drukowana A5
18.23
Zur
Psychologie
des Individuums

Bezpłatny fragment - Zur Psychologie des Individuums

Objętość:
71 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0776-1

I.Chopin und Nietzsche

I

Wie sagt doch Zarathustra in seiner erhabenenSternenweisheit?

„Ich lehre euch den Übermenschen. DerMensch ist etwas, das überwunden werdensoll. — Was habt ihr getan, um ihn zu überwinden?

Alle Wesen bisher schufen etwas über sichhinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großenFlut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als den Menschen überwinden?”

Es gibt nichts, das die Tragik des menschlichen Intellektes deutlicher offenbarte, als dieseWorte.

Kant, der Gott die Existensberechtigung entzogen, erfand einen neuen Beweis für sein Dasein, Schopenhauer, der das Phantom der Willensfreiheit weggeblasen hatte, konnte nicht mehrdie Verantwortlichkeit überwinden und schuf fürsie in seinem „intellektuellen Gewissen” eine neueStütze, und Nietzsche, der Freieste unter denFreien, er, der leichte Füße, fließenden Rhythmusund rasches Tempo lehrte, mußte sich den Übermenschen schaffen, als Beruhigung, Tröstung, eineArt Ruhekissen, auf dem er sein müdes, überhitztes Haupt niederlegen könnte.

Doch wie der Kliniker zwischen Wahn-- undZwangsvorstellungen unterscheidet und denersteren Illusionen beizählt, die als reelle Empfindungen aufgenommen, den letzteren Wahngebilde,die als solche von dem Kranken erkannt werden,so ist auch hier dieselbe Unterscheidung vorzunehmen.

Kant und Schopenhauer begingen ihre Irrtümer mit vollster Überzeugung, sie glaubtennur strenge Konsequenzen zu ziehen, ob aberNietzsche an das Phantom, das er in schwerenStunden der Verzweiflung geschaffen hatte, auchtatsächlich glaubte?

Ob er nicht dabei resigniert lächelte, und mitmilder Selbstironie sich das vorrezitierte, waser einst über Erlösungsbedürfnis und den —Katholizismus der Gefühle schrieb?

Und das eben, was mich veranlaßt, Kant,Schopenhauer und Nietzsche zu sondern, ist esauch, was den Individualismus von gestern undden von heute unterscheidet.

Das Individuum des Altertums und des Mittelalters war eine machtvolle Persönlichkeit, vollüberschäumender Kraft, die regelmäßig in Wahnsinn ausartete, voll unerschütterlichen, rücksichtslos fanatischen Glaubens, glühender Begeisterungund brutalen Orgiasmus: dieses Individuum warein Raubtier, Delirant und Gott zugleich unddiese Art von Individuen waren es, welche denWahnsinn zum Ausgangspunkte aller religiösenund staatlichen Handlungen machten, sie warenes, welche vermöge ihrer dämonischen Suggestionsmacht die gewaltigen Massenpsychosenin Szene setzten: die Kreuzzüge, die Religionskämpfe und noch zuletzt die französische Revolution.

Mania und Glaube kennzeichnen diesen Individualismus.

Der Individualismus von heute hat außerdemselben Ursprunge, dem intensen Willen zurMacht, nichts mit dem früheren gemein.

In einer Zeit, wo die Herdeninstinkte sichzu einem mächtigen Gefühl der Zusammengehörigkeit kondensiert haben, wo die Rechte einesjeden Menschen genau abgegrenzt sind, wo jedeMachtäußerung als ein Übergriff an diesemRechte empfunden und zurückgewiesen wird, woalles, das über das Niveau des Althergebrachten,Gewöhnlichen, Alltäglichen hinausreicht, als schädlich und gemeingefährlich bekämpft werden muß,ist an die Machtentfaltung der herrschsüchtigenInstinkte, an den Auslöser der tatengierigen Kräfte,an die Geltendmachung der über das Maß hinausgehenden Anlagen nicht zu denken.

Für das Individuum, das dermaßen organisiertist, gibt es in der „Gesellschaft” keinen Platz.Und weil ein solcher Mensch alles, was eram liebsten tun möchte, nicht tun darf, und daihm für seine Gedanken und Taten die Zustimmung aller fehlt, so wird er zu einer ArtTschandala und Paria: er fängt an, sich als Individuum zu betrachten. —

Was das Individuum von heute auszeichnet,das ist das Gefühl des Über-den-Menschen-seins,das Gefühl, außerhalb der Marktinteressen derMenge zu stehen, das Gefühl über alle Gefühle;seine Instinkte verkümmern, die Quelle seinerKräfte allmählich versiegen zu sehen — dieGeschichte des Individuums wird zu einer traurigen Monographie von gehemmtem Willen undirrgeleiteten Instinkten, einer Geschichte vomlangsamen Bergeinsturze, wo das Wasser, daskeinen Abfluß gefunden hat, sich in die Tiefeniederschlägt, Gesteinsmassen auflöst, zersetzt,aussaugt und den Fels in seinem innersten Gefüge lockert.

Daher die Sehnsucht nach Befreiung undErlösung, die gefährliche, flügelrauschende Sehnsucht nach dem Hinüber und Hinauf.

Doch diese Sehnsucht hat aber noch ein distinktes Merkmal: das Bewußtsein der Aussichtslosigkeit, das klare Bewußtsein, daß der ersehnteGegenstand eine Zwangvorstellung ist.

In ihr spricht sich ein Geist aus, der mitder ätzenden Säure seiner Vernunft alles zerstört, der längst aufgehört hat, an sich selbstzu glauben und sich gegen seine Arbeit mißtrauisch und ablehnend verhält, ein Geist, welchersich selbst untersucht, sich nicht mehr ernstnehmen kann und über sich selbst hinwegzulachenund auf seinem eignen Kopfe tanzen gelernt hat,der in dem höchsten Raffinement menschlicherFindigkeit unbefriedigte Geist, der endlich nachlangem Suchen zu der trostlosen Erkenntnis gekommen ist, daß doch alles umsonst gewesen,daß er über sich selbst nicht hinauskommenkann.

Daher auch die Sucht nach dem Genusse. —

Doch dieser morbiden Genußsucht fehlt dieunbefangene Freude an dem Genusse, der sichSelbstzweck ist, und der dem instinktiv empfundenen Überflusse an Kräften entströmt. DasIndividuum von heute besitzt nicht solche Instinkte und daher ersetzte es die naive Freudean der Auslösung des Kräfteüberflusses mit demVerlangen nach Betäubung. Das ganze Lebenwird zu einer reinen Betäubungsfrage.

Die Morbidezza eines solchen Genusses, derin dem Sich-betäuben-wollen gipfelt, erklärt dannauch die Art zu genießen.

In der schmerzhaften Anspannung der arbeitsunfähigen Nerven schwingt sich das Individuumdécadent bis zu jener geheimen Grenze hinauf,wo im menschlichen Leben Freude und Schmerzin einander übergehen, wo beide in ihren Extremen zu einer Art zerstörenden Lustgefühls,eines extatischen Außer-- und Über-sich-seinswerden. Alle Gedanken und Taten nehmen dieFormen des Verwüstenden, Maniakalischen anund über allem ruht schwer, bedrückend etwasvon der schwülen Athmospähre des nahendenGewitters, etwas von den schmerzhaften Vibrationen der delirierenden Wollust einer Impotenz,etwas von der hektischen Röte einer Hysterieder Sinne.

Es ist ein klinisches Bild, das ich hier entworfen habe und einem solchen muß naturgemäßdie physiologische Betrachtungsweise zu Grundeliegen.

Das Individuum ist in erster Instanz nichtsals ein automatischer Oxydationsapparat, dessenganzes intellektuelles Leben in erster Linie nureine Einrichtung bedeutet, welche die vegetativenLebensäußerungen psychisch umzuwerten und zuinterpretieren, und so den Einzelnen vor demUntergange schützt, indem sie ihm das Förderndeals Glücksgefühle, das Schädliche als Mißbehagenund Schmerz umdeutet.

Das psychische Leben aufgefaßt als vergeistigter Geschlechtstrieb, vergeistigte Magenvorgänge, vergeistigte Absonderungs-- und Oxydationsprozesse vermag uns auch etwas über die biologischeStellung und Bedeutung des Individuums zu sagen.

Ich glaube hier eine These aufstellen zukönnen, die nicht weit an der Wahrheit vorbeischießen dürfte:

Je verfeinerter die Instrumente sind, welchedie vegetativen Prozesse zum Bewußtsein bringen,je intensiver die Ausdrucksformen dieser Prozessesowohl in der Freude wie im Schmerze, destogrößere Aussichten besitzt das Individuum, sichzu erhalten, zu behaupten und so für das gedeihliche Fortkommen der Art zu sorgen.

In diesem Sinne ist das Individuum ein Art-erhaltendes, Art-förderndes Agens, nur so ist eszu verstehen, weshalb es gerade das Individuumwar, welches den gefährlichen Übergang vomTiere zum Menschen einleitete, welches die nachrückende Masse organisierte und von welchem alleGestaltungs-- und Formungsprozesse ihren Ausgang nehmen.

Das Individuum ist der ewige Zirkulationsstrom voll ernährenden Plasmas, der in demsonst bedeutungslosen Gewebe den Stoffwechsel,die Grundlage des organischen Wachstums, besorgt und es so funktionell brauchbar macht, —ein Fermenterreger, der in das indifferente Gemenge die Gährungsprozesse einleitet, der leitendeVerbindungsfaden, den man in einem Embryozwischen Nerven und Muskelzellen vermutet undan dem der Nervenfaden in einen ganz bestimmtenMuskel hineinwächst. —

Daher auch das Pathologische solcher Erscheinung, aber nur im klinischen Sinne.

Nur im klinischen, im physiologischen ist einesolche Entwicklung die denkbar natürlichste.

Das Individuum besitzt eine Nervenmasse voneiner ungeheuren Instabilität, einer enormen Zersetzbarkeit, infolgedessen auch das Maßlose derEmpfindungsqualität.

Maßlos im Schmerz und maßlos in derFreude.

Diese intense Empfindungsweise ist es, welchedas Individuum darauf anweist, allein und einsam zu sein.

Nicht das Individuum sondert sich ab, sondernes ist schon von vornherein abgesondert.

Es empfindet anders, als alle Menschen, esempfindet dort, wo andere Menschen nichts emfinden, und weil die Gehirne seiner Mitmenschenselbst nicht einmal dort in Mitschwingungengeraten, wo das Individuum sich in heftigsterVibration befindet, so ist es eben einsam undallein. —

Das Tieftragische im Individuum ist das Mißverhältnis, in welchem es zu seinen Mitmenschensteht. Aus diesem Mißverhältnis erklärt sichdann sein Menschenekel und Menschenhaß, seinMißbehagen und seine Sehnsucht, seine Selbstflucht und seine Krankheit und an diesem Mißverhältnisse geht das Individuum zu Grunde.

Das aber muß ich betonen, daß die Notwendigkeit des Unterganges einer solchen Persönlichkeit nicht in den Verhältnissen liegt, nichtim Außen begründet ist, sondern im Individuumselbst, in seiner innersten Uranlage, in seinerhohen Entwickelung.

Was diese Art der Entwickelung charakterisiert, ist die enorme Anspannung sämtlicherKräfte in jedem Momente, das ist das große Gehirn mit der Fähigkeit, das Gras wachsen zusehen, das Unhörbare zu hören, sich in jedemAugenblicke an jeder Empfindung mit seinemganzen Inhalte zu betätigen, das ist der synthetisierende Geist, der jedes Ding in seinen entlegensten Zusammenhängen, in seinen intimstenAusstrahlungen zu erfassen und es so zur höchstenPotenz zu erheben vermag, das ist der andauernde intellektuelle Erethismus mit seinen kataleptischen Zuständen, seinen Autosuggestionenund Wahnvorstellungen.

Es ist klar, daß eine solche geistige Verfassung nur unter der Voraussetzung einer enormen Empfindungsintensität möglich ist: das Fatalean jeder wachsenden und gesteigerten Kultur istdas steigende Überhandnehmen der Schmerzgefühle, die dann als organische Räsonanz, denVerfall zur Folge haben: die Kultur geht an sichselber zu Grunde; und das Fatale am Individuumist es eben, daß alle seine Gefühle mit Schmerzgefühlen innig vermengt und zersetzt sind, daßes fortwährend jenen physiologischen Rückschlägenausgesetzt ist, die ein anderer sonst nur bei demintensesten aller seiner Gefühle — dem Wollustgefühl — konstatieren kann, und die dann nurnoch der Dichter nach jedem Schöpfungsakte ansich erfährt, — wie überhaupt der Dichter in demMomente des Schaffens an diese extremste Potenzierung des Menschen, die ich hier ins Augefasse, allein heranreicht. —

Und so hat jene Auffassung des Individuumsals eines Art-erhaltenden und Art-fördernden Momentes in dem Entwicklungsleben der Menschheiteine Kehrseite: die tragische Auffassung seinerPersönlichkeit als eines Mittels.

In dem Leben des Individuums offenbart sichdas grandiose Walten der Natur, die nur dieArt im Auge behält und sich um das Individuumnicht kümmert, dasselbe Walten, welches in denAmeisen und Bienenstöcken das Weibchen kastriertund es zu einer Sklavin macht, die als Arbeiterinfür die Art sorgen muß, dasselbe Walten, welchesin den niederen Tierarten das Männchen untergehen läßt, sobald das Weibchen befruchtet undsomit für die Fortpflanzung der Art gesorgt hat,das Walten, welches das ganze Leben zu einergroßen geschlechtlichen Funktion macht, zu einemDungmaterial, auf welchem die Art gedeihlichemporschießen soll.

Das ist das große Martyrium des Individuums, daß es sein Leben für die Art opfernmuß. —

Der doppelte Charakter in der Auffassung einerindividuellen Persönlichkeit ist es, der mir beiBeurteilung der beiden ausgesprochensten Individualisten unseres Jahrhunderts, Chopin und Nietzsche, zum Ausgangspunkte dient und sie mir soinnig verwandt erscheinen läßt.

II

Chopin ist ein Kreuzungsprodukt zweier Individuen, die verschiedenen Rassen und verschiedenen Kulturen angehörten, und dies ebenwar von vornherein für sein Wesen von bestimmender Bedeutung.

Durch sein ganzes Wesen zieht sich einescharfe Linie, welche die Aneinanderlagerungder Merkmale beider Rassen bezeichnet, ohnedaß es jemals zu ihrer gegenseitigen Durchdringung oder Auflösung zu etwas Ganzem gekommen wäre.

Das spezifisch-slawische in ihm, die subtileFeinheit des Gefühls, die leichte Erregbarkeitund die Fähigkeit, ohne irgend welche Vermittlung von einem Extrem ins andere überzuspringen,das Leidenschaftliche und Sinnliche, die Neigungzur Prunk-- und Verschwendungssucht, und vorallem der eigenartige, melancholische Lyrismus,der nichts weiter ist, als der sublimiertesteEgoismus, der alles auf sich bezieht und seineeignen Ich-Zustände als den einzigen und höchsten Maßstab hinstellt, die dunkle Melancholie endloser Ebenen mit ihren sandigen, wüsten Streckenmit dem bleiernen Himmel darüber, trat in grellenWiderspruch zu der gelenken, leichtsinnigen Beweglichkeit des Galliers, seinem koketten Femininismus, seiner Lebenslust und Lichtfreude.

In diesem Zwiespalt lag schon der Keim, dernach und nach zu einem ausgedehnten Degenerationsherd wurde, von dem aus aufsteigenddie Degeneration das eigentlich Zentrale in ihm,seine eigenste Uranlage, die starke Intensitätdes gesunden Empfindens, in Mitleidenschaft gezogen hatte.

Die Musik Chopins aus seinen letzten Jahrenzeigt ein ausgesprochenes Merkmal der Schreckbildpsychose. —

Schon frühe, begünstigt durch das Milieu, indem er aufgewachsen war, kam es zu der einseitigen Ausbildung der lyrischen Grundstimmungseines Wesens.

Die unbegrenzten, ermüdenden Formen derLandschaft, auf der leicht erregbare, zum Träumenveranlagte Menschen hinvegetieren, ihre Musik,die sich nur in wenigen Molltönen bewegt, undin deren Monotonie sich die Landschaft widerspiegelt, die düstere Pracht der Mondscheinnächte,welche den Landflächen den Charakter des Exotischen, ja beinahe Gespenstischen aufdrückt, allesdies wurde in dem Gehirne des Knaben, bei demden Kindern eigenen Drange nach Personifikationund Symbolisierung verinhaltlicht. Um jede dieserso gewonnenen Formen gruppierten sich ganzeMassen von Stimmungen, Gefühlen, Willensäußerungen, die alsdann als ureigenster Bestandteil der Seele eine wichtige Formation derselbenbilden, den Sedimentgesteinen vergleichbar, diein der paläozoischen Bildungsperiode der Erdesich aus dem Urmeere ablagerten und sich zurersten bleibenden Schicht kondensiert hatten.

Diese melancholischen Eindrücke scheinenbei Chopin den barozentrischen Kernpunkt gebildet zu haben, um den alle später hinzukommenden zu oszillieren anfingen, sie sind es, die indie Seele eines jeden Menschen tief einschneiden,allen Empfindungen eine ganz spezifische Bedeutung und Farbe beilegen, sie in bestimmtenRichtungen anordnen, gleichwie durch die magnetische Influenz die durcheinander gelagerten Eisenmoleküle geordnet und nach zwei Polen dirigiertwerden.

Seine schwache Konstituation und alle dieKrankheitskeime, die allmählich seinen Körperzerstörten, bilden vielleicht das stärkste dynamische Agens in dem Aufbau seines Wesens.All die kleinen und kleinsten Empfindungen desphysischen Unbehagens setzten sich in seinemGehirne, von dem Bewußtsein falsch interpretiert,in Gefühlswerte um, unlokalisierbare Gemeingefühle der Müdigkeit, Abspannung, träumerischenHindüsterns und weicher Schwärmerei.

Diese minimalen Reize, die zu gering waren,um einen wohl differenzierten physischen Schmerzhervorzurufen, haben doch nach und nach jenefatale Spannung seines Gehirns erzeugt, derjenigeneiner Gasmasse ähnlich, die auch nur aus denzahllosen minimalen Anstößen der hin-- und herfliegenden Molekeln sich summiert, um allmählich zur höchsten kinetischen Energie anzuwachsen.

Die ungesunde Kultur, mit der alle Verhältnisse, in denen er lebte, durchtränkt und durchsättigt waren, die landschaftliche Umgebung undseine frühesten Eindrücke, Vererbung und Krankheitskeime haben in ihm allmählich jene Sehnsucht gezeitigt, die sich wie ein Niederschlag inseinem Gehirne festsetzte, durch den jedes Gefühlerst hindurchfiltriert werden mußte und von demes einen eigenen Ton, einen eigentümlichen Beigeschmack erhielt. Bei der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit bildete diese Sehnsucht gleichsamein Meer von strahlender Wärme, die alles in ihmzersetzte und auflöste, einen Herd vom verzehrendenSaugstoff, der alles absorbierte: in seiner Seelewurde alles zur Sehnsucht.

Doch diese Sehnsucht Chopins hat nichts gemein mit der, die gesunden Naturen das Herzschwellt und lebensfähige Keime in dem trächtigen Mutterschoß trägt, es ist auch nicht dieSehnsucht des Zarathustra, die in sonnetrunkenerEntzückung unbekannten Göttern ihr extatisches Rausch-Evoë zujauchzt — sie ist ganz eigenerArt. Sie hat die kranke Farbe der Anämie mitder transparenten Haut, durch die man das feinsteGeäder hindurchschimmern sieht, die schlankeGestalt mit den länglichen Gliedern, die in jederBewegung die unnachahmliche Grazie degenerierter Adelsgeschlechter atmen und in den Augendie übergroße Intelligenz, wie man sie bei Kindernsieht, denen der Volksmund kein langes Lebenverspricht.

Sie ist die zitternde Nervosität der Überfeinen,eine beständige, schmerzhafte Erregbarkeit bloßgelegter Wunden, ewiges Anschwemmen und Zurückfluten einer krankhaften Sensibilität, ein stetesUnbefriedigtsein des Raffinement, die Müdigkeitder Überempfindlichen, in deren Auge das Sonnenlicht nur prismatisch gebrochen und die starkensatten Farben erst gleichmäßig abgetönt hineingelangen können.

Sie ist aber auch wilde Leidenschaft, sie istKrampf und Agonie der Todesangst, Selbstfluchtund Zerfallsdrang, Delirium und idiotisches Hinträumen, wo man vor sich hinstarrt, ohne irgendetwas zu sehen. Wohl werden Lichteindrückeempfangen, aber man erkennt sie nicht als vonaußen kommend, man muß sich erst besinnen, washeute, was gestern ist.

Die Krankheit Chopins hat sich in seiner Musikumgesetzt in eine grenzenlose Müdigkeit. Es ist dieMüdigkeit der Schwindsucht mit ewig wechselndenStimmungen, die wie stille Herbstwinde über nackteöde Felder streichen, dürres Laub vor sich fegenund die Natur mit düsteren, monotonen Mollakkorden zu Grabe tragen. Es ist die Müdigkeit des lustsatten Wehs mit dem feinen trüben Lächelnum die Mundwinkeln, der trostlos öden Langeweilesonnverbrannter Grassteppen, dem leisen Hin-- undHerwogen endloser Meere, die sinnende, brütendeIdiotie des Gebetes. —

Es gibt dann in der Musik Chopins eine Stimmungvon geradezu überwältigender Wirkung. —

Es ist ein „je ne sais quoi” vom Gefühl, dasdem einer Befreiung ähnlich ist, einem tiefen Aufatmen nach der Dyspnoe, es ist als ob sich einefeine, spinngewebige Haut von der Seele loslöste,es ist als ob ein feiner Nebel am herbstlichenMorgen von den Feldern zurückwiche, sich langsam hebe, weißen Gaswolken vergleichbar, undüber die aufwachende, dampfende, weißglitzerndeLandschaft langsam die Sonne mit ihrer kalten,skeptischen Klarheit aufginge.

Das sind die gröbsten, psychologischen Umrisse seiner Musik und nur in einer solchen konntedie ungeheure Reichhaltigkeit der menschlichenEmpfindung, die zartesten Feinheiten, die ewigwechselnden Nuancen der Stimmungen, das Unausdrückbare, Rätselhafte, Flüchtige und Gespenstische im Menschen geoffenbart werden.

III

Ausgerüstet mit Nerven, deren „Anspruchsfähigkeit” so übermäßig gesteigert war, daß aufden geringsten Reiz vulkanische Explosionen erfolgten, mit den krankhaft gesteigerten Sinnen,den allerfeinsten Fühlhörnern vergleichbar, dieselbst dort zum Vorschein kommen, wo die menschlichen Werkzeuge schon längst ihren Dienst versagten, wußte er jedes Gefühl, das sich kaumüber die Schwelle des Bewußten hinaufgewagt,in seinen Tönen fest zu magnetisieren. —

Jede Stimmung, deren man sich sonst nichtbewußt wird, rief in seinem Gehirne auf rätselhaftem Wege eine zugehörige Klangfarbe hervor,jedes seelische Ereignis, mochte es noch so zartund flüchtig sein, prägte sich sofort in entsprechenden Tonwert um. Und es scheint, als ob dasGesetz von der spezifischen Energie der Sinnesorgane für ihn keine Geltung hätte, als ob es indiesem ewig fiebernden Gehirne irgend einen Punktgäbe, in dem alle Empfindungen zusammenliefen,irgend eine Verbindung der Sinnesorgane untereinander derart, daß eine Licht-- oder Geschmacksempfindung ohne weiteres auf die Gehörnervenüberginge. —

Und vermöge dieser Eigenschaft bedeutetChopin eine känogenetische Entwicklungsstufe parpréférence, neu auftauchende Züge in der geistigenPhysiognomie des Menschen, neue Leitungsbahnen,die im Menschengehirne erschlossen wurden, eineenorme Bereicherung des Gemütslebens: an Chopinkann man studieren, um wie viel der moderneMensch an neuem Empfindungsleben seinem Vorgänger, wie er sich in der klassischen Musikoffenbart, überlegen ist.

Hier zum ersten Male hat der arriére-fondder Seele Ausdruck gefunden, ein bisher unbekanntes Leben, von dem das Bewußte der verschwindend kleine Teil ist, ein direkt zweitesLeben, das sich nur reflexiv äußert, worin wiraber den Grund und die Ursache aller unsererLebensäußerungen zu suchen haben, — das istder hypothetische Erdmagnetismus, der die Ablenkungen der Magnetnadel erklärt, der Weltäther,der uns die Schwingungen der Atome begreiflichmacht, die elektromotorische Kraft, die das Überspringen der Elektrizität vom positiven zum negativen Potential unserem Verständnisse näher rückt.

Doch Chopin reflektiert nicht, er hat dieseArbeit seinem großen Nachfolger — Nietzsche —überlassen, er selbs tschildert nur, lebt nach,läßt fremde Nervenströme durch sein Gehirnpassieren.

Und dies gerade, daß er selbst der Mannbeständiger Erschütterungen, brodelnder Gährungen, fiebernder Delirien, extatischer Verzückungund irrsinnigen Trübsinnes ist, hat ihn zum bedeutendsten Psychologen der hysterischen Seele, derSpasmen kranker Nerven, der irritierenden Qualen,der unlokalisierbaren Schmerzen, der zitterndenUnruhe gemacht. —

Es gibt eine Stelle in seinen Werken, die diebeste Illustration zu meinen Worten bildet.

Ich meine das Ende des Sostenuto-Teiles imH-moll-Scherzo: In der brütenden, so endlosschmerzlichen Monotonie plötzlich ein schrillerAkkord von grandioser Wirkung.

Dieses unmittelbare Aufkreischen mitten indem dumpfen Hinträumen in einen schweren,traumlosen Schlaf hinein, dieser physisch-brutaleAufschrei in der Agonie des Schmerzes, diesesheisere, gelle Auflachen mitten in dem düsterenErnst einer nächtlichen Herbstlandschaft, gibtuns bessere Auskunft über die Nachtseiten desmenschlichen Empfindungslebens, als alle psychologischen Klügeleien insgesamt.

Was wissen wir von der ewig unheilbrütendenMacht, von dem Dämon in uns, dem mittelalterlichen Fürst der Finsternis vergleichbar, der inder ewigen Nacht unseres Daseins lebt, in dessenHänden wir willenlose somnambule Medien sind?

Wir sehen, wie vor unseren Augen grinsendeGespenster aufsteigen, wir fühlen plötzlich einenBiß im Inneren, so schmerzhaft und so brennend,daß sich unser ganzes Wesen in Todesangst aufbäumt — wissen wir woher das alles kommt,weiß ein Lustmörder, weshalb ihn das frischeMädchenfleisch zum Morde berauscht, weiß einIrrsinniger, weshalb er rast?

Horla! Horla!

Horla, der Edgar Poe am Alkohol, Baudelaiream Haschisch, Maupassant an Äther zu Grundegehen läßt und Horla im Chopin hat dies Scherzogeschrieben!

Hier tritt uns das Problem des Menschen entgegen mit seinen Untiefen, dem unterirdischenBrausen, dem dumpfen Prasseln eines unsichtbaren Brandes — das gewaltige Problem, denkeine Hypothesen von den doppelt-elektrischenMolekülen, keine Theorien von Atomen mitelektrolytischen Eigenschaften erklären werden,und l’homme machine, wie sich ihn die flachenanglisierenden Philosophen konstruiert haben, wirdimmer mehr zu einem Rätsel, weit tiefer aufgefaßt, wie man es im unwissendsten Mittelalterauffaßte.

IV

An Chopin wurde mir zuerst das Wesen derMusik klar. —

Der schematisierende Philosophengeist, derschön geordnete Vermögen und Fakultäten besitzt, sucht für die Musik einen getrennten Ursprung, er will sie aus der Nachahmung vonNatur — und Tierlauten entstanden wissen, nachdem lieblichen ABC der Bau-Wau-Theorie.

Hat man aber erst einen tieferen Einblick inden Menschen, und somit auch die Überzeugunggewonnen, daß unser Blick kaum die Oberflächeam Menschen streife, daß der Kahn unserer Erkenntnis auf dem glatten Eise der Bewustseinsphänomene gleite, nicht ahnend, daß darunterabgründliche Meere in majestätischer Prachtruhen, dann begnügt man sich nicht mit diesenflachen Theorien.

Dort unten ist der gemeinsame Allmutterschoß, in dem alle Fakultäten in einem Keimebeisammen ruhen, in einander verfädelt und verwachsen. —

Und sieht man einen Menschen an in seinerewigen, rastlosen Beweglichkeit, denkt man sichhinein in das abwechselnde Erstarren und Aufschmelzen seiner Gesichtslinien, in die spielendenSchatten und Lichter, die beständig hin-- undherhuschen, ohne daß der Mensch irgend etwasvon diesem Spiele, das seine Nerven mit unsichtbarer Hand in Szene setzen, wüßte, da wird derGedanke eines gleichen Ursprunges auch für dieMusik nahegelegt, als eines geheimnisvollenKorrelats der beständigen Ebbe und Flut inunseren Nerven, als einer äquivalenten notwendigen Reflexwirkung des letzteren, einesmotorischen Ausschlages ohne Begleitung irgendeines psychischen Parallelprozesses.

Der „Gefühlston”, unter welchem ein jederEindruck, mag er noch so klein sein, sich demGehirn darbietet, scheint zu einer motorischenEnergie zu werden und im Kehlkopfe die Stimmbänder in Schwingungen zu versetzen, die alsdannim Gehörorgane zu Tonwerten umgeprägt werden.Ob dies auch dem tatsächlichen Verhalten entspricht, mag dahingestellt sein, ich will mich nurverständlich machen.

Übrigens wird wohl etwas Wahres daransein. —

Es gibt einen experimentellen Weg, der dasEssentielle meiner Ausführungen bestätigt.

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