübt?

Sag, was ists?

GRETCHEN

auf Mephisto deutend

      Wer ist der Mann?

FAUST

Mein Diener ist es.

GRETCHEN

      Lass ihn gehn...

FAUST

Damit du und ich alsdann —

Ungestört...?

GRETCHEN

      So lass ihn stehn.

In der Umarmung ab.

MEPHISTO

singt zur Laute

Jahre eilen, Jahre schwinden

Und die Jugend flieht.

Der nur kann das Leben finden,

Der aus allen heißen Sünden

Glutenschauer trunken zieht.

Wangen welken, Lippen bleichen,

Schelm! wer in den vollen, reichen

Kelchen nicht das Leben sieht.

PUBLIKUM

erkennt Kudlicz in der Rolle des Mephisto

Kudlicz! Couplets!

KUDLICZ

verneigt sich.

SATYRN

erscheinen an Kudlicz' Seite und verneigen sich gleichfalls.

KUDLICZ

greift einen Akkord auf der Laute, singt

Je protege la loi, l'effronterie

enfin je vous permet de vivre;

connaissez la grâce suprème:

SATYRN

„Point des rêveries.”

PUBLIKUM

erstaunt.

KUDLICZ

greift einen Akkord

Je protege le viole, l'escroquerie

dans des ordres, qui vont se suivre.

C'est mon loyale système:

SATYRN

„Point des rêveries.”

PUBLIKUM

wiederholt interessiert

„Point des reveries.”

KUDLICZ

Quand on vous verra fideles, reptiles,

SATYRN

singen

Vous serez invités à la cour.

KUDLICZ

Vous pourrez marier les dames gentilies,

des dames, qui étaient mes amours.

Je danserais moi-même fleuri:

KUDLICZ und SATYRN

„Polonais, point des rêveries.”

SATYRN

Vive la loi, l’effronterie;

c'est Dieu, qui vous donne la raison:

,,Polonais, point des rêveries.”

PUBLIKUM

wird unruhig.

SATYRN

verbeugen sich.

DRITTER SATYR

im Souffleurkasten, hilft Kudlicz ein

Man kann sich mit der Zeit an Sklaverei gewöhnen.

KUDLICZ

wiederholt achtlos

Man kann sich mit dem Schmerz, dem Leid aussöhnen;

Kann tanzen.

DRITTER SATYR

      Wenns der Zar befiehlt ...

KUDLICZ

Kann lachen, wenns der Zar erlaubt.

PUBLIKUM

steht von den Plätzen auf

Was ist denn das, was der da spielt? —

Was soll das heißen? — Steht das überhaupt

ln seiner Rolle?!

Plötzlich wird im Zuschauerraum die Tür von der Straße ins Parterre aufgerissen, auf der Schwelle steht

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Zu den Waffen! Zu den Waffen!

Wie lange wollt ihr noch die schlaffen

Glieder vom Stahl der Ketten schürfen lassen?

Seht dort den Kriegsgott in den Straßen, —

Er eilt dahin in wildem Lauf

Und ruft die Brüder auf

Zum Kampf!!

Tritt die Stufen, die vom Parterre in den Saal führen, hinunter.

LEUTNANT ZAJONCZKOWSKI

stürzt unmittelbar hinter ihr von der Straße herein, bleibt in deroffenen Tür stehen und ruft

Sie morden unsere Brüder in den Straßen!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

eilt durch die Mitte zwischen den Parkettreihen hindurch, bis sievor dem Sitze Chłopickis steht, den sie an der Schulter berührt

Steh auf!

CHŁOPICKI

springt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Ruhm!! Stehe auf!

Fliege empor zu Kampf und zu Sieg!

Du nur vermagst das Werk zu vollbringen;

Du nur allein wirst Lorbeer erringen, —

Aus meinen Händen das blühende Grün!

CHŁOPICKI

Was ist das?

ERSTER SATYR

      Ein Schauspiel!

ZWEITER SATYR

      Sieh dort! Sie binden

Die Russen.

PUBLIKUM

springt von den Sitzen auf

      Sie morden?! — Man soll sie binden!

Wehrt euch! — Erhebt euch, — denn Warschau

      brennt!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

zu Chłopicki

Steh auf und lass deine Stimme erschallen,

In deinem Namen will ich allen,

Durch deinen Ruf den Sieg verleihen!

CHŁOPICKI

Seine Stimme übertönt den Lärm des Durcheinanders

Ein jeder gehe ruhig jetzt nach Haus!

LEUTNANT DOMBROWSKI

betritt mit gezogenem Degen von der Straße her den Saal, an derSpitze einiger Soldaten mit aufgepfanzten Bajonetten.

PUBLIKUM

Was ist geschehn?!

ZAJONCZKOWSKI

      General Chłopicki spricht!

PUBLIKUM

Still! Hört ihn an!

ERSTER SATYR

      Ein Wunder flicht

Den Zauberkranz um unsere Sinne.

ZWEITER SATYR

Man will euch Furcht einjagen!

ERSTER SATYR

      Will euch schrecken!

DOMBROWSKI

weist auf einige russische Offiziere im Parkett

Sie sind verhaftet!

SOLDATEN

umringen die russischen Offiziere

CHŁOPICKI

von seinem Platze aus

      Weg! — Gehorchen Sie!

Auf die russischen Offiziere weisend

Die Herren stehen unter meinem Schutz.

Zu Dombrowski

Ich bitte, sich jetzt zu entfernen! Die

Soldaten gehn sofort aus diesem Saal!

DOMBROWSKI

Sie wissen, scheints, nicht, dass wir uns empört!

CHŁOPICKI

Erst lernen Sie gehorchen, wenn man Ihnen

Befehle gibt.

DOMBROWSKI

      Sie übernehmen die

Verantwortung?!

CHŁOPICKI

      Sie schweigen! — Ich befahl.

DOMBROWSKI

Dass jeder auf Ihre Befehle hört,

Sei dieses der Beweis, Herr General.

Zu seinen Leuten

Mir nach! Abteilung marsch!

Geht zur Tür.

SOLDATEN

ihm nach; ab.

ERSTER SATYR

      Verlacht!!!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

zu den Satyrn auf der Bühne

Hinweg von hier! — ln diesem Augenblick,

Da jeder zu den Waffen greift, dem Sieg

Entgegeneilt, — steht ihr auf dem Theater!?

Betritt die Bühne, von Chłopicki gefolgt.

PULIKUBM

Wo ist Chłopicki?!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Er ist fort.

PUBLIKUM

Er war doch unter uns!

ERSTER SATYR

      Ja, auf mein Wort,

Er ist vor euch, ihr Lieben, ausgerissen.

PUBLIKUM

Dort morden sie! Dort?! — Wo?

ZWEITER SATYR

      Im Belvedere!?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

hat Chłopicki mit ihren Flügeln verdeckt; spricht deklamierend vonder Bühne herab zum Publikum

Geht jetzt hinaus! Des Saales Türen schließen!

In alter Ruhe soll das Leben fließen!

SATYRN

löschen die Lichter auf der Bühne aus.

PUBLIKUM

Seht, — lasst uns gehn, — die Lichter gehn aus.

Verlassen in Scharen das Theater. Der Gazevorhang fällt und verdeckt den Zuschauerraum, der noch erleuchtet bleibt.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

jagt die Satyrn fort

Hinweg mit euch!

Reißt ihnen die Lauten aus den Händen und zerschlägt sie.

ERSTER SATYR

      Verlassen wir dies Haus,

Denn diese Zauberin ist toll.

Eilen durch den Zuschauerraum hinaus.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

kniet vor Chłopicki

Du bist der Führer, sieh, ich knie vor dir!

CHŁOPICKI

hebt sie auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Reich deine Hand zum treuen Bunde mir!

Sieht ihm in die Augen

Wenn alle dich mit heißen Augen suchen,

Umhüllt dich einer Wolke düstres Grau.

CHŁOPICKI

Ich sehe Kinder mit dem Feuer spielen.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Dich nur allein hüllt einer Wolke Grau,

Wenn alle dich mit heißen Augen suchen.

CHŁOPICKI

Wie anders dich die stolze Ruhe kleidet.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Die Menge schreit nach dir, — doch ihren Zielen

Gabst du nicht nach. Gewaltge Größe weitet

Dich ins Unendliche.

CHŁOPICKI

      O Schwester mein, —

Du meisterst meinen Geist. — Mit dir allein

Durch Feuerrauch, durch der Kanonen Donner,

Durch Sturm und Hagel zu der Welten Enden!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Dort wo der Ruhm blüht.

CHŁOPICKI

      Ruhm!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Dich krönt der Ruhm,

Bin ich mit dir, — ich bin dein blühnder Ruhm.

CHŁOPICKI

Und ginge man —?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Wohin?

CHŁOPICKI

      Dorthin. —

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Was tönt —?

CHŁOPICKI

Das Werk.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Nein, — Straßenlärm, — doch hör ich ihn

Von weitem gern, an deine Schulter so

Gelehnt, — bedeck mein Antlitz mit den Händen

Und lausche, wie dort unten tief die Gluten

Im Schoß der Erde zucken, wie die Kruste

Der Erde birst und steile Flammen schlagen. —

Das Werk beginnt, sobald du dich besinnst,

Denn nur von dir allein hängt alles ab.

Denn du allein bist stark im Glauben, bist

Im Werke stark; das Volk wird dich zum Führer

Erwählen und wird alle seine Liebe

In dich ergießen, seinen einzgen Sohn.

CHŁOPICKI

Und wankt mein Volk und wird es schwach, so bliebe

Noch meine Kraft —?!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Dein Sieg wird sein so schön,

Wie du ihn nie geträumt. Ich sehe schon

Dich, Führer, stolz im Siegeszuge gehn.

CHŁOPICKI

Mein Wille nur wird mich geleiten. Wenn

Ich will, so greif ich nach dem Feldherrnstab.

Ich spanne Adler mir an meinen Wagen

Und wenn ich will, so lang ich mir herab ...

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Das Diadem. — Wohlan, du sollst es tragen

Aus meiner Hand.

CHŁOPICKI

      Wofern es mir gefällt,

Reiß ich allein die Krone von den Sternen.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

So lieb ich dich, mein großer, stolzer Held!

Die Lichter im Zuschauerraum verlöschen allmählich; man hörtein Rauschen.

CHŁOPICKI

Was höre ich —?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Gewaltge Flügel rauschen.

Die Schwesternschar dort durch die Lüfte schwebt.

CHŁOPICKI

Die Fensterscheiben klirren, windbelebt. —

Sinds deine Schwestern, die dort fliegen?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Sie sinds! — Und du und ich, wir tauschen

Auge in Auge, Blick um Blick.

CHŁOPICKI

Eilten sie fort? — Hört ich den Flügelschlag

Zu meinen Häupten? Bliebst nur du zurück

Und stehst bei mir?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Es kommt der Schicksalstag,

Der dich zum Führer macht.

CHŁOPICKI

      Ich werde siegen,

Sofern ich will.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Willst du, ich leg die Früchte

Der Nacht zu deinen Füßen und die Stadt

Ist dein —?

CHŁOPICKI

      Ich will nicht.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Soll in der Geschichte

Dein Name leben? Diese Stunde hat

Entschieden.

CHŁOPICKI

      Wie?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      So spiel mit mir.

CHŁOPICKI

      Um was?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Um deine Taten. Deiner Siegesbahn

Zeig ich dir jede Tat. Willst du? — So lass

Uns spielen. — Gib die Karten. Denn du hast

Sie bei dir. — Gib. — Wenn du die roten ziehst,

Das Karo oder Cœur, ist dir der Sieg

Gewiss, indes die schwarzen, Trefle und Pik,

Verlorne Schlachten sind. Willst du, — so spiel. —

Nun lass uns sitzen. — Fange an!

CHŁOPICKI

wirft eine Karte auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

blickt gebückt in die Karten

Am dritten Tag wirst du der Erste sein.

Gewonnen! Sieh, drei rote Zeichen,

Drei Tage, sie sind dein. — Was weiter?

CHŁOPICKI

wirft eine Karte auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Sieh,

Schon wieder flammt es rot, — ein Feuerschein

Glüht über Warschau, — Flammen ohnegleichen. —

Du wirst erregt.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Du sinkst! — Es flieht der Fürst.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Du sinkst!

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Kehrst wieder! —

Gibt ihm eine Karte

      Jetzt bedenke wohl:

Sieg vor den Toren Warschaus. Wirst

Du ihn erringen? Wirf und nimm ihn hin.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Verspielt!

Gibt ihm eine Karte

      Sieg in des Fürsten Lager und

Der Fürst geschlagen?! Wirf.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Verspielt.

CHŁOPICKI

      Verneint

Das Los mir —? Gib mir offnes Feld.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

nickt zustimmend.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

      Verspielt!

Durch die Fenster des Zuschauerraumes dringt ein Feuerschein.

CHŁOPICKI

Dort brennts! — Durch eine Karte werde es erfüllt!

Deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Verspielt!

Wirft die Karten zu Boden

      Adieu, mein Freund!

Eilt hinaus.

CHŁOPICKI

sinkt nieder.

PERSONEN DER SECHSTEN SZENE:

Der alte Lelewel

Joachim Lelewel

Sein Bruder Prot

Seine Schwester

Xaver Bronikowski

Nike von Chaeronaea

Hermes

IN DER WOHNUNG LELEWELS

Ein großes Zimmer im ersten Stock. Links zwei Fenster. Im Hintergrunde eine Tür, die zur Diele führt.Rechts Tür zum Nebenzimmer. An den gelben Wänden Regale aus roh gehobelten Brettern, auf ihnenviele ungebundene Bücher. Tisch, einige Stühle, einSofa. Auf dem Tisch eine Lampe, Schreibzeug undZeichengerät.

JOACHIM LELEWEL

sitzt über den Tisch gebeugt; er hält eine Münze in der Hand, dieer durch ein Vergrößerungsglas betrachtet

Was mag das nur für eine Münze sein —?

Die Umschrift ist fast nicht mehr zu entziffern.

B, O, — Bolesław, — aber welcher?

Legt die Münze beiseite, nimmt ein Buch

Ich will vergleichen ...

Es klopft; aus der Diele stürzt herein

XAVER BRONIKOWSKI

atemlos

      Bist du, Lieber, da? —

Ich lief, was mich die Füße tragen konnten,

Mit Mühe nur schleppt ich mich bis hierher.

Unmittelbar ihm nach tritt durch die halb geöffnete Tür Hermesund bleibt an der Schwelle stehen.

BRONIKOWSKI

Weißt du, was dort geschieht?!

LELEWEL

      Sprich leise. — Still.

Dort drinnen —

weist auf die Tür rechts

      stirbt mein alter Vater.

BRONIKOWSKI

      Endlich

Schlug uns die heiß ersehnte bange Stunde.

Wir leben und das Leben kennt kein Ende.

Die Fähnrichsschule machte heut den Anfang.

Sie schlugen los und haben schon den Fürsten

Gefangen oder ihn getötet. Jetzt

Heißts unverzüglich die Regierung bilden.

LELEWEL

Was sagst du?! — Es bereitet sich schon lange; —

Doch heute, — da doch jeder Augenblick

Gezählt; — du weißt, was ich für diese Sache

Empfinde. — Aber jetzt, da jede Stunde

Die letzte sein kaun, — kommt die Müdigkeit, —

Schlaflose Nächte — gestern, — ehegestern, —

Seit einer Woche hab ich niemanden

Gesehen.

BRONIKOWSKI

      Heute morgen in der Kirche

Beschwuren sie's — Nabielak nahm den Schwur

Entgegen, — übernahm auch den Befehl.

In diesem Augenblick, — die ganze Stadt

Hat sich empört. Doch morgen schon, — wer weiß ...

LELEWEL

Ein neuer Tag —! Ein Tag! — Seit langem schon

War ich bereit, — gewiss, — doch heute — nein,

Ich höre nichts von alledem, was du

Mir sagst, — denn mein Gehör, es saugt sich fest

An jene Wand, — denn dort, jetzt — gleich — wer weiß —?

Dort wacht die Schwester, ich muss leise sprechen, —

Denn er ist eben eingeschlummert. — Wie

Ein Stein liegt diese Botschaft auf der Brust.

BRONIKOWSKI

O glaube mir, wir brauchen dich, wir können

Dich nicht entbehren, — man muss Leute sammeln. —

Jetzt in der Stunde, da das Volk erwacht,

Willst du beiseite stehn, gleichgültig bleiben?

LELEWEL

Ihr habt doch andere.

BRONIKOWSKI

      Du hasts versprochen. —

Ruf sie zusammen, schreib die Listen aus. —

Das, was dich innerlich berührt, muss jetzt

Zurückstehn, da ein Größeres dich ruft,

Das sich erfüllen muss.

LELEWEL

      Es wird geschehen,

Was Gott in seinem unerschütterlichen

Willen bestimmt, nicht das, was Menschen sinnen.

BRONIKOWSKI

fährt auf

Sie haben nicht das Recht, Herr —

LELEWEL

      Wie das schmerzt — —

Gott hat zuerst ein andres Recht geschaffen;

Hier ruht mein Recht —, und jetzt in dieser Stunde

Kann ich vom Sterbebette meines Vaters

Nicht weichen. Und ich werd auch nicht. —

BRONIKOWSKI

      Bist du

Von Sinnen?

LELEWEL

      Ich will meine Seele nicht

Beflecken, — und das schuld ich meinem Vater,

Dass ich bei ihm verweile, bis dass er

Den letzten Atemzug getan. Der Gott,

Der Tote auferstehen lässt, hat wohl

Bestimmt, dass ich beiseite stehen soll

Und andere zur Tat berufen, mich

Wird er von dieser Sünde lösen.

BRONIKOWSKI

      Soll

Ich denn mit leeren Händen gehn —?

LELEWEL

      Du musst

Mit leeren Händen gehen. —

BRONIKOWSKI

      Wie entsetzlich

Blickst du —? Ich eilte her und außer Atem

Stürzt ich herein im Glauben, dass Vernunft

Ich finde, dass ich Pallas treffe, dass

Die aegistragende bei dir verweilt, —

Und sehe, dass du nicht auf Pallas hörst,

Nur zitterst, bleich bist, nicht in Gluten stehst,

Ein Mann der Tat.

LELEWEL

      Du findest Pallas nicht

Bei mir und findest auch die Hoffnung nicht;

Durch meines Denkens schwelend Glutenhäufchen

Fuhr mir ein Hauch von Chaeronaeas Luft.

Drum bin ich bleich und fürchte mich; du findest

Bei mir nicht Pallas, nicht die Hoffnung wieder.

Ich sehe anderes, — ich sehe Hermes

Nackt in das Zimmer treten, seh ihn stehen

Auf dieser Schwelle und die Schlange zuckt

In seiner Hand; — er lauert, um die Seele

Des Menschen zu verführen, wenn noch heute

Des greisen Vaters toter Leib mir dort

In jenem Zimmer sollt im Arme ruhen.

Solange dieser Gott die Schwelle hütet,

Wird keine andre Gottheit Einlass finden.

Nun richte selbst, mein Bruder, bin ich schuldig —

Heut weiß ich nichts, — erinnre mich an nichts,

Gestorben ist mir heute alles, — tot, —

Nur Tränen würgen mich, — ach —

BRONIKOWSKI

geht hinaus.

LELEWEL

      Lebe wohl!

Lauscht an der Tür des Nebenzimmers, kehrt dann zum Tischzurück

Bolesław, — aber welcher —? Inschrift, — und

Ein Ritter hoch zu Pferd, — mit Schwert und Schild,

Ein Schwert zur Seite. — Ja, ein Fund. Ich zeichne

Es ab, dann find ich seinen Ursprung leichter

Heraus.

Er zeichnet

      Der Kopf ist schwer. — Ich sehe schlecht. —

Die Umrisse verschwinden vor den Augen.

Hört auf zu zeichnen.

HERMES

geht auf das Nebenzimmer zu.

LELEWEL

in Gedanken versunken

Wer mags nur sein —? Fürst Czartoryski, — hm, —

Niemcewicz, — und vielleicht Lubecki —? Ja,

Es wird. Man muss den Reichstag einberufen. —

Der Finger Gottes. — Es fängt an. — Chłopicki. —

Es ist schon spät.

Sieht auf die Uhr

      Neun Uhr.

HERMES

geht durch die Tür rechts ins Nebenzimmer.

LELEWEL

steht auf, wankt, geht zum Fenster, bleibt einen Augenblick stehen.Geht dann zum Tisch zurück und setzt sich. Die Uhr schlägt neunSchläge. Aus der Tür rechts kommt

HERMES

vom alten Lelewel gefolgt.

DER VATER

folgt Hermes zur Tür im Hintergrunde, bleibt auf halbem Wegestehen, hinter dem Stuhl des Sohnes

Was wartest du? Von dort kehrt niemand wieder.

Du lebst und musst nun handeln. Warte drum

Nicht länger, — ich bin nur ein Schatten und

Verschwinde mit dem ersten Morgengrauen.

Ich sinke, wie ein alter Baumstamm sinkt,

Der morsch und schwach gar viele Jahre trug.

Du lebst, — drum lass das Leben dich umbrausen.

Denk an die Tat, vollende sie mit denen

Im Bunde, die dir Gott zu Brüdern gab. —

Sieh, der Gedanke ist ein Hauch, — erhasche

Ihn, — öffne deine Brust und sauge ihn

Mit tiefem Atemzuge ein. O sieh,

Ein Hauch ist der Gedanke nur, — ein Sturm

Weht ihn hinfort — und du bleibst, — arm und leer;

Der Morgen kommt und du erwachst und fühlst

Den Fluch der Schuld: Der neue Tag erwacht

Und ist dem alten gar so fremd ...

LELEWEL

in Gedanken versunken

Es naht die letzte Stunde meines Vaters,

Er kämpft den letzten Kampf und gerade jetzt,

Da er zum ewgen Schlummer sich bereitet,

Erwacht die Menge, reißt sich los und drängt

Zum Frühlicht eines neuen Lebens. Ich

Muss abseits bleiben, muss das Feuer hüten,

Verschränkt die Arme an dem Grabe stehen,

Das meine Hände ihm geschaufelt haben, —

Soll ich beim Leichenschmaus mich freuen dürfen?

VATER

Leb wohl, mein Sohn, weit ist der Weg, ich ziehe

ln ferne Lande, in Elysiums Haine,

Ins Reich des ewgen Schlafes, und der Blick

Wird trübe, nächtger Tau blinkt auf den Wimpern

Und kaum vermag ich dich noch zu erkennen.

Leb wohl, mein Sohn, — und meine letzte Bitte,

Bewahre deine Hände rein vom Blut —!

LELEWEL

steht auf

Warum verschränkt die Arme? — Dort, — mein

      Werk, —

Das Zeichen, — letzten Endes Ziel, — — dort, —

      Blut, — —

Hier liegt mein Vater in den letzten Zügen

Und ich, — ich weine. Geh, o lass mich frei,

Ich bin zu schwach für diese Last, die mich

Erdrückt, — ich fleh dich an, — ich will nicht

      weinen, —

Nicht Tränen will ich jetzt vergießen, — Blut,

Blut will ich, — Blut, — mein Vater!

VATER

      O bewahre

Die Hände rein von Blut. —

LELEWEL

      Blut will ich, — Blut;

Die Stimme, — ach, ein Flüstern, — — welch ein Schatten —?

Die Scheiben klirren, — grausger Wind, ein Sturm

Fegt durch die Gassen. Menschenknäuel winden

Sich durch die Straßen — dort, — und hier, — wie müde

Bin ich, — so müde, — Schlaf, — ach Schlaf, — so viele

Schlaflose Nächte hier, — und dort erwachen

Jetzt Menschen, stehen auf, stürmen dahin, —

Geboren wird jetzt der Gedanke und

Ein Reich wird aufgebaut, — feurige Wehen —!

Warum darf ich nicht auch dorthin — —?

VATER

      Ich gehe, —

Dein Herz, vermag ich nicht zu retten.

LELEWEL

      Schon

Begann das große Werk, ist halb getan.

VATER

Bewahre deine Hände rein von Blut.

LELEWEL

Der Freiheit goldner Feiertag, — jetzt gilts —

Ein Hauch ist der Gedanke, — weht dahin, —

Polen wird dort geboren.

VATER

      Du warst mir

Ein treuer Sohn...

LELEWEL

      Fort Tränen, Leid und Schmerz;

Das große Werk ergriff schon der Gedanke, —

Ein Hauch spielt er dahin und wird, — fort jetzt,

Ihr Tränen, fort ...

VATER

      Ich geh zur Ewigkeit.

LELEWEL

Gib mir die Kraft, mach hart mein Herz, den Kummer,

Den Schmerz zu überwinden, stark zu sein.

Um auch dorthin zu gehen, wo der Kampf

Beginnt und Polen jetzt geboren wird

Aus heißer Sommernächte glühnden Träumen.

VATER

folgt Hermes langsam zur Tür im Hintergrunde

Ich gehe in das Reich des ewgen Friedens.

Ade! Ade! Ade!

Verschwindet in der Tür.

LELEWEL

wendet sich um, sieht die Tür offen

Was gibt es —? Kam schon wieder jemand her,

Um mich zu rufen —? Was bedeutet das?

Der Flur ist leer.

Aus dem Zimmer links kommt

DIE SCHWESTER LELEWELS

bedrückt.

LELEWEL

sieht sie an

      Mein Vater!!!

Blickt zur Tür

      Meines Vaters

Schatten!

SCHWESTER

weist auf die Tür des Zimmers, aus der sie gekommen, unsicher, leise

      Er schläft, — er schläft —

LELEWEL

in Gedanken, leise

      Ich weiß, es ist

Der ewge Schlaf.

SCHWESTER

      Ich wagte seine Stirne

Nicht zu berühren. —

LELEWEL

will etwas sagen.

SCHWESTER

      Leiser...

LELEWEL

      Ihn erweckt

Jetzt keine Stimme mehr. Sein Geist ist schon

Dahingegangen.

Sie gehen beide in das Zimmer des Vaters, aus dem Lelewel sogleichzurückkehrt.

SCHWESTER

kehrt zurück und bleibt auf der Schwelle stehen

      Sahst du? Tränen fließen

Aus halbgeschlossnen Lidern noch herab...

LELEWEL

Die letzten Worte, die er zu uns sprach.

SCHWESTER

Ich hörte, du warst nicht allein, — ich wagte

Nicht einzutreten, doch ich öffnete

Die Tür ein wenig. Ging dann wieder fort,

Doch nur so weit, um euch zu lauschen. Prot

Hab ich erwartet, grad zu dieser Stunde

Versprach er mir zu kommen und ich wollte

Mit ihm zusammen Vaters Bett erneuern,

Denn ich allein vermöcht es nicht; — vorüber

Sind nun die Sorgen, — alles ist nun aus,

Da seine Seele einging zu dem Herrn.

PROT, LELEWELS BRUDER

stürzt strahlend vor Freude durch die offne Tür im Hintergrundeherein. Da er sein freudiges Gefühl in Worte fassen und von denEreignissen in der Stadt erzählen will, gewahrt er den Bruder unddie Schwester, die regungslos dastehen; die Worte ersterben ihmauf den Lippen.

NIKE VON CHAERONAEA

eilt kurz nach ihm herein, verbirgt ihn mit plötzlicher Bewegungder Hand vor den andern und spricht an seiner Stelle

Freude will ich euch künden!

Sehet, die Toten winden

Kränze aus Rosen!!

Die Feinde erliegen,

Die Eueren siegen,

Zerbrochen die Ketten,

Die Freiheit zu retten

Wandelt der Tod und mäht.

Greift nach der Fahne, sie weht

Durch die Lüfte gegossen.

Was dich gebunden,

Ist nun geschwunden,

Der Tod hat auch dich befreit,

Nahm dir Sorge und Leid.

Auf! — und erwache in Glut, —

Sieh, dort draußen fließt Blut,

Sieh, dort draußen rauscht zündend die Wut!

Seid ihr zu schwach, die Liebe zu knechten?! —

Euch kam die Freiheit — aus göttlichen Rechten!!

Trommelwirbel des durch die Straßen ziehenden Heeres.

PERSONEN DER SIEBENTEN SZENE:

Pallas Athene

Ares

Peter Wysocki

Sewerin Goszczynski

Ludwik Nabielak

General Zymirski

Leutnant Czechowski

Leutnant Zaliwski

Graf Stanislaus Potocki

Fürst Adam Czartoryski

Der junge Gendre

Makrot

Ein Gendarmeriecoffizier

Ein Kutscher

Fähnriche

Aufständische

Leute aus dem Volke

Erste Kere

Zweite Kere

Dritte Kere

AUF DER STRAßE

Eine enge Gasse, die nach dem Hintergrunde führtund dort in eine breite Straße, die Krakauer Vorstadtmündet. Die Gasse wird von den Rückwänden derHäuser und Gartenmauern begrenzt. Im Vordergrunde zweigt rechts und links je eine Gasse ab; ander Kreuzung eine Laterne.

PALLAS

steht in der engen Gasse, blickt nach dem Hintergrund. Militärzieht in Abteilungen im Hintergrunde von rechts nach links;Trommelwirbel.

PALLAS

tastet sich zur Mündung der Gasse, ruft mit Kommandostimme

Links um!

LEUTNANT CZECHOWSKI

marschiert mit seiner Abteilung auf der Hauptstraße

      Links um marsch!

Biegt in die enge Gasse ein. Czechowskis Abteilung löst sich vomGros ab und biegt ihrem Führer nach in die enge Gasse ein; Pallasschreitet ihnen voraus.

CZECHOWSKI

Wohin führst du?

PALLAS

      Zum Arsenal!

Zahlreiche Bataillone werden

Dir folgen. Und mit Feuerstürmen

Erweck ich ihren Geist. Hinauf! Empor!

CZECHOWSKI

Dir nach, du Göttermädchen Pallas!

PALLAS

Ich glüh in Kraft und in allmächtigem Wollen.

Tritt näher her zu mir, mein Freund,

Wie ist dein Name? Lass ihn hören.

CZECHOWSKI

Czechowski.

PALLAS

      Späte Zeiten sollen

Ihn nennen. Dieser Tag soll dir gehören

Und diese Nacht, — die eine Nacht.

Dein Vaterland hat einen Sohn gewonnen!

Auf!

CZECHOWSKI

Vorwärts marsch! — Mein Glaube? — Zar,

Dein Königreich, es — war;

Zum Arsenal!

Biegen in die Seitenstraße rechts ein, Trommelwirbel.

PALLAS

wendet sich dem Hintergrunde zu, da sie bemerkt, dass das Militärweiter auf der Hauptstraße zieht

Halt! Ihr, — wohin? Steht still! Ihr eilt?

Die Mädchen senkten ihre Flügel,

Beschatteten den Weg. Verweilt!

Ich bin mit euch, wo strebt ihr hin?

Ihr spielt mit eurem Leben.

Verrat hat euch die Richtung angegeben!

Und ihr gehorcht arglos mit gläubigem Sinn.

ARES

inmitten des Militärs auf der Hauptstraße

Zum Belvedere!

GENERAL ZYMIRSKI

zu Pferde inmitten des Militärs auf der Hauptstraße

      Zum Belvedere!

ARES

Mit Leichen decke ich das Feld!

Und siege!

PALLAS

Du bist von Sinnen. Und dein Wahn

Ist Lüge!

ARES

      Trompeter, blast!

ZYMIRSKl

      Signale! Trommeln!

Siegesgöttinnen fliegen über den Häuptern der Soldaten inMarschrichtung.

PALLAS

Sie rasen! — Weh! Sie rasen!

Kommt nach vorn.

WYSOCKI

kommt eilends aus der Straße links, bemerkt Pallas

Ach! — Du! —

PALLAS

      Mein Held!

Der erste Sieg ist dein!

WYSOCKI

Sieh, wie der Kürassier mich traf;

Auf meiner Wange, —

PALLAS

      Eine Wunde!

Das Blut ist frisch, lass es mich trinken.

Dein Name lebt, weit über diese Stunde!

Fähnriche marschieren auf der Straße links, bleiben stehen.

PALLAS

Nun höre mich, — sie eilen jetzt daher,

Und streben blindlings hin zum Belvedere.

Ares, der Rasende, hetzt sie und treibt.

Und meine Töchter rauschen in den Lüften

Und einer Wolke gleich verfolgen sie

In stummem Zug das dichtgeballte Heer.

Ein einziger nur, — nur einer bleibt

Gehorsam meinem Ruf. Er hörte, wie

Ich im geheimen warnte, und er führt

Im Schutz der dunklen Nacht nun seinen Zug

In diese Seitengasse.

WYSOCKI

      Und wohin?

PALLAS

Zum Arsenal. Eilt auch dorthin,

So schnell ihr könnt und teilt die Waffen aus.

Schlagt ein die Tore! Hört ihr wohl?

FÄHNRICHE

      Wir hören!

GOSZCZYNSKI

kommt aus der Seitengasse links.

DIE VOM BELVEDERE

folgen ihm.

PALLAS

Doch ich, allein in Wahn noch nicht verstrickt,

Gestatte nun, dass Ares glauben mag,

Der Sieg sei sein;

Ich aber nur mit euch allein,

Bevor sich neigt der Tag,

Erobere das Arsenal. Ist dies geglückt,

Ist für den Fürsten auch die Stadt verloren,

In dem Palais, dem leeren Königsneste

Setz Ares ich gefangen und

Bereite ihm der Liebe reiche Feste

Mit jenem Mädchen, das ich ihm erkoren.

Dann geh ich hin, ein Wort aus meinem Mund

Zerstört den Liebestraum und weckt sie beide auf.

STANISLAUS GRAF POTOCKI

naht im Hintergrund von der Hauptstraße her.

GOSZCZYNSKI

Wer kommt —?

PALLAS

      Wohl ein Erlauchter.

WYSOCKI

      Halt.

POTOCKI

von weitem

      Du steh.

Alte bleiben stehn, er kommt näher und erkennt die Fähnriche

Wohin, ihr Jungens?!

PALLAS

      Seht auf unserm Scheitel

Den Stern, den gottgeborner Stolz erhellt.

WYSOCKI

Geht mit uns, Graf Potocki! Seht die Adler,

Sie breiten ihre Schwingen über uns!

POTOCKI

Sie schweigen!! Ich befehle!

WYSOCKI

      Spielen Sie

Nicht mit der Ehre, General!

POTOCKI

      Ich habe Sie

Zum Hüter meiner Ehre nicht bestellt.

WYSOCKI

Ich will Sie ja um alles in der Welt

Nicht kränken. Doch ich wünschte mir, Sie wären

Ein Beispiel uns an Mut und Rittertugend,

Herr Graf, ich wünscht, Sie zeigten sich als Held.

POTOCKI

Ah! Abenteurer.

NABIELAK

      Knalle ihn doch nieder.

WYSOCKI

Mein lieber Graf Potocki, auf den Knieen

Bitten wir Sie.

Kniet nieder.

FÄHNRICHE und DIE VOM BELVEDERE

stehen unbeweglich.

POTOCKI

lächelt.

WYSOCKI

      Ich fleh Sie an. O gehen

Sie mit uns.

POTOCKI

schweigt.

WYSOCKI

      Wie? Sie schweigen —?

FÄHNRICHE

      Geht mit uns.

Knien nieder.

WYSOCKI

Sie schweigen?

POTOCKI

wendet sich ab.

WYSOCKI

Sie schweigen?

FÄHNRICHE

erheben sich

WYSOCKI

      Gut, — so gehen wir allein!

Laut

Auf, Jungens, auf, schon windet man euch Kränze!

Zum Arsenal! Zum Arsenal!!

Er geht von den Fähnrichen und denen vom Belvedere gefolgt in die Seitengasse rechts.

POTOCKI

steht in Gedanken versunken.

PALLAS

tritt vor Potocki hin

Wer bisi du, — dass sie so nach dir verlangen?

Bist du so mächtig und vermagst so viel? —

Du wagst es, zwischen mich und jenes Ziel,

Das mir gesteckt, zu treten, — wagst es? Sprich,

Wer ist dein Herr?

POTOCKI

zieht die Augenbrauen zusammen.

PALLAS

      Willst du, dass deine Brüder

Ihr Blut umsonst vergießen? Glaubst du denn,

Du, du allein entgehst dem Flügelschlage

Der Adler, die ich aufgescheucht?

Ahnst du die feuerschwangre Macht,

Die dieser Nacht

Den Purpurmantel reicht?

POTOCKI

senkt den Kopf nachdenklich, düster.

PALLAS

berührt ihn mit dem Speer an der Stirn

So nimm Vernunft an.

ZALIWSKI

an der Spitze einer Abteilung Soldaten, aus der Gasse links

      Es ist Nacht,

Lasst Kugeln pfeifen.

Kommandiert

      Links um! Marsch!

PALLAS

Wohin?!

ZALIWSKI

      Zum Arsenal!

PALLAS

weist auf Potocki

      Sieh!

ZALIWSKI

      Wer ist das?!

Steh! Die Parole!

POTOCKI

unbeweglich

Wer? — Der Eure!

ZALIWSKI

erkennt, salutiert, kommandiert

Achtung! Präsentiert das Gewehr!

POTOCKI

zieht den Degen, kommandiert

Gewehr über! Hechts um! Marsch!

ZALIWSKI

Wir gehn zum Arsenale!

Zaliwskis Abteilung hat auf Potockis Kommando gehört und stehtabgewendet, die Front nach dem Hintergrunde.

POTOCKI

Vorwärts marsch!

Zaliwskis Ableitung setzt sich in Marsch durch die enge Gasse nachdem Hintergrunde hin.

ZALIWSKI

springt vor seine Abteilung

Wohin?!!!

POTOCKI

      Schweig!!

ZALIWSKI

      Dort hinaus ist ja der Weg

Zum Belvedere! — Verrat!!

POTOCKI

schiebt Zaliwski mit seinem Degen beiseite

      Ich kommandiere!

EINE STIMME

Die Russen! Gendarmeriepatrouille!

Zaliwskis Abteilung zieht sich in den Vordergrund zurück. Auf derHauptstraße wird eine russische Gendarmeriepatrouille sichtbar.

ZALIWSKI

zu seinen Leuten

Front! — Geladen! — Legt an.

POTOCKI

Halt!

ZALIWSKI

      Legt an! Feuer!

POTOCKI

      Halt!

ZALIWSKI

      Feuer!!

Zaliwskis Abteilung schießt nach dem Hintergrund. Die russischeGendarmeriepatrouille schiebt sich in die enge Gasse vor.

GENDARMERIEOFFIZIER

Feuer! — Hurra!

ZALIWSKI

      Nieder!

Die Abteilung kniet nieder. Die russische Gendarmeriepatrouilleschießt nach dem Vordergrund.

POTOCKI

der unbeweglich stand, fällt, von einer Kugel getroffen.

ZALIWSKI

Auf! — Bajonett!

Die Abteilung pflanzt Bajonette auf

      Vorwärts marsch, marsch!

PALLAS

Vorwärts!

ZALIWSKI

      Glaube! — Marsch! Marsch!

GENDARMERIEOFFIZIER

Geladen! Feuer!

Schüsse fallen auf beiden Seiten, mehrere von Zaliwskis Leutenfallen. Die Abteilung rückt in die enge Gasse vor.

PALLAS

eilt nach dem Hintergrund

Blut! Blut!

Die russische Gendarmeriepatrouille zieht sich zurückgedrängt inden Hintergrund zurück. Die Abteilung Zaliwskis verschwindet in der Hauptstraße.

VOLK

stürzt aus der Gasse links und schleift Makrot mit sich

Spion! Spion! Hängt ihn! Reißt ihn in Stücke!

MAKROT

Erbarmen! Habt doch Mitleid!

VOLK

Spion! Spion! Hängt ihn! Reißt ihn in Stücke!

MAKROT

Erbarmen! Habt doch Mitleid!

DER JUNGE GENDRE

in der Uniform eines russischen Offiziers stürzt aus der Gasse rechts

Zurück! Zurück!

VOLK

weicht zurück

MAKROT

      Barmherziger!

Klammert sich an Gendres Knie, blickt ihm, der sich über ihn neigt,scharf ins Gesicht; plötzlich

Wisst ihr auch, wer das ist?! Das ist der Sohn

Des Schurken, des gemeinsten Galgenvogels.

Sein Vater ist des Großfürsten Vertrauter.

Schlagt ihn doch tot!

Stürzt sich auf den jungen Gendre

      Du Hund! Du Hund! Du Hund!

DER JUNGE GENDRE

zieht den Degen.

VOLK

entreißt ihm den Degen und bricht ihn in Stücke.

DER JUNGE GENDRE

Ah! — Vater!

Sinkt nieder

      Vater — — —

MAKROT

steht über die Leiche gebeugt, mit betäubt.

EINER AUS DEM VOLKE

      Jetzt bist du daran!

MAKROT

lauscht

Halt. — Wartet. — Hört ihr einen Wagen kommen?

VOLK

lauscht in Erwartung.

MAKROT

Ein Wagen holpert übers Pflaster.

Ein Wagen fährt herein.

MAKROT

stürzt dem Wagen entgegen

      Wer

Fährt da?

KUTSCHER

      Der General Nowicki!

MAKROT

      Wer? —

Wer, sagst du, fährt?

VOLK

umringt den Wagen.

MAKROT

      Seht her, die Brust besät

Mit Orden. Ein Verräter! Du Verräter

Lewicki! Ah —, ich kenne dich! Du Judas!

Sollst hängen, Bruder!

Es fallen einige Schüsse.

MAKROT

      Oh, — schon tot! — Schon tot!

EINER AUS DEM VOLKE

Heraus die Leiche!

VOLK

zieht die Leiche aus dem Wagen heraus.

EIN ZWEITER AUS DEM VOLKE

      Seht doch zu, wers ist!

KUTSCHER

Der General Nowicki!

Springt vom Bock.

DER ZWEITE AUS DEM VOLKE

      Und erschossen

An Stelle von Lewicki! — Welches Unglück.

Ein Edler fiel an Stelle des Verräters!

KUTSCHER

führt die Pferde in die Seitengasse.

DER ERSTE AUS DEM VOLKE

Wer sagte da, es wäre ein Verräter?

Wer hat die Namen so verwechselt?

DER ZWEITE AUS DEM VOLKE

      Hängt

Ihn auf!

VOLK

weist auf Makrot

      Er wars.

DER ZWEITE AUS DEM VOLKE

      Das Schandmaul soll man ihm

Mit seinem eignen Blut verkleben.

VOLK

stürzt sich auf Makrot, wirft ihn nieder und schleift ihn am Boden

      Hängt

Ihn auf! — Ganz hoch! — An die Laterne! — Hängt!!

Spritzt, klatscht sein Blut, — sein Blut an alle Mauern!

Wirft die Leiche auf die Straße, entfernt sich in der Richtung aufdie Hauptstraße

An den Mauern schleichen entlang

KEREN

stürzen zu den Leichen der Gefallenen, beugen sich darüber undSaugen das Blut

Saug alles Böse aus dem Gebein,

Den Geifer aus den Wunden.

ERSTE KERE

über Makrots Leiche gebeugt

Der hier ist mein.

ZWEITE KERE

über Potockis Leiche gebeugt

      Der mein.

DRITTE KERE

über des jungen Gendre Leiche gebeugt

      Der mein.

ERSTE KERE

an Makrots Leiche geklammert

Ha! Ein Spion.

ZWEITE KERE

an Potockis Leiche gesaugt

      Ein großer Herr.

DRITTE KERE

an des jungen Gendre Leiche geklammert

Ein armer Schächer.

ERSTE KERE

      Saug das Leid

Heraus und kose, schmeichle, herze.

ZWEITE KERE

Wenn du die Seele von dem Joch befreist

Und aus der Seele alle Sünden reißt,

Dann leiten wir sie auf die Insel

Zum Spaß.

DRITTE KERE

      Zum Spaß.

ERSTE KERE

      Zum Spaß.

In der Gasse hört man das Knarren eines Schlosses; in der Maueröffnet sich eine enge Pforte, daraus tritt

FÜRST ADAM CZARTORYSKI

in einen weiten Mantel gehüllt, späht umher, bleibt im Schatten derMauer stehen

ZWEITE KERE

Man naht...

DRITTE KERE

      Ein Lebender.

ZWEITE KERE

      Im Schatten

Der Mauer blieb er stehn.

FÜRST ADAM CZARTORYSKI

ist einige Schritte gegangen; steht im Licht, lauscht und späht,nachdenklich.

ZWEITE KERE

      Er trat ins Licht.

DRITTE KERE

Er spricht.

ZWEITE KERE

      Sucht der Gedanken Gleichgewicht. —

FÜRST CZARTORYSKI

Die Krone — — —

ZWEITE KERE

      Von der Krone träumt der Tor.

FÜRST CZARTORYSKI

in Gedanken versunken

Wohin mich wenden —?

ZWEITE KERE

      Hüt dich vor

Gedanken, die du denkst!

FÜRST CZARTORYSKI

blickt sich um

      Sind sie

Der Zukunft allzu schnelle Boten — — —?

Will nach der Hauptstraße zu gehen

Nein, — nein, hinweg —

ZWEITE KERE

erhebt das Haupt

      Sie hören, — —

FÜRST CZARTORYSKI

ist stehen geblieben, beugt sich nieder, um zu sehen, zu verstehen

      Wer!?

ZWEITE KERE

erhebt sich langsam, von ihren Lippen sickert Blut

      Die Toten!

PERSONEN DER ACHTEN SZENE:

Ares

Johanna

Siegesgöttinnen

Kora

IM PALAIS ŁAZIENKI

Das Vestibül des Palais, säulengetragen; kahle Sträucher und Zypressen.

SIEGESGÖTTINNEN

führen Ares im Triumphzuge herein

Heil dir, du siegtest, wie nur Götter siegen.

ARES

Sie traf mein Schwert, zu meinen Füßen liegen

Sie überwunden.

GÖTTINNEN

      O du trafst ihn gut,

Den übermütgen Sinn, du bogst den steifen

Nacken herab und aus den stolzen Zügen

Wich alles Blut.

Du darfst nach königlichem Lorbeer greifen.

ARES

Die Rüstung schmilzt von innerlicher Glut.

Schweißtropfen perlen nieder. — Gebt zu trinken.

GÖTTINNEN

Sahst Menschenknäuel stürzen und versinken

Id einem Meer von Blut, daraus verjüngt

Sie sich zu neuem Leben

Erheben.

ARES

Legt ab die Rüstung, denn sie schwitzt von Blut.

Legt ab den rostgen Helm, lasst Fackeln leuchten,

Streut Weihrauch auf die Pfannen, Opfer bringt

Dem großen Zeus.

GÖTTINNEN

reichen ihm einen Trunk.

ARES

      Eh meinen Mund befeuchten

Die ersten Tropfen, sei der erste Trunk

Dem Vater dargebracht.

Nimmt den Pokal, gießt Wein auf die Erde.

GÖTTINNEN

entzünden Feuer auf Dreifüßen, strahlende Helle verbreitet sich.

ARES

Wer nennt dies leere Haus sein eigen?

GÖTTINNEN

August der letzte Polenkönig hats erbaut.

Gebildet an hellenischer Kunst.

ARES

Und seine Enkel waren zu gering,

Darin zu wohnen —?

GÖTTINNEN

      Nur ein Schweigen,

Dem stumm sich schattenarme Wände neigen,

Uns hier umfing.

ARES

Die Türen alle auf!

GÖTTINNEN

öffnen das Hauptportal des Palais, in der Tiefe wird Eros sichtbar,der im anstoßenden runden Saat steht.

GÖTTINNEN

Wer ist der Knabe in lockigem Haar,

Die Wangen wie Milch und Blut?

Den goldenen Bogen mit keckem Mut

Spannt er und wägt den goldenen Pfeil.

Schützt er das einsam verlassene Haus?

Wie ist dein Name, du schöner Knabe?

War Aphrodite dir Mutter, es strahlt

Göttliche Schönheit von dir aus.

Und deine purpurleuchtenden Wangen

Sind wie mit Morgenröte gemalt.

EROS

spannt den Bogen und zielt auf Ares' Brust.

GÖTTINNEN

gehen in das Innere des Palais, von wo sie Johanna herausführenund zu Ares geleiten

JOHANNA

in langem Schleier und weißem, mit Sternen besätem Kleide.

GÖTTINNEN

Sieh, es naht der Frauen Blüte

Und es strahlt der ganze Raum;

Sie entflammte Aphrodite,

Weckte sie aus schwerem Traum.

ARES

betrachtet Johanna

Bald erglüht sie, bald erbleicht sie.

JOHANNA

Eros führt mich zu dir hin.

Eros lenkte meinen Sinn.

ARES

Aphroditens schöne Gabe

Wangenrosig mir sich neigt.

JOHANNA

Aus verschwiegner Liebe Grabe

Röte zu den Wangen steigt.

Meine Trübsal, wann entweicht sie?

GÖTTINNEN

Cyperns Göttin, Aphrodite,

Leitet dich, Betrübte,

Sie erhörte deine Bitte,

Siehe: Der Geliebte.

JOHANNA

Will gehorsam sein dem Lose,

Eros' Macht hab ich verspürt;

Aus des Krieges blutgem Schoße

Hat mich Waffenlärm geführt,

Und mit meinem Hofstaat stehe

Ich vor dir.

ARES

Da du mir bestimmt zur Ehe,

Komm zu mir.

JOHANNA

Liebesgluten

Mich durchfluten.

ARES

Lass sie lodern, lass sie brennen.

JOHANNA

Meine Schande sollst du kennen, —

Räche —!

ARES

Deine Schwäche

Soll ein großes Opfer sühnen.

Alle Ritter, die gefallen,

Folgen deinem Siegeswagen.

Schreckensrufe werden hallen,

Tote werden Tote jagen, —

Mit entsetzten Mienen.

Sieh, die blutgen Kränze tragen

Die Erinnerung dieser Nacht.

JOHANNA

Goldene Blätter tragen sie;

Doch in meinem Lande

Sah ich solche Blätter nie.

ARES

Sie erraffte meine Macht:

Sieh, wie Helden siegen.

JOHANNA

Dich allein hab ich ersehnt,

Dich nur kann ich lieben.

Wand in Elend mich und Schande,

Härmte mich in bangen, trüben

Nächten, schluchzte bitter und

Betete, — jetzt lacht mein Mund.

ARES

Deinen kummerbleichen Zügen

Leuchte junger Liebe Licht.

JOHANNA

Ich bin stolz, — und zittre nicht.

Denn ich hab dein Knie berührt,

Dich als meinen Herrn verspürt.

Nach mir Tod

Und Angst und Not,

Schaudern.

Hochzeitsklänge tönen mild, —

Singen.

ARES

Warum zaudern?

Lasset wild

Schwerter an die Schilde schlagen, —

Siegeshymnen sollen klingen.

Aus den Sälen des Palais ertönt Musik.

JOHANNA

Nimm mich hin, ich bin bereit,

Meine Glut ist dir geweiht.

ARES

Tausend tote Ritter liegen,

Die ich hingestreckt;

Seelen habe ich geweckt

Und befreit.

Und in vollen, reichen Zügen

Durften sie des Sterbens Lust genießen;

Deiner harrt der Liebe Lust in süßen,

Heißen Schauern.

JOHANNA

Wollust, die du ausgebreitetÜber sie, hat ihren Geist

Aus der Qual emporgeleitet

Und zum Flammenhauch geweitet.

Deine Gluten schenk dem Leibe,

Schenk die Wollust deinem Weibe...

GÖTTINNEN

Seinem Rufe folgen wir,Öffnen Tor und Tür,

Er, der Kriegsgott, Herr der Schlachten,

Herrschet hier.

ARES

Sieg errang ich auf dem Feld,

Sieg in blutgem Lauf,

Und die Völker dieser Welt

Wachten auf.

JOHANNA

Liebe hast du dir errungen;

Elend war ich, lag in Nacht,

Deine starke Siegermacht

Hat mein Herz bezwungen.

ARES

Welche Not kann dich noch kümmern,

Welche Sorge kann dich quälen,

Was kann, Holde, dir noch fehlen,

Da ich doch den Sieg errungen —?

JOHANNA

Sieh, ich zittre und es schimmern

Feucht die Augen. Du erschlugst

Viele Ritter in der Schlacht;

Doch ich kann nicht Ruhe finden,

Da der Gatte mit dem Bruder

Kämpfte und ich ja nicht weiß,

Wem ich Siegeskränze winden

Soll, da Sieger und Besiegte

Ich nicht kenne und nicht weiß,

Ob den Gatten ich beweinen,

Mich des Bruders freuen soll,

Oder ob dem Gatten fluchen.

Ob des Bruders Tod ich soll —?

ARES

Lern vergessen, — warum suchen

Welken Mohn in reifen Garben —?

Brände flammten, Menschen starben

Und das wilde Kriegsgeschrei

Hallte an den Trümmern wider,

Schwoll und starb und quoll aufs neu.

Dieses Feuers jähe Helle

Überflute deine Glieder,

Und die Ernte soll dich freuen.

JOHANNA

Jahre mussten sich erneuen,

Schloss und Riegel mussten rosten,

Eh du Sieger diese SchwelleÜberschrittst, die vor dir keiner

Überschritten, der dir gleich.

ARES

Mit des Siegers stolzer Macht

Darf ich weilen. Herzen glosten.

Doch nun schweigen sie von meiner

Hand erschlagen stumm und bleich.

JOHANNA

Und du gabst der einen Macht

Deinen Flammenschein.

ARES

Diese eine heiße Nacht

Bist du mein.

JOHANNA

Lass mich sehn, sinds deine Waffen —

Vieler Schlachten schwarzes Blut

Klebt an ihnen.

Weist auf die abseits liegende Rüstung

      Es tut gut,

Sich der Kämpfe zu erinnern,

Sich der Siege zu erinnern;

Heut am Tage düstrer Trauer.

ARES

In dem Siegesrausch durchfluten

Liebeglühnde, heiße Schauer

Mich und deine heilge Gabe

Nehm ich an.

JOHANNA

      Siehe, ich bringe

All mein Lieben dir, ich habe

Immer dir vertraut, du bist

Mein Erlöser.

ARES

führt sie an die Tür des Palais

JOHANNA

bleibt an der Schwelle stehen, blickt auf die Göttinnen; die Siegesgöttinnen ziehen ihre Flügel an.

      Sag, was ist

Mit den Mädchen?

ARES

      Wie du siehst,

Ziehen sie die Flügel an.

JOHANNA

Werden sie denn nicht mehr kämpfen —?

ARES

Nein, — nicht mehr. — Was wirst du bleich?

JOHANNA

Das ist schlimm. — — —

Die Siegesgöttinnen legen sich in der Vorhalle zum Schlafen nieder.

JOHANNA

      Was tun sie?

ARES

Legen sich zum Schlafen nieder;

Denn ihr Werk, es ist vollbracht.

Sieh, die Kränze legen sie

Unters Haupt und schlafen gleich.

Was verbirgst du dein Gesicht?

JOHANNA

Werden sie nicht mehr erwachen?

Nicht mehr kämpfen?

ARES

      Fürder nicht.

Warum zitterst du und schluchzt?

JOHANNA

Das ist schlimm. — — —

ARES

geleitet sie zur Tür; die Musik wird leiser, bis sie verstummt.

In den hinteren Gemächern wird

KORA

als Königin sichtbar.

JOHANNA

Wer ist sie, die durch die Säle

Wandelt mit erhobnem Haupt?

Frei betritt sie diese Schwelle,

Jeder scheint ihr untertan —?

Sie bewegt sich kaum, man glaubt,

Alles sei in ihrem Bann, —

Jeder schweigt und nur der Baum

Rauscht verängstigt, flüstert kaum — —

KORA

betritt die Vorhalle

Herrin bin ich.

JOHANNA

      Sag, du Schöne,

Scheinst aus königlichem Blut,

Bist du gar die Königin

Ewiger Nacht? Der Liebe Glut

Führt zum Schlafgemach uns hin.

Nun verlischt uns jedes Licht

Auf dem Weg und Dunkel flicht

Uns Gespenster vor die Seele.

Liebestrunken suche ich

Meinen Weg. Wer bist du, sag?

KORA

Hier an diesem Ort befehle

Ich allein.

JOHANNA

      In deinen Augen

Seh ich wunderbares Leuchten,

Endlos tiefe, schwere Feuchten.

Ich erschrecke, meine Kniee

Zittern, fast, dass ich entfliehe.

KORA

In geheimnisvolle Reiche

Drangst du ein, mit Plutus hielt

Ich die Hochzeit und ich schleiche

Jetzt umher, um alle Speicher,

Wie die Gottheit mir befiehlt,

Zu besuchen. Ich bin bleicher,

Als ich war, — und war doch schön,

Herbst hat mich mit Sturm und Wetter

Um der Schönheit Reiz gebracht. —

Über Wasser tanzend wehn

Meine kostbar goldenen Blätter. —

Still, — ganz still, — dort unten tief

Liegen Gräber, — breitet Nacht

Ihre schwarzen Flügel aus, —

Dort, wo das Vergessen schlief,

Sind die Speicher. —

Zu ihrem Gefolge

      Gebt die Schlüssel.

Nimmt die Schlüssel

Sie verschließen alle Herzen,

Sie verschließen alle Seelen;

Und die Pulse jener Zeiten,

Die da kommen, lass ich schlagen;

Und in ewig langen Jahren

Und in ewig späten Tagen

Werden diese Keime sprießen.

Und die Erde wird in breiten

Furchen goldne Früchte tragen,

Wenn die Saaten gut und rein.

Menschen werden leben müssen,

Denen ich ein Leben künde,

Eines Daseins neues Leben!

Jeder Mensch gedenkend finde

Großer Väter stolze Taten

Vor und atme selber Größe!

Einstmals, — einst! — werdet ihr frei!

Alles Hässliche und Böse,

Das verderbend in euch schlummert,

Scheid ich aus wie schlechte Spreu.

Alles Unkraut aus den Furchen,

Alle Schmerzen, alle Leiden

Jät ich aus im Lauf der Zeiten.

Manches Unglück wird euch künden

Eines Schicksals schwere Hand,

Und wenn unter euch sich finden

Herzen, die Verrat ersinnen,

Die den Brüdern Unheil spinnen,

Ruf ich sie zu mir ins Land

Stummer Nacht. — Hier in den Tiefen

Meiner Saaten ruht die Tugend!

Und ich kehre zu euch wieder,

Mehrmals wieder, — viele Male

Kehrt der Lenz, — die ewge Jugend.

Und ich führ die teuren Brüder

Hin zum Leben, — Gluten schliefen

Unter Asche, — sie erwachen.

Lasst genug sein, — Ströme flossen

Heißen Blutes, doch sie sind

Nicht umsonst vergossen.

Mit dem Blute will ich düngen

Eure Acker und sie bringen

Dereinst Söhne euch hervor,

Denen alles das gelingen

Wird, was heute nicht gelingt.

Lasst für heute drum genug sein. — — —

JOHANNA

Was bedeuten diese Worte —?

KORA

Dies mein Wille!

Hörst du durch die Stille

Aeols wehe Klage —? — —

Sparsam muss ich schalten

Und die Liebe und die Kraft

Will ich wohl geborgen halten

Lange Jahre bis zum Tage,

Da ihr neu erwacht!

Breitet die Arme aus

Sinkt, ihr Götter, in den Schlaf.

In den Schlaf, ihr müden Menschen!

Seid gehorsam meinem Wort, —

Denn mein Wort ist Macht!

Heißt mit gebietender Bewegung Ares und Johanna vorübergehen.Ares und Johanna gehen in das Innere des Palais; die Lichterverlöschen.

KORA

steht inmitten der schlafenden Göttinnen

Göttinnen, — ihr liegt im Schlummer —?

Auf mit Flügelrauschen!

Einst kommt wieder euch die Zeit

Und ihr werdet lauschen

Pallas' Stimme. Seid bereit

Zu des Siegs Unsterblichkeit!

Merket meiner Worte Sinn.

Verschließt die Tür des Palais mit dem Schlüssel.

AEOLS KINDER

im Rauschen der Bäume

Königin — Königin — Königin — — —

KORA

versinkt

PERSONEN DER NEUNTEN SZENE:

General Gendre

Der junge Gendre

Stanislaus Potocki

Pallas Athene

Hermes

Siegesgöttinnen

Chor der Toten

DAS THEATER STANISŁAW AUGUSTS

Im Stanisławparke auf der Insel

Liegt das Theatrum Seiner Majestät

Des Königs. Fon der Flut umspielt

Ragt es empor und zage Wellen schlagen

An das Proszenium. Auf dem Land

Der Insel gegenüber hocken

In steingehaunen Sitzen der Tragödie

Verstorbne Meister, lauschen und betrachten

Die Auferstehung ihrer eignen Werke.

In dieser Herbstnacht, da der Mond aus grauen

Novemberwolken kalt und klar aufgeht,

Erscheinen die Ruinen und die Säulen,

Die zwischen Bäumen auf der Insel ragen,

In ein gespenstisch fahles Licht getaucht.

Die zwölfe Stunde, — und in langem Zuge

Erscheinen die, die heut im Waffengang

Gefallen und in Scharen lagern

Sie auf den Stufen des Proszeniums sich —

Und warten.

GENERAL GENDRE

Es kam die Stunde, da du rufst, mein Gott,

Des bessern Daseins Pforten öffnen sich.

Auch ich war Slawe und ein Bruder euch

Und musste doch euch widerstreiten, mich

Umstrickte die Gemeinheit, — doch der Tod

Löscht alles aus und heute bin ich rein

Und ohne Arg und Falsch. Mein Bruder, reich

Mir deine Hand, denn Gott hat mich entsühnt.

STANISLAUS POTOCKI

Geh fort! — Die Seele schaudert, denn gemein

Dünkt die Berührung mich. Wes Geist erkühnt

Sich mir zu nahen? — Meines Feindes. Dein

Gott ist der meine nicht. Wie kann ich dir

Die Hand denn reichen?

GENDRE

An deiner Schläfe seh ich eine Wunde.

Dich traf das Schwert —?

POTOCKI

      Vor einer Stunde

Fiel ich gefällt von meines Bruders Streichen.

Mein eigner Sohn hat mich verwünscht, mein Gott hat mir

Geflucht und über mich kam das Gericht.

Ich hörte meines Gottes Stimme nicht,

So trieb das Schicksal mich in diesen Streit,

Da ich doch Kampf und Blutvergießen

Vermeiden wollte; konnte ich denn wissen,

Dass jener Sturm mich packt und niederreißt,

Wie morsches Holz? Zu spät erwachte mir

Das Herz. — O Söhne, Vaterland, o Brüder!

Wie fern seid ihr, die ewige Stimme weist

Mir meinen letzten Weg, der Park hallt wider

Vom Echo meiner Klagen, ich muss warten,

Bis dass ich fern von hier im stillen Garten

Des ewgen Friedens und des ewgens Blühens

Erwache; — und doch ist das Herz nicht still;

Es sehnt sich noch und zuckt und fragt und will

Noch einmal aller Schmerzen, allen Glühens

Noch nicht vernarbter Wunden Wollust kosten.

GENDRE

Du Seele fühlst noch immer heißes Brennen

Und ich — ich friere und mein Herz, es bangt

In Ungewissheit, ob mein einzger Sohn

Noch lebt und ob ich ihn noch einmal werde

An meinen Busen liebend pressen können.

Wird Gott auch dieses letzte Glück der Erde

Missgünstig mir versagen? Oder seh ich schon

Ihn nahen und die Arme um den Nacken

Mir schlingen, — fühl ich schon die jungen Lippen

Auf meinen glühen und die Worte alle

Der Furcht und Not, vom Kuss gelöst, wie Schlacken

Abgleiten, und es leuchten die Kristalle

Urreiner Liebe, reiner Traurigkeit —?

POTOCKI

Was ist denn meine schwere Schuld gewesen?

Ich kann sie nicht mehr sehen, denken; weit

Sind die Gedanken. — Körperlose Wesen

Sind wir hierher als Seelen nur gesandt.

Uns haben die Unsterblichen erlesen.

CHOR DER TOTEN

Wir Toten fahren in das Totenland.

POTOCKI

Ich blicke noch einmal auf diese Welt,

Und da sie rings zerfließt, entfällt

Auch die Erinnerung an alles, was gewesen;

Und alle meine Taten, alle bösen

Handlungen, die ich einst beging, die Sünden,

Im bleichen Nebel aufgelöst, entschwinden,

Und wunderbare Ruhe webt im Kreis.

Was war denn meine Schuld? Soviel ich weiß,

Ergriffen Väter, griffen Söhne Waffen,

Um sich zu morden, da ein schlimmer Wahn

Sie all umstrickt. Wie hab ich den gerechten

Und guten Kampf zu jeder Zeit verteidigt!

Doch werden von Gerechtigkeit und Rechten

Die Menschen nicht am ehesten beleidigt

Und fluchen dem, der Recht getan?

GENDRE

erkennt unter den weilenden Seelen seinen Sohn, winkt ihn in sichheran

Mein Sohn, o ich erkenne dich, mein Sohn!

Du bists! — Bist du in meiner Nähe, Kind?

Du suchtest in dem Ruhme deinen Lohn,

Da schlug die Totenglocke und vermessen

Rief sie dich ab. — Dein Los bleibt unvergessen;

Doch wer wird um dich trauern und wo sind

Die Tränen, die um deinetwillen flossen?

Der Zar selbst schluchzte auf, wird man ihm melden,

Du seist gezogen in den Kampf der Helden

Und seist als erstes Opfer hingemäht,

Der Ähre gleich, die eine Sense traf;

Ein Apfelbaum, dem noch im ersten Blühen

Ein rauher Wind die junge Pracht verweht.

Nun bist du, mit dem Vater Hand in Hand,

ln jenes andre ferne Land gesandt.

Was wartet unser? Durch geheime Schluchten

Die Fahrt zu unerforschten, stummen Buchten.

Wo bist du, ewger Frieden, denn zu finden?

Durch Flammen müssen wir für unsre Sünden —!

DER JUNGE GENDRE

Ach Vater, fremde Tränen brennen heißer

Als eigene. Wie Feuertropfen fielen

Aus andrer Augen sie auf meine Wangen,

Verglühten mir das Antlitz und ein weißer,

Bleichblasser Schatten spielt um meine Stirn,

Da ich die Furcht erkannte und das Bangen, —

Denn diese Tränen, die mir Herz und Hirn

Auspressen, werden vor dem Richterstuhle

Des Allerhöchsten mich des Mords anklagen; —

Denn ich hab ja gemordet, da ich kämpfte.

GENDRE

Du hast getötet, denn man griff dich an.

DER JUNGE GENDRE

Man griff mich an —? — Und mussten sie denn nicht,

Da es um alles ging, da Schiff und Boot

Mit Stürmen kämpfend in den Wellen lagen?

Ich trug von Anfang an auf dem Gesicht

Das Mal des Fluchs, — verflucht war auch mein Schwert,

Verflucht war mein Geschick. — Verflucht von Gott

Kämpft ich und fiel, — verflucht und hassenswert.

Ich fiel, — es war wohl Gottes Wille. —

Wir gehen, Vater, in das Reich der Stille,

Wo Zaren unsre Väter werden,

Wo alle gleich, ob groß, ob klein,

Wo alle Brüder werden sein,

Wie nie auf Erden.

Wo Blumen duften auf den Wiesen süß, —

Berauschend lockt das Totenparadies.

Wir scheiden von der Nebel dunklen Fluten

Und baden unsre Seelen in dem Tau

Der luftgehauchten Seligkeiten rein.

Und wenn wir durch des Fegefeuers Gluten

Hindurchgewandert und des Himmels Blau

Dem Auge strahlt, dann sind wir frei von Schuld

Und heilig durch des höchsten Gottes Huld.

Ach Vater — — —!

GENDRE

      Was bedrückt dich, liebster Sohn?

DER JUNGE GENDRE

Es tut so weh, dass ich die Liebe nie

Gekannt im Leben und ich hätte schon

Durch Liebe glücklich werden können. Wie

Es quält und schmerzt, weil ich verhaßt gewesen

Bei allen, deren Liebe ich entbehrt.

Und nun, da sie die gleichen dunklen Pfade

Mit mir, mit uns, vom Schicksal auserlesen,

Zu wandeln haben, ist mirs grade,

Als schluchzte mir das Herz und Reue wehrt

Der Seele ihren Frieden. Aller Stolz

Und all mein Hochmut schwanden hin,

Nur nach Vergebung lechzt mein armer Sinn.

GENDRE

Schlaf ein, mein Sohn, schlaf ein und träume süß

Vom Ruhmeskranz, der deine Stirne ziert,

Den Gott aus goldnen Blättern winden ließ

Für deine Schläfe. Das Vergessen führt

Vergebung deiner Schuld herauf.

DER JUNGE GENDRE

      Mein Vater,

Ich sehne mich nach Licht, nach hellem Tag,

Heraus aus dieser schreckensdunklen Nacht, —

Wann wird sie enden —? Sag mir, wer vermag

Dies alles? — Welcher Gott hat diese Macht,

Die nimmer endende, durch Finsternis

Und Nebel uns zu leiten in das Reich

Der Blumenträume, in das weich

Und wohlig glanzerfüllte Paradies?

GENDRE

Mein Sohn, so hat uns Gott verflucht.

Frag nicht, mein Sohn, wie oft die alten Hände

Unrecht getan, wie oft sie dich versucht,

Unrecht zu tun, und deine junge Seele

Befleckten. Nunmehr führen uns die Winde

In grenzenlose Nacht, in Dunkel ohne Ende. —

Spürst du den eiseskalten Windeshauch?

DER JUNGE GENDRE

Den Frost, mein Vater, und die Stürme auch,

Ich spürt sie kaum, wenn nicht die Tränen wären,

Die Tränen all der Brüder und der Schwestern.

Sie brennen heiß, sie glühen und verzehren

Das Mark und dringen bis ins Herz hinein

Und wie mit Rutenstreichen peitschen sie

Das zuckende in martervoller Pein.

Die Tränen, die dort fließen, sie allein,

Sie haben uns verflucht. —

POTOCKI

      Die Engel wandten

Sich von mir ab. Wann blick ich hellen Schein?

Wann nahen sie mit mildem Flügelschlag,

Die Lichtgesandten?

Vorbei der Tag —?

Rings Nacht und Grauen, Nacht und Leere.

PALLAS

erscheint

Wer jammert hier?

CHOR DER TOTEN

      Wir.

PALLAS

      Wer seid ihr?

CHOR DER TOTEN

Löwen, die gefesselt zucken.

PALLAS

Wer bezwang euch?

CHOR DER TOTEN

      Qual.

PALLAS

      Wer hat

Euch hierher verbannt?

CHOR DER TOTEN

      Der Tod.

PALLAS

Also bot

Das Geschick als Ersten euch

Seine Stirn. Wer bist du? Sag.

GENDRE

Ich bin tot.

PALLAS

      Und du?

POTOCKI

      Bin bleich, —

Bin ein Schatten.

PALLAS

      Eh der Tag

Sich vollendet, haben wir

Alle sie vereinigt hier.

Ja, es kommen andre mehr.

Schaut nur auf, seht nur her! —

Blickt durch des Wassers glitzerndes Kristall,

Dort drüben im Palais,

Da hohe Säulen ragen in die Höh

Und tragen

Ein Haus,

Da ruht in Liebesbanden Ares aus.

Nur eine Weile, er springt auf und all

Sein Zorn zeugt neues blutges Weh.

GENDRE

Schwing du nur deinen Speer!

Wohl weißt du nicht, dass Zeus nur deiner lacht,

Und deines Kriegsgelüstes Löwenmacht

Gar bald erschöpft?

PALLAS

      Wie?

GENDRE

      Es kam her

Ein Bote, hob den Stab und alle Welt,

Die bis dahin im Streite sich verwirrte,

Taucht er in Frieden, kündete den Tod.

Und du erhabnes Weib, dem Gott gesellt,

Du wusstest nicht, dass wir verirrte

Armselige Seelen nur der Ruhe harren,

Dass wir ausspähen nach dem dunklen Boot,

Das durch die heiligen Gewässer gleiten,

Uns in die ewige Nacht geleiten

Soll, in die Finsternis? —

PALLAS

      Und dieser Knabe?

GENDRE

Es ist mein Sohn, — weck ihn nicht auf, — ich habe

Ihn sehr geliebt; lass ihn denn schlafen.

Die Augen bat ihm Friede sanft geschlossen.

Ich schalt die Todesengel, die ihn trafen

In seiner Jugend Blüte, und ich fand

Das höchste Glück, da er mir zum Genossen

Im Sterben und im Tode ward gesandt.

PALLAS

Wer naht dort?

CHOR DER TOTEN

      Der Verkünder — ja, er ists!

HERMES

erscheint

Verirrte Seelen, — fort!

PALLAS

      Nimm deine Beute.

Die ersten Opfer, die schon heute

Reif waren, sie gehören dir.

Nimm sie denn hin.

HERMES

      Entferne dich von hier.

Ich bringe den Befehl.

PALLAS

      Wer gab ihn dir?

HERMES

Du schufest aus der Welt ein Flammenmeer.

In Feuersbrünsten sank die Stadt

Und Ares hat

Sein Opfer. Kehr

Zurück.

PALLAS

      So hätte er

Sein Ziel erreicht? — Er hat es nicht.

Ares hat nicht gesiegt!

HERMES

Im Siegestaumel wiegt

Er sich, da man ihm Kränze flicht.

PALLAS

Ein Wahn, — ich habe ihn betrogen,

Damit er mir zu Füßen liegt.

HERMES

Ihn rettet Zeus nicht mehr, —

PALLAS

Gelogen!!!

HERMES

Ich kenne deine Wehr.

Ruf deine Geister nun herbei,

Denn deiner Herrschaft sei

Die Grenze nun gesetzt.

PALLAS

Du wagst zuletzt

Mich durch Verrat zu schlagen?

HERMES

Geh hin und schlage Pallas,

Dein eigner Vater sprachs.

Ruf deine Geister, treib sie jetzt

Zusammen und geleite sie

Zu des Olympos Toren wieder,

Von wannen du sie riefst.

PALLAS

Was bleibt den Menschen?

HERMES

      Eitler Ruhm.

Sie werden weiter kämpfen, — und allein

So gut sie eben können. Du

Kehr zum Olympos im Verein

Mit deinen Mädchen, die dir dienen

Und mit der Aegis, die da Funken sprüht

Und mit dem Speer, der furchtbar tönt.

PALLAS

Dort schreien tausend Seelen,

Dort brennt die ganze Stadt.

Das blutige Werk, es hat

Begonnen! Soll ich ihnen

Den Ruhm nun stehlen?!

HERMES

Zurück, woher du kamst! —

Ich schwinge meinen Stab.

PALLAS

beugt das Haupt

Siehe, du nahmst

Mir meinen Willen ab,

Der Maja Sohn.

HERMES

Auf und davon.

PALLAS

mit erhobener Stimme

Adler des Zeus, die Donner tragen,

Kehrt jetzt zurück in die Ruhe!

Eilt zu den Gipfeln, die himmelwärts ragen,

Kehrt zum Hymetos, wo ewiger Schnee

Unter dem blauen Äther leuchtet.

Töchter des Zeus, rotwangige Schwestern,

Steiget hernieder aus luftiger Höh!

Denn vollendet hat sich die Zeit

Und was Zeusvater euch gestern

Willig erlaubte, verbietet er heut.

Breitet die Schwingen und eilt durch die Nacht,

Ihr, deren Leben dem Ruhme geweiht.

Des Krieges Getöse, das wir entfacht,

Der Völker Altäre, die lodernd erglühten,

Und das große, das heilige Werk

Heißt uns Zeus nun verlassen.

Eilt nun zurück aus des Kampfes Gebieten,

Kehret zu mir, ihr flügelreich Blassen.

CHOR DER TOTEN

zum Palais gewandt

Seht die Flügelreichen schwanken,

Dort im Vorraum herrscht Bewegung.

Doch geheimen Willens Regung

Hält zurück sie und es ranken

Ihr Gehör sich und Gefühl

Um des Wassers Wellenspiel.

PALLAS

ruft zum Palais hinüber

Schwestern, empor und hinaus!

Lasset das brennende Haus!

Eilet zu mir! Eure Siege

Sind Lüge!

Eilet, bevor euch der Donner

Trifft und erschlägt.

GÖTTINNEN

eilen vom Palais herüber

Du riefst uns, du rufst —?

PALLAS

      Ich rufe. —

Uns war ein Zeichen gesandt.

Das furchtbar und drohend uns bannt,

Der schlangenumwundene Stab.

Wir kehren nun heim.

GÖTTINNEN

      Wer gab

Uns den Befehl —?

PALLAS

      Zeus selbst.

GÖTTINNEN

Verlassen des Kampfes Gewühl —?

PALLAS

Zurück zum Olymp.

GÖTTINNEN

      Verfiel

Des Ares Macht auch dem Bann!?

PALLAS

Lug euer Sieg!

GÖTTINNEN

      Es gewann

Ares aus unserer Hand,

Wie du befahlst, seine Gabe.

PALLAS

Die Kränze des Ares habe

Ich zu Kesten gewandt.

Des Ruhmes, des Sieges satt

Sank er in Trägheit nieder.

Furchtbar das Dämmern, da er erwacht.

Solang euer Geist ihn hat

Behütet, band ihn die Liebe;

Wenn er erwacht aus der Nacht

Spukhaftem Traumgetriebe,

Wenn den Verrat er erfährt,

Wenn er das Klagen hört,

Seltsamer Harfen Lieder,

Wenn er erzittert und bangt,

Angst in den Pulsen hämmert — — —?

GÖTTINNEN

entsetzt

Schwestern, auf —, die Nacht, sie wankt,

Unsre Macht ist schon erloschen,

Denn der Morgen dämmert.

PALLAS

Auf, ihr Schwestern, auf, geschwind!

Seht ihr dort —, dort in den Weiten —?

GÖTTINNEN

Von den Feldern her verbreiten

Fahle Nebel sich, der Wind

Legte sich, — ein bunter Teppich

Kräuselt sich aus goldenem Eppich

Überm Wasser.

In der Ferne erscheint auf dem Wasser Charons Nachen, der langsam herankommt.

GÖTTINNEN

      Wer erscheint

In der Ferne?

PALLAS

      Ah! — Der Kahn.

GÖTTINNEN

erkennen

Nicht mehr jung ist dieser Mann;

Doch sein Auge glüht

Und er zieht

Seinen Nachen stummbeweint

Durch die Flut.

PALLAS

Menschenschmerz und Erdenleiden

Sind vollbracht.

Denn durch die Nacht

Seh ich Charons Nachen gleiten,

Der in ewigen Ewigkeiten

Niemals ruht...

CHOR DER TOTEN

Treib mit leisem Ruderschlage,

Charon, durch die Wellen.

Bringst uns der Erlösung Tage.

Charon, Vater, hab Erbarmen,

Neige dich uns Stillen, Armen,

Höre unsere Klage.

POTOCKI

Was ich in meinem Erdenwallen

Niemals verspürt, niemals erharrt,

Da ich von Stolz und Zorn und allen

Den Leidenschaften ward genarrt,

Das ists, was nun das Herz bewegt

Und Schmerz erzeugt und Sehnsucht regt,

Denn ich war groß und doch, wie klein.

So fließen nun des Leides Tränen

Von meinen Wimpern und ein Sehnen

Zieht durch die Seele, da mein Sein

Vollendet und die letzte Fahrt

In fremde Lande meiner harrt.

CHOR DER TOTEN

Hört doch unsern Bruder klagen, —

Und der Bäume Wipfel tragen

Leise rauschend ihm die Worte zu.

Nirgends Frieden, nirgends Ruh,

Nichts, was seine Schmerzen lindern,

Was in ihm die Sehnsucht mindern

Könnte, denn er war ja groß

Und war doch im Geiste klein.

Groß und klein

Und klein und groß

Und vollendet ist sein Sein,

Das Bewusstsein bleibt ihm bloß.

POTOCKI

Herr, du legtest ungemessne Früchte,

Alle Schätze dieser Erde mir in meinen Schoss.

Und du machtest mich vor meinem Volke

Mächtig, und ich war der Erste weit und breit.

Doch du hast mich nicht gelehrt, was Mitleid

Ist, das Mitleid mit der Mutter Söhnen,

Die jetzt brüderlich mit mir vereint

Durch den Nebel jener dunklen Wolke

Folgen, die uns in die Ewigkeit

Führt, und die mit mir die gleichen Tränen

Still geweint.

Herr, mein Herr, warum hast du den Blick

Mir verdüstert, dass ich jenes Glück

Nicht ergriff und mich an jene schloss,

Die mich töteten und Helden wurden?

Warum könnt ich denn mein eignes Los

Mit dem ihren nicht verbinden?

Im Bewusstsein ihrer Sünden

Quälen sie sich, ich vergehe

Im Bewusstsein meiner Schuld.

Herr, des Schicksals Wege winden

Sich geheimnisvoll dahin;

Unerforschlich ist sein Sinn.

Schon erblick ich in der Nähe

Charons Nachen, den ich nun besteigen

Soll zur letzten Fahrt ins Land der Toten.

Sünder, — und ein Tor — geh ich ins Schweigen. —

Die Erinnerung verschwindet. — Lohten

Dort nicht Flammen —? Herr, nur einen Strahl,

Einen Lichtstrahl lass vor meinem Auge blinken,

Lass mein Ohr nur noch ein einziges Mal

Eines Liedes der Vergebung Töne trinken.

Lass noch einmal diese Bäume rauschen. —

Flüstern sie —? Still, — alles schweigt —?

Dort aus dem dunklen Wasser steigt

Es näher stets heran — und alle Seelen lauschen.

Die Seelen meiner Brüder? — Sind es Brüder?

Sie blicken stumm auf dunkle Wasser nieder.

Charons Nachen nähert sich mit leisem Ruderschlag.

CHOR DER TOTEN

Treib mit leisem Ruderschlage,

Charon, durch die Wellen.

Bringst uns der Erlösung Tage.

Charon, Vater, hab Erbarmen,

Neige dich uns Stillen, Armen,

Höre unsre Klage.

POTOCKI

blickt sich unter den Trümmern auf dem Theater um

Seh ich verfallen so mein Vaterland?

Es klaffen Risse in des Hauses Wand?

Und der Palast, er sinkt in Staub und Sand ...

Bin ich verflucht in Ewigkeit —?

Vergebt, — verzeiht, —

Verzweiflung bannt

Den Geist. Verstört

Lausch ich der Bäume Sang.

Wie lang ists her,

Da klang

Bei meinem Tode eine schöne Mär —.

Rings Trümmer, — Asche, — Schutt;

Mein väterliches Gut

Verfiel und aus den Herzen floß das Blut.

Charons Nachen nähert sich dem Proszenium.

CHOR DER TOTEN

Treib mit leisem Ruderschlage,

Charon, durch die Wellen.

Bringst uns der Erlösung Tage.

Charon, Vater, hab Erbarmen,

Neige dich uns Stillen, Armen,

Höre unsre Klage.

HERMES

Vollendet ist der Schmerz, das Leid

Auf Erden und es naht die Zeit,

Zum Acheron euch zu geleiten,

Wo euch umfängt Vergessenheit.

Ich führe euch die dunklen Wege

Hinüber über schwanke Stege,

Da ich zum Führer euch bestellt.

Hebt seinen Stab und schwingt ihn über den Köpfen der Toten

Mit diesem Szepter herrsch ich in den Weiten,

Vor meinem Szepter bebt die Unterwelt;

Es beben aller Erden dunkle Mächte. —

Vorüber rauschten eure Erdenzeiten,

Der bittren Leiden kummerschwangre Nächte.

Vergesst die Welt, —

Mein Szepter führt euch über das Vergessen

Zu einem Glück, das ihr noch nie besessen.

Durch dunkler Schluchten bange Einsamkeiten

Geleit ich euch zu lichten Ewigkeiten.

Der Nachen schaukelt, — steiget ein;

Vorbei des Lebens — Sein und — Schein!!

Die Toten besteigen den Nachen. Hermes folgt als letzter. — DerNachen entfernt sich langsam.

PALLAS

Ein Spielzeug war ich in des Gottes Hand

Und war ein Stern, von Göttern aufgesteckt.

Er ruft mich nun, — sein starker Wille deckt

Mein ungetanes Werk mit früher Scholle zu.

GÖTTINNEN

Was wird aus ihrem Vaterland?

PALLAS

Wird meine Hilfe missen. Aus der Ruh

Hab ich die Seelen aufgeweckt

Und tauchte sie in Glut.

GÖTTINNEN

Du lässt den Durst von nun an ungestillt?

PALLAS

Es werden Völker wider Völker streiten.

Was Glück heißt, ließ ich ihnen in den Weiten

Wie einen Blitz aufleuchten auf Sekunden.

Das Unglück werden ihnen alle Stunden

Kommender Jahre zum Bewusstsein bringen. —

Auf, Schwestern, auf! — Entfaltet eure Schwingen!!

GÖTTINNEN

entschweben im Fluge

Charons Nachen gleitet in der Ferne vorüber.

PERSONEN DER ZEHNTEN SZENE:

Der Grossfürst

Johanna

Kuruta

General Vincenz Graf Krasiński

Valerian Łukasiński

Hofdamen

Wachen

Soldaten

IN DER ALLEE UJAZDOWSKA

Schwarze Bäume stehn und neigen

Sich mit kahlen, trocknen Zweigen.

Die Allee ist laubbedeckt,

Die vergilbten Blätter schreckt

Jeder Windstoß aus dem Schlummer.

Tiefe Nacht, — ganz hinten weit

Sieht in Reihen man geordnet

Die Armeen feldbereit.

GROSSFÜRST

allein; in Uniform, darüber einen weiten Mantel; geht in demraschelnden Laub auf und ab.

KURUTA

kommt langsam näher

Der General ist angekommen...

GROSSFÜRST

      Schweig!

KURUTA

Soeben kam er an.

GROSSFÜRST

      Lass mich in Ruhe!

KURUTA

Vier Regimenter Kavallerie sind in

Bereitschaft.

GROSSFÜRST

      Meinetwegen.

KURUTA

      Die Befehle?

Ich bitte Eure Hoheit um Befehle.

GROSSFÜRST

Ich gebe keine.

KURUTA

      Aber es muss sein.

GROSSFÜRST

Was hat das alles denn für einen Sinn?

KURUTA

ab.

GROSSFÜRST

Kuruta!

KURUTA

eilt herzu

      Eure Kaiserliche Hoheit —?

GROSSFÜRST

winkt ihn heran

Hörst du, wie diese Blätter rauschen, wie

Sie miteinander flüstern, tuscheln —?

KURUTA

      Was

Heißt das? — Dort wartet die Armee auf die

Befehle.

GROSSFÜRST

      Morgen soll die Sonne nicht

Aufgehen. — Wer ist also angekommen — ?

KURUTA

Der General Krasiński.

GROSSFÜRST

      Mag er warten.

KURUTA

Warum verschieben Hoheit die Befehle?

GROSSFÜRST

Gib du sie doch.

KURUTA

      Das kann ich nicht. — Versteh

Das nicht.

GROSSFÜRST

      Tritt vor die Front und fluche laut.

KURUTA

Mein Fürst, ich — weiß nicht —

GROSSFÜRST

      So, — du weißt nicht —? Graut

Dir nicht, hörst du, was diese Blätter raunen?

Stampft in dem Laub herum

Rischrasch, — — rischrasch — — die Blätter träumen. — Ja. —

Wovon? — Von Seiner Kaiserlichen Hoheit...?

KURUTA

zuckt die Achseln

Hoheit stehn an der Spitze der Armee: —

Die Leute sehen Hoheit hier mit Staunen

Und möchten sagen, Hoheit fürchten sich.

GROSSFÜRST

Der Großfürst kennt vor Menschen keine Furcht,

Doch wohl vor Gott. Wenn Gott mir meinen Weg

Gewiesen hat, verschwindet meine Furcht.

KURUTA

geht ab.

GROSSFÜRST

allein.

KURUTA

kehrt zurück, nähert sieh dem Großfürsten

GROSSFÜRST

vertraulich

Im Frühling werden diese Bäume grünen, —

Jetzt ist November, — eine schlimme Zeit.

Und gestern fing es an, — die Sterne schienen.

Wie fings doch an —? Ja, so ... Und was geschah?

Die Blätter fielen und bedeckten weit

Und breit den Boden. Trockne Blätter, ja...

KURUTA

zuckt die Achseln; ab.

GROSSFÜRST

allein.

KURUTA

kehrt nach einer Weile zurück, nähert sich dem Großfürsten

Soeben ist sie aufgewacht.

GROSSFÜRST

      Nun. — und?

KURUTA

Sie spricht konfus.

GROSSFÜRST

      Was schwatzt sie?

KURUTA

zuckt die Achseln.

GROSSFÜRST

      Halt den Mund

Und lass sie schwatzen.

KURUTA

zuckt die Achseln.

GROSSFÜRST

      Schickt den Arzt zu ihr.

KURUTA

schweigt.

GROSSFÜRST

Bewusstlos?

KURUTA

      Ja, das ist sie ohne Zweifel, —

Die Augen hat sie auf und blickt fast stier

Und streckt die Hände wie nach etwas aus

Und schreitet wie im Schlaf.

GROSSFÜRST

      Scher dich zum Teufel.

KURUTA

Gnädigster Fürst?

GROSSFÜRST

      Macht euch zur Reise fertig.

KURUTA

Das ists ja grade, Ihre Hoheit lassen

Sich nicht ankleiden, reißen jedes Kleid

Herunter.

GROSSFÜRST

stiert mit weit geöffneten Augen

      Ah! Ah! Ah! Nymphomanie!

KURUTA

Hoheit —?

GROSSFÜRST

erblickt Johanna

      Meine Gebieterin.

JOHANNA

kaum bekleidet, im Pelz.

HOFDAMEN

eilen ihr nach.

JOHANNA

summt

„Sprach der Vater zu dem Mädel,

Hör die Trommeln rühren...”

Nein, — es geht anders, — nicht so. — Mars entführt

Mich auf sein Lager, — süße Liebesnacht.

GROSSFÜRST

hüllt sie ein.

JOHANNA

Warum bist du, mein Liebster, aufgewacht?

Willst fort?! — O bleib! — Du mein Geliebter — bleib! —

Weist auf ihr Gefolge, das abseits steht

Sieh, meine Göttinnen, — sie tragen Flügel,

Die haben sie jetzt angelegt; — ob sie

Wohl noch einmal sie himmelhoch entfalten? —

Und fliegen? —

Als spräche sie jemandem nach

      Sei gegrüßt. —

Als spräche sie zu jemandem

      Sei mir gegrüßt. —

Wohin enteilst du? — Du hast ja geschworen

Auf deinen Sieg! Sieh, jetzt bist du verloren, —

Betrogen!!! — Dir entglitten deine Zügel, —

Der Brand griff um sich!! — Rette mich!! — Du bist

So schwach, weil ich dich liebe?! — Das Palais ist leer —?

Abgründe klaffen tief und schwarz. — Rings Dunkel

Und fürchterliches Schweigen. — Herr,

Erbarme dich! Er stößt mich von sich fort!

Der Liebe Bande reißt er durch! Ich war

Mit dir so glücklich, — als ich träumte dort — —

Kommt zur Besinnung; flüsternd

Es war ein Traum, — so war mein Traum — der Nacht.

GROSSFÜRST

führt sie nach dem Hintergrund; ein Schlitten fährt vor.

JOHANNA

besteigt den Schlitten; neben ihr nimmt eine ihrer Hofdamen Platz.

GROSSFÜRST

tritt zurück; wirft ihr aus der Ferne einen Handkuss zu

Adieu, — adieu, Jeannette.

Laut

      Ein Pferd!

Soldaten führen im Hintergrunde ein Pferd vor.

GENERAL VINCENZ GRAF KRASINSKI

nähert sich; während sich der Schlitten der Großfürstin entfernt.

GROSSFÜRST

sieht unverwandt dem davonfahrenden Schlitten nach; wendet sichplötzlich um und bemerkt Krasiński; sucht sich zu erinnern

Ist alles Wahrheit? — Ist das alles wahr? —

Ja, so, — Pardon. C'est vrai. Es fällt mir schwer,

Daran zu glauben. — Ja, ich sehe klar.

Will sehen. — Ja. — Ich lass euch alle binden.

Sieht Krasiński ins Gesicht

Hm, — nein, — das ist Komödie. Ja, ich lasse

Euch knebeln!

KRASINSKI

gleichgültig

      Tuen Sie.

GROSSFÜRST

      Oh, Pole! — Herr!!

Euch knebeln? —

Beobachtet Krasiński

      Nein. Euch so zurückzulassen,

Das geht nicht an. Ihr seid Empörer. — Wie?

Seid ihr es nicht? Ihr Polen, ja, ihr seids. —

Vermöchtet ihr, — ihr Polen, nun, was meint

Ihr, was ihr euer Werk heißt, aufzugeben

Und die Partei des Zaren zu ergreifen? —

Stark seid ihr. — Blicke ich auf euch, erbeben

Mir meine Lippen, denn ihr seid Soldaten

Aus altem Schrot und Korn. Verzeiht, mein Freund

Und Bruder, ihr seid nun einmal mein Feind,

Ihr kennt Euch nicht, doch ich kenn Euch, — Verräter!

KRASINSKI

fährt auf

Schweig jetzt! — —

Fasst sich, mit gesenkter Stimme

      Verzeiht, mein Fürst. Im Wahne sprechen

Jetzt Eure Kaiserliche Hoheit, achten nicht

Darauf, dass so ein hartes Wort schwer trifft;

Ein Wort, aus dem ja nur der Wahnsinn spricht.

GROSSFÜRST

Ich sehe klar. Ich bin gestürzt. Ich liege schon

Am Boden. — Und ich stand in Gluten, — da — ein Hohn — ,

Verlosch das Feuer. Ich hab mich bereits vollendet.

Und unser Schicksal hat sich nun gewendet.

Ihr seid die Sterne jetzt, die dort am Horizont

Aufgehn. Jetzt kam für euch die Zeit, dass ihr euch sonnt

in Glanze eurer Siege. Wir werden zusammen

Den gleichen Weg nie wandeln können. Oh, das weiß

Ich nur zu gut und will mich nicht selbst täuschen, — nein,

Ich will es nicht. Wir bleiben das, was wir gewesen:

Feinde! — Ich will euch Demut lehren, ihr Geschmeiß

Von Herren. Immer noch nicht fort? — Jenun, ich mein,

Die Stadt, sie gärt. Zum Himmel schlagen schon die Flammen.

Ein Aufstand? Rauch. Seid Helden allesamt, erlesen

Zu großer Tat. Ihr konntet ja den Blitz erreichen.

Ihr seid gewaltig stark. — Warum seid ihr noch hier? —

Ich habe Angst um euch, — denn ihr seid Leichen,

Wenn ihr im Bunde seid — mit mir.

Ihr glaubt nicht mehr an Polen —? Wie? — Ich glaube

Daran.

Sieht Krasiński unentwegt scharf an.

KRASINSKI

      Der Zar, der Polens Krone nahm, sieht nicht,

Dass wir aus Leichen Brücken bauen mussten.

Dem großfürstlichen Bruder ist nichts daran gelegen,

Dass wir dem Willen der Nation entgegen,

Die uns dorthin rief, doch an seine Seite

Getreten, — eine Mauer, — dass wir heute,

Da Glocken läuten, da der Freiheit Licht

Vom Himmel strahlt, uns zu vergessen wussten.

Dass wir an uns nicht dachten, nur daran,

Wie man die Ströme Bluts verringern kann,

Des Bluts, das ihr durch Martern — Gott verzeih! —

Verschleudert habt, um das ihr uns bestohlen

In feiler Gier. Gefallen ist Potocki

Und Blumer, General Nowicki, bei

Potockis Ende war ich gegenwärtig

Und sah, wie unter Haufen Leichen man

Ihn fand. Gefallen ist Trembicki und

Auch Siemiontkowski. Wenn ich, Hoheit, lebe,

So leb ich nicht darum, um an den Pranger

Der Missachtung gestellt zu werden, nicht

Um meine Ehre zu verlieren. Hoheit, —

Sie haben nicht das Recht, mich heut als Polen

Zu fragen, was ich glaube; eines ist gewiss,

Mit der Gemeinheit schließ ich keinen Bund.

Gibt ihm seinen Degen.

GROSSFÜRST

Lass das, mein Lieber, — kusch dich wie ein Hund

Zu meinen Füßen. Hahaha! — Da dies

Polnische Herz sich einmal ausgesprochen,

Will ich euch zeigen, wer euch prellt. Ich will

Einmal die Rechnung des Gewissens machen.

Will meine Schulden zahlen. In den Kellern

Des Belvedere, grad unter meinen Zimmern

Befindet sich ein Mann, — schon viele Jahre.

Ein edler Mann. — Du wirst nicht rot vor mir?!

Du sagst doch, du besitzt ein Herz und fühlst?!

So sieh ihm ins Gesicht —

Ruft

      Diensthabender!!

KURUTA

eilt herzu.

GROSSFÜRST

flüstert ihm etwas ins Ohr.

KURUTA

steht erstaunt, ungläubig.

GROSSFÜRST

drängt ihn durch eine Bewegung zur Eile.

KURUTA

geht.

GROSSFÜRST

Der Großfürst hat nun ausgespielt, —

reißt die Orden und den Stern von der Brust und tritt sie mit Füßen

      weg, — fort.

Mich ekelt, — was bedeutet alles, — alles

Hat mir der Zar geschenkt — ich will nichts mehr. —

Will nichts mehr haben, — nichts. — Hört ihr wohl — dort —

Die Nacht, wie heult der Wind und keucht daher. —

In einer solchen Nacht starb auch mein Vater. — —

Er wird von Angst geschüttelt

Ich hab ihn nicht getötet! — Nein, — ich nicht!

Schreit; bedeckt die Augen

Der Bruder tats, — der Bruder, — tat — er, — tat — er!!

KRASINSKI

steht unbeweglich.

Im Hintergrunde fahren Geschütze vorüber.

GROSSFÜRST

geht auf General Krasiński zu; fasst ihn am Knopf seiner Uniform; lacht; weist in den Hintergrund.

KRASINSKI

blickt dorthin.

GROSSFÜRST

Sieh hier, mein Kleinod! — Sieh es dir gut an.

Es ist euer polnischer Prometheus.

Weist auf ihn

      Man

Führ ihn hierher.

VALERIAN ŁUKASINSKI

erblindet, in Lumpen, Fesseln an Händen und Füßen; wird voneiner Wache geführt.

Die Wache bindet Łukasinski an das Geschütz,Man hört die Glocken von Warschau läuten.

GROSSFÜRST

geht nach dem Hintergrund und steigt zu Pferde.

Die Wache entfernt sich.

ŁUKASINSKI

fühlt, dass die Wache sich von ihm entfernt

Und fühlt, dass die Stunde der Freiheit schlug,

Da man ihn hierher geführt.

Und wenn er auch eben noch Ketten trug

Und man ans Geschütz ihn schnürt,

Durchfährt doch ein Zittern und Beben die feigen

Feinde ringsum und Zweifel steigen

In ihnen auf, und die Luft durchzieht

Ein ahnend verklingendes Freiheitslied.

Er fühlt, dass seine teuren Brüder,

Ein Adlerschwarm, emporgeflogen

Dort über Warschau, er lauscht wieder

Der Glocken Klang und hat verstanden:

Das Glück ist eingezogen

Und Helden sind erstanden.

Harrt aus! Gib ihnen, Herr, die Kraft,

Auf dass sie stark sind, lass sie nicht erlahmen,

Sei noch so qualvoll meine lange Haft

Und schüfen sie mir ewge Marter ohne Namen.

Lass sie mich binden, lass sie immer schleifen

Den müden Leib durch dunkelste Verliesse,

Lass Martern sie auf Martern häufen,

Lass Geier meine Brust zerreißen, —

Wenn nur den Brüdern jene frohen Grüße

Der Glocken, die jetzt über Warschau rauschen,Auf schweren Kampf den Sieg verheißen.

Er streckt die Arme aus, ein lauschen

Spannt seine Züge, jeden Windeshauch

Fühlt er genau, sein Antlitz scheint verzückt,

Die Lippen beben und sein Auge blickt

Beseligt, denn sein Geist errät.

Was jetzt dort um ihn vor sich geht.

Er kniet zu Boden, heiße Tränen

Entquellen seinen Augen, seine Brust

Erschüttert Schluchzen, — Gluten brennen

Die Wangen ihm, — er flüstert, kaum vernimmt

Man seiner Worte heimliches Gebet:

Einst kommt dir die Zeit,

Meine Seele, aus Leid,

Aus Qual und Not

Wirst du befreit.

Der Glocken von Warschau eherner Mund

Tut es dir kund

Und verspricht ... — —

Heil — dir, leuchtendes — Morgenrot — —,

Strahlender — Freiheit — erlösendes — Licht.

Erhebt sich.

KRASINSKI

bedeckt das Gesicht mit den Händen.

GROSSFÜRST

gibt seinem Pferd die Sporen.

Der Vorbeimarsch beginnt.

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