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19.45
Richard Wagner in Bayreuth

Bezpłatny fragment - Richard Wagner in Bayreuth


Objętość:
82 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0574-3

1

Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen und der große Sinn derer, die es erleben. Ansich hat kein Ereignis Größe, und wenn schon ganzeSternbilder verschwinden, Völker zugrunde gehen,ausgedehnte Staaten gegründet und Kriege mit ungeheuren Kräften und Verlusten geführt werden: übervieles der Art bläst der Hauch der Geschichte hinweg,als handele es sich um Flocken. Es kommt aber auchvor, dass ein gewaltiger Mensch einen Streich führt, deran einem harten Gestein wirkungslos niedersinkt; einkurzer scharfer Widerhall, und alles ist vorbei. DieGeschichte weiß auch von solchen gleichsam abgestumpften Ereignissen beinahe nichts zu melden. Soüberschleicht einen jeden, welcher ein Ereignis herankommen sieht, die Sorge, ob die, welche es erleben,seiner würdig sein werden. Auf dieses Sich-Entsprechenvon Tat und Empfänglichkeit rechnet und zielt manimmer, wenn man handelt, im Kleinsten wie im Größten;und der, welcher geben will, muss zusehen, dass erdie Nehmer findet, die dem Sinne seiner Gabe genugtun. Eben deshalb hat auch die einzelne Tat einesselbst großen Menschen keine Größe, wenn sie kurz,stumpf und unfruchtbar ist; denn in dem Augenblicke,wo er sie tat, muss ihm jedenfalls die tiefe Einsichtgefehlt haben, dass sie gerade jetzt notwendig sei: erhatte nicht scharf genug gezielt, die Zeit nicht bestimmt genug erkannt und gewählt: der Zufall warHerr über ihn geworden, während groß sein und denBlick für die Notwendigkeit haben streng zusammengehört.

Darüber also, ob das, was jetzt in Bayreuth vorsich geht, im rechten Augenblick vor sich geht undnotwendig ist, sich Sorge zu machen und Bedenkenzu haben, überlassen wir billig wohl denen, welcheüber Wagner’s Blick für das Notwendige selbst Bedenken haben. Uns Vertrauensvolleren muss es soerscheinen, dass er ebenso an die Größe seiner Tat,als an den großen Sinn derer, welche sie erlebensollen, glaubt. Darauf sollen alle jene stolz sein,welchen dieser Glaube gilt, jenen vielen oder wenigen— denn dass es nicht alle sind, dass jener Glaubenicht der ganzen Zeit gilt, selbst nicht einmal demganzen deutschen Volke in seiner gegenwärtigen Erscheinung, hat er uns selber gesagt, in jener Weiherede vom 22. Mai 1872, und esgibt keinen unter uns, welcher gerade darin ihm intröstlicher Weise widersprechen dürfte. „Nur Sie,sagte er damals, die Freunde meiner besonderen Kunst,meines eigensten Wirkens und Schaffens, hatte ich, umfür meine Entwürfe mich an Teilnehmende zu wenden:nur um Ihre Mithilfe für mein Werk konnte ich Sieangehen, dieses Werk rein und unentstellt denjenigenvorführen zu können, die meiner Kunst ihre ernstlicheGeneigtheit bezeigten, trotzdem sie ihnen nur nochunrein und entstellt bisher vorgeführt werden konnte.”

In Bayreuth ist auch der Zuschauer anschauenswert, es ist kein Zweifel. Ein weiser betrachtenderGeist, der aus einem Jahrhundert ins andere ginge,die merkwürdigen Kultur-Regungen zu vergleichen,würde dort viel zu sehen haben; er würde fühlenmüssen, dass er hier plötzlich in ein warmes Gewässergerate, wie einer, der in einem See schwimmt undder Strömung einer heißen Quelle nahe kommt: ausanderen, tieferen Gründen muss diese emporkommen,sagt er sich, das umgebende Wasser erklärt sie nichtund ist jedenfalls selber flacheren Ursprungs. Sowerden alle die, welche das Bayreuther Fest begehen,als unzeitgemäße Menschen empfunden werden: siehaben anderswo ihre Heimat als in der Zeit undfinden anderwärts sowohl ihre Erklärung als ihreRechtfertigung. Mir ist immer deutlicher geworden,dass der „Gebildete“, sofern er ganz und völlig dieFrucht dieser Gegenwart ist, allem, was Wagner tutund denkt, nur durch die Parodie beikommen kann — wie auch alles und jedes parodiert worden ist —und dass er sich auch das Bayreuther Ereignis nurdurch die sehr unmagische Laterne unsrer witzelndenZeitungsschreiber beleuchten lassen will. Und glücklich, wenn es bei der Parodie bleibt! Es entladet sichin ihr ein Geist der Entfremdung und Feindseligkeit,welcher noch ganz andere Mittel und Wege aufsuchenkönnte, auch gelegentlich aufgesucht hat. Diese ungewöhnliche Schärfe und Spannung der Gegensätzewürde jener Kultur-Beobachter ebenfalls ins Augefassen. Dass ein Einzelner, im Verlaufe eines gewöhnlichen Menschenlebens, etwas durchaus Neues hinstellen könne, mag wohl alle die empören, welche auf dieAllmählichkeit aller Entwicklung wie auf eine Artvon Sitten-Gesetz schwören: sie sind selber langsamund fordern Langsamkeit — und da sehen sie nun einensehr Geschwinden, wissen nicht, wie er es macht undsind ihm böse. Von einem solchen Unternehmen, wiedem Bayreuther, gab es keine Vorzeichen, keine Übergänge, keine Vermittelungen; den langen Weg zumZiele und das Ziel selber wusste keiner außer Wagner.Es ist die erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst:wobei, wie es scheint, nicht nur eine neue Kunst,sondern die Kunst selber entdeckt wurde. Alle bisherigen modernen Künste sind dadurch, als einsiedlerisch — verkümmerte oder als Luxus — Künste, halb undhalb entwertet; auch die unsicheren, übel zusammenhängenden Erinnerungen an eine wahre Kunst, diewir Neueren von den Griechen her hatten, dürfen nunruhen, soweit sie selbst jetzt nicht in einem neuenVerständnisse zu leuchten vermögen. Es ist für vielesjetzt an der Zeit, abzusterben; diese neue Kunst isteine Seherin, welche nicht nur für Künste den Untergang herannahen sieht. Ihre mahnende Hand mussunserer gesamten jetzigen Bildung von dem Augenblicke an sehr unheimlich vorkommen, wo das Gelächterüber ihre Parodien verstummt: mag sie immerhin nocheine kurze Weile Zeit zu Lust und Lachen haben!

Dagegen werden wir, die Jünger der wiederauferstandenen Kunst, zum Ernste, zum tiefen heiligenErnste, Zeit und Willen haben! Das Reden undLärmen, welches die bisherige Bildung von der Kunstgemacht hat — wir müssen es jetzt als eine schamloseZudringlichkeit empfinden; zum Schweigen verpflichtetuns alles, zum fünfjährigen pythagoreischen Schweigen.Wer von uns hätte nicht an dem widerlichen Götzendienste der modernen Bildung Hände und Gemüt besudelt! Wer bedürfte nicht des reinigenden Wassers,wer hörte nicht die Stimme, die ihn mahnt: Schweigenund Reinsein! Schweigen und Reinsein! Nur alsdenen, welche auf diese Stimme hören, wird uns auchder große Blick zuteil, mit dem wir auf das Ereignis von Bayreuth hinzusehn haben: und nur in diesemBlick liegt die große Zukunft jenes Ereignisses.

Als an jenem Maitage des Jahres 1872 der Grundstein auf der Anhöhe von Bayreuth gelegt wordenwar, bei strömendem Regen und verfinstertem Himmel,fuhr Wagner mit einigen von uns zur Stadt zurück,er schwieg und sah dabei mit einem Blick lange insich hinein, der mit einem Worte nicht zu bezeichnenwäre. Er begann an diesem Tage sein sechzigstesLebensjahr: alles Bisherige war die Vorbereitung aufdiesen Moment. Man weiß, dass Menschen im Augenblick einer außerordentlichen Gefahr oder überhauptin einer wichtigen Entscheidung ihres Lebens durchein unendlich beschleunigtes inneres Schauen allesErlebte zusammendrängen und mit seltenster Schärfedas Nächste wie das Fernste wiedererkennen. Wasmag Alexander der Große in jenem Augenblicke gesehen haben, als er Asien und Europa aus einemMischkrug trinken ließ? Was aber Wagner an jenemTage innerlich schaute — wie er wurde, was er ist,was er sein wird — das können wir, seine Nächsten,bis zu einem Grade nachschauen: und erst von diesemWagnerschen Blick aus werden wir seine große Tatselber verstehen können — um mit diesem Verständnis ihre Fruchtbarkeit zu verbürgen.

2

Es wäre sonderbar, wenn das, was jemand ambesten kann und am liebsten tut, nicht auch in dergesammten Gestaltung seines Lebens wieder sichtbarwürde; vielmehr muss bei Menschen von hervorragender Befähigung das Leben nicht nur, wie bei jedermann, zum Abbild des Charakters, sondern vor allemauch zum Abbild des Intellektes und seines eigenstenVermögens werden. Das Leben des epischen Dichterswird etwas vom Epos an sich tragen — wie dies,beiläufig gesagt, mit Goethe der Fall ist, in welchemdie Deutschen sehr mit Unrecht vornehmlich denLyriker zu sehen gewöhnt sind — das Leben des Dramatikers wird dramatisch verlaufen.

Das Dramatische im Werden Wagners ist garnicht zu verkennen, von dem Augenblicke an, wo diein ihm herrschende Leidenschaft ihrer selber bewusstwird und seine ganze Natur zusammenfasst: damit istdann das Tastende, Schweifende, das Wuchern derNebenschößlinge abgetan, und in den verschlungenstenWegen und Wandelungen, in dem oft abenteuerlichenBogenwürfe seiner Pläne waltet eine einzige innereGesetzlichkeit, ein Wille, aus dem sie erklärbar sind,so verwunderlich auch oft diese Erklärungen klingenwerden. Nun gab es aber einen vordramatischen Teilim Leben Wagners, seine Kindheit und Jugend, undüber den kann man nicht hinweg kommen, ohne aufRätsel zu stoßen. Er selbst scheint noch gar nichtangekündigt; und das, was man jetzt, zurückblickend,vielleicht als Ankündigungen verstehen könnte, zeigtsich doch zunächst als ein Beieinander von Eigenschaften, welche eher Bedenken, als Hoffnungen erregenmüssen: ein Geist der Unruhe, der Reizbarkeit, einenervöse Hast im Erfassen von hundert Dingen, einleidenschaftliches Behagen an beinahe krankhaftenhochgespannten Stimmungen, ein unvermitteltes Umschlagen aus Augenblicken seelenvollster Gemütsstille in das Gewaltsame und Lärmende. Ihn schränkte keinestrenge erb-- und familienhafte Kunstübung ein: dieMalerei, die Dichtkunst, die Schauspielerei, die Musikkamen ihm so nahe als die gelehrtenhafte Erziehungund Zukunft; wer oberflächlich hinblickte, mochtemeinen, er sei zum Dilettantisieren geboren. Die kleineWelt, in deren Bann er aufwuchs, war nicht der Art,dass man einem Künstler zu einer solchen Heimathätte Glück wünschen können. Die gefährliche Lustan geistigem Anschmecken trat ihm nahe, ebenso dermit dem Vielerlei-Wissen verbundene Dünkel, wie erin Gelehrten-Städten zu Hause ist; die Empfindungwurde leicht erregt, ungründlich befriedigt; so weitdas Auge des Knaben schweifte, sah er sich voneinem wunderlich altklugen, aber rührigen Wesenumgeben, zu dem das bunte Theater in lächerlichem,der seelenbezwingende Ton der Musik in unbegreiflichem Gegensätze stand. Nun fällt es dem vergleichenden Kenner überhaupt auf, wie selten gerade dermoderne Mensch, wenn er die Mitgift einer hohen Begabung bekommen hat, in seiner Jugend und Kindheitdie Eigenschaft der Naivität, der schlichten Eigen-- und Selbstheit hat, wie wenig er sie haben kann; vielmehr werden die Seltenen, welche, wie Goethe undWagner, überhaupt zur Naivität kommen, diese jetztimmer noch eher als Männer haben, als im Alter derKinder und Jünglinge. Den Künstler zumal, dem dienachahmende Kraft in besonderem Maße angeborenist, wird die unkräftige Vielseitigkeit des modernenLebens wie eine heftige Kinder-Krankheit befallenmüssen; er wird als Knabe und Jüngling einem Altenähnlicher sehen als seinem eigentlichen Selbst. Daswunderbar strenge Urbild des Jünglings, den Siegfriedim Ring des Nibelungen, konnte nur ein Mann erzeugenund zwar ein Mann, der seine eigene Jugend erst spätgefunden hat. Spät wie Wagners Jugend, kam seinMannesalter, so dass er wenigstens hierin der Gegensatz einer vorwegnehmenden Natur ist.

Sobald seine geistige und sittliche Mannbarkeiteintritt, beginnt auch das Drama seines Lebens. Undwie anders ist jetzt der Anblick! Seine Natur erscheintin furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oderSphären auseinander gerissen. Zu unterst wühlt einheftiger Wille in jäher Strömung, der gleichsam aufallen Wegen, Höhlen und Schluchten ans Licht willund nach Macht verlangt. Nur eine ganz reine undfreie Kraft konnte diesem Willen einen Weg ins Guteund Hilfreiche weisen; mit einem engen Geiste verbunden, hätte ein solcher Wille bei seinem schrankenlosen tyrannischen Begehren zum Verhängnis werdenkönnen; und jedenfalls musste bald ein Weg ins Freiesich finden, und helle Luft und Sonnenschein hinzukommen. Ein mächtiges Streben, dem immer wiederein Einblick in seine Erfolglosigkeit gegeben wird,macht böse; das Unzulängliche kann mitunter in denUmständen, im Unabänderlichen des Schicksals liefen,nicht im Mangel der Kraft: aber der, welcher vomStreben nicht lassen kann, trotz diesem Unzulänglichen,wird gleichsam unterschwürig und daher reizbar undungerecht. Vielleicht sucht er die Gründe für seinMisslingen in den anderen, ja er kann in leidenschaftlichem Hasse alle Welt als schuldig behandeln; vielleicht auch geht er trotzig auf Neben-- und Schleichwegen oder übt Gewalt: so geschieht es wohl, dassgute Naturen verwildern, auf dem Wege zum Besten.Selbst unter denen, welche nur der eigenen sittlichenReinigung nachjagten, unter Einsiedlern und Mönchen,finden sich solche verwilderte und über und über erkrankte, durch Misslingen ausgehöhlte und zerfresseneMenschen. Es war ein liebevoller, mit Güte undSüßigkeit überschwenglich mild zuredender Geist, demdie Gewalttat und die Selbstzerstörung verhasst istund der niemanden in Fesseln sehen will: dieser sprachzu Wagner. Er ließ sich auf ihn nieder und umhüllteihn tröstlich mit seinen Flügeln, er zeigte ihm denWeg. Wir tun einen Blick in die andere Sphäreder Wagnerschen Natur: aber wie sollen wir sie beschreiben?

Die Gestalten, welche ein Künstler schafft, sindnicht er selbst, aber die Reihenfolge der Gestalten, andenen er ersichtlich mit innigster Liebe hängt, sagtallerdings etwas über den Künstler selber aus. Nunstelle man Rienzi, den fliegenden Holländer und Senta,Tannhäuser und Elisabeth, Lohengrin und Elsa, Tristanund Marke, Hans Sachs, Wotan und Brünnhilde sichvor die Seele: es geht ein verbindender unterirdischerStrom von sittlicher Veredelung und Vergrößerungdurch alle hindurch, der immer reiner und geläuterterflutet — und hier stehen wir, wenn auch mit schamhafter Zurückhaltung, vor einem innersten Werden inWagners eigener Seele. An welchem Künstler istetwas Ähnliches in ähnlicher Größe wahrzunehmen?Schillers Gestalten, von den Räubern bis zu Wallenstein und Tell, durchlaufen eine solche Bahn der Veredelung und sprechen ebenfalls etwas über das Werdenihres Schöpfers aus, aber der Maßstab ist bei Wagnernoch größer, der Weg länger. Alles nimmt an dieserLäuterung Teil und drückt sie aus, der Mythus nichtnur, sondern auch die Musik; im Ringe des Nibelungenfinde ich die sittlichste Musik, die ich kenne, zumBeispiel dort, wo Brünnhilde von Siegfried erwecktwird; hier reicht er hinauf bis zu einer Höhe undHeiligkeit der Stimmung, dass wir an das Glühen der Eis-- und Schneegipfel in den Alpen denken müssen:so rein, einsam, schwer zugänglich, trieblos, vomLeuchten der Liebe umflossen, erhebt sich hier dieNatur; Wolken und Gewitter, ja selbst das Erhabene,sind unter ihr. Von da aus auf den Tannhäuser undHolländer zurückblickend, fühlen wir, wie der MenschWagner wurde: wie er dunkel und unruhig begann,wie er stürmisch Befriedigung suchte, Macht, berauschenden Genuss erstrebte, oft mit Ekel zurückfloh, wieer die Last von sich werfen wollte, zu vergessen, zuverneinen, zu entsagen begehrte — der gesamte Stromstürzte sich bald in dieses, bald in jenes Tal undbohrte in die dunkelsten Schluchten: — in der Nachtdieses halb unterirdischen Wühlens erschien ein Sternhoch über ihm, mit traurigem Glanze, er nannte ihn,wie er ihn erkannte: Treue, selbstlose Treue!Warum leuchtete sie ihm heller und reiner, als alles?welches Geheimnis enthält das Wort Treue für seinganzes Wesen? Denn in jedem, was er dachte unddichtete, hat er das Bild und Problem der Treue ausgeprägt, es ist in seinen Werken eine fast vollständigeReihe aller möglichen Arten der Treue, darunter sinddie herrlichsten und selten geahnten: Treue von Bruderzu Schwester, Freund zu Freund, Diener zum Herrn,Elisabeth zu Tannhäuser, Senta zum Holländer, Elsazu Lohengrin, Isolde, Kurwenal und Marke zu Tristan,Brünnhilde zu Wotans innerstem Wunsche — um dieReihe nur anzufangen. Es ist die eigenste Urerfahrung,welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimnis verehrt: diese drückt er mit demWorte Treue aus, diese wird er nicht müde in hundertGestaltungen aus sich heraus zu stellen und in derFülle seiner Dankbarkeit mit dem Herrlichsten zu beschenken, was er hat und kann — jene wundervolleErfahrung und Erkenntnis, dass die eine Sphäre seinesWesens der anderen treu blieb, aus freier selbstlosesterLiebe Treue wahrte, die schöpferische schuldlose lichtereSphäre, der dunkelen, unbändigen und tyrannischen.

3

Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zueinander,in der Hingebung der einen an die andere lag diegroße Notwendigkeit, durch welche er allein ganzund er selbst bleiben konnte: zugleich das einzige,was er nicht in der Gewalt hatte, was er beobachtenund hinnehmen musste, während er die Verführung zurUntreue und ihre schrecklichen Gefahren für sichimmer aufs neue an sich herankommen sah. Hierfließt eine überreiche Quelle der Leiden des Werdenden, die Ungewissheit. Jeder seiner Triebe strebte insUngemessene, alle daseinsfreudigen Begabungen wolltensich einzeln losreißen und für sich befriedigen; jegrößer ihre Fülle, um so größer war der Tumult, umso feindseliger ihre Kreuzung. Dazu reizte der Zufallund das Leben, Macht, Glanz, feurigste Lust zu gewinnen, noch öfter quälte die unbarmherzige Not,überhaupt leben zu müssen; überall waren Fesseln undFallgruben. Wie ist es möglich, da Treue zu halten,ganz zu bleiben? — Dieser Zweifel übermannte ihn oftund sprach sich dann so aus, wie eben ein Künstlerzweifelt, in künstlerischen Gestalten: Elisabeth kann fürTannhäuser eben nur leiden, beten und sterben, sie rettetden Unsteten und Unmäßigen durch ihre Treue, abernicht für dieses Leben. Es geht gefährlich und verzweifelt zu, im Lebenswege jedes wahren Künstlers,der in die modernen Zeiten geworfen ist. Auf vieleArten kann er zu Ehren und Macht kommen, Ruheund Genügen bietet sich ihm mehrfach an, doch immernur in der Gestalt, wie der moderne Mensch sie kenntund wie sie für den redlichen Künstler zum erstickenden Brodem werden müssen. In der Versuchung hiezuund ebenso in der Abweisung dieser Versuchung liegenseine Gefahren, in dem Ekel an den modernen Arten,Lust und Ansehen zu erwerben, in der Wut, welchesich gegen alles eigensüchtige Behagen nach Art derjetzigen Menschen wendet. Man denke ihn sich in eineBeamtung hinein — so wie Wagner das Amt einesKapellmeisters an Stadt-- und Hoftheatern zu versehenhatte; man empfinde es, wie der ernsteste Künstler mitGewalt da den Ernst erzwingen will, wo nun einmaldie modernen Einrichtungen fast mit grundsätzlicherLeichtfertigkeit aufgebaut sind und Leichtfertigkeitfordern, wie es ihm zum Teil gelingt und im Ganzenimmer misslingt, wie der Ekel ihm naht und er flüchtenwill, wie er den Ort nicht findet, wohin er flüchtenkönnte und er immer wieder zu den Zigeunern undAusgestoßenen unserer Kultur als einer der Ihrigenzurückkehren muss. Aus einer Lage sich losreißend,verhilft er sich selten zu einer besseren, mitunter gerät er in die tiefste Dürftigkeit. So wechselte WagnerStädte, Gefährten, Länder, und man begreift kaum,unter was für Anmutungen und Umgebungen er esdoch immer eine Zeit lang ausgehalten hat. Auf dergrößeren Hälfte seines bisherigen Lebens liegt eineschwere Luft; es scheint, als hoffte er nicht mehr insallgemeine, sondern nur noch von heute zu morgen,und so verzweifelte er zwar nicht, ohne doch zu glauben.Wie ein Wanderer durch die Nacht geht, mit schwererBürde und auf das Tiefste ermüdet und doch übernächtig erregt, so mag es ihm oft zumute gewesensein; ein plötzlicher Tod erschien dann vor seinenBlicken nicht als Schrecknis, sondern als verlockendesliebreizendes Gespenst. Last, Weg und Nacht, allesmit einem Male verschwunden! — das tönte verführerisch. Hundertmal warf er sich von neuem wieder mit jener kurzatmigen Hoffnung ins Leben undließ alle Gespenster hinter sich. Aber in der Art,wie er es tat, lag fast immer eine Maßlosigkeit, dasAnzeichen dafür, dass er nicht tief und fest an jeneHoffnung glaubte, sondern sich nur an ihr berauschte.Mit dem Gegensätze seines Begehrens und seines gewöhnlichen Halb-- oder Unvermögens, es zu befriedigen,wurde er wie mit Stacheln gequält, durch das fortwährende Entbehren aufgereizt, verlor sich seine Vorstellung ins Ausschweifende, wenn einmal plötzlich derMangel nachließ. Das Leben ward immer verwickelter;aber auch immer kühner, erfindungsreicher waren dieMittel und Auswege, die er, der Dramatiker, entdeckte,ob es schon lauter dramatische Notbehelfe waren,vorgeschobene Motive, welche einen Augenblicktäuschen und nur für einen Augenblick erfunden sind.Er ist blitzschnell mit ihnen bei der Hand, und ebensoschnell sind sie verbraucht. Das Leben Wagners, ganzaus der Nähe und ohne Liebe gesehen, hat, um aneinen Gedanken Schopenhauers zu erinnern, sehr vielvon der Komödie an sich, und zwar von einer merkwürdig grotesken. Wie das Gefühl hiervon, das Eingeständnis einer grotesken Würdelosigkeit ganzerLebensstrecken auf den Künstler wirken musste, dermehr als irgendein anderer im Erhabenen und imÜber-Erhabenen allein frei atmen kann, — das gibtdem Denkenden zu denken.

Inmitten eines solchen Treibens, welches nur durchdie genaueste Schilderung den Grad von Mitleiden,Schrecken und Verwunderung einflößen kann, welchenes verdient, entfaltet sich eine Begabung des Lernens, wie sie selbst bei Deutschen, dem eigentlichenLern-Volke, ganz außergewöhnlich ist; und in dieser Begabung erwuchs wieder eine neue Gefahr, die sogargrößer war als die eines entwurzelt und unstet scheinenden, vom friedlosen Wahne kreuz und quer geführten Lebens. Wagner wurde aus einem versuchendenNeuling ein allseitiger Meister der Musik und derBühne und in jeder der technischen Vorbedingungenein Erfinder und Mehrer. Niemand wird ihm denRuhm mehr streitig machen, das höchste Vorbild füralle Kunst des großen Vortrags gegeben zu haben.Aber er wurde noch viel mehr, und um dies und jeneszu werden, war es ihm so wenig als irgend jemandemerspart, sich lernend die höchste Kultur anzueignen.Und wie er dies tat! Es ist eine Lust, dies zusehen; von allen Seiten wächst es an ihn heran, in ihnhinein, und je größer und schwerer der Bau, um sostraffer spannt sich der Bogen des ordnenden undbeherrschenden Denkens. Und doch wurde es selteneinem so schwer gemacht, die Zugänge zu den Wissenschaften und Fertigkeiten zu finden, und vielfach mussteer solche Zugänge improvisieren. Der Erneuerer deseinfachen Dramas, der Entdecker der Stellung derKünste in der wahren menschlichen Gesellschaft, derdichtende Erklärer vergangener Lebensbetrachtungen,der Philosoph, der Historiker, der Ästhetiker undKritiker Wagner, der Meister der Sprache, der Mythologund Mythopoet, der zum ersten Male einen Ring umdas herrliche uralte ungeheure Gebilde schloss und dieRunen seines Geistes darauf eingrub — welche Fülledes Wissens hatte er zusammenzubringen und zu umspannen, um das alles werden zu können! Und docherdrückte weder diese Summe seinen Willen zur Tat,noch leitete das Einzelne und Anziehendste ihn abseits.Um das Ungemeine eines solchen Verhaltens zu ermessen, nehme man zum Beispiel das große GegenbildGoethes, der, als Lernender und Wissender, wie einviel verzweigtes Stromnetz erscheint, welches aber seineganze Kraft nicht zu Meere trägt, sondern mindestensebensoviel auf seinen Wegen und Krümmungen verliert und verstreut, als es am Ausgange mit sich führt. Esist wahr, ein solches Wesen wie das Goethes hat undmacht mehr Behagen, es liegt etwas Mildes und Edel-Verschwenderisches um ihn herum, während WagnersLauf und Stromgewalt vielleicht erschrecken und abschrecken kann. Mag aber sich fürchten, wer will:wir anderen wollen dadurch um so mutiger werden,dass wir einen Helden mit Augen sehen dürfen, welcherauch in Betreff der modernen Bildung „das Fürchtennicht gelernt hat”.

Ebensowenig hat er gelernt, sich durch Historieund Philosophie zur Ruhe zu bringen und gerade daszauberhaft Sänftigende und der Tat Widerratendeihrer Wirkungen für sich herauszunehmen. Wederder schaffende, noch der kämpfende Künstler wurdedurch das Lernen und die Bildung von seiner Laufbahnabgezogen. Sobald ihn seine bildende Kraft überkommt, wird ihm die Geschichte ein beweglicher Tonin seiner Hand; dann steht er mit einem Mal anderszu ihr als jeder Gelehrte, vielmehr ähnlich wie derGrieche zu seinem Mythus stand, als zu einem Etwas,an dem man formt und dichtet, zwar mit Liebe undeiner gewissen scheuen Andacht, aber doch mit demHoheitsrecht des Schaffenden. Und gerade weil siefür ihn noch biegsamer und wandelbarer als jederTraum ist, kann er in das einzelne Ereignis dasTypische ganzer Zeiten hineindichten und so eineWahrheit der Darstellung erreichen, wie sie der Historiker nie erreicht. Wo ist das ritterliche Mittelalterso mit Fleisch und Geist in ein Gebilde übergegangen,wie dies im Lohengrin geschehen ist? Und werdennicht die Meistersinger noch zu den spätesten Zeitenvon dem deutschen Wesen erzählen, ja mehr alserzählen, werden sie nicht vielmehr eine der reifstenFrüchte jenes Wesens sein, das immer reformieren undnicht revolvieren will und das auf dem breiten Grundeseines Behagens auch das edelste Unbehagen, das dererneuernden Tat, nicht verlernt hat?

Und gerade zu dieser Art des Unbehagens wurdeWagner immer wieder durch sein Befassen mit Historieund Philosophie gedrängt: in ihnen fand er nicht nurWaffen und Rüstung, sondern hier fühlte er vor allemden begeisternden Anhauch, welcher von den Grabstättenaller großen Kämpfer, aller großen Leidenden undDenkenden her weht. Man kann sich durch nichtsmehr von der ganzen gegenwärtigen Zeit abheben, alsdurch den Gebrauch, welchen man von der Geschichteund Philosophie macht. Der ersteren scheint jetzt, sowie sie gewöhnlich verstanden wird, die Aufgabe zugefallen zu sein, den modernen Menschen, der keuchendund mühevoll zu seinen Zielen läuft, einmal aufatmenzu lassen, so dass er sich für einen Augenblick gleichsam abgeschirrt fühlen kann. Was der einzelneMontaigne in der Bewegtheit des Reformations-Geistesbedeutet, ein In-sich-zur-Ruhe-kommen, ein friedlichesFür-sich-sein und Ausatmen — und so empfand ihngewiss sein bester Leser, Shakespeare — das ist jetztdie Historie für den modernen Geist. Wenn die Deutschen seit einem Jahrhundert besonders den historischen Studien obgelegen haben, so zeigt dies, dasssie in der Bewegung der neueren Welt die aufhaltende,verzögernde, beruhigende Macht sind: was vielleichteinige zu einem Lobe für sie wenden dürften. ImGanzen ist es aber ein gefährliches Anzeichen, wenndas geistige Ringen eines Volkes vornehmlich derVergangenheit gilt, ein Merkmal von Erschlaffung,von Rück-- und Hinfälligkeit: so dass sie nun jedemum sich greifenden Fieber, zum Beispiel dem politischen,in gefährlichster Weise ausgesetzt sind. Einen solchenZustand von Schwäche stellen, im Gegensätze zu allenReformations-- und Revolutions-Bewegungen, unsereGelehrten in der Geschichte des modernen Geistes dar,sie haben sich nicht die stolzeste Aufgabe gestellt, abereine eigene Art friedfertigen Glückes gesichert. Jederfreiere, männlichere Schritt führt freilich an ihnen vorüber, — wenn auch keineswegs an der Geschichteselbst! Diese hat noch ganz andere Kräfte in sich,wie gerade solche Naturen wie Wagner ahnen: nurmuss sie erst einmal in einem viel ernsteren, strengerenSinne, aus einer mächtigen Seele heraus und überhaupt nicht mehr optimistisch, wie bisher immer, geschrieben werden, anders also, als die deutschen Gelehrten bis jetzt getan haben. Es liegt etwas Beschönigendes, Unterwürfiges und Zufriedengestelltesauf allen ihren Arbeiten, und der Gang der Dinge istihnen recht. Es ist schon viel, wenn es einer merkenlässt, dass er gerade nur zufrieden sei, weil es nochschlimmer hätte kommen können: die meisten von ihnenglauben unwillkürlich, dass es sehr gut sei, gerade sowie es nun einmal gekommen ist. Wäre die Historienicht immer noch eine verkappte christliche Theodizee,wäre sie mit mehr Gerechtigkeit und Inbrunst desMitgefühls geschrieben, so würde sie wahrhaftig amwenigsten gerade als das Dienste leisten können, alswas sie jetzt dient: als Opiat gegen alles Umwälzendeund Erneuernde. Ähnlich steht es mit der Philosophie:aus welcher ja die meisten nichts anderes lernen wollen,als die Dinge ungefähr — sehr ungefähr! — verstehen, um sich dann in sie zu schicken. Und selbst von ihrenedelsten Vertretern wird ihre stillende und tröstendeMacht so stark hervorgehoben, dass die Ruhesüchtigenund Trägen meinen müssen, sie suchten dasselbe, wasdie Philosophie sucht. Mir scheint dagegen die wichtigste Frage aller Philosophie zu sein, wie weit dieDinge eine unabänderliche Artung und Gestalt haben:um dann, wenn diese Frage beantwortet ist, mit derrücksichtslosesten Tapferkeit auf die Verbesserungder als veränderlich erkannten Seite derWelt loszugehen. Das lehren die wahren Philosophenauch selber durch die Tat, dadurch, dass sie an derVerbesserung der sehr veränderlichen Einsicht derMenschen arbeiteten und ihre Weisheit nicht für sichbehielten; das lehren auch die wahren Jünger wahrerPhilosophien, welche wie Wagner aus ihnen geradegesteigerte Entschiedenheit und Unbeugsamkeit fürihr Wollen, aber keine Einschläferungssäfte zu saugenverstehen. Wagner ist dort am meisten Philosoph, wo eram tatkräftigsten und heldenhaftesten ist. Und geradeals Philosoph ging er nicht nur durch das Feuer verschiedener philosophischer Systeme, ohne sich zu fürchten,hindurch, sondern auch durch den Dampf des Wissensund der Gelehrsamkeit, und hielt seinem höheren SelbstTreue, welches von ihm Gesamttaten seinesvielstimmigen Wesens verlangte und ihn leidenund lernen hieß, um jene Taten tun zu können.

4

Die Geschichte der Entwicklung der Kultur seitden Griechen ist kurz genug, wenn man den eigentlichen wirklich zurückgelegten Weg in Betracht ziehtund das Stillestehen, Zurückgehen, Zaudern, Schleichengar nicht mitrechnet. Die Hellenisierung der Weltund, diese zu ermöglichen, die Orientalisierung desHellenischen — die Doppel-Aufgabe des großen Alexander — ist immer noch das letzte große Ereignis; die alte Frage, ob eine fremde Kultur sich überhaupt übertragen lasse, immer noch das Problem, andem die Neueren sich abmühen. Das rhythmische Spieljener beiden Faktoren gegeneinander ist es, was namentlich den bisherigen Gang der Geschichte bestimmt hat. Da erscheint zum Beispiel das Christentum als ein Stück orientalischen Altertums, welchesvon den Menschen mit ausschweifender Gründlichkeitzu Ende gedacht und gehandelt wurde. Im Schwindenseines Einflusses hat wieder die Macht des hellenischenKulturwesens zugenommen; wir erleben Erscheinungen,welche so befremdend sind, dass sie unerklärbar inder Luft schweben würden, wenn man sie nicht, übereinen mächtigen Zeitraum hinweg, an die griechischenAnalogien anknüpfen könnte. So gibt es zwischenKant und den Eleaten, zwischen Schopenhauer undEmpedokles, zwischen Äschylus und Richard Wagnersolche Nähen und Verwandtschaften, dass man fasthandgreiflich an das sehr relative Wesen aller Zeitbegriffe gemahnt wird: beinahe scheint es, als obmanche Dinge zusammengehören und die Zeit nureine Wolke sei, welche es unseren Augen schwer macht,diese Zusammengehörigkeit zu sehen. Besonders bringtauch die Geschichte der strengen Wissenschaften denEindruck hervor, als ob wir uns eben jetzt in nächsterNähe der alexandrinisch-griechischen Welt befändenund als ob der Pendel der Geschichte wieder nach demPunkte zurückschwänge, von wo er zu schwingen begann, fort in rätselhafte Ferne und Verlorenheit.Das Bild unserer gegenwärtigen Welt ist durchauskein neues: immer mehr muss es dem, der die Geschichte kennt, so zumute werden, als ob er altevertraute Züge eines Gesichtes wiedererkenne. DerGeist der hellenischen Kultur liegt in unendlicher Zerstreuung auf unserer Gegenwart: während sich dieGewalten aller Art drängen und man sich die Früchteder modernen Wissenschaften und Fertigkeiten alsAustauschmittel bietet, dämmert in blassen Zügenwieder das Bild des Hellenischen, aber noch ganz fernund geisterhaft, auf. Die Erde, die bisher zur Genügeorientalisiert worden ist, sehnt sich wieder nach derHellenisierung; wer ihr hier helfen will, der hat freilichSchnelligkeit und einen geflügelten Fuß von Nöten,um die mannigfachsten und entferntesten Punkte desWissens, die entlegensten Weltteile der Begabungzusammenzubringen, um das ganze ungeheuer ausgespannte Gefilde zu durchlaufen und zu beherrschen.So ist denn jetzt eine Reihe von Gegen-Alexandernnötig geworden, welche die mächtigste Kraft haben,zusammenzuziehen und zu binden, die entferntestenFäden heranzulangen und das Gewebe vor dem Zerblasenwerden zu bewahren. Nicht den gordischenKnoten der griechischen Kultur zu lösen, wie esAlexander tat, so dass seine Enden nach allen Weltrichtungen hin flatterten, sondern ihn zu binden,nachdem er gelöst war — das ist jetzt die Aufgabe. In Wagner erkenne ich einen solchen Gegen-Alexander: er bannt und schließt zusammen, was vereinzelt, schwach und lässig war, er hat, wenn einmedizinischer Ausdruck erlaubt ist, eine adstringierende Kraft: insofern gehört er zu den ganz großenKulturgewalten. Er waltet über den Künsten, denReligionen, den verschiedenen Völkergeschichten undist doch der Gegensatz eines Polyhistors, eines nur zusammentragenden und ordnenden Geistes: denn er istein Zusammenbildner und Beseeler des Zusammengebrachten, ein Vereinfacher der Welt. Man wirdsich an einer solchen Vorstellung nicht irre machenlassen, wenn man diese allgemeinste Aufgabe, die seinGenius ihm gestellt hat, mit der viel engeren undnäheren vergleicht, an welche man jetzt zuerst beidem Namen Wagner zu denken pflegt. Man erwartetvon ihm eine Reformation des Theaters: gesetzt, dieselbegelänge ihm, was wäre denn damit für jene höhere undfernere Aufgabe getan?

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