drukowana A5
17.8
De profundis

Bezpłatny fragment - De profundis

Objętość:
67 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0764-8

Pro domo mea

In ein paar Wochen gedenk' ich ein Buch herauszugeben: »De profundis«, dem ich jetzt schon einige Begleitworte an Stelle der Vorrede vorausschicke.

Ich möchte das Buch nur in wenigen Händen wissen— es ist kein Buch für das Volk — und diesen Zweckglaub' ich dadurch zu erreichen, dass ich es nur in einersehr beschränkten Anzahl von Exemplaren drucken lasse.

Ich habe in diesem Buche das Gebiet des sogenannten,,normalen Denkens“, also das Gebiet des „logischen Gehirnlebens”, des Lebens in der „Realität” (!) gänzlich verlassen. Alle, die sich auch nur ein wenig mit dem Seelenleben beschäftigt haben, wissen, was das „freisinnige Bürgertum” unter dem normalen Denken versteht: Alles, wasüber die Begriffssphäre des ehrbaren Müller und Schulzehinausgeht, ist natürlich verrückt. Selbstverständlich ist fürdiese Menschen Goethe der Maßstab des „normalen” Empfindens, wobei natürlich übersehen wird, dass er in seinenEpigrammen Proben von einer schon ganz schon vorgerückten sexuellen Perversität abgegeben hat.

Nun ja: dies ehrbare Gehirnleben, dies uniforme Gehirnleben, dessen Denkgesetze sowohl für den niedrigstenBildungsplebejer von der Sorte Max Nordau wie für denentwickeltsten und scharfsinnigsten Gehirnaristokraten vonder Art Nietzsche im gleichen Maße gelten, fängt an,furchtbar langweilig zu werden. Das hat auch Nietzscheeingesehen, und so schrieb er sein „verrücktes” Buch, d. h.sein seelischestes Buch: »Also sprach Zarathustra«...

In »De profundis« handelt es sich um die Manifestation des reinen Seelenlebens, der nackten Individualität,des Zustandes der somnambulen Ekstase, oder wie die zahllosen Worte auch heißen mögen, die eine und dieselbeTatsache ausdrücken, die Tatsache nämlich, dass es nochetwas Anderes gebe außer dem dummen Gehirn, einau delà vom Gehirn, eine unbekannte Macht mit seltsamenFähigkeiten begabt, nämlich: die Seele — die Seele,die Ekel empfand, in der fortwährenden Berührung mitder lächerlichen Banalität des Lebens zu stehen und sichdas Gehirn geschaffen hatte, um sich nicht jeden Tagprostituieren zu müssen...

Das Surrogat dieses unsichtbaren Seelenlebens: daslogische Gehirnleben, kennen wir nun zur Genüge. Dasganze Fazit aller seiner wissenschaftlichen und philosophischen Spekulationen ist ein Ignoramus und Ignorabimus, also eine gänzliche Bankerotterklärung all’ seinerverzweifelten Bestrebungen. Das künstlerische Fazit —risum teneatis amici — ist der Naturalismus, die seelenlose, brutale Kunst für das Volk, die Bürgerkunst par excellence, die biblia pauperum für das schwache „normale”Gehirn, das denkfaule, feige, plebejische Gehirn, das alleserklärt, alles zurechtgelegt haben will, das jede Tiefe,jedes Geheimnis verhöhnt und verspottet und für Verrücktheit erklärt, weil es die Seele hasst, nur weil es sienicht begreifen kann. Ja! das rohe, stupide Bürgergehirn— die famose vox populi — hasst alles, was es nicht verstehen kann, vielleicht auch, weil es die bekannte Plebejerangst hat, düpiert zu werden.

Nun ja: man überlasse dem Plebejer, was des Plebejers ist, mit Vergnügen sogar einige Herren, die durchaus,,Großgehirnaristokraten” genannt werden wollen.

Ich meine hier also eine andere Kunst. Die Kunst,die sich in der Malerei nicht mit der banalen Außenwelt,ein paar alten, stupiden Invaliden in Amsterdam zum Beispiel, beschäftigt, sondern der Welt, wie sie sich in derSeele in seltenen Stunden, den Stunden der Halluzinationund der Ekstase widerspiegelt. Ich denke auch nicht andie famosen Leoncavallos und die zahllosen Mascagnis,sondern etwa an die Fis-moll-Polonaise von Chopin, diesengrässlichen, nackten Seelenschrei. Ich meine hier auchnicht den feudalen Reinhold Begas, sondern Vigeland. Ja,ich denke jetzt an eine andere Kunst, die Kunst, die dasTageblatt-Bürgertum für verrückt, blödsinnig, impotentusw., usw. erklärt hatte.

In der Literatur hat diese Kunstgattung im orientalischen Altertum und namentlich im Mittelalter ungemeinreiche Blüten getrieben. Ja, namentlich im germanischenMittelalter. Keine Rasse hat so viele Mystiker, also Menschen, die des reinen visionären Seelenlebens teilhaftigwurden, hervorgebracht, wie gerade die germanische.

Für die moderne deutsche Künstlergeneration dieserArt, also Künstler, die sich mit den Phänomenen desSeelenlebens beschäftigen, scheint mir Amadeus Hoffmann der Urahn zu sein. Freilich hat Hoffmann an dieseelischen Phänomene als solche kaum geglaubt. Er suchtesie rationalistisch zu analysieren, etwa wie ein anderer Herrden Übergang der Juden über das rote Meer durch einekolossale Ebbe erklären wollte; vielleicht suchte Hoffmanndas Rätselhafte der Seele dem fetten Bürgergehirn, aufdas er nun einmal aus buchhändlerischen Rücksichten angewiesen war, gegen bessere Überzeugung verständlichzu machen.

Der nun so gefeierte Edgar Poe hat sich des seelischen Problems als eines wissenschaftlichen Kuriosums bemächtigt, allerdings mit einer künstlerischen Macht, diemit kalten Schauern den Rücken überläuft.

Es folgen die Revolutionen von 48, die Revolutionender Bildungssüchtigen und der Aufklärungsbedürftigen, dieRevolutionen mit ihren prachtvollen Errungenschaften: demüberflüssigen Parlamentwesen und dem wohlfeilen Presspiratentum. Pressfreiheit! Wundervoll! Das liberale Bürgertum fing an vermöge der Pressfreiheit den Gott abzuschaffen — nein! das wagte es nicht von wegen der Monarchie, die von Gottes Gnaden bestand, aber es hat seinDasein — auf „wissenschaftliche Gründe” gestützt — angezweifelt. Das liberale Bürgertum durfte aber wenigstensdie Seele abschaffen und ihre unleugbaren Offenbarungenals Blödsinn und Humbug erklären. Gott, wie es sichgefreut haben mag, als der Spuk von Resau endlich entdeckt und gerichtlich abgeurteilt wurde!

Mittelmäßige, beschränkte Geister kommen zur Herrschaft: die Büchners, die Vogts, die Strauß, die Spencersund die Psychophysiologen und wie sie alle heißen mögen,die Braven.

Das goldne Zeitalter des Materialismus und des Berliner Tageblattes, des naturalistischen Dramas und der freisinnigen Politik!

Erst in der jüngsten Zeit hier und da Einer, der verwundert vor irgend einer seelischen Offenbarung stehenbleibt, vor einem langen Blick, der in später Stunde gewechselt wird und den ganzen Menschen aufwühlt. Hierund da Einer, der Angst bekommt vor einem momentanenBlitz der Seele, der durch das Gehirn fährt und das Unterste zu oberst kehrt. Hier und da Einer, dem etwaszu Bewusstsein kommt, etwas Fremdes, Furchtbares, etwas,wovon er sich keine Rechenschaft geben kann: eine Idee,die — mag sie noch so schön physiologisch erklärt werden — nicht in den Ideengehalt seines Gehirnes hineinpasst, eine Tat, die unabhängig von dem Gehirnwillen, jatrotz des Gehirnwillens geschah. Das liberale Bürgertumhat dies alles für Verrücktheit erklärt, die famosen bürgerlichen Psychiater haben dafür den schönen Ausdruck,,Psychopathie” gefunden, und der senile Schwachkopf MaxNordau hat sogar darüber zwei Bände geschrieben, lehrreich für eine Alterserkrankung dieses Herrn, an der bekanntlich schon Cicero litt.

Eine neue, unbekannte Künstlergeneration tritt alsoauf. In Belgien — (Ich sehe hier von den sonderbarerweise anerkannten und Gottseidank nicht verstandenenKünstlern wie Huysmans und Maeterlinck ab) Verhaeren,Krains, Eckhoud, — in Skandinavien Ola Hansson — inPolen Przesmycki, — in Deutschland Dehmel und Schlaf.Freilich scheint Dehmel den Weg, den er mit solcherMacht und solcher Sprachgewalt in „Aber die Liebe”betreten hat, jetzt in seinen „Lebensblättern” verlassen zuwollen. Unter den Ländern aber, in denen diese literarischeRevolution mit besonderer Kraft und Begeisterung geführtwird, scheint mir Böhmen obenan zu stehen. In derReihe äußerst begabter und intelligenter Künstler nenneich hier nur Machar und Jirí Karásek.

So weit musste ich ausholen, um den Zweck meinerjüngsten Publikation zu rechtfertigen.

Was ich also mit meinem »De profundis« bezwecke,ist einzig und allein, ein seelisches Phänomen darzustellen— ich denke die Seele immer im schroffsten Gegensatzzum Gehirne. Das ist alles. Aber ja: die Handlung!Hm, die Handlung, vielleicht auch Situation, Verwicklung,Intrige usw. Ich pflege keine Handlung zu haben, weilich das Leben der Seele schild're und die Handlung istnur eine Kulisse der Seele, eine schlecht bemalte Kulisse,wie sie auf einer Liebhaberbühne einer Kleinstadt zu sehenist. Das Leben bedarf keiner Handlung, um Konflikte zuerzeugen. Dazu genügt ein harmloser Gedanke, der nachund nach vom ganzen Menschen Besitz nimmt und ihn zuGrunde richtet.

Man sollte mir ja nur nicht wieder mit dem dummenVorwurf kommen, ich sähe die Menschen nur auf das Geschlecht hin. Nun: ich sehe die Menschen weder „daraufhin”, ob sie geniale Geschäftsleute sind oder nicht, noch,,darauf hin”, ob sie in einer scheußlichen finanziellenMisere leben oder sich Pferde und Maitressen haltenkönnen, noch „darauf hin”, ob Hans die Grethe kriegtoder nicht, ich sehe sie ebensowenig „darauf hin”, wassie sonst als „logische Gehirnmenschen” sind, oder wassie als solche leisten können, eventuell leisten könnten,ebensowenig, wie ich jemals ein Möbelstück oder einZimmerarrangement beschrieben habe: ich sehe die Menschen lediglich „darauf hin”, ob es in ihnen jemals zurOffenbarung der Seele kommt oder nicht. Und weil esseltene Fälle sind, in denen sich die Seele offenbart, einmal vielleicht, wie nur einmal der heilige Geist über dieApostel kam, so sind die Fälle, die ich analysiere, ebensehr seltene Fälle.

Das Einzige, was mich interessiert, ist also nur dierätselhafte, geheimnisvolle Manifestation der Seele mitall’ ihren Begleiterscheinungen, dem Fieber, der Vision,den sogenannten psychotischen Zuständen — doch ichwill meine literarischen Freunde mit der bürgerlichenPsychiaternomenklatur nicht erheitern.

Ich schreibe: man sollte mich mit dem Vorwurf verschonen, ich wage es allerdings nicht zu hoffen. Aberebensowenig wie ich etwas dagegen vermag, dass imganzen Mittelalter die seelischen Offenbarungen durchwegnur auf dem Gebiete des religiösen Lebens zu finden sind,ebensowenig kann ich etwas an der Tatsache ändern,dass in unserer Zeit die Seele sich nur in dem Verhältnisder Geschlechter zu einander offenbart. Mag man dafürder Seele die Vorwürfe machen, nicht mir. Denn allesonstigen seelischen Phänomene der sogenannten „weißenMagie” entfallen ebenso wie früher auf das Gebiet desreligiösen Lebens.

Wenn ich von der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben spreche, so meine ich natürlich nicht diefade, brave, komisch-pikante Erotik eines Guy de Maupassant, noch die süßlich-widerliche Unterrockspoesie fürKonfektionösen eines Peter Nansen, noch die gesättigteGleichgültigkeit des Ehebettes. Was ich meine, das ist dasschmerzhafte, angsterfüllte Bewusstsein einer unnennbaren,grausamen Macht, die zwei Seelen aufeinander wirft undsie in Schmerz und Qual zusammenzukoppeln sucht, ichmeine die intensive Liebesqual, in der die Seele bricht, weilsie sich mit der anderen nicht zu verschmelzen vermag,ich meine das enorme Vertiefungsgefühl in der Liebe, woman in der Seele tausend Generationen tätig fühlt, tausendJahrhunderte von Qual und abermals Qual dieser Generationen, die an Zeugungswut und Zukunftsbrunst zu Grundegingen, ich denke nur an die seelische Seite in demLiebesleben: das Unbekannte, Rätselhafte, das großeProblem, das Schopenhauer zuerst ernsthaft in seiner,,Metaphysik der Liebe” aufgeworfen hatte, freilich mitwenig Erfolg, weil die logischen Mittel für das Unlogischeder Seele nicht ausreichen. Unsere Zeit, die überhauptkeine Probleme hat, die nicht schon durch die „tiefstenGeister” gelöst waren, kennt die Liebe nur als eineÖkonomische und sanitäre Frage, und es ist ganz natürlich,dass für die bürgerliche Kunst die Liebe nur als dermehr oder weniger selige Weg in das finanziell und gesundheitlich geregelte Ehebett besteht. So kam es, dassdies tiefste Seelen-- und Lebensproblem nur äußerst wenigeDenker gefunden hat. Und sonderbar genug, dass geradein einer solchen Zeit ein Künstler — allerdings auf demGebiet der „bildenden” Kunst — erstehen sollte, der indie schauerlichen Geheimnisse und Abgründe des Geschlechtslebens weit tiefer eingedrungen ist, als irgend einPhilosoph vor ihm: Félicien Rops.

Man sehe sich seine Werke an, und man wird verstehen, was ich unter der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben meine. Hier nur ein paar Worte, wieFélicien Rops den ewigen Erreger der Liebesgärung, dasWeib, auffasst, um gleichzeitig auf die enorme Distanzzwischen dieser und der bürgerlichen Kunst hinzuweisen.

Für die bürgerlichen Künstler ist das Weib ein Spielzeug oder ein unglaublich edles Wesen, eine Kokotte, odereine steif verschnürte, unnahbare Größe, sie ist ein Miezchen oder eine präraffaelitische Kunigunde... he, he,wie singen doch unsere braven Lyriker von den verschiedenen Fräuleins?

Für Rops ist das Weib eine furchtbare, kosmischeMacht. Sein Weib ist das Weib, das in dem Manne dasGeschlecht wachgerufen hat, ihn an sich mit tausendwohlfeilen Listen kettete, ihn zur Monogamie erzog, dieMännerinstinkte durcheinanderwarf, sie schwächte, verschobund verfeinerte, die Elemente seiner Begierden in neueFormen ordnete und ihm das Gift seiner teuflischen Lüstein das Blut impfte.

Und in der schmerzhaften Ekstase des Schaffens hater die längst verlorenen Verbindungen wiedergewonnen, dieuns an unsere mittelalterlichen Vorfahren knüpfen. Er istnicht mehr der Mann, der sein Leben einsetzt für denlächerlichen Preis des Fünfsekundengenusses, er leidetnicht mehr unter dem Weibe, er bäumt sich auf in demwilden Hass gegen die furchtbare, zerstörende Kraft undwird zu einem fanatischen Ankläger, der in der Rasereigegen seine eigene Natur das Weib unter Umständendem Feuertode preisgeben würde, um die Welt von dem,,größten aller Übel”, dem Weibe, zu befreien.

Und hier steht er vollkommen im Einklänge mit denmittelalterlichen Diabologen. Man lese nur die Doktoren:Bodinus, Sinistrari, Del Rio, Sprenger... Zwei Weltenschmelzen ineinander und begegnen sich in einer und derselben visionären Erkenntnis der Wurzel alles Daseins,der Wurzel jeglichen Schmerzes und aller Qual.

Soll ich nun jetzt vielleicht motivieren, warum ich in »De profundis« ein „succubat” — der Deutsche scheintkeinen passenden Ausdruck dafür zu haben — geschilderthabe, dies grässliche succubat» das der ganzen großenKultur des Mittelalters in der grandiosen Schöpfung desTeufels und der Hexe den Stempel aufgedrückt hatte?

Ich hoffe: nein!

Ja, noch etwas: Die bürgerliche Kritik schreit soentsetzlich nach Kraft und Gesundheit. Sonderbar? Esgab wohl keine Zeit, die mehr stupid, mehr protestantischund mehr borniert wäre, als die unsrige. Ist das nichtGesundheit genug? Ist das nicht Gesundheit genug, dassunsere Zeit so krankhaft seelenlos ist? Und würden dieKraftmeier, die famosen Abse der Literatur nicht einmalzur Abwechselung ein solches Werk mit Interesse lesenkönnen, ohne es gleich in den Schmutz zu ziehen undden Verfasser einen dekadenten Wüstling zu nennen?

Stanisław Przybyszewski

De profundis

Meinem Freunde

Meiner Schwester

Meinem Weibe

Dagny

Er ging müde und wie zerschlagen nach Hanse. Esfröstelte ihn trotz der tropischen Hitze. Im Halse fühlteer feine, scharfe Stiche wie von glühenden Nadeln.

Jetzt würde er wohl ernstlich krank werden. Erfühlte es kommen. Und gerade hier: in einer fremdenStadt ...

Er ging schnell die Straße entlang. Nach Hause.Bald trat ihm kalter Schweiß auf die Stirne, eine unangenehme feuchte Hitze kroch schwül über seinen Körper,und die Stiche im Halse wurden noch häufiger undschmerzhafter.

Die Angst wühlte sich tiefer und banger in sein Blut:er begann zu laufen.

Oben auf seinem Zimmer warf er sich aufs Bett.

Sein Herz schlug gewaltsam. Er fühlte, er hörte diefeinsten Adern klopfen und zittern und sich in wachsenderMacht mit Blut füllen, als ob sie platzen wollten.

Er setzte sich behutsam im Bett zurecht, nun reckteer sich langsam hoch: es wurde noch schlimmer. Er schobdie Kissen gegen die Wand, legte sich halb hin, presstedie Stirn gegen die kalte Wand und horchte auf dasFieber.

Allmählich glättete es sich in ihm. Das Blut flosslangsam zum Herzen zurück. Er hustete frei auf, ohneSchmerzen.

Er wartete. Ob es nicht wiederkäme?

Nein: Das Herz schlug fast ruhig, nur seine Händefieberten und er war wie gebadet in Schweiß.

Er knöpfte langsam die Kleider auf und trocknetesich die Stirn. Nur seine Hände: sie glühten so heißund so feucht.

Nun ja: es war nicht das erste Mal. Es wird sichervorübergehen.

Seltsam, dass er jedes Mal, wenn er von seiner Frauwegfuhr, von diesem Fieber befallen wurde. Jetzt sollteer sie hier haben: nur ihre Hände festhalten, und alleswürde gut werden. Er wurde sicher gleich einschlafen...Wieder begann es in ihm zu schwellen. Sein Körperfing von Neuem an zu zittern, es würgte ihn im Schlundund seine Fäuste ballten sich krampfhaft.

Eine kranke Sehnsucht nach ihren Händen, eine quälendeGier, ihren Leib an sich zu pressen, sein Gesicht auf ihreBrust zu legen: deutlich fühlte er ihre Hand mit leisenSchauern über seinen Körper gleiten und rinnen. DasGefühl wurde so visionär deutlich, als wäre sein Tastsinnein Organ für sich geworden mit einem selbstständigen Gedächtnis: Er unterschied die feinste Gefühlsnuance, die erdoch sonst nur bei der wirklichen Berührung ihres Körpersempfand.

Und die Sehnsucht fing an zu sprießen und schwollund schoss wild hinauf. Die Qual krümmte seine Fingerund zerrte an seinen Nerven, er kauerte zusammengekrampft,als wollt' er sich in seinen eignen Leib einwickeln.

Er fuhr auf und kam zur Besinnung. Sein Herz lief,eine rasende Angst bäumte sich steil in ihm hoch. Mitwachsendem Entsetzen hörte er auf das Klopfen undBrausen in seinem Körper. Er fühlte das Blut mit wütendem Drang die Gewebe anfüllen und auseinanderreißen.

Er sprang auf, blieb stehen, dumpf, starr. Seine Gliederflogen und seine Zähne klapperten in Fieberfrost.

Was sollte er nur anfangen?

Er durfte sich um Gotteswillen nicht eine Sekundedieser Qual hingeben, sonst wurde er sicher die Nachtnicht überleben.

Mit zitternder Ungeduld suchte er nach den Streichhölzern. Die Vorstellung, dass er sie vielleicht nicht findenwürde, brachte ihn der Ohnmacht nahe, er tappte umherund atmete tief auf: sie waren da.

Er zündete das Licht an und blieb lange reglos stehen.

Nun musste er an etwas denken, an irgend etwasGutes und Ruhiges, etwas, das sich wie ein Ruhekissenunter seinen Kopf schöbe.

Plötzlich entdeckte er einen Brief — auf dem Tischmitten unter seiner Wäsche.

Dass er den ganzen Tag nicht daran gedacht hatte,nachzusehen, ob ein Brief da wäre.

Es ging etwas Besonderes in ihm vor. Er ging ganzwie im Traum. Und jetzt hatte er keinen Mut, den Briefzu öffnen. Wenn irgend etwas Unangenehmes drin stand!Das wurde sicher sein Gehirn zerstören.

Da wurde er wütend. Lächerlich, dass ihn das bisschen Fieber so herunterbringen konnte. He, he: ein bisschen Fieber nicht überwinden zu können! He, he: dasbisschen Fieber wurde er schon überwinden. Er hatte jadoch schon viel Schlimmeres durchgemacht...

Über seinem Gehirn lag etwas wie eine feine Eisplatte.Das kühlte förmlich. Er wurde plötzlich so ungewöhnlichklar. Aber es war, als würde die Gehirnmasse verdrängt,tiefer gepresst, die kühle Eisplatte wuchs zu einem Eisklumpen an, die Kälte begann weh zu tun: jetzt fuhr esihm in langen, glühenden Striemen über den Rücken: erlachte heiser auf.

Na natürlich! Ein ganz gewöhnliches Fieber...

Er zerknitterte krampfhaft den Brief.

Ein ganz gewöhnlicher Fieberanfall... Er begannzu pfeifen.

Nun fühlte er lange Nadelstiche in der Brust.

Aha: alte, gute Bekannte... Wieder lachte er laut:das würde ihn sicher nicht aus dem Konzept bringen, dazumüsste die Tortur viel, viel schmerzhafter sein.

Er ging langsam herum, lachte und pfiff.

Ja, richtig: eine Zigarette!

Aber der Rauch machte ihn schwindlig.

Nicht einmal rauchen durfte er: das war doch wirklich schändlich. Das hatte aber doch nichts zu bedeuten,er war nur sehr schwach. Natürlich: wenn man nichtisst, wird man schwach.

Ja, der Brief, der Brief...

Er zerriss resolut das Kuvert, aber die Buchstabentanzten vor seinen Augen, er sah lange hin, sammelte seineganze Willenskraft und zwang sich schließlich, den Briefzu lesen und zu verstehen.

Er las langsam. Die Buchstaben waren so sonderbarlebendig. Als hörte er ihre Stimme, nur in einer neuenForm gegliedert:

Mein teuerster, mein einziger Mann, Du — Du...mein!

Schon eine Woche, seit Du weg bist. Willst Dunoch länger bleiben?

Ich bin neugierig, was Du den ganzen Tag über inder Stadt machst. Hast Du Deine Mutter besucht? Natürlich nicht. Aber mit Agaj bist Du oft zusammen, nichtwahr? Es muss ihr doch sehr schwer sein, fortwährendzwischen Dir und Deiner Mutter zu vermitteln. Sie istein so prachtvolles Mädchen. Ich liebe sie fast eben sosehr wie Dich und ich habe so oft über ihre Liebe zuDir nachgedacht. Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wieeine Schwester. Ich habe nie etwas Ähnliches unter Geschwistern gesehen? Bist Du sehr oft mit ihr zusammen?

Und morgen werden es zwei Jahre, seit wir verheiratetsind. Denk nur: zwei Jahre! Hast Du den Tag vergessen? Ich bekomme doch sicher morgen einen langen,schönen Brief von Dir? Oder — oder? Ich wage esnicht zu hoffen, aber vielleicht kommst Du selbst?

Nein, nein, komm lieber nicht. Ich habe das Gefühl,dass es Dir in der Stadt gefällt, und das macht mich glücklich. Du hast so entsetzlich gearbeitet und jetzt musst Duein bisschen Abwechslung haben, ein wenig Luftveränderung,nicht wahr?

Aber wenn Du kämest, das wäre wunderbar. Ich liebeDich — Du!

Du fühlst Dich doch sehr wohl — wie? Dann bleib'nur lieber, bleib', mein Teuerster Du!... Und weißt Du,ich bin manchmal eifersüchtig auf Agaj, ich habe Angst,dass Du sie mehr liebst wie mich. Aber das ist dochUnsinn, nicht wahr? Du musst sie tausendmal von mirgrüßen und ihr sagen, dass ich sie liebe, dass sie meineeinzige Freundin ist.

Nun leb' wohl. Du, mein Liebling. Tausend Küssevon Deinem Weib.

Er fing an, den Brief wieder von vorn zu lesen.

„Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester...”

Ein heftiges Licht durchfurchte seine Seele.

Er sah deutlich Agaj vor sich sitzen. Das schwarzeseidne Kleid schmiegte sich mit warmer Wollust um dieschlanke, magere Gestalt. Er fühlte durch das Kleid diefeinen, zarten Glieder.

Er ließ sich in den Fauteuil sinken.

Sie wich nicht von ihm. Immer sah er sie dicht,dicht neben sich. Er entkleidete sie mit den Augen, erwühlte in ihrer Nacktheit, er begehrte sie: sein Gehirnbegann in einem gierigen Taumel zu wirbeln.

Aber Agaj ist ja meine Schwester! schrie er entsetztin sich hinein.

Da hörte er sie plötzlich sprechen. Er verstand nunalles, was er noch vor drei Stunden nicht verstehen konnte.

„Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eineSchwester...”

Die paar Worte schlugen sich tief in seine Seele. Eswar, als wäre dort ein Pünktchen Licht hineingefallen,das nun plötzlich zu einer Feuersbrunst ausgewachsen war.

„Als Du das letzte Mal ins Ausland fuhrst, glaubtich, dass ich verrückt würde.”

Er hörte es damals fast gleichgültig an, und jetzt, jetztendlich verstand er es.

Er riss die Augen auf. Er riss sie noch weiter auf:das furchtbare Licht blendete ihn.

Er kroch ganz in sich zusammen. Ein schmerzhafterWollustkrampf fraß saugend an seinem Hirn, er wehrtesich nicht: die Schauer einer gierigen Lust krochen wieGift in jeden Nerv seines Körpers.

Er schrak hoch.

Das war das grässliche Fieber! Gott, Gott, was sollteer nur anfangen? Er musste wachen, er musste lauernund wachen, dass es nur nicht wiederkäme. Seine eigneSchwester!... Aber das ist ja Wahnsinn...

Er lachte irrsinnig. Er lachte lange, bis er Angstvor seinem Lachen bekam.

Natürlich war es das Fieber. Dass er dagegen somachtlos war!... Er musste ins Bett zurück. Ja, sichganz lang hinlegen, dass das Herz sich wieder beruhige.

Er entkleidete sich und legte die Streichhölzer dichtneben sein Bett.

Ich werde sie wohl bald wieder brauchen, lächelte erseltsam.

Nun löschte er die Lampe aus. Eine unerträglicheHitze. Die Decke lastete auf ihm wie ein Alp: er warf sie ab.

Plötzlich mit einem Ruck spannte sich sein Gehirnab, eise glückliche Ruhe kam über ihn.

Ein paar Gedankenbrocken gingen langsam durchseine Seele, zögernd, zerrissen, wie Wolkenlappen nacheinem Gewitter. In seinen Augen flackerte ein winzigesLichtchen, wie ein Irrlicht über einem grünen Sumpf. Erverfolgte es, wie es sich in zackigen, steilen Linien emporwarf und wieder herunterfiel, schwer und jäh wie ein gefallener Stern. Er sah es über dem Sumpf blitzschnelldahinschießen und dann wieder in irren Kreisen tanzen,schneller und schneller, bis es schließlich wie eine glühendeLichtmasse fahl den Sumpf umlohte. Und die grüne, fahleSonne wuchs, schwoll, goss sich kochend über, leckte andem Dunkel mit gierigen Zungen und zerfraß es zu blutigenFetzen. Und da schossen die Zungen in schmetterndenSturmfanfaren jäh hinauf — höher noch: mit wüster Machtwarfen sich die Sonnenbrände steil empor, bis sie amHimmel zerschellten. Noch sah er sie drängend emporzüngeln, dann brachen sie langsam an der Spitze, krochenzögernd ineinander und verschlangen sich in einem brünstigenGeflecht.

Und aus dem kochenden Orkan des Lichtes wuchsihm ein entsetzlicher Gesang hervor.

Eine Verzweiflung wie vor tausend offenen Gräbern.Als hatte sie der Himmel geöffnet und der Menschensohnstiege hernieder, um das Gericht über die Guten und die Bösen zu halten. Millionen Hände fühlte er sich in verblutendem Todeserethismus emporrecken mit Fingern, dieum Mitleid und Gnade schrien. Er hörte ein tierischesGebrüll, das wie ein Meer von dampfendem Blut in kochendem Gischt zum Himmel spritzte, und immer fühlte er dieknochigen Finger sich krallen und spreizen und im brechenden Schmerzenskrampfe schreien:

„Ad te clamamus exules filii Hevae, ad te supiramusgementes et flentes in hac lacrymarum valle”...

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