drukowana A5
16.18
Totenmesse

Bezpłatny fragment - Totenmesse

Objętość:
44 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0774-7

Meinem Freunde

dem Dichter

der „Verwandlungen der Venus”

Richard Dehmel

gewidmet.

Einen von den Unbekannten, von den imDunklen und in Vergessenheit lebenden „Certains”führe ich hier vor.

Es ist Einer von denen, die auf dem Wegehinknicken, wie kranke Blumen, — Einer vondem aristokratischen Geschlechte des neuen Geistes, die an übermäßiger Verfeinerung und allzuüppiger Gehirnentwickelung zugrunde gehen.

Wie ich in der Serie „Zur Psychologie desIndividuums” durchaus keine Kritiken schreibenwollte, sondern einzig und allein die jüngsteEvolutionsphase des menschlichen Gehirnes zuuntersuchen beabsichtigt, ihre feinen und feinstenWurzelfasern zu beschreiben, ihre Zusammensetzung zu analysieren, ein Totalitätsbild dessenzu geben, was noch unklar und verschwommen,nichtsdestoweniger immer energischer in den verschiedensten Äußerungen des modernen Lebenssich kundgibt: so auch in dieser Erzählung.

Es sind zumeist nur feine Spuren, die sichbis jetzt verfolgen lassen, zumeist nur Schattenstreifen, die eine Monomanie, eine Psychose indie Zukunft wirft; aber das sind die geknicktenZweige in der finsteren Wildnis, die zur vorläufigen Orientierung genügen.

Man erschrecke nicht vor den Neurosen, dieam Ende doch den Weg bezeichnen, den diefortschreitende Entwicklung des menschlichenGeistes einzuschlagen scheint. In der Medizinhat man sich schon längst abgewöhnt, beispielshalber die Neurasthenie als eine Krankheit zubetrachten; sie scheint vielmehr die neueste undabsolut notwendige Evolutionsphase zu sein, in derdas Gehirn leistungsfähiger und vermöge der weitgrößeren Empfindlichkeit viel ausgiebiger wird.

Wenn auch die Neurose vorläufig noch tiefden Organismus schädigt, so ist das weiter nichtschlimm. Gegen das Gehirn ist die sonstigekörperliche Entwicklung zurückgeblieben, aberes dauert nicht lange: der Körper wird sich anpassen, das wunderbare Selbststeuerungsgesetzwird in Funktion treten, und was heute neurasthenisch heißt, wird sich morgen die höchsteGesundheit nennen.

Grade in den Neurosen und Psychosen liegendie Samenkeime eines neuen, bis jetzt noch nichtklassifizierten Empfindens; sie sind es, in denendas Dunkle sich mit der Morgenröte des Bewusstseins rötet und die unterirdischen Riffe sich überdas Niveau der Meeresfläche heben.

Wenn auch manches „cent fois grandeurnaturelle” erscheint, so schadet auch das nichts!Was groß ist, kann besser gesehen werden; fürden Psychologen kann solche Größe nur willkommen sein.

Einen Unbekannten, Einen „vom Wege” habeich aufgelesen. Die Menschen, die ich analysiere,brauchen durchaus nicht literarische „Größen”zu sein; aus dem Empfindungsleben eines feinkonstruierten Alkoholikers, eines Monomanen, deran Schreckbildpsychose leidet, kann man tiefereund feinere Rückschlüsse auf die Psychologie derZeit, auf die Natur einer wirklich individuellenVeranlagung gewinnen, als aus den Werkenmanches großen Literaten.

Zumeist sind es die großartigsten Offenbarungen des Intimsten und Innersten derMenschenseele; zuckende Blitze sind es, die indas große Unbekannte, in das fremde Land desUnterbewussten ein grelles, wenn auch momentanesLicht werfen.

Dass diese „Certains”, diese geistigen Sachsengänger, die überall und nirgends ihre Heimathaben, zugrunde gehen, ist weder befremdlichnoch traurig. Sie sind vielleicht der einzigeLuxus, den sich die Natur jetzt noch gestattet.Die Seele ist ihr großes Meisterwerk, aber sieschafft und experimentiert noch immer an ihm,noch immer schafft sie neue Versuchsformen, bissie eines Tages doch vielleicht das große Übergehirn erschafft, nach dem es sie gelüstet.

Der Psychologe hat selbstverständlich dasunumschränkte, unbegrenzte Recht, ein solchesExperimentierobjekt mit derselben Freiheit zubehandeln, mit derselben Ruhe, mit demselbenJenseits von Gut und Böse, wie es beispielshalberdem Botaniker ohne Widerrede eingeräumt wird,wenn er eine neue Spezies behandelt. Von diesemRechte habe ich Gebrauch gemacht.

Die Erzählung, in der dies individuelle Lebenspeziell in Rücksicht auf den Geschlechtswillen untersucht wird, ist in der Ichform geschrieben, weil man in ihr den intimsten Puls ambesten erfassen, das leiseste Zittern des neuen, ausden Plazentahüllen des Unbewussten sich sehnenden Geistes am deutlichsten vernehmen kann.

Berlin, Pfingsten 1893.

Am Anfang war das Geschlecht. Nichtsaußer ihm — alles in ihm.

Das Geschlecht war das ziel-- und uferloseἄπειρον des alten Anaximander, als er Mir denUranfang träumte, der Geist der Bibel, der überden Gewässern schwebte, als noch nichts waraußer Mir.

Das Geschlecht ist die Grundsubstanz desLebens, der Inhalt der Entwicklung, dasWesen der Individualität.

Das Geschlecht ist das ewig Schaffende, dasUmgestaltend-Zerstörende.

Es war die Kraft, mit der Ich die Atomeaufeinander warf, — die blinde Brunst, die ihneneingab, sich zu kopulieren, die sie Elemente undWelten schaffen ließ.

Es war die Kraft, die den Äther in namenlose Sehnsucht brachte, seine Teile Welle inWelle zu kuppeln, sie in heiße Vibrationen stürzteund zu Licht werden ließ.

Es war die Kraft, die den elektrischen Stromin sich zurücklaufen, Dampfmoleküle aneinanderprallen ließ, — und so ist das Geschlecht Leben,Licht, Bewegung.

Und das Geschlecht wurde maßlos geil. Esschuf sich Fangarme, Trichter, Röhren, Gefäße,um die ganze Welt in sich hineinzuschlurfen;es schuf sich einen Protoplasmaleib, um mit unendlicher Fläche zu genießen; es sog alle Lebensfunktionen in seinen gierigen Schlund hinein, umsich zu befriedigen.

Und es wälzte sich dahin in endloser Evolution und konnte nicht ruhen; und es strecktesich aus in zahllose Formen und konnte sich nichtbefriedigen. Es raste nach Glück im Trochiten,es wieherte nach Genuss in der ersten Metazoë,als es das Urwesen in zwei Teile zerriss undsich selbst in zwei Geschlechter spaltete, grausam,brutal, zur gegenseitigen Zerstörung, nur um einneues, raffinierteres Wesen zu schaffen, das einekompliziertere Befriedigungsorgie für die ewighungrigen Dämonen seiner Wollust erfindenkönnte.

Und so schuf sich das Geschlecht endlichdas Gehirn.

Das war das große Meisterwerk seinerWollust. Es fing an ihm zu kneten und zu windenan, und drehte an ihm, und stülpte es aus inSinnesorgane, zerteilte das, was ganz war, intausend Modifikationen, differenzierte Gemeingefühle zu distinkten Sinneseindrücken, zerschnittihre Verbindungen untereinander, dass einer undderselbe Eindruck in verschiedenen Sensationenkostbar würde, dass die einheitliche Welt alsfünf-- und zehnfache Welt erschiene, und wo frühereine Kraft sich sättigte, wühlten nunmehr tausende.

Das war die Geburt der Seele.

Das Geschlecht liebte die Seele. An seinerhermaphroditischen Brust ließ es die Gehirnseeleerstarken; es war für sie die Aorta, die von demHerzen des Allseins ihr das Lebensblut zuführtenes war für sie die Nabelschnur, die sie mit der Allgebärmutter verband; es war der Linsenfocus,durch den die Seele sah, die Skala, in der sie dieWelt als Ton, der Umfang, in welchem sie diehöchste Lust, den höchsten Schmerz perzipierte.

O — das arme, dumme Geschlecht! und dieundankbare Seele!

Das Geschlecht, das sich durch Mich insAllsein objektivierte, das zum Lichte wurde, dassich die Seele schuf, ging an dieser Seele zugrunde.

Was Mittel sein, was dienen sollte, wurdeSelbstzweck, wurde Herrschaft. — Die Sinneseindrücke, die eine neue Zuchtwahl einleiten,neue Gattungen bilden sollten, fingen an, autonomzu werden.

Die distinkten Sinne fingen sich zu mischenan, das Oberste wurde zum Untersten, Ton zurFarbe, Geruchserregung zur Muskelempfindung,die Ordnung wurde zur Anarchie, und ein wütender Kampf zwischen Mutter und Kind begann.

Sie wollte es bemeistern, unterjochen; siespannte um ihr Kind die Mutterkrallen, sie rissan ihm, band es an sich fest mit tausend Lüsten,tausend geilen Fäden, sie warf es auf das Genital-- und Zeugungstier — das Weib; sie überflutete seine Augen mit Blut und stumpfte seinGehör ab, und dämpfte seine Stimme zum heißen,keuchenden Liebeszischen, und brachte seineMuskeln in Krämpfe, und ließ Wollustschauerwie bebende Schlangen über seinen Körperkriechen, — aber nichts, nichts konnte helfen.

Die kleine Bakterie fraß den Leukozyten auf.

Vergebens ließ er alle seine Lebenssäfteauf den Punkt zusammenströmen, wo die Bakteriesaß und um sich fraß, vergebens warf er seinenKern in seine satanische Braut, sie mit seinerLebensachse zu zerstören; der Kern zerbirst, reißtauseinander, er zerfällt in seine Granula, und diehöchste Lebensfunktion, die Allmutter AllesSeienden, die Erschafferin der Lebewesen, derVatersame jeglicher Entwicklung, ist tot.

Der Leukozyt stirbt.

Huh! Das war die Brautnacht, die blutschänderische Brautnacht — des Geschlechtes mitder Seele, das Hohe Lied von der siegendenBakterie.

Und die Seele wurde krank und welk undsiech.

Eigenhändig hat sie sich von der Gebärmutter losgerissen, die Aorta unterbunden, dieKraftquelle versiegen lassen.

Sie lebt, — ja, sie lebt noch, weil sie sichsattgefressen hat am Geschlechte; sie zehrt nochan dem Inhalt, den das Geschlecht ihr gab. Sieproduziert Formen und Töne, die sonst nur derFortpflanzung dienten; sie kann sich noch Halluzinationen schaffen, die sonst nur die Sexualsphäre reizten; sie kann sich in eine Ekstaseversteifen, die dem Größenwahnsinn des Geschlechtes gleicht, wenn es wähnt ein fremdesWesen in sich aufgehen lassen zu können. Aberalles, was sie so auf eigene Faust erzeugt, istnur Luxusfunktion, wie die Kunst nur Luxusfunktion des Geschlechtes ist, und ist steril, wasdie Kunst nicht ist, weil in ihr der mächtigePulsstrom des lebendigen Geschlechtes, der fieberheiße Samengolf des Lichtes, des Willens nachpersönlicher Unsterblichkeit erzittert.

Und so muss die Seele untergehen; so mussdie siegende Bakterie an dem resorbierten Leukozyten sterben.

Aber ich liebe die heilige, große Funktion,in die sich mein Geschlecht verflüchtigte undsublimierte: meine große, sterbende Seele, diemir mein Geschlecht geraubt hat und es auffraß, um daran zu sterben.

Und so muss ich untergehen an meinemzerfallenden, in tausend übergeschlechtliche Sensationen zerbröckelten Geschlecht.

Ich muss untergehen, weil die Lichtquellein mir ausgetrocknet ist, weil ich das Schlussglied bin in der endlosen Kette der Entwicklungstransformationen meines Geschlechtes, weildie Wogen dieser Geschlechtsevolution nichtüber mich hinauskönnen, weil ich der weiße,sturmgepeitschte Schaum bin auf dem Kammeihrer letzten, brandenden Woge, die sich baldam Strande zerschlagen wird.

Ich muss untergeben, weil meine Seele zugroß wurde und zu schwanger mit meinem Geschlechte, als dass sie einen neuen, leuchtenden,morgenbrünstigen, zukunftsfrohen Tag gebärenkönnte.

Und so muss ich an der sterilen Schwangerschaft meiner Seele zugrunde gehen.

Aber ich liebe auch mein totes Geschlecht,dessen Reste meine Seele aufzehrt; ich liebediese letzten Blutstropfen meiner Individualität,in denen sich das Ursein widerspiegelt in seinerganzen Majestät, in seiner Untiefe und Abgründigkeit, blass und schwach; ich liebe dasGeschlecht, das meine Gehörseindrücke mit denwunderbarsten Farben färbt, Geschmackshalluzinationen auf die Sehnerven leitet, epidermaleEindrücke zu visionären Ekstasen werden lässt,— und ich liebe meine Krankheit, meinen Wahnsinn, in dem so viel von doktrinärem, raffiniertem,höhnendem, mit ernster, heiliger Miene höhnendemSystem sich offenbart.

Ich bin ganz ruhig — und sehr, sehr müde.

Nur tief, ganz tief, schmerzt mich etwas. Esringt etwas nach Gleichgewicht; oder vielleicht,ja, vielleicht ringt es in der letzten Agonie.

Etwas ist verloren gegangen; der mystischeOszillationspunkt, auf den sich alle meine Kräftebeziehen. Er wurde aufgehoben durch tausendandere Kraftzentra, und das Einheitliche zerfielin tausend Scherben.

Meine Gedanken nehmen etwas Eigenwilligesan, sie gehen und kommen spontan, willkürlich,zügellos.

Manche erscheinen mir wie rötliche Phosphoreszenzen um einen tiefvioletten Heiligenkranz,wie man die Interferenzen der Gaslichtlaternenim Regenwetter durch die trüben Scheiben sieht,ganz weich und flüchtig. Manche kommen mirvor wie ein langer Lichtstrahl, der auf einewellengekräuselte Wasserfläche geworfen wird;irgendwo in der Tiefe spiegelt er sich wieder,in Millionen Lichtflecke zerbrochen, die sichauf den Wellen wiegen, umarmen und küssenin einer überirdischen Reinheit, Keuschheit undEwigkeit.

Andere wachsen ins Riesenhafte, Ungeheure,Exotische aus. Mein Gehirn, das bisher nur ineuropäischen Dimensionen zu denken gewohntwar, entspannt jetzt die gewaltigen Formen derTempel von Lahore, kombiniert die ägyptischeSphinx mit dem chinesischen Drachen; es schreibtmit den furchtbaren Massen, aus denen die Pyramiden entstanden sind, es denkt in dem vollen,majestätischen Sanskrit, wo jedes Wort einlebender Organismus ist, der durch einen mystischen, pangenetischen Vorgang zu einem Wesenwurde, ein an riesigen Geschlechtsorgan mit unermesslicher Zeugungskraft, das alle Sprachen,alle Gedanken gezeugt hat: eine Synthese vonLogos und Kâma — das Wort des Johannes,das zum Fleische wurde.

Und ich schwelge dann in wüsten Raumphantasien. Ich bin ein assyrischer König, mithimmelstürmender Tiara und grellen, lichtgewobenen Brokatkleidern; auf dem Sensenwagenschwebe ich dahin über der europäischen Miseremit einer Macht und grandiosen Herrlichkeit,die einst die Sklaven auf ihr Angesicht in Staubund Kot geworfen hat.

Ja: ich liebe die babylonische, schweigsameMajestät, wo die Worte teuer und kostbar waren,weil sie einen schauerlichen Geburtsakt kosteten.

Ja: ich liebe die titanische, naive Gewaltdes Machtbewusstseins, die die Götter verhöhnt,die über Menschen herrscht und all Getier, diedas Meer peitschen ließ und in unbekannteLänder Fesseln mit sich führte.

Ja: ich liebe den Wahnsinnstrotz, den granitharten, drachenzahngeborenen Stolz des biblischen Menschen, der dem grausamen Gotte höhnend mit dröhnendem Lachen sein erstes Satan-Jehovah zuruft und einen Felsen aus der Erdereißt, um ihn gegen den Himmel zu werfen,gegen die eherne Stirn des furchtbaren Mörders,der seine selbsterschaffene Brut geißelt für dieSünden, die er selbst ihr eingeimpft hat.

Und ich fühle, wie mir die Pupille das Augeüberflutet, wie mein Körper sich reckt, wie dieBrust mit doppelter Lungenkapazität sich dehntund die furchtbare, heilige Mitrasstille sich aufmein Antlitz legt.

Und dann kommt der gigantische Augenblick,wo ich Sensationen empfinde mit einer Flächevon tausend Quadratmetern, wogegen diese paarKubikzentimeter Blut, mit denen ich Sauerstoffabsorbiere, eine lächerliche Kleinigkeit sind, —wo ich die Wiedergeburt aller Völker und Kulturen in mir seine, — wo ich mit unaussprechlicher Liebe das kindliche Konglomerat vongrellsten Farben auf einem ägyptischen Frieseund die höchste technische Farbenvollkommenheitirgendeines Franzosen genieße, — wo mir daslächerliche Tam-tam eines Negerliedes neben derkompliziertesten Chopinschen Sonate als gleicherGenuss gilt, — wo sich alle meine Sinne durchdringen wie in einer Xenophanischen Gottheitoder wie in einer Molluske, die nur mit einemOrgane alle Sinneseindrücke aufnimmt.

Und wenn der Raum entweicht, — wennalles um mich einstürzt, wie Wellen in ein Loch,das ein Kind mit einem Steine in die Wasseroberfläche einschlägt, — — wenn die Herrschaftüber meine Muskeln aufhört und ich Haut-- undMuskelsinn verliere und nicht mehr weiß, obich da bin, — wenn tausend Jahre in mir rückwärtsfluten und ich auf Augenblicke meine nackteIndividualität, mein sterbendes Geschlecht zurückgewinne, dass ich in das Ursein sinke, mich alsUratom begreife, der sich selber begatten will,und den Puls des Allseins sich in meine Aderngießen fühle: dann empfinde ich ein namenloses,tiefes, unendliches Glück, weit und tief wie dieAtmosphäre, die sich über die Welt gelagert hatIch begreife sehr gut, dass es das Ende ist.

Ich weiß, dass es Desintegrationen der Empfindungen, schwere Muskel-- und Innervationsstörungen sind. Aber was geht das alles Mich an!

Ich will untergehen.

Und wenn auch meine Empfindungssphäresich völlig von meinem Willen emanzipierte, wennmeine Seelenzustände nur zur Hälfte gedeihen, —eine wirre Menge von Gedanken, ein zerfasertesNetz von Gefühlen, jeder motorischen Energievon Grund aus bar: so genieße ich dafür in Mirdas wunderbare, mikrokosmische Bild einertitanischen Weltanschauung! —

Ich, das Subjekt, bin nur in der Empfindung;ich kenne mich nur in der Empfindung; ob diezum Willen wird, ist furchtbar Nebensache.

Ich kenne nichts außer meiner Empfindung,und ich kenne vor allen Dingen keine Kausalität,nur Aufeinanderfolge meiner Empfindungen; obsie logisch sich abwickeln oder nicht, das istnicht meine Sache.

Mein Subjekt sitzt einfach auf dem Isolierschemel. Es ist das Gravitationszentrum, umdas das illusorisch Seiende oszilliert; es gucktdurchs Mikroskop oder, je nachdem, durchs Fernrohr; und in der Souveränität Meines Subjekteserlaube Ich Mir zu denken, dass alles nur einTraum ist und das „Wirkliche” nur eine besondere Form des Traumes und Ich mir selbstso fremd wie Euch.

Und Euretwegen, die ihr gar vielleicht nichtexistiert, ihr Hirngespinste meiner geschlechtsschwangeren Seele: Menschenkinder, euretwegensollte ich leben?

Etwa weil ich der Menschheit etwas schuldigbin, weil ich „doch nun einmal da bin”?

Ha, ha, ha! Mais rassurez vous: Ich liebeeuch alle —

euch, die ihr nichts zu sein vermögt, als dieautonomen Geschlechtsorgane der Argonauten,die sich in der Brunstperiode vom Mutterleibablösen und auf eigene Faust das Weibchen suchen;

und euch, die ihr euch in ständiger geschlechtlicher Innervation befindet, euch Künstlernennt und eure Wollustideale produziert;

und euch, die ihr ewig lauert auf Erwerbfür eure fortgepflanzten Spermatozyten, was ihrLiebe zur persönlichen Unsterblichkeit benamst;

und euch, die ihr maßlos verschwenderischseid; denn in eurer Narrheit waltet die dummeGrandiosität der Geschlechtsnatur, die fünfzehnMillionen Spermatozyten braucht, um ein lächerliches Eichen zu befruchten,

oh! ich liebe euch alle, und ich bedauereeuch, weil ihr leben müsst und der Misthaufenseid, dem neue Zukunft entsprießen soll, weilihr Mittel seid und Genitalorgane des Geschlechtesund euch verpflichtet fühlt, für andere zu leben.

Ich bin für mich allein!

Ich bin Anfang, weil ich die ganze Entwickelungsreihe in mir trage, und bin Ende,weil ich ihr Schlussglied bin.

Allein mit meinen Empfindungen.

Ihr habt noch eine Außenwelt; ich habekeine, ich habe nur Mich.

Ich bin Ich.

Ich, die große Synthese von Christus undSatan, der ich mich selber auf den Berg führeund in Versuchung bringe und mich übertölpeln will.

Ich, die Synthese von trunkenster Begeiferung und kalt berechnetem Raffinement, dieSynthese vom gläubigsten Urchristen und höhnisch grinsenden Unglauben, ein mystischerEkstatiker und satanischer Priester, der mitgebenedeitem Munde die heiligsten Worte undobszönsten Blasphemien im selben Augenblickverkündet.

Und in diesem Augenblicke habe ich eineLichtempfindung, wie wenn ein ganzes Meer vonPurpurrot aus halbgeronnenem Venenblut überden Himmel ausgegossen wäre, und in den Ohreneinen schneidenden, sauren Ton in der Applikatur,wie wenn ein Folterknecht mit einer Säge durcheine Glasplatte schnitte —

O qualis artifex pereo!

Du bist wie ein schwacher, matter, silbernerLichtstrahl, den ein Hüttenfenster in einer lauenHerbstnacht auf die Wiese ausgespien hat überdas nasse, weiche Nebeltuch, das mit brünstiger,lustsatter Müdigkeit auf dem Grasteppich lagert.Über die Nebelfläche wiegt er sich wie einezögernde Welle Licht; wie Glockentöne zumAve-Maria fließt er rein, golden, allmählich verklingend, und lange hallt er nach und gießtsich in den Körper mit matter, kranker Ruhe.

Du bist wie die blaue Morgenstunde, wennder Osten sich zu röten und Licht auszuatmenbeginnt. Die ganze Welt sättigt sich mit dendunklen Osternachtmysterien der Auferstehung,sie taucht unter in der blauen Seligkeit desHimmels, sie zerfließt in dieser Atmosphärekalten, flüssigen Damaszenerstahls, und plötzlichbrennt sie auf, in weitem, tiefem violetten Farbenmeer, das die ersten, melancholischen, traummüden Lichtkolumnen entfachen.

Und alles ist tief und blau und heilig.

Um deine Augen war es wie Protuberanzenschein bei Sonnenfinsternissen, wie eine Phosphoreszenz der Fäulnis, und sie glühten wiezwei tiefe Sterne einer schwarzen Herbstnachtin den Abgrund meiner Seele hinein.

Um deine Mundwinkel feine, weiche Interferenzlinien, die mich an meinen heimatlichenSee erinnerten, an die klare, stille Wasserflut,wenn ich sie mit dem Ruder bewegte.

Deine Stimme kam zu mir, wie wenn sieüber das grüne Meer mit dem Frühlingswindehergeweht wäre, und ich höre sie fortwährendals ein aufgelöstes, in Schallatmosphäre transformiertes Lichtmeer, das mich beständig umfließt mitunendlich feinen, distinkten Wellenschwingungen.

Ich gehe wie eingehüllt in sie, und meineGedanken fließen auf und nieder auf der wogenden Rhythmik dieser Stimme mit der weichen— frauenhändeweichen Dominante in cis-Moll.

Als ich dich das erste Mal erblickte, wares mir, als ob ich meine Individualität in ihrermystischen Nacktheit gesehen hätte.

Du warst für mich die Offenbarung meineshöchsten Schauens; in dir war das Rätsel meinerhöchsten ästhetischen Sehnsucht gelöst.Du warst die Geschichte meiner Entwicklung, meine sexuelle Vergangenheit. Ein StückPalingenesis warst du von mir; in uns beidenhat sich die gemeinsame Uridee, die gleiche Wogeder Geschlechtsevolution objektiviert.

Und so musste ich deine Formen, deine Bewegungen lieben, so musste mich die Stimmung,die du strömtest, berauschen, weil mein Geschlechtmir meine Seele auf dich eingerichtet hatte, dasssie dich zum Fraße ihm zuführe, zum Molochopfer überliefere.

Du warst wohl ursprünglich mein höchstessexuelles Ideal; doch seitdem sich meine Seeleautonom erklärte und mein Geschlecht erwürgte,konnte ich dich nur noch mit den Sinnen meinerSeele lieben, ihre Werkzeuge auf dich richten,dich mit meinen Augen trinken, den Tonfalldeiner Sprache streicheln, meine Muskeln innervieren lassen durch die verschwimmenden Liniendeines Körpers in eine unendliche Weichheit.

Und ich habe dich genossen in ewiger Qualund namenloser Sehnsucht. Es war, wie wennich eine Art physiologischen Amöbenbewusstseinsempfangen hätte und den Augenblick in mir verspürte, als die Amöbe sich teilte, die Hälfte ihresKernes zum neuen Wesen werden ließ, diesesverloren hatte und sich nun in brütender, qualvoller Sehnsucht nach ihm sehnte.

Es war, wie wenn ich mich als Hermaphroditen fühlte, mich selbst parthenogenetisch befruchtet hätte, ein Weibchen nach meinem Urbilde schuf, das aber fremd und Nicht-Ich wurde.

Und ich sehnte mich nach dir immer undewig, ich sehnte mich nach jenem Augenblicke,als du Eines mit mir warst, bevor ich mich indeinem Körper objektivierte.

Ich sehnte mich in heißem Fieber nach demWerdeprozess, wie die Formen Meines Geistessich in deinen Körper kleideten, die Zuckungenmeiner Muskeln dich ins Leben leiteten, wie dunach dem Muster meines Geistes wurdest undein neues Wesen begann.

Ich liebe dich, wie die untergehende Sonnedas Roggenfeld an Sommerabenden mit denletzten, blutroten Strahlen liebt; ich scheide ungern von dir, wie die Sonne von der Erde scheidetmit Weh und Sehnsucht, weil sie das heiligeMysterium der Nacht nicht sehen kann.

Das Mysterium der Nacht und des Abgrunds— in Dir wollte ich es sehen. Ich griff nachihm mit fiebernden, qualstöhnenden Fingern; wiefeine Lanzettenspitzen grub ich sie in deineTiefe, und immer entschlüpfte es mir, glitt tiefer,verschwand.

Das Grundelement verflüchtigte sich in tausend Sublimationen, und mein Geist rang undkrümmte sich in wilder Qual, dich wieder insich aufzusaugen, dich aufzulösen in deinerbrünstigen Hitze wie ein Stück Metall — Dich,seine verlorene Kernhälfte.

Und so bliebst du mir fremd, weil nur meinGeschlecht dich wiedererkennen könnte; daslebendige, nackte Geschlecht, das in mir tot ist.

Tot ist Das, was war, bevor ich wurde, wasdeinen Entstehungsprozess sah, was ihn vielleichtveranlasst hat, was durch endlose Formen sichbis zu mir hindurchgerungen hatte, was einstkeine katoptrischen Instrumente brauchte, tun zusehen, kein Cortisches Organ, um zu hören.

Ich liebte dich nur mit meiner Seele, mitder skeptischen, kranken Seele, die dich als klein,mir unterlegen, meine Magd und Sklavin empfand.

Ich liebte deine Lüge, weil ich selbst verlogen bin.

Aber während deine Lüge ein paar lächerliche Liebhaber an der Nase führen konnte,schuf meine Lüge die wunderbarsten wissenschaftlichen Hypothesen, schuf neue Welten,schuf Poesie, zwang den Menschen neue Gedanken, neue Gesittung auf, vollbrachte die ganzeKulturarbeit.

Ich liebe dein Verbrechertum, weil ich selbstVerbrecher bin.

Aber während Du als Verbrecher höchstensProstituierte, Diebin und Kindesmörderin werdenkonntest, habe Ich als Verbrecher neue Gesetzestafeln geschrieben, alte Religionen vernichtetund neue entsponnen, Völker von der Erdkarteweggestrichen, der Erde die Eingeweide herausgerissen: Ich, der nimmersatte, ewige Verbrecher, der Erreger des Stoffwechsels in derGeschichte, der Geist der Evolutionen und Zerstörungen.

Ich liebe dein Geschlecht, das dich brünstigund empfänglich machte; du warst der Maßstabfür die Stärke meiner Muskelkraft, mit deinemGebärmuttergehirn hast du mein Geschlecht begriffen, mich in meiner Nacktheit gesehen, michvor mir selbst entkleidet und das Rätsel meinesSeins entwirrt.

Und das ist deine Stärke.

Das, was ich nicht konnte.

Deshalb liebe ich deine Lüge und dein Verbrechertum, weil sie deine Geschlechtsfunktionensind, mit denen du den Weltgeist in mir fasstestund dich an ihm festsaugtest und ihn auf dichwirken ließest, um ihn doch vielleicht der neuenZukunft, die deinem Schoß entsprießen sollte,dienstbar zu machen.

Vor meinen Augen steigen Bilder namenloserQual auf, die ich mit dir verlebte.

Erinnerst du dich wohl, wie du im ekstatischenAufschwung deines starken Geschlechtes michtief, schmerzlich tief, in dich hineinpresstest?

Von unten empor drangen Tonwellen irgendwelcher Musik in mein Zimmer herauf; durchgrünen, dichten Abat-jour ergoss die Lampemattes Krankenbettlicht, und ich fühlte, wiedurch irgendeinen Vorgang die Zuckungendeines Körpers sich mir mitteilten, wie sie aufmeine Blutbahnen wirkten und das Herz inkleineren Zwischenräumen das Blut in die Gefäße speien ließen und in meinem Gehirne lange,lange nicht betretene Pfade in Erzitterung gerieten.

In diesem Augenblicke fühlte ich Glück.

Ich horchte gespannt, wie die geschlechtlichen Elemente sich summierten, wie eine schwacheWelle sich in meinem Körper fortpflanzte, dieimmer stärker wurde, immer weitere Interferenzkreise um sich zog; ich fühlte, wie mein Kehlkopf sich zusammenschnürte und banale Liebesworte stammeln wollte, wie mein Bewusstseinimmer schwächer wurde, immer geringeres Verständnis für die inneren Vorgänge hatte, — aberda plötzlich hat dein Körper sich in eine schiefe,gebrochene, unanständige Linie gekleidet, undim Momente stürzte das mühevolle Werk intensesten Wollustschmerzes zusammen, das Gehirnpackte mit eisernen Raubtierkrallen das Geschlecht und erwürgte es.

Und du lagst da, und betteltest mit deinerBrunst, schweigsam mit geschlossenen Augen.

Und ich lachte; roh, zynisch, gemein; —lachte, dass ich glaubte, mir würden alle die feinenBlutgefäße in meinen Lungenbläschen platzen.

Du armes Kind! — Deine Gebärmutter hatdich übertölpelt. Aber beruhige dich: du hastmit ihr das Saїsrätsel meines Lebens geschaut.

Ich entstamme einer Mischehe zwischen einemprotestantischen Bauern und einem katholischenWeibe, das einer alten, verarmten, aristokratischenFamilie angehörte.

In meinen Erinnerungen dominiert noch immerdie schlanke, schmächtige Frau mit dem Carlo-Dolci-Gesicht, in deren Züge Jahrhunderte vonVerfeinerung und auserlesenster Zuchtwahl einunauslöschliches Stigma geprägt hatten.

Sie liebte niemals den Vater; sie heirateteihn nur deshalb, um bei ihren Standesgenossennicht dienen zu müssen. Unter endloser Qualhatte sie gelernt, sich seiner Lust hinzugeben;unter tiefstem sinnlichem Ekel, unter der mächtigsten Empörung ihrer blutenden Seele, dernach Rache schreienden Physis wurde Ich geschaffen.

Von Anfang an Schmutz — und Schmutz —und Schmutz.

So weit sich meine Erinnerungen strecken,empfand ich mich immer als etwas Unkoordiniertes,Widerspruchvolles, Zusammengewürfeltes, dasmein Wollen paralysierte und mein Denken durchimpotente, aber immerwährende Impulse in steterReizbarkeit erhielt.

Immer hatte ich etwas an mir, das nicht diegeringste Affinität zu anderem in mir besaß.Die heterogensten Elemente lagen als Gemengenebeneinander, ohne Verbindungen stiften zukönnen; kleine feindliche Teufel standen sichgegenüber, um sich bei jeder Gelegenheit mitblutigem Hohn zu beschimpfen.

Die Mutter war das große geologische Agens,das die entstehenden Formationen meiner Seeleverschob, kantete, auflöste, abnorme Verbindungenbildete und mit ihrem Geiste den ersten giftigenBildungskeim in die frische Krume legte.

Und dieser Bildungskeim, der zu einemSeuchenherde wurde, aus dem die kranken Sumpfblumen meiner Lebensäußerungen sprossen, daswar ja jene unbefriedigte geschlechtliche Sehnsucht; das war ihr eigener abgründiger Zwiespalt zwischen der Gebärmutter und der Seele; —das war, dass ihr Geschlecht von der Seele alsetwas Schmutziges weggestoßen werden musste,weil es einem ungeliebten Manne zum Werkzeugdiente.

Ihre Seele sah sich in den Kot getreten, mitbrutaler Kraft vergewaltigt, und sie schwangsich empor mit wildem Elan nach etwas grenzenlos Innigem, Reinem, Verklärtem, Geschlechtslosem.

Das Geschlechtslose in ihr erzeugte das Geschlechtslose außer ihr, ein Etwas, um das sichalle ihre Gefühle wie um einen kosmischen Kernpunkt gruppierten, in Wärme gerieten, ewigwechselten, in ewigem Fluss verharrten.

Und wenn wohl auch allmählich die Leidenschaft und Wärme ihrer Sehnsucht matter wurdeund das große Weh, das diese Sehnsucht belebte,sich verlor, so blieb doch immer etwas, dessenHerkunft sie nicht mehr sagen konnte, das denZusammenhang mit ihrem früheren Leben eingebüßt hatte, — gleich einer abgeschliffenen,kurrenten Metapher, deren rätselhafte Genesisniemand mehr entwirren kann.

Und mit dieser metaphorischen Sehnsuchtimprägnierte sie meine Seele; sie goss sie in jedeNervenfaser, sie schlug sie wie Grenzpflöcke inden Umfang meines Empfindens, und sie machtemich so krankhaft empfindlich, so mystisch verschämt und so maßlos zynisch.

Sie war es, die mich tränkte mit dem Ekelvor dem Geschlechtlichen, die den ersten Zerstörungskeim in die Verbindung zwischen meinerSeele und dem Geschlechte säete, die den Zwiespalt meiner physischen Hereditäten noch tieferspaltete.

Immer empfand ich mich als den Bauernmit dem ausgesprochenen Rechtlichkeitssinn, dernaiven Verschlagenheit, der Neigung zur ruhigen,freudelosen Beschaulichkeit, in der Jahrhundertestarren Protestantentums und mühevoller Arbeitlebten.Aber neben dem Bauern, der Jahrhundertelang mit dem Ochsen zusammen am Pfluge zog,der seinen Rücken vor dem Schlossherrn beugte,dessen Füße platt und dessen Hände schwieligwurden, lebt da in mir der Aristokrat, dessenAhnen von den Steppen des heiligen Irans indie europäischen Ebenen zogen und die Autochthonen sich dienstbar machten, — der Aristokratmit der maßlosen Frechheit und prahlenden Verlogenheit der herrschenden Klasse, der Aristokratmit der Treibhaushitze des Raffinements, dasJahrhunderte von Züchtung, Herrschaft, Üppigkeit und Nichtstun erzeugen.

Und so musste das Heterogene aneinanderprallen, so musste es Krieg geben. So musstenalle Willenshandlungen in mir sich paralysieren.

Niemals gab es in mir Liebe und Synthese.

Ich bin das Urbild aller Zentrifugalen, dasUrbild der Auflösung und Zerstörung.

Ich bin die Walpurgisnacht am Hexensabbathder Entwickelung, das Mene Tekel, in dem sichmeine Zeit in den letzten spasmatischen Zuckungenaustobt.

In jede Nervenfaser drang dieser Zwiespalthinein, in zwei parallele Nervenströme teilt erjede meiner Sensationen: jede immer Lust undSchmerz zugleich. Sie überfluten einander, siewollen einander aufreiben, und immer ist dieSchmerzempfindung die siegreiche.

Kaum empfinde ich das leise Prickeln einesLustgefühls, schon höre ich das Klopfen undHämmern des Schmerzes, und dann tut sicheine wahre Orgie auf, wo die Lust zum Wahnsinn wird unter den giftigen Bissen der Schmerzschlange, eine Orgie von wildem brünstigemHengstgewieher und stillem, verbissenem, höhnisch grinsendem Lachen eines Janushauptesmit Lucifer-- und Erzengel-Michael-Gesicht.

Und diese meine Degenerationserscheinungenwerde ich jetzt zu Hilfe nehmen.

Jetzt werde ich die faule Bestie von Geschlecht aus ihrer Höhle an den Ohren zerren,und ihr mit der weißen Eisenbitze meiner Lustden Rücken sengen, und in ihre Sohlen den spitzenStachel meines Schmerzes keilen, dass sie schreitund tanzen, Herrgott, tanzen lernt.

Mit den Bildern, die meine kalte, raffinierteUnzucht gebar, werde ich sie stacheln, bis ichmich wieder Mann fühle, ich armer Märtyrerdeiner Üppigkeit, du junges Gehirn.

Mein Gehirn habe ich auf die grüne Weidegeschickt, auf das sterile Moor meiner Heimat;jetzt bin ich ganz Synthese, ganz Konzentration,ganz Geschlecht.

In meinen Armen ruhst du, und es ist Nacht.

Wir küssen uns, dass uns der Atem ausgeht,dass wir ineinander aufgehen, wesensgleich werden.

Ich presse meine Lippen in deinen fieberndenBusen, dass meine Brust sich weitet von dem langersehnten, heißbegehrten Glück; ich schmiegedeinen Pantherleib so innig an mich an, dass ichdein Herz an meine Mannbrust klopfen höreund seine Schläge zählen kann, dass ich denBlutstrom, der durch deinen Körper rast, anmeinem eigenen sich entlang gießen fühle unddie Wollustschauer, die deinen Körper durchzucken, meine eigenen werden.

Ich wühle mich in dich hinein; ich fühle,wie sich deine Glieder bäumen in der dionysischenEkstase eines Wollustkrampfes, wie sie auffahrenin dem wüsten Erethismus einer schmerzhaftenLust.

Fester — tiefer — noch tiefer, dass ichdeinen unsterblichen Geist packe in dieser unerträglichen Hitze meiner Brunst, in dieser tollenFarce meiner Sinneslust, in dem keuchendenHallelujah meiner Wollust.

Und jetzt bin ich die Inkarnation des Logos,als er zum Evangelium des Fleisches wurde;jetzt bin ich die allgewaltige Allsexualität, derVerknüpfungspunkt vom Vergangenen und Kommenden, die Brücke zum Jenseits der Zukunft,das Unterpfand einer neuen Evolution.

Nun weiß ich nicht mehr um meine Qual;ich sauge an deinem Geiste; immer tiefer ziehich ihn in mich hinein, und in dieser Wesenseinheit und Wesensvertauschung, in dieser Auflösung meines Seins in dem deinigen, in diesemIneinandergreifen der Räderzähne unsrer tiefstenund intimsten Gefühle, in diesem übermenschlichen,rücksichtslosen, im himmelstürmendenTriumph der Geschlechtsfreiheit aufjauchzendenWillen zur Zukunft und Unsterblichkeit, hab ichdeinen Geist mit den zitternden, bebenden Fingerngegriffen.

Ja, ja, ja, ja:

Er zerrann?

Wie Quecksilber zerstäubt er unter meinenFingern; und da bist du da, — da liegst duin deiner göttlichen Nacktheit, in der Schamlosigkeit deines Geschlechtes, und ich schauedich an als etwas Fremdes, Weites, MillionenMeilen weit Entferntes, und ich blicke in deineabgründigen Augen, die vielleicht nicht einmalOberfläche sind.

Aber nein, — nein, — um Gotteswillen nein!

Mit der zuckenden, schauernden, hirnzerrüttenden Leidenschaft, mit der fiebernden Glut,die mein Gehirn durchtobt, mit der ungestümenKraft meiner lusterstarkten Glieder will ich michvon dem Erdbeben deines Fleisches schüttelnlassen, nichts fühlen als die bleiche Hitze deinerGlieder, nichts hören als das jagende Sausenmeines Blutes, nichts empfinden als das stechende,brutale Weh des Liebesdeliriums, — ich willaufhören zu leiden in dem Siegesdithyrambusdes Geschlechtes, der tosenden Brandung einerschauerlichen Symphonie des Fleisches.

Und sage mir, wie du mich liebst! sag' esunter dem begehrlichen Gezucke deines Leibes,brenn' es mir in meine Glieder, senge es aufmeine Lippen, atme es in mich hinein, diesheiße, gierige, ekstatische:

Ich liebe dich!

Sag, sag, sag es mir — wie — wie liebstdu mich?

Wie — wie liebst du mich? —

Ha ha ha hah!

Ich brauche deine Liebe nicht — was willstdu von mir — ich kann dir ja nichts geben —was sollt' ich mit dir — ich weiß ja nicht, wasich mit dir anfangen soll! —

Steh auf; zieh dich an; und bewundere jamein großes Gehirn, das solche lustige Farcevon Pubertäts-- und Gymnasiastenliebe in Szenesetzen kann.

Ophelia, geh in ein Kloster.

Auf dem Grunde meiner Seele liegt einfinsteres, schauerliches Geheimnis von einer wahnsinnigen, satanischen, schwarzen Messe, in derdas sterbende Geschlecht sich austobte mitseiner zerstörenden Agonie und Todeskrämpfen,als es zum letzten Mal das δοσ μοι που στω warund mich aus meinen Angeln hob.

Und so will ich es preisgeben; preisgebenden Triumph der epileptischen Brunst, noch einmal alles durchleben in einer Intensität, als obes heut geschehen wäre, noch einmal schwelgenim Genusse meines geschlechtlichen Vampirtums, und noch einmal mich empfinden als dasübermächtige Geschlecht, das mein Gehirn alsdummes, lächerliches Spielzeug gebrauchte.

Ich weiß nicht, ob es Traum war oder Wirklichkeit; ich weiß nicht, ob es nur das halluzinatorische Bild von einer Idee war oder umgekehrt die Geburt von Ideen aus vielleicht ererbten, a priori in mir liegenden Bildern.

Die Linien des Tages fließen in die der Nachthinüber; über dem hellen Mittag ruht die große,blutrote Scheibe des Mondes, und in dem Wasserdes abgründigen Brunnens spiegeln sich am lichtenTage Millionen von Sternen in mitternächtigerFinsternis.

Mein Gott! Vielleicht war es nur das psychische Epiphänomen von physischen Zerstörungsakten, von alkoholischem Delirium, von Fieberhitze oder — aber das ist ja gleichgültig.

Jedenfalls hab' ich ihn erlebt, den Todeskampf meines Geschlechtes.

Ich saß regungslos da, die Faust tief inden Mund gesteckt, mit hervorquellenden Augen,schmerzhaft verzerrter Gesichtsmuskulatur, einbrutales Raubtier.

Etwas musste ich in mir zerstören, mitmeinen Zähnen in das Innere beißen, tief, langsam,immer tiefer; behutsam es abreißen, damit derSchmerz stärker, langsamer, grausamer wäre;mit den langen, spitzen, scharfen Zähnen mussteich es tun.

Seit zwei Tagen schlief ich nicht; ichaß nicht. Ich trank nur reinen Spiritus, weilmeine Geschmacksnerven stumpf geworden warenund ihre Leitung nach dem Rachen unterbunden war.

Ich war beinahe lustig.

Meine Gefühle bewegten sich in wunderbaremTakt zu einer schauerlich-gespenstisch-tiefen,wüsten, starren Musik mit dem Gesichte einesaltmexikanischen Götzenbildes.

Jeder Ton war wie ein Stück geschmolzenenMetalls, das in eine fürchterliche Hitze gerietund in das Spektrum meiner Seele niedertropfteund dort eine Linie zeichnete.

Ich hörte die Musik nicht, ich empfand siedeutlich als ein großes, endloses Spektrum mitgrellen, ganz naiv grellen Farben.

Es erinnerte mich an die Farben, mit denenich einen assyrischen Löwen bemalt sah.

Es wunderte mich nur, dass ich das Ultraviolett ganz deutlich empfand, aber nicht alsFarbe, sondern übersetzt in eine Rückwärtswelle,in ein Etwas, das sich immerfort in regelmäßiger,rhythmischer, ganz deutlicher Rückwärtsbewegung befand und nicht schwinden wollte.

Ich hatte beinahe die Empfindung, dass ichbetrunken und die Koordination meiner Bewegungsmuskulatur ausgeschaltet sei.

Ich sah die Musik in brennenden, lichterlohen, ätzenden, großen Flammenfarben; ursprünglich dachte ich an ein Gangrän, so schmerztemich die Glut zuweilen. Zuweilen fühlte ichNichts, und dann empfand ich ein Sinken undSinken und griff verzweifelt um mich, um wiederhochzukommen, um mich wieder heraufzuarbeiten.

Nur Das verstand ich nicht, wie ich es mitden Zähnen packen und herausreißen könnte;es war da, ich wusst' es ganz genau, und ichmusste es heraus haben — ja! das, woran ichdiese dunkle Erinnerung hatte, ohne mich besinnen zu können, was es war.

Es war ganz finster, und an den Scheibenweinte still, lautlos in sich hinein der Regen.

In mir das Spektrum wurde intensiver,brennender; es setzte sich um in eine endloseReihe differenzierter Schmerzgefühle.

Jeder Tonstrich wurde zu einem besonderenSchmerzgefühl.

Eine feine, lange Reihe mit deutlichen, durchsichtigen Fingern und ganz spitzen Krallen.

Sie stachen wie dünne, bis zur Weißgluterhitzte Nadeln in mein Gehirn hinein in regelmäßig wechselnden Zwischenräumen, ganz sowie die Nadeln auf einer Leierkastenwalze indie Tonplattenskala stechen.

Und jede brachte einen neuen Schmerzenston hervor.

Zuweilen war es mir, als ob die Nadeln zuOrgelpfeifen wurden, auf denen irgendetwas inden unglaublichsten Hundertzwanzigsteln einegrauenhafte, grässliche Symphonie der Qualenspielte, eine orgiastische Cadenza von brutalenLeidensdelirien.

Ich schrie auf wie ein Tier, mit der Bauchmuskulatur glaub ich, denn plötzlich empfandich in der Nabelgegend einen fürchterlichen,stechenden Schmerz.

Ich schrie noch einmal, noch stärker; ichmusste schreien. Ich verdoppelte absichtlich dieStärke meiner Anstrengung; ich freute michdarüber; absichtlich tat ich es.

Mein Bewusstsein verlor mich niemals, nichteinmal das wissenschaftliche Bewusstsein; ichdachte ja noch immer in wissenschaftlichen Symbolen.

Aber schreien musste ich.

Mir war, als ob ich eine Zange, eine feine,dünne Zange an die gangränöse Seite angelegthätte, die ich mit den Zähnen nicht erfassenkonnte; und nun zog ich langsam an ihr, ganzlangsam — o, es war eine wüste Wollust.

Ja, das war es: ruckweise musste ich ziehen.

Ich kam in Ekstase.

Nun musst ich mich noch schlagen; mitKeulenschlägen gegen den Schädel, so, dassSplitter herumflogen; einen fürchterlichen Schlaggegen die Lambdanaht, dann wird der Hinterschädel wegfliegen und das Kleinhirn wird freigelegt.

Aber nein — nein — nein: — viel feinermusste ich es tun, grausamer, raffinierter.

Plötzlich zitterte ich am ganzen Leibe: dieultraviolette Rückwärtswelle setzte eine fürchterliche Brandung in Szene, ich wurde förmlichnach hinten gezogen, geschleppt, gerissen, wiewenn ich starke Stöße gegen die Brust bekäme.

Ich wusste, was es bedeute, aber ich wagtees nicht zu denken; ich durfte es nicht wissen,und ich wusste es selbstverständlich ganz gewissnicht — nein, nein, nein!

Ich sprang auf; ich war ganz lustig; ichtanzte und pfiff, pfiff einen schrillen, einzigen,langen Ton.

Ich richtete meine ganze Seele auf ihn; ichhorchte auf ihn, streichelte ihn, modellierte, liebteihn, schuf aus ihm eine Landschaft, so wolligwie ein weiter Tuchmantel aus feinen ultravioletten Farben; ich wickelte mich in ihn ein.Es war ein bisschen traurig, aber das war dieTraurigkeit eines Kindes, wenn es ausgeweinthat; tausend lustige Engelsäugelein lachtenhinein — ganz, ganz kindlich.

Es war auch ... ein ... klein ... wenig— — kalt.

Ich schrie wahnsinnig auf.

Die Brunst nach den weichkalten Totenhändenüberkam mich; eine Brunst, schauerlich, grässlich.Sie überwucherte mich, sie umraste mich mitapokalyptischen Flügeln, und ich musste sie totmachen, sie bekämpfen, hypnotisieren, wieder inden Schlaf einlullen mit langer, wohlgesetzterRede, schöner, wissenschaftlicher Rede.

Ich stand auf, ich reckte mich lallend empormit majestätisch dozierenden Gebärden.

Sie ist wie eine Zelle, die erkrankt. Siewächst, schwillt an, Blutgefäße wachsen in siehinein, sie produziert Gift, sie schreitet zurückbis in den mystischen Abgrund, wo sie zum sexuellen, autonomen Organismus wird, und sie vermehrt sich in einer zerstörenden, satanischenBrunst, sie wächst sich aus in dem Machtgefühleihrer brutalen Hysterie, und alle Lebenssäftesaugt sie an sich, sie zwingt den Blutumlaufin sich zu gipfeln, sie zieht die Leukozyten ausden Blutbahnen heraus und tränkt sie mit ihremGifte und zwingt sie den Giftstoff in den ganzenKörper zu verschleppen, und nun kommtdie scheußliche Orgie von geschlechtlicherSchweinerei, die wüste Symphonie der syphilitischen Infektion! —

Der Schweiß rann mir von der Stirne, kalter,feuchter Schweiß; ich hatte die Empfindung,die ich oft bekam, wenn ich in den Anatomiesaal trat an kalten Wintertagen und die Leichenbeim Sezieren betastete.

Alles war in Ordnung in meinem Gehirn.In der Agonie meiner Angst geriet ich inein Stadium physiologischen Hellsehens; ich hörtealle meine Adern klopfen, ich hörte die Arbeitdes Stoffwechsels, und rastlos sah ich zu, wie eswuchs, wahnsinnig, maßlos, in außereuropäischenDimensionen.

Ich zerteilte mich; wie der Kapitän einesuntergehenden Schiffes stand ich auf der Höheder Kontrollstation meines Bewusstseins und sahdem Kampfe zu.

Jetzt musste ich aber eingreifen, und instinktiv fing ich an zu sprechen, laut, schreiend,zusammenhanglos, um mich zu betäuben.

Und aus der inhaltlosen Wüste meiner Sprachevernahm ich nur ein wütend höhnendes:

Huh, huh! Ich bin das Luder von Nana, ichsetze mich auf den Muffat und reite auf ihm undschreie:

Huh, huh! Wioh, mein Pferdchen, wioh!

Und immer deutlicher und deutlicher fühlteich die Totenhände; wie lange Stangen strecktensie sich mir aus irgendeiner Höhle entgegen.Mein Gehirn produzierte mit einer übermenschlichen Halluzinationskraft diese Hände. Immerdeutlicher fühlte ich ihren Druck; wie eiserneSpangen umklammerten sie meine Hände, siebohrten sich in sie hinein, sie zogen und rissenan mir, ruckweis, und ich fühlte, wie meinKörper abwechselnd widerstrebte und nachgabund nach hinten fallen wollte, Ruck für Ruck.Ich wurde gerissen, gezogen, geschleppt, gezerrt, Schritt für Schritt, in ohnmächtigem Widerstand, bis ich in das Nebenzimmer hineinfiel.

Im Scheine einer Totenkerze lag ein totesWeib.

Der Docht war ausgebrannt; das Lichtflackerte und warf spielende Schatten auf ihrGesicht.

Ich hockte mich hin, und in den Haarwurzelnempfand ich deutliche Prickelgefühle, wie Nadelstiche auf der ganzen Haut.

Es war etwas in ihren Zügen, das mich zogzugleich und bannte. Auf dem mit Lichternund Schatten wie ein Tigerfell gesprenkeltenGesichte sah ich eine schauerliche Vision: weitaufgerissen ein Klapperschlangenmaul mit eigentümlich hin und her züngelnder Zunge. Ich hörtedeutlich ein Zischen, vielleicht war es mein eigenes.

Auf einmal kauerte ich nieder wie ein angeschossenes Wild; ich wollte in mich versinken,mich in mir selbst verstecken, aber sehen musst’ich es durchaus.

Die Leitung zwischen mir und dem Totengesichte war so stark, dass ich deutlich fühlte,wie mächtige galvanische Ströme mir die Augenauffraßen; aus meiner Kehle fühlte ich eigentümliche Laute sich reißen, mühsam, qualvoll,in wilder Geburt.

Meine Lippen spitzten sich unwillkürlich zueiner prustenden Bewegung: ich machte es derTotenmaske nach.

Es sind Leichengase, schrie etwas in mir.

Nein! sie spricht, sie spricht, — Herrgott,sie spricht!

Und sie sprach.

In diesem Moment stürzte ich auf den Bodenund fiel in ein brütendes Sinnen. Ich hörte nurnoch ihre Stimme, die von sehr weit herkam.

Alles wich zurück; ich saß mit ihr in einemhellen Café, in einem mystischen Clair-obscur.

— Mein Gott, wie ich dich liebe! Alles,alles an dir lieb' ich; deinen eigentümlichen,schleppenden Gang, als ob dich deine Beine nichtmehr tragen wollten; deine schmalen, langen,aristokratischen Füße liebe ich, und deine Hände.

Und die Form deiner Augen liebe ich, unddeinen Mund; Alles, alles.

Und wenn du spielst, so hast du ganz, ganzeigentümliche Bewegung in den Händen; duhaust hinein in die Tasten mit einer Wucht undMacht, als ob dein sterbendes Geschlecht dortsäße, wie du sagst.

Nur deine Haare pflegst du nicht; man musssie doch bürsten.

Sie sah mich ganz lustig an; aber ich warmüde, satt, und Ekel fraß an mir.

— Du, was ist dir?

— Nichts!

Sie sah mich ängstlich an und schmiegte sichan mich.

— Liebst du mich? fragte sie und streicheltemein Haar.

— Vielleicht; ich weiß nicht mehr.

Ich rückte meinen Stuhl ganz sachte von ihrweg. Sie starrte mich an, mit derselben entsetzlichen Angst im Blick, wie mein alter Hundmich ansah, als ich ihn totschießen wollte, weiler nicht mehr zu gebrauchen war.

Ich stützte meinen Kopf auf die Marmorplatte des Tisches und stierte in das Wasserglas,um sie nicht zu sehen beim Sprechen:

— Siehst du, wenn man degeneriert ist undkrank, dann weiß man niemals um seine Zustände; sie verändern sich nämlich fortwährend,jetzt noch Liebe und Glück und im selben Augenblick Hass und Ekel —

Ich wollte sie ansehen, aber ich konnte nicht.

— Du? —

— Was?

Es klang hart; wie aus einer zerbrochenenMetallglocke kam es heraus.

— Du bist doch vernünftig, du bist auchalt genug, ich muss dir offen alles sagen ...

Sie schwieg.

— Kennst du die Kreuzersonate von Tolstoi;ich meine das mit dem geschlechtlichen Hassund das mit dem Ekel; verstehst du?

Ich fühlte, wie ihr Körper zitterte, wie siein sich zusammensank.

Und nun wurde ich seltsamerweise brutal;ich fühlte Freude an ihrer Qual, ich spürte etwasvon Lustmordinstinkten in mir.

Ich sprach ganz kalt und klar, beinahezynisch.

— Siehst du, ich quäle mich; ich habe michvon Anfang an gequält. Wie du die erste Nachtbei mir bliebst und, todmüde wie du warst, einschliefst, habe ich, Traumexperimente mit dirgemacht. Ich stand auf, — Herrgott, dein Leibwar mir so gleichgültig, so unendlich gleichgültig; ich nahm eine Wasserkanne und gossWasser in eine Schüssel, immer stärker, immerstärker, bis du erschrocken erwachtest. Ichfragte dich liebevoll, was du geträumt hättest,und ich freute mich, dass dein Gehirn mit solcherExaktheit und Präzision auf den Außeneindruckgeantwortet hatte. Du weißt es wohl noch, duträumtest, dass in deiner Vaterstadt ein Feuerausgebrochen wäre und die Leute mit Wasserund Löscheimern kämen.

Ich fühlte ihre Augen starr auf mich gerichtet, dass sie mich körperlich berührten.

Jetzt musste ich einen entscheidenden Schlagführen:

— Herrgott, du konntest mir kein Glückgeben, und jetzt. ... Hör mal, ich bin ganzbrutal, aber — ich kann's nicht mehr aushalten,ich empfinde dich als eine Last. ...

In diesem Augenblicke sah ich sie am Ausgang hinter der Portiére verschwinden.

Ich sank in mich zusammen und starrte dasGlas an:

Sie ist gegangen — fort ... fort ...

In meinem Gehirne fing es an zu dämmern.

Ich empfand Angst, unerhörte Angst; ichfuhr auf, sie zu suchen. Plötzlich riss ich michempor; die ganze Vision, die mein Gehirn spontan, vielleicht in ein paar Sekunden der Ohnmacht produziert hatte, war verschwunden.

Wieder sah ich das Weib auf dem Totenbette liegen.

Ich suchte den Kausalnexus zu knüpfenzwischen dem Café und dem Totenbette; vergebens. Nur eine steigende Angst, gemischtmit einer orgiastischen, qualvoll bangen Brunstnach ihr, wollte mir die Brust zersprengen.

Und das tote Gesicht sprach in wechselnderKerzenlichtsprache, und sah mich an mit lüsternen, üppigen Augen.

Und immer stärker fühlte ich, wie dieHyänenbrunst sich in mir reckte; und in derunerhörten Intensität des wachsenden Tieresreintegrierte sich mein Gehirn.

Jetzt wusste ich genau, dass ich sie berühren musste; nur noch die Sanktion meinesGehirnes fehlte dazu.

Und mein Gehirn hatte Mitleid mit mir.

Ich erinnerte mich plötzlich, dass nach eineralten Sage auf dem Grunde des Totenauges derletzte Todeskampf zu sehen sei.

Das musste ich sehen, das große Lebensrätsel auf dem Grunde des Totenauges, diewüste Brautnacht, in der sich Tod und Lebenpaaren.

Ich hatte nur den einen Gedanken, der übermein Gehirn hinausging, der mit dem spitzenEnde in den Grund des Totenauges griff unddort mit dem andern Pol zusammenstieß; dieLeitung war geschlossen. Ich fühlte Funken inmein Auge springen, deutliche, blassgrüne, elektrische Funken.

Die Drähte der Leitung brannten an denPolen ab, sie wurden immer kürzer, ich mussteimmer näher rücken; wie eine Pantherkatzeschlich ich langsam an die Leiche heran, — ichwar dicht an ihr.

Mit irren, keuchenden Fingern suchte ichdas Lid zu heben; ich zitterte und flog an allenGliedern; ein fürchterlich verzerrtes Wollustgrinsen lag auf dem Gesichte.

Mich überkam ein geschäftiges Treiben. Ichhob das Lid mit kunstgerechtem Griffe langsamhoch, geschäftsmäßig, wie bei der Augeninspektion; aber meine Finger glitten das Gesichtherab, sie betasteten es, ein Fieberparoxysmusüberkam mich, ich arbeitete mit autonomenGliedern, ich hatte die Empfindung, dass meinKopf mir durch das Fenster flöge, und ichlachte und schrie und fühlte meine eignenLaute auf mich zurückprallen, wie Steinwürfe,— ich küsste ihr Gesicht, ich riss und sog anihr, und plötzlich biss ich mich mit geiferndenLippen, wie ein Vampir, schrill in ihre Brusthinein.

Und ich zog und zerrte an dem toten Fleische,und ein Lachen, drin ein jeder Muskel meinesLeibes in wilden Erethismen aufschrie, würgtemich im Halse, und plötzlich — fuhr ich taumelnd zurück.

Es geschah etwas Fürchterliches.

Das tote, blutende Weib reckte sich infürchterlicher Majestät im Sarge auf, und mitweit ausholender Armbewegung, mit jäher, fürchterlicher Wucht stieß sie mich mit beiden Fäustenin die Brust.

Bewusstlos flog ich weit weg.

Außen wurde zu Innen, das Schauen zumScheinen, Lust zu einer ätzenden Lauge, Schmerzzu einer eklen Spinne, die das Herz ansticht undihm das Blut aussaugt, Wohlbehagen zur stinkendenPfütze.

Und du? Wo bist du? — Lebst du? bistdu tot? ich weiß es nicht. In meinem Gehirnesind Lücken und Löcher; zwischen den einzelnenBewusstseinsepisoden fehlt es am Kausalzusammenhang.

Übrigens — das ist ja ziemlich gleichgültig.

Jetzt handelt sich's nur darum: Was nun?

Aber im vollen Ernste: was nun? —

Und wenn es doch einen Gott gibt? Wenndie Seele unsterblich ist; und die katholischeKirche am Ende doch die alleinseligmachendeGnade verleihen kann?

Ja, ja, ja: die katholische Kirche! Die Allmutter, die Isis, der siebente Schöpfungstag desGeschlechtes mit den brünstigen Offenbarungenihrer Schwangerschaftshysterie, der ins Jenseitsausgewachsene Pan-Uterus, der die ganze Weltumfängt und umtrieft mit seinen blutigen Flimmerfasern.

Und wenn die wahnsinnige sexuelle Sehnsucht kommt nach den ursprünglichsten Geschlechtsmysterien, wo man große Geheimnisseschaute, die verloren gegangen sind, Mysterien,die man noch vielleicht mit einem Monerenleibempfinden konnte, aber niemals mehr mit differenzierten Sinnesorganen: wo soll ich diese verzweifelte Sehnsucht austoben, wenn nicht in demSchöpfungsakt der physiologischen Erinnerungan seine ersten Entwicklungsstadien, wenn nichtin der Gemütsorgie, die nur die Kirche gebenkann, im mystischen Dunkel, in Weihrauchwolken, die alle Lebensfunktionen in der Sexualsphäre gipfeln lassen, in den barbarischen, übergewaltigen Orgeltonwogen, die das zarte moderneGehirninstrument aus dem Gleichgewicht bringen,in der ganzen Umgebung, wo vier Kulturen aufeinander gepfropft und raffiniert-naiv aneinandergekittet sind.

Wie sich dann die Reduktion des Gehirnesallmählich vollzieht, wie das Gehirn extensivwird, dass die Seele rast und an die Grenzender epileptischen Starrsucht kommt!

Aber naiv, ganz naiv, ganz unbewusst müsstedas genossen werden.

Die Epilepsie ist sonst da, die künstlicheFallsucht des modernen Geistes, aber es fehltan der psychologischen Form, in der man sichals Einheitswesen empfindet, sich mit seinenkörperlichen Äußerungen identifizieren kann.

Es fehlt der einheitliche Glaube.

Der Glaube an Charcot und der Glaube andie göttliche Weihe der Besessenheit —

der Glaube an Kant-Laplace und an die Erschaffung der Welt in sieben Tagen —

der Glaube an die Gotteskindschaft Christi undan die Weisheit Darwins und Strauß-Renan's —

der Glaube an die unbefleckte EmpfängnisMariae und an die primitivsten Tatsachen derEmbryologie —

nein! es geht nicht.

Es gibt keinen Ausweg.

Ekel ...

Wie zwei Gangränherde wachsen meine Impotenz und der intensive Ekel sich entgegen undbegegnen sich in ihrem Zerstörungswerk.

Wie unterirdische Quellen, die aus unablässigen Regengüssen stammen, sickern sie unaufhörlich durch die tiefsten Schichten meinerSeele, alles auflösend, auslaugend, zerfressend.

Wie das brutale Licht der Mittsommersonnezersetzen sie mir, vergiften sie mir den Nährstoff der Erde, in der ich wurzle, und dörrenmir das Chlorophyll aus allem, was diesem Bodenentsprossen ist.

Und so wurde das Gold zu Kupfer entwertet und die schönsten Hoffnungen zerbröckeltund zertrümmert; die Gedanken verloren ihreExpansivkraft und sanken zu zusammenhanglosen Reflexen herab; die glück-- und lebensreiche Welt der Dinge wurde zum wesenlosen,unbestimmten Symbol, grau in grau auf einekalte Glaswand hingehaucht; das taghelle, sonnensatte Sehen zur kranken Halluzination, — unddu — ja Du — du wurdest mir zu einer weiblichen Zentaurin mit Sphinxgesicht und struppigen Haaren, die dir tief in deine Stirn herabgewachsen sind, und mit den feinen Adelszügenmeiner Mutter.

Und mit den Hufen der Hinterbeine hast dueinen Stern vom Himmel gerissen, dass er herunterfiel und zischend in den Stillen Ozean versank, und mit den Vorderfüßen greifst du überden Rand des Erdballs hinaus, des lächerlichenErdballs, um mich hinauszutragen in die Unendlichkeit des Kosmos, wo der Raum zur Chimärewurde und die Zeit sich in den Schwanz beißt,weil sie sich nicht ausdehnen kann.

Und ich wälze mich auf dir und umfassedeinen Hals und sauge mich an deine Jungfrauenbrust fest und trinke aus deinen Venen die mitBlut gemischte Muttermilch.

O, trag mich hinaus — hinaus, wo zerbröckelteWelten einsam herumirren und aufeinanderplatzen —

wo dichte Strahlengarben der Sterne einanderleise berühren, aneinander niederfließen undmit lichter, daunenweicher, zitternder Harmoniedie Welt durchtönen —

auf irgendeinen Punkt hinaus, wo die Anziehungskräfte der Sonnen sich aufheben und ichSchwere und Gewicht und alle Beziehung zuRaum und Zeit und Mittelpunkt verliere —

mit sehnsuchtjauchzenden, sternenbrünstigenFlügeln hinaus, wo meine Größe auf ein lächerlich Atom zusammenschrumpft —

auf etwas Atmosphärenloses hinaus, womeine Formen verschwinden, wo ich mit demAll zusammenfließe und mich wie ein lavaflüssiger Meteor in den kosmischen Ozean stürzenkann —

hinaus zum Trotz dem dummen Gesetz derErhaltung von Kraft und Materie —

hinaus in die auf-- und niederflutende Rhythmikder Äthermolekeln —

auf einen Millionenjahre von der Erde entfernten Stern hinaus, wo ich mich hinlegen kannund ausruhen und tausend Jahrhunderte nichtlänger empfinde als einen Moment und die Entfernung zur Erde nicht weiter fühle als dieDogmenspitze des Urelements, auf der ich dieWelt aufspießen und in die Sonne schleudernwill, damit sie sich dort reinige und in ein Nichts,ein goldenes Sonnennichts erlöse.

Aber nicht mal das vermag sie mehr; selbstda noch bleibt sie als ein Fleck, ein Sonnenschlacken kleben.

Aber nur hinaus, hinaus, damit ich nichtbrutal mich selbst zerstören muss!

Wie ein Lichtschein will ich, durch tausendMedien gebrochen, von tausend Flächen zurückgeworfen, in meine Uridee zurückversinken, ausder ich geworden bin.

Wie ein Strahl, der auf die Straße fiel undvon ihr emporschreckt, ihrer feuchten, schmutzigenWärme satt, will ich wieder zu der Ursonne hin.die mich hinausgeschickt hat, Glück und Freudeden Menschen zu bringen. ...

Nur nicht in die Erde zurück: zum Fraßden Würmern, zu einer ekelhaften Kopulationmit Anorganisch-Organischem, zu neuem, krankenLeben durch tausende von Stoffwechselformenhindurch!

O, wie das grässlich ist!

Und doch — es muss geschehen.

Jetzt beginnt die Agonie; es geht zu Ende.

— Wie war es doch?

Ich lag im Bette; hinten am Kopfe fühlteich wie angenagelt das endlos weite Bewusstsein,dass ich nun ein Ende machen müsste.

Es war wie ein unentwirrbares Knäuel inmeinem Gehirn, der in Vibration unter unausstehlicher Hitze geriet, in wahnsinniger Lust,sich selbst zu entwirren, sich in lange, feine,dünne Gedankenfaden auszuspinnen.

Dann kam’s wie eine Flutwelle, zu starrenKrampfzuckungen, über die sich eine Schlangenlinie von Unruhe nach oben wälzte, die immerdicker und schwerer und schwärzer wurde, immerschneller nach oben, immer heftiger, bis sie sichzur wilden Jagd entrollte, einer unsagbaren Agonieder Todesangst, wo das Gehirn auseinandergehen,sich selbst entfliehen und wie ein Stück einergeborstenen Welt in weiten, zentrifugalen Kreisenin idiotischer Tarantella um die Sonne tanzen will.Und so wurde wieder Ruhe.

Ein leises, weiches, laues Behagen. Eineverzückte Schwärmerei, die sich auf tiefdunkelblauen, mit zerfließendem Gold verbrämtenKräuselwellen wiegte.

Und plötzlich kam ein Starrkrampf.

Das Gehirn geriet in einen tollen Veitstanz,und mit einem wilden Ruck wurde ich vom Bettemporgeschnellt.

Ich fuhr auf. Die Gesichtsmuskeln verzerrtensich so, dass sie schmerzten, und die weit aufgerissenen Augen wollten qualvoll aus den Höhlenheraus:

Da stand ich selbst in der Ecke, einen Revolver an der Stirn, und sprach mit fliegender,fiebernder Hast:

Du tust es nicht! du tust es nicht! nein,am Gottes willen nein, du tust es nicht! —

Ich atmete tief auf:

Herrgott, das war ja nichts, gar nichts, —das war ja nur mein Überzieher, der am Nagelhing.

Ich legte mich erschöpft hin, setzte michwieder auf, nahm meinen Kopf in beide Hände,umkrallte ihn ganz fest, sodass mich noch dieHaut schmerzt.

Unbewusste, banale, nicht gewollte Assoziationen zuckten auf; die Flutwelle löste sich ineinzelne Tropfen, die sich ganz lang dehnten, alsfielen sie von einem Tropfenzähler nieder, undverschwanden wieder — eins — zwei — drei —vier; ich habe sie alle gezählt, und ich habedie Empfindung des Glucksens gehabt.

Nur Eins schimmerte durch, brach sich Bahnin der wilden Gedankenflut.

Du tust es nicht!

Und dieser Gedanke fing an zu fischen undzu angeln in dem trüben Strom, und kokettierte solange bis ein anderer Gedanke an den Köder biss:

— Ja, und dann — tust du’s erst recht!

Und beide Gedanken kamen sich näher undnäher, und umarmten sich, und setzten sich aufihre Schwänze, und bäumten sich ganz hoch,und verflochten sich; und mit weit zurückgebogenen Köpfen starrten sie einander an, —lange, durchdringend, und lächelten sich dannverständnisinnig in die Augen.

Ja, und dann — war’s getan.

Mein Schicksal ist besiegelt.

So werde ich stehen, so die Pistole anlegen,so werde ich fiebernd sprechen: du wirst esnicht tun! du tust es nicht! — und zugleichein Ruck, ein Jüngstentageslicht im Auge, einKnall — und es ist getan.

Ein Zittern überlief meinen Körper, dasHerz schlug unregelmäßig, und an den Schläfenhörte ich das Blut in ungestümer Hast an meineflachen Hände klopfen.

Die Unruhe wuchs, eine entsetzliche Angstnestelte auflösend an dem geschlossenen Zirkelmeiner Gedanken, etwas wollte mich auf dieKissen niederdrücken, mein Leib krümmte sichunwillkürlich, um diesem Etwas nachzugeben,aber auf einmal fühlte ich ein Widerstreben,ich richtete mich gewaltsam, schmerzhaft aufund — sank in mich hinein.

Ich brütete; starr, dumpf, gedankenlos.

Ich wusste nur, dass ich mit Etwas zu Endekommen, Etwas zu Ende denken müsse, wovorich entsetzliche Angst hatte.

Auf einmal griff ich in Todesangst mit beidenHänden den Bettrand: auf dem Fussboden kroch,auseinanderfließend, ein Lichtschein.

Der grässliche Schreck war so lähmend, dassich einen Augenblick das Bewusstsein verlor.

Als ich zu mir kam, besann ich mich, dassman wohl im gegenüberliegenden Hause eineLampe angezündet habe.

Ein Gefühl unendlicher Entlastung überkammich; ich wurde fast fröhlich.

Aber dann besann ich mich, dass ich dochnur deshalb fröhlich wäre, weil der Lichtscheinmeinen Willen, der sich auf etwas anderes konzentrieren sollte, zersplittert hatte.

Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn; dasGefühl, mich wieder dieser Qual ergeben zumüssen, fraß mit steigender Angst an meinemGehirn.

Ich kroch aus dem Bette, mühevoll, mitschwerem Kopf; ein Schwindel drohte mich zuBoden zu werfen, ich setzte mich auf die Bettkante, stützte die Ellenbogen auf die Knie,legte meine Stirne in die Hände und ließ dasBlut nach dem Gehirn zufließen.

Namenloses Mitleid überkam mich; heiße,große Tränen rollten über meine Wangen, undmir schien, dass an meinen Beinen etwas niederlaufe — mich fröstelte wohl. Damals konnteich mich nicht besinnen, was es wohl wäre; eswar mir auch gleichgültig — oh ja.

Ich weinte auch nicht Befreiungstränen,ich weinte und sang: sang, wie ein wilder Indianerhäuptling das düstre Grablied an dem Randdes eigenen Grabes singt.

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht mehr.

Plötzlich fühlte ich ein eisiges Gefühl; nachlangem Sinnen projizierte ich dies Kältegefühl indie Fußsohlen.

Also stand ich, und wollte etwas haben.

Ach so!

Ich suchte eine Zigarette.

Und alles schien vorbei zu sein.

Ich rauchte mir die Zigarette an, bekleidetemich, riss das Fenster auf, und stand lange,lange, in majestätischer, übermenschlicher Ruhe,am Fenster.

Ich dachte an nichts; ich reckte mich nurimmer höher, immer breiter, in der grandiosenMajestät meiner Ruhe, in dem düsteren, maniakalischen, übermächtigen Willen nach Untergang.

Eine Kindheitserinnerung zuckte plötzlichdurch mein Gehirn.

Ich sah mich in einer Dorfkirche. Es warganz düster. Kerzen brannten in trübem Schimmer,wie Glutaugen, die vergebens den dichten Schleierdes Weihrauchs, den der Priester der heiligenMonstranz gespendet, zu durchbrechen suchten.Sie bohrten sich zur Hälfte hindurch und verschwammen alsdann und tränkten und sättigtenden Weihrauchnebel mit lichtem Gold.

Eine ansteckende Krankheit raffte die Hälftedes Dorfes dahin, und jeden Abend sammeltesich das Volk in der Kirche und warf sich ganzlang auf den Boden, und stöhnte qualvoll, imSchweiß der Todesangst gebadet, zu Gott.

Und dann erhob sich ein wilder, ächzenderGesang, in dem das Herz sich in blutendenZuckungen vom Leibe riss, ein keuchender Gesang, den ein roher, physischer Wille zum Lebenwie eine Sturzlawine über eine riesenhafte Flächeausspannte, jeden Augenblick bereit, die ganzeMasse zu zertrümmern und zu begraben.

Und in den körperlichen, grausigen Refrain:Herr, errette uns! mischten sich Glockenklängeund Orgelbrausen, der Jüngstengerichtsschreckenund das tierische Wiehern der Kranken — undplötzlich fing das Volk, in wilder Verzweiflung,laut, wahnsinnig an zu schluchzen, und es rangdie Hände, und warf sich in die Brust, undschrie, schrie unaufhörlich in der schauerlichenAgonie der Todesangst nach Gott.

Und als der alte, graue Priester den Altarmit beiden Händen umklammerte und dasSchluchzen seinen Körper hin-- und herwarf, dakam ein unbeschreiblicher Massenwahnsinn überdas Volk.

Ich höre nur noch ein brüllendes Gewiehervon Stimmen; ich sehe eine satanische Walpurgisnacht mit den unerhörtesten Torturen der Angst.

Mich fasste ein entsetzliches Grauen vordieser nackten Lebensbrunst, ein Grauen vordieser epileptischen Todesangst, und willenlos,erstarrt, zitternd wiederholte ich unaufhörlich:Herr, errette uns!

Über dem Volke thronte, grausam lächelnd,der Engel des Todes und bezeichnete die, diesterben sollten, mit einem flammenden Schwert.

War ich darunter?

Aus meinem Kehlkopf ringt sich mühsamein inbrünstiges, mit dem letzten Funken derLebenslust aufflackerndes:

Herr, errette uns!

Keine Rettung für mich.

Und ich wurde wieder ruhig.

Ich schaute auf die Erde; sie schlief. Ichsah nach dem Himmel; er war still.

Ein unnennbares Gefühl beschlich mich vordieser Grabesstille, dieser weiten Kirchhofsruhe.

Es war ein Augenblick, als hätten unsichtbare Priesterhände das Allerheiligste aus demTabernakel der Natur hervorgeholt und zeigtenes der Welt. Sie sinkt auf ihr Antlitz in starrerEhrfurcht; erwartungsvoll, mit leisem Beben, inheiliger Verzückung fühlt sie dumpf den mystischen Moment erscheinen, in dem das Brot zumFleische und der Wein zum Blute werde.

Und jetzt müssten dreimal die Glocken erklingen, jetzt müsste sich ein leises, inbrünstigesMurmeln von kauernden Stimmen des Volkes erheben, und ein Zittern durch die Welt gehen,wie wenn Millionen sich in die Brust werfen:

Sanctus, Sanctus, Sanctus.

Die Erde ist still, der Himmel gähnt Strömevon blausilbernem Sternenlicht herab, und allesruht in tauber Stille, weil Ich der Herr, deralles geschaffen hat, aus dem es alles entstandenist, Ich König, Ich Gesalbter, Ich Erzpriesterdas letzte, das heilige Abendmahl einnehme.

Eine tiefe Seligkeit, eine morgenblaue Seligkeit des künftigen Lebens ergoss sich mit weitem Strom in meine Adern; ich fühlte Flügel aus meinen Schultern wachsen; der ewigen Zukunft zujauchzender Gesang riss sich aus meiner Kehle; ich war heiter wie das Sonnenlicht des Südens, das mit dem Meerwasser spielt — da plötzlich überrumpelte mich der lauernde Wahnsinn, mit dem ich so lange gekämpft.

Die Nacht würgt sich mit dem Tage in tödlicher Umarmung, das blutige Rot der Auferstehung wurde von der schwarzen Finsternis der Nacht ertränkt.

Angst und Entsetzen recken sich wie Salzsäulen, die Medusenhäupter mit den grässlich aufgeblähten Schlangenleibern starr empor gerichtet gegen das Himmelssodoma.

In meinen Augen sprüht ein schwefliger Funkenregen.

Eine weite, flammende Furche zerreißt das himmlische Gewölbe, ein Stern lischt aus, wird rot wie eine flammende Gangränwunde, er bebt, er zittert, er fällt herab und reißt mit mächtigem Ruck eine ganze Sternenkette herab.

Aus dem klaffenden Himmel seh' ich in Schwefelwolken und Feuerlava ein Gesicht hervortauchen mit zusammengekniffenen lasziven Augen, die Lippen geöffnet wie in höchster Wollustekstase, die Haare wie Feuergräben durch den ganzen Himmel hin zerrissen, —

aus dem klaffenden Himmel seh' ich Frauenhände, schrecklich, körperlos, sich nach mir ausstrecken, —

aus dem klaffenden Himmel seh' ich einen apokalyptischen Frauenleib wachsen; in weiten Schlangenlinien stürzt er auf mich zu, er umfängt mich; ich reiße mich los, ich keuche; ich kaure auf dem Boden, blutiger Schaum tritt auf meine Lippen —

Astarte!

Sie holt sich ihr Opfer.

Sie die wüste Foltermagd, die sich an den entsetzlichsten Qualen weidet,

sie, die den Onan neue Wollustorgien erfinden ließ, um ihn nachher den Qualen des Steinigungstodes preiszugeben, —

sie, die ein gläubiges Volk zur Befreiung des heiligen Grabes trieb, um ihm zum Entgelt die Stirn mit dem Märtyrerkranz syphilitischer Geschwüre zu bekränzen, —

sie, die dem Manne das Weib aus den Adern saugt und in verbrecherischer Brunst auf den Mann wirft, —

sie, stärker als die Natur, weil sie die mächtigsten Instinkte irreleitet und ihr Gesicht mit blutschänderischem Sperma befleckt, —

Astarte, Satan — du! —

Auf meinen Lippen fühlt' ich deinen eisigen, unzuchtgeborenen Todeskuss.

Ich bin dem Tode geweiht.

Seele, du meine starke Seele, die du Mir das Geschlecht auffraßest, wo bist du nun?

Wo bist du, Gehirn, — du armes, krankes Gehirn, das du mein Gott, mein Vater werden wolltest in dem Größenwahnsinn deiner Übermacht, wo bist du jetzt, — jetzt, wo du mich gekreuzigt hast, — wo hast du dich verkrochen? —

Wie ein roter, tauber Fleck ist die Sonne über dem Golgathaberge auf dem Himmel angeklebt, Trauerflor ringsum ...

Eli, eli, lama sabachthani ...

Durch mein Fenster drängt sich eine Flut brünstiger Schwüle, zeugenden Rausches der Nacht, geiler Jünglingsstimmen, die auf den Straßen die Weibchen locken.

Ich sehe die Natur als eine apokalyptische Apotheose des ewig ragenden Phallus, der in maßlos roher Verschwendung Ströme von Samen über das All ergießt.

Auf meinem Tische steht ein Strauß von Blumen, deren ganzes Leben im Geschlechte gipfelt, die sich mit schamloser Unschuld dem befruchtenden Samen entgegenrecken.

Ich fühle die Wollustzuckungen des Schaffens, ich höre das stammelnde Liebesgeflüster der hermaphroditischen Erde, der heiligen männlichen Jungfrau, bräutlich umhüllt vom Schleier der Nacht.

Und wie reich er mit goldenen Keimen besät ist! wie tief und dunkel er ist! —

Aber über dieser Schamlosigkeit der Brünste, dieser Apokalypsis der Geschlechtlichkeit, diesem satanischen Evangelium der Sinnenlust —

hoch über Zeugung und Befruchtung, Vergehen und Auferstehen, Oxydation und Reduktion, thront Meine hehre, tiefe, majestätische Ruhe der Sterilität! —Die Natur erschöpft sich; sie spart schon. Sie kann sich nicht mehr verschwenden wieeinst, als die wahnsinnige Pracht der fossilenFlora und Fauna noch keinen menschlichen Geistentzückte; sie arbeitet jetzt — wie die armenErdenwürmer — menschlich, geizig, nach demPrinzip des kleinsten Kraftmaßes.

Sie schafft keine Ichthyosauren mehr, keineRiesenmollusken, keine Stigmarien. Lächerliche,kleine, schwache Herdentiere schafft sie jetzt;sie erschöpft sich in den winzigen Bakterien,die ihre misslungenen Werke gnädig wieder auffressen, — und aus der Erde treibt sie krankeBlumen, in die der altersschwache Boden Giftstoffe liefert.

Über dieser Jämmerlichkeit, über dieserSparsamkeit und philiströsen Décadence waltetfrei, maßlos, verschwenderisch, übermenschlich-expansiv wie Gasgewölk Meine große, aristokratische Seele in ihrer Grandiosität der Unfruchtbarkeit.

Und so muss sie untergehen, weil sie zugroß und heilig geworden ist und zu königlich,um sich mit dem jämmerlichen, proletarischenGeschlecht zu assoziieren, das nur Kinder zuzeugen im Stande ist — nach dem Prinzip deskleinsten Kraftmaßes.

Über der ganzen Welt, über dieser lächerlichen Mühsal, neue Orgien der Brunst zu schaffen,sich in neuen Entwickelungsformen zu objektivieren,

über den brutalen Grausamkeiten des Geschlechts, das einen Menschen mit einer Gans paart,

über der verbrecherischen Gewissenlosigkeitder Gottnatur, die Wesen auf die Erde setztzum Wahnsinn und zum Veitstanz einer rohenSpielerei von ewigen Evolutionen —

über all diesem thront Meine freie, ungeschlechtliche Seele mit ihrer Ruhe der anfangslosen Ewigkeit,

sie, die heilige besiegte Siegerin,

sie, die Allumfassende, Anfang sie und Ende,

sie, der höchste, letzte allgewaltige AusdruckMeines Stammes,

sie, die sterben muss, weil das Geschlechtes will,

sie, die sterben muss, weil sie selbst eswill, weil sie nicht in Schmutz und Ekel lebenmag, weil sie sich nach der Reinheit der Auflösung sehnt.

Und so gehe ich, —gehe hinein in die rückschreitende Metamorphose des Stoffwechsels; freiwillig, von selbst ...

„Das Tier, von der Scholle losgelöst, mitinneren Wurzeln, ein automatischer Oxydationsapparat, entnimmt der Pflanze organische Verbindungen, Eiweißkörper, Kohlenhydrate, Fette,Sauerstoff, und gibt sie an Luft und Boden inanorganischer Form zurück.”

„Die Pflanze, an der Scholle haftend, mitäußeren Wurzeln, ein bewegungsloser Reduktionsapparat, entnimmt der Luft und dem Boden anorganische Verbindungen und gibt sie dem Tiere in organischer Form zurück.”

Und so weiter — und so weiter — ohneEnde, der ewige dumme Zirkel in rastlosen Metamorphosen.

Und so leb du mir wohl.

Du bist aus meinem Gehirn verschwunden,wie ein Blutextravasat, wenn es von Phagozytenresorbiert wird.

Ich habe dich weggestoßen, wie das Eichendie Polarkörperchen wegstößt, sobald es reifwird.

In dir sollte sich die mystische Synthesemeiner selbst vollbringen, wo der Herr und derBauer in mir sich friedlich die Hände reichten,

du solltest meine intimsten Geschlechtskräftesammeln, beleben und in der Brunst nach neuerZukunft gipfeln lassen,

du solltest leimen, was von Anfang an inmir zerbrochen war, das eiserne Rückenmark indie weiche Gallertmasse einkeilen,

du solltest die feinsten Saiten in mir rühren,in denen doch vielleicht ein Stückchen meinerSeele in der friedlichen Umarmung des Geschlechtes bräutlich zittert, —

das alles hast du nicht vermocht und bliebstmir fremd.

Aber jetzt: in jenem Augenblick, wo ich dochvielleicht einmal Eines mit dir werde, wo irgendein Geschöpf die anorganischen Stoffe, in die wirdann zerfallen, in sich aufnehmen wird, um sie irgendeinem anderen Wesen organisch wiederzugeben:

wo wir uns finden werden in einem und demselben Pflanzengefäß, auf einer und derselbenmolekularen Bahn:

jetzt. Liebste, inmitten dieser lächerlich doktrinären Ideen will ich meine Stirn in deinenSchoß legen und will dir deine schönen, langen,feinen Hände küssen, — zu deinen Füßen werfeich die schwere Last meiner Herrschaft über dieWelt und alle Kreatur:

ich gebe dir meine Seele zurück.

Du meine über alles geliebte Totenbraut, dumit der unermesslichen Tiefe Meiner Leeregeliebte! —

Ich höre etwas, das tief ist wie die Welt,dunkel ist wie die Nacht und weit ist über allesSeiende hinaus.

Es ist die Sehnsucht nach der Synthese,deren Wonne mich genial gemacht und überalle Menschen gehoben hätte, — die Synthese,die ich vergebens hoffte zu erlangen in Dir.

So nimm zurück meine Seele. Mag siewieder sich in Deine Formen gießen, um mitdir zurückzukehren in die eine große Uridee,durch die ich dich entstehen ließ.

Kalter Morgenschauer kriecht durch meineGlieder; meine Zeit ist gekommen.

Und wenn der junge, reine, heilige Tag überdem Geschlechtsbett der Natur aufgeht, derjunge, weiße Tag, den Ich, der Beherrscher desDaseins, Ich, durch den und in dem alles ist,geschaffen habe, der ohne mich nicht existierenwürde, dann bin ich nicht mehr da:

Die rückschreitende Metamorphose kann beginnen ...

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