drukowana A5
15.58
Vigilien

Bezpłatny fragment - Vigilien

Objętość:
47 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0775-4

An mein Weib

I

Gestern ist sie von mir gegangen.

Da saßen wir vor diesem Tisch und starrtenuns an. Am Tage waren wir ausgegangen, versuchten fröhlich zu sein, tranken Wein, sprachenuns sehr freundlich an, aber in uns war erwartungsvolle, schwüle Stille. Wir wussten beide:jetzt müssen wir uns auseinandersetzen, jetztist der Augenblick gekommen.

Ich war sehr ruhig. Nur einmal bin ichähnlich ruhig gewesen und erinnerte mich jetztdaran. Damals hatt' ich meine wissenschaftliche Zukunft geopfert, um Künstler zu werden.Es war schwer, sehr schwer. Weder der Vater,noch irgend jemand wollte etwas davon wissen.Und ich wusste selbst, was kommen würde;Not und Elend. Aber ich musste. Der Künstlerwille war zu stark. Und so tat ich es.Eine stille Mondnacht war es, das Silberlichtfüllte mein ganzes Zimmer; plötzlich war ichaufgewacht und setzte mich mit reifem Entschluss im Bette hoch. Ich empfand nichts,hatte keinen einzigen Gedanken, war mir meineseigenen Beschlusses durchaus nicht bewusst;ganz naiv, wie ein grausames, unabwendbaresVerhängnis empfand ich nur jenen Willen. Erkam von außen, er legte sich auf mein Gehirn;wie ein Riesenkeil zerschob er alle Gründe, diemir mein Bewusstsein gegen mein Gelüste aufgeschichtet hatte. Ich fühlte mich unschuldigmeiner Zukunft, überantwortet dem Schicksal;ich freute mich, dass meine eigene Willenstätigkeit mir abgenommen war.

O diese Ruhe, diese stiere, starre, empfindungslose Ruhe, wenn sie jetzt nur wiederkommen möchte: so friedsam brütend.

Wir saßen uns gegenüber. Sie war unruhig, nervös; sie wusste, was jetzt kommen,unfehlbar kommen musste.

Überrock und Handschuh hatt' ich abgeworfen, den Hut hatte ich noch auf dem Kopfe,ich drückte ihn mir fester in die Stirne. Ichfühlte ihn wie einen Reifen, und das tat mirwohl; es kam mir vor, dass sonst mein Kopfzerplatzen müsste.

Meine Stimme vibrierte; im Halse fühlteich ein eigentümliches, unheimliches Würgen,und um die Mundwinkel zuckte es mirschmerzlich.

Ich sah meine Finger unstet auf dem Tischherumfühlen.

Plötzlich fesselte mich ein Couvert miteiner wild orangeroten, seltsamen Marke;auf dem Couvert in festen, zerhackten Schriftzügen mein Name. In diesem Augenblick jedoch war mein Name mir vergessen, ich sahetwas fremdes, wildfremdes, und wundertemich, wie dies Couvert auf meinen Tisch zuliegen kam.

Nun drückt’ ich mir den Hut noch tieferin die Augen und sah sie halb im Traume an.

Etwas wie boshafte Schadenfreude glaubteich in ihren Augen gesehen zu haben, gemischtmit einer lauernden, beinahe schmerzlichenSpannung.

Eine Weile verging; ich fing an mich zusammeln.

Niemals bohrte sich mein Blick tiefer inein menschliches Auge, gieriger in eine Seele;ich fühlte deutlich die Gewalt des Blickes, ermachte meinen eigenen Augen Schmerz.

Verlegen, mit boshaftem Lächeln versuchtesie ihn auszuhalten, dann wich sie aus. Ichempfand ein leises künstlerisches Entzückenan den langen, schlaffen Wimpern ihrer Augenlider; wie seh’ ich deutlich diese schlaffen,adlig müden Lider mit den langen Wimpern.

— Du! Ein Wort...

Ich sprach gemessen, beinah' mit pedantischer Würde; ein kindliches Gefühl, wieedelmütig ich im Grunde sei, rührte mich fastbis zu Tränen.

— Ja, und?...

— Du, ganz europäisch und objektiv...

— Ja selbstverständlich...

Es war ja ihre schwache Seite, das Europäische und Objektive; sie schwärmte für diemännliche Intelligenz, die etwas objektivierenkann.

— Hör’ mal... Wieder empfand ichdas eigentümliche, zitternde Würgen. MeineStimme wollte umkippen. Ich stand auf undtrank ein Glas Wasser. Wieder setzt’ ichmich; die Rolle eines objektiven, edelmütigenRichters gefiel mir.

— Wir wollen vernünftig sein und vorallen Dingen uns ganz ruhig aussprechen —meine Stimme wurde immer fester und härter— ganz ruhig, mein’ ich; nicht wahr?Was sollen wir uns quälen? du liebst michnicht mehr, ich verstehe es sehr gut, unserVerhältnis hatte keine Ansprüche auf Ewigkeit. Übrigens hast du das Recht, einenandern zu lieben, das ist selbstverständlich;ich nehm’ es dir nicht übel. Unsere Instinktesind so ziemlich von uns unabhängig.

Sie schwieg und sah mich prüfend an;etwas wie Trotz stach aus ihren Augen, einfrecher Trotz, ein kühnes Eingestehenwollen,ganz so, wie man Vorwürfen begegnen will.Aber ich hatte keine Vorwürfe, ich sprach nichtgereizt, nur eine unendliche, würgende Traurigkeit wand sich in mir, die Gelassenheit eines,der das Verhängnis über sich, um sich, injeder Handlung, jeder Willensäußerung erkannt hat.

Der Ausdruck ihrer Augen veränderte sich;nichts als Mitleid und die Ungeduld, endlicheinmal zu Ende zu kommen, sah ich nun indiesen Augen.

Ich schob meinen Hut zurück, goss Spiritusin die Teemaschine und sprach trocken, abgerissen, fast geschäftlich:

— Ich hindere dich nicht, ich stehe dirgarnicht im Wege, ich habe ihm das auchschon mitgeteilt, du kannst gehen...

Sie stand auf, halb trotzig, halb beschämt,nahm ihren Mantel und Hut und wollte gehen.

— Du, einen Augenblick... Ich sprachganz ruhig, erkünstelt, beinah' mit herzlichemEntgegenkommen.

— Wir scheiden nicht als Feinde, wirsind Kameraden; denk dich doch mal in dieRolle eines meiner männlichen Kameraden hinein. Siehst du, ich meine das Technischean der Geschichte: Geld, Kleider und ähnliches. Das Technische ist immer die großeHauptsache.

Ich versuchte freundlich zu lachen.

— Ich denke, das beste wird sein,dass du gleich gehst; deine Sachen schick’ich dir nach. Um offen und europäisch zusprechen, nämlich, siehst du, kann ichnicht mehr länger zusammen mit Dir bleiben;man kann alles verstehen, aber so bleibt dochimmer so ein Vorurteil, eine Idiosynkrasie, soein malgré tout...

Meine Stimme brach allmählich, ich fingan zu beben, noch ein Wort und ich hättemich nicht länger halten können. MeineHände sah ich in zweckwidrigen Bewegungennach etwas suchen, autonom, ohne bewusstenWillensantrieb.

Tränen rollten über ihre Wangen —Tränen, wie sie nur Frauen haben; siekommen so mir nichts dir nichts, irgendwelche physiologische Nebenwirkung ist nicht zu bemerken, es kommt beinah wie Schweißtropfen.

Sie versuchte, mich zu beschwichtigen:

— Aber glaub' mir doch; willst du michdurchaus los werden, so geh' ich, aber meineLiebe zu dir hab’ ich nicht verloren...

Der Schlusssatz interessierte mich; wiewunderbar sie das »Ich liebe dich« umschriebenhatte. Sie wusste, dass ich dabei aufgelachthätte. Übrigens war sie ihrer Lüge sich sehrgut bewusst; es kam so zaghaft, wie ein verzweifelter und eigentlich sinnloser Versuch.

Ich lächelte sehr überlegen.

— Nein, lass nur, lass; Du hast zuviel Ehrlichkeit im Leibe... Und wiederlächelte ich: die »Ehrlichkeit im Leibe« kammir so bedeutsam und so trivial vor.

— Lass; es würde doch zu nichts führen.Ich werde allein mit meinem Kinde bleiben,vielleicht wird es mich lieben; ich war niemalsgeliebt, ich war immer allein.

Ich hatte boshafte Lust, sie zu quälen,ihr den Abschied ein klein bisschen schwer zumachen; aber dies Gefühl war so mit Selbstbedauerung vermischt, dass ich große Mühehatte, nicht loszuheulen.

Sie machte Miene, sich um meinen Halszu werfen.

Plötzlich verspürte ich etwas wie Ekel,wurde kühl und sehr freundlich.

— Du darfst nicht glauben, dass ich sehrleide, oh nein; ich habe Gehirn genug,um dich und mich und unser Verhältnisobjektivieren zu können.

Jetzt fing ich an sehr müde und resigniertzu sprechen; ich suchte instinktiv einen starkenEindruck hervorzurufen.

— Nein, im Gegenteil; ich empfinde einegroße, ästhetische Freude, wenn ich Euchbeide ansehe. Ihr passt so wunderbar zusammen!

Sie weinte.

— Herrgott, so sei doch vernünftig; wirsind doch sozusagen freie Menschen, nichtwie Sklaven aneinander gebunden.

Ich zitterte; in jedem Augenblick müssteganz spontan ein fürchterlicher Ausbruch kommen, mit Krämpfen oder dergleichen. Ich rissmeine Augen weit auf, legte die Stirn in tiefeFalten, ich spannte meine Muskeln an, umdiesem Anfall zu begegnen, aber mein Kopfwurde schwer, das Eigenlicht wurde zu glänzenden Feuerschlangen, jetzt, jetzt...

Nein, es verging.

Ich atmete auf.

— Du, wir sind Kameraden; ich werde diretwas Geld leihen, und dann gehen wir ganzruhig auseinander, wie es freien, vernünftigenMenschen geziemt.

Das »geziemt« gefiel mir sehr gut, es erinnerte mich an die wohlüberdachte, dozierendeProfessorensprache; ganz wunderbar.

Sie schwieg eine Weile.

— Aber das Kind?!

— Lass, ich werde es gut erziehen,deinem Glücke würde es im Wege stehen, eswird es gut bei mir haben, sehr gut, und —es wird mich lieben...

Ein Sprühregen von flüssigem Feuer tanztein meinen Augen, mein Kehlkopf kam inKrämpfe, meine Stimme brach vollständig, einunheimlicher Fistelton stieg mir pfeifend ausder Brust, jetzt ist es da... Nein, wiederverging es.

Ich überbot mich in Edelmut.

Ganz leise schob ich ihr eine Banknote indie Hand, die ich die ganze Zeit lang krampfhaft zerknittert und halb zerrissen hatte.

Wir standen uns eine Weile gegenüber.Vor meinen Augen war es wie ein feuchterNebel; ich sah sie nicht.

— Nun, auf Nimmerwiedersehn —

Ich bewunderte mich, dass ich so brav war,aber plötzlich wurde es auf einen Augenblickganz dunkel in meinen Augen, der Bodenwankte unter mir, wich mir aus, ich sank undsank...

Alles übrige tat ich automatisch; ichweiß nur, dass ich etwas getan habe, dassplötzlich ein frischer Luftzug mich sehr unangenehm berührte. Als ich wieder zu mirkam, fand ich mich in meinem Atelier allein.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch,öffnete ein Buch und las; las wohl zweioder drei Seiten, ohne mich zu unterhaltenoder zu langweilen, ich verstand nämlich nichts,nicht ein Wort.

Mein Kopf war leer, alle Gedanken wieausgefegt.

Raumlose Klarheit! hörte ich mich etlicheMale wiederholen.

Darauf entkleidete ich mich, legte mich insBett, wobei ich den Bettschirm zurechtschob,und schlief ein.

Plötzlich wacht' ich auf.

Es war mir, als ob jemand die Treppenheraufkäme.

Ich setzte mich hoch, und mit unsagbaremEntsetzen hört' ich einen Riesenleib sich überberstende Treppen ächzend und keuchend heraufarbeiten. Ich hörte nur Krachen undBersten und Ächzen, und plötzlich, mit einemRuck, wurde die Tür aufgerissen, ein Teilder Wand flog weg, und herein trat ein wandelndes Lichtmeer; alles schwamm im Lichte,alles versank, floss zusammen, tauchte unterin dieser grässlichen Lichtatmosphäre.

Licht goss sich in meine Kehle, Lichtbrannte mir meine Finger auf, ich erstickte,ich ging unter in diesem Lichte.

Ich riss mich auf.

Deutlich sah ich sie vor mir, schlaftrunkenstreckte ich ihr beide Hände entgegen: nur eineSekunde, nur ein Tausendstel einer Sekundeihren Leib auf meinem fühlen! nur einenHauch ihrer Körperwärme, nur von weitem,ein Vorüberstreifen nur, einen Hauch an mirentlang, einen Hauch von dieser fliederweichen, kühlen Körperwärme!

Meine Hände wollten qualvoll aus den Gelenken heraus.

Eine wüste Raserei befiel mich; ich grubmich mit den Nägeln in meinen Körper, ichschlug mit wütenden Fäusten gegen meinenKopf:

O Gott, allmächtiger, barmherziger Gott!

Endlich wurd' ich ruhiger, ich fing an lautzu sprechen; es war mir eine Freude, mich indieser tauben Einsamkeit sprechen zu hören.Und ich flennte wie ein Kind, und winseltewie ein geschlagenes Tier, und bat und bat,und stürzte mich auf die Knie und rang dieHände, wild, wüst, krank.

— O komm, komm; lege Deine warmen,weichen Hände an mein Herz! O, sieh', ichbin krank und brauche Liebe und Wärme;oh, komm, lege behutsam Deine weichen Händeum mein Herz.

Ich sah mich mit einem Male in der Kirche,ich sah mich als Knaben in der unendlichenAtmosphäre gottbegnadeter Seligkeit, einerSeligkeit von weicher Seidenwolle, gesponnenaus leise fächelnden Rhythmen, oh ja —damals, als ich das erste Mal die heilige Kommunion genoss: das Glück, das wunde, heilige Glück des Gottgenusses.

Mein Herz wurde zum Gottesleibe, zurgottesewigen Hostie.

— O komm, lege behutsam Deine weichenHände um die Hostie meines Herzens, kommund nimm ein seidenes, goldgesticktes Priesterornat um Deine Schultern, und jetzt reckeDeine Hände empor, langsam in gemessener,würdevoller Bewegung.

Wir stehen vor der Kirche, auf den Stufender gen Osten gerichteten Kirche. Zuckende,flirrende Mittagshitze um uns, Korngarbenringsum auf den Äckern, golden glänzt dasStoppelfeld, und weit im Hintergrunde unsentgegen, in dem schwülen Nebelflor der allesaufsaugenden Hitze, gähnt der schwarze Waldsaum.

Und über der Mittagshitze, über den goldenen Garben, in Deinen Händen zuckend, blutend, ragt die Hostie meines Herzens.

Und die Welt bebt, still neigt sich ringsder Brotsegen des Korns, schauernd rauschtder Wald:

Tantum ergo sacramentum!

Ich zitterte, alles um mich zitterte inkreisenden Schauern, ich griff mit beiden Händen um meinen Kopf, ich betastete meinenKörper: die Vision verschwand, ich wurdelangsam ruhiger...

Ich zog mich notdürftig an.

Das Mondlicht fiel in dichten, breiten Strahlengarben durch die achtzehn Scheibenquadrate des Atelierfensters; ringsherum, in Silberglanz getaucht, standen auf den Staffeleien meine Bilder.

Dort traf ein schamlos nackter Sphinxblick meine Augen; von dort her wand sich mir durch mein Gehirn ein Strahl, geborenaus den Augen einer blassen, hysterischenSerpentinetänzerin; aus der Ecke krochen wieein körperlicher Wollustschauer die Reize einertrunkenen Hetäre auf mich zu.

Ich fühlte wieder meinen Kopf anschwellen; maßlos. Ich war nicht mehr die blöde, in Raum und Zeit begrenzte Persönlichkeit;ich wurde die reine, nackte Individualität, soalt wie alle Welten zusammen, so endlos wiedie Weltenräume alle.

Und in sprühendem Gischte sah ich dieJahrhunderte und Jahrtausende in einen endlosen Abgrund stürzen, etwas kam von beidenSeiten, das den ziellosen Raum einengte, undweit und breit schweifte mein unsterblicherBlick über die Gefilde der Mutterlands. Ichsah in endlosem Aufbau die ganze Kulturzum Himmel ragen, und weit und breitlagen die Fundamente meinem Auge sichtbar:die Herrschaft des Weibes — das Matriarchat.

Und deutlicher und sicherer fühlt' ichmeiner Bilder Sinn. Die Landschaft da entformte sich zu einem tiefen, tief abgründigen,rätselhaften Auge. Aus dem Meeresstrandetauchte ein weißer, glänzender Riesenleib;wie eine Wunde quoll ihm aus der Abenddämmerung der lüsterne, mystische Mund. Aus allen Rahmen meiner Bilder tauchte das Weibhervor, der kosmische Weltwille, die Allmutter,die Herrscherin:

Mylitta, die babylonische Hure, die niemalsein Verlangen stillte, die den Begnadeten denFlammen preisgab —

Isis, die eine Sonne in unbefleckter Empfängnis gebar: kein Sterblicher hat ihr die Röckehochgehoben! Isis, die Mutter der Könige,Gattin des Mondstiers, die heilige Kuh, dieKönigin der ganzen Erde —

Athene, die niemals die Dunkelheit desMutterschoßes sah, geboren aus dem lichtenGefilde des Gehirnes —

Die heilige Jungfrau der teutonischenWälder, in der sich Odins Schöpferwille offenbarte —

Und Du, du höher als Isis, heiliger alsAthene, weil dich Mein Gehirn geboren hat:Ich Dein Erzeuger und Dein Sohn, Ichhabe mit den Mutterbrüsten meines Gehirnesdich großgesäugt, ich an Deinen Brüstenmich großgesäugt: du Mutter meiner Seele,du mein Kind!

Hohn dir, alter Jahväh — warum hast dugelogen, als du sprachst: in Schmerzen wirstdu deine Kinder gebären, unter dem Willendeines Mannes wirst du stehen, und er wirddich unterjochen —

Hohn dir, Hohn! denn über alles Seiende,trotz deiner Worte, herrscht das Weib! —

II

Und ich sitze und sitze und brüte, warummusste ich dich lieben?

Und eine Stimmung wird in mir lebendig,die mein Innerstes, mein Tiefstes in regenbogener Lichtpracht nach außen reflektiert.

Ich stehe in der Kirche. Abenddämmerung.Tiefe, tiefste Stille. Stille in dem kauerndenErwarten, Stille in dem schwülen Rausch derWeihrauchdüfte, Stille in dem dumpfen, unterirdischen Orgelbrausen.

Dicke, schwarze Schatten von den steinernenSäulen: geheimnisvolle, uralt mystische Riesenschatten, scharf umrissen am Hochaltar, in einer Flut von Kerzen strahlt er, weich verschwommen im Mittelschiff, und sanft zusammenfließend mit der lauen, wollustsüßenDämmerung unter dem Orgelchor. Und wie ein wachsendes Zittern geht es durch die Kirche, wie ein leises, schauerndes Entsetzen,und jäh und plötzlich wird die Stille zerbrochen, mächtig dröhnen Orgeltöne, und aus der kauernden, keuchenden Erwartung erlöstsich ein Lied, so tief, so sehnlich, so schwellend:Salve Regina!

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