drukowana A5
15.27
Totenmesse

Bezpłatny fragment - Totenmesse

Objętość:
44 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0774-7

Meinem Freunde

dem Dichter

der „Verwandlungen der Venus”

Richard Dehmel

gewidmet.

Einen von den Unbekannten, von den imDunklen und in Vergessenheit lebenden „Certains”führe ich hier vor.

Es ist Einer von denen, die auf dem Wegehinknicken, wie kranke Blumen, — Einer vondem aristokratischen Geschlechte des neuen Geistes, die an übermäßiger Verfeinerung und allzuüppiger Gehirnentwickelung zugrunde gehen.

Wie ich in der Serie „Zur Psychologie desIndividuums” durchaus keine Kritiken schreibenwollte, sondern einzig und allein die jüngsteEvolutionsphase des menschlichen Gehirnes zuuntersuchen beabsichtigt, ihre feinen und feinstenWurzelfasern zu beschreiben, ihre Zusammensetzung zu analysieren, ein Totalitätsbild dessenzu geben, was noch unklar und verschwommen,nichtsdestoweniger immer energischer in den verschiedensten Äußerungen des modernen Lebenssich kundgibt: so auch in dieser Erzählung.

Es sind zumeist nur feine Spuren, die sichbis jetzt verfolgen lassen, zumeist nur Schattenstreifen, die eine Monomanie, eine Psychose indie Zukunft wirft; aber das sind die geknicktenZweige in der finsteren Wildnis, die zur vorläufigen Orientierung genügen.

Man erschrecke nicht vor den Neurosen, dieam Ende doch den Weg bezeichnen, den diefortschreitende Entwicklung des menschlichenGeistes einzuschlagen scheint. In der Medizinhat man sich schon längst abgewöhnt, beispielshalber die Neurasthenie als eine Krankheit zubetrachten; sie scheint vielmehr die neueste undabsolut notwendige Evolutionsphase zu sein, in derdas Gehirn leistungsfähiger und vermöge der weitgrößeren Empfindlichkeit viel ausgiebiger wird.

Wenn auch die Neurose vorläufig noch tiefden Organismus schädigt, so ist das weiter nichtschlimm. Gegen das Gehirn ist die sonstigekörperliche Entwicklung zurückgeblieben, aberes dauert nicht lange: der Körper wird sich anpassen, das wunderbare Selbststeuerungsgesetzwird in Funktion treten, und was heute neurasthenisch heißt, wird sich morgen die höchsteGesundheit nennen.

Grade in den Neurosen und Psychosen liegendie Samenkeime eines neuen, bis jetzt noch nichtklassifizierten Empfindens; sie sind es, in denendas Dunkle sich mit der Morgenröte des Bewusstseins rötet und die unterirdischen Riffe sich überdas Niveau der Meeresfläche heben.

Wenn auch manches „cent fois grandeurnaturelle” erscheint, so schadet auch das nichts!Was groß ist, kann besser gesehen werden; fürden Psychologen kann solche Größe nur willkommen sein.

Einen Unbekannten, Einen „vom Wege” habeich aufgelesen. Die Menschen, die ich analysiere,brauchen durchaus nicht literarische „Größen”zu sein; aus dem Empfindungsleben eines feinkonstruierten Alkoholikers, eines Monomanen, deran Schreckbildpsychose leidet, kann man tiefereund feinere Rückschlüsse auf die Psychologie derZeit, auf die Natur einer wirklich individuellenVeranlagung gewinnen, als aus den Werkenmanches großen Literaten.

Zumeist sind es die großartigsten Offenbarungen des Intimsten und Innersten derMenschenseele; zuckende Blitze sind es, die indas große Unbekannte, in das fremde Land desUnterbewussten ein grelles, wenn auch momentanesLicht werfen.

Dass diese „Certains”, diese geistigen Sachsengänger, die überall und nirgends ihre Heimathaben, zugrunde gehen, ist weder befremdlichnoch traurig. Sie sind vielleicht der einzigeLuxus, den sich die Natur jetzt noch gestattet.Die Seele ist ihr großes Meisterwerk, aber sieschafft und experimentiert noch immer an ihm,noch immer schafft sie neue Versuchsformen, bissie eines Tages doch vielleicht das große Übergehirn erschafft, nach dem es sie gelüstet.

Der Psychologe hat selbstverständlich dasunumschränkte, unbegrenzte Recht, ein solchesExperimentierobjekt mit derselben Freiheit zubehandeln, mit derselben Ruhe, mit demselbenJenseits von Gut und Böse, wie es beispielshalberdem Botaniker ohne Widerrede eingeräumt wird,wenn er eine neue Spezies behandelt. Von diesemRechte habe ich Gebrauch gemacht.

Die Erzählung, in der dies individuelle Lebenspeziell in Rücksicht auf den Geschlechtswillen untersucht wird, ist in der Ichform geschrieben, weil man in ihr den intimsten Puls ambesten erfassen, das leiseste Zittern des neuen, ausden Plazentahüllen des Unbewussten sich sehnenden Geistes am deutlichsten vernehmen kann.

Berlin, Pfingsten 1893.

Am Anfang war das Geschlecht. Nichtsaußer ihm — alles in ihm.

Das Geschlecht war das ziel-- und uferloseἄπειρον des alten Anaximander, als er Mir denUranfang träumte, der Geist der Bibel, der überden Gewässern schwebte, als noch nichts waraußer Mir.

Das Geschlecht ist die Grundsubstanz desLebens, der Inhalt der Entwicklung, dasWesen der Individualität.

Das Geschlecht ist das ewig Schaffende, dasUmgestaltend-Zerstörende.

Es war die Kraft, mit der Ich die Atomeaufeinander warf, — die blinde Brunst, die ihneneingab, sich zu kopulieren, die sie Elemente undWelten schaffen ließ.

Es war die Kraft, die den Äther in namenlose Sehnsucht brachte, seine Teile Welle inWelle zu kuppeln, sie in heiße Vibrationen stürzteund zu Licht werden ließ.

Es war die Kraft, die den elektrischen Stromin sich zurücklaufen, Dampfmoleküle aneinanderprallen ließ, — und so ist das Geschlecht Leben,Licht, Bewegung.

Und das Geschlecht wurde maßlos geil. Esschuf sich Fangarme, Trichter, Röhren, Gefäße,um die ganze Welt in sich hineinzuschlurfen;es schuf sich einen Protoplasmaleib, um mit unendlicher Fläche zu genießen; es sog alle Lebensfunktionen in seinen gierigen Schlund hinein, umsich zu befriedigen.

Und es wälzte sich dahin in endloser Evolution und konnte nicht ruhen; und es strecktesich aus in zahllose Formen und konnte sich nichtbefriedigen. Es raste nach Glück im Trochiten,es wieherte nach Genuss in der ersten Metazoë,als es das Urwesen in zwei Teile zerriss undsich selbst in zwei Geschlechter spaltete, grausam,brutal, zur gegenseitigen Zerstörung, nur um einneues, raffinierteres Wesen zu schaffen, das einekompliziertere Befriedigungsorgie für die ewighungrigen Dämonen seiner Wollust erfindenkönnte.

Und so schuf sich das Geschlecht endlichdas Gehirn.

Das war das große Meisterwerk seinerWollust. Es fing an ihm zu kneten und zu windenan, und drehte an ihm, und stülpte es aus inSinnesorgane, zerteilte das, was ganz war, intausend Modifikationen, differenzierte Gemeingefühle zu distinkten Sinneseindrücken, zerschnittihre Verbindungen untereinander, dass einer undderselbe Eindruck in verschiedenen Sensationenkostbar würde, dass die einheitliche Welt alsfünf-- und zehnfache Welt erschiene, und wo frühereine Kraft sich sättigte, wühlten nunmehr tausende.

Das war die Geburt der Seele.

Das Geschlecht liebte die Seele. An seinerhermaphroditischen Brust ließ es die Gehirnseeleerstarken; es war für sie die Aorta, die von demHerzen des Allseins ihr das Lebensblut zuführtenes war für sie die Nabelschnur, die sie mit der Allgebärmutter verband; es war der Linsenfocus,durch den die Seele sah, die Skala, in der sie dieWelt als Ton, der Umfang, in welchem sie diehöchste Lust, den höchsten Schmerz perzipierte.

O — das arme, dumme Geschlecht! und dieundankbare Seele!

Das Geschlecht, das sich durch Mich insAllsein objektivierte, das zum Lichte wurde, dassich die Seele schuf, ging an dieser Seele zugrunde.

Was Mittel sein, was dienen sollte, wurdeSelbstzweck, wurde Herrschaft. — Die Sinneseindrücke, die eine neue Zuchtwahl einleiten,neue Gattungen bilden sollten, fingen an, autonomzu werden.

Die distinkten Sinne fingen sich zu mischenan, das Oberste wurde zum Untersten, Ton zurFarbe, Geruchserregung zur Muskelempfindung,die Ordnung wurde zur Anarchie, und ein wütender Kampf zwischen Mutter und Kind begann.

Sie wollte es bemeistern, unterjochen; siespannte um ihr Kind die Mutterkrallen, sie rissan ihm, band es an sich fest mit tausend Lüsten,tausend geilen Fäden, sie warf es auf das Genital-- und Zeugungstier — das Weib; sie überflutete seine Augen mit Blut und stumpfte seinGehör ab, und dämpfte seine Stimme zum heißen,keuchenden Liebeszischen, und brachte seineMuskeln in Krämpfe, und ließ Wollustschauerwie bebende Schlangen über seinen Körperkriechen, — aber nichts, nichts konnte helfen.

Die kleine Bakterie fraß den Leukozyten auf.

Vergebens ließ er alle seine Lebenssäfteauf den Punkt zusammenströmen, wo die Bakteriesaß und um sich fraß, vergebens warf er seinenKern in seine satanische Braut, sie mit seinerLebensachse zu zerstören; der Kern zerbirst, reißtauseinander, er zerfällt in seine Granula, und diehöchste Lebensfunktion, die Allmutter AllesSeienden, die Erschafferin der Lebewesen, derVatersame jeglicher Entwicklung, ist tot.

Der Leukozyt stirbt.

Huh! Das war die Brautnacht, die blutschänderische Brautnacht — des Geschlechtes mitder Seele, das Hohe Lied von der siegendenBakterie.

Und die Seele wurde krank und welk undsiech.

Eigenhändig hat sie sich von der Gebärmutter losgerissen, die Aorta unterbunden, dieKraftquelle versiegen lassen.

Sie lebt, — ja, sie lebt noch, weil sie sichsattgefressen hat am Geschlechte; sie zehrt nochan dem Inhalt, den das Geschlecht ihr gab. Sieproduziert Formen und Töne, die sonst nur derFortpflanzung dienten; sie kann sich noch Halluzinationen schaffen, die sonst nur die Sexualsphäre reizten; sie kann sich in eine Ekstaseversteifen, die dem Größenwahnsinn des Geschlechtes gleicht, wenn es wähnt ein fremdesWesen in sich aufgehen lassen zu können. Aberalles, was sie so auf eigene Faust erzeugt, istnur Luxusfunktion, wie die Kunst nur Luxusfunktion des Geschlechtes ist, und ist steril, wasdie Kunst nicht ist, weil in ihr der mächtigePulsstrom des lebendigen Geschlechtes, der fieberheiße Samengolf des Lichtes, des Willens nachpersönlicher Unsterblichkeit erzittert.

Und so muss die Seele untergehen; so mussdie siegende Bakterie an dem resorbierten Leukozyten sterben.

Aber ich liebe die heilige, große Funktion,in die sich mein Geschlecht verflüchtigte undsublimierte: meine große, sterbende Seele, diemir mein Geschlecht geraubt hat und es auffraß, um daran zu sterben.

Und so muss ich untergehen an meinemzerfallenden, in tausend übergeschlechtliche Sensationen zerbröckelten Geschlecht.

Ich muss untergehen, weil die Lichtquellein mir ausgetrocknet ist, weil ich das Schlussglied bin in der endlosen Kette der Entwicklungstransformationen meines Geschlechtes, weildie Wogen dieser Geschlechtsevolution nichtüber mich hinauskönnen, weil ich der weiße,sturmgepeitschte Schaum bin auf dem Kammeihrer letzten, brandenden Woge, die sich baldam Strande zerschlagen wird.

Ich muss untergeben, weil meine Seele zugroß wurde und zu schwanger mit meinem Geschlechte, als dass sie einen neuen, leuchtenden,morgenbrünstigen, zukunftsfrohen Tag gebärenkönnte.

Und so muss ich an der sterilen Schwangerschaft meiner Seele zugrunde gehen.

Aber ich liebe auch mein totes Geschlecht,dessen Reste meine Seele aufzehrt; ich liebediese letzten Blutstropfen meiner Individualität,in denen sich das Ursein widerspiegelt in seinerganzen Majestät, in seiner Untiefe und Abgründigkeit, blass und schwach; ich liebe dasGeschlecht, das meine Gehörseindrücke mit denwunderbarsten Farben färbt, Geschmackshalluzinationen auf die Sehnerven leitet, epidermaleEindrücke zu visionären Ekstasen werden lässt,— und ich liebe meine Krankheit, meinen Wahnsinn, in dem so viel von doktrinärem, raffiniertem,höhnendem, mit ernster, heiliger Miene höhnendemSystem sich offenbart.

Ich bin ganz ruhig — und sehr, sehr müde.

Nur tief, ganz tief, schmerzt mich etwas. Esringt etwas nach Gleichgewicht; oder vielleicht,ja, vielleicht ringt es in der letzten Agonie.

Etwas ist verloren gegangen; der mystischeOszillationspunkt, auf den sich alle meine Kräftebeziehen. Er wurde aufgehoben durch tausendandere Kraftzentra, und das Einheitliche zerfielin tausend Scherben.

Meine Gedanken nehmen etwas Eigenwilligesan, sie gehen und kommen spontan, willkürlich,zügellos.

Manche erscheinen mir wie rötliche Phosphoreszenzen um einen tiefvioletten Heiligenkranz,wie man die Interferenzen der Gaslichtlaternenim Regenwetter durch die trüben Scheiben sieht,ganz weich und flüchtig. Manche kommen mirvor wie ein langer Lichtstrahl, der auf einewellengekräuselte Wasserfläche geworfen wird;irgendwo in der Tiefe spiegelt er sich wieder,in Millionen Lichtflecke zerbrochen, die sichauf den Wellen wiegen, umarmen und küssenin einer überirdischen Reinheit, Keuschheit undEwigkeit.

Andere wachsen ins Riesenhafte, Ungeheure,Exotische aus. Mein Gehirn, das bisher nur ineuropäischen Dimensionen zu denken gewohntwar, entspannt jetzt die gewaltigen Formen derTempel von Lahore, kombiniert die ägyptischeSphinx mit dem chinesischen Drachen; es schreibtmit den furchtbaren Massen, aus denen die Pyramiden entstanden sind, es denkt in dem vollen,majestätischen Sanskrit, wo jedes Wort einlebender Organismus ist, der durch einen mystischen, pangenetischen Vorgang zu einem Wesenwurde, ein an riesigen Geschlechtsorgan mit unermesslicher Zeugungskraft, das alle Sprachen,alle Gedanken gezeugt hat: eine Synthese vonLogos und Kâma — das Wort des Johannes,das zum Fleische wurde.

Und ich schwelge dann in wüsten Raumphantasien. Ich bin ein assyrischer König, mithimmelstürmender Tiara und grellen, lichtgewobenen Brokatkleidern; auf dem Sensenwagenschwebe ich dahin über der europäischen Miseremit einer Macht und grandiosen Herrlichkeit,die einst die Sklaven auf ihr Angesicht in Staubund Kot geworfen hat.

Ja: ich liebe die babylonische, schweigsameMajestät, wo die Worte teuer und kostbar waren,weil sie einen schauerlichen Geburtsakt kosteten.

Ja: ich liebe die titanische, naive Gewaltdes Machtbewusstseins, die die Götter verhöhnt,die über Menschen herrscht und all Getier, diedas Meer peitschen ließ und in unbekannteLänder Fesseln mit sich führte.

Ja: ich liebe den Wahnsinnstrotz, den granitharten, drachenzahngeborenen Stolz des biblischen Menschen, der dem grausamen Gotte höhnend mit dröhnendem Lachen sein erstes Satan-Jehovah zuruft und einen Felsen aus der Erdereißt, um ihn gegen den Himmel zu werfen,gegen die eherne Stirn des furchtbaren Mörders,der seine selbsterschaffene Brut geißelt für dieSünden, die er selbst ihr eingeimpft hat.

Und ich fühle, wie mir die Pupille das Augeüberflutet, wie mein Körper sich reckt, wie dieBrust mit doppelter Lungenkapazität sich dehntund die furchtbare, heilige Mitrasstille sich aufmein Antlitz legt.

Und dann kommt der gigantische Augenblick,wo ich Sensationen empfinde mit einer Flächevon tausend Quadratmetern, wogegen diese paarKubikzentimeter Blut, mit denen ich Sauerstoffabsorbiere, eine lächerliche Kleinigkeit sind, —wo ich die Wiedergeburt aller Völker und Kulturen in mir seine, — wo ich mit unaussprechlicher Liebe das kindliche Konglomerat vongrellsten Farben auf einem ägyptischen Frieseund die höchste technische Farbenvollkommenheitirgendeines Franzosen genieße, — wo mir daslächerliche Tam-tam eines Negerliedes neben derkompliziertesten Chopinschen Sonate als gleicherGenuss gilt, — wo sich alle meine Sinne durchdringen wie in einer Xenophanischen Gottheitoder wie in einer Molluske, die nur mit einemOrgane alle Sinneseindrücke aufnimmt.

Und wenn der Raum entweicht, — wennalles um mich einstürzt, wie Wellen in ein Loch,das ein Kind mit einem Steine in die Wasseroberfläche einschlägt, — — wenn die Herrschaftüber meine Muskeln aufhört und ich Haut-- undMuskelsinn verliere und nicht mehr weiß, obich da bin, — wenn tausend Jahre in mir rückwärtsfluten und ich auf Augenblicke meine nackteIndividualität, mein sterbendes Geschlecht zurückgewinne, dass ich in das Ursein sinke, mich alsUratom begreife, der sich selber begatten will,und den Puls des Allseins sich in meine Aderngießen fühle: dann empfinde ich ein namenloses,tiefes, unendliches Glück, weit und tief wie dieAtmosphäre, die sich über die Welt gelagert hatIch begreife sehr gut, dass es das Ende ist.

Ich weiß, dass es Desintegrationen der Empfindungen, schwere Muskel-- und Innervationsstörungen sind. Aber was geht das alles Mich an!

Ich will untergehen.

Und wenn auch meine Empfindungssphäresich völlig von meinem Willen emanzipierte, wennmeine Seelenzustände nur zur Hälfte gedeihen, —eine wirre Menge von Gedanken, ein zerfasertesNetz von Gefühlen, jeder motorischen Energievon Grund aus bar: so genieße ich dafür in Mirdas wunderbare, mikrokosmische Bild einertitanischen Weltanschauung! —

Ich, das Subjekt, bin nur in der Empfindung;ich kenne mich nur in der Empfindung; ob diezum Willen wird, ist furchtbar Nebensache.

Ich kenne nichts außer meiner Empfindung,und ich kenne vor allen Dingen keine Kausalität,nur Aufeinanderfolge meiner Empfindungen; obsie logisch sich abwickeln oder nicht, das istnicht meine Sache.

Mein Subjekt sitzt einfach auf dem Isolierschemel. Es ist das Gravitationszentrum, umdas das illusorisch Seiende oszilliert; es gucktdurchs Mikroskop oder, je nachdem, durchs Fernrohr; und in der Souveränität Meines Subjekteserlaube Ich Mir zu denken, dass alles nur einTraum ist und das „Wirkliche” nur eine besondere Form des Traumes und Ich mir selbstso fremd wie Euch.

Und Euretwegen, die ihr gar vielleicht nichtexistiert, ihr Hirngespinste meiner geschlechtsschwangeren Seele: Menschenkinder, euretwegensollte ich leben?

Etwa weil ich der Menschheit etwas schuldigbin, weil ich „doch nun einmal da bin”?

Ha, ha, ha! Mais rassurez vous: Ich liebeeuch alle —

euch, die ihr nichts zu sein vermögt, als dieautonomen Geschlechtsorgane der Argonauten,die sich in der Brunstperiode vom Mutterleibablösen und auf eigene Faust das Weibchen suchen;

und euch, die ihr euch in ständiger geschlechtlicher Innervation befindet, euch Künstlernennt und eure Wollustideale produziert;

und euch, die ihr ewig lauert auf Erwerbfür eure fortgepflanzten Spermatozyten, was ihrLiebe zur persönlichen Unsterblichkeit benamst;

und euch, die ihr maßlos verschwenderischseid; denn in eurer Narrheit waltet die dummeGrandiosität der Geschlechtsnatur, die fünfzehnMillionen Spermatozyten braucht, um ein lächerliches Eichen zu befruchten,

oh! ich liebe euch alle, und ich bedauereeuch, weil ihr leben müsst und der Misthaufenseid, dem neue Zukunft entsprießen soll, weilihr Mittel seid und Genitalorgane des Geschlechtesund euch verpflichtet fühlt, für andere zu leben.

Ich bin für mich allein!

Ich bin Anfang, weil ich die ganze Entwickelungsreihe in mir trage, und bin Ende,weil ich ihr Schlussglied bin.

Allein mit meinen Empfindungen.

Ihr habt noch eine Außenwelt; ich habekeine, ich habe nur Mich.

Ich bin Ich.

Ich, die große Synthese von Christus undSatan, der ich mich selber auf den Berg führeund in Versuchung bringe und mich übertölpeln will.

Ich, die Synthese von trunkenster Begeiferung und kalt berechnetem Raffinement, dieSynthese vom gläubigsten Urchristen und höhnisch grinsenden Unglauben, ein mystischerEkstatiker und satanischer Priester, der mitgebenedeitem Munde die heiligsten Worte undobszönsten Blasphemien im selben Augenblickverkündet.

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