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Objętość:
204 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, druk czarno-biały
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0819-5

Erster Teil

I

Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der Paul Bernheim versprach,ein Genie zu werden.

Er war der Enkel eines Pferdehändlers, der ein kleines Vermögen erspart hatte, und der Sohn eines Bankiers, der nicht mehr zu sparenverstand, aber vom Glück begünstigt wurde. Pauls Vater, Herr FelixBernheim, trug ein sorgloses und hochmütiges Angesicht durch dieWelt und hatte viele Feinde, obgleich ihn ein normaler Grad von Torheit befähigt hätte, von seinen Mitbürgern geschätzt zu werden. Seinungewöhnliches Glück erweckte ihren Neid. Als hätte es das Schicksaldarauf abgesehen, sie vollends zur Verzweiflung zu bringen, beschertees ihm eines Tages einen Haupttreffer.

Einen Haupttreffer pflegen die meisten geheimzuhalten wie einenSchandfleck in der Familie. Herr Bernheim aber, als hätte er Angst,man würde sein Glück nicht mit der nötigen Gehässigkeit zur Kenntnis nehmen, verdoppelte seine demonstrative Geringschätzung für dieMitwelt, verringerte die ohnehin kleine Zahl der Grüße, die er täglichauszuteilen pflegte, begann, jenen, die ihn grüßten, mit verletzenderund gleichgültiger Zerstreutheit zu erwidern. Nicht genug an all dem,ging er, der bis jetzt nur die Menschen herausgefordert hatte, auchdaran, die Natur herauszufordern. Er bewohnte das geräumige Hausseines Vaters, nicht weit von der Stadt, an der großen Landstraße, diezum Tannenwald führte. Mitten in einem alten Garten lag das Haus,zwischen Obstbäumen, Eichen und Linden, gelb gestrichen, mit einemsteilen, roten Dach und von einer mannshohen, grauen Mauer umgeben. Die Bäume, die am Rande des Gartens standen, überragten dieMauer, und ihre Kronen überwölbten die Landstraße bis zur Mitte.Seit alten Zeiten lehnten an der Mauer zwei breite, grüne Bänke, aufdenen die Müden rasten konnten. Schwalben nisteten im Hause, indem Laub der Bäume zwitscherte es an Sommerabenden — und dielange Mauer, die Bäume und die Bänke waren im heißen Staub dersommerlichen Straße ein guter und kühler Trost und versprachen anbitteren Wintertagen zumindest eine menschliche Nähe.

Eines Tages im Sommer verschwanden die grünen Bänke. Entlang derMauer und höher als diese erhob sich ein nacktes Holzgerüst. Im Garten wurden die alten Bäume umgelegt. Man hörte, wie sie splittertenund krachten und wie ihre Kronen zum letztenmal rauschten, indemsie zum erstenmal die Erde berührten. Die Mauer fiel. Und durch dieLöcher und Sparren des hölzernen Gerüsts sahen die Leute den kahlgewordenen Garten der Bernheims, das gelbe Haus, der brütendenLeere preisgegeben, und ein Unmut erfaßte sie, als wären es ihr Hausund ihre Mauer und ihre Bäume gewesen.

Einige Monate später stand an der Stelle des alten, gelben, giebeligenHauses ein neues, weißes, strahlendes, mit einem steinernen Balkon,den ein Atlas aus Kalk auf seinen Schultern trug, mit einem flachenDach, das an den Süden erinnern sollte, mit modischem Verputz zwischen den Fenstern, Engelsköpfchen und Teufelsfratzen abwechselndunter dem First und einer geradezu pompösen Rampe, die würdig gewesen wäre, zu einem Oberlandesgericht, einem Parlament, einerHochschule hinanzuführen. Statt der steinernen Mauer erhob ein dichtes Gitter aus weißlich-grauem Eisendraht scharf geschliffene Zinkengegen den Himmel, die Vögel und die Diebe. Langweilige runde undherzförmige Beete sah man im Garten, künstliche Rasen von einemdichten, kurzen, beinahe blauen Gras und dünne, hinfällige Rosenstöckchen, gestützt von hölzernen Latten. In der Mitte der Beete standen Zwerge aus gemaltem Ton, mit rötlichen Kapuzen, fächelnden Gesichtern, weißen Bärten, Spaten, Schaufeln, Hämmern, Gießkannen inden winzigen Händchen, ein ganzes Sagenvolk aus der Fabrik Grützerund Compagnie. Kunstvoll verschlungene Pfade ringelten sich wieSchlangen zwischen den Beeten, kiesbestreut und schon beim Anblickknisternd. Keine Bank weit und breit. Und obwohl man ohnehin draußen stand, wurde man in den Beinen müde vom Anblick dieser rastlosen Pracht, als wäre man stundenlang in ihr herumgewandert. Umsonst lächelten die Zwerge. Die dünnen Rosenstöckchen zitterten, dieStiefmütterchen sahen aus wie gemaltes Porzellan. Und selbst wennder lange Schlauch des Gärtners zartes Wasser zerstäubte, verspürteman keine Kühlung, sondern wurde eher an die feinen und schwülenFlüssigkeiten erinnert, die der Billetteur im Kino über die entblößtenKöpfe der Zuschauer rieseln läßt. Über dem Balkon ließ Herr Bernheim in goldenen, zackigen und schwer leserlichen Buchstaben dieWorte „Sans souci” anbringen.

An manchen Nachmittagen sah man Herrn Bernheim zwischen denBeeten herumgehen und gemeinsam mit dem Gärtner die Natur vergewaltigen. Dann hörte man das zischende Schnappen der Gartenschereund das Krachen der kleinen Hecken, die frisch gepflanzt und kaum,daß sie zu wachsen begannen, schon ihr Dienstreglement kennenlernten. Niemals standen die Fenster des Hauses offen. Meist waren sieverhängt. An manchen Abenden sah man durch die gelben, dichtenVorhänge wandelnde und sitzende Schatten von Menschen, die Umrisse und die Lichtknoten eines Kronleuchters, und man ahnte, daß imHause Bernheim ein Fest gefeiert wurde.

Die Feste der Bernheims verliefen in einer gewissen kühlen Würde.Der Wein, den man in ihrem Hause trank, verfehlte seine Wirkung,obwohl er von ausgewählter Herkunft war. Man trank ihn und wurdenüchtern. Herr Bernheim lud mit Vorliebe Gutsbesitzer aus der Umgebung ein, einige Herren vom Militär, immer Leute mit einem feudalen Einschlag und sehr gewählte Mitglieder der Industrie und der Finanz. Der Respekt vor seinen Gästen und die Angst, Haltung zu verlieren, hinderten ihn, fröhlich zu sein. Seine Gäste fühlten die Befangenheit ihres Wirtes und blieben den ganzen Abend, was sie beim Eintritt gewesen waren, nämlich korrekt. Frau Bernheim verstand Situationswitze nicht und fand Anekdoten nicht witzig. Sie war übrigensjüdischer Herkunft — und da die meisten Anekdoten, die unter ihrenGasten kursierten, mit den Worten begannen: „Ein Jude saß einmal inder Eisenbahn ...”, fühlte sich Frau Bernheim auch verletzt, und siegeriet, sobald jemand Anstalten machte, eine kleine Geschichte zu erzählten, in ein trübes und verwirrtes Schweigen — aus Furcht, eskönnte die Rede auf einen Juden kommen. Von seinen Geschäften mitden Gästen zu sprechen hielt Herr Bernheim für unpassend. Sie wiederhielten es für überflüssig, ihm von der Landwirtschaft, dem Militär,den Pferden zu berichten. Manchmal spielte Bertha, die einzige Tochter des Hauses und eine gute Partie, Chopin auf dem Klavier, mit derüblichen Virtuosität eines besser erzogenen Fräuleins. Manchmaltanzte man im Hause Bernheim. Eine Stunde nach Mitternacht gingendie Gäste nach Hause. Hinter den Fenstern die Lichter erloschen. Alles schlief. Nur der Wächter, der Hund und die Zwerge im Gartenblieben wach.

Paul Bernheim ging, wie es in Häusern mit guten Kinderstuben üblichwar, um neun Uhr abends schlafen. Mit seinem jüngeren Bruder Theodor teilte er das Zimmer. Paul blieb länger wach, er schlief erst ein, alses im ganzen Hause still geworden war. Er war ein empfindsamerJunge. Man nannte ihn „ein nervöses Kind” und schloß aus seiner Sensibilität auf seine besondere Begabung.

Diese zu zeigen, bemühte er sich in jungen Jahren. Als der Haupttreffer zu den Bernheims kam, war Paul, der Zwölfjährige, mit dem Verstand eines Achtzehnjährigen ausgestattet. Die rapide Verwandlungdes gutbürgerlichen Hauses in ein reiches mit feudalen Aspirationenerhöhte seinen natürlichen Ehrgeiz. Er wußte, daß Reichtum und gesellschaftliche Geltung des Vaters den Sohn zu einer mächtigen „Position” führen können. Er ahmte den Hochmut seines Vaters nach. Erforderte Kollegen und Lehrer heraus. Er hatte weiche Hüften, langsame Bewegungen, einen vollen, roten, halboffenen Mund und weiße,kleine Zähne, eine grünlich schimmernde Haut, helle und leere Augen,beschattet von langen, tiefschwarzen Wimpern und lange, aufreizende,sanfte Haare. Lässig, zerstreut, lächelnd saß er in der Bank. Seine Haltung verriet den ständig wachen Gedanken: Mein Vater kann die ganzeSchule kaufen. Ohnmächtig und klein standen die andern da, derÜbermacht der Schule ausgeliefert. Er allein setzte ihr die Macht seinesVaters entgegen, seines Zimmers, seines angelsächsischen Frühstücks,des Ham-and-Eggs mit ausgelöffelten Orangen, seines Hauslehrers,dessen Nachhilfestunden er jeden Nachmittag zugleich mit Schokolade und Keks einnahm, seines Weinkellers, seines Wagens, seinesGartens und seiner Zwerge. Er roch nach Milch, Wärme, Seife, Bädern, Zimmergymnastik, Hausarzt und Dienstmädchen. Es schien,daß die Schule und ihre Aufgaben nur einen unwichtigen Teil seinesTages einnahmen. Mit einem Fuß stand er schon in der Welt. Das Echoihrer Stimmen im Ohr, saß er wie ein Gast in der Klasse. Er war keinganzer Kamerad. Manchmal holte ihn sein Vater ab. Im Wagen undeine Stunde vor Schulschluß. Am nächsten Tag brachte Paul ein Zeugnis vom Hausarzt.

Dennoch sah es manchmal so aus, als sehnte er sich nach einemFreund. Aber er fand keinen Weg. Immer stand sein Reichtum zwischen ihm und den andern. „Komm heut nachmittag zu mir, wennmein Hauslehrer da ist — und er macht uns beiden die Arbeit”, konnteer manchmal sagen. Aber nur selten kam einer. Er hatte „mein Hauslehrer” betont.

Er lernte leicht und erriet vieles. Er las fleißig. Sein Vater hatte ihmeine Bibliothek eingerichtet. Er sagte manchmal, wenn es überflüssigwar: „Die Bibliothek meines Sohnes!” oder zum Dienstmädchen:,,Anna, gehen Sie in die Bibliothek meines Sohnes!” — obwohl es imHaus keine andere gab. Eines Tages versuchte Paul, seinen Vater nacheiner Photographie zu zeichnen. „Mein Sohn hat ein frappierendes Talent”, sagte der alte Bernheim — und er kaufte Skizzierbücher, Farbenstifte, Leinewände, Pinsel und Öl, nahm einen Zeichenlehrer auf und begann, einen Teil des Dachbodens in ein Atelier umzubauen.

Zweimal in der Woche, am Vorabend, von fünf bis sieben, übte Paulmit seiner Schwester auf dem Klavier. Man hörte sie vierhändig spielen— immer wieder Tschaikowsky —, wenn man am Haus vorbeiging.Manchmal sagte ihm einer am nächsten Tag: „Ich habe dich gesternvierhändig spielen gehört!” „Ja, mit meiner Schwester! Sie spielt nochviel besser als ich.” Und alle ärgerten sich über das kleine Wörtchen,,noch”.

Die Eltern nahmen ihn in Konzerte mit. Er summte dann Melodien,nannte Werke, Komponisten, Konzertsäle und die Dirigenten, die ernachzuahmen liebte. In den Sommerferien fuhr er in die weite Welt damit er „nichts verlerne”, mit einem Hofmeister. Er fuhr in Berge,über Meere, an wildfremde Küsten, kam schweigsam und stolz zurückund begnügte sich mit hochmütigen Andeutungen, als setzte er dieKenntnis der Welt bei allen anderen voraus. Er hatte Erfahrungen. Alles, was er las und hörte, hatte er schon gesehen. Nützliche Assoziationen schuf sein flinkes Gehirn. Aus „seiner Bibliothek” bezog er überflüssige Details, mit denen er blendete. Sein Zettel mit „Privatlektüre”war der ausführlichste. Seine Lässigkeit wurde ihm „nachgesehen”. Siewarf keinen Schatten auf sein „sittliches Betragen”. Es wurde angenommen, daß ein Haus wie das Bernheimsche eine genügende Gewährfür gute Sitte böte. Widerspenstige Lehrer zähmte der Vater Paulsdurch Einladungen zu einem „bescheidenen Abendessen”. Eingeschüchtert durch den Anblick des Parketts, der Bilder, des Dienstpersonals und der hübschen Tochter kehrten sie zurück in ihre kargenBehausungen.

Die Mädchen konnten Paul Bernheim keineswegs einschüchtern. Erwurde mit der Zeit ein flotter Tänzer, ein angenehmer Plauderer, einwohldressierter Sportsmann. Im Laufe der Monate und Jahre wechselten seine Neigungen und seine Talente. Ein halbes Jahr galt seine Leidenschaft der Musik, einen Monat dem Fechten, ein Jahr dem Zeichnen, ein Jahr der Literatur und schließlich der jungen Frau eines Bezirksrichters, deren Bedarf an Jünglingen in dieser nur mittelgroßenStadt kaum gedeckt werden konnte. In der Liebe zu ihr vereinigte eralle seine Talente und Leidenschaften. Für sie malte er Landschaftenund weiße Kühe, für sie focht er, komponierte er, dichtete er Liederüber die Natur. Schließlich wandte sie sich einem Fähnrich zu, undPaul versenkte sich, um „sie zu vergessen”, in die Kunstgeschichte. Ihrbeschloß er nun sein Leben zu widmen. Er konnte bald keinen Menschen sehn, keine Straße, kein Stückchen Feld, ohne einen berühmtenMaler und ein bekanntes Bild zu zitieren. In der Unfähigkeit, etwasunmittelbar aufzunehmen und einfach zu bezeichnen, übertraf erschon in jungen Jahren alle Kunsthistoriker von Rang.

Aber auch diese Leidenschaft erlosch. Sie machte einem gesellschaftlichen Ehrgeiz Platz. Sie hatte vielleicht nur zu diesem übergeleitet. Siewar die Hilfswissenschaft einer gesellschaftlichen Karriere. Einen gewissen selig naiven, charmanten und fragenden Augenaufschlagmochte Paul Bernheim ganz bestimmten Heiligenbildern abgeschauthaben. Es war ein Blick, der halb den Menschen traf und ein wenig denHimmel streifte. Die Augen Pauls schienen das Licht des Himmelsdurch ihre langen Wimpern zu filtrieren.

Mit derlei Reizen ausgestattet, mit einem an der Kunst und ihrenKommentaren geschulten Geschmack stürzte er sich in das geselligeLeben der Stadt, das in der Hauptsache aus den Bemühungen der Mütter bestand, ihre heranwachsenden Töchter zu verheiraten. In allenHäusern, in denen Mädchen lebten, war Paul gerne gesehen. Er konntejeden Ton anstimmen, der gerade verlangt wurde. Er glich einem Musikanten, der alle Instrumente des Orchesters beherrscht und der esversteht, mit Anmut falsch zu spielen. Eine Stunde lang konnte er gescheite (erdachte und erlesene) Dinge sagen. Eine Stunde später zeigteer einen warmen, lächelnden Plaudereifer, trug er zum zehntenmaleine platte Anekdote vor, stattete sie immer wieder mit einem neuenZug aus, liebkoste er mit der Zunge einen banalen Aphorismus, hieltihn noch eine Weile zwischen den Zähnen, schmeckte ihn mit den Lippen nach, brachte er mit leichtem Gewissen Witze vor, die andern gelungen waren, machte er sich schamlos lustig über abwesende Altersgenossen. Und die Mädchen kicherten, ein nacktes Kichern, sie entblößten nur ihre Zähne, aber es war, als enthüllten sie ihre jungen Brüste, sie schlugen nur die Hände zusammen, aber es war, als spreiztensie die Beine, sie zeigten ihm Bücher, Bilder und Notenhefte, aber eswar, als schlügen sie ihre Betten auf, sie richteten sich das Haar, aber eswar, als lösten sie es. Um jene Zeit fing Paul an, ins Bordell zu gehn,zweimal in der Woche, mit der Regelmäßigkeit eines alternden Beamten, um dann von der Köstlichkeit erfundener Mädchenkörper zu erzählen, die er natürlich mit berühmten Bildern verglich. Er berichteteGeheimnisse von der und jener Haustochter und beschrieb Brüste, dieer gesehen und gefühlt haben wollte.

Immer noch malte, zeichnete, komponierte und dichtete er. Als seineSchwester sich verlobte — mit einem Rittmeister übrigens, — machte erein längeres Gelegenheitsgedicht, vertonte, spielte und sang es. Später— weil sein Schwager Interesse für Maschinen hatte — begann auch Paul,sich für die Technik zu interessieren und den Motor seines Autos — eswar eines der ersten in der Stadt — eigenhändig zu zerteilen. Schließlichnahm er Reitstunden, um seinen Schwager in der Reitallee im Tannenwäldchen zu begleiten. Die Bürger der Stadt fingen an, nachsichtigerdem alten Herrn Bernheim gegenüber zu werden, weil es ihm gelungenwar, der Heimat ein Genie zu schenken. Manch einer von den FeindenBernheims, der sich lange Zeit verletzt gefühlt hatte, begann, weil inseiner Familie indessen eine heiratsfähige Tochter heranwuchs, FelixBernheim wieder untertänig zu grüßen.

Um jene Zeit verbreitete sich das Gerücht, daß Herrn Bernheim einegroße Auszeichnung bevorstehe. Einige sprachen von einer Erhebungin den Adelsstand. Es war lehrreich, zu beobachten, wie diese Aussichtauf den Adel Bernheims die Gehässigkeit seiner Gegner beruhigte. Derzukünftige Adel Bernheims erschien als eine ausreichende Erklärungfür den Hochmut des Bürgerlichen. Man kannte nunmehr die wissenschaftliche Grundlage seines Stolzes und fand ihn also berechtigt.Denn nach der Meinung der Stadt war die Arroganz die Zierde desAdligen, des Geadelten und sogar noch desjenigen, der bald geadeltwerden sollte.

Es ist unbekannt, welche wirklichen Grundlagen jenes Gerücht hatte.Vielleicht wäre Herr Bernheim nur ein Geheimer Kommerzienrat geworden. Aber da ereignete sich etwas Unerwartetes, Unwahrscheinliches. Eine Geschichte, die so banal ist, daß man sich schämen würde,sie zum Beispiel in einem Roman zu erzählen.

Eines Tages kam ein Wanderzirkus in die Stadt. Während der zehntenoder elften Vorstellung geschah ein Unfall: Eine junge Akrobatin fielvom Trapez, gerade in die Loge, in der Herr Felix Bernheim saß allein (denn seine Familie hielt Zirkusvorstellungen für vulgäre Spektakel). Man erzählte später, Herr Bernheim hätte die Künstlerin „geistesgegenwärtig” in den Armen aufgefangen. Aber das ist nicht genau festzustellen — ebensowenig, wie jenes Gerücht noch zu kontrollieren ist,das wissen will, er hätte sich seit der ersten Vorstellung für das Mädchen interessiert und ihr Blumen geschickt. Sicher ist, daß er sie insKrankenhaus brachte, sie besuchte und sie nicht mehr mit dem Zirkusabreisen ließ. Er mietete ihr eine Wohnung und hatte den Mut, sich insie zu verlieben. Er, der Stolz des Bürgertums, der Anwärter auf denAdelsstand, der Schwiegervater eines Rittmeisters, verliebte sich ineine Akrobatin. Frau Bernheim erklärte ihrem Mann: „Du kannstdeine Mätresse ins Haus nehmen, ich fahre zu meiner Schwester.” Siefuhr zu ihrer Schwester. Der Rittmeister ließ sich in eine andere Garnison versetzen. Das Haus der Bernheims war nur noch von den zweiSöhnen und den Dienstboten bewohnt. Die gelben Gardinen hingenmonatelang vor den Fenstern. Der alte Bernheim allerdings verändertesein Gehaben nicht. Er blieb hochmütig, er trotzte aller Welt, er liebteein Mädchen. Von seiner Auszeichnung war keine Rede mehr.

Es war vielleicht die einzige mutige Tat, die Felix Bernheim in seinemLeben gewagt hatte. Später, als sein Sohn Paul eine ähnliche hätte wagen können, dachte ich an die des Vaters, und es wurde mir wiedereinmal an einem Beispiel klar, wie die Tapferkeit sich im Ablauf derGeschlechter erschöpft und um wieviel schwächer die Söhne sind, alsdie Väter waren.

Das fremde Mädchen lebte nur ein paar Monate in der Stadt. Als wäresie nur zu dem Zweck vom Himmel gefallen, um Felix Bernheim nochin den letzten Jahren seines Lebens zu einer mutigen Handlung zuverführen, ihm noch einen flüchtigen Schimmer Schönheit zu schenken und seine echte Erhebung in den natürlichen Adelsstand zu vollziehen. Eines Tages verschwand das Mädchen. Vielleicht — wenn maneinen romanhaften Abschluß dieser romanhaften Geschichte will — kam der Zirkus wieder in die Gegend, und das Mädchen sehnte sichschon nach ihrem Trapez. Denn auch die Akrobatik kann eine Berufung sein.

Frau Bernheim kehrte zurück. Das Haus belebte sich mäßig. Paul, dendas Abenteuer seines Vaters traurig gemacht hatte, weil die erwarteteAuszeichnung ausgeblieben war und weil der Rittmeister verschwand,erholte sich später schnell und fand sogar eine Freude an der Tatsache,daß „sein Alter doch ein Kerl” sei.

Im übrigen bereitete er seine Abreise vor.

Bald durfte er ein neues Leben beginnen.

II

Er bestand — wie vorauszusehen war — das Abitur mit Auszeichnung.Von nun an trug er ein paar neue Anzüge. Die alten Schülerkleiderschienen ihm ungesund, wie Gewänder, die man während einer langen,epidemischen Krankheit getragen hat. Die neuen Anzüge waren locker, hell, von unbestimmter Färbung, weich und haarig, leicht undwarm. Die Stoffe kamen aus England, dem Land, in das Paul Bernheimgehen wollte.

Keiner von all den jungen Leuten ging nach England. Ein einziger, derdie zage Absicht äußerte, in Paris „perfekt Französisch” zu erlernen,erschien den andern verdächtig. Aber der alte Bernheim hatte einmal ineiner Gesellschaft gesagt: „Meinen Sohn schicke ich in die Welt, sobalder das Abitur hat!” Und die Welt war für einen gewissen Kreis vongehobenen Bürgern England.

Diese Herren ließen schon seit einigen Jahren ihre Anzüge aus England kommen, waren Mitglieder von Flottenvereinen, rühmten die britische Politik und die britische Verfassung, trafen König Eduard denSiebenten oft und wie von ungefähr auf der Marienbader Promenade,machten Geschäfte mit Engländern, tranken Whisky und Grogs, obwohl ihnen Pilsner Bier schmeckte, schlossen sich in Klubs zusammen,obwohl sie sich lieber im Kaffeehaus getroffen hätten, simuliertenSchweigsamkeit, obgleich sie beredt von Natur waren, wurden Sammler von verschiedenen nutzlosen Gegenständen, weil sie sich einbildeten, ein wohlgeborener Mann müsse einen „Spleen” haben, triebenGymnastik in den Morgenstunden, verbrachten den Sommer an denKüsten und auf den Meeren, um eine salzluft-- und windgerötete Hautzu bekommen, und erzählten Wunder vom Londoner Nebel, der Londoner Börse, den Londoner Polizisten. Manche gingen so weit, „well”statt ja zu sagen und englische Zeitungen zu abonnieren, die viel zuspät kamen, als daß man aus ihnen noch Neuigkeiten hätte erfahrenkönnen. Aber die Abonnenten nahmen Ereignisse, die sie noch nichtauf Englisch gelesen hatten, vorläufig nicht zur Kenntnis. „Warten wirab!” sagten sie, wenn etwas geschah, „morgen kommt die Zeitung.”Ihre Kinder lernten Englisch wie Deutsch sprechen. Und eine Zeitlangsah es aus, als wüchse eine kleine angelsächsische Nation mitten in derStadt heran, um sich gelegentlich freiwillig dem britischen Imperiumeinverleiben zu lassen. Man mußte in dieser Stadt, die einen durchauskontinentalen Charakter hatte, in der niemals die Spur von einem Nebel zu ahnen war, so essen, trinken, gekleidet sein wie an den meerumrauschten Küsten von England.

Sobald Paul seine englischen Anzüge ein paar Wochen getragen hatte,erklärte er, einige Jahre in England bleiben zu wollen. Und wahrscheinlich in der Angst, man könnte den Wert eines Studiums undeines Lebens in England leicht unterschätzen, erzählte er: „Die Bedingungen, in ein englisches College zu kommen, sind gar nicht so leicht,wie man sich einbildet. Ein Ausländer muß überhaupt von zwei repräsentativen Engländern empfohlen werden, sonst kommt er im Lebennicht hinein! Und vor allem muß man sich tadellos benehmen können,was bei uns ja leider so selten ist! Ich gehe nach Oxford! Nächste Woche übe ich mich noch im Schwimmen.”

Es klang, als hätte er die Absicht, das College schwimmend zu erreichen.

Da nach der Vorstellung, die er sich von den Engländern machte, mitKunstgeschichte bei ihnen wenig auszurichten war und sie eine sozusagen praktische Veranlagung hatten, beschloß er, Staatswissenschaften zu studieren, Geschichte und Jurisprudenz. Von den Bildern undMalern war keine Rede mehr. Ehe man es sich versah, standen allewissenschaftlichen Werke, die er brauchte, in seiner Bibliothek. Ausden Prospekten wußte er bereits, wie es in Oxford zugeht. Er erzählteGeschichten aus Oxford, als wäre er von dort hergekommen und nichterst im Begriff, eben hinzugehen. Merkwürdiger aber noch als die Tatsache, daß er von den Colleges mit der Autorität eines langjährigenKenners sprach, war das Interesse und die Gläubigkeit der Leute, dieihn fragten. Und nicht nur er, sondern auch sein Vater erzählte vonOxforder Studien, und alle Mitglieder des Klubs, dem der alte Bernheim angehörte, zitierten zu Hause den Stundenplan von Oxford. Undalle heiratsfähigen Mädchen erzählten einander: „Paul geht nach Oxford!” Sie sagten Paul, ebenso wie ihn eine ganze Schicht des Bürgertums nannte. Er war ihr Liebling. Es ist das Schicksal der liebenswürdigen Männer, von fremden Menschen beim Vornamen gerufen zuwerden.

Paul fuhr nach Oxford, an einem schönen Junitag, von einigen jungenDamen zur Bahn begleitet. Seine Eltern hatten schon eine Woche früher die Stadt verlassen, waren in die Sommerferien gefahren, weil PaulsMutter erklärt hatte: „Ich will nicht zurückbleiben, wenn Paul für solange Zeit von uns wegfährt! Wenn ich unterwegs bin, fällt es mirleichter.” Paul trug einen seiner Anzüge von unbestimmter Färbung,hielt eine kurze Pfeife im linken Mundwinkel und stand, eine Figur auseiner Modezeitschrift, am Kupeefenster. Während der Zug aus derHalle rollte, warf er mit bewundernswerter Geschicklichkeit den dreischönsten Mädchen je eine Rose zu. Nur eine einzige fiel zu Boden,das Mädchen bückte sich, und als es wieder aufblickte, war Paul bereitsaußer ihrer Sichtweite. Er war endgültig fort, und die Stadt schien es andiesem stillen Sommerabend zu fühlen. Sie war traurig.

In gewissen Abständen kam an den und jenen ein Brief von Paul Bernheim. Es waren Musterbriefe. Gentleman-Briefe. Auf dreifach gefaltetem Papier, das an pergamentene Urkunden erinnerte und an dessenlinkem oberem Rand in erhabenen Buchstaben Pauls Monogramm indunkelbläulicher Tönung glänzte, marschierten die breiten Antiqualettern, ein wenig verwöhnt, ein wenig gespreizt, in großen Abständenund mit breiten Rändern. Der Absender nannte sich nie auf dem Umschlag. Ungefähr in der Mitte der Kuverts erhob sich in dunkelbläulichem Siegellack das Monogramm, ein P, das im Bauch des B kunstvolleingelagert war wie eine Frucht im Mutterleib. In diesen Briefenherrschte meist ein sehr allgemeiner konventioneller Ton. Fachausdrücke aus dem Gebiete des Sports, erschütternd fremde Bezeichnungen für Ruder-- und Segelboote wechselten mit vornehmen Familiennamen ab, und kurze, einsilbige Rufnamen der Kameraden, Bob, Teddund Pitt, waren wie Knallerbsen in die Texte eingestreut.

Eines Tages ließ er sich in London von einem Konsulararzt in die Armee einreihen. Er bekam einige Jahre Aufschub. Selbstverständlichwurde er der Kavallerie zugeteilt.

Seine Aufnahme in den Soldatenstand teilte er folgendermaßen mit:,,Also, mein Lieber, nun ist es soweit! Kavallerie, hoffe Dragoner. Altem sofort telegraphiert. Zwei Jahre Aufschub, bis dahin reite ich echtes Wildwest. Habe hier Gaul gekauft, Kentucky getauft, leckt mir dasGesicht, hat Charakter wie ein Kater. Arzt war großartig, war auch derschönste Bursche da oben, Kunststück, die andern lauter Handelsangestellte, ein einziger Arbeiter. Armselige Rasse. Dennoch genommen. Als wäre Krieg. Dann zwei Tage London geblieben, rumgetrieben in finstersten Winkeln. Wieder mal Frauen gesehen, nach der langen Klostermoral im College. An den Katecheten gedacht, war doch ein famoser Mann. Lebt er noch? Also, mein Alter, noch ein Jahr, dann bin ich zwei Wochen zu Hause. Muß rasch hinaus, üben zur nächsten Woche.Monströs! Fechtturnier mit Ball anschließend. Habe Tanz fast ganzverlernt, muß neu ran. Du siehst, allerhand zu tun. Gut Glück undProsit!”

Er schrieb ähnliche Briefe nach Hause. Es schien, daß er eigentlich garnichts mitzuteilen hatte und daß seine Korrespondenz nur die unerbittliche Folge eines Stundenplans im College war, in dem das Schreiben an die Lieben daheim ebenso ein Gebot war wie das Fechten undRudern.

„Ich möchte nur wissen”, sagte der alte Bernheim im Klub, „wann dieBengel Zeit haben zu lernen! Von der Wissenschaft schreibt er garnichts.”

Der Fabrikant Lang, der die „besten Beziehungen” zu England hatte,ließ keinen Zweifel an der Unterrichtsmethode der Colleges zu undmeinte, nicht ohne eine gelinde Indignation zu zeigen:

„Die Engländer werden schon wissen, was sie zu tun haben! Sehen Siesich bitte die englischen Herren an, die wissen mehr als wir. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, sehen Sie, das ist das Prinzip.”,,Mens sana in corpore sano”, riefen darauf hastig vier oder fünf Herren auf einmal, und sie riefen es so durcheinander, daß es nur einemgelang, das Zitat zu Ende zu sprechen. Der Herr Lang, dem es leid tat,daß er die klassische Weisheit nicht selbst in der Ursprache vorgebracht hatte, beeilte sich, die Karten auf den Tisch zu werfen und zumersten Male seit Jahren wieder „Alea iacta est!” zu sagen. Somit warfestgestellt, daß alle angelsächsisch orientierten Herren vollkommeneHumanisten waren.

Und das Tarock begann.

Es ist vielleicht günstig, bei dieser Gelegenheit nachzutragen, daß jenesamouröse Abenteuer des alten Herrn Bernheim kaum ein paar Wochen nach dem Verschwinden der Künstlerin aus dem Gedächtnis derMenschen spurlos verweht war. Es war geradezu eine Leistung an Vergeßlichkeit, wenn man die immerhin noch beträchtliche Anzahl derFeinde und der Neider Felix Bernheims in Betracht zieht. Beinahehätte man daraus schließen können, daß die Menschen es nicht gernehaben, wenn selbst eine ihrer ungeliebten Autoritäten Gefahr läuft,sich zu blamieren. In der Tat hatte die Geschichte keine anderen Folgen von Dauer gehabt als die Versetzung des Schwiegersohnes und dieÜbersiedlung der Tochter. Frau Bernheim residierte längst wieder inihrem rechtmäßigen Heim. Vielleicht behielt sie noch eine Bitterkeitgegen ihren Mann in ihrem Herzen. Aber sie verhielt sich „musterhaft”, wie man damals von ihr sagte, und sie verriet gar nichts. Sie hatteeinen beschränkten, aber innerhalb seiner engen Grenzen sehr gutfunktionierenden Verstand. Allerdings war sie oft geneigt, ihn zuüberschätzen. Es kam vor, daß sie eine Meinung über einen Ministeräußerte, über einen Dichter, über die Renaissance und über die Religion — und über alles in der gleichen geringschätzenden Weise, mitder sie vom Hauspersonal zu sprechen gewohnt war. Es kam vor, daßsie mit verwöhnter Stimme eine Torheit sagte, die man gewiß sympathisch und sogar charmant gefunden hätte, wenn sie dreißig Jahre jünger gewesen wäre. Ja, es schien, daß ihr hübscher, kräftiger Mund einmal so lange alle Welt mit Dummheiten entzückt hatte, daß seine Besitzerin allmählich den Glauben gewann, es wäre charmant, sich inalles zu mischen, was sie nicht kannte. Sie vergaß, daß sie eine alte Fraugeworden war. Sie vergaß es so sehr, daß immer noch, trotz ihrer ergrauenden Haare, die sie sachte nachzufärben begann, in den Augenblicken, in denen sie einen törichten Satz aufsagte, ein alter mädchenhafter Glanz in ihre schlaff gewordenen Züge kam, wie durch ihreVergeßlichkeit heraufbeschworen, und daß man für die Dauer einerSekunde den lieben Schatten ihrer Jugend über ihr Angesicht wehensah. Aber der Schatten verschwand sehr schnell, und der Klang derDummheit schwebte lange im Zimmer. Die Bestürzung der Zuhörerdauerte und wuchs noch, sobald Herr Bernheim den vergeblichen Versuch machte, die Situation durch einen geschmacklosen Witz zu retten.Seit wie vielen Jahren geriet er immer wieder in die gleiche Verlegenheit! Er allein unter allen Anwesenden wußte, wie erschreckend derUnterschied zwischen dem naiven Wort war, das einmal die blühendenLippen seiner Frau geboren hatten, und demselben naiven Wort, dasjetzt den erblaßten entfuhr. Er erschrak und machte einen Witz, wieeiner einen Schrei ausstößt, wenn er erschrickt. Die Frau Bernheimaber wurde bei solchen Gelegenheiten „indigniert”. Sie schmollte, wiesie es einst in der Jugend mit soviel Erfolg getan haben mochte, und sieerschien infolgedessen um weitere zehn Jahre gealtert. Übrigensglaubte sie, ein gutes Recht auf weise Meinungen zu haben. Sie warüberzeugt, daß die „Bildung” — von der sie sehr viel hielt — nicht nurein Vorrecht der besseren Stände wäre, sondern auch ihr Erbteil unddaß es genügte, einen reichen Mann zu haben und einen Sohn, der,,eine Bibliothek” besaß, um über gebildete Themen sprechen zu können.

Sie war einmal hübsch gewesen, und man hatte sie verwöhnt. In ihrembreiten, sauber geschnittenen Gesicht — sie hatte das gleiche Haar unddie gleiche Hautfarbe wie ihr Sohn Paul — lag eine unerschütterlicheRuhe, die kalte, unzugängliche Ruhe, die an ein geschlossenes Torerinnerte, nicht etwa an die freie eines einsamen Landes. Ihr Gesichtkannte keine Sorgenfalte, schien schon die Falten des Alters als eineBeleidigung und als fremde, ungebetene Gäste zu empfinden. Ihreblanken, grauen, koketten Augen blickten werbend und feindselig zugleich. Man hätte ihren Blick für einen „könglichen” halten können und dafür hielt sie ihn selbst —, wenn er nicht so deutlich verratenhätte, woran er sich übte: an Vorhängen, Kleidern, Ringen und Kolliers, sogenannten „Interieurs”, und an den Gegenständen des Haushalts. Ja, an den Gegenständen des Haushalts. Denn die Frau Bernheim hatte neben dem Ehrgeiz, „fürstlich” zu wohnen und eine „königliche Erscheinung” abzugeben, auch noch den, eine „bescheideneFrau” zu sein. Wenn sie vor Weihnachten überflüssige Stickereien anüberflüssigen Decken anbrachte, um irgend jemanden zu „überraschen”, so war sie überzeugt, eines jener Opfer zu bringen, das dieTugend der Sparsamkeit bestätigt, und sie bereitete sich einen süßen,angenehmen Schmerz, der fast so Wohltat wie Weinen. „Sieh her, Felix”, sagte sie, „die Frau Lang macht das sicher nicht selbst.”

„Du brauchst es ja auch nicht zu tun —”, erwiderte Felix.

„Wer soll's denn machen? Willst du ein Vermögen dafür zahlen?”

„Ich kann überhaupt darauf verzichten.”

„Ja, und wenn’s nicht da wäre, würdest du ein Gesicht machen!”

„Sieh lieber die Knöpfe an meinem Winterrock nach — heute ist mireiner heruntergefallen.”

„Gib ihn her!” sagte darauf die Frau Bernheim erfreut. „Auf die Lisi ist ja doch kein Verlaß! Alles, alles muß man selbst machen!”

Und mit dem heiteren Seufzer, der die Arbeit schwerer erscheinenläßt, sie kostbarer macht und das Gewissen der Arbeiterin beruhigt,begann Frau Bernheim, den Knopf zu befestigen.

„Paul schreibt mir”, begann sie auf einmal, „daß du ihm zu wenigschickst!”

„Ich weiß, was ich tu!”

„Ja, aber du kennst nicht Oxford!”

„Du kennst es nicht besser.”

„So?! Mein Vetter Fritz, war er nicht an der Sorbonne?”

„Das ist ganz was anderes, und überhaupt ist das gar nichts!”

„Aber Felix, ich bitte dich, sei nicht grob!” Und Felix überlegte, ob er vielleicht grob gewesen war. Er schwieg. Schließlich hatte Frau Bernheim alles vergessen.

„So, jetzt sitzt der Knopf ewig!” sagte sie mit der Freude eines Kindes.

Und man ging schlafen.

Von Theodor, dem jüngeren Sohn, war selten die Rede. Da er demVater ähnlicher war als der Mutter — wenigstens behauptete es FrauBernheim bei jeder Gelegenheit —, schätzte man ihn im Hause nicht als,,genial” wie seinen Bruder. Denn Frau Bernheim hielt ihren Mann fürein Glückskind. Sie traute ihm keine Kenntnisse zu und auch nicht dieFähigkeit, welche zu erwerben. Sie hatte die Geringschätzung für Geschäfte und Kaufleute, die manche Töchter gutbürgerlicher Familien inden neunziger Jahren zugleich mit ihrer Bildung mitbekamen, mit derAussteuer, dem Klavierspiel und der Belletristik. Nach der Ansicht derFrau Bernheim rangierte etwa ein Staatsbeamter über einem Bankier,war ein Finanzmann unfähig, „Kultur” anzunehmen. Da ihr VetterRechtsanwalt gewesen war, blieb in ihren Augen ihre Ehe für ewigeZeiten eine Mesalliance. In jüngeren Jahren hatte sie noch hie und dadaran gedacht, ihren Mann mit einem Akademiker oder einem Offizierzu betrügen, um durch einen Beischlaf mit einem gesellschaftlich Würdigeren eine Genugtuung für die Hingabe an einen gewöhnlichen Bankier zu erlangen. Wenn man hörte, wie Frau Bernheim, die natürlichihre „Nerven” hatte, die Worte „Aber Felix!” ausrief, wie sie, wennder Wind ein Fenster oder eine Tür zuschlug, über „dieses laute Haus”jammerte, oder wenn ihr Mann zufällig einen Stuhl umwarf, ihm „Benimm dich vorsichtiger!” sagte, so konnte man in diesen Wendungendie unermeßliche Kränkung erkennen, die das Schicksal der FrauBernheim zugefügt hatte.

Und dennoch wußte sie oft ihrem Mann einen überraschend guten Ratzu geben, geschäftliche Gefahren vorauszusehen, böse Absichten gewisser Personen zu wittern, ein hellsichtiges Mißtrauen gegen Dienstleute, Rechnungen, Lieferanten zu hegen, Ordnung im Haus zu halten, Sommerreisen zu organisieren und in Schaffnern, Seeoffizierenund Hotelpersonal einen Respekt zu erzeugen. Sie besaß einen animalischen Haus-- und Familieninstinkt, er war die Quelle ihrer Vorsicht,ihrer Klugheit und auch ihrer Güte, die allerdings ihre Grenze an demdichten Drahtgitter des Gartens fand.

Außerhalb des Gitters begann ihre Härte, ihre Unerbittlichkeit, ihreBlindheit und ihre Taubheit. Sie unterschied zwischen Armen, die aufirgendeine Weise einen Zutritt in ihr Haus bekamen, und den Bettlern,die sich nur in den Straßen aufhielten. Und sie verstand ihre Wohltätigkeit dermaßen zu organisieren, daß ihr Herz nur an bestimmtenStunden bestimmter Tage zu funktionieren brauchte. Dermaßen undin regelmäßigen Abständen Gutes zu tun war ihr ein Bedürfnis. Erzählte man ihr aber zum Beispiel von einem Unglück, das eine fremdeFamilie betroffen hatte, so galt ihr Interesse den näheren Umständen,unter denen sich jenes Unglück zugetragen hatte, ob es zum Beispielein Mittwoch gewesen war oder ein Donnerstag, Nacht oder Tag, dieStraße oder das Zimmer. Dennoch hätte sie trotz ihrer Neugier, dieDetails zu erfahren, sich um keinen Preis in die Nähe des Unheils begeben. Denn sie mied Unglück und Krankheit, Friedhöfe und Kondolenzpflichten. Sie vermutete überall Ansteckungsgefahren. Wenn ihrder Mann einmal sagte: „Der Lang oder der Stauffer oder die FrauWagram ist krank”, so erwiderte sie regelmäßig: „Geh nur nichthin, Felix!” Jeder Fanatismus macht grausam. Auch der des Wohlergehens...

Sie sehnte sich nach ihrem Sohn Paul. Sie las seine strammen Briefeeinigemal, wußte niemals, was sie enthielten, und bemühte sich, zwischen den Zeilen zu erkennen, ob „ihr Kind” gesund war oder ob ereine Krankheit verheimlichte. Denn sie hielt ihn für einen „edlen Buben”, den Leid stumm macht. Sie schrieb ihm zweimal in der Woche keine Antworten, auch keine Mitteilungen, sondern nur Worte, Buchstaben, die Küsse und Berührungen ersetzten und eine körperliche Beziehung herstellten. Paul überflog diese Briefe und verbrannte sie. Erwar mit seiner Mutter unzufrieden. Er hätte sich eine „echte Lady” alsMutter gewünscht. Zu einer solchen dichtete er sie um, wenn er in dieLage geriet, Fremden von ihr zu erzählen. Manchmal träumte er davon, sie noch einmal zu erziehen. Er stellte sich vor, daß er mit ihr aufeinem englischen Landsitz wohnen würde. Sie sollte weißes Haar haben, Hardy lesen und die Ehrfurcht des Adels genießen. In seinen Erzählungen nahm sie die Formen, die Umrisse, den Charakter und dieBedeutung an, die sie sich selbst beizumessen liebte. Sprach er vonseinem Vater, so karikierte er ihn leicht nach den Tendenzen seinerMutter. Aber er sprach selten von seiner Heimat und von seinem Haus,weil er die Wahrheit nicht erzählen konnte und im Lügen unsicher war.Er sollte noch mindestens anderthalb Jahre in England bleiben. Abereines Tages erhielt er ein Telegramm, das ihn nach Hause rief.

Der alte Herr Bernheim hatte sich vor einer Woche auf eine weite Reisebegeben. Er wollte sich nach Ägypten einschiffen, der Gicht wegen.Aber er starb, als er in Marseille den Dampfer betrat. Er befand sich inGesellschaft einer jungen Dame, die er für seine Tochter ausgegebenhatte und die vielleicht — wer kann es wissen — die mittelbare Ursacheseines unerwarteten Todes war. Man fand, als man seine Leiche holenkam, kein Geld mehr bei ihm. Einige wollten wissen, daß jenes jungeMädchen die Akrobatin gewesen war. Aber die Menschen sind leichtgeneigt, die einfachsten Ereignisse romanhaft auszulegen. Wahrscheinlicher ist, daß die Neigung des alternden Mannes für junge Mädchen imallgemeinen groß war und seine Treue zu einem bestimmten und übrigens nicht leicht zu eruierenden eine Erfindung. Immerhin war sein Todan Bord eines Schiffes, an der Schwelle des Meeres und im Arm eineshoffentlich hübschen Kindes freier und würdiger als der größte Teilseines Lebens oder wenigstens des bekannt gewordenen Lebens. Dennes ist möglich, daß Herr Felix Bernheim niemals eine ganz eindeutigeExistenz geführt hatte. Es ist möglich, daß er wirklich, wie sein SohnPaul sagte, ein „Kerl” gewesen war, breitspurig, gesund, glücklich undleichtsinnig.

Sein Schwiegersohn, der Rittmeister, holte den Toten ab. Paul kam zumLeichenbegängnis.

Frau Bernheim weinte am Grabe, vielleicht zum erstenmal in ihremLeben. Sie stand in der Mitte ihrer Kinder. Ihre hübschen, kalten Augenwaren rot, sie erinnerten an blutige, blanke Eisstückchen. Herr Bernheim wurde in einer marmornen Gruft beigesetzt. Auf der breiten,blaugeäderten Platte stehen alle seine Verdienste in einfachen, schwarzen Buchstaben verzeichnet, die würdiger sind als die Inschrift „Sanssouci” über seiner Villa.

Aber der trauernde Engel, der sich über das Kreuz lehnt, ist doch einBruder jener kleinen Engelchen, die den First des BernheimschenHauses zieren.

III

Allmählich wurde Paul wieder eine kontinentalere Natur. Sie schien zuder dunklen und maßvollen Kleidung zu passen, die er während derTrauer nach seinem Vater trug. An eine Rückkehr nach Englandkonnte er vorläufig nicht denken. Von den Geschäften verstand er wenig. Er wußte nicht, ob er in der Bank bleiben oder weiterstudierensollte; auch nicht, was er studieren sollte. Sein Vater hatte drei verschiedene Testamente hinterlassen, aber alle drei stammten aus einerweit zurückliegenden Zeit. Man begann, Geheimnisse im Hause Bernheim und in der Bank zu vermuten — Gerüchten war zu entnehmen,daß der Reichtum der Bernheims bedeutend geringer sei, als man angenommen hatte.

Paul äußerte nichts Bestimmtes über seine nächsten Pläne. Er sprachvom College immer noch, aber er erzählte jetzt, nachdem er es kennengelernt hatte, dasselbe wie einst, als er es nur aus den Prospekten gekannt hatte. Er saß stundenlang in dem Büro seines Vaters, sah gelangweilt in Bücher, sprach mit Sekretären und alten Beamten, unaufhörlich in der Angst, bei einer Unkenntnis ertappt zu werden und sich von den andern ausnützen zu lassen. Etwas vom Mißtrauen seinerMutter, etwas von ihrer beschränkten Kälte wurde jetzt an Paul sichtbar. Niemals hätte er etwa vor einem älteren Beamten sein Unverständnis zugegeben. Schließlich hatte er noch die Ratschläge seinerMutter zurückzuweisen und eines ihrer Brüder, mit denen der alteBernheim immer im Streit gelebt hatte und die jetzt langsam auf demPlan zu erscheinen begannen.

In dieser unangenehmen Lage befand sich Paul, als der Krieg ihm zuHilfe kam. Seine Begeisterung galt vom ersten Augenblick an dem Vaterland, den Pferden, den Dragonern. Frau Bernheim, die überzeugtwar, daß der Tod nur die armen Infanteristen treffen werde, hatte wieder einen Anlaß, auf ihren Sohn stolz zu sein. Als er zum erstenmal inder Uniform vor ihr stand — denn er rückte schon in militärischenKleidern ein, obwohl er noch nie Soldat gewesen war —, weinte sie:erstens vor Freude über Pauls männliche Schönheit; zweitens, weil ihrMann ihn nicht mehr sehen konnte; drittens, weil sie der Anblick einerUniform immer rührte. (Dies war ein Rückfall in ihre Mädchenzeit.)Der Tradition des Dragonerregiments getreu, die sich übrigens imLaufe der Zeiten und infolge des Krieges abgeschwächt hatte, ließ sichPaul ein kleines, bürstenartiges Schnurrbärtchen stehn. Er sah aktiveraus als die anderen Einjährig-Freiwilligen. Seine Reitkunst, seine Haltung, seine Gesinnung und seine Uniform hätten in einem Fremdenden Eindruck erwecken können, daß Paul Bernheim aus einer altenkavalleristischen Familie stammte. Seinen bürgerlichen Stand machteer unter soviel Adel durch seine Haltung wett. Und seinen Namenunterschrieb er von nun an so undeutlich, daß es „von Bernheim” wie,,Bernheim” heißen konnte.

Trotzdem mußte er infolge einer Verfügung, die ihn ebenso erschreckte wie andere die Einberufung, die Kavallerie verlassen. DerStaat verlor dank seiner Vorurteile einen ausgezeichneten Offizier,einen Helden vielleicht. Denn es ist kein Zweifel, daß in Paul Bernheim die Eitelkeit die Quelle des patriotischen Heroismus gewesenwäre. Jener Verfügung zufolge aber mußte er Verpflegungsoffizierwerden.

Wie viele hätten gerne mit ihm getauscht! Er aber wurde fast in derStunde, in der er die Dragoner verließ, ein erbitterter Kriegsgegner.Ein anderer Weg zur Bedeutung schien sich ihm zu öffnen. Er begann,mit Pazifisten zu verkehren, in kleinen, verbotenen und rebellierendenBlättern zu schreiben, in geheimen Versammlungen der Kriegsgegnerzu sprechen. Und obwohl er weder ein begabter Journalist noch einRedner war, erregte er in der Gesellschaft der kleinen Leute, der einfachen Soldaten, der Deserteure, der Revolutionäre ein gewisses Aufsehn dank seinem Offiziersgrad, seiner gutbürgerlichen Erscheinung,der sichtbaren Abkunft aus einem guten Hause. Der Glanz seiner Abzeichen, der Klang seiner Sporen — denn auch als Verpflegungsoffizier gehörte er zu den Berittenen —, die olivenfarbene Zartheit seines Teints, die weichen Bewegungen seiner Arme und Hüften faszinierten die Menschen; und da er die Portion Heroismus, die er dem Vaterland zugedacht hatte, den Kriegsgegnern schenkte, gehörte ihm die Dankbarkeit der Verfolgten. Sie wurden stolz auf ihn — und dieser Stolz kam aus denselben Quellen, denen sonst ihr Haß gegen die andern Angehörigen der führenden Gesellschaftsklasse entsprang. Alle Überläufer werden überschätzt. Diesem Gesetz hatte Paul Bernheim seine Bedeutung in revolutionären Kreisen zu verdanken.

Es war lehrreich zu beobachten, wie Pauls rebellische Gesinnung keineswegs den Glanz seiner äußeren Erscheinung zu vermindern imstande war. Klirrend und schimmernd ging er dahin. Die Koketteriedes Heroismus machte er sich zu eigen wie die rebellische Gesinnung.Mehrere Plaketten an der Mütze, Schnüre an einer engen Litewka,einen kurzen Dolch statt eines Seitengewehrs an einem knarrenden,roten Ledergehänge, weiche, gelbe Stiefel und Reithosen von einer ungewöhnlichen Breite: so ging er dahin, ein Gott der Verpflegungsbranche. Sein Dienst bestand im Einkauf und in der Requisition von Viehund Getreide und vollzog sich im Hinterland, in der Etappe und inbesetzten Gebieten. Er fuhr durch Städte und Länder, aß und schliefbei Gutsbesitzern, die sich von ihrer Vaterlandsliebe nicht abhaltenließen, um eine Zubilligung übertriebener Preise bei Paul zu werbenund um die Milderung der Requisitionen. Auf ihn übten die Freundlichkeiten seiner Opfer keine Wirkung. Der Staat hatte einen Heldenverloren und einen unbestechlichen Verpflegungsoffizier gewonnen.Denn Paul requirierte und drückte die Preise mit dem Ressentimenteines Revolutionärs, seine Gesinnung unterstützte seine dienstlicheAufgabe, und die Furcht, mit der ihm seine Opfer begegneten, schmeichelte ihm ebensosehr wie die Schätzung, deren er sich bei den Kriegsgegnern erfreute. Im übrigen schätzte man auch seine dienstliche Gewissenhaftigkeit. Sie behütete ihn vor jedem Verdacht. Und also gelangihm wie wenigen die Vereinigung militärischer Tugenden mit einer antimilitaristischen Gesinnung. Ebenso wie er einmal imstande gewesenwar, vernünftige Bücher zu lesen, kluge Gespräche zu führen unddann in der Gesellschaft der Mädchen billige Torheiten zu sagen, sokonnte er jetzt in Offizierskasinos und auf „Landsitzen” plaudern,Operettenschlager auf dem Klavier spielen und sich dem Tanz hingeben und gleichzeitig seinen nächsten Artikel zurechtlegen, über dieMöglichkeiten einer Demonstration nachdenken, seine Rede vorbereiten. Verworren sind in den Herzen und Hirnen der Menschen Überzeugung und Leidenschaften, und es gibt keine psychologische Konsequenz.

Eines Tages lernte Paul den Gutsverwalter Nikita Bezborodko kennen, ein paar Meilen südlich von Kiew. Bezborodko rühmte sich, eineralten Kosakenfamilie zu entstammen. Stark, unerschrocken, schlauund verwegen, hatte Nikita schon mehrere Requisitionen abgewehrt,Einkäufer der Armee um ansehnliche Summen betrogen, Befehle sabotiert, Lieferungen falsch ausgeführt, statt der assentierten gesundenPferde kranke und erblindete der Armee zugeführt.

Zum erstenmal stieß er bei Paul Bernheim auf einen Widerstand. Paulerstattete gegen den Kosaken die Anzeige. Aber es kam zu keiner Verhandlung. Einmal begegneten Paul und der Ukrainer einander auf demBahnhof in Shmerinka.

„Guten Tag, Herr Leutnant!” sagte der Kosak.

„Sie sind nicht eingesperrt?”

„Wie Sie sehen, Herr Leutnant! Ich habe meine Beziehungen.”

Sie tranken ein paar Gläschen. Sie saßen in einer improvisiertenSchenke, einer dunklen und kahlen Holzbaracke, durch deren winzige,offene Fensterluken der Wind strich und die Vögel flogen. Auf einmalsagte der Kosak:

„Ich habe hier ein paar Flugzettel für Sie, Herr Leutnant!” „Ich lasseSie verhaften”, erwiderte Bernheim und erhob sich. Der Kosak standan der Tür, die er überwachte, ein breites Lächeln im Angesicht, in derRechten ein Messer. „Hände hoch!” rief er, das Lachen in der Stimme.Bernheim wußte nicht, ob der Ukrainer ein Spitzel war und im Dienstder militärischen Geheimpolizei stand, ob er ein Revolutionär war, ober die Flugzettel nur durch einen Zufall bekommen hatte, ob er in derBesoffenheit sprach. Es wurde Abend, der Wind heulte, Paul Bernheim beschloß auf jeden Fall, die Flugzettel zu verlangen. Er konntespäter immerhin sagen, daß er eine List angewandt hatte.

Der Kosak warf ihm mit der linken Hand ein Bündel zu, immer nochan der Tür, das Messer gezückt in der Rechten. In der Dämmerungschien er größer zu werden. Ein silbriger Glanz ging von seinem sandgelben Mantel aus, seiner hellgrauen Pelzmütze, seinen gelben Stiefelnaus rohem Leder, seinen grauen Augen. Er erreichte die Decke derBaracke. Bernheim fühlte sich in dem Maß kleiner werden, in dem ersich einbildete, den anderen wachsen zu sehn. Eine Furcht, aufgestiegen aus längst vergessenen Kinderjahren, Erinnerung an Gespensterträume, an schaurige Phantasien in dunklen Zimmern, griff mit hunderttausend Armen nach dem erwachsenen Mann. Der Schnaps, den ersonst ohne Schaden zu trinken verstand, verwirrte ihn heute, weil ereinen halben Tag nichts gegessen hatte. Weshalb bin ich nur mit demKerl hierhergegangen. Es war der einzige klare und ganze Satz, den erdenken konnte. Sonst huschten nur halbe Sätze durch sein Hirn, undder Ausdruck „letzte Stunde” kehrte immer wieder, wie ein Schmerz,der für Augenblicke verschwindet, den man aber erwartet und denman begrüßt, weil die Qual des Wartens stärker ist als er.

Plötzlich fiel Bernheim noch ein Wort ein. Ein Wort, dessen TorheitPauls Entschluß in einer anderen Stunde nicht hätte bestimmen können. Eines jener leeren Worte, die als Bruchstücke traditioneller Leitsätze, pädagogischer Formeln, vorgeschriebener Lesebücher, für Kinder bearbeiteter Heldensagen sich für ein ganzes Leben in unseren Gehirnen einnisten, wie Fledermäuse reglos bleiben, solange wir wachsind, und nur die erste Dämmernis unseres Bewußtseins abwarten, umwieder in uns herumkreisen zu dürfen. Ein solches Wort fiel Bernheimein, es hieß: schmähliches Ende. Eine Vorstellung, die, so kindisch siesein mag, auch einen klügeren Mann veranlassen kann, das, was manMännlichkeit nennt, zu mobilisieren. In Paul Bernheim lebten nochVorstellungen, die er sich als Kriegsgegner und Rebell nicht eingestehen wollte — Vorstellungen von einem „würdigen Tod” zum Beispiel --- ,denn auch ein kurzer Dienst bei den Dragonern bleibt nie ohne jedeWirkung. Kaum hatte sein getrübtes Hirn jenes Wort geboren, als erdas Dümmste tat, was er in seiner Lage hätte tun können: Er griff nachseinem Revolver wie ein Held. Im Nu steckte das Messer Bezborodkosin seinem rechten Arm. Paul konnte noch sehen, wie sich die Tür derBaracke sehr schnell Öffnete und wie das letzte, grünliche Licht desdämmernden Himmels in den nun völlig finsteren Raum einbrach.Dann fiel die hölzerne Tür wieder zu — Paul Bernheim hörte das Geräusch und wieder war es finster. Bezborodko war fort.

Paul versuchte nicht mehr, das Messer aus seinem Arm zu ziehen. DieDunkelheit des Raumes, die ihn umhüllte, schien in seinem Innern eineandere, noch dichtere Dunkelheit zu erzeugen, die gleichsam aus demSehnerv ins Auge drang, ebenso wie die äußere Finsternis durch dieNetzhaut. Finsternis innen und außen. Er wußte nicht, ob er die Augen noch offenhielt oder schon geschlossen hatte. In seinem Armschien der Schmerz zu klingen, als gäbe das Blut, das an den Stahlschlug, einen metallenen Laut.

Er erwachte ein paar Stunden später, mit verbundenem Arm, aufeinem Sofa, im Zimmer des jüdischen Schankwirts, um sofort wiedereinzuschlafen.

Ein paar Tage später verließ er Shmerinka. Die Flugzettel waren verschwunden. Das Ganze erschien ihm jetzt unwirklich, ein Traum, under begann, fast zu zweifeln, ob er die Wunde wirklich von Bezborodkoempfangen hatte. Auch dieser blieb verschwunden.

Immerhin hatte dieses Ereignis ihn aus der Sicherheit gebracht, in derer gelebt hatte. Der Krieg dauerte nun schon das dritte Jahr. Wer kannsagen, ob es Furcht war oder Gewissen, was Paul Bernheim jetzt veranlaßte, seinen angenehmen Dienst aufzugeben und sich freiwillig andie Front zu melden? Es war, als hätte ihm der Tod, wie er so amAbend in der Baracke an ihm vorbeigegangen war, eine Ahnung vonseiner roten und schwarzen und schrecklichen Süßigkeit geschenktund in Paul die Sehnsucht nach ihr geweckt. Er kümmerte sich nichtmehr um seine Freunde, ihre Zeitungen, ihre Reden. Er desertierte ausihrem Lager, wie er einst zu ihnen desertiert war.

So vielfältig und unbegreiflich ist der Mensch.

IV

Also ging Paul Bernheim an die Front.

An einem trüben und kühlen Novembertag — der Regen, der vomHimmel kam, vermischte sich mit dem Nebel, der von der Erde emporstieg — fuhr Bernheim als Einzelreisender ins Feld.

Er war nunmehr Leutnant im x-ten Infanterieregiment, das seit einigenWochen seine Stellungen am südlichen Teil der Ostfront bezogenhatte. „Hast du Glück”, hatten ihm die Kameraden im Kader gesagt,,,gerade jetzt gehen wir an die ruhigste aller Fronten. Vor einigen Tagen hättest du uns noch in den Alpen suchen müssen, in der Hölle!”Paul hätte es vorgezogen, sein Regiment in den Alpen aufzusuchen,wo der Tod heimischer war als im Osten. Es störte seine Entschiedenheit, mit der er sich zur Infanterie gemeldet hatte und mit der er sein bisheriges Leben endgültig von dem kommenden abzugrenzen entschlossen war, daß die Ostfront eine „idyllische” genannt wurde. Indem Stadium, in dem er sich jetzt befand, wünschte er sich die stärksten Erlebnisse, die größten Gefahren, die härteste Unbill. Es galt, wie er sich sagte, den glücklichen und seltenen Zustand seiner Entschlossenheit so gründlich auszunützen, daß er schließlich ein dauernder werde. Er fürchtete, dieser Zustand würde vorübergehen, ohne den erhofften Gewinn gebracht zu haben. Es war schließlich die alte Veranlagung Pauls, die ihn zur Kunstgeschichte, nach England, zur Kavallerie und zum Pazifismus gebracht hatte. So wie er einmal ein vollkommener Angelsachse hatte werden wollen, so versuchte er jetzt, ein vollkommener Infanterist zu werden.

Aber von diesen geheimen Trieben wußte er selbst wenig. Über ihnenlag, dicht und schwer wie dieser Novembertag, eine trübe, nebligeGleichgültigkeit. Er saß schon seit Stunden allein in dem kalten Abteilzweiter Klasse. Der andere Passagier, der es zwei Stunden lang mit ihmgeteilt hatte, war längst ausgestiegen. Obwohl der Abend noch nichtgekommen war, blinzelte schon in das Halbgrau des Nachmittags diefettige Lampe, gelb und ölig erinnerte sie Paul an Lichter auf Gräbernzu Allerseelen. Manchmal wischte er mit dem Ärmel über das angelaufene Glas der Fensterscheibe, um sich zu überzeugen, daß sich der Zugwirklich bewegte. Dann sah er den grauen Vorhang des Novemberregens über diesem Hinterland, das schon in die Etappe überzugehenbegann, und hinter dem Vorhang kleine Dörfer, verlassene und zerstreute Gehöfte, Frauen mit den Rockschößen über den Köpfen,schwarze Juden in langen Gewändern, gelbe Stoppelfelder und gelbe,gewundene Straßen, deren schwarzer Schlamm durch den Regenschimmerte, aufrechte und geknickte Telegraphenstangen, Feldküchen, verloren und halb versunken im Kot, marschierende Trainsoldaten, dunkelbraune Baracken, Schienen und kleine Stationen, an derenjeder der Zug halten mußte. Er hielt übrigens oft auch zwischen denStationen. Es war, als hätte der Zug selbst Bedenken vor dem Feld,dem er sich näherte, und als benutzte er jede Gelegenheit, um stehenzubleiben und auf den Waffenstillstand zu warten.

So absurd dieser Gedanke war und so merkwürdig die Furcht Pauls, erkonnte zu spät in den Krieg kommen, so huschte doch die Vorstellunghin und wieder durch sein Hirn, die Vorstellung, daß sie jetzt draußendabei waren, Frieden zu schließen, und daß er sich in der fürchterlichen Lage befinden würde, so, wie er war, unverändert und mit der Erinnerung an sein letztes, beschämendes Erlebnis mit dem Kosakenbehaftet, in das friedliche Leben zurückzukehren. Seinen momentanenBedürfnissen entsprach ein Krieg, der noch mindestens fünf Jahre dauern sollte. So ratlos sah er sich dem Frieden entgegentreten, seinemHaus, seiner Mutter, der Bank, dem Dienstpersonal und den Beamten.Wenn er sich erinnerte, daß er noch vor gar nicht langer Zeit flammende Proteste gegen den Krieg geschrieben und geredet hatte, so verstand er die vergangenen Monate und Jahre nicht mehr. Sie lagen unbegreiflich hinter dem schrecklichen Erlebnis mit Nikita, hinter diesemrätselhaften Erlebnis. Ein Mann hatte ihn bedroht, verwundet, besiegtund war verschwunden. Nichts weiter. Ja, aber dieser Mann weiß vielleicht mehr von mir, alles von mir, mehr als ich selbst. Er hält meinLeben in der Hand, er kann mich vernichten — und ich sehe ihn nicht,er ist für immer verschwunden. Mein Leben aber — so tröstete er sich — halte ich jetzt selbst in der Hand, solange ich an der Front bin. Ichkann jeden Augenblick sterben. Übrigens, wenn der Ukrainer etwasweiß, ich leugne alles. Ich werde tapfer sein, man wird mir glauben.Vielleicht hat der und jener meiner früheren Freunde und Genossenmich verraten. Ich leugne. Man hat keine Beweise. Nicht einmal Artikel mit meiner Handschrift, denn ich habe sie auf der Maschine schreiben lassen, unter einem fremden Namen. Und schließlich ist es auchgleichgültig.

Es beruhigte ihn, sooft der Zug stehenblieb, die hartnäckige, eintönigeMelodie des Regens zu hören, der mit der gleichen Ausdauer und dergleichen sanften Eindringlichkeit über Hunderte von Meilen ausgebreitet war und der die Entfernungen aufzuheben schien, die Verschiedenheit der Gebiete und der Landschaften. Die Welt bestand nichtmehr aus Bergen, Tälern und Städten, sondern nur noch aus November. Und in dieser bleiernen Gleichgültigkeit gingen Pauls Kümmernisse zeitweilig unter. Er fühlte sich eins mit irgendeinem der wehrlosen Gegenstände auf den Feldern, die dem Regen preisgegeben waren,den kleinsten, geringfügigsten, leblosen Wesen, einem Strohhalm zumBeispiel, der ohne Willen dalag und sein Ende erwartete, in vollerGlückseligkeit eigentlich, insofern er Glück zu empfinden imstandegewesen wäre. Ein Bach konnte ihn mitnehmen und davontragen, einStiefel ihn zertreten.

Also empfand Paul zum erstenmal den Krieg, und wie die Millioneneingerückter Männer fühlte er den erhabenen Gleichmut derer, die sichblind einem blinden Schicksal unterwerfen. Ich werde wahrscheinlichuntergehen, dachte er mit einem süßen Trost. Und als der Abend weiter vorrückte und hinter den Scheiben die schwarze Wand der Finsternis sich erhob, im Innern des Wagens das trübe Licht stärker wurde,kam er sich für lange Sekunden wie ein Toter vor, ein Toter in einerbeleuchteten Gruft. Weit hinter ihm lagen die Sorgen und Freuden, dieÄngste und die Hoffnungen des Lebens. Er war ihnen allen entflohen.Es gab für einen Flüchtling wie ihn kein ruhigeres Ziel, keinen sichereren Zufluchtsort als die Front und den Tod.

Er erinnerte sich an das Testament, das er kurz vor der Abreise verfaßthatte. Für den Fall, daß er starb, verblieb alles seiner Mutter, nur einganz geringer Teil seinem Bruder, den auch der Vater in seinen Testamenten nicht erwähnt hatte. Den Gedanken an Theodor verscheuchtePaul schnell, er mochte nicht an den Bruder denken. Obwohl er freiwillig und sogar gerne in den Tod ging, überfiel ihn immer wieder einkleiner, hurtiger Neid gegen den jüngeren Bruder, der sicher dahinwandelte im Schutz seiner Jugend, sicher vor dem Krieg und sicher,das Ende des Krieges zu erleben und bessere Zeiten. Er verdient esnicht! sagte sich Paul. Wieder ergab er sich der Seligkeit der Todesahnungen.

In dieser Stimmung übertrieb er den Reichtum, die Dauer und die Fülleseiner vergangenen Jahre. Auch diese Übertreibung noch diktierte ihmsein hochmütiges Selbstbewußtsein. Ich bin reich gewesen, sagte er sich,jung, schön, kräftig gewesen. Ich habe Frauen besessen, die Liebe gekannt, die Welt gesehn. Ich kann ruhig sterben. Plötzlich überfiel ihndie Erinnerung an Nikita. Ich hätte, dachte er, früher an die Front gehnsollen. Ich hätte kein Kriegsgegner werden sollen. Ich gehe jetzt nichtfreiwillig in den Tod, sondern gejagt. Es geschieht mir recht.

Je weiter die Nacht fortschritt, desto mehr Kälte brachte sie. Paul versuchte, die Lampe auszulöschen. Er wollte still im Finstern liegen, dieVorstellungen von einem Grab sollten vollkommen sein. Er wollte ineinem rollenden Grab liegen und ins Jenseits fahren. Die Lampe ließsich nicht auslöschen, sie war das Ewige Licht, sie brannte schon fürsein Seelenheil. Er konnte nicht einschlafen. Er versuchte, mit gefrorenen Fingern etwas in sein Notizbuch zu schreiben. Schreiben machtklar! dachte er. Er war unfähig, auch nur einen Satz aufzuzeichnen,und er begann, sinnlose Ornamente über die weißen Blätter zu ziehen,wie einst in der Religionsstunde. Seine Kollegen aus der Schulzeit fielen ihm ein. Es gelang ihm, das eine und das andere Gesicht aufzuzeichnen, er rekonstruierte die ganze Klasse, die Schulbänke, die Lehrer.

Darüber verging die Nacht.

Am nächsten Morgen war der Regen dünner Hagel und glasigerSchnee geworden, und seine Tropfen hämmerten mit einem zarten,metallenen Klang gegen die Fenster.

Der Zug näherte sich der letzten Bahnstation. Es war der Rand derWelt. Hier begann die schmalspurige, von Pferden gezogene Kleinbahn. Sie führte unmittelbar zum Regimentskommando.

Paul fuhr mit einigen Soldaten, die vom Urlaub zurückkehrten, in demoffenen, niederen Wagen. Wie durch eine dicke Mauer hörte er ihrenGesang, den das ferne Trommelfeuer begleitete. Er fühlte kaum denWind und den stechenden Eisregen. Er sah die ersten Verwundeten,die mit weißen Verbänden am Arm der Sanitäter den langen Weg zurückhumpelten, die Blutspuren, die sie auf der schwarzen, feuchtenErde zurückließen und auf dem weichen, dichten, gelben Lehm. DenMantelkragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen, den Blickreglos auf die Gruppen der Zurückgehenden gerichtet, auf das blendende Weiß, das lackrote Blut, das verkrustete Grau der Uniformen,den schwarzen Kot der Straße, stand Bernheim in der Ecke. DieSchüsse wurden deutlicher, die Soldaten hörten auf zu singen, einzweiter Tag senkte sich der Dämmerung entgegen.

Er kam, als die Nacht anbrach, in die Stellung und hatte unerwartetesGlück; Glück, wie er es damals verstand, und noch in einem anderenSinn. In dieser Nacht erwartete man einen Sturmangriff. Alle Kameraden schrieben Feldpostkarten nach Haus. Nicht aus einem Bedürfnis,aber nur, um nicht aufzufallen, schrieb auch Paul an seine Mutter. Siewird vielleicht um mich weinen, sagte er sich, und er dachte an dasBegräbnis seines Vaters und an die Tränen in den blanken Eisaugenseiner Mutter. Für seinen Bruder Theodor fügte er keinen Gruß hinzu.Aber er starb nicht, Paul Bernheim! Ein Bajonett durchbohrte seinerechte Wange. Er kam am nächsten Morgen ins Feldspital. Man nahmeine Kieferoperation vor. Während seine Wunde heilte, bekam er Typhus und wurde in ein Epidemiespital in die Etappe abgeschoben. Eswar, als ob der alte Felix Bernheim über dem Sohn, auf den er wahrscheinlich auch im Himmel noch stolz war, väterlich wachte; als obdas Glück, das dem Alten gute Geschäfte und einen Haupttreffer beschert hatte, den Jungen vor dem Tod bewahrte. Denn jetzt erst, imFieber, während er mit vier anderen in der Offiziersabteilung der Baracke lag, jetzt erst erwachten in Paul die Furcht vor dem Tode und derDrang nach dem Leben, das ihm für ein paar Tage so gleichgültig gewesen war. Er glaubte mit allen Kräften, daß er am Leben bleibenwürde, er nahm die glückliche Wunde, die er im Handgemenge erhalten hatte, für ein Versprechen des Schicksals, ihn am Leben zu lassen.Und obwohl jeden zweiten Tag einer der Kameraden neben ihm blauwurde, reglos und schauderhaft, wußte Bernheim auch im höchstenund verwirrenden Fieber jeden Augenblick, daß er nicht sterbenwürde.

Es begann besser zu werden. Er verließ das Spital, erkältete sich, bekam eine Lungenentzündung und gelangte wieder in ein anderes.

Auch diese neue Krankheit schien eine unmittelbare Folge seinesWunsches zu sein, am Leben zu bleiben, nie mehr wieder ins Feld zugehen. Längst hatte er jenes Ereignis mit Nikita in den Hintergrundseiner Erinnerung verdrängt. Er wurde wieder der alte Paul Bernheim.Er lag im Bett, das an der Wand in der Nähe des Fensters lehnte, mitdem Bewußtsein, siegreich gewesen zu sein und klüger als alle Welt.Sein alter Hochmut kam wie ein guter, treuer Freund ans Bett. Einbläuliches Nachtlicht brannte über der Tür. Die unruhigen, hastigenund sägenden Atemzüge eines kranken Kameraden waren wie unmenschliche Laute, Stimmen fremder, unbekannter Tiere. In demblauen Schimmer der Lampe, der an winterliches Mondlicht erinnerte,sah Paul Bernheim noch das letzte Hindernis, das er zu überwindenhatte. Er protestierte gegen die unschuldige Lampe. Diese Lampe verhinderte, daß ein Mann wie Paul Bernheim, der gewiß noch ganz andere Bedürfnisse haben durfte als die gewöhnlichen Kranken, eineKerze anzünden konnte, um zu lesen oder zu schreiben oder zu zeichnen. Nicht genug daran, daß man den Geruch von Karbol und Jod Tagund Nacht einatmen mußte, durfte man auch nicht lesen, wann eseinem gefiel. Die schönen, weiten Zimmer im Elternhaus! Paul Bernheim erinnerte sich genau an die Musterung der Tapeten, den warmen,goldenen Gongschlag, der zum Frühstück rief, die Melodien vonTschaikowsky, die er vierhändig mit seiner Schwester gespielt hatte.Zwischen der Stille, die in diesem Spital herrschte, dem scharfen undstrengen Geruch seiner Räume, dem entsagungsvollen Weiß der ärztlichen Kittel, der Krankheit, den Seufzern und der Müdigkeit der Kameraden, dem ewigen Flügelrauschen des Todes — und Pauls wacher,warmer und hochmütiger Sehnsucht nach dem Leben war der Unterschied so groß wie zwischen krank und gesund. Paul Bernheim warstolz auf seine fortschreitende Genesung, als wäre sie sein Verdienst.Er verachtete die Kranken, als wären sie minderwertige Wesen. Erschätzte die Ärzte gering, weil das Karbol stank. Er hatte die Gewohnheit angenommen, in jedem Arzt, der an sein Bett trat, einen Zahntechniker zu erkennen, der nur im Krieg ärztliche Funktionen ausübte.Denn nach der Meinung Bernheims war ein Zahntechniker weniger alsein Internist, ebenso wie in der Rangliste seiner Mutter ein Staatsbeamter über einem Bankier stand. Er sah in jeder Krankenschwester einDienstmädchen, um sich im geheimen für die Verordnungen des Spitals zu rächen, das nicht genügend Rücksicht auf seine besonderenWünsche nahm. Es war, als ob die paar Stunden, in denen er mit demLeben abgeschlossen hatte und von seiner eigenen Persönlichkeit nichtso eingenommen gewesen war wie sonst in seinem ganzen Leben, eswar, als ob diese wenigen Stunden jetzt einen doppelten Hochmut erzeugten. Es schien, daß die Natur Paul Bernheims auch eine vorübergehende Bescheidenheit nicht ertragen konnte und wettzumachen entschlossen war. Denn es ist nicht wahr, daß Leiden, Gefahren, Nähe desTodes einen Menschen ändern. Paul Bernheim konnten sie nichts anhaben.

Seine Rekonvaleszenz dauerte so lange, daß er in der Tat den Kriegnicht mehr zu fürchten brauchte. Als er das Spital verließ, bekam ereinen Erholungsurlaub, und ehe dieser noch zu Ende war, brach dieRevolution aus.

Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß sich Bernheim in jenen Tagenmit seinen Offiziersabzeichen auf die Straße wagte, ja daß er sich weigerte, Zivil anzulegen. Er schätzte seinen Rang nicht mehr, weil er zueiner besiegten Armee gehörte. Und nichts verachtete er, der vielesverachtete, so sehr wie das Besiegte. Er war im Gegenteil froh, weilnun seine kriegsfeindliche Episode auf keinen Fall mehr schadenkonnte. Mit einem leisen, allerdings sehr verborgenen Stolz dachte ernoch daran, daß England, sein England, gesiegt hatte. Es war, als hättedie Weltgeschichte der Anglomanie Bernheims recht gegeben, und ermachte, wenn man vom Krieg sprach, das Gesicht jener Männer, diegern behaupten: „Ich hab’s ja gesagt.” Und trotzdem konnte er sichnicht dazu bequemen, seine Distinktionen abzulegen, weil es irgendeinSoldat so wollte. Er schätzte ein revolutionierendes Volk ebenso gering wie ein besiegtes Vaterland.

So kam es, daß er eines Tages von einigen Soldaten blutig geschlagenwurde und als Muster heroischer, patriotischer Treue in einigen Zeitungen der Rechten figurierte. Es war das erstemal, daß er seinen Namen gedruckt lesen konnte. Und als wäre er nie ein Kriegsgegner gewesen und als hätte er niemals das Leben dem Tod im Felde vorgezogen und England seinem Vaterland, begann er, konservativ und patriotisch zu denken, und schon sah er sich Abgeordneter und Minister werden.

Selbstverständlich Minister.

V

Paul Bernheim hätte seine Wiederkehr gerne telephonisch angekündigt. Aber es war nicht leicht, mit Frau Bernheim zu telephonieren.Sie konnte nichts begreifen, wenn der Sprecher nicht in ihrer Sichtweite war. Sie mußte sich ihn zumindest vorstellen. Erst wenn siesich ein Bild von ihm gemacht hatte, begann sie, den Sinn der Fragezu begreifen. Es war, als ob die Worte, als ob die menschliche Sprache in der Welt der Frau Bernheim nur ein sehr mangelhaftes Verkehrsmittel wären und lediglich zur Unterstützung der Gesten undder Blicke dienten. Vielleicht kam daher der Leichtsinn, mit dem siemanche gewichtigen Worte bei falschen Gelegenheiten anbrachte.

Paul telegraphierte also. Auch Telegramme konnten Frau Bernheimaus der Fassung bringen. Ihrer Meinung nach war der Telegrapheigens dazu erfunden worden, um plötzliche Unglücksfälle rasch undsicher mitteilen zu können. Allmählich, seitdem sie Witwe gewordenwar, und besonders seit dem Ausbruch des Krieges, hatte sie auch angefangen, „sich einzuschränken” — wie sie zu sagen liebte — und beijedem Telegramm, das Paul ihr schickte, nachzurechnen, wieviel esgekostet haben mochte. Ihre Freude über die Ankunft Pauls entsprach, als sie sein Telegramm las, ungefähr dem Schrecken, der sieergriffen hatte, als es angekommen war, und ihrem Schmerz über dieverschwendeten Spesen. Und es dauerte verhältnismäßig lange, ehesie den Sinn der Botschaft, befreit von dem Schrecken und demTrieb, die Worte zu zählen, in seiner ganzen freudigen Bedeutung erfaßte.

Sie wußte von Pauls langer Krankheit ebenso wie von seiner Verwundung. Da er ihr aber niemals mitgeteilt hatte, daß er zur Infanteriegegangen war, blieb der Optimismus, mit dem sie der Kavallerie stetsvertraute, von Anfang bis zu Ende unverändert. Und selbst, als sievon der Verwundung Pauls erfuhr, kam es ihr nicht einen Augenblickin den Sinn, daß er auch hätte sterben können. Bei der Kavallerie verwundet werden bedeutete ihr ungefähr soviel, wie sich mit dem Taschenmesser in den Finger schneiden. Auch Typhus war ihrer Ansicht nach für einen Berittenen nicht lebensgefährlich. „Paul ist Offizier”, sagte sie, „er wird bestimmt sorgfältig gepflegt.” Nicht eineStunde während des Krieges hatte ihre Sorge ihrem Sohn gegolten,aber Tag und Nacht dem Geld. Sie hatte Angst vor der Armut. Siesah, daß man die ganze Zeit wenig Einnahmen und viele Ausgabenbuchte. Herr Merwig, ein alter Mitarbeiter ihres Mannes, kam jedenMonat zu ihr und berichtete über den Gang der Geschäfte. Der Ausgang des Krieges, die Revolution, die Krüppel auf den Straßen unddie Überzahl der Bettler, die nach ihren Worten „das Haus einrannten”, beschäftigten sie so sehr, daß ihr die Rückkehr Pauls kaum einpaar Minuten freudiger Aufregung brachte. Am Abend, als Theodornach Hause kam, zeigte sie ihm das Telegramm. Er legte es, säuberlich gefaltet, ohne ein Wort zu sagen, auf den Tisch und begann, dieZeitung zu lesen. Frau Bernheim ergriff das Lorgnon, das immer anihrer Hüfte hing und an eine Waffe erinnerte, ließ die Gläser hörbaraufschnellen, führte sie an die Augen und betrachtete ihren Sohn, alsschaute sie auf die Bühne. Sie liebte es, das Lorgnon zu gebrauchen,wenn sie ungehalten war. Sie hatte die Erfahrung gemacht, daß dieDienstboten vor den Gläsern erschraken. Theodor hörte ihr Geräusch und neigte den Kopf noch tiefer über die Zeitung.

Frau Bernheim ließ das Lorgnon wieder fallen. Nach einigen Sekunden sagte sie: „Du hast ebensowenig Herz, wie dein Vater gehabt hat.Aber er war wenigstens klug. Er hatte einen genialen kaufmännischenGeist.

Du aber bist auch noch ein Taugenichts. In diesen ganzen Jahren hastdu nichts gelernt. Wenn es diese famosen Notprüfungen nicht gegeben hätte, wärest du ewig in der Schulbank geblieben oder ein Schuster geworden. Du erinnerst mich ganz an den seligen Vetter Arnold.Er hat Schulden gemacht und ist im Irrenhaus gestorben. Und das hatauch Geld gekostet, sonst hätten wir die Freude gehabt, ihn im Kriminal zu sehen.”

Sie wartete ein paar Minuten. Dann, als Theodor noch immer in derZeitung las, schrie sie plötzlich: „Wir haben kein Geld mehr, Theodor,hörst du? Wir haben kein Geld mehr, um Taugenichtse vor dem Kriminal zu retten! Du wirst in Eisen sitzen müssen, hörst du?!”

Theodor legte beide Hände an die Ohren und las weiter in der Zeitung.,,Leg die Zeitung sofort weg, wenn deine Mutter mit dir spricht”, fuhrFrau Bernheim leiser fort.

Theodor nahm sofort die Hände von den Ohren, hörte aber nicht aufzu lesen.

Manchmal gelang es ihm, so lange zu schweigen, bis sie das Zimmermit einem lauten Seufzer verließ. Heute aber schien sie nicht weichenzu wollen. Sie machte sich wieder ans Reden. Sie begann, mit einerStimme, deren Eintönigkeit aufreizte, langsame, gleichmäßig langsame Sätze wie Garn abzuspulen. Bei jedem Satz hatte Theodor dasGefühl, daß er niemals aufhören werde. Als wüßte Frau Bernheim,daß diese Art zu sprechen auf ihren Sohn Eindruck machte, unterstützte sie die Eindringlichkeit ihrer Rede durch gleichmäßige, glättende Bewegungen auf dem Tischtuch. Unaufhörlich und in demlangsamen Tempo, in dem sie sprach, wischten ihre flach ausgestreckten Hände nach links und rechts die Kanten des Tisches. ObwohlTheodor in die Zeitung versenkt war, stahlen sich die weißen, bläulich geäderten Hände der Mutter in sein Blickfeld, und allmählich ergriff ihn vor diesen schwachen Händen der alten Frau eine Angst wievor Mörderhänden. Er rührte sich nicht. Er hörte auf zu lesen. DieKolonnen der Zeitung verschwammen vor seinen Blicken. Aber erließ nichts erkennen, und zum Beweis dafür, daß er nur mit der Lektüre beschäftigt sei, blätterte er langsam die Zeitung um, in demselbenTempo, in dem die Rede seiner Mutter rann, und gebannt von ihremRhythmus.

„Wenn ein Bruder aus dem Krieg nach Haus kommt”, sagte FrauBernheim, „hat ein anständiger Mensch sich zu freuen. Dir aber tut esleid, daß Paul nicht umgekommen ist. Glaubst du nicht, daß eine Mutter alles von ihren Kindern weiß? Gott ist mein Zeuge, unser seligerVater weiß es auch, er hat es mir nie glauben wollen, und ich habe ihmimmer gesagt, was du für ein tückisches Kind bist, boshaft wie eineSpinne und falsch wie eine Katze und dumm wie ein Esel. Eine ganzeNaturgeschichte bist du, und die ganze Erziehung war umsonst, mankann, hab’ ich immer zu Felix gesagt, keine Kinder erziehn, wenn siees nicht von der Geburt mitbekommen haben, die Seele, glaub’ ich,und das ist es auch, du hast keine Seele. Wenn du nicht Angst hättest,würdest du deine alte Mutter schlagen, du möchtest mich schon alsLeiche sehn, schrecklich, als Leiche. Aber ich werde nicht ruhig sterben, bis ich nicht weiß, daß du ein anständiger Mensch geworden bist,du kannst es aber nicht werden, was machst du denn die ganzen Tage,du gehst mit deinen lieben Freunden herum, die mir alle nicht gefallen,Paul hat in deinem Alter schon getanzt, er war ein wundervoller Tänzer und hat schon hübsche junge Damen charmiert und hat nicht denganzen Tag in den Wäldern gelegen und hat nicht herumgeschossenwie du, ich habe Angst vor deinen Raubmessern und Mordpistolen,Anna will nicht mehr dein Zimmer aufräumen, soll ich es vielleichtselber tun ...?”

Eine dunkle, fast bläuliche Röte überzog das Angesicht Theodors. Hastig schmiß er die raschelnde Zeitung auf den Boden. Er erhob sich,warf mit einem Fuß hinter sich den Stuhl um, seine kleinen, rollendenAugen hinter der dunkel geränderten Brille schienen auf dem langenund breiten Tisch nach einem Gegenstand zu suchen, den man nachder Mutter werfen könnte. Da er gar nichts fand, begann er, sinnloszwanzigmal hintereinander zu schreien:

„Heb sie auf, die Zeitung, heb sie auf, heb sie auf, heb sie auf, Mutter,heb die Zeitung auf, Mutter, Mutter!”

Er war im Nu wieder blaß geworden.

Sein flaches, gelbes, dünnes Angesicht erinnerte an ein ungegorenes,im Ofen eingefallenes Brot. Es war mehr nach innen gewölbt als nachaußen. Die Nase schien bis zur Spitze, die zart, blutleer und stumpfhinaufragte, noch zu den Wangen zu gehören. Die Lippen waren dünnund schlossen nicht ganz über den langen Zähnen. Das Kinn strecktesich nach vorne wie bei Menschen, die ihren Kopf zwischen hochgezogenen Schultern zu tragen pflegen. Die Ohren waren gelb, groß unddurchsichtig wie aus Pergament und randlos, als hätte ihre Substanzfür die Ränder nicht mehr ausgereicht. Über der noch kurzen, knabenhaften Stirn, die aber wie die Stirn eines Alten von vier, fünf Längsfalten durchquert war und zwei dicken, vertikalen Strichen über der Nasenwurzel, erhob sich dünnes, wasserblondes Haar, krampfhaft aufwärts gekämmt. Die wasserhellen Augen hinter den funkelnden Gläsern hatten einen erschreckten Ausdruck. Sie waren wie die Augeneines, der in ein plötzlich ausgebrochenes Feuer blickt. Die Stimmewurde hell und kläglich. Man hätte glauben können, Theodor rufeseine Mutter zu Hilfe, während er ihr zurief, sie möge die Zeitungaufheben. Er begann zu beben. Um seine Zähne nicht klappern zulassen, biß er sie aufeinander. Und so, die Zunge hart an den Zähnen,versuchte er eine Art von lispelndem, schwerverständlichem Schreien:,,Heb die Zeitung auf, heb ssie auf, heb ssie auf!”

Frau Bernheim, die derlei Ausbrüche Theodors nicht ohne eine gewisse Schadenfreude genoß, hob wieder das Lorgnon. Sie schätztediese Augenblicke. Es waren die einzigen, in denen sie sich wirklichüberlegen fühlen konnte — und in denen ihre Logik auf einmal wachwurde, wie angeregt von der vollkommenen Sinnlosigkeit des andern.Obwohl ihr Mund sich nicht verzog, leuchtete in ihren harten Augenschon der Widerschein eines Lächelns, während sie mit ruhigerStimme den Augenblick ausfüllte, in dem Theodor atemlos und stummdastand:

„Du hättest es nicht nötig gehabt, die Zeitung auf den Boden zu werfen. Aber sogar, wenn es notwendig gewesen wäre, brauchte deineMutter sie dir nicht aufzuheben. Bück dich, es wird dir guttun. Es istebenso gesund, wie in den Wäldern herumzulaufen. Bück dich, meinSohn, bück dich!”

Sie sprach diese Sätze mit einer sanften, mütterlichen Stimme, in derdie Bosheit eingepackt war wie ein Instrument aus dünnem Stahl inweicher Watte.

Theodor verließ das Zimmer. Frau Bernheim sah noch einen Augenblick auf die Tür, die er zugeschlagen hatte. Sie wartete, bis das Echodes Knalls sich verzog.

Dann bückte sie sich, hob die Zeitung auf und begann zu lesen.

Theodor begab sich in den Korridor.

Er lächelte. Er bemühte sich, leise aufzutreten. Seine Kurzsichtigkeitmachte ihn vorsichtig. Er streckte den Kopf. Er drehte ihn nach allenSeiten. Er näherte sich dem breiten Wandschrank gegenüber der Garderobe. Im zweiten Fach links oben stand die Büchse aus Blech, eineSammelbüchse. Sie war Frau Bernheim einmal von einem Wohltätigkeitsverein gebracht worden und sollte einmal im Monat entleert werden. Aber Frau Bernheim wollte mit eigenen Augen sehn, wohin ihrGeld kam. Quittungen behagten ihr nicht. Sie bewahrte daher in jenerBüchse das Kleingeld für die regelmäßigen Bettler, die an einem bestimmten Tag in der Woche kamen.

An der Büchse hing ein winziges Schloß. Theodor hatte schon hie undda versucht, es mit einem der vielen Schlüssel, die er besaß, zu öffnen.Er wußte, daß man Frau Bernheim keinen größeren Kummer zufügenkönnte, als wenn man dieses Geld, das ihr schon leid tat, wenn sie esverschenken durfte, auch noch stahl.

Zuerst nahm er die Büchse in sein Zimmer. Er schloß die Tür ab, versuchte einen der kleinen Schlüssel nach dem andern, dachte nach, ergriff ein Messer und begann, vorsichtig den Spalt auseinanderzustemmen. Er hatte Herzklopfen vor Schreck und Freude ... Ein paar Augenblicke ließ er die Büchse ruhig stehn und versuchte, sich die Aufregung seiner Mutter vorzustellen. Sein Mund sagte plötzlich laut: „Kanaille!” Er horchte. Da sich nichts rührte, kehrte er die Büchse um.Aber sie schepperte lauter, als er erwartet hatte. Er lauschte wiederum.Er machte die Türe auf und überzeugte sich, daß niemand da war.Dann begann er, mit unendlicher Sorgfalt eine Münze nach der andernherauszuholen. Viele rollten gehorsam und glatt durch den Spalt. Andere blieben hartnäckig drinnen. Er wurde müde, setzte sich, er hattedie Leidenschaft eines Jägers. Er arbeitete bis tief in die Nacht. Eswaren schließlich nur noch wenige scheppernde Münzen in derBüchse. Dann drückte er vorsichtig die Spaltsäume zusammen, schlichhinaus und stellte die Büchse wieder an ihre Stelle.

Er zählte das Geld. Es ergab gerade den Monatsbeitrag für den Verein,,Gott und Eisen”, dem er seit zwei Jahren angehörte.

Diesen Verein hatte ein junger Mann namens Lehnhardt begründet.Außer ihm, dem Gründer, der ein Bürgerlicher war, sollten nur Adelige aufgenommen werden. Deren gab es aber nach zwei Monaten nurvier. Deshalb wurden die Statuten dahin verändert, daß nur „Blondeaus arischen Familien” aufgenommen werden durften. Bei näheremZusehn ergab es sich aber, daß die Haarfarbe des Gründers selbst eherbraun als blond war. Immerhin wies man den schwarzhaarigen Sohndes Landesgerichtspräsidenten ab. Dieser Junge beklagte sich bei seinem Vater. Er behauptete, Lehnhardt und Theodor Bernheim hättenihn einen Juden genannt. Sehr indigniert lud der Landesgerichtspräsident die beiden ein und bewog sie, seinen Sohn aufzunehmen. So bliebschließlich das Statut, das den Juden den Zutritt verbot.

Sie halfen einander mit Büchern, Geld und Waffen aus. Sie schwuren,nachdem sie die Notprüfung abgelegt hatten, immer in Verbindung zubleiben. Vorläufig meldeten sie sich zur freiwilligen Sanität. Sie hatten,,Dienst”, gingen zu den Verwundetentransporten, schleppten Tragbahren, saßen neben den Chauffeuren der Krankenwagen und pfiffenaus schrillen Pfeifen in den Straßen der Stadt, um die anderen Gefährteaufzuhalten. Jeden Tag erwachten sie in der Erwartung, die Mobilisierung ihres Jahrgangs angekündigt zu sehn. Als aber schließlich derFriede kam, schwuren sie der Republik Rache, suchten und fandenBeziehungen zu den geheimen Organisationen und marschierten zweimal wöchentlich zu den Übungen vor die Stadt.

Bei diesen Übungen tat sich Theodor nicht hervor. Er war zu körperlichen Anstrengungen ungeeignet. Die Fahlheit seiner Haut, seine hastigen, kurzen Schritte, seine Sprache, die oft tonlos wurde, die Aufregung, in der er gleichgültige Dinge mitzuteilen pflegte, die Heftigkeitder Bewegungen erweckten den Eindruck, daß man seinen hastigenPuls hörte. In seiner Brust schien das zappelnde, kleine, aufgeregteHerz eines Vogels eingebaut. Er konnte einem mit dem Ausdruckeines Menschen entgegentreten, der soeben eine überraschende Neuigkeit erfahren hat, um dann eine schlichte Mitteilung etwa von dieserArt zu machen:

„Wissen Sie schon? Habe ich es Ihnen nicht schon gesagt? — Ich habegestern einen Brief von Gustav bekommen.”

Er verlieh den unbedeutendsten Ereignissen eine gefährliche und geheime Wichtigkeit, ja besonders eine geheime. Es war sein Ehrgeiz,irgend etwas früher zu wissen als die andern; aber es auch unter demSiegel der Verschwiegenheit irgend jemandem erzählen zu können.Auf diese Weise nährte er fortwährend den Glauben an seine Bedeutung. Aber fortwährend zitterte er auch um sie.

Er besaß einen Sinn für die Dinge der Öffentlichkeit und für die großen Worte: Ehre, Freiheit, Nation, Deutschland. Um jeden Preiswollte er irgendeine Wirkung üben. Seine Angst, er könnte krank werden, Angina bekommen, eine Lungenentzündung, eine Rippenfellentzündung, machte ihn ungeduldig. Er konnte kaum ein Buch zu Endelesen. Aber er brauchte nur zehn Seiten, um über die Maßen begeistertzu sein oder um es „einen Dreck” zu nennen. Denn er liebte die starken Ausdrücke — und das war vielleicht das einzige deutliche Anzeichen seiner Jugend.

Er hielt sich für außergewöhnlich vornehm. Manchmal träumte er davon, eine Geschichte seiner Familie zu schreiben, dem Stammbaum derBernheims nachzuforschen und den Beweis zu erbringen, daß es einealte, adlige Rasse war. Die jüdische Abkunft seiner Mutter störte ihn.Und nicht einmal vor seiner Krankheit hatte er soviel Angst wie vorder Möglichkeit, seinen Kameraden einmal über die Familie seinerMutter Auskunft geben zu müssen. Er beschloß, um jeden Preis zulügen. Dieser Entschluß war so stark, seine Furcht so groß, daß erallmählich zu der Überzeugung kam, er hätte nichts zu verbergen. AlleAusreden, die er fand, wurden im Lauf der Zeit für ihn pure Wahrheiten.Die Überzeugung, daß er vornehm sei, äußerte sich in einem Hochmut,den die Kameraden nur deshalb ertrugen, weil er hie und da mit Intimitäten-Austausch und Vertraulichkeiten, ja Schmeicheleien abwechselte.Theodor konnte einem seiner Genossen sagen: „Unter uns, Sie sind ja dereinzige unter den Burschen, der weiß, was er will!” Oder: „Das warglänzend, bewundernswert, wirklich eine Tat!”

Es ist anzunehmen, daß Theodor all das glaubte, während er es aussprach.An den gemeinsamen Ausflügen und Übungen nahm er nicht gerne teil.Nicht nur, weil er um seine Gesundheit besorgt war, sondern auch, weilihn manche groben Äußerungen, manche Zudringlichkeit, eine geschmacklose Wendung beleidigten. Er hatte sich seine Vornehmheit soerfolgreich suggeriert, daß er sogar vornehme Empfindlichkeiten erwarb. Das Marschieren, das Schießen, das Kampieren im Freien machtenihm keine Freude. Nur die Tatsache, daß es eine geheime Verbindungwar, die Gefahren barg, und die Möglichkeit, ein Verschwörer zu sein,aber auch von Gesinnungsgenossen gehört zu werden, hielt ihn in derGesellschaft seiner Freunde. Er liebte die großen Stiefel nicht und nichtdie Wickelgamaschen. Die Naturnähe des Wandervogels hielt er fürordinär. Er erwartete viel mehr von der „Technik”. „Für die Zukunft” ein Wort, das er besonders schätzte. Er hatte den ehrlichen Willen, dasdeutsche Volk in der Welt triumphieren zu sehen, aber mit modernenMitteln. Mit Flugzeugen, Boxern, guten und billigen Automobilen, chemischen Apparaten, merkwürdigen Maschinen. Übungen in den Wäldern nannte er im stillen und nur für sich romantisch. Nur mußte ervorläufig diese Romantik mitmachen, um durch sie zu einer realenMacht, mindestens zu einem Einfluß zu gelangen. Es machte ihm wenigaus, daß er vorderhand log. Es gehörte zu seinen Prinzipien.

In dieser Nacht konnte er lange nicht einschlafen. Über die leere Büchsewürde sich nicht nur seine Mutter zu Tode ärgern — ja, zu Tode, denn wäresie nicht vorhanden, so hätte man eine von den Ängsten weniger —, derInhalt ersparte auch eine Ausgabe von dem Taschengeld, das man seltenerhielt.

Seine Freude wurde nur durch die Gedanken an Pauls Rückkehr getrübt.Ich sehe schon, sagte er sich gegen zwei Uhr morgens, ich werde wiedereinmal eine schlaflose Nacht verbringen. Zum Überfluß fängt es noch anzu regnen.

In der Tat fing es an, in der Rinne zu wimmern, die hart neben demFenster Theodors angebracht war. Er entzündete die Lampe amNachttisch, fand, daß sie wenig Licht gab, stand auf, um den großenKontakt an der Wand anzuknipsen, legte zuerst die Brille an, denn erfühlte sich unsicher im Halbdunkel, und blieb, als es hell gewordenwar, im Vorübergehen vor dem Schrankspiegel stehn. Er sah nichtohne Befriedigung, daß sein Pyjama einen guten Eindruck machte. Eshatte einen seidigen Schimmer, Borten dick und geflochten nach Artder Litewkas der Kavalleristen, seine Farbe war die eines abendlichen,opalenen Sommerhimmels. Theodor liebte Pyjamas, gute Wäsche, seidene Strümpfe. Er hielt es für ein Zeichen der Vornehmheit, in derNacht tadellos gekleidet zu sein. Krawatten gut und flott zu bindenmachte ihm jeden Morgen ein Vergnügen. Und für die Aufnahme desschwarzhaarigen Landesgerichtssohnes war er nicht zuletzt deshalbeingetreten, weil der Junge auf Herrenmodezeitschriften abonniertwar, die er Theodor manchmal lieh.

Um einschlafen zu können, nahm Theodor Veronal. Es konnte allerdings seinem „Herzen schaden”. Er litt unter der Vorstellung, daß derApotheker sich geirrt und ihm statt einer Medizin ein Gift gegebenhatte. Diese dummen Apotheker, dachte er, vergiften einen Menschenwie eine Ratte. Wenn ich so einem Pharmazeuten unsympathisch bin,denkt er an meinen Tod. Man muß die Kerle höflich behandeln. Morgen werde ich mit ihm liebenswürdig sein. Er nannte alle Männer,,Kerle”. Er unterschied zwei Arten von Kerlen: die er bewunderteund die er verachtete.

Sein Bruder Paul gehörte zu den Kerlen, die er verachtete und beneidete. Morgen kommt also dieser Kerl daher! Er ist reich, jung undgesund, ein niederträchtiges Sonntagskind. Ob er mir einen Pfenniggibt? Bestimmt nicht. Er ist ein Geizkragen. (Denn es gehörte zuTheodors Eigenheiten, sowohl den verachteten als auch den geschätzten „Kerlen” einen „Geiz” anzudichten.) Morgen kommt er daher undergreift Besitz vom ganzen Haus. Er und die Mutter werden jetzt gegen mich Zusammenhalten. Ich werde ihn sehr hochmütig empfangen.So wie ich das kann.

„So wie ich das kann”, wiederholte er flüsternd. Angst hatte ihn wieder ergriffen. Das Veronal half nicht, es verursachte Herzklopfen, dieDachrinne hörte nicht auf zu wimmern, die Windstöße streuten in unregelmäßigen Abständen dicke Wassertropfen wie Kieselsteine gegendie Fenster. Theodor begann in einem Buch zu blättern, das er in PaulsBibliothek gefunden hatte. Es war der „Rembrandt-Deutsche”. Erstieß auf einen Satz, der ihm gefiel, beschloß, ihn sich zu merken undmorgen, wenn er mit Lehnhardt sprach, zu zitieren. Das ermüdete undschläferte ihn ein.

Der Morgen erfüllte fahl das Fenster.

VI

Theodor erwachte spät.

Er horte Pauls Stimme aus dem Korridor und beschloß, das Wiedersehn mit dem Bruder möglichst lange hinauszuschieben und noch zweiStunden im Bett zu bleiben. Seine Mutter klopfte an die Tür. Er meldete sich nicht, hüstelte nur. Er hörte, wie sich die Mutter wieder entfernte und im Speisezimmer etwas zu Paul sagte.

Er kleidete sich mit besonderer Sorgfalt an und steckte das Abzeichendes Vereins „Gott und Eisen” ins Knopfloch. Es war ihm, als rüstete ersich zu der Begegnung mit einem gefährlichen Gegner, und sein Instinkt gebot ihm, allerhand Vorbereitungen zu treffen, und drückteihm zuletzt noch eine seiner drei Pistolen in die Hand. Er sah dasMagazin nach und steckte sie in die Hosentasche. Dann ging er leise,als hätte er jemanden zu überraschen, zur Tür des Speisezimmers,lauschte noch eine Weile und trat ein.

Die beiden Brüder umarmten sich flüchtig und hauchten ihre Küsse indie Luft, einer über die Schulter des ändern.

„Was trägst du da für ein Abzeichen?” fragte Paul.

„Das ist unser Verein!” erwiderte Theodor.

„Was macht ihr dort?”

„Allerhand!”

Lange Pause.

Theodor, der Stille nicht vertrug, fing an, im Zimmer hin und her zugehn, den Kopf gesenkt, mit kurzem Schritt, den Daumen der rechtenHand im Ärmelausschnitt der Weste. Man hätte glauben können, ermemorierte etwas oder löste in der Eile ein Rätsel, das ihm sein Bruderaufgegeben hatte.

„Du bist heute spät aufgestanden?”

„Ja!” knurrte Theodor.

„Du bist spät schlafen gegangen?”

Theodor schärfte die Ohren. Wußte der Bruder von der Büchse?

„Ja, weißt du, der Regen läßt mich nicht schlafen, und außerdem hab’ich gearbeitet!”

„Du studierst?”

„Ja, ich beschäftige mich seit einigen Monaten mit Marx.” Theodorliebte die verblüffenden Lügen. So erreichte er, daß der andere durchdas Staunen gar nicht zur Ungläubigkeit kam, sondern eher zum Respekt.

„Wie kommst du auf Marx?”

„Es sind richtige Sachen bei diesem Kerl. Er hat eine Nase gehabt. Undaußerdem soll man den Feind kennen, ehe man ihn bekämpft.”

„Du willst also gegen ihn schreiben?”

„Schreiben?! Die Zeit ist vorbei! Das überlasse ich dir. Unser neuesGeschlecht kennt Taten!”

„Was sind Taten?”

„Was man mit Kopf und Hand ausführt. Zum Beispiel: Ordnung inDeutschland machen, die Regierung stürzen, die Bolschewisten unddie Juden aller Parteien verbannen, Freudenfeuer anzünden und denKrieg erklären!”

„Sprichst du im Namen eures Vereins?” fragte Paul.

„Immer”, erwiderte Theodor. „Bei uns gibt es keine verrückten Einzelgänger wie du. Wir werden keinen Krieg mehr verlieren.”

„Machst du mir die Niederlage zum Vorwurf?”

„Allerdings, dir und den andern Juden!”

„Also Krieg zwischen uns?”

„Feindschaft auf jeden Fall. Wenn es nötig ist, auch Krieg!”

„Unter solchen Umständen”, begann Paul nach einer Weile sehr ruhigund langsam, „können wir nicht unter einem Dach leben. Wir werdenvielleicht die Mutter fragen — denn dieses Haus gehört nach dem Testament des Vaters ihr —, wer von uns beiden hierbleiben darf.”

„Das Gesetz geht mich einen Dreck an. Nach eurem römisch-jüdischen Recht muß ich vielleicht ausziehn.”

„Wir haben allerdings kein germanisches.”

„Wir werden sehen!”

Theodor begann wieder seine Wanderung, den rechten Daumen imAusschnitt der Weste. Er wollte versuchen, eine Art stiller, sachlicherGegnerschaft aufzurichten.

„Hast du Marx jemals gelesen?”

„Nein”, sagte Paul, „nur Mangelhaftes über ihn!”

Trotzdem glaubte Theodor, daß eine objektive Anerkennung marxistischer Vorzüge Paul versöhnlicher stimmen würde. Also sagte er:

„Immerhin, enorme Sache, dieser Marx!”

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