drukowana A5
29.04
Hiob

Bezpłatny fragment - Hiob


Objętość:
169 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0818-8

Erster Teil

I

Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer.Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicherJude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus,das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kinderndie Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebtund unterrichtet.

Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht. Ein Vollbartvon einem gewöhnlichen Schwarz umrahmte es ganz. Den Mund verdeckte der Bart. Die Augen waren groß, schwarz, träge und halb verhüllt von schweren Lidern. Auf dem Kopf saß eine Mütze aus schwarzem Seidenrips, einem Stoff, aus dem manchmal unmoderne und billige Krawatten gemacht werden. Der Körper steckte im halblangen,landesüblichen jüdischen Kaftan, dessen Schöße flatterten, wenn Mendel Singer durch die Gasse eilte, und die mit hartem, regelmäßigemFlügelschlag an die Schäfte der hohen Lederstiefel pochten.

Singer schien wenig Zeit zu haben und lauter dringende Ziele. Gewißwar sein Leben ständig schwer und zuweilen sogar eine Plage. EineFrau und drei Kinder mußte er kleiden und nähren. (Mit einem viertenging sie schwanger.) Gott hatte seinen Lenden Fruchtbarkeit verliehen,seinem Herzen Gleichmut und seinen Händen Armut. Sie hatten keinGold zu wägen und keine Banknoten zu zählen. Dennoch rann seinLeben stetig dahin, wie ein kleiner, armer Bach zwischen kärglichenUfern. Jeden Morgen dankte Mendel Gott für den Schlaf, für das Erwachen und den anbrechenden Tag. Wenn die Sonne unterging, beteteer noch einmal. Wenn die ersten Sterne aufsprühten, betete er zumdrittenmal. Und bevor er sich schlafen legte, flüsterte er ein eiligesGebet mit müden, aber eifrigen Lippen. Sein Schlaf war traumlos. SeinGewissen war rein. Seine Seele war keusch. Er brauchte nichts zu bereuen, und nichts gab es, was er begehrt hätte. Er liebte sein Weib undergötzte sich an ihrem Fleische. Mit gesundem Hunger verzehrte erschnell seine Mahlzeiten. Seine zwei kleinen Söhne, Jonas und Schemarjah, prügelte er wegen Ungehorsams. Aber das Jüngste, die Tochter Mirjam, liebkoste er häufig. Sie hatte sein schwarzes Haar und seineschwarzen, trägen und sanften Augen. Ihre Glieder waren zart, ihreGelenke zerbrechlich. Eine junge Gazelle.

Zwölf sechsjährige Schüler unterrichtete er im Lesen und Memorierender Bibel. Jeder von den zwölf brachte ihm an jedem Freitag zwanzigKopeken. Sie waren Mendel Singers einzige Einnahmen. Dreißig Jahrewar er erst alt. Aber seine Aussichten, mehr zu verdienen, waren gering, vielleicht überhaupt nicht vorhanden. Wurden die Schüler älter,kamen sie zu anderen, weiseren Lehrern. Das Leben verteuerte sich vonJahr zu Jahr. Die Ernten wurden ärmer und ärmer. Die Karotten verringerten sich, die Eier wurden hohl, die Kartoffeln erfroren, die Suppen wässerig, die Karpfen schmal und die Hechte kurz, die Enten mager, die Gänse hart und die Hühner ein Nichts.

Also klangen die Klagen Deborahs, der Frau Mendel Singers. Sie warein Weib, manchmal ritt sie der Teufel. Sie schielte nach dem BesitzWohlhabender und neidete Kaufleuten den Gewinn. Viel zu geringwar Mendel Singer in ihren Augen. Die Kinder warf sie ihm vor, dieSchwangerschaft, die Teuerung, die niedrigen Honorare und oft sogardas schlechte Wetter. Am Freitag scheuerte sie den Fußboden, bis ergelb wurde wie Safran. Ihre breiten Schultern zuckten auf und niederim gleichmäßigen Rhythmus, ihre starken Hände rieben kreuz undquer jedes einzelne Brett, und ihre Nägel fuhren in die Sparren undHohlräume zwischen den Brettern und kratzten schwarzen Unrat hervor, den Sturzwellen aus dem Kübel vollends vernichteten. Wie einbreites, gewaltiges und bewegliches Gebirge kroch sie durch das kahle,blaugetünchte Zimmer. Draußen, vor der Tür, lüfteten sich die Möbel,das braune, hölzerne Bett, die Strohsäcke, ein blankgehobelter Tisch,zwei lange und schmale Bänke, horizontale Bretter, festgenagelt auf jezwei vertikalen. Sobald die erste Dämmerung an das Fenster hauchte,zündete Deborah die Kerzen an, in Leuchtern aus Alpaka, schlug dieHände vors Angesicht und betete. Ihr Mann kam nach Hause, in seidigem Schwarz, der Fußboden leuchtete ihm entgegen, gelb wie geschmolzene Sonne, sein Angesicht schimmerte weißer als gewöhnlich,schwärzer als an Wochentagen dunkelte auch sein Bart. Er setzte sich,sang ein Liedchen, dann schlürften die Eltern und die Kinder die heißeSuppe, lächelten den Tellern zu und sprachen kein Wort. Wärme erhob sich im Zimmer. Sie schwärmte aus den Töpfen, den Schüsseln,den Leibern. Die billigen Kerzen in den Leuchtern aus Alpaka hieltenes nicht aus, sie begannen sich zu biegen. Auf das ziegelrote, blaukarierte Tischtuch tropfte Stearin und verkrustete im Nu. Man stieß dasFenster auf, die Kerzen ermannten sich und brannten friedlich ihremEnde zu. Die Kinder legten sich auf die Strohsäcke in der Nähe desOfens, die Eltern saßen noch und sahen mit bekümmerter Festlichkeitin die letzten blauen Flämmchen, die gezackt aus den Höhlungen derLeuchter emporschossen und sanft gewellt zurücksanken, ein Wasserspiel aus Feuer. Das Stearin schwelte, blaue, dünne Fäden aus Rauchzogen von den verkohlten Dochtresten aufwärts zur Decke. „Ach!”,seufzte die Frau. „Seufze nicht!”, gemahnte Mendel Singer. Sie schwiegen. „Schlafen wir, Deborah!”, befahl er. Und sie begannen, ein Nachtgebet zu murmeln.

Am Ende jeder Woche brach so der Sabbat an, mit Schweigen, Kerzenund Gesang. Vierundzwanzig Stunden später tauchte er unter in derNacht, die den grauen Zug der Wochentage anführte, einen Reigen ausMühsal. An einem heißen Tag im Hochsommer, um die vierte Stundedes Nachmittags, kam Deborah nieder. Ihre ersten Schreie stießen inden Singsang der zwölf lernenden Kinder. Sie gingen alle nach Hause.Sieben Tage Ferien begannen. Mendel bekam ein neues Kind, ein viertes, einen Knaben. Acht Tage später wurde es beschnitten und Menuchim genannt.

Menuchim hatte keine Wiege. Er schwebte in einem Korb aus geflochtenen Weidenruten in der Mitte des Zimmers, mit vier Seilen an einemHaken im Plafond befestigt wie ein Kronleuchter. Mendel Singertippte von Zeit zu Zeit mit einem leichten, nicht lieblosen Finger anden hängenden Korb, der sofort anfing zu schaukeln. Diese Bewegungberuhigte den Säugling zuweilen. Manchmal aber half gar nichts gegenseine Lust, zu wimmern und zu schreien. Seine Stimme krächzte überden Stimmen der zwölf lernenden Kinder, profane, häßliche Lauteüber den heiligen Sätzen der Bibel. Deborah stieg auf einen Schemelund holte den Säugling herunter. Weiß, geschwellt und kolossal entquoll ihre Brust der offenen Bluse und zog die Blicke der Knabenübermächtig auf sich. Alle Anwesenden schien Deborah zu säugen.Ihre eigenen älteren drei Kinder umstanden sie, eifersüchtig und lüstern. Stille brach ein. Man hörte das Schmatzen des Säuglings.

Die Tage dehnten sich zu Wochen, die Wochen wuchsen sich zu Monaten aus, zwölf Monate machten ein Jahr. Menuchim trank immernoch die Milch seiner Mutter, eine schüttere, klare Milch. Sie konnteihn nicht absetzen. Im dreizehnten Monat seines Lebens begann er,Grimassen zu schneiden und wie ein Tier zu stöhnen, in jagender Hastzu atmen und auf eine noch nie dagewesene Art zu keuchen. Sein großer Schädel hing schwer wie ein Kürbis an seinem dünnen Hals. Seinebreite Stirn fältelte und furchte sich kreuz und quer wie ein zerknittertes Pergament. Seine Beine waren gekrümmt und ohne Leben wie zweihölzerne Bögen. Seine dürren Ärmchen zappelten und zuckten. Lächerliche Laute stammelte sein Mund. Bekam er einen Anfall, so nahmman ihn aus der Wiege und schüttelte ihn ordentlich, bis sein Angesicht bläulich wurde und der Atem ihm beinah verging. Dann erholteer sich langsam. Man legte gebrühten Tee (in mehreren Säckchen) aufseine magere Brust und wickelte Huflattich um seinen dünnen Hals.,,Macht nichts”, sagte sein Vater, „es kommt vom Wachsen!” „Söhnegeraten nach den Brüdern der Mutter. Mein Bruder hat es fünf Jahregehabt!”, sagte die Mutter. „Man wächst sich aus!”, sprachen die andern. Bis eines Tages die Pocken in der Stadt ausbrachen, die BehördenImpfungen vorschrieben und die Ärzte in die Häuser der Juden drangen. Manche verbargen sich. Mendel Singer aber, der Gerechte, flohvor keiner Strafe Gottes. Auch der Impfung sah er getrost entgegen.

Es war an einem heißen, sonnigen Vormittag, an dem die Kommissiondurch Mendels Gasse kam. Das letzte in der Reihe der jüdischen Häuser war Mendels Haus. Mit einem Polizisten, der ein großes Buch imArm trug, ging der Doktor Soltysiuk mit wehendem, blondemSchnurrbart im braunen Angesicht, einen goldgeränderten Kneifer aufder geröteten Nase, mit breiten Schritten, in knarrend gelben Ledergamaschen und den Rock, der Hitze wegen, über die blaue Rubaschkalässig gehängt, daß die Ärmel wie noch ein paar Arme aussahen, dieebenfalls bereit schienen, Impfungen vorzunehmen: also kam derDoktor Soltysiuk in die Gasse der Juden. Ihm entgegen scholl dasWehklagen der Frauen und das Heulen der Kinder, die sich nicht hatten verbergen können. Der Polizist holte Frauen und Kinder aus tiefenKellern und von hohen Dachböden, aus kleinen Kämmerchen undgroßen Strohkörben. Die Sonne brütete, der Doktor schwitzte. Nichtweniger als hundertsechsundsiebzig Juden hatte er zu impfen. Für jeden Geflohenen und Unerreichbaren dankte er Gott im Stillen. Als erzum vierten der kleinen, blaugetünchten Häuschen gelangt war, gab erdem Polizisten einen Wink, nicht mehr eifrig zu suchen. Immer stärkerschwoll das Geschrei, je weiter der Doktor ging. Es wehte vor seinenSchritten einher. Das Geheul derjenigen, die sich noch fürchteten, verband sich mit dem Fluchen der bereits Geimpften. Müde und vollendsverwirrt ließ er sich in Mendels Stube mit einem schweren Stöhnen aufdie Bank nieder und verlangte ein Glas Wasser. Sein Blick fiel auf denkleinen Menuchim, er hob den Krüppel hoch und sagte: „Er wird einEpileptiker.” Angst goß er in des Vaters Herz. „Alle Kinder habenFraisen”, wandte die Mutter ein. „Das ist es nicht”, bestimmte derDoktor. „Aber ich könnte ihn vielleicht gesund machen. Es ist Lebenin seinen Augen.”

Gleich wollte er den Kleinen ins Krankenhaus mitnehmen. Schon warDeborah bereit. „Man wird ihn umsonst gesund machen”, sagte sie.Mendel aber erwiderte: „Sei still, Deborah! Gesund machen kann ihnkein Doktor, wenn Gott nicht will. Soll er unter russischen Kindernaufwachsen? Kein heiliges Wort hören? Milch und Fleisch essen undHühner auf Butter gebraten, wie man sie im Spital bekommt? Wir sindarm, aber Menuchims Seele verkaufe ich nicht, nur weil seine Heilungumsonst sein kann. Man wird nicht geheilt in fremden Spitälern.” Wieein Held hielt Mendel seinen dürren, weißen Arm zum Impfen hin.Menuchim aber gab er nicht fort. Er beschloß, Gottes Hilfe für seinenJüngsten zu erflehen und zweimal in der Woche zu fasten, Montag undDonnerstag. Deborah nahm sich vor, auf den Friedhof zu pilgern unddie Gebeine der Ahnen anzurufen um ihre Fürsprache beim Allmächtigen. Also würde Menuchim gesund werden und kein Epileptiker.

Dennoch hing seit der Stunde der Impfung über dem Haus MendelSingers die Furcht wie ein Ungetüm, und der Kummer durchzog dieHerzen wie ein dauernder heißer und stechender Wind. Deborahdurfte seufzen, und ihr Mann wies sie nicht zurecht. Länger als sonsthielt sie ihr Angesicht in den Händen vergraben, wenn sie betete, alsschüfe sie sich eigene Nächte, die Furcht in ihnen zu begraben, undeigene Finsternisse, um zugleich die Gnade in ihnen zu finden. Dennsie glaubte, wie es geschrieben stand, daß Gottes Licht in den Dämmernissen aufleuchte und seine Güte das Schwarze erhelle. MenuchimsAnfälle aber hörten nicht auf. Die älteren Kinder wuchsen und wuchsen, ihre Gesundheit lärmte wie ein Feind Menuchims, des Kranken,böse in den Ohren der Mutter. Es war, als bezögen die gesunden Kinder Kraft von dem Siechen, und Deborah haßte ihr Geschrei, ihre roten Wangen, ihre geraden Gliedmaßen. Sie pilgerte zum Friedhofdurch Regen und Sonne. Sie schlug mit dem Kopf gegen die moosigenSandsteine, die aus den Gebeinen ihrer Väter und Mütter wuchsen. Siebeschwor die Toten, deren stumme, tröstende Antworten sie zu hörenvermeinte. Auf dem Heimweg zitterte sie vor Hoffnung, ihren Sohngesund wiederzufinden. Sie versäumte den Dienst am Herd, die Suppelief über, die tönernen Töpfe zerbrachen, die Kasserollen verrosteten,die grünlich schimmernden Gläser zersprangen mit hartem Knall, derZylinder der Petroleumlampe verfinsterte sich rußig, der Docht verkohlte kümmerlich zu einem Zäpfchen, der Schmutz vieler Sohlen undvieler Wochen überlagerte die Dielen des Bodens, das Schmalz imTopfe zerrann, die Knöpfe fielen dürr von den Hemden der Kinderwie Laub vor dem Winter.

Eines Tages, eine Woche vor den hohen Feiertagen (aus dem Sommerwar Regen geworden, und aus dem Regen wollte Schnee werden),packte Deborah den Korb mit ihrem Sohn, legte wollene Decken überihn, stellte ihn auf die Fuhre des Kutschers Sameschkin und reiste nachKluczysk, wo der Rabbi wohnte. Das Sitzbrett lag locker auf demStroh und rutschte bei jeder Bewegung des Wagens. Lediglich mit demGewicht ihres Körpers hielt Deborah es nieder, lebendig war es, hüpfen wollte es. Die schmale, gewundene Straße bedeckte der silbergraueSchlamm, in dem die hohen Stiefel der Vorüberkommenden versankenund die halben Räder der Fuhre. Der Regen verhüllte die Felder, zerstäubte den Rauch über den vereinzelten Hütten, zermahlte mitunendlicher, feiner Geduld alles Feste, auf das er traf, den Kalkstein,der hier und dort wie weißer Zahn aus der schwarzen Erde wuchs, diezersägten Stämme an den Rändern der Straße, die aufeinandergeschichteten, duftenden Bretter vor dem Eingang zur Sägemühle, auchdas Kopftuch Deborahs und die wollenen Decken, unter denen Menuchim begraben lag. Kein Tröpfchen sollte ihn benetzen. Deborah berechnete, daß sie noch vier Stunden zu fahren hatte; hörte der Regennicht auf, mußte sie vor der Herberge halten und die Decken trocknen,einen Tee trinken und die mitgenommenen, ebenfalls schon durchweichten Mohnbrezeln verzehren. Das konnte fünf Kopeken kosten,fünf Kopeken, mit denen man nicht leichtsinnig umgehen darf. Gotthatte ein Einsehen, es hörte zu regnen auf. Über hastigen Wolkenfetzen bleichte eine zerronnene Sonne, eine Stunde kaum; in einemneuen, tieferen Dämmer versank sie endgültig.

Die schwarze Nacht lagerte in Kluczysk, als Deborah ankam. Vieleratlose Menschen waren bereits gekommen, den Rabbi zu sehn. Kluczysk bestand aus ein paar tausend niedrigen, stroh-- und schindelgedeckten Häusern, einem kilometerweiten Marktplatz, der wie eintrockener See war, umkränzt von Gebäuden. Die Fuhrwerke, die inihm herumstanden, erinnerten an steckengebliebene Wracks; übrigensverloren sie sich, winzig und sinnlos, in der kreisrunden Weite. Dieausgespannten Pferde wieherten neben den Fuhrwerken und traten mitmüden, klatschenden Hufen den klebrigen Schlamm. Einzelne Männerirrten mit schwankenden, gelben Laternen durch die runde Nacht, einevergessene Decke zu holen und ein klirrendes Geschirr mit Mundvorrat. Ringsum, in den tausend kleinen Häuschen, waren Ankömmlingeuntergebracht. Sie schliefen auf Pritschen neben den Betten der Einheimischen, die Siechen, die Krummen, die Lahmen, die Wahnsinnigen,die Idiotischen, die Herzschwächen, die Zuckerkranken, die denKrebs im Leibe trugen, deren Augen mit Trachom verseucht waren,Frauen mit unfruchtbarem Schoß, Mütter mit mißgestalteten Kindern,Männer, denen Gefängnis oder Militärdienst drohte, Deserteure, dieum eine geglückte Flucht baten, von Ärzten Aufgegebene, von derMenschheit Verstoßene, von der irdischen Gerechtigkeit Mißhandelte,Bekümmerte, Sehnsüchtige, Verhungernde und Satte, Betrüger undEhrliche, alle, alle, alle...

Deborah wohnte bei Kluczysker Verwandten ihres Mannes. Sie schliefnicht. Die ganze Nacht kauerte sie neben dem Korb Menuchims in derEcke, neben dem Herd; finster war das Zimmer, finster war ihr Herz.Sie wagte nicht mehr, Gott anzurufen, er schien ihr zu hoch, zu groß,zu weit, unendlich hinter unendlichen Himmeln, eine Leiter aus Millionen Gebeten hätte sie haben müssen, um einen Zipfel von Gott zuerreichen. Sie suchte nach toten Gönnern, rief die Eltern an, den Großvater Menuchims, nach dem der Kleine hieß, dann die Erzväter derJuden, Abraham, Isaak und Jakob, die Gebeine Mosis und zum Schlußdie Erzmütter. Wo immer eine Fürsprach möglich war, schickte sieeinen Seufzer vor. Sie pochte an hundert Gräber, an hundert Türen desParadieses. Vor Angst, daß sie morgen den Rabbi nicht erreichenwürde, weil zu viel Bittende da waren, betete sie zuerst um das Glück,rechtzeitig Vordringen zu können, als wäre die Gesundung ihres Sohnes dann schon ein Kinderspiel. Endlich sah sie durch die Ritzen derschwarzen Fensterläden ein paar fahle Streifen des Morgens. Schnellerhob sie sich. Sie zündete die trockenen Kienspäne an, die auf demHerd lagen, suchte und fand einen Topf, holte den Samowar vomTisch, warf die brennenden Späne hinein, schüttete Kohle nach, faßtedas Gefäß an beiden Henkeln, bückte sich und blies hinein, daß dieFunken herausstoben und um ihr Angesicht knisterten. Es war, alshandelte sie nach einem geheimnisvollen Ritus. Bald siedete das Wasser, bald kochte der Tee, die Familie erhob sich, sie setzten sich vorirdene, braune Geschirre und tranken. Da hob Deborah ihren Sohnaus dem Korb. Er winselte. Sie küßte ihn schnell und viele Male, miteiner rasenden Zärtlichkeit, ihre feuchten Lippen knallten auf dasgraue Angesicht, die dürren Händchen, die krummen Schenkel, denaufgedunsenen Bauch des Kleinen, es war, als schlüge sie das Kind mitihrem liebenden mütterlichen Mund. Hierauf packte sie ihn ein,schnürte einen Strick um das Paket und hängte sich ihren Sohn um denHals, damit ihre Hände frei würden. Platz wollte sie sich schaffen imGedränge vor der Tür des Rabbi.

Mit scharfem Heulen stürzte sie sich in die Menge der Wartenden, mitgrausamen Fäusten drängte sie Schwache auseinander, niemand konntesie aufhalten. Wer immer, von ihrer Hand getroffen und weggerückt,sich nach ihr umsah, um sie zurückzuweisen, war geblendet von dembrennenden Schmerz in ihrem Angesicht, ihrem offenen roten Mund,aus dem ein sengender Hauch zu strömen schien, von dem kristallenenLeuchten der großen, rollenden Tränen, von den Wangen, die in hellroten Flammen standen, von den dicken blauen Adern am gerecktenHals, in denen sich die Schreie sammelten, ehe sie ausbrachen. Wieeine Fackel wehte Deborah einher. Mit einem einzigen grellen Schrei,hinter dem die grauenhafte Stille einer ganzen gestorbenen Welt einstürzte, fiel Deborah vor der endlich erreichten Tür des Rabbi nieder,die Klinke in der gereckten Rechten. Mit der Linken trommelte siegegen das braune Holz. Menuchim schleifte vor ihr her am Boden.

Jemand machte die Tür auf. Der Rabbi stand am Fenster, er kehrte ihrden Rücken, ein schwarzer, schmaler Strich. Plötzlich wandte er sichum. Sie blieb an der Schwelle, auf beiden Armen bot sie ihren Sohndar, wie man ein Opfer bringt. Sie erhaschte einen Schimmer von dembleichen Angesicht des Mannes, das eins zu sein schien mit seinemweißen Bart. Sie hatte sich vorgenommen, in die Augen des Heiligenzu sehen, um sich zu überzeugen, daß wirklich in ihnen die mächtigeGüte lebe. Aber nun sie hier stand, lag ein See von Tränen vor ihremBlick, und sie sah den Mann hinter einer weißen Welle aus Wasser undSalz. Er hob die Hand, zwei dürre Finger glaubte sie zu erkennen,Instrumente des Segens. Aber ganz nah hörte sie die Stimme desRabbi, obwohl er nur flüsterte:

„Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wirdes nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, dieHäßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. SeineAugen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall.Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden. Hab keine Furcht, und geh nach Haus!”

„Wann, wann, wann wird er gesund werden?”, flüsterte Deborah.

„Nach langen Jahren”, sagte der Rabbi, „aber frage mich nicht weiter,ich habe keine Zeit, und ich weiß nicht mehr. Verlaß deinen Sohnnicht, auch wenn er dir eine große Last ist, gib ihn nicht weg von dir,er kommt aus dir, wie ein gesundes Kind. Und geh!”...

Draußen machte man ihr Platz. Ihre Wangen waren blaß, ihre Augentrocken, ihre Lippen leicht geöffnet, als atmeten sie lauter Hoffnung.Gnade im Herzen, kehrte sie heim.

II

Als Deborah heimkehrte, traf sie ihren Mann am Herd. Unwillig besorgte er das Feuer, den Topf, die hölzernen Löffel. Sein gerader Sinnwar auf die einfachen, irdischen Dinge gerichtet und vertrug keinWunder im Bereich der Augen. Er lächelte über den Glauben seinerFrau an den Rabbi. Seine schlichte Frömmigkeit bedurfte keiner vermittelnden Gewalt zwischen Gott und den Menschen. „Menuchimwird gesund werden, aber es wird lange dauern!” Mit diesen Wortenbetrat Deborah das Haus. „Es wird lange dauern!”, wiederholte Mendel wie ein böses Echo. Deborah hängte seufzend den Korb wieder anden Plafond. Die älteren drei Kinder kamen vom Spiel. Sie fielen überden Korb her, den sie schon einige Tage vermißt hatten, und ließen ihnheftig pendeln. Mendel Singer ergriff mit beiden Händen seine Söhne,Jonas und Schemarjah. Mirjam, das Mädchen, flüchtete zur Mutter.Mendel kniff seine Söhne in die Ohren. Sie heulten auf. Er schnallteden Hosengurt ab und schwang ihn durch die Luft. Als gehörte dasLeder noch zu seinem Körper, als wäre es die natürliche Fortsetzungseiner Hand, fühlte Mendel Singer jeden klatschenden Schlag, der dieRücken seiner Söhne traf. Ein unheimliches Getöse brach los in seinemKopf. Die warnenden Schreie seiner Frau fielen in seinen eigenenLärm, unbedeutend vergingen sie darin. Es war, als schüttete man Gläser Wasser in ein aufgeregtes Meer.

Er fühlte nicht, wo er stand. Er wirbelte mit dem schwingenden, knallenden Gürtel umher, traf die Wände, den Tisch, die Bänke und wußtenicht, ob ihn die verfehlten Schläge mehr freuten oder die gelungenen.Endlich klang es drei von der Wanduhr, die Stunde, in der sich dieSchüler am Nachmittag versammelten. Mit leerem Magen — denn erhatte nichts gegessen —, die würgende Aufregung noch in der Kehle,begann Mendel, Wort für Wort, Satz für Satz aus der Bibel vorzutragen. Der helle Chor der Kinderstimmen wiederholte Wort für Wort,Satz für Satz, es war, als würde die Bibel von vielen Glocken geläutet.Wie Glocken schwangen auch die Oberkörper der Lernenden vorwärts und zurück, indes über den Köpfen der Korb Menuchims fast ingleichem Rhythmus pendelte. Heute nahmen Mendels Söhne am Unterricht teil. Des Vaters Zorn versprühte, erkaltete, erlosch, weil sie imklingenden Vorsagen den andern voran waren. Um sie zu erproben,verließ er die Stube. Der Chor der Kinder läutete weiter, angeführt vonden Stimmen der Söhne. Er konnte sich auf sie verlassen.

Jonas, der ältere, war stark wie ein Bär, Schemarjah, der jüngere, warschlau wie ein Fuchs. Stampfend trottete Jonas einher, mit vorgeneigtem Kopf, mit hängenden Händen, strotzenden Backen, ewigem Hunger, gekräuseltem Haar, das heftig über die Ränder der Mütze wucherte. Sanft und beinahe schleichend, mit spitzem Profil, immerwachen, hellen Augen, dünnen Armen, in der Tasche vergrabenenHänden, folgte ihm sein Bruder Schemarjah. Niemals brach ein Streitzwischen ihnen aus, zu ferne waren sie einander, getrennt waren ihreReiche und Besitztümer, sie hatten ein Bündnis geschlossen. AusBlechdosen, Zündholzschachteln, Scherben, Hörnern, Weidenrutenverfertigte Schemarjah wunderbare Sachen. Jonas hätte sie mit seinemstarken Atem umblasen und vernichten können. Aber er bewundertedie zarte Geschicklichkeit seines Bruders. Seine kleinen, schwarzenAugen blinkten wie Fünkchen zwischen seinen Wangen, neugierig undheiter.

Einige Tage nach ihrer Rückkehr erachtete Deborah die Zeit für gekommen, Menuchims Korb vom Plafond abzuknöpfen. Nicht ohneFeierlichkeit übergab sie den Kleinen den älteren Kindern. „Ihr werdetihn spazierenführen!” sagte Deborah. „Wenn er müde wird, werdet ihrihn tragen. Laßt ihn Gott behüte nicht fallen! Der heilige Mann hatgesagt, er wird gesund. Tut ihm kein Weh.” Von nun an begann diePlage der Kinder.

Sie schleppten Menuchim wie ein Unglück durch die Stadt, sie ließenihn liegen, sie ließen ihn fallen. Sie ertrugen den Hohn der Altersgenossen schwer, die hinter ihnen herliefen, wenn sie Menuchim spazierenführten. Der Kleine mußte zwischen zweien gehalten werden. Ersetzte nicht einen Fuß vor den andern wie ein Mensch. Er wackelte mitseinen Beinen wie mit zwei zerbrochenen Reifen, er blieb stehen, erknickte ein. Schließlich ließen ihn Jonas und Schemarjah liegen. Sielegten ihn in eine Ecke, in einen Sack. Dort spielte er mit Hundekot,Pferdeäpfeln, Kieselsteinen. Er fraß alles. Er kratzte den Kalk von denWänden und stopfte sich den Mund voll, hustete dann und wurde blauim Angesicht. Ein Stück Dreck, lagerte er im Winkel. Manchmal finger an zu weinen. Die Knaben schickten Mirjam zu ihm, damit sie ihntröste. Zart, kokett, mit hüpfenden dünnen Beinen, einen häßlichenund hassenden Abscheu im Herzen, näherte sie sich ihrem lächerlichenBruder. Die Zärtlichkeit, mit der sie sein aschgraues, verknittertes Angesicht streichelte, hatte etwas Mörderisches. Sie sah sich vorsichtigum, nach rechts und links, dann kniff sie ihren Bruder in den Schenkel.Er heulte auf, Nachbarn sahen aus den Fenstern. Sie verzerrte das Angesicht zur weinerlichen Grimasse. Alle Menschen hatten Mitleid mitihr und fragten sie aus.

Eines Tages im Sommer, es regnete, schleppten die Kinder Menuchimaus dem Haus und steckten ihn in den Bottich, in dem sich Regenwasser seit einem halben Jahr gesammelt hatte, Würmer herumschwammen, Obstreste und verschimmelte Brotrinden. Sie hielten ihn an denkrummen Beinen und stießen seinen grauen, breiten Kopf ein dutzendmal ins Wasser. Dann zogen sie ihn heraus, mit klopfenden Herzen, roten Wangen, in der freudigen und grausigen Erwartung, einenToten zu halten. Aber Menuchim lebte. Er röchelte, spuckte das Wasser aus, die Würmer, das verschimmelte Brot, die Obstreste und lebte.Nichts geschah ihm. Da trugen ihn die Kinder schweigsam und vollerAngst ins Haus zurück. Eine große Furcht vor Gottes kleinem Finger,der eben ganz leise gewinkt hatte, ergriff die zwei Knaben und dasMädchen. Den ganzen Tag sprachen sie nicht zueinander. Ihre Zungenlagen gefesselt an den Gaumen, ihre Lippen öffneten sich, ein Wort zuformen, aber kein Ton bildete sich in ihren Kehlen. Es hörte zu regnenauf, die Sonne erschien, die Bächlein flössen munter an den Rändernder Straßen. Es wäre an der Zeit gewesen, die Papierschiffchen loszulassen und zuzusehen, wie sie dem Kanal entgegenschwimmen. Abergar nichts geschah. Die Kinder krochen ins Haus zurück wie Hunde.Den ganzen Nachmittag noch warteten sie auf den Tod Menuchims.Menuchim starb nicht.

Menuchim starb nicht, er blieb am Leben, ein mächtiger Krüppel. Vonnun an war der Schoß Deborahs trocken und fruchtlos. Menuchim wardie letzte, mißratene Frucht ihres Leibes, es war, als weigerte sich ihrSchoß, noch mehr Unglück hervorzubringen. In flüchtigen Sekundenumarmte sie ihren Mann. Sie waren kurz wie Blitze, trockene Blitzeam fernen, sommerlichen Horizont. Lang, grausam und ohne Schlafwaren Deborahs Nächte. Eine Wand aus kaltem Glas trennte sie vonihrem Mann. Ihre Brüste welkten, ihr Leib schwoll an wie ein Hohnauf ihre Unfruchtbarkeit, ihre Schenkel wurden schwer, und Blei hingan ihren Füßen.

Eines Morgens im Sommer erwachte sie früher als Mendel. Ein zwitschernder Sperling am Fensterbrett hatte sie geweckt. Noch lag ihr seinPfiff im Ohr, Erinnerung an Geträumtes, Glückliches, wie die Stimmeeines Sonnenstrahls. Die frühe, warme Dämmerung durchdrang diePoren und Ritzen der hölzernen Fensterläden, und obwohl die Kantender Möbel noch im Schatten der Nacht verrannen, war Deborahs Augeschon klar, ihr Gedanke hart, ihr Herz kühl. Sie warf einen Blick aufden schlafenden Mann und entdeckte die ersten weißen Haare in seinem schwarzen Bart. Er räusperte sich im Schlaf. Er schnarchte.Schnell sprang sie vor den blinden Spiegel. Sie fuhr mit kalten, strählenden Fingerspitzen durch ihren schütteren Scheitel, zog eine Strähnenach der andern vor die Stirn und suchte nach weißen Haaren. Sieglaubte, ein einziges gefunden zu haben, ergriff es mit einer hartenZange aus zwei Fingern und riß es aus. Dann öffnete sie ihr Hemd vordem Spiegel. Sie sah ihre schlaffen Brüste, hob sie hoch, ließ sie fallen,strich mit der Hand über den hohlen und dennoch gewölbten Leib, sahdie blauen verzweigten Adern an ihren Schenkeln und beschloß, wieder ins Bett zu gehen. Sie wandte sich um, und ihr Blick stieß erschrocken auf das geöffnete Auge ihres Mannes. „Was schaust du?”, rief sie.Er antwortete nicht. Es war, als gehörte das offene Auge nicht ihm,denn er selbst schlief noch. Unabhängig von ihm hatte es sich geöffnet.Selbständig neugierig war es geworden. Das Weiße des Auges schienweißer als gewöhnlich. Die Pupille war winzig. Das Auge erinnerteDeborah an einen vereisten See mit einem schwarzen Punkt darinnen.Es konnte kaum eine Minute offen gewesen sein, aber Deborah hieltdiese Minute für ein Jahrzehnt. Mendels Auge schloß sich wieder. Eratmete ruhig weiter, er schlief, ohne Zweifel. Ein fernes Trillern vonMillionen Lerchen erhob sich draußen, über dem Haus, unter denHimmeln. Schon drang die anbrechende Hitze des jungen Tages in denmorgendlich verdunkelten Raum. Bald mußte die Uhr sechs Schlägeschlagen, die Stunde, in der Mendel Singer aufzustehen pflegte. Deborah rührte sich nicht. Sie blieb stehen, wo sie gestanden war, als sie sichwieder dem Bett zugewandt hatte, den Spiegel im Rücken. Nie hattesie so stehend gelauscht, ohne Zweck, ohne Not, ohne Neugier, ohneLust. Sie wartete auf gar nichts. Aber es schien ihr, daß sie auf etwasBesonderes warten müßte. Alle ihre Sinne waren wach wie nie, undnoch ein paar unbekannte, neue Sinne waren erwacht, zur Unterstützung der alten. Sie sah, hörte, fühlte tausendfach. Und gar nichts geschah. Nur ein Sommermorgen brach an, nur Lerchen trillerten in unerreichbarer Ferne, nur Sonnenstrahlen zwängten sich mit heißer Gewalt durch die Ritzen der Läden, und die breiten Schatten an den Rändern der Möbelstücke wurden schmäler und schmäler, und die Uhrtickte und holte zu sechs Schlägen aus, und der Mann atmete. Lautloslagen die Kinder in der Ecke neben dem Herd, Deborah sichtbar, aberweit, wie in einem andern Raum. Gar nichts geschah. Dennoch schienUnendliches geschehen zu wollen. Die Uhr schlug wie eine Erlösung.Mendel Singer erwachte, setzte sich gerade im Bett auf und starrte verwundert auf seine Frau. „Warum bist du nicht im Bett?”, fragte er undrieb sich die Augen. Er hustete und spuckte aus. Gar nichts an seinenWorten und an seinem Gehaben verriet, daß sein linkes Auge offengewesen war und selbständig geschaut hatte. Vielleicht wußte er nichtsmehr, vielleicht hatte sich Deborah getäuscht.

Seit diesem Tage hörte die Lust auf zwischen Mendel Singer und seinerFrau. Wie zwei Menschen gleichen Geschlechts gingen sie schlafen,durchschliefen sie die Nächte, erwachten sie des Morgens. Sie schämten sich voreinander und schwiegen wie in den ersten Tagen ihrer Ehe.Die Scham stand am Beginn ihrer Lust, und am Ende ihrer Lust standsie auch.

Dann war auch sie überwunden. Sie redeten wieder, ihre Augen wichen nicht mehr einander aus, im gleichen Rhythmus alterten ihre Gesichter und ihre Leiber wie Gesichter und Leiber von Zwillingen. DerSommer war träge und schweren Atems und arm an Regen. Tür undFenster standen offen. Die Kinder waren selten zu Haus. Draußenwuchsen sie schnell, von der Sonne befruchtet.

Sogar Menuchim wuchs. Seine Beine blieben zwar gekrümmt, aber siewurden ohne Zweifel länger. Auch sein Oberkörper streckte sich.Plötzlich, eines Morgens, stieß er einen nie gehörten, schrillen Schreiaus. Dann blieb er still. Eine Weile später sagte er, klar und vernehmlich: „Mama.”

Deborah stürzte sich auf ihn, und aus ihren Augen, die lange schontrocken gewesen waren, flossen die Tränen, heiß, stark, groß, salzig,schmerzlich und süß. „Sag Mama!” „Mama”, wiederholte der Kleine.Ein dutzendmal wiederholte er das Wort. Hundertmal wiederholte esDeborah. Nicht vergeblich waren ihre Bitten geblieben. Menuchimsprach. Und dieses eine Wort der Mißgeburt war erhaben wie eineOffenbarung, mächtig wie ein Donner, warm wie die Liebe, gnädigwie der Himmel, weit wie die Erde, fruchtbar wie ein Acker, süß wieeine süße Frucht. Es war mehr als die Gesundheit der gesunden Kinder. Es bedeutete, daß Menuchim stark und groß, weise und gütig werden sollte, wie die Worte des Segens gelautet hatten.

Allerdings: Noch andere verständliche Laute kamen nicht mehr ausMenuchims Kehle. Lange Zeit bedeutete dieses eine Wort, das er nachso schrecklichem Schweigen zustande gebracht hatte, Essen und Trinken, Schlafen und Lieben, Lust und Schmerz, Himmel und Erde. Obwohl er nur dieses Wort bei jeder Gelegenheit sagte, erschien er seinerMutter Deborah beredt wie ein Prediger und reich an Ausdruck wieein Dichter. Sie verstand jedes Wort, das sich in dem einen verbarg.Sie vernachlässigte die älteren Kinder. Sie wandte sich von ihnen ab.Sie hatte nur einen Sohn, den einzigen Sohn: Menuchim.

III

Vielleicht brauchen Segen eine längere Zeit zu ihrer Erfüllung als Flüche. Zehn Jahre waren vergangen, seitdem Menuchim sein erstes undeinziges Wort ausgesprochen hatte. Er konnte immer noch kein anderes sagen.

Manchmal, wenn Deborah mit ihrem kranken Sohn allein im Hausewar, schob sie den Riegel vor, setzte sich neben Menuchim auf denBoden und sah dem Kleinen starr ins Angesicht. Sie erinnerte sich anden fürchterlichen Tag im Sommer, an dem die Gräfin vor der Kirchevorgefahren war. Deborah sieht das offene Portal der Kirche. Ein goldener Glanz von tausend Kerzen, von bunten, lichtumkranzten Bildern, von drei Geistlichen im Ornat, die tief und fern am Altar stehen,mit schwarzen Bärten und weißen, schwebenden Händen, dringt inden weiß besonnten, staubigen Platz. Deborah ist im dritten Monat.Menuchim regt sich in ihrem Leib, die kleine, zarte Mirjam hält sie festan der Hand. Auf einmal erhebt sich Geschrei. Es übertönt den Gesang der Beter in der Kirche. Man hört das schnalzende Getrappel derPferde, eine Staubwolke wirbelt auf, die dunkelblaue Equipage derGräfin hält vor der Kirche. Die Bauernkinder jubeln. Die Bettler undBettlerinnen auf den Stufen humpeln der Kalesche entgegen, um derGräfin die Hände zu küssen. Auf einmal reißt sich Mirjam los. Im Nuist sie verschwunden. Deborah zittert, sie friert, mitten in der Hitze.Wo ist Mirjam? Sie fragt jedes Bauernkind. Die Gräfin ist ausgestiegen.Deborah tritt ganz nah an die Kalesche. Der Kutscher mit den silbernen Knöpfen in der dunkelblauen Livree sitzt so hoch, daß er allesübersehen kann. „Haben Sie die kleine Schwarze laufen gesehen?”,fragt Deborah, den Kopf emporgereckt, die Augen geblendet vomGlanz der Sonne und des Livrierten. Der Kutscher zeigt mit seinerweiß behandschuhten Linken in die Kirche. Da hinein ist Mirjam gelaufen.

Deborah überlegt einen Augenblick, dann stürzt sie sich in die Kirche,hinein in den goldenen Glanz, in den vollen Gesang, in das Brausender Orgel. Im Eingang steht Mirjam. Deborah ergreift das Kind,schleppt es auf den Platz, rennt die heißen, weiß glühenden Stufenhinunter, flüchtet wie vor einem Brand. Sie will das Kind schlagen,aber sie hat Angst.

Sie rennt, das Kind hinter sich her ziehend, in eine Gasse. Nun ist sieruhiger. „Du darfst dem Vater nichts davon erzählen”, keucht sie.,,Hörst du, Mirjam?”

Seit diesem Tage weiß Deborah, daß ein Unglück im Anzug ist. EinUnglück trägt sie im Schoß. Sie weiß es und schweigt. Sie schiebt denRiegel wieder zurück, es klopft an der Tür, Mendel ist da.

Früh ergraut ist sein Bart. Früh verwelkt waren auch Angesicht, Körper und Hände Deborahs. Stark und langsam wie ein Bär war der älteste Sohn Jonas, schlau und hurtig wie ein Fuchs der jüngere Schemarjah, kokett und gedankenlos wie eine Gazelle die Schwester Mirjam.So wie sie durch die Gassen huschte, Botengänge zu besorgen, schlankund schmal, ein schimmernder Schatten, ein braunes Gesicht, ein großer roter Mund, ein goldgelber Schal, unter dem Kinn in zwei wehende Flügel geknotet, und die zwei alten Augen mitten in der braunen Jugend des Angesichts, so fiel sie in die Blickfelder der Offizierevon der Garnison und blieb haften in ihren sorglosen, lustsüchtigenKöpfen. Mancher stellte ihr manchmal nach. Nichts anderes nahm sievon ihren Jägern zur Kenntnis, als was sie durch die äußeren Tore derSinne gerade nachschicken konnte: ein silbernes Klirren und Rasselnvon Sporen und Wehr, einen verwehenden Duft von Pomade und Rasierseife, einen knalligen Schimmer von goldenen Knöpfen, silbernenBorten und blutroten Riemen aus Juchten. Es war wenig, es war genug. Gleich hinter den äußeren Toren ihrer Sinne lauerte die Neugierin Mirjam, die Schwester der Jugend, die Künderin der Lust. In einersüßen und heißen Furcht floh das Mädchen vor seinen Verfolgern.Nur um den schmerzlichen, erregenden Genuß der Furcht auszukosten, floh es durch mehr Gassen, viele Minuten länger. Es flüchteteauf Umwegen. Nur um wieder fliehen zu können, ging Mirjam häufiger, als nötig war, aus dem Haus. An den Straßenecken hielt sie einund warf Blicke zurück, Lockspeise den Jägern. Es waren Mirjamseinzige Genüsse. Selbst wenn jemand vorhanden gewesen wäre, der sieverstanden hätte, ihr Mund wäre verschlossen geblieben. Denn die Genüsse sind stärker, solange sie geheim bleiben.

Noch wußte Mirjam nicht, in welch drohende Beziehung sie zu derfremden und schrecklichen Welt des Militärs treten sollte und wieschwer die Schicksale waren, die sich bereits zu sammeln begannenüber den Häuptern Mendel Singers, seiner Frau und seiner Kinder.Denn Jonas und Schemarjah waren schon in dem Alter, in dem sienach dem Gesetz zu den Soldaten sollten und nach der Tradition ihrerVäter sich vor dem Dienst retten mußten. Andern Jünglingen hatte eingnädiger und vorsorglicher Gott ein körperliches Gebrechen mitgegeben, das sie wenig behinderte und vor dem Bösen beschützte. Manchewaren einäugig, manche hinkten, der hatte einen Leistenbruch, jenerzuckte ohne Grund mit den Armen und Beinen, einige hatten schwache Lungen, andere schwache Herzen, einer hörte schlecht und einanderer stotterte, und ein dritter hatte ganz einfach eine allgemeineKörperschwäche.

In der Familie Mendel Singers aber schien es, als hätte der kleine Menuchim die ganze Anzahl menschlicher Qualen auf sich genommen,die sonst vielleicht eine gütige Natur sachte auf alle Mitglieder verteilthätte. Mendels ältere Söhne waren gesund, kein Fehler konnte an ihrem Körper entdeckt werden, und sie mußten anfangen, sich zu plagen, zu fasten und schwarzen Kaffee zu trinken und wenigstens aufeine vorübergehende Herzschwäche hoffen, obwohl der Krieg gegenJapan schon beendet war.

Und also begannen ihre Plagen. Sie aßen nicht, sie schliefen nicht, sietorkelten schwach und zitternd durch Tage und Nächte. Ihre Augenwaren gerötet und geschwollen, ihre Hälse mager und ihre Köpfeschwer. Deborah liebte sie wieder. Für ihre älteren Söhne zu beten,pilgerte sie noch einmal zum Friedhof. Diesmal betete sie um eineKrankheit für Jonas und Schemarjah, wie sie früher um die GesundheitMenuchims gefleht hatte. Das Militär erhob sich vor ihrem bekümmerten Aug’ wie ein schwerer Berg aus glattem Eisen und klirrenderMarter. Leichen sah sie, lauter Leichen. Hoch und schimmernd, diegespornten Füße im roten Blut, saß der Zar und wartete auf das Opferihrer Söhne. Sie gingen ins Manöver, schon dies allein war ihr dergrößte Schrecken, an einen neuen Krieg dachte sie nicht einmal. Siezürnte ihrem Mann. Mendel Singer, was war er? Ein Lehrer, ein dummer Lehrer dummer Kinder. Sie hatte anderes im Sinn gehabt, als sienoch ein Mädchen gewesen war. Mendel Singer indessen trug nichtleichter am Kummer als seine Frau. Am Sabbat in der Synagoge, wenndas gesetzlich vorgeschriebene Gebet für den Zaren abgehalten wurde,dachte Mendel an die nächste Zukunft seiner Söhne. Schon sah er sie inder verhaßten Drillichuniform frischer Rekruten. Sie aßen Schweinefleisch und wurden von Offizieren mit der Reitpeitsche geschlagen. Sietrugen Gewehre und Bajonette. Er seufzte oft ohne erdenklichenGrund, mitten im Beten, mitten im Unterricht, mitten im Schweigen.Sogar Fremde sahen ihn bekümmert an. Nach seinem kranken Sohnhatte ihn niemals jemand gefragt, aber nach seinen gesunden Söhnenerkundigten sich alle.

Am sechsundzwanzigsten März, endlich, fuhren die beiden Brüdernach Targi. Sie zogen beide das Los. Beide waren tadellos und gesund.Beide wurden genommen.

Noch einen Sommer durften sie zu Hause verbringen. Im Herbst sollten sie einrücken. An einem Mittwoch waren sie Soldaten geworden.Am Sonntag kehrten sie heim.

Am Sonntag kehrten sie heim, mit Freikarten des Staates ausgerüstet.Schon reisten sie auf Kosten des Zaren. Viele ihresgleichen fuhren mitihnen. Es war ein langsamer Zug. Sie saßen auf hölzernen Bänken unter Bauern. Die Bauern sangen und waren betrunken. Alle rauchtenden schwarzen Tabak, in dessen Rauch noch eine ferne Erinnerung anSchweiß mitduftete. Alle erzählten einander Geschichten. Jonas undSchemarjah trennten sich nicht für einen Augenblick. Es war ihre ersteReise mit der Eisenbahn. Oft tauschten sie die Plätze. Jeder von ihnenwollte ein wenig am Fenster sitzen und in die Landschaft sehen. Ungeheuer weit erschien Schemarjah die Welt. Flach war sie in Jonas’ Augen, sie langweilte ihn. Der Zug fuhr glatt durch das flache Land wieein Schlitten über Schnee. Die Felder lagen in den Fenstern. Die bunten Bäuerinnen winkten. Wo sie in Gruppen auf tauchten, antworteteihnen im Waggon ein dröhnendes Geheul der Bauern. Schwarz,schüchtern und bekümmert saßen die zwei Juden unter ihnen, in die Ecke gedrängt vom Übermut der Trunkenen.

„Ich möchte ein Bauer sein”, sagte plötzlich Jonas.

„Ich nicht”, erwiderte Schemarjah.

„Ich möchte ein Bauer sein”, wiederholte Jonas, „ich möchte betrunken sein und mit den Mädchen da schlafen.”

„Ich will sein, was ich bin”, sagte Schemarjah, „ein Jude wie meinVater Mendel Singer, kein Soldat und nüchtern.”

„Ich freue mich ein bißchen, daß ich Soldat werde”, sagte Jonas.

„Du wirst schon deine Freuden erleben! Ich möchte lieber ein reicherMann sein und das Leben sehen.”

„Was ist das Leben?”

„Das Leben”, erklärte Schemarjah, „ist in großen Städten zu sehen. DieBahnen fahren mitten durch die Straßen, alle Läden sind so groß wiebei uns die Gendarmerie-Kaserne, und die Schaufenster sind noch größer. Ich habe Ansichtskarten gesehen. Man braucht keine Tür, um inein Geschäft zu treten, die Fenster reichen bis zu den Füßen.”

„He, warum seid ihr so betrübt?”, rief plötzlich ein Bauer aus der gegenüberliegenden Ecke.

Jonas und Schemarjah taten, als hörten sie ihn nicht oder als gelte nichtihnen seine Frage. Sich taub stellen, wenn ein Bauer sie anredete, dashatten sie im Blut. Seit tausend Jahren ging es niemals gut aus, wennein Bauer fragte und ein Jude antwortete.

„He!”, sagte der Bauer und erhob sich.

Jonas und Schemarjah standen gleichzeitig auf.

„Ja, zu euch, Juden, hab’ ich gesprochen”, sagte der Bauer. „Habt ihrnoch nichts getrunken?”

„Haben schon getrunken”, sagte Schemarjah.

„Ich nicht”, sagte Jonas.

Der Bauer holte eine Flasche hervor, die er unter der Joppe, an derBrust, getragen hatte. Sie war warm und schlüpfrig und roch nach demBauern stärker als nach ihrem Inhalt. Jonas setzte sie an den Mund. Erentblößte die blutroten, vollen Lippen, man sah zu beiden Seiten derbraunen Flasche die weißen, starken Zähne. Jonas trank und trank. Erspürte nicht die leichte Hand des Bruders, die ihn mahnend am Ärmelberührte. Mit beiden Händen, einem riesigen Säugling ähnlich, hielt erdie Flasche. An seinen emporgereckten Ellenbogen schimmerte weißlich das Hemd durch den zerriebenen, dünnen Stoff. Regelmäßig, wieein Kolben an einer Maschine, stieg und sank sein Adamsapfel unterder Haut des Halses. Ein leises, ersticktes Gurgeln grollte aus seinerKehle. Alle sahen zu, wie der Jude trank.

Jonas war fertig. Die leere Flasche fiel ihm aus den Händen und seinemBruder Schemarjah in den Schoß. Er selbst sank ihr nach, als müßte erden gleichen Weg nehmen wie sie. Der Bauer streckte die Hand ausund erbat stumm die Flasche von Schemarjah wieder. Dann liebkosteer mit dem Stiefel ein wenig die breiten Schultern des schlafenden Jonas.

Sie erreichten Podworsk, hier mußten sie aussteigen. Bis nach Jurkiwaren es sieben Werst, zu Fuß sollten die Brüder wandern, wer weiß,ob sie unterwegs jemand auf den Wagen nehmen würde. Alle Reisenden halfen, den schweren Jonas aufrichten. Als er draußen stand, wurdeer wieder nüchtern.

Sie wanderten. Es war Nacht. Den Mond ahnten sie hinter milchigemGewölk. Auf den Schneefeldern dunkelten einzelne unregelmäßigkonturierte Erdflecken wie Kratermünder. Der Frühling schien ausdem Wald einherzuwehen. Jonas und Schemarjah gingen schnell aufeinem schmalen Weg. Sie hörten das zarte Knistern der dünnen, spröden Eishülle unter ihren Stiefeln. Ihre weißen, rundlichen Bündel trugen sie geschultert an Stöcken. Einige Male versuchte Schemarjah, einGespräch mit seinem Bruder anzufangen. Jonas antwortete nicht. Erschämte sich, weil er getrunken hatte und hingefallen war wie einBauer. An den Stellen, an denen der Pfad so schmal war, daß beideBrüder nicht nebeneinandergehen konnten, ließ Jonas dem jüngerenden Vortritt. Am liebsten hätte er Schemarjah vor sich hergehen lassen.Wo der Weg wieder breiter wurde, verlangsamte er den Schritt in derHoffnung, Schemarjah würde weitergehen, ohne auf den Bruder zuwarten. Aber es war, als fürchtete der jüngere, den älteren zu verlieren.Seitdem er gesehen hatte, daß Jonas betrunken sein konnte, traute erihm nicht mehr, zweifelte er an des älteren Vernunft, fühlte er sich fürden älteren verantwortlich. Jonas erriet, was sein Bruder empfand. Eingroßer, törichter Zorn kochte in seinem Herzen. Lächerlich ist Schemarjah, dachte Jonas. Wie ein Gespenst ist er dünn, den Stock kann ernicht einmal halten, jedes Mal schultert er ihn wieder, das Bündel wirdnoch in den Dreck fallen. Bei der Vorstellung, daß Schemarjahs weißesBündel vom glatten Stock in den schwarzen Dreck der Straße fallenkönnte, lachte Jonas laut auf. „Was lachst du?”, fragte Schemarjah.,,Über dich!”, antwortete Jonas. „Ich hatte mehr Recht, über dich zulachen”, sagte Schemarjah. Wieder schwiegen sie. Schwarz wuchs ihnen der Tannenwald entgegen. Aus ihm, nicht aus ihnen selbst, schiendie Schweigsamkeit zu kommen. Von Zeit zu Zeit erhob sich ein Windaus willkürlicher Himmelsrichtung, ein heimatloser Windstoß. EinWeidenbusch regte sich im Schlaf, Zweige knackten dürr, die Wolkenliefen hell über den Himmel. „Jetzt sind wir doch Soldaten!” sagte aufeinmal Schemarjah. „Ganz richtig”, sagte Jonas, „was waren wir dennsonst? Wir haben keinen Beruf. Sollen wir Lehrer werden wie unserVater?” „Besser als Soldat sein!”, sagte Schemarjah. „Ich könnte einKaufmann werden und in die Welt gehen!” „Die Soldaten sind auchWelt, und ich kann kein Kaufmann sein”, meinte Jonas. „Du bist betrunken!” „Ich bin nüchtern wie du. Ich kann trinken und nüchternsein. Ich kann ein Soldat sein und die Welt sehn. Ich möchte ein Bauersein. Das sag' ich dir — und ich bin nicht betrunken...”

Schemarjah zuckte mit den Schultern. Sie gingen weiter. Gegen Morgen hörten sie die Hähne krähen aus entfernten Gehöften. „Das wirdJurki sein”, sagte Schemarjah. „Nein, es ist Bytók!”, sagte Jonas. „Meinetwegen Bytók”, sagte Schemarjah.

Eine Fuhre klapperte und rasselte hinter der nächsten Biegung des Weges. Der Morgen war fahl, wie die Nacht gewesen war. Kein Unterschied zwischen Mond und Sonne. Schnee fing an zu fallen, weicher,warmer Schnee. Raben flogen auf und krächzten.

„Sieh, die Vögel”, sagte Schemarjah; nur als Vorwand, um den Bruderzu versöhnen.

„Raben sind das!”, sagte Jonas. „Vögel!”, ahmte er höhnisch nach.

„Meinetwegen!”, sagte Schemarjah, „Raben!”

Es war wirklich Bytók. Noch eine Stunde, sie kamen nach Jurki. Nochdrei Stunden, und sie waren zu Haus.

Es schneite dichter und weicher, je weiter der Tag fortschritt, als kämeder Schnee von der ansteigenden Sonne. Nach einigen Minuten war dasganze Land weiß. Auch die einzelnen Weiden am Weg und die verstreuten Birkengruppen zwischen den Feldern weiß, weiß, weiß. Nur diezwei jungen, schreitenden Juden waren schwarz. Auch sie überschüttete der Schnee, aber auf ihren Rücken schien er schneller zu schmelzen.Ihre langen, schwarzen Röcke flatterten. Die Schöße pochten mit hartem, regelmäßigem Schlag gegen die Schäfte der hohen Lederstiefel. Jedichter es schneite, desto schneller gingen sie. Bauern, die ihnen entgegenkamen, gingen ganz langsam, mit eingeknickten Knien, sie wurdenweiß, auf ihren breiten Schultern lag der Schnee wie auf dicken Ästen,schwer und leicht zugleich, vertraut mit dem Schnee, gingen sie in ihmeinher wie in einer Heimat. Manchmal blieben sie stehen und sahen sichnach den zwei schwarzen Männern um wie nach ungewohnten Erscheinungen, obwohl ihnen der Anblick von Juden nicht fremd war. Atemloslangten die Brüder zu Hause an, schon fing es an zu dämmern. Siehörten von weitem den Singsang der lernenden Kinder. Er kam ihnenentgegen, ein Mutterlaut, ein Vaterwort, ihre ganze Kindheit trug erihnen entgegen, alles bedeutete und enthielt er, was sie seit der Stundeder Geburt geschaut, vernommen, gerochen und gefühlt hatten: derSingsang der lernenden Kinder. Er enthielt den Geruch der heißen undwürzigen Speisen, den schwarzweißen Schimmer, der von Bart undAngesicht des Vaters ausging, den Widerhall der mütterlichen Seufzerund der Wimmertöne Menuchims, des betenden Geflüsters MendelSingers am Abend, Millionen unnennbarer regelmäßiger und besonderer Ereignisse. Beide Brüder nahmen also mit den gleichen Regungendie Melodie auf, die ihnen durch den Schnee entgegenwehte, währendsie sich dem väterlichen Hause näherten. In gleichem Rhythmus schlugen ihre Herzen. Die Tür flog vor ihnen auf, durchs Fenster hatte sieihre Mutter Deborah schon lange kommen sehen.

„Wir sind genommen!”, sagte Jonas ohne Gruß.

Auf einmal stürzte ein furchtbares Schweigen über die Stube, in dereben noch die Stimmen der Kinder geklungen hatten, ein Schweigenohne Grenzen, um vieles gewaltiger als der Raum, der seine Beute geworden war, und dennoch geboren aus dem kleinen Wort „genommen”, das Jonas eben ausgesprochen hatte. Mitten im halben Wort, dassie memoriert hatten, brachen die Kinder das Lernen ab. Mendel, derauf und ab durch die Stube gewandert war, blieb stehen, sah in die Luft,erhob die Arme und ließ sie wieder sinken. Die Mutter Deborah setztesich auf einen der zwei Schemel, die immer in der Nähe des Ofensstanden, als hätten sie schon seit langem auf die Gelegenheit gewartet,eine trauernde Mutter aufzunehmen. Mirjam, die Tochter, hatte sichrückwärts tastend in die Ecke geschoben, laut pochte ihr Herz, sieglaubte, alle müßten es hören. Die Kinder saßen festgenagelt auf ihrenPlätzen. Ihre Beine in wollenen, buntbereiften Strümpfen, die unaufhörlich während des Lernens gebaumelt hatten, hingen leblos unterdem Tisch. Draußen schneite es unaufhörlich, und das weiche Weißder Flocken strömte einen fahlen Schimmer durch das Fenster in dieStube und auf die Gesichter der Schweigenden. Ein paarmal hörte manverkohlte Holzreste im Ofen knistern und ein leises Knattern an denTürpfosten, wenn der Wind an ihnen rüttelte. Die Stöcke noch überden Schultern, die weißen Bündel noch an den Stöcken, standen dieBrüder an der Tür, Boten des Unglücks und seine Kinder. Plötzlichschrie Deborah: „Mendel, geh, lauf und frag die Leute um Rat!”

Mendel Singer faßte nach seinem Bart. Das Schweigen war verbannt,die Beine der Kinder fingen an, sachte zu baumeln, die Brüder legtenihre Bündel und ihre Stöcke ab und näherten sich dem Tisch.

„Was redest du für Dummheiten?”, sagte Mendel Singer. „Wohin sollich gehen? Und wen soll ich um Rat fragen? Wer hilft einem armenLehrer, und womit soll man mir helfen? Welche Hilfe erwartest duvon den Menschen, wo Gott uns gestraft hat?”

Deborah antwortete nicht. Eine Weile saß sie noch ganz still auf demSchemel. Dann erhob sie sich, stieß ihn mit dem Fuß wie einen Hund,daß er mit Gepolter hintorkelte, ergriff ihren braunen Schal, der wieein Hügel aus Wolle auf dem Fußboden gelegen hatte, umwickelteKopf und Hals, knüpfte die Fransen im Nacken zu einem starkenKnoten, mit einer wütenden Bewegung, als wollte sie sich erwürgen,wurde rot im Gesicht, stand da, zischend und wie gefüllt von siedendem Wasser, und spuckte plötzlich aus, weißen Speichel feuerte sie wieein giftiges Geschoß vor Mendel Singers Füße. Und als hätte sie damitallein ihre Verachtung nicht genügend bewiesen, schickte sie dem Speichel noch einen Schrei nach, der wie ein Pfui! klang, der aber nichtgenau verstanden werden konnte. Ehe sich die Verblüfften gefaßt hatten, schlug sie die Tür auf. Ein böser Windstoß schüttete weiße Flocken ins Zimmer, blies Mendel Singer ins Gesicht, griff den Kindern andie hängenden Beine. Dann knallte die Tür wieder zu. Deborah warfort.

Sie lief, ohne Ziel, durch die Gassen, immer in der Mitte, ein schwarzbrauner Koloss, raste sie durch den weißen Schnee, bis sie in ihm versank. Sie verwickelte sich in den Kleidern, stürzte, erhob sich mit erstaunlicher Hurtigkeit, lief weiter, noch wußte sie nicht, wohin, aberes war ihr, als liefen die Füße schon selbst zu einem Ziel, das ihr Kopfnoch nicht kannte. Die Dämmerung fiel schneller als die Flocken, dieersten gelben Lichter erglommen, die spärlichen Menschen, die ausden Häusern traten, um die Fensterläden zu schließen, drehten dieKöpfe nach Deborah und sahen ihr lange nach, obwohl sie froren.Deborah lief in die Richtung des Friedhofs. Als sie das hölzerne, kleineGitter erreichte, fiel sie noch einmal nieder. Sie raffte sich auf, die Türwollte nicht weichen, Schnee hatte sie festgeklemmt. Deborah ranntemit den Schultern gegen das Gitter. Jetzt war sie drinnen. Der Windheulte über die Gräber. Toter als sonst schienen heute die Toten. Ausder Dämmerung wuchs schnell die Nacht, schwarz, schwarz unddurchleuchtet vom Schnee. Vor einem der ersten Grabsteine in derersten Reihe ließ sich Deborah nieder. Mit klammen Fäusten befreitesie ihn vom Schnee, als wollte sie sich vergewissern, daß ihre Stimmeleichter zu dem Toten dringen würde, wenn die dämpfende Schichtzwischen ihrem Gebet und dem Ohr des Seligen fortgeräumt wäre.Und dann brach ein Schrei aus Deborah, der klang wie aus einemHorn, in dem ein menschliches Herz eingebaut ist. Diesen Schrei hörteman im ganzen Städtchen, aber man vergaß ihn sofort. Denn die Stille,die hinter ihm folgte, wurde nicht mehr gehört. Nur ein leises Wimmern stieß Deborah in kurzen Abständen hervor, ein leises, mütterliches Wimmern, das die Nacht verschlang, das der Schnee begrub unddas nur die Toten vernahmen.

IV

Nicht weit von den Kluczysker Verwandten Mendel Singers lebteKapturak, ein Mann ohne Alter, ohne Familie, ohne Freunde, flinkund vielbeschäftigt und mit den Behörden vertraut. Seine Hilfe zu erreichen, bemühte sich Deborah. Von den siebzig Rubeln, die Kapturakeinforderte, ehe er sich mit seinen Klienten in Verbindung setzte, besaß sie erst knapp fünfundzwanzig, geheim erspart in den langen Jahren der Mühsal, im haltbaren Lederbeutel aufbewahrt unter einemDielenbrett, das ihr allein vertraut war. Jeden Freitag hob sie es sachteauf, wenn sie den Fußboden scheuerte. Ihrer mütterlichen Hoffnungerschien die Differenz von fünf und vierzig Rubeln geringer als dieSumme, die sie bereits besaß. Denn zu dieser addierte sie die Jahre, indenen sich das Geld angehäuft hatte, die Entbehrungen, denen jederhalbe Rubel seine Dauer verdankte, und die vielen stillen und heißenFreuden des Nachzählens.

Vergeblich versuchte ihr Mendel Singer die Unzugänglichkeit Kapturaks zu schildern, sein hartes Herz und seinen hungrigen Beutel. „Waswillst du, Deborah”, sagte Mendel Singer, „die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft ihnen keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr Los müssen sie in Ergebenheit tragen.Dem einen gibt Er, dem andern nimmt Er. Ich weiß nicht, wofür Eruns straft, zuerst mit dem kranken Menuchim und jetzt mit den gesunden Kindern. Ach, dem Armen geht es schlecht, wenn er gesündigthat, und wenn er krank ist, geht es ihm schlecht. Man soll sein Schicksal tragen! Laß die Söhne einrücken, sie werden nicht verkommen!Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt. Von ihm donnert es und blitzt es, er wölbt sich über die ganze Erde, vor ihm kannman nicht davonlaufen — so steht es geschrieben.”

Deborah aber antwortete, die Hand in die Hüfte gestemmt über denBund rostiger Schlüssel: „Der Mensch muß sich zu helfen suchen, undGott wird ihm helfen. So steht es geschrieben, Mendel! Immer weißtdu die falschen Sätze auswendig. Viele tausend Sätze sind geschriebenworden, die überflüssigen merkst du dir alle! Du bist so töricht geworden, weil du Kinder unterrichtest! Du gibst ihnen dein bißchen Verstand, und sie lassen bei dir ihre ganze Dummheit. Ein Lehrer bist du,Mendel, ein Lehrer!”

Mendel Singer war nicht eitel auf seinen Verstand und auf seinen Beruf. Dennoch wurmten ihn die Reden Deborahs, ihre Vorwürfe zernagten langsam seine Gutmütigkeit, und in seinem Herzen züngelten bereits die weißen Stichflämmchen der Empörung. Er wandte sich ab, umdas Angesicht seiner Frau nicht länger anzusehen. Es war ihm, als kannteer es schon lange, weit länger als seit der Hochzeit, seit der Kindheitvielleicht. Lange Jahre war es ihm gleich erschienen wie am Tage seinerHeirat. Er hatte nicht gesehen, wie das Fleisch abbröckelte von denWangen wie schön getünchter Mörtel von einer Wand, wie die Hautsich um die Nase spannte, um desto lockerer unter dem Kinn zu zerflattern, wie die Lider sich runzelten zu Netzen über den Augen und wiederen Schwärze ermattete zu einem kühlen und nüchternen Braun,kühl, verständig und hoffnungslos. Eines Tages, er erinnerte sich nicht,wann es gewesen sein konnte (vielleicht war es auch an jenem Morgengeschehen, an dem er selbst geschlafen und nur eines seiner AugenDeborah vor dem Spiegel überrascht hatte), eines Tages also war dieErkenntnis über ihn gekommen. Es war wie eine zweite, eine wiederholte Ehe, diesmal mit der Häßlichkeit, mit der Bitterkeit, mit demfortschreitenden Alter seiner Frau. Näher empfand er sie zwar, beinaheihm einverleibt, untrennbar und auf ewig, aber unerträglich, quälendund ein bißchen auch gehaßt. Sie war aus einem Weib, mit dem man sichnur in der Finsternis verbindet, gleichsam eine Krankheit geworden, mitder man Tag und Nacht verbunden ist, die einem ganz angehört, dieman nicht mehr mit der Welt zu teilen braucht und an deren treuerFeindschaft man zugrunde geht. Gewiß, er war nur ein Lehrer! Auchsein Vater war ein Lehrer gewesen, sein Großvater auch. Er selbstkonnte eben nichts anderes sein. Man griff also sein Dasein an, wennman seinen Beruf tadelte, man versuchte, ihn auszulöschen aus der Listeder Welt. Dagegen wehrte sich Mendel Singer.

Eigentlich freute er sich, daß Deborah wegfuhr. Jetzt schon, währendsie die Vorbereitungen zur Abreise traf, war das Haus leer, Jonas undSchemarjah trieben sich in den Gassen herum, Mirjam saß bei denNachbarn oder ging spazieren. Zu Hause, um die Stunde des Mittags,bevor die Schüler wiederkamen, blieben nur Mendel und Menuchim.Mendel aß eine Graupensuppe, die er selbst gekocht hatte, und ließ inseinem irdenen Teller einen erheblichen Rest für Menuchim übrig. Erschob den Riegel vor, damit der Kleine nicht vor die Tür krieche, wie esseine Art war. Dann ging der Vater in die Ecke, hob das Kind hoch,setzte es auf seine Knie und begann, es zu füttern.

Er liebte diese stillen Stunden. Er blieb gern allein mit seinem Sohn. Ja,manchmal überlegte er, ob es nicht besser wäre, wenn sie überhauptzusammenblieben, ohne Mutter, ohne Geschwister. Nachdem Menuchim Löffel um Löffel die Graupensuppe verschluckt hatte, setzte ihnder Vater auf den Tisch, blieb hart vor ihm sitzen und vertiefte sich mitzärtlicher Neugier in das breite, blaßgelbe Angesicht mit den vielenRunzeln auf der Stirn, den vielfach gefältelten Augenlidern und demschlaffen Doppelkinn. Er bemühte sich zu erraten, was in diesem breiten Schädel vorgehen mochte, durch die Augen wie durch Fenster in dasGehirn hineinzusehen und durch ein bald leises, bald lautes Sprechendem stumpfen Knaben irgendein Zeichen zu entlocken. Er nanntezehnmal hintereinander Menuchims Namen, mit langsamen Lippenzeichnete er die Laute in die Luft, damit Menuchim sie erblickte, wenner sie schon nicht hören konnte. Aber Menuchim regte sich nicht.Dann ergriff Mendel seinen Löffel, schlug damit gegen ein Teeglas,und sofort wendete Menuchim den Kopf, und ein kleines Lichtleinflammte in seinen großen, grauen, hervorquellenden Augen auf. Mendel klingelte weiter, begann, ein Liedchen zu singen und mit dem Löffel an das Glas den Takt zu läuten, und Menuchim offenbarte einedeutliche Unruhe, wendete den großen Kopf mit einiger Mühe undbaumelte mit den Beinen. „Mama, Mama!”, rief er dazwischen. Mendelstand auf, holte das schwarze Buch der Bibel, hielt die erste Seite aufgeschlagen vor Menuchims Angesicht und intonierte in der Melodie, inder er seine Schüler zu unterrichten pflegte, den ersten Satz: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.” Er wartete einen Augenblick inder Hoffnung, daß Menuchim die Worte nachsprechen würde. AberMenuchim regte sich nicht. Nur in seinen Augen stand noch das lauschende Licht. Da legte Mendel das Buch weg, blickte seinen Sohntraurig an und fuhr in dem monotonen Singsang fort:

„Hör mich, Menuchim, ich bin allein! Deine Brüder sind groß undfremd geworden, sie gehen zu den Soldaten. Deine Mutter ist ein Weib,was kann ich von ihr verlangen? Du bist mein jüngster Sohn, meineletzte und jüngste Hoffnung habe ich in dich gepflanzt. Warumschweigst du, Menuchim? Du bist mein wirklicher Sohn! Sieh her, Menuchim, und wiederhole die Worte: Am Anfang schuf Gott Himmelund Erde.”

Mendel wartete noch einen Augenblick. Menuchim rührte sich nicht.Da klingelte Mendel wieder mit dem Löffel an das Glas. Menuchimdrehte sich um, und Mendel ergriff wie mit beiden Händen den Moment der Wachheit und sang wieder: „Hör mich, Menuchim! Ich binalt, du bleibst mir allein von allen Kindern, Menuchim! Hör zu undsprich mir nach: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.”

Aber Menuchim rührte sich nicht.

Da ließ Mendel mit einem schweren Seufzer Menuchim wieder auf denBoden. Er schob den Riegel zurück und trat vor die Tür, um seineSchüler zu erwarten. Menuchim kroch ihm nach und blieb auf derSchwelle hocken. Von der Turmuhr schlug es sieben Schläge, vier tiefeund drei helle. Da rief Menuchim: „Mama, Mama!” Und als Mendelsich zu ihm umwandte, sah er, daß der Kleine den Kopf in die Luftstreckte, als atmete er den nachhallenden Gesang der Glocken ein.Wofür bin ich so gestraft? dachte Mendel. Und er durchforschte seinGehirn nach irgendeiner Sünde und fand keine schwere.

Die Schüler kamen. Er kehrte mit ihnen ins Haus zurück, und während er auf und ab durch die Stube wanderte, den und jenen ermahnte,den auf die Finger schlug und jenem einen leichten Stoß in die Rippenversetzte, dachte er unaufhörlich: Wo ist die Sünde? Wo steckt dieSünde?

Deborah ging indessen zum Fuhrmann Sameschkin und fragte ihn, ober sie in der nächsten Zeit umsonst nach Kluczysk mitnehmen könnte.,,Ja”, sagte der Kutscher Sameschkin, er saß auf der blanken Ofenbank,ohne sich zu rühren, die Füße in graugelben Säcken, mit Stricken umwickelt, und er duftete nach selbstgebranntem Schnaps. Deborah rochden Branntwein wie einen Feind. Es war der gefährliche Geruch derBauern, der Vorbote unbegreiflicher Leidenschaften und der Begleiterder Pogromstimmungen. „Ja”, sagte Sameschkin, „wenn die Wege besser wären!” „Du hast mich einmal auch schon im Herbst mitgenommen, als die Wege noch schlechter waren.” „Ich erinnere mich nicht”,sagte Sameschkin, „du irrst dich, es wird ein trockener Sommertag gewesen sein.” „Keineswegs”, erwiderte Deborah, „es war Herbst, undes regnete, und ich fuhr zum Rabbi.” „Siehst du”, sagte Sameschkin,und seine beiden Füße in den Säcken begannen sachte zu baumeln,denn die Ofenbank war ziemlich hoch und Sameschkin ziemlich kleinvon Wuchs, „siehst du”, sagte er, „damals fuhrst du zum Rabbi, es warvor euren hohen Feiertagen, und da nahm ich dich eben mit. Heuteaber fährst du nicht zum Rabbi!” „Ich fahre in einer wichtigen Angelegenheit”, sagte Deborah, „Jonas und Schemarjah sollen niemals Soldaten werden!” „Auch ich war Soldat”, meinte Sameschkin, „siebenJahre, davon saß ich zwei im Zuchthaus, denn ich hatte gestohlen. EineKleinigkeit übrigens!” Er brachte Deborah zur Verzweiflung. SeineErzählungen bewiesen ihr nur, wie fremd er ihr war, ihr und ihrenSöhnen, die nicht stehlen und auch nicht im Zuchthaus sitzen sollten.Also entschloß sie sich, schnell zu handeln: „Wieviel soll ich dir zahlen?” „Gar nichts! — Ich verlange kein Geld, ich will auch nicht fahren!Der Schimmel ist alt, der Braune hat gleich auf einmal zwei Hufeisenverloren. Übrigens frißt er den ganzen Tag Hafer, wenn er einmal nurzwei Werst gelaufen ist. Ich kann ihn nicht mehr halten, ich will ihnverkaufen. Es ist überhaupt kein Leben, Fuhrmann sein!” „Jonas wirdden Braunen selbst zum Schmied führen”, sagte beharrlich Deborah,,,er wird selbst die Hufeisen bezahlen.” „Vielleicht!” erwiderte Sameschkin. „Wenn Jonas das selbst machen will, dann muß er aber auchein Rad beschlagen lassen.” „Auch das!” versprach Deborah. „Wirfahren also nächste Woche!”

Also reiste sie nach Kluczysk zu dem unheimlichen Kapturak. Viellieber wäre sie eigentlich beim Rabbi eingetreten, denn gewiß war einWort aus seinem heiligen, dünnen Mund mehr wert als eine ProtektionKapturaks. Aber der Rabbi empfing nicht zwischen Ostern und Pfingsten, es sei denn in dringenden Fällen, in denen es sich um Leben undTod handelte. Sie traf Kapturak in der Schenke, wo er, umringt vonBauern und Juden, in der Ecke am Fenster saß und schrieb. Seine offene Mütze, mit dem aufwärtsgekehrten Unterfutter, lag auf demTisch, neben den Papieren, wie eine ausgestreckte Hand, und viele Silbermünzen ruhten bereits in der Mütze und zogen die Augen allerUmstehenden an. Kapturak kontrollierte sie von Zeit zu Zeit, obwohler wußte, daß niemand wagen würde, ihm auch nur eine Kopeke zuentwenden. Er schrieb Gesuche, Liebesbriefe und Postanweisungenfür jeden Analphabeten — (außerdem konnte er Zähne ziehen undHaare schneiden).

„Ich habe mit dir eine wichtige Sache zu besprechen”, sagte Deborahüber die Köpfe der Umstehenden hinweg. Kapturak schob mit einemRuck alle Papiere von sich, die Menschen zerstreuten sich, er langtenach der Mütze, schüttete das Geld in die hohle Hand und knüpfte esin ein Taschentuch. Dann lud er Deborah ein, sich zu setzen.

Sie sah in seine harten, kleinen Augen wie in starre, helle Knöpfchenaus Horn. „Meine Söhne müssen einrücken!” sagte sie. „Du bist einearme Frau”, sagte Kapturak mit einer fernen, singenden Stimme, alsläse er aus den Karten. „Du hast kein Geld sparen können, und keinMensch kann dir helfen.” „Doch, ich habe gespart.” „Wieviel?” „Vierundzwanzig Rubel und siebzig Kopeken. Davon habe ich schon einenRubel ausgegeben, um dich zu sehn.” „Das macht also nur dreiundzwanzig Rubel!” „Dreiundzwanzig Rubel und siebzig Kopeken!” verbesserte Deborah. Kapturak hob die rechte Hand, spreizte Mittel-- undZeigefinger und fragte: „Und zwei Söhne?” „Zwei”, flüsterte Deborah. „Fünfundzwanzig kostet schon ein einziger!” „Für mich?” „Auch für dich!”

Sie handelten eine halbe Stunde. Dann erklärte sich Kapturak mit dreiundzwanzig für einen zufrieden. Wenigstens einer! dachte Deborah.Aber unterwegs, während sie auf der Fuhre Sameschkins saß und dieRäder durch ihre Eingeweide und ihren armen Kopf holperten, erschien ihr die Lage noch elender als zuvor. Wie konnte sie ihre Söhnevoneinander unterscheiden? Jonas oder Schemarjah? fragte sie sich unermüdlich. Besser einer als beide, sagte ihr Verstand, wehklagte ihrHerz.

Als sie nach Hause kam und ihren Söhnen das Urteil Kapturaks zuberichten anfing, unterbrach sie Jonas, der ältere, mit den Worten:,,Ich gehe gern zu den Soldaten!”

Deborah, die Tochter Mirjam, Schemarjah und Mendel Singer warteten wie Hölzer. Endlich, da Jonas nichts weiter sprach, sagte Schemarjah: „Du bist ein Bruder! Ein guter Bruder bist du!” „Nein”, erwiderteJonas, „ich will zu den Soldaten!”

„Vielleicht kommst du ein halbes Jahr später frei!”, tröstete der Vater.,,Nein”, sagte Jonas, „ich will gar nicht freikommen! Ich bleibe bei denSoldaten!”

Alle murmelten das Nachtgebet. Schweigsam entkleideten sie sich.Dann ging Mirjam im Hemd und auf koketten Zehen zur Lampe undpustete sie aus. Sie legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen war Jonas verschwunden. Sie suchten nach ihm,den ganzen Vormittag. Erst am späten Abend erblickte ihn Mirjam. Erritt einen Schimmel, trug eine braune Joppe und eine Soldatenmütze.,,Bist du schon Soldat?”, rief Mirjam.

„Noch nicht”, sagte Jonas und hielt den Schimmel an. „Grüß Vaterund Mutter. Ich bin bei Sameschkin, vorläufig, bis ich einrücke. Sag,ich konnte es nicht bei euch aushalten, aber ich hab’ euch alle ganzgern!”

Er ließ daraufhin eine Weidengerte pfeifen, zog an den Zügeln und rittweiter.

Von nun an war er Pferdeknecht beim Fuhrmann Sameschkin. Erstriegelte den Schimmel und den Braunen, schlief bei ihnen im Stall,sog mit offenen, genießenden Nasenlöchern ihren beizenden Urinduftein und den sauren Schweiß. Er besorgte den Hafer und den Tränkeimer, flickte die Koppeln, beschnitt die Schwänze, hängte neue Glöckchen an das Joch, füllte die Tröge, wechselte das faule Heu in den zweiFuhren gegen trockenes aus, trank Samogonka mit Sameschkin, warbetrunken und befruchtete die Mägde.

Man beweinte ihn zu Hause als einen Verlorenen, aber man vergaß ihnnicht. Der Sommer brach an, heiß und trocken. Die Abende sankenspät und golden über das Land. Vor der Hütte Sameschkins saß Jonasund spielte Ziehharmonika. Er war sehr betrunken, und er erkannteseinen eigenen Vater nicht, der manchmal zögernd vorbeischlich, einSchatten, der sich vor sich selbst fürchtete, ein Vater, der nicht aufhörte zu staunen, daß dieser Sohn seinen eigenen Lenden entsprossenwar.

V

Am zwanzigsten August erschien bei Mendel Singer ein Bote Kapturaks, um Schemarjah abzuholen. Alle hatten den Boten in diesen Tagenerwartet. Als er aber leibhaftig vor ihnen stand, waren sie überraschtund erschrocken. Es war ein gewöhnlicher Mann von gewöhnlichemWuchs und gewöhnlichem Aussehen, mit einer blauen Soldatenmützeauf dem Kopf und einer dünnen, gedrehten Zigarette im Mund. Alsman ihn einlud, sich zu setzen und einen Tee zu trinken, lehnte er ab.,,Ich will lieber vor dem Haus warten”, sagte er in einer Art, an derman erkennen mußte, daß er gewohnt war, draußen zu warten, vorden Häusern. Aber gerade dieser Entschluß des Mannes versetzte dieFamilie Mendel Singers in noch hitzigere Aufregung. Immer wiedersahen sie den blau bemützten Mann wie einen Wachtposten vor demFenster erscheinen, und immer heftiger wurden ihre Bewegungen. Siepackten Schemarjahs Sachen ein, einen Anzug, Gebetriemen, Reiseproviant, ein Brotmesser. Mirjam holte die Gegenstände herbei, immermehr schleppte sie heran. Menuchim, der bereits mit dem Kopf biszum Tisch reichte, reckte neugierig und stupide das Kinn und lallteunaufhörlich das eine Wort, das er konnte: „Mama”. Mendel Singerstand am Fenster und trommelte gegen die Scheibe. Deborah weintelautlos, eine Träne nach der anderen schickten ihre Augen zu dem verzogenen Mund. Als Schemarjahs Bündel fertig war, erschien es allenviel zu kümmerlich, und sie suchten mit hilflosen Augen das Zimmerab, um noch irgendeinen Gegenstand zu entdecken. Bis zu diesem Augenblick hatten sie nichts miteinander gesprochen. Jetzt, da das weißeBündel neben dem Stock auf dem Tisch lag, wandte sich Mendel Singervom Fenster ab und der Stube zu und sagte zu seinem Sohn: „Du wirstuns sofort und so schnell, wie es dir möglich ist, Nachricht zukommenlassen, vergiß es nicht!” Deborah schluchzte laut auf, breitete die Armeaus und umfing ihren Sohn. Lange umklammerten sie sich. Dann löstesich Schemarjah gewaltsam los, schritt auf seine Schwester zu undküßte sie mit knallenden Lippen auf beide Wangen. Sein Vater breitetedie Hände segnend über ihn und murmelte hastig etwas Unverständliches. Furchtsam näherte sich darauf Schemarjah dem glotzenden Menuchim. Zum ersten Mal galt es, das kranke Kind zu umarmen, und eswar Schemarjah, als hätte er nicht einen Bruder zu küssen, sondern einSymbol, das keine Antwort gibt. Jeder hätte gerne noch etwas gesagt.Aber keiner fand ein Wort. Sie wußten, daß es ein Abschied für immerwar. Im besten Fall geriet Schemarjah heil und gesund ins Ausland. Imschlimmsten Fall wurde er an der Grenze gefangen, dann hingerichtetoder von den Grenzposten an Ort und Stelle erschossen. Was soll maneinander sagen, wenn man Abschied fürs Leben nimmt?

Schemarjah schulterte das Bündel und stieß die Tür mit dem Fuß auf.Er sah sich nicht mehr um. Er versuchte, in dem Augenblick, in dem erüber die Schwelle trat, das Haus und alle seine Angehörigen zu vergessen. Hinter seinem Rücken ertönte noch einmal ein lauter Schrei Deborahs. Die Tür schloß sich wieder. Mit dem Gefühl, daß seine Mutterohnmächtig hingestürzt sei, näherte sich Schemarjah seinem Begleiter.,,Gleich hinter dem Marktplatz”, sagte der Mann mit der blauenMütze, „erwarten uns die Pferde.” Als sie an Sameschkins Hütte vorbeikamen, blieb Schemarjah stehen. Er warf einen Blick in den kleinenGarten, dann in den offenen, leeren Stall. Sein Bruder Jonas war nichtda. Einen wehmütigen Gedanken hinterließ er dem verlorenen Bruder,der sich freiwillig geopfert hatte, wie Schemarjah immer noch glaubte.Er ist ein Grobian, aber edel und tapfer, dachte er. Dann ging er mitgleichmäßigen Schritten an der Seite des Fremden weiter.

Gleich hinter dem Marktplatz trafen sie die Pferde, wie der Mann gesagt hatte. Nicht weniger als drei Tage brauchten sie, bis sie zurGrenze kamen, denn sie mieden die Eisenbahn. Es erwies sich unterwegs, daß der Begleiter Schemarjahs genau Bescheid im Lande wußte.Er gab es zu erkennen, ohne daß ihn Schemarjah gefragt hätte. Auf diefernen Kirchtürme deutete er und nannte die Dörfer, zu denen sie gehörten. Er nannte die Gehöfte und die Güter und die Namen derGutsbesitzer. Er zweigte oft von der breiten Straße ab und fand sichauf schmalen Wegen in kürzerer Zeit zurecht. Es war, als wollte erSchemarjah noch schnell mit der Heimat vertraut machen, ehe derjunge Mann auszog, eine neue zu suchen. Er säte das Heimweh fürsganze Leben in das Herz Schemarjahs.

Eine Stunde vor Mitternacht kamen sie zur Grenzschenke. Es war einestille Nacht. Die Schenke stand in ihr als einziges Haus, ein Haus inder Stille der Nacht, stumm, finster, mit abgedichteten Fenstern, hinterdenen kein Leben zu ahnen war. Millionen Grillen umzirpten es unaufhörlich, der wispernde Chor der Nacht. Sonst störte sie keineStimme. Flach war das Land, der gestirnte Horizont zog einen vollendet runden, tiefblauen Kreis darum, der nur im Nordosten durch einenhellen Streifen unterbrochen war, wie ein blauer Ring von einem Stückeingefaßten Silber. Man roch die ferne Feuchtigkeit der Sümpfe, diesich im Westen ausbreiteten, und den langsamen Wind, der sie herübertrug. „Eine schöne, echte Sommernacht!” sagte der Bote Kapturaks. Und zum ersten Mal, seitdem sie zusammen waren, ließ er sichherbei, von seinem Geschäft zu sprechen: „Man kann in so stillenNächten nicht immer ohne Schwierigkeiten hinüber. Für unsere Unternehmungen ist Regen nützlicher.” Er warf eine kleine Angst inSchemarjah. Da die Schenke, vor der sie standen, stumm und geschlossen war, hatte Schemarjah nicht an ihre Bedeutung gedacht, bis ihn dieWorte des Begleiters an sein Vorhaben erinnerten. „Gehen wir hinein!” sagte er wie einer, der die Gefahr nicht länger aufschieben will.,,Brauchst dich nicht zu eilen, wir werden lange genug warten müssen!”

Er trat dennoch ans Fenster und klopfte leise an den hölzernen Laden.Die Tür öffnete sich und entließ einen breiten Strom gelben Lichtsüber die nächtliche Erde. Sie traten ein. Hinter der Theke, genau imLichtkegel einer Hängelampe, stand der Wirt und nickte ihnen zu, aufdem Fußboden hockten ein paar Männer und würfelten. An einemTisch saß Kapturak mit einem Mann in Wachtmeisteruniform. Niemand sah auf. Man hörte das Klappern der Würfel und das Ticken derWanduhr. Schemarjah setzte sich. Sein Begleiter bestellte zu trinken.Schemarjah trank einen Schnaps, er wurde heiß, aber ruhig. Sicherheitfühlte er wie noch nie; er wußte, daß er eine der seltenen Stundenerlebte, in denen der Mensch an seinem Schicksal nicht weniger zuformen hat als die große Gewalt, die es ihm beschert.

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