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20.79
Richard Wagner in Bayreuth

Bezpłatny fragment - Richard Wagner in Bayreuth


Objętość:
82 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0574-3

1

Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen und der große Sinn derer, die es erleben. Ansich hat kein Ereignis Größe, und wenn schon ganzeSternbilder verschwinden, Völker zugrunde gehen,ausgedehnte Staaten gegründet und Kriege mit ungeheuren Kräften und Verlusten geführt werden: übervieles der Art bläst der Hauch der Geschichte hinweg,als handele es sich um Flocken. Es kommt aber auchvor, dass ein gewaltiger Mensch einen Streich führt, deran einem harten Gestein wirkungslos niedersinkt; einkurzer scharfer Widerhall, und alles ist vorbei. DieGeschichte weiß auch von solchen gleichsam abgestumpften Ereignissen beinahe nichts zu melden. Soüberschleicht einen jeden, welcher ein Ereignis herankommen sieht, die Sorge, ob die, welche es erleben,seiner würdig sein werden. Auf dieses Sich-Entsprechenvon Tat und Empfänglichkeit rechnet und zielt manimmer, wenn man handelt, im Kleinsten wie im Größten;und der, welcher geben will, muss zusehen, dass erdie Nehmer findet, die dem Sinne seiner Gabe genugtun. Eben deshalb hat auch die einzelne Tat einesselbst großen Menschen keine Größe, wenn sie kurz,stumpf und unfruchtbar ist; denn in dem Augenblicke,wo er sie tat, muss ihm jedenfalls die tiefe Einsichtgefehlt haben, dass sie gerade jetzt notwendig sei: erhatte nicht scharf genug gezielt, die Zeit nicht bestimmt genug erkannt und gewählt: der Zufall warHerr über ihn geworden, während groß sein und denBlick für die Notwendigkeit haben streng zusammengehört.

Darüber also, ob das, was jetzt in Bayreuth vorsich geht, im rechten Augenblick vor sich geht undnotwendig ist, sich Sorge zu machen und Bedenkenzu haben, überlassen wir billig wohl denen, welcheüber Wagner’s Blick für das Notwendige selbst Bedenken haben. Uns Vertrauensvolleren muss es soerscheinen, dass er ebenso an die Größe seiner Tat,als an den großen Sinn derer, welche sie erlebensollen, glaubt. Darauf sollen alle jene stolz sein,welchen dieser Glaube gilt, jenen vielen oder wenigen— denn dass es nicht alle sind, dass jener Glaubenicht der ganzen Zeit gilt, selbst nicht einmal demganzen deutschen Volke in seiner gegenwärtigen Erscheinung, hat er uns selber gesagt, in jener Weiherede vom 22. Mai 1872, und esgibt keinen unter uns, welcher gerade darin ihm intröstlicher Weise widersprechen dürfte. „Nur Sie,sagte er damals, die Freunde meiner besonderen Kunst,meines eigensten Wirkens und Schaffens, hatte ich, umfür meine Entwürfe mich an Teilnehmende zu wenden:nur um Ihre Mithilfe für mein Werk konnte ich Sieangehen, dieses Werk rein und unentstellt denjenigenvorführen zu können, die meiner Kunst ihre ernstlicheGeneigtheit bezeigten, trotzdem sie ihnen nur nochunrein und entstellt bisher vorgeführt werden konnte.”

In Bayreuth ist auch der Zuschauer anschauenswert, es ist kein Zweifel. Ein weiser betrachtenderGeist, der aus einem Jahrhundert ins andere ginge,die merkwürdigen Kultur-Regungen zu vergleichen,würde dort viel zu sehen haben; er würde fühlenmüssen, dass er hier plötzlich in ein warmes Gewässergerate, wie einer, der in einem See schwimmt undder Strömung einer heißen Quelle nahe kommt: ausanderen, tieferen Gründen muss diese emporkommen,sagt er sich, das umgebende Wasser erklärt sie nichtund ist jedenfalls selber flacheren Ursprungs. Sowerden alle die, welche das Bayreuther Fest begehen,als unzeitgemäße Menschen empfunden werden: siehaben anderswo ihre Heimat als in der Zeit undfinden anderwärts sowohl ihre Erklärung als ihreRechtfertigung. Mir ist immer deutlicher geworden,dass der „Gebildete“, sofern er ganz und völlig dieFrucht dieser Gegenwart ist, allem, was Wagner tutund denkt, nur durch die Parodie beikommen kann — wie auch alles und jedes parodiert worden ist —und dass er sich auch das Bayreuther Ereignis nurdurch die sehr unmagische Laterne unsrer witzelndenZeitungsschreiber beleuchten lassen will. Und glücklich, wenn es bei der Parodie bleibt! Es entladet sichin ihr ein Geist der Entfremdung und Feindseligkeit,welcher noch ganz andere Mittel und Wege aufsuchenkönnte, auch gelegentlich aufgesucht hat. Diese ungewöhnliche Schärfe und Spannung der Gegensätzewürde jener Kultur-Beobachter ebenfalls ins Augefassen. Dass ein Einzelner, im Verlaufe eines gewöhnlichen Menschenlebens, etwas durchaus Neues hinstellen könne, mag wohl alle die empören, welche auf dieAllmählichkeit aller Entwicklung wie auf eine Artvon Sitten-Gesetz schwören: sie sind selber langsamund fordern Langsamkeit — und da sehen sie nun einensehr Geschwinden, wissen nicht, wie er es macht undsind ihm böse. Von einem solchen Unternehmen, wiedem Bayreuther, gab es keine Vorzeichen, keine Übergänge, keine Vermittelungen; den langen Weg zumZiele und das Ziel selber wusste keiner außer Wagner.Es ist die erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst:wobei, wie es scheint, nicht nur eine neue Kunst,sondern die Kunst selber entdeckt wurde. Alle bisherigen modernen Künste sind dadurch, als einsiedlerisch — verkümmerte oder als Luxus — Künste, halb undhalb entwertet; auch die unsicheren, übel zusammenhängenden Erinnerungen an eine wahre Kunst, diewir Neueren von den Griechen her hatten, dürfen nunruhen, soweit sie selbst jetzt nicht in einem neuenVerständnisse zu leuchten vermögen. Es ist für vielesjetzt an der Zeit, abzusterben; diese neue Kunst isteine Seherin, welche nicht nur für Künste den Untergang herannahen sieht. Ihre mahnende Hand mussunserer gesamten jetzigen Bildung von dem Augenblicke an sehr unheimlich vorkommen, wo das Gelächterüber ihre Parodien verstummt: mag sie immerhin nocheine kurze Weile Zeit zu Lust und Lachen haben!

Dagegen werden wir, die Jünger der wiederauferstandenen Kunst, zum Ernste, zum tiefen heiligenErnste, Zeit und Willen haben! Das Reden undLärmen, welches die bisherige Bildung von der Kunstgemacht hat — wir müssen es jetzt als eine schamloseZudringlichkeit empfinden; zum Schweigen verpflichtetuns alles, zum fünfjährigen pythagoreischen Schweigen.Wer von uns hätte nicht an dem widerlichen Götzendienste der modernen Bildung Hände und Gemüt besudelt! Wer bedürfte nicht des reinigenden Wassers,wer hörte nicht die Stimme, die ihn mahnt: Schweigenund Reinsein! Schweigen und Reinsein! Nur alsdenen, welche auf diese Stimme hören, wird uns auchder große Blick zuteil, mit dem wir auf das Ereignis von Bayreuth hinzusehn haben: und nur in diesemBlick liegt die große Zukunft jenes Ereignisses.

Als an jenem Maitage des Jahres 1872 der Grundstein auf der Anhöhe von Bayreuth gelegt wordenwar, bei strömendem Regen und verfinstertem Himmel,fuhr Wagner mit einigen von uns zur Stadt zurück,er schwieg und sah dabei mit einem Blick lange insich hinein, der mit einem Worte nicht zu bezeichnenwäre. Er begann an diesem Tage sein sechzigstesLebensjahr: alles Bisherige war die Vorbereitung aufdiesen Moment. Man weiß, dass Menschen im Augenblick einer außerordentlichen Gefahr oder überhauptin einer wichtigen Entscheidung ihres Lebens durchein unendlich beschleunigtes inneres Schauen allesErlebte zusammendrängen und mit seltenster Schärfedas Nächste wie das Fernste wiedererkennen. Wasmag Alexander der Große in jenem Augenblicke gesehen haben, als er Asien und Europa aus einemMischkrug trinken ließ? Was aber Wagner an jenemTage innerlich schaute — wie er wurde, was er ist,was er sein wird — das können wir, seine Nächsten,bis zu einem Grade nachschauen: und erst von diesemWagnerschen Blick aus werden wir seine große Tatselber verstehen können — um mit diesem Verständnis ihre Fruchtbarkeit zu verbürgen.

2

Es wäre sonderbar, wenn das, was jemand ambesten kann und am liebsten tut, nicht auch in dergesammten Gestaltung seines Lebens wieder sichtbarwürde; vielmehr muss bei Menschen von hervorragender Befähigung das Leben nicht nur, wie bei jedermann, zum Abbild des Charakters, sondern vor allemauch zum Abbild des Intellektes und seines eigenstenVermögens werden. Das Leben des epischen Dichterswird etwas vom Epos an sich tragen — wie dies,beiläufig gesagt, mit Goethe der Fall ist, in welchemdie Deutschen sehr mit Unrecht vornehmlich denLyriker zu sehen gewöhnt sind — das Leben des Dramatikers wird dramatisch verlaufen.

Das Dramatische im Werden Wagners ist garnicht zu verkennen, von dem Augenblicke an, wo diein ihm herrschende Leidenschaft ihrer selber bewusstwird und seine ganze Natur zusammenfasst: damit istdann das Tastende, Schweifende, das Wuchern derNebenschößlinge abgetan, und in den verschlungenstenWegen und Wandelungen, in dem oft abenteuerlichenBogenwürfe seiner Pläne waltet eine einzige innereGesetzlichkeit, ein Wille, aus dem sie erklärbar sind,so verwunderlich auch oft diese Erklärungen klingenwerden. Nun gab es aber einen vordramatischen Teilim Leben Wagners, seine Kindheit und Jugend, undüber den kann man nicht hinweg kommen, ohne aufRätsel zu stoßen. Er selbst scheint noch gar nichtangekündigt; und das, was man jetzt, zurückblickend,vielleicht als Ankündigungen verstehen könnte, zeigtsich doch zunächst als ein Beieinander von Eigenschaften, welche eher Bedenken, als Hoffnungen erregenmüssen: ein Geist der Unruhe, der Reizbarkeit, einenervöse Hast im Erfassen von hundert Dingen, einleidenschaftliches Behagen an beinahe krankhaftenhochgespannten Stimmungen, ein unvermitteltes Umschlagen aus Augenblicken seelenvollster Gemütsstille in das Gewaltsame und Lärmende. Ihn schränkte keinestrenge erb-- und familienhafte Kunstübung ein: dieMalerei, die Dichtkunst, die Schauspielerei, die Musikkamen ihm so nahe als die gelehrtenhafte Erziehungund Zukunft; wer oberflächlich hinblickte, mochtemeinen, er sei zum Dilettantisieren geboren. Die kleineWelt, in deren Bann er aufwuchs, war nicht der Art,dass man einem Künstler zu einer solchen Heimathätte Glück wünschen können. Die gefährliche Lustan geistigem Anschmecken trat ihm nahe, ebenso dermit dem Vielerlei-Wissen verbundene Dünkel, wie erin Gelehrten-Städten zu Hause ist; die Empfindungwurde leicht erregt, ungründlich befriedigt; so weitdas Auge des Knaben schweifte, sah er sich voneinem wunderlich altklugen, aber rührigen Wesenumgeben, zu dem das bunte Theater in lächerlichem,der seelenbezwingende Ton der Musik in unbegreiflichem Gegensätze stand. Nun fällt es dem vergleichenden Kenner überhaupt auf, wie selten gerade dermoderne Mensch, wenn er die Mitgift einer hohen Begabung bekommen hat, in seiner Jugend und Kindheitdie Eigenschaft der Naivität, der schlichten Eigen-- und Selbstheit hat, wie wenig er sie haben kann; vielmehr werden die Seltenen, welche, wie Goethe undWagner, überhaupt zur Naivität kommen, diese jetztimmer noch eher als Männer haben, als im Alter derKinder und Jünglinge. Den Künstler zumal, dem dienachahmende Kraft in besonderem Maße angeborenist, wird die unkräftige Vielseitigkeit des modernenLebens wie eine heftige Kinder-Krankheit befallenmüssen; er wird als Knabe und Jüngling einem Altenähnlicher sehen als seinem eigentlichen Selbst. Daswunderbar strenge Urbild des Jünglings, den Siegfriedim Ring des Nibelungen, konnte nur ein Mann erzeugenund zwar ein Mann, der seine eigene Jugend erst spätgefunden hat. Spät wie Wagners Jugend, kam seinMannesalter, so dass er wenigstens hierin der Gegensatz einer vorwegnehmenden Natur ist.

Sobald seine geistige und sittliche Mannbarkeiteintritt, beginnt auch das Drama seines Lebens. Undwie anders ist jetzt der Anblick! Seine Natur erscheintin furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oderSphären auseinander gerissen. Zu unterst wühlt einheftiger Wille in jäher Strömung, der gleichsam aufallen Wegen, Höhlen und Schluchten ans Licht willund nach Macht verlangt. Nur eine ganz reine undfreie Kraft konnte diesem Willen einen Weg ins Guteund Hilfreiche weisen; mit einem engen Geiste verbunden, hätte ein solcher Wille bei seinem schrankenlosen tyrannischen Begehren zum Verhängnis werdenkönnen; und jedenfalls musste bald ein Weg ins Freiesich finden, und helle Luft und Sonnenschein hinzukommen. Ein mächtiges Streben, dem immer wiederein Einblick in seine Erfolglosigkeit gegeben wird,macht böse; das Unzulängliche kann mitunter in denUmständen, im Unabänderlichen des Schicksals liefen,nicht im Mangel der Kraft: aber der, welcher vomStreben nicht lassen kann, trotz diesem Unzulänglichen,wird gleichsam unterschwürig und daher reizbar undungerecht. Vielleicht sucht er die Gründe für seinMisslingen in den anderen, ja er kann in leidenschaftlichem Hasse alle Welt als schuldig behandeln; vielleicht auch geht er trotzig auf Neben-- und Schleichwegen oder übt Gewalt: so geschieht es wohl, dassgute Naturen verwildern, auf dem Wege zum Besten.Selbst unter denen, welche nur der eigenen sittlichenReinigung nachjagten, unter Einsiedlern und Mönchen,finden sich solche verwilderte und über und über erkrankte, durch Misslingen ausgehöhlte und zerfresseneMenschen. Es war ein liebevoller, mit Güte undSüßigkeit überschwenglich mild zuredender Geist, demdie Gewalttat und die Selbstzerstörung verhasst istund der niemanden in Fesseln sehen will: dieser sprachzu Wagner. Er ließ sich auf ihn nieder und umhüllteihn tröstlich mit seinen Flügeln, er zeigte ihm denWeg. Wir tun einen Blick in die andere Sphäreder Wagnerschen Natur: aber wie sollen wir sie beschreiben?

Die Gestalten, welche ein Künstler schafft, sindnicht er selbst, aber die Reihenfolge der Gestalten, andenen er ersichtlich mit innigster Liebe hängt, sagtallerdings etwas über den Künstler selber aus. Nunstelle man Rienzi, den fliegenden Holländer und Senta,Tannhäuser und Elisabeth, Lohengrin und Elsa, Tristanund Marke, Hans Sachs, Wotan und Brünnhilde sichvor die Seele: es geht ein verbindender unterirdischerStrom von sittlicher Veredelung und Vergrößerungdurch alle hindurch, der immer reiner und geläuterterflutet — und hier stehen wir, wenn auch mit schamhafter Zurückhaltung, vor einem innersten Werden inWagners eigener Seele. An welchem Künstler istetwas Ähnliches in ähnlicher Größe wahrzunehmen?Schillers Gestalten, von den Räubern bis zu Wallenstein und Tell, durchlaufen eine solche Bahn der Veredelung und sprechen ebenfalls etwas über das Werdenihres Schöpfers aus, aber der Maßstab ist bei Wagnernoch größer, der Weg länger. Alles nimmt an dieserLäuterung Teil und drückt sie aus, der Mythus nichtnur, sondern auch die Musik; im Ringe des Nibelungenfinde ich die sittlichste Musik, die ich kenne, zumBeispiel dort, wo Brünnhilde von Siegfried erwecktwird; hier reicht er hinauf bis zu einer Höhe undHeiligkeit der Stimmung, dass wir an das Glühen der Eis-- und Schneegipfel in den Alpen denken müssen:so rein, einsam, schwer zugänglich, trieblos, vomLeuchten der Liebe umflossen, erhebt sich hier dieNatur; Wolken und Gewitter, ja selbst das Erhabene,sind unter ihr. Von da aus auf den Tannhäuser undHolländer zurückblickend, fühlen wir, wie der MenschWagner wurde: wie er dunkel und unruhig begann,wie er stürmisch Befriedigung suchte, Macht, berauschenden Genuss erstrebte, oft mit Ekel zurückfloh, wieer die Last von sich werfen wollte, zu vergessen, zuverneinen, zu entsagen begehrte — der gesamte Stromstürzte sich bald in dieses, bald in jenes Tal undbohrte in die dunkelsten Schluchten: — in der Nachtdieses halb unterirdischen Wühlens erschien ein Sternhoch über ihm, mit traurigem Glanze, er nannte ihn,wie er ihn erkannte: Treue, selbstlose Treue!Warum leuchtete sie ihm heller und reiner, als alles?welches Geheimnis enthält das Wort Treue für seinganzes Wesen? Denn in jedem, was er dachte unddichtete, hat er das Bild und Problem der Treue ausgeprägt, es ist in seinen Werken eine fast vollständigeReihe aller möglichen Arten der Treue, darunter sinddie herrlichsten und selten geahnten: Treue von Bruderzu Schwester, Freund zu Freund, Diener zum Herrn,Elisabeth zu Tannhäuser, Senta zum Holländer, Elsazu Lohengrin, Isolde, Kurwenal und Marke zu Tristan,Brünnhilde zu Wotans innerstem Wunsche — um dieReihe nur anzufangen. Es ist die eigenste Urerfahrung,welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimnis verehrt: diese drückt er mit demWorte Treue aus, diese wird er nicht müde in hundertGestaltungen aus sich heraus zu stellen und in derFülle seiner Dankbarkeit mit dem Herrlichsten zu beschenken, was er hat und kann — jene wundervolleErfahrung und Erkenntnis, dass die eine Sphäre seinesWesens der anderen treu blieb, aus freier selbstlosesterLiebe Treue wahrte, die schöpferische schuldlose lichtereSphäre, der dunkelen, unbändigen und tyrannischen.

3

Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zueinander,in der Hingebung der einen an die andere lag diegroße Notwendigkeit, durch welche er allein ganzund er selbst bleiben konnte: zugleich das einzige,was er nicht in der Gewalt hatte, was er beobachtenund hinnehmen musste, während er die Verführung zurUntreue und ihre schrecklichen Gefahren für sichimmer aufs neue an sich herankommen sah. Hierfließt eine überreiche Quelle der Leiden des Werdenden, die Ungewissheit. Jeder seiner Triebe strebte insUngemessene, alle daseinsfreudigen Begabungen wolltensich einzeln losreißen und für sich befriedigen; jegrößer ihre Fülle, um so größer war der Tumult, umso feindseliger ihre Kreuzung. Dazu reizte der Zufallund das Leben, Macht, Glanz, feurigste Lust zu gewinnen, noch öfter quälte die unbarmherzige Not,überhaupt leben zu müssen; überall waren Fesseln undFallgruben. Wie ist es möglich, da Treue zu halten,ganz zu bleiben? — Dieser Zweifel übermannte ihn oftund sprach sich dann so aus, wie eben ein Künstlerzweifelt, in künstlerischen Gestalten: Elisabeth kann fürTannhäuser eben nur leiden, beten und sterben, sie rettetden Unsteten und Unmäßigen durch ihre Treue, abernicht für dieses Leben. Es geht gefährlich und verzweifelt zu, im Lebenswege jedes wahren Künstlers,der in die modernen Zeiten geworfen ist. Auf vieleArten kann er zu Ehren und Macht kommen, Ruheund Genügen bietet sich ihm mehrfach an, doch immernur in der Gestalt, wie der moderne Mensch sie kenntund wie sie für den redlichen Künstler zum erstickenden Brodem werden müssen. In der Versuchung hiezuund ebenso in der Abweisung dieser Versuchung liegenseine Gefahren, in dem Ekel an den modernen Arten,Lust und Ansehen zu erwerben, in der Wut, welchesich gegen alles eigensüchtige Behagen nach Art derjetzigen Menschen wendet. Man denke ihn sich in eineBeamtung hinein — so wie Wagner das Amt einesKapellmeisters an Stadt-- und Hoftheatern zu versehenhatte; man empfinde es, wie der ernsteste Künstler mitGewalt da den Ernst erzwingen will, wo nun einmaldie modernen Einrichtungen fast mit grundsätzlicherLeichtfertigkeit aufgebaut sind und Leichtfertigkeitfordern, wie es ihm zum Teil gelingt und im Ganzenimmer misslingt, wie der Ekel ihm naht und er flüchtenwill, wie er den Ort nicht findet, wohin er flüchtenkönnte und er immer wieder zu den Zigeunern undAusgestoßenen unserer Kultur als einer der Ihrigenzurückkehren muss. Aus einer Lage sich losreißend,verhilft er sich selten zu einer besseren, mitunter gerät er in die tiefste Dürftigkeit. So wechselte WagnerStädte, Gefährten, Länder, und man begreift kaum,unter was für Anmutungen und Umgebungen er esdoch immer eine Zeit lang ausgehalten hat. Auf dergrößeren Hälfte seines bisherigen Lebens liegt eineschwere Luft; es scheint, als hoffte er nicht mehr insallgemeine, sondern nur noch von heute zu morgen,und so verzweifelte er zwar nicht, ohne doch zu glauben.Wie ein Wanderer durch die Nacht geht, mit schwererBürde und auf das Tiefste ermüdet und doch übernächtig erregt, so mag es ihm oft zumute gewesensein; ein plötzlicher Tod erschien dann vor seinenBlicken nicht als Schrecknis, sondern als verlockendesliebreizendes Gespenst. Last, Weg und Nacht, allesmit einem Male verschwunden! — das tönte verführerisch. Hundertmal warf er sich von neuem wieder mit jener kurzatmigen Hoffnung ins Leben undließ alle Gespenster hinter sich. Aber in der Art,wie er es tat, lag fast immer eine Maßlosigkeit, dasAnzeichen dafür, dass er nicht tief und fest an jeneHoffnung glaubte, sondern sich nur an ihr berauschte.Mit dem Gegensätze seines Begehrens und seines gewöhnlichen Halb-- oder Unvermögens, es zu befriedigen,wurde er wie mit Stacheln gequält, durch das fortwährende Entbehren aufgereizt, verlor sich seine Vorstellung ins Ausschweifende, wenn einmal plötzlich derMangel nachließ. Das Leben ward immer verwickelter;aber auch immer kühner, erfindungsreicher waren dieMittel und Auswege, die er, der Dramatiker, entdeckte,ob es schon lauter dramatische Notbehelfe waren,vorgeschobene Motive, welche einen Augenblicktäuschen und nur für einen Augenblick erfunden sind.Er ist blitzschnell mit ihnen bei der Hand, und ebensoschnell sind sie verbraucht. Das Leben Wagners, ganzaus der Nähe und ohne Liebe gesehen, hat, um aneinen Gedanken Schopenhauers zu erinnern, sehr vielvon der Komödie an sich, und zwar von einer merkwürdig grotesken. Wie das Gefühl hiervon, das Eingeständnis einer grotesken Würdelosigkeit ganzerLebensstrecken auf den Künstler wirken musste, dermehr als irgendein anderer im Erhabenen und imÜber-Erhabenen allein frei atmen kann, — das gibtdem Denkenden zu denken.

Inmitten eines solchen Treibens, welches nur durchdie genaueste Schilderung den Grad von Mitleiden,Schrecken und Verwunderung einflößen kann, welchenes verdient, entfaltet sich eine Begabung des Lernens, wie sie selbst bei Deutschen, dem eigentlichenLern-Volke, ganz außergewöhnlich ist; und in dieser Begabung erwuchs wieder eine neue Gefahr, die sogargrößer war als die eines entwurzelt und unstet scheinenden, vom friedlosen Wahne kreuz und quer geführten Lebens. Wagner wurde aus einem versuchendenNeuling ein allseitiger Meister der Musik und derBühne und in jeder der technischen Vorbedingungenein Erfinder und Mehrer. Niemand wird ihm denRuhm mehr streitig machen, das höchste Vorbild füralle Kunst des großen Vortrags gegeben zu haben.Aber er wurde noch viel mehr, und um dies und jeneszu werden, war es ihm so wenig als irgend jemandemerspart, sich lernend die höchste Kultur anzueignen.Und wie er dies tat! Es ist eine Lust, dies zusehen; von allen Seiten wächst es an ihn heran, in ihnhinein, und je größer und schwerer der Bau, um sostraffer spannt sich der Bogen des ordnenden undbeherrschenden Denkens. Und doch wurde es selteneinem so schwer gemacht, die Zugänge zu den Wissenschaften und Fertigkeiten zu finden, und vielfach mussteer solche Zugänge improvisieren. Der Erneuerer deseinfachen Dramas, der Entdecker der Stellung derKünste in der wahren menschlichen Gesellschaft, derdichtende Erklärer vergangener Lebensbetrachtungen,der Philosoph, der Historiker, der Ästhetiker undKritiker Wagner, der Meister der Sprache, der Mythologund Mythopoet, der zum ersten Male einen Ring umdas herrliche uralte ungeheure Gebilde schloss und dieRunen seines Geistes darauf eingrub — welche Fülledes Wissens hatte er zusammenzubringen und zu umspannen, um das alles werden zu können! Und docherdrückte weder diese Summe seinen Willen zur Tat,noch leitete das Einzelne und Anziehendste ihn abseits.Um das Ungemeine eines solchen Verhaltens zu ermessen, nehme man zum Beispiel das große GegenbildGoethes, der, als Lernender und Wissender, wie einviel verzweigtes Stromnetz erscheint, welches aber seineganze Kraft nicht zu Meere trägt, sondern mindestensebensoviel auf seinen Wegen und Krümmungen verliert und verstreut, als es am Ausgange mit sich führt. Esist wahr, ein solches Wesen wie das Goethes hat undmacht mehr Behagen, es liegt etwas Mildes und Edel-Verschwenderisches um ihn herum, während WagnersLauf und Stromgewalt vielleicht erschrecken und abschrecken kann. Mag aber sich fürchten, wer will:wir anderen wollen dadurch um so mutiger werden,dass wir einen Helden mit Augen sehen dürfen, welcherauch in Betreff der modernen Bildung „das Fürchtennicht gelernt hat”.

Ebensowenig hat er gelernt, sich durch Historieund Philosophie zur Ruhe zu bringen und gerade daszauberhaft Sänftigende und der Tat Widerratendeihrer Wirkungen für sich herauszunehmen. Wederder schaffende, noch der kämpfende Künstler wurdedurch das Lernen und die Bildung von seiner Laufbahnabgezogen. Sobald ihn seine bildende Kraft überkommt, wird ihm die Geschichte ein beweglicher Tonin seiner Hand; dann steht er mit einem Mal anderszu ihr als jeder Gelehrte, vielmehr ähnlich wie derGrieche zu seinem Mythus stand, als zu einem Etwas,an dem man formt und dichtet, zwar mit Liebe undeiner gewissen scheuen Andacht, aber doch mit demHoheitsrecht des Schaffenden. Und gerade weil siefür ihn noch biegsamer und wandelbarer als jederTraum ist, kann er in das einzelne Ereignis dasTypische ganzer Zeiten hineindichten und so eineWahrheit der Darstellung erreichen, wie sie der Historiker nie erreicht. Wo ist das ritterliche Mittelalterso mit Fleisch und Geist in ein Gebilde übergegangen,wie dies im Lohengrin geschehen ist? Und werdennicht die Meistersinger noch zu den spätesten Zeitenvon dem deutschen Wesen erzählen, ja mehr alserzählen, werden sie nicht vielmehr eine der reifstenFrüchte jenes Wesens sein, das immer reformieren undnicht revolvieren will und das auf dem breiten Grundeseines Behagens auch das edelste Unbehagen, das dererneuernden Tat, nicht verlernt hat?

Und gerade zu dieser Art des Unbehagens wurdeWagner immer wieder durch sein Befassen mit Historieund Philosophie gedrängt: in ihnen fand er nicht nurWaffen und Rüstung, sondern hier fühlte er vor allemden begeisternden Anhauch, welcher von den Grabstättenaller großen Kämpfer, aller großen Leidenden undDenkenden her weht. Man kann sich durch nichtsmehr von der ganzen gegenwärtigen Zeit abheben, alsdurch den Gebrauch, welchen man von der Geschichteund Philosophie macht. Der ersteren scheint jetzt, sowie sie gewöhnlich verstanden wird, die Aufgabe zugefallen zu sein, den modernen Menschen, der keuchendund mühevoll zu seinen Zielen läuft, einmal aufatmenzu lassen, so dass er sich für einen Augenblick gleichsam abgeschirrt fühlen kann. Was der einzelneMontaigne in der Bewegtheit des Reformations-Geistesbedeutet, ein In-sich-zur-Ruhe-kommen, ein friedlichesFür-sich-sein und Ausatmen — und so empfand ihngewiss sein bester Leser, Shakespeare — das ist jetztdie Historie für den modernen Geist. Wenn die Deutschen seit einem Jahrhundert besonders den historischen Studien obgelegen haben, so zeigt dies, dasssie in der Bewegung der neueren Welt die aufhaltende,verzögernde, beruhigende Macht sind: was vielleichteinige zu einem Lobe für sie wenden dürften. ImGanzen ist es aber ein gefährliches Anzeichen, wenndas geistige Ringen eines Volkes vornehmlich derVergangenheit gilt, ein Merkmal von Erschlaffung,von Rück-- und Hinfälligkeit: so dass sie nun jedemum sich greifenden Fieber, zum Beispiel dem politischen,in gefährlichster Weise ausgesetzt sind. Einen solchenZustand von Schwäche stellen, im Gegensätze zu allenReformations-- und Revolutions-Bewegungen, unsereGelehrten in der Geschichte des modernen Geistes dar,sie haben sich nicht die stolzeste Aufgabe gestellt, abereine eigene Art friedfertigen Glückes gesichert. Jederfreiere, männlichere Schritt führt freilich an ihnen vorüber, — wenn auch keineswegs an der Geschichteselbst! Diese hat noch ganz andere Kräfte in sich,wie gerade solche Naturen wie Wagner ahnen: nurmuss sie erst einmal in einem viel ernsteren, strengerenSinne, aus einer mächtigen Seele heraus und überhaupt nicht mehr optimistisch, wie bisher immer, geschrieben werden, anders also, als die deutschen Gelehrten bis jetzt getan haben. Es liegt etwas Beschönigendes, Unterwürfiges und Zufriedengestelltesauf allen ihren Arbeiten, und der Gang der Dinge istihnen recht. Es ist schon viel, wenn es einer merkenlässt, dass er gerade nur zufrieden sei, weil es nochschlimmer hätte kommen können: die meisten von ihnenglauben unwillkürlich, dass es sehr gut sei, gerade sowie es nun einmal gekommen ist. Wäre die Historienicht immer noch eine verkappte christliche Theodizee,wäre sie mit mehr Gerechtigkeit und Inbrunst desMitgefühls geschrieben, so würde sie wahrhaftig amwenigsten gerade als das Dienste leisten können, alswas sie jetzt dient: als Opiat gegen alles Umwälzendeund Erneuernde. Ähnlich steht es mit der Philosophie:aus welcher ja die meisten nichts anderes lernen wollen,als die Dinge ungefähr — sehr ungefähr! — verstehen, um sich dann in sie zu schicken. Und selbst von ihrenedelsten Vertretern wird ihre stillende und tröstendeMacht so stark hervorgehoben, dass die Ruhesüchtigenund Trägen meinen müssen, sie suchten dasselbe, wasdie Philosophie sucht. Mir scheint dagegen die wichtigste Frage aller Philosophie zu sein, wie weit dieDinge eine unabänderliche Artung und Gestalt haben:um dann, wenn diese Frage beantwortet ist, mit derrücksichtslosesten Tapferkeit auf die Verbesserungder als veränderlich erkannten Seite derWelt loszugehen. Das lehren die wahren Philosophenauch selber durch die Tat, dadurch, dass sie an derVerbesserung der sehr veränderlichen Einsicht derMenschen arbeiteten und ihre Weisheit nicht für sichbehielten; das lehren auch die wahren Jünger wahrerPhilosophien, welche wie Wagner aus ihnen geradegesteigerte Entschiedenheit und Unbeugsamkeit fürihr Wollen, aber keine Einschläferungssäfte zu saugenverstehen. Wagner ist dort am meisten Philosoph, wo eram tatkräftigsten und heldenhaftesten ist. Und geradeals Philosoph ging er nicht nur durch das Feuer verschiedener philosophischer Systeme, ohne sich zu fürchten,hindurch, sondern auch durch den Dampf des Wissensund der Gelehrsamkeit, und hielt seinem höheren SelbstTreue, welches von ihm Gesamttaten seinesvielstimmigen Wesens verlangte und ihn leidenund lernen hieß, um jene Taten tun zu können.

4

Die Geschichte der Entwicklung der Kultur seitden Griechen ist kurz genug, wenn man den eigentlichen wirklich zurückgelegten Weg in Betracht ziehtund das Stillestehen, Zurückgehen, Zaudern, Schleichengar nicht mitrechnet. Die Hellenisierung der Weltund, diese zu ermöglichen, die Orientalisierung desHellenischen — die Doppel-Aufgabe des großen Alexander — ist immer noch das letzte große Ereignis; die alte Frage, ob eine fremde Kultur sich überhaupt übertragen lasse, immer noch das Problem, andem die Neueren sich abmühen. Das rhythmische Spieljener beiden Faktoren gegeneinander ist es, was namentlich den bisherigen Gang der Geschichte bestimmt hat. Da erscheint zum Beispiel das Christentum als ein Stück orientalischen Altertums, welchesvon den Menschen mit ausschweifender Gründlichkeitzu Ende gedacht und gehandelt wurde. Im Schwindenseines Einflusses hat wieder die Macht des hellenischenKulturwesens zugenommen; wir erleben Erscheinungen,welche so befremdend sind, dass sie unerklärbar inder Luft schweben würden, wenn man sie nicht, übereinen mächtigen Zeitraum hinweg, an die griechischenAnalogien anknüpfen könnte. So gibt es zwischenKant und den Eleaten, zwischen Schopenhauer undEmpedokles, zwischen Äschylus und Richard Wagnersolche Nähen und Verwandtschaften, dass man fasthandgreiflich an das sehr relative Wesen aller Zeitbegriffe gemahnt wird: beinahe scheint es, als obmanche Dinge zusammengehören und die Zeit nureine Wolke sei, welche es unseren Augen schwer macht,diese Zusammengehörigkeit zu sehen. Besonders bringtauch die Geschichte der strengen Wissenschaften denEindruck hervor, als ob wir uns eben jetzt in nächsterNähe der alexandrinisch-griechischen Welt befändenund als ob der Pendel der Geschichte wieder nach demPunkte zurückschwänge, von wo er zu schwingen begann, fort in rätselhafte Ferne und Verlorenheit.Das Bild unserer gegenwärtigen Welt ist durchauskein neues: immer mehr muss es dem, der die Geschichte kennt, so zumute werden, als ob er altevertraute Züge eines Gesichtes wiedererkenne. DerGeist der hellenischen Kultur liegt in unendlicher Zerstreuung auf unserer Gegenwart: während sich dieGewalten aller Art drängen und man sich die Früchteder modernen Wissenschaften und Fertigkeiten alsAustauschmittel bietet, dämmert in blassen Zügenwieder das Bild des Hellenischen, aber noch ganz fernund geisterhaft, auf. Die Erde, die bisher zur Genügeorientalisiert worden ist, sehnt sich wieder nach derHellenisierung; wer ihr hier helfen will, der hat freilichSchnelligkeit und einen geflügelten Fuß von Nöten,um die mannigfachsten und entferntesten Punkte desWissens, die entlegensten Weltteile der Begabungzusammenzubringen, um das ganze ungeheuer ausgespannte Gefilde zu durchlaufen und zu beherrschen.So ist denn jetzt eine Reihe von Gegen-Alexandernnötig geworden, welche die mächtigste Kraft haben,zusammenzuziehen und zu binden, die entferntestenFäden heranzulangen und das Gewebe vor dem Zerblasenwerden zu bewahren. Nicht den gordischenKnoten der griechischen Kultur zu lösen, wie esAlexander tat, so dass seine Enden nach allen Weltrichtungen hin flatterten, sondern ihn zu binden,nachdem er gelöst war — das ist jetzt die Aufgabe. In Wagner erkenne ich einen solchen Gegen-Alexander: er bannt und schließt zusammen, was vereinzelt, schwach und lässig war, er hat, wenn einmedizinischer Ausdruck erlaubt ist, eine adstringierende Kraft: insofern gehört er zu den ganz großenKulturgewalten. Er waltet über den Künsten, denReligionen, den verschiedenen Völkergeschichten undist doch der Gegensatz eines Polyhistors, eines nur zusammentragenden und ordnenden Geistes: denn er istein Zusammenbildner und Beseeler des Zusammengebrachten, ein Vereinfacher der Welt. Man wirdsich an einer solchen Vorstellung nicht irre machenlassen, wenn man diese allgemeinste Aufgabe, die seinGenius ihm gestellt hat, mit der viel engeren undnäheren vergleicht, an welche man jetzt zuerst beidem Namen Wagner zu denken pflegt. Man erwartetvon ihm eine Reformation des Theaters: gesetzt, dieselbegelänge ihm, was wäre denn damit für jene höhere undfernere Aufgabe getan?

Nun, damit wäre der moderne Mensch verändertund reformiert: so notwendig hängt in unserer neuerenWelt eins an dem andern, dass, wer nur einen Nagelherauszieht, das Gebäude wanken und fallen macht.Auch von jeder anderen wirklichen Reform wäre dasselbe zu erwarten, was wir hier von der Wagnerschen,mit dem Anscheine der Übertreibung, aussagen. Esist gar nicht möglich, die höchste und reinste Wirkungder theatralischen Kunst herzustellen, ohne nichtüberall, in Sitte und Staat, in Erziehung und Verkehr,zu neuern. Liebe und Gerechtigkeit, an einem Punkte,nämlich hier im Bereiche der Kunst, mächtig geworden,müssen nach dem Gesetz ihrer inneren Not weiter umsich greifen und können nicht wieder in die Regungslosigkeit ihrer früheren Verpuppung zurück. Schonum zu begreifen, inwiefern die Stellung unserer Künstezum Leben ein Symbol der Entartung dieses Lebensist, inwiefern unsere Theater für die, welche sie bauenund besuchen, eine Schmach sind, muss man völligumlernen und das Gewohnte und Alltägliche einmalals etwas sehr Ungewöhnliches und Verwickeltes ansehn können. Seltsame Trübung des Urteils, schlechtverhehlte Sucht nach Ergötzlichkeit, nach Unterhaltungum jeden Preis, gelehrtenhafte Rücksichten, Wichtigtun und Schauspielerei mit dem Ernst der Kunst vonSeiten der Ausführenden, brutale Gier nach Geldgewinnvon Seiten der Unternehmenden, Hohlheit und Gedankenlosigkeit einer Gesellschaft, welche an das Volknur so weit denkt, als es ihr nützt oder gefährlich istund Theater und Konzerte besucht, ohne je dabei anPflichten erinnert zu werden — dies alles zusammenbildet die dumpfe und verderbliche Luft unsererheutigen Kunstzustände: ist man aber erst so an dieselbe gewöhnt, wie es unsere Gebildeten sind, sowähnt man wohl, diese Luft zu seiner Gesundheitnötig zu haben und befindet sich schlecht, wenn man,durch irgendeinen Zwang, ihrer zeitweilig entratenmuss. Wirklich hat man nur ein Mittel, sich in Kürzedavon zu überzeugen, wie gemein, und zwar wie absonderlich und verzwickt gemein unsere Theater-Einrichtungen sind: man halte nur die einstmalige Wirklichkeit des griechischen Theaters dagegen! Gesetzt,wir wüssten nichts von den Griechen, so wäre unserenZuständen vielleicht gar nicht beizukommen, und manhielte solche Einwendungen, wie sie zuerst von Wagnerin großem Stile gemacht worden sind, für Träumereienvon Leuten, welche im Lande Nirgendsheim zu Hausesind. Wie die Menschen einmal sind, würde man vielleicht sagen, genügt und gebührt ihnen eine solcheKunst — und sie sind nie anders gewesen! — Siesind gewiss anders gewesen, und selbst jetzt gibt esMenschen, denen die bisherigen Einrichtungen nichtgenügen — eben dies beweist die Tatsache vonBayreuth. Hier findet ihr vorbereitete und geweihteZuschauer, die Ergriffenheit von Menschen, welche sichauf dem Höhepunkte ihres Glücks befinden und geradein ihm ihr ganzes Wesen zusammengerafft fühlen, umsich zu weiterem und höherem Wollen bestärken zulassen; hier findet ihr die hingebendste Aufopferung derKünstler und das Schauspiel aller Schauspiele, densiegreichen Schöpfer eines Werkes, welches selber derInbegriff einer Fülle siegreicher Kunst-Taten ist. Dünktes nicht fast wie Zauberei, einer solchen Erscheinungin der Gegenwart begegnen zu können? Müssen nichtdie, welche hier mithelfen und mitschauen dürfen,schon verwandelt und erneuert sein, um nun auchfernerhin, in anderen Gebieten des Lebens, zu verwandeln und zu erneuern? Ist nicht ein Hafen nachder wüsten Weite des Meeres gefunden, liegt hier nichtStille über den Wassern gebreitet? — Wer aus der hierwaltenden Tiefe und Einsamkeit der Stimmung zurückin die ganz andersartigen Flächen und Niederungendes Lebens kommt, muss er sich nicht immerfort wieIsolde fragen: „Wie ertrug ich’s nur? Wie ertragich’s noch?” Und wenn er es nicht aushält, seinGlück und sein Unglück eigensüchtig in sich zu bergen,so wird er von jetzt ab jede Gelegenheit ergreifen, inTaten davon Zeugnis abzulegen. Wo sind die,welche an den gegenwärtigen Einrichtungen leiden?wird er fragen. Wo sind unsere natürlichen Bundesgenossen, mit denen wir gegen das wuchernde undunterdrückende Um-sich-greifen der heutigen Gebildetheit kämpfen können? Denn einstweilen haben wirnur einen Feind — einstweilen! — eben jene „Gebildeten”, für welche das Wort „Bayreuth” eine ihrertiefsten Niederlagen bezeichnet — sie haben nicht mitgeholfen, sie waren wütend dagegen, oder zeigtenjene noch wirksamere Schwerhörigkeit, welche jetzt zurgewohnten Waffe der überlegtesten Gegnerschaft geworden ist. Aber wir wissen eben dadurch, dass sieWagners Wesen selber durch ihre Feindseligkeit undTücke nicht zerstören, sein Werk nicht verhindernkonnten; noch eins: sie haben verraten, dass sieschwach sind, und dass der Widerstand der bisherigenMachtinhaber nicht mehr viele Angriffe aushalten wird.Es ist der Augenblick für solche, welche mächtigerobern und siegen wollen, die größten Reiche stehenoffen, ein Fragezeichen ist zu den Namen der Besitzergesetzt, so weit es Besitz gibt. So ist zum Beispieldas Gebäude der Erziehung als morsch erkannt, undüberall finden sich einzelne, welche in aller Stille schondas Gebäude verlassen haben. Könnte man die, welchetatsächlich schon jetzt tief mit ihm unzufrieden sind,nur einmal zur offenen Empörung und Erklärungtreiben! Könnte man sie des verzagenden Unmutesberauben! Ich weiß es: wenn man gerade den stillenBeitrag dieser Naturen von dem Ertrage unseres gesamten Bildungswesens abstriche, es wäre der empfindlichste Aderlass, durch den man dasselbe schwächenkönnte. Von den Gelehrten zum Beispiel blieben unterdem alten Regimente nur die durch den politischenWahnwitz Angesteckten und die literatenhaften Menschen aller Art zurück. Das widerliche Gebilde, welchesjetzt seine Kräfte aus der Anlehnung an die Sphärender Gewalt und Ungerechtigkeit, an Staat und Gesellschaft nimmt und seinen Vorteil dabei hat, dieseimmer böser und rücksichtsloser zu machen, ist ohnediese Anlehnung etwas Schwächliches und Ermüdetes:man braucht es nur recht zu verachten, so fällt esschon über den Haufen. Wer für die Gerechtigkeitund die Liebe unter den Menschen kämpft, darf sichvor ihm am wenigsten fürchten: denn seine eigentlichen Feinde stehen erst vor ihm, wenn er seinenKampf, den er einstweilen gegen ihre Vorhut, die heutigeKultur führt, zu Ende gebracht hat.

Für uns bedeutet Bayreuth die Morgen-Weihe amTage des Kampfes. Man könnte uns nicht mehr Unrecht tun, als wenn man annähme, es sei uns um dieKunst allein zu tun: als ob sie wie ein Heil-- undBetäubungsmittel zu gelten hätte, mit dem man alleübrigen elenden Zustände von sich abtun könnte.Wir sehen im Bilde jenes tragischen Kunstwerkes vonBayreuth gerade den Kampf der einzelnen mit allem,was ihnen als scheinbar unbezwingliche Notwendigkeit entgegentritt, mit Macht, Gesetz, Herkommen,Vertrag und ganzen Ordnungen der Dinge. Die einzelnen können gar nicht schöner leben, als wenn siesich im Kampfe um Gerechtigkeit und Liebe zum Todereif machen und opfern. Der Blick, mit welchem unsdas geheimnisvolle Auge der Tragödie anschaut, istkein erschlaffender und gliederbindender Zauber. Obschon sie Ruhe verlangt, so lange sie uns ansieht; —denn die Kunst ist nicht für den Kampf selber da,sondern für die Ruhepausen vorher und inmitten desselben, für jene Minuten, da man zurückblickend undvorahnend das Symbolische versteht, da mit dem Gefühl einer leisen Müdigkeit ein erquickender Traumuns naht. Der Tag und der Kampf bricht gleich an,die heiligen Schatten verschweben und die Kunst istwieder ferne von uns; aber ihre Tröstung liegt überdem Menschen von der Frühstunde her. Überallfindet ja sonst der einzelne sein persönliches Ungenügen, sein Halb-- und Unvermögen: mit welchemMute sollte er kämpfen, wenn er nicht vorher zuetwas Unpersönlichem geweiht worden wäre! Diegrößten Leiden des einzelnen, die es gibt, die Nichtgemeinsamkeit des Wissens bei allen Menschen, dieUnsicherheit der letzten Einsichten und die Ungleichheit des Könnens, das alles macht ihn kunstbedürftig.Man kann nicht glücklich sein, so lange um uns herumalles leidet und sich Leiden schafft; man kann nichtsittlich sein, solange der Gang der menschlichenDinge durch Gewalt, Trug und Ungerechtigkeit bestimmt wird; man kann nicht einmal weise sein, solange nicht die ganze Menschheit im Wetteifer um Weisheit gerungen hat und den einzelnen auf die weisesteArt ins Leben und Wissen hineinführt. Wie sollte manes nun bei diesem dreifachen Gefühle des Ungenügensaushalten, wenn man nicht schon in seinem Kämpfen,Streben und Untergehen etwas Erhabenes und Bedeutungsvolles zu erkennen vermöchte und nicht ausder Tragödie lernte, Lust am Rhythmus der großenLeidenschaft und am Opfer derselben zu haben. DieKunst ist freilich keine Lehrerin und Erzieherin fürdas unmittelbare Handeln; der Künstler ist nie indiesem Verstande ein Erzieher und Ratgeber; dieObjekte, welche die tragischen Helden erstreben, sindnicht ohne Weiteres die erstrebenswerten Dinge ansich. Wie im Traume ist die Schätzung der Dinge, solange wir uns im Banne der Kunst festgehalten fühlen,verändert: was wir währenddem für so erstrebenswerthalten, dass wir dem tragischen Helden beistimmen,wenn er lieber den Tod erwählt, als dass er daraufverzichtete — das ist für das wirkliche Leben seltenvon gleichem Werte und gleicher Tatkraft würdig:dafür ist eben die Kunst die Tätigkeit des Ausruhenden. Die Kämpfe, welche sie zeigt, sind Vereinfachungen der wirklichen Kämpfe des Lebens; ihreProbleme sind Abkürzungen der unendlich verwickeltenRechnung des menschlichen Handelns und Wollens.Aber gerade darin liegt die Größe und Unentbehrlichkeit der Kunst, dass sie den Schein einer einfacherenWelt, einer kürzeren Lösung der Lebens-Rätsel erregt.Niemand, der am Leben leidet, kann diesen Scheinentbehren, wie niemand des Schlafes entbehren kann.Je schwieriger die Erkenntnis von den Gesetzen desLebens wird, um so inbrünstiger begehren wir nachdem Scheine jener Vereinfachung, wenn auch nur fürAugenblicke, um so größer wird die Spannungzwischen der allgemeinen Erkenntnis der Dinge unddem geistig-sittlichen Vermögen des einzelnen. Damit der Bogen nicht breche, ist die Kunst da.

Der einzelne soll zu etwas Überpersönlichem geweiht werden — das will die Tragödie; er soll dieschreckliche Beängstigung, welche der Tod und dieZeit dem Individuum macht, verlernen: denn schon imkleinsten Augenblick, im kürzesten Atom seines Lebenslaufes kann ihm etwas Heiliges begegnen, das allenKampf und alle Not überschwenglich aufwiegt — dasheißt tragisch gesinnt sein. Und wenn die ganzeMenschheit einmal sterben muss — wer dürfte daranzweifeln! — so ist ihr als höchste Aufgabe für allekommenden Zeiten das Ziel gestellt, so ins Eine undGemeinsame zusammenzuwachsen, dass sie als einGanzes ihrem bevorstehenden Untergange mit einertragischen Gesinnung entgegengehe; in dieserhöchsten Aufgabe liegt alle Veredelung der Menscheneingeschlossen; aus dem endgültigen Abweisen derselben ergäbe sich das trübste Bild, welches sich einMenschenfreund vor die Seele stellen könnte. So empfinde ich es! Es gibt nur eine Hoffnung und eineGewähr für die Zukunft des Menschlichen: sie liegtdarin, dass die tragische Gesinnung nicht absterbe. Es würde ein Weheschrei sondergleichenüber die Erde erschallen müssen, wenn die Menschensie einmal völlig verlieren sollten; und wiederum gibtes keine beseligendere Lust als das zu wissen, was wirwissen — wie der tragische Gedanke wieder hinein indie Welt geboren ist. Denn diese Lust ist eine völlig überpersönliche und allgemeine, ein Jubel der Menschheit über den verbürgten Zusammenhang und Fortgangdes Menschlichen überhaupt.

5

Wagner rückte das gegenwärtige Leben und dieVergangenheit unter den Lichtstrahl einer Erkenntnis,der stark genug war, um auf ungewohnte Weite hindamit sehen zu können: deshalb ist er ein Vereinfacherder Welt; denn immer besteht die Vereinfachung derWelt darin, dass der Blick des Erkennenden aufsneue wieder über die ungeheure Fülle und Wüstheiteines scheinbaren Chaos Herr geworden ist, und dasin eins zusammendrängt, was früher als unverträglichauseinander lag. Wagner tat dies, indem er zwischenzwei Dingen, die fremd und kalt wie in getrenntenSphären zu leben schienen, ein Verhältnis fand:zwischen Musik und Leben und ebenfalls zwischenMusik und Drama. Nicht dass er diese Verhältnisse erfunden oder erst geschaffen hätte: sie sind daund liegen eigentlich vor jedermanns Füßen: so wieimmer das große Problem dem edlen Gesteine gleicht,über welches Tausende hinwegschreiten, bis endlicheiner es aufhebt. Was bedeutet es, fragt sich Wagner,dass im Leben der neueren Menschen gerade einesolche Kunst, wie die der Musik, mit so unvergleichlicher Kraft erstanden ist? Man braucht von diesemLeben nicht etwa gering zu denken, um hier einProblem zu sehen; nein, wenn man alle diesem Lebeneigenen großen Gewalten erwägt und sich das Bildeines mächtig aufstrebenden, um bewusste Freiheit und um Unabhängigkeit des Gedankenskämpfenden Daseins vor die Seele stellt — dann erstrecht erscheint die Musik in dieser Welt als Rätsel.Muss man nicht sagen: aus dieser Zeit konnte dieMusik nicht erstehen! Was ist dann aber ihre Existenz? Ein Zufall? Gewiss könnte auch ein einzelnergrößer Künstler ein Zufall sein, aber das Erscheineneiner solchen Reihe von großen Künstlern, wie es dieneuere Geschichte der Musik zeigt, und wie es bishernur noch einmal, in der Zeit der Griechen, seinesgleichen hatte, gibt zu denken, dass hier nicht Zufall,sondern Notwendigkeit herrscht. Diese Notwendigkeit eben ist das Problem, auf welches Wagner eineAntwort gibt.

Es ist ihm zuerst die Erkenntnis eines Notstandes aufgegangen, der so weit reicht, als jetzt überhaupt die Zivilisation die Völker verknüpft: überall isthier die Sprache erkrankt, und auf der ganzenmenschlichen Entwicklung lastet der Druck dieserungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbarensteigen musste, um, möglichst ferne von der starkenGefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen,ist ihre Kraft durch dieses übermäßige Sich-Ausreckenin dem kurzen Zeitraume der neueren Zivilisation erschöpft worden: so dass sie nun gerade das nicht mehrzu leisten vermag, wessentwegen sie allein da ist: umüber die einfachsten Lebensnöte die Leidenden miteinander zu verständigen. Der Mensch kann sich inseiner Not vermöge der Sprache nicht mehr zu erkennen geben, also sich nicht wahrhaft mitteilen: beidiesem dunkel gefühlten Zustande ist die Spracheüberall eine Gewalt für sich geworden, welche nun wiemit Gespensterarmen die Menschen fasst und schiebt,wohin sie eigentlich nicht wollen; sobald sie miteinander sich zu verständigen und zu einem Werke zuvereinigen suchen, erfasst sie der Wahnsinn der allgemeinen Begriffe, ja der reinen Wortklänge, und inFolge dieser Unfähigkeit, sich mitzuteilen, tragen dannwieder die Schöpfungen ihres Gemeinsinns das Zeichendes Sich-nicht-verstehens, insofern sie nicht den wirklichen Nöten entsprechen, sondern eben nur der Hohlheit jener gewaltherrischen Worte und Begriffe: sonimmt die Menschheit zu allen ihren Leiden auch nochdas Leiden der Konvention hinzu, das heißt desÜbereinkommens in Worten und Handlungen ohneein Übereinkommen des Gefühls. Wie in dem abwärts laufenden Gange jeder Kunst ein Punkt erreichtwird, wo ihre krankhaft wuchernden Mittel und Formenein tyrannisches Übergewicht über die jungen Seelender Künstler erlangen und sie zu ihren Sklaven machen,so ist man jetzt, im Niedergange der Sprachen, derSklave der Worte; unter diesem Zwange vermag niemand mehr sich selbst zu zeigen, naiv zu sprechen,und wenige überhaupt vermögen sich ihre Individualitätzu wahren, im Kampfe mit einer Bildung, welcheihr Gelingen nicht damit zu beweisen glaubt, dass siedeutlichen Empfindungen und Bedürfnissen bildendentgegenkomme, sondern damit, dass sie das Individuumin das Netz der „deutlichen Begriffe” einspinne undrichtig denken lehre: als ob es irgendeinen Werthätte, jemanden zu einem richtig denkenden undschließenden Wesen zu machen, wenn es nicht gelungen ist, ihn vorher zu einem richtig empfindenden zumachen. Wenn nun, in einer solchermaßen verwundeten Menschheit, die Musik unserer deutschen Meistererklingt, was kommt da eigentlich zum Erklingen?Eben nur die richtige Empfindung, die Feindinaller Konvention, aller künstlichen Entfremdung undUnverständlichkeit zwischen Mensch und Mensch: dieseMusik ist Rückkehr zur Natur, während sie zugleichReinigung und Umwandlung der Natur ist; denn inder Seele der liebevollsten Menschen ist die Nötigungzu jener Rückkehr entstanden, und in ihrer Kunstertönt die in Liebe verwandelte Natur.

Nehmen wir dies als die eine Antwort Wagnersauf die Frage, was die Musik in unserer Zeit bedeutet:er hat noch eine zweite. Das Verhältnis zwischenMusik und Leben ist nicht nur das einer Art Sprachezu einer anderen Art Sprache, es ist auch das Verhältnis der vollkommenen Hörwelt zu der gesamtenSchauwelt. Als Erscheinung für das Auge genommenund verglichen mit den früheren Erscheinungen desLebens, zeigt aber die Existenz der neueren Menscheneine unsägliche Armut und Erschöpfung, trotz derunsäglichen Buntheit, durch welche nur der oberflächlichste Blick sich beglückt fühlen kann. Man sehe nuretwas schärfer hin und zerlege sich den Eindruck diesesheftig bewegten Farbenspieles: ist das Ganze nicht wiedas Schimmern und Aufblitzen zahlloser Steinchen undStückchen, welche man früheren Kulturen abgeborgthat? Ist hier nicht alles unzugehöriger Prunk, nachgeäffte Bewegung, angemaßte Äußerlichkeit? EinKleid in bunten Fetzen für den Nackten und Frierenden? Ein scheinbarer Tanz der Freude, dem Leidendenzugemutet? Mienen üppigen Stolzes, von einem tiefVerwundeten zur Schau getragen? Und dazwischen,nur durch die Schnelligkeit der Bewegung und desWirbels verhüllt und verhehlt — graue Ohnmacht,nagender Unfrieden, arbeitsamste Langeweile, unehrliches Elend! Die Erscheinung des modernen Menschenist ganz und gar Schein geworden; er wird in dem,was er jetzt vorstellt, nicht selber sichtbar, viel eherversteckt; und der Rest erfinderischer Kunsttätigkeit,der sich noch bei einem Volke, etwa bei den Franzosen und Italienern erhalten hat, wird auf die Kunstdieses Versteckenspielens verwendet. Überall, woman jetzt „Form” verlangt, in der Gesellschaft undder Unterhaltung, im schriftstellerischen Ausdruck,im Verkehr der Staaten miteinander, versteht mandarunter unwillkürlich einen gefälligen Anschein,den Gegensatz des wahren Begriffs von Form alsvon einer notwendigen Gestaltung, die mit „gefällig” und „ungefällig” nichts zu tun hat, weilsie eben notwendig und nicht beliebig ist. Aberauch dort, wo man jetzt unter Völkern der Zivilisation nicht die Form ausdrücklich verlangt, besitzt man ebensowenig jene notwendige Gestaltung,sondern ist in dem Streben nach dem gefälligen Anschein nur nicht so glücklich, wenn auch mindestensebenso eifrig. Wie gefällig nämlich hier und dortder Anschein ist und weshalb es jedem gefallen muss,dass der moderne Mensch sich wenigstens bemüht, zuscheinen, das fühlt jeder in dem Maße, in welchemer selber moderner Mensch ist. „Nur die Galeerensklaven kennen sich”, sagt Tasso, „doch wir verkennen nur die anderen höflich, damit sie wiederuns verkennen sollen.”

In dieser Welt der Formen und der erwünschtenVerkennung erscheinen nun die von der Musik erfülltenSeelen, — zu welchem Zwecke? Sie bewegen sichnach dem Gange des großen, freien Rhythmus, invornehmer Ehrlichkeit, in einer Leidenschaft, welcheüberpersönlich ist, sie erglühen von dem machtvollruhigen Feuer der Musik, das aus unerschöpflicherTiefe in ihnen ans Licht quillt — dies alles zuwelchem Zwecke?

Durch diese Seelen verlangt die Musik nach ihrerebenmäßigen Schwester, der Gymnastik, als nachihrer notwendigen Gestaltung im Reiche des Sichtbaren: im Suchen und Verlangen nach ihr wird siezur Richterin über die ganze verlogene Schau-- undScheinwelt der Gegenwart. Dies ist die zweite Antwort Wagners auf die Frage, was die Musik in dieserZeit zu bedeuten habe. Helft mir, so ruft er allen zu,die hören können, helft mir jene Kultur zu entdecken,von der meine Musik als die wiedergefundene Spracheder richtigen Empfindung wahrsagt, denkt darübernach, dass die Seele der Musik sich jetzt einen Leibgestalten will, dass sie durch euch alle hindurch zurSichtbarkeit in Bewegung, Tat, Einrichtung und Sitteihren Weg sucht! Es gibt Menschen, welche diesenZuruf verstehen, und es werden ihrer immer mehr;diese begreifen es auch zum ersten Male wieder, wases heißen will, den Staat auf Musik zu gründen, etwas, das die älteren Hellenen nicht nur begriffenhatten, sondern auch von sich selbst forderten: währenddieselben Verständnisvollen über dem jetzigen Staatebenso unbedingt den Stab brechen werden, wie es diemeisten Menschen jetzt schon über der Kirche tun.Der Weg zu einem so neuen und doch nicht allezeitunerhörten Ziele führt dazu, sich einzugestehen, worinder beschämendste Mangel in unserer Erziehung undder eigentliche Grund ihrer Unfähigkeit, aus demBarbarischen herauszuheben, liegt: es fehlt ihr die bewegende und gestaltende Seele der Musik, hingegensind ihre Erfordernisse und Einrichtungen das Erzeugnis einer Zeit, in welcher jene Musik noch gar nichtgeboren war, auf die wir hier ein so vielbedeutendesVertrauen setzen. Unsere Erziehung ist das rückständigste Gebilde in der Gegenwart und gerade rückständig in Bezug auf die einzige neu hinzugekommeneerzieherische Gewalt, welche die jetzigen Menschenvor denen früherer Jahrhunderte voraushaben — oderhaben könnten, wenn sie nicht mehr so besinnungslosgegenwärtig unter der Geißel des Augenblicks fortleben wollten! Weil sie bis jetzt die Seele der Musiknicht in sich herbergen lassen, so haben sie auch dieGymnastik im griechischen und Wagnerschen Sinnedieses Wortes noch nicht geahnt; und dies ist wiederder Grund, warum ihre bildenden Künstler zur Hoffnungslosigkeit verurteilt sind, solange sie eben, wiejetzt immer noch, der Musik als Führerin in eine neueSchauwelt entraten wollen: es mag da an Begabungwachsen, was da wolle, es kommt zu spät oder zu frühund jedenfalls zur Unzeit, denn es ist überflüssig undwirkungslos, da ja selbst das Vollkommene und Höchstefrüherer Zeiten, das Vorbild der jetzigen Bildner, überflüssig und fast wirkungslos ist und kaum noch einenStein auf den anderen setzt. Sehen sie in ihrem innerlichen Schauen keine neuen Gestalten vor sich, sondernimmer nur die alten hinter sich, so dienen sie derHistorie, aber nicht dem Leben, und sind tot, bevorsie gestorben sind: wer aber jetzt wahres, fruchtbaresLeben, das heißt gegenwärtig allein: Musik in sichfühlt, könnte der sich durch irgendetwas, das sich inGestalten, Formen und Stilen abmüht, nur einenAugenblick zu weiter tragenden Hoffnungen verführenlassen? Über alle Eitelkeiten dieser Art ist er hinaus;und er denkt ebenso wenig daran, abseits von seineridealen Hörwelt bildnerische Wunder zu finden, als ervon unseren ausgelebten und verfärbten Sprachen nochgroße Schriftsteller erwartet. Lieber, als dass er irgendwelchen eitlen Vertröstungen Gehör schenkte, erträgter es, den tief unbefriedigten Blick auf unser modernesWesen zu richten: mag er voll von Galle und Hasswerden, wenn sein Herz nicht warm genug zum Mitleidist! Selbst Bosheit und Hohn ist besser, als dass ersich, nach der Art unserer „Kunstfreunde”, einemtrügerischen Behagen und einer stillen Trunksuchtüberantwortete! Aber auch, wenn er mehr kann, alsverneinen und höhnen, wenn er lieben, mitleiden undmitbauen kann, so muss er doch zunächst verneinen,um dadurch seiner hilfsbereiten Seele erst Bahn zubrechen. Damit einmal die Musik viele Menschen zurAndacht stimme und sie zu Vertrauten ihrer höchstenAbsichten mache, muss erst dem ganzen genusssüchtigen Verkehre mit einer so heiligen Kunst ein Endegemacht werden; das Fundament, worauf unsere Kunst-Unterhaltungen, Theater, Museen, Konzertgesellschaftenruhen, eben jener „Kunstfreund”, ist mit Bann zu belegen; die staatliche Gunst, welche seinen Wünschengeschenkt wird, ist in Abgunst zu verwandeln; dasöffentliche Urteil, welches gerade auf Abrichtung zujener Kunstfreundschaft einen absonderlichen Wertlegt, ist durch ein besseres Urteil aus dem Felde zuschlagen. Einstweilen muss uns sogar der erklärteKunstfeind als ein wirklicher und nützlicher Bundesgenosse gelten, da das, wogegen er sich feindlich erklärt, eben nur die Kunst, wie sie der „Kunstfreund”versteht, ist: er kennt ja keine andere! Mag er diesemKunstfreunde immerhin die unsinnige Vergeudung vonGeld nachrechnen, welche der Bau seiner Theater undöffentlichen Denkmäler, die Anstellung seiner „berühmten” Sänger und Schauspieler, die Unterhaltung seinergänzlich unfruchtbaren Kunstschulen und Bildersammlungen verschuldet: gar nicht dessen zu gedenken, wasalles an Kraft, Zeit und Geld in jedem Hauswesen, inder Erziehung für vermeintliche „Kunstinteressen” weggeworfen wird. Da ist kein Hunger und kein Sattwerden, sondern immer nur ein mattes Spiel mit demAnscheine von beidem, zur eitelsten Schaustellung ausgedacht, um das Urteil anderer über sich irre zuführen; oder noch schlimmer: nimmt man die Kunsthier verhältnismäßig ernst, so verlangt man gar vonihr die Erzeugung einer Art von Hunger und Begehren,und findet ihre Aufgabe eben in dieser künstlich erzeugten Aufregung. Als ob man sich fürchtete, ansich selber durch Ekel und Stumpfheit zu Grunde zugehen, ruft man alle bösen Dämonen auf, um sichdurch diese Jäger wie ein Wild treiben zu lassen: manlechzt nach Leiden, Zorn, Hass, Erhitzung, plötzlichemSchrecken, atemloser Spannung und ruft den Künstlerherbei als den Beschwörer dieser Geisterjagd. DieKunst ist jetzt in dem Seelen-Haushalte unserer Gebildeten ein ganz erlogenes oder ein schmähliches,entwürdigendes Bedürfnis, entweder ein Nichts oderein böses Etwas. Der Künstler, der bessere undseltenere, ist wie von einem betäubenden Traume befangen, dies alles nicht zu sehen, und wiederholtzögernd mit unsicherer Stimme gespenstisch schöneWorte, die er von ganz fernen Orten her zu hörenmeint, aber nicht deutlich genug vernimmt; der Künstlerdagegen von ganz modernem Schlage, kommt in vollerVerachtuug gegen das traumselige Tasten und Redenseines edleren Genossen daher und führt die ganzekläffende Meute zusammengekoppelter Leidenschaftenund Scheußlichkeiten am Strick mit sich, um sie nachVerlangen auf die modernen Menschen loszulassen:diese wollen ja lieber gejagt, verwundet und zerrissenwerden, als mit sich selber in der Stille beisammenwohnen zu müssen. Mit sich selber! — dieser Gedanke schüttelt die modernen Seelen, das ist ihreAngst und Gespensterfurcht.

Wenn ich mir in volkreichen Städten die Tausendeansehe, wie sie mit dem Ausdrucke der Dumpfheitoder der Hast vorübergehen, so sage ich mir immerwieder: es muss ihnen schlecht zumute sein. Fürdiese alle aber ist die Kunst bloß deshalb da, damitihnen noch schlechter zumute werde, noch dumpferund sinnloser, oder noch hastiger und begehrlicher.Denn die unrichtige Empfindung reitet und drilltsie unablässig und lässt durchaus nicht zu, dass siesich selber ihr Elend eingestehen dürfen; wollen siesprechen, so flüstert ihnen die Konvention etwas insOhr, worüber sie vergessen, was sie eigentlich sagenwollten; wollen sie sich miteinander verständigen, soist ihr Verstand wie durch Zaubersprüche gelähmt,so dass sie Glück nennen, was ihr Unglück ist, undsich zum eigenen Unsegen noch recht geflissentlichmiteinander verbinden. So sind sie ganz und garverwandelt und zu willenlosen Sklaven der unrichtigenEmpfindung herabgesetzt.

6

Nur an zwei Beispielen will ich zeigen, wie verkehrt die Empfindung in unserer Zeit geworden istund wie die Zeit kein Bewusstsein über diese Verkehrtheit hat. Ehemals sah man mit ehrlicher Vornehmheitauf die Menschen herab, die mit Geld Handel treiben,wenn man sie auch nötig hatte; man gestand sichein, dass jede Gesellschaft ihre Eingeweide habenmüsse. Jetzt sind sie die herrschende Macht in derSeele der modernen Menschheit, als der begehrlichste Teil derselben. Ehemals warnte man vornichts mehr, als den Tag, den Augenblick zu ernst zunehmen und empfahl das nil admirari und die Sorgefür die ewigen Anliegenheiten; jetzt ist nur eine Artvon Ernst in der modernen Seele übriggeblieben, ergilt den Nachrichten, welche die Zeitung oder derTelegraph bringt. Den Augenblick benutzen und, umvon ihm Nutzen zu haben, ihn so schnell wie möglichbeurteilen! — man könnte glauben, es sei den gegenwärtigen Menschen auch nur eine Tugend übriggeblieben, die der Geistesgegenwart. Leider ist es inWahrheit vielmehr die Allgegenwart einer schmutzigenunersättlichen Begehrlichkeit und einer überallhinspähenden Neugierde bei jedermann. Ob überhauptder Geist jetzt gegenwärtig sei — wir wollen dieUntersuchung darüber den künftigen Richtern zuschieben, welche die modernen Menschen einmal durch ihr Sieb raiten werden. Aber gemein ist dies Zeitalter;das kann man schon jetzt sehen, weil es das ehrt, wasfrühere vornehme Zeitalter verachteten; wenn es nunaber noch die ganze Kostbarkeit vergangener Weisheitund Kunst sich angeeignet hat und in diesem reichstenaller Gewänder einhergeht, so zeigt es ein unheimlichesSelbstbewusstsein über seine Gemeinheit darin, dass esjenen Mantel nicht braucht, um sich zu wärmen, sondernnur um über sich zu täuschen. Die Not, sich zu verstellen und zu verstecken, erscheint ihm dringender,als die, nicht zu erfrieren. So benutzen die jetzigenGelehrten und Philosophen die Weisheit der Inder undGriechen nicht, um in sich weise und ruhig zu werden:ihre Arbeit soll bloß dazu dienen, der Gegenwart einentäuschenden Ruf der Weisheit zu verschaffen. DieForscher der Tiergeschichte bemühen sich, die tierischen Ausbrüche von Gewalt und List und Rachsuchtim jetzigen Verkehre der Staaten und Menschen untereinander als unabänderliche Naturgesetze hinzustellen.Die Historiker sind mit ängstlicher Beflissenheit daraufaus, den Satz zu beweisen, dass jede Zeit ihr eigenesRecht, ihre eigenen Bedingungen habe, — um für daskommende Gerichtsverfahren, mit dem unsere Zeitheimgesucht wird, gleich den Grundgedanken der Verteidigung vorzubereiten. Die Lehre vom Staat, vomVolke, von der Wirtschaft, dem Handel, dem Rechte— alles hat jetzt jenen vorbereitend apologetischen Charakter; ja es scheint, was von Geist nochtätig ist, ohne bei dem Getriebe des großen Erwerb-- und Machtmechanismus selbst verbraucht zu werden,hat seine einzige Aufgabe im Verteidigen und Entschuldigen der Gegenwart.

Vor welchem Kläger? Das fragt man da mit Befremden.Vor dem eigenen schlechten Gewissen.

Und hier wird auch mit einem Male die Aufgabeder modernen Kunst deutlich: Stumpfsinn oder Rausch!Einschläfern oder betäuben! Das Gewissen zum Nichtwissen bringen, auf diese oder die andere Weise!Der modernen Seele über das Gefühl von Schuld hinweghelfen, nicht ihr zur Unschuld zurück verhelfen!Und dies wenigstens auf Augenblicke! Den Menschenvor sich selber verteidigen, indem er in sich selberzum Schweigen-Müssen, zum Nicht-hören-Können gebracht wird! — Den wenigen, welche diese beschämendste Aufgabe, diese schreckliche Entwürdigung derKunst nur einmal wirklich empfunden haben, wird dieSeele von Jammer und Erbarmen bis zum Rande vollgeworden sein und bleiben: aber auch von einer neuenübermächtigen Sehnsucht. Wer die Kunst befreien,ihre unentweihte Heiligkeit wiederherstellen wollte, dermüsste sich selber erst von der modernen Seele befreithaben; nur als ein Unschuldiger dürfte er die Unschuldder Kunst finden, er hat zwei ungeheure Reinigungenund Weihungen zu vollbringen. Wäre er dabei siegreich, spräche er aus befreiter Seele mit seiner befreitenKunst zu den Menschen, so würde er dann erst in diegrößte Gefahr, in den ungeheuersten Kampf geraten;die Menschen würden ihn und seine Kunst lieber zerreißen, als dass sie zugestünden, wie sie aus Schamvor ihnen vergehen müssen. Es wäre möglich, dassdie Erlösung der Kunst, der einzige zu erhoffende Lichtblick in der neueren Zeit, ein Ereignis für ein paareinsame Seelen bliebe, während die vielen es fort undfort aushielten, in das flackernde und qualmende Feuerihrer Kunst zu sehen: sie wollen ja nicht Licht,sondern Blendung, sie hassen ja das Licht — übersich selbst.

So weichen sie dem neuen Lichtbringer aus; aberer geht ihnen nach, gezwungen von der Liebe, aus derer geboren ist und will sie zwingen. „Ihr sollt durchmeine Mysterien hindurch”, ruft er ihnen zu, „ihr brauchtihre Reinigungen und Erschütterungen. Wagt es zueurem Heil und lasst einmal das trüb erleuchtete StückNatur und Leben, welches ihr allein zu kennen scheint;ich führe euch in ein Reich, das ebenfalls wirklich ist,ihr selber sollt sagen, wenn ihr aus meiner Höhle ineuren Tag zurückkehrt, welches Leben wirklicher undwo eigentlich der Tag, wo die Höhle ist. Die Naturist nach innen zu viel reicher, gewaltiger, seliger,furchtbarer, ihr kennt sie nicht, so wie ihr gewöhnlichlebt: lernt es, selbst wieder Natur zu werden und lassteuch dann mit und in ihr durch meinen Liebes-- undFeuerzauber verwandeln.”

Es ist die Stimme der Kunst Wagners, welcheso zu den Menschen spricht. Dass wir Kinder eineserbärmlichen Zeitalters ihren Ton zuerst hören durften,zeigt, wie würdig des Erbarmens gerade dies Zeitaltersein muss, und zeigt überhaupt, dass wahre Musik einStück Fatum und Urgesetz ist; denn es ist gar nichtmöglich, ihr Erklingen gerade jetzt aus einem leerensinnlosen Zufall abzuleiten; ein zufälliger Wagner wäredurch die Übergewalt des anderen Elementes, inwelches er hineingeworfen wurde, zerdrückt worden.Aber über dem Werden des wirklichen Wagner liegteine verklärende und rechtfertigende Notwendigkeit.Seine Kunst, im Entstehen betrachtet, ist das herrlichsteSchauspiel, so leidvoll auch jenes Werden gewesensein mag, denn Vernunft, Gesetz, Zweck zeigt sichüberall. Der Betrachtende wird, im Glücke diesesSchauspiels, dieses leidvolle Werden selbst preisen undmit Lust erwägen, wie der ur-bestimmten Natur undBegabung jegliches zu Heil und Gewinn werden muss,so schwere Schulen sie auch durchgeführt wird, wie jede Gefährlichkeit sie beherzter, jeder Sieg sie besonnener macht, wie sie sich von Gift und Unglücknährt und gesund und stark dabei wird. Das Gespöttund Widersprechen der umgebenden Welt ist ihr Reizund Stachel; verirrt sie sich, so kommt sie mit derwunderbarsten Beute aus Irrnis und Verlorenheit heim;schläft sie, so „schläft sie nur neue Kraft sich an”.Sie stählt selber den Leib und macht ihn rüstiger;sie zehrt nicht am Leben, je mehr sie lebt; sie waltetüber dem Menschen wie eine beschwingte Leidenschaftund lässt ihn gerade dann fliegen, wenn sein Fuß imSande ermüdet, am Gestein wund geworden ist. Siekann nicht anders als mitteilen, jedermann soll anihrem Werke mitwirken, sie geizt nicht mit ihrenGaben. Zurückgewiesen, schenkt sie reichlicher; gemissbraucht von dem Beschenkten, gibt sie auch daskostbarste Kleinod, das sie hat, noch hinzu — und nochniemals waren die Beschenkten der Gabe ganz würdig,so lautet die älteste und jüngste Erfahrung. Dadurchist die ur-bestimmte Natur, durch welche die Musikzur Welt der Erscheinung spricht, das rätselvollsteDing unter der Sonne, ein Abgrund, in welchem Kraftund Güte gepaart ruhen, eine Brücke zwischen Selbstund Nicht-Selbst. Wer vermöchte den Zweck deutlichzu nennen, zu welchem sie überhaupt da ist, wennauch selbst die Zweckmäßigkeit in der Art, wie siewurde, sich erraten lassen sollte? Aber aus derseligsten Ahnung heraus darf man fragen: sollte wirklich das Größere des Geringeren wegen da sein, diegrößte Begabung zu Gunsten der kleinsten, die höchsteTugend und Heiligkeit um der Gebrechlichen willen?Musste die wahre Musik erklingen, weil die Menschensie am wenigsten verdienten, aber am meistenihrer bedurften? Man versenke sich nur einmalin das überschwengliche Wunder dieser Möglichkeit:schaut man von da auf das Leben zurück, so leuchtetes, so trüb und umnebelt es vorher auch erscheinenmochte. —

7

Es ist nicht anders möglich: der Betrachtende, vordessen Blick eine solche Natur wie die Wagners steht,muss unwillkürlich von Zeit zu Zeit auf sich, auf seineKleinheit und Gebrechlichkeit zurückgeworfen werdenund wird sich fragen: was soll sie dir? Wozu bist denndu eigentlich da? — Wahrscheinlich fehlt ihm danndie Antwort, und er steht vor seinem eigenen Wesenbefremdet und betroffen still. Mag es ihm dann genügen, eben dies erlebt zu haben; mag er eben darin,dass er sich seinem Wesen entfremdet fühlt,die Antwort auf jene Fragen hören. Denn gerade mitdiesem Gefühle nimmt er teil an der gewaltigstenLebensäußerung Wagners, dem Mittelpunkte seinerKraft, jener dämonischen Übertragbarkeit und Selbstentäußerung seiner Natur, welche sich anderen ebensomitteilen kann, als sie andere Wesen sich selbermitteilt und im Hingeben und Annehmen ihre Größehat. Indem der Betrachtende scheinbar der aus-- undüberströmenden Natur Wagners unterliegt, hat er anihrer Kraft selber Anteil genommen und ist so gleichsam durch ihn gegen ihn mächtig geworden; undjeder, der sich genau prüft, weiß, dass selbst zumBetrachten eine geheimnisvolle Gegnerschaft, die desEntgegenschauens, gehört. Lässt uns seine Kunst allesdas erleben, was eine Seele erfährt, die auf Wanderschaft geht, an anderen Seelen und ihrem Lose teilnimmt, aus vielen Augen in die Welt blicken lernt, sovermögen wir nun auch, aus solcher Entfremdung undEntlegenheit, ihn selbst zu sehen, nachdem wir ihnselbst erlebt haben. Wir fühlen es dann auf das Bestimmteste: in Wagner will alles Sichtbare der Weltzum Hörbaren sich vertiefen und verinnerlichen undsucht seine verlorene Seele; in Wagner will ebensoalles Hörbare der Welt auch als Erscheinung für dasAuge ans Licht hinaus und hinauf, will gleichsamLeiblichkeit gewinnen. Seine Kunst führt ihn immerden doppelten Weg, aus einer Welt als Hörspiel ineine rätselhaft verwandte Welt als Schauspiel undumgekehrt; er ist fortwährend gezwungen — und derBetrachtende mit ihm — die sichtbare Bewegtheit inSeele und Urleben zurück zu übersetzen und wiederumdas verborgenste Weben des Inneren als Erscheinungzu sehen und mit einem Schein-Leib zu bekleiden.Dies alles ist das Wesen des dithyrambischenDramatikers, diesen Begriff so voll genommen, dasser zugleich den Schauspieler, Dichter, Musiker umfasst: so wie dieser Begriff aus der einzig vollkommenenErscheinung des dithyrambischen Dramatikers vorWagner, aus Äschylus und seinen griechischen Kunstgenossen, mit Notwendigkeit entnommen werden muss.Wenn man versucht hat, die großartigsten Entwickelungen aus inneren Hemmungen oder Lücken herzuleiten, wenn zum Beispiel für Goethe das Dichten eineArt Auskunftsmittel für einen verfehlten Malerberufwar, wenn man von Schillers Dramen als von einerversetzten Volks-Beredtsamkeit reden kann, wennWagner selbst die Förderung der Musik durch dieDeutschen unter anderem auch so sich zu deutensucht, dass sie, des verführerischen Antriebes einernatürlich-melodischen Stimmbegabung entbehrend, dieTonkunst etwa mit dem gleichen tiefgehenden Ernsteaufzufassen genötigt waren, wie ihre Reformatorendas Christentum —: wenn man in ähnlicher WeiseWagners Entwickelung mit einer solchen innerenHemmung in Verbindung setzen wollte, so dürfte manwohl in ihm eine schauspielerische Urbegabung annehmen, welche es sich versagen musste, sich auf demnächsten trivialsten Wege zu befriedigen und welchein der Heranziehung aller Künste zu einer großenschauspielerischen Offenbarung ihre Auskunft und ihreRettung fand. Aber ebensogut müsste man dannsagen dürfen, dass die gewaltigste Musiker-Natur, inihrer Verzweifelung, zu den Halb-- und Nicht-Musikernreden zu müssen, den Zugang zu den anderen Künstengewaltsam erbrach, um so endlich mit hundertfacherDeutlichkeit sich mitzuteilen und sich Verständnis,volkstümlichstes Verständnis zu erzwingen. Wieman sich nun auch die Entwickelung des Urdramatikersvorstellen möge, in seiner Reife und Vollendung ister ein Gebilde ohne jede Hemmung und Lücke: dereigentlich freie Künstler, der gar nicht anders kann,als in allen Künsten zugleich denken, der Mittler undVersöhner zwischen scheinbar getrennten Sphären, derWiederhersteller einer Ein-- und Gesamtheit deskünstlerischen Vermögens, welche gar nicht erratenund erschlossen, sondern nur durch die Tat gezeigtwerden kann. Vor wem aber diese Tat plötzlich getan wird, den wird sie wie der unheimlichste, anziehendste Zauber überwältigen: er steht mit einemMale vor einer Macht, welche den Widerstand derVernunft aufhebt, ja alles andere, in dem man bisdahin lebte, unvernünftig und unbegreiflich erscheinenlässt: außer uns gesetzt, schwimmen wir in einemrätselhaften feuerigen Elemente, verstehen uns selbernicht mehr, erkennen das Bekannteste nicht wieder;wir haben kein Maß mehr in der Hand, alles Gesetzliche, alles Starre beginnt sich zu bewegen, jedes Dingleuchtet in neuen Farben, redet in neuen Schriftzeichenzu uns: — da muss man schon Plato sein, um, beidiesem Gemisch von gewaltsamer Wonne und Furcht,sich doch so entschließen zu können, wie er tut undzu dem Dramatiker zu sprechen: „wir wollen einenMann, der in Folge seiner Weisheit alles Möglichewerden und alle Dinge nachahmen könnte, wenn er inunser Gemeinwesen kommt, als etwas Heiliges undWundervolles verehren, Salben über sein Haupt gießenund es mit Wolle bekränzen, aber ihn zu bewegensuchen, dass er in ein anderes Gemeinwesen gehe.”Mag es sein, dass einer, der im platonischen Gemeinwesen lebt, so etwas über sich gewinnen kann undmuss: wir anderen alle, die wir so gar nicht in ihm,sondern in ganz anderen Gemeinwesen leben, sehnenuns und verlangen darnach, dass der Zauberer zu unskomme, ob wir uns schon vor ihm fürchten, — geradedamit unser Gemeinwesen und die böse Vernunft undMacht, deren Verkörperung es ist, einmal verneinterscheine. Ein Zustand der Menschheit, ihrer Gemeinschaft, Sitte, Lebensordnung, Gesamteinrichtung,welcher des nachahmenden Künstlers entbehren könnte,ist vielleicht keine volle Unmöglichkeit, aber dochgehört gerade dies Vielleicht zu den verwegensten, diees gibt und wiegt einem Vielschwer ganz gleich; davon zu reden, sollte nur einem freistehen, welcher denhöchsten Augenblick alles Kommenden, vorwegnehmend,erzeugen und fühlen könnte und der dann sofort, gleichFaust, blind werden müsste — und dürfte: — denn wirhaben selbst zu dieser Blindheit kein Recht, währendzum Beispiel Plato gegen alles Wirklich-Hellenischemit Recht blind sein durfte, nach jenem einzigen Blickseines Auges, den er in das Ideal-Hellenische getanhatte. Wir anderen, brauchen vielmehr deshalb dieKunst, weil wir gerade Angesichts des Wirklichen sehend geworden sind: und wir brauchengerade den All-Dramatiker, damit er uns aus derfurchtbaren Spannung wenigstens auf Stunden erlöse,welche der sehende Mensch jetzt zwischen sich undden ihm aufgebürdeten Aufgaben empfindet. Mit ihmsteigen wir auf die höchsten Sprossen der Empfindungund wähnen uns dort erst wieder in der freien Natur undim Reiche der Freiheit; von dort aus sehen wir wie inungeheuren Luft-Spiegelungen uns und unseres Gleichenim Ringen, Siegen und Untergehen als etwas Erhabenesund Bedeutungsvolles, wir haben Lust am Rhythmusder Leidenschaft und am Opfer derselben, wir hörenbei jedem gewaltigen Schritte des Helden den dumpfenWiderhall des Todes und verstehen in dessen Näheden höchsten Reiz des Lebens: — so zu tragischenMenschen umgewandelt, kehren wir in seltsam getrösteter Stimmung zum Leben zurück, mit dem neuenGefühl der Sicherheit, als ob wir nun aus den größtenGefahren, Ausschreitungen und Ekstasen den Wegzurück ins Begrenzte und Heimische gefunden hätten:dorthin, wo man überlegen-gütig und jedenfalls vornehmer, als vordem, verkehren kann; denn alles, washier als Ernst und Not, als Lauf zu einem Ziele erscheint, ähnelt, im Vergleiche mit der Bahn, die wirselber, wenn auch nur im Traume, durchlaufen haben,nur wunderlich vereinzelten Stücken jener All-Erlebnisse, deren wir uns mit Schrecken bewusst sind; jawir werden ins Gefährliche geraten und versuchtsein, das Leben zu leicht zu nehmen, gerade deshalb,weil wir es in der Kunst mit so ungemeinem Ernsteerfasst haben: um auf ein Wort hinzuweisen, welchesWagner von seinen Lebens-Schicksalen gesagt hat.Denn wenn schon uns, als denen, welche eine solcheKunst der dithyrambischen Dramatik nur erfahren,aber nicht schaffen, der Traum fast für wahrer geltenwill, als das Wache, Wirkliche: wie muss erst derSchaffende diesen Gegensatz abschätzen! Da steht erselber inmitten aller der lärmenden Anrufe und Zudringlichkeiten von Tag, Lebensnot, Gesellschaft,Staat — als was? Vielleicht als sei er gerade dereinzig Wache, einzig Wahr-- und Wirklich-Gesinnteunter verworrenen und gequälten Schläfern, unterlauter Wähnenden, Leidenden; mitunter selbst fühlt ersich wohl wie von dauernder Schlaflosigkeit erfasst,als müsse er nun sein so übernächtig helles und bewusstes Leben zusammen mit Schlafwandlern und gespensterhaft ernst tuenden Wesen verbringen: so dasseben jenes alles, was anderen alltäglich, ihm unheimlich erscheint, und er sich versucht fühlt, dem Eindruckedieser Erscheinung mit übermütiger Verspottung zubegegnen. Aber wie eigentümlich gekreuzt wirddiese Empfindung, wenn gerade zu der Helle seinesschaudernden Übermutes ein ganz anderer Triebsich gesellt, die Sehnsucht aus der Höhe in die Tiefe,das liebende Verlangen zur Erde, zum Glück der Gemeinsamkeit — dann, wenn er alles dessen gedenkt,was er als Einsamer-Schaffender entbehrt, als sollte ernun sofort, wie ein zur Erde niedersteigender Gott, alles Schwache, Menschliche, Verlorene „mit feurigenArmen zum Himmel emporheben”, um endlich Liebeund nicht mehr Anbetung zu finden und sich, in derLiebe, seiner selbst völlig zu entäußern! Gerade aberdie hier angenommene Kreuzung ist das tatsächlicheWunder in der Seele des dithyrambischen Dramatikers:und wenn sein Wesen irgendwo auch vom Begriff zuerfassen wäre, so müsste es an dieser Stelle sein.Denn es sind die Zeugungs-Momente seiner Kunst,wenn er in diese Kreuzung der Empfindungen gespanntist, und sich jene unheimlich-übermütige Befremdungund Verwunderung über die Welt mit dem sehnsüchtigen Drange paart, derselben Welt als Liebenderzu nahen. Was er dann auch für Blicke auf Erde undLeben wirft, es sind immer Sonnenstrahlen, die „Wasserziehen”, Nebel ballen, Gewitterdünste umher lagern.Hellsichtig-besonnen und liebend-selbstloszugleich fällt sein Blick hernieder: und alles, waser jetzt mit dieser doppelten Leuchtkraft seines Blickessich erhellt, treibt die Natur mit furchtbarer Schnelligkeit zur Entladung aller ihrer Kräfte, zur Offenbarungihrer verborgensten Geheimnisse: und zwar durchScham. Es ist mehr als ein Bild, zu sagen, dass ermit jenem Blick die Natur überrascht habe, dass er sienackend gesehen habe: da will sie sich nun schamhaftin ihre Gegensätze flüchten. Das bisher Unsichtbare,Innere rettet sich in die Sphäre des Sichtbaren undwird Erscheinung; das bisher nur Sichtbare flieht indas dunkle Meer des Tönenden: so enthüllt dieNatur, indem sie sich verstecken will, dasWesen ihrer Gegensätze. In einem ungestümrhythmischen und doch schwebenden Tanze, in verzückten Gebärden spricht der Urdramatiker von dem,was in ihm, was in der Natur sich jetzt begibt: derDithyramb seiner Bewegungen ist ebenso sehr schauderndes Verstehen, übermütiges Durchschauen, alsliebendes Nahen, lustvolle Selbst-Entäußerung. DasWort folgt berauscht dem Zuge dieses Rhythmus; mitdem Worte gepaart ertönt die Melodie; und wiederumwirft die Melodie ihre Funken weiter in das Reich derBilder und Begriffe. Eine Traumerscheinung, demBilde der Natur und ihres Freiers ähnlich-unähnlich,schwebt heran, sie verdichtet sich zu menschlicherenGestalten, sie breitet sich aus zur Abfolge eines ganzenheroisch-übermütigen Wollens, eines wonnereichenUntergehens und Nicht-mehr-Wollens: — so entstehtdie Tragödie, so wird dem Leben seine herrlichsteWeisheit, die des tragischen Gedankens, geschenkt, soendlich erwächst der größte Zauberer und Beglückerunter den Sterblichen, der dithyrambische Dramatiker. —

8

Das eigentliche Leben Wagners, das heißt dieallmähliche Offenbarung des dithyrambischen Dramatikers war zugleich ein unausgesetzter Kampf mit sichselbst, soweit er nicht nur dieser dithyrambische Dramatiker war: der Kampf mit der widerstrebenden Weltwurde für ihn nur deshalb so grimmig und unheimlich,weil er diese „Welt”, diese verlockende Feindin, aussich selber reden hörte und weil er einen gewaltigenDämon des Widerstrebens in sich beherbergte. Alsder herrschende Gedanke seines Lebens in ihmaufstieg, dass vom Theater aus eine unvergleichlicheWirkung, die größte Wirkung aller Kunst ausgeübtwerden könne, riss er sein Wesen in die heftigsteGährung. Es war damit nicht sofort eine klare, lichteEntscheidung über sein weiteres Begehren und Handelngegeben; dieser Gedanke erschien zuerst fast nur inversucherischer Gestalt, als Ausdruck jenes finsteren,nach Macht und Glanz unersättlich verlangendenpersönlichen Willens. Wirkung, unvergleichliche Wirkung — wodurch? auf wen? — das war von da an dasrastlose Fragen und Suchen seines Kopfes und Herzens.Er wollte siegen und erobern, wie noch kein Künstlerund womöglich mit einem Schlage zu jener tyrannischenAllmacht kommen, zu welcher es ihn so dunkel trieb.Mit eifersüchtigem, tiefspähendem Blicke maß er alles,was Erfolg hatte, noch mehr sah er sich den an, aufwelchen gewirkt werden musste. Durch das zauberhafteAuge des Dramatikers, der in den Seelen wie in derihm geläufigsten Schrift liest, ergründete er den Zuschauer und Zuhörer, und ob er auch oft bei diesemVerständnis unruhig wurde, griff er doch sofort nachden Mitteln, ihn zu bezwingen. Diese Mittel warenihm zur Hand; was auf ihn stark wirkte, das wollteund konnte er auch machen; von seinen Vorbildernverstand er auf jeder Stufe ebensoviel als er auch selber bilden konnte, er zweifelte nie daran, das auch zukönnen, was ihm gefiel. Vielleicht ist er hierin einenoch „präsumptuösere” Natur als Goethe, der von sichsagte: „immer dachte ich, ich hätte es schon; man hättemir eine Krone aufsetzen können und ich hätte gedacht,das verstehe sich von selbst.” Wagners Können undsein „Geschmack” und ebenso seine Absicht — allesdies passte zu allen Zeiten so eng ineinander, wieein Schlüssel in ein Schloss: — es wurde miteinandergroß und frei, — aber damals war es dies nicht. Wasging ihn die schwächliche, aber edlere und dochselbstisch-einsame Empfindung an, welche der oderjener literarisch und ästhetisch erzogene Kunstfreundabseits von der großen Menge hatte! Aber jene gewaltsamen Stürme der Seelen, welche von der großen Mengebei einzelnen Steigerungen des dramatischen Gesangeserzeugt werden, jener plötzlich um sich greifende Rauschder Gemüter, ehrlich durch und durch und selbstlos —das war der Widerhall seines eigenen Erfahrens undFühlens, dabei durchdrang ihn eine glühende Hoffnungauf höchste Macht und Wirkung! So verstand er denndie große Oper als sein Mittel, durch welches erseinen herrschenden Gedanken ausdrücken könnte; nachihr drängte ihn seine Begierde, nach ihrer Heimatrichtete sich sein Ausblick. Ein längerer Zeitraumseines Lebens, sammt den verwegensten Wandlungenseiner Pläne, Studien, Aufenthalte, Bekanntschaften,erklärt sich allein aus dieser Begierde und den äußerenWiderständen, denen der dürftige, unruhige, leidenschaftlich-naive deutsche Künstler begegnen musste.Wie man auf diesem Gebiete zum Herren werde, verstand ein anderer Künstler besser; und jetzt, da esallmählich bekannt geworden ist, durch welches überauskünstlich gesponnene Gewebe von Beeinflussungen allerArt Meyerbeer jeden seiner großen Siege vorzubereitenund zu erreichen wusste und wie ängstlich die Abfolgeder „Effekte” in der Oper selbst erwogen wurde, wirdman auch den Grad von beschämter Erbitterung verstehen, welche über Wagner kam, als ihm über diesebeinahe notwendigen „Kunstmittel”, dem Publikumeinen Erfolg abzuringen, die Augen geöffnet wurden.Ich zweifle, ob es einen großen Künstler in der Geschichte gegeben hat, der mit einem so ungeheurenIrrtume anhob und so unbedenklich und treuherzigsich mit der empörendsten Gestaltung einer Kunst einließ: und doch war die Art, wie er es tat, von Größeund deshalb von erstaunlicher Fruchtbarkeit. Denn erbegriff, aus der Verzweifelung des erkannten Irrtumsheraus, den modernen Erfolg, das moderne Publikumund das ganze moderne Kunst-Lügenwesen. Indem erzum Kritiker des „Effektes” wurde, durchzitterten ihndie Ahnungen einer eigenen Läuterung. Es war, alsob von jetzt ab der Geist der Musik mit einem ganzneuen seelischen Zauber zu ihm redete. Wie wenn eraus einer langen Krankheit wieder ans Licht käme,traute er kaum mehr Hand und Auge, er schlich seinesWegs dahin; und so empfand er es als eine wundervolleEntdeckung, dass er noch Musiker, noch Künstler sei,ja dass er es jetzt erst geworden sei.

Jede weitere Stufe im Werden Wagners wird dadurch bezeichnet, dass die beiden Grundkräfte seinesWesens sich immer enger zusammenschließen: die Scheuder einen vor der andern lässt nach, das höhere Selbstbegnadet von da an den gewaltsamen irdischeren Bruder nicht mehr mit seinem Dienste, es liebt ihn undmuss ihm dienen. Das Zarteste und Reinste ist endlich,am Ziele der Entwicklung, auch im Mächtigsten enthalten, der ungestüme Trieb geht seinen Lauf wie vordem, aber auf anderen Bahnen, dorthin, wo das höhereSelbst heimisch ist; und wiederum steigt dieses zurErde herab und erkennt in allem Irdischen sein Gleichnis. Wenn es möglich wäre, in dieser Art vom letztenZiele und Ausgange jener Entwicklung zu reden undnoch verständlich zu bleiben, so dürfte auch die bildhafte Wendung zu finden sein, durch welche eine langeZwischenstufe jener Entwicklung bezeichnet werdenkönnte; aber ich zweifle an jenem und versuche deshalbauch dieses nicht. Diese Zwischenstufe wird historischdurch zwei Worte gegen die frühere und spätere abgegrenzt: Wagner wird zum Revolutionär derGesellschaft, Wagner erkennt den einzigen bisherigen Künstler, das dichtende Volk. Der herrschendeGedanke, welcher nach jener großen Verzweiflungund Buße in neuer Gestalt und mächtiger als je vorihm erschien, führte ihn zu beidem. Wirkung, unvergleichliche Wirkung vom Theater aus! — aber auf wen?Ihn schauderte bei der Erinnerung, auf wen er bisherhatte wirken wollen. Von seinem Erlebnis aus verstand er die ganze schmachvolle Stellung, in welcherdie Kunst und die Künstler sich befinden: wie eineseelenlose oder seelenharte Gesellschaft, welche sichdie gute nennt und die eigentlich böse ist, Kunst undKünstler zu ihrem sklavischen Gefolge zählt, zur Befriedigung von Scheinbedürfnissen. Die moderneKunst ist Luxus: Das begriff er ebenso wie das andere,dass sie mit dem Rechte einer Luxus-Gesellschaft steheund falle. Nicht anders als diese durch die hartherzigsteund klügste Benutzung ihrer Macht die Unmächtigen,das Volk, immer dienstbarer, niedriger und unvolkstümlicher zu machen und aus ihm den modernen,,Arbeiter” zu schaffen wusste, hat sie auch dem Volkedas Größte und Reinste, was es aus tiefster Nötigungsich erzeugte und worin es als der wahre und einzigeKünstler seine Seele mildherzig mitteilte, seinen Mythus, seine Liedweise, seinen Tanz, seine Spracherfindungentzogen, um daraus ein wollüstiges Mittel gegen dieErschöpfung und die Langeweile ihres Daseins zudestillieren — die modernen Künste. Wie diese Gesellschaft entstand, wie sie aus den scheinbar entgegengesetzten Machtsphären sich neue Kräfte anzusaugenwusste, wie zum Beispiel das in Heuchelei und Halbheiten verkommene Christentum sich zum Schutzegegen das Volk, als Befestigung jener Gesellschaft undihres Besitzes, gebrauchen ließ und wie Wissenschaftund Gelehrte sich nur zu geschmeidig in diesen Frohndienst begaben, das alles verfolgte Wagner durch dieZeiten hin, um am Schlusse seiner Betrachtungen vorEkel und Wut aufzuspringen: er war aus Mitleid mitdem Volke zum Revolutionär geworden. Von jetzt abliebte er es und sehnte sich nach ihm, wie er sich nachseiner Kunst sehnte, denn ach! nur in ihm, nur imentschwundenen, kaum mehr zu ahnenden, künstlichentrückten Volke sah er jetzt den einzigen Zuschauerund Zuhörer, welcher der Macht seines Kunstwerkes,wie er es sich träumte, würdig und gewachsen seinmöchte. So sammelte sich sein Nachdenken um dieFrage: Wie entsteht das Volk? Wie ersteht es wieder?

Er fand immer nur eine Antwort: — wenn eineVielheit dieselbe Not litte, wie er sie leidet, das wäredas Volk, sagt er sich. Und wo die gleiche Not zumgleichen Drange und Begehren führen würde, müssteauch dieselbe Art der Befriedigung gesucht, das gleicheGlück in dieser Befriedigung gefunden werden. Saher sich nun darnach um, was ihn selber in seiner Notam tiefsten tröstete und aufrichtete, was seiner Notam seelenvollsten entgegenkäme, so war er sich mitbeseligender Gewissheit bewusst, dass dies nur derMythus und die Musik seien, der Mythus, den er alsErzeugnis und Sprache der Not des Volkes kannte,die Musik, ähnlichen obschon noch rätselvolleren Ursprungs. In diesen beiden Elementen badet und heilter seine Seele, ihrer bedarf er am brünstigsten: — vonda aus darf er zurückschließen, wie verwandt seineNot mit der des Volkes sei, als es entstand, und wiedas Volk dann wieder stehen müsse, wenn es vieleWagner geben werde. Wie lebten nun Mythus undMusik in unserer modernen Gesellschaft, soweit siederselben nicht zum Opfer gefallen waren? Ein ähnliches Los war ihnen zuteil geworden, zum Zeugnisihrer geheimnisvollen Zusammengehörigkeit: der Mythus war tief erniedrigt und entstellt, zum „Märchen”,zum spielerisch beglückenden Besitz der Kinder undFrauen des verkümmerten Volkes umgeartet, seinerwundervollen, ernst-heiligen Mannes-Natur gänzlichentkleidet; die Musik hatte sich unter den Armen undSchlichten, unter den Einsamen erhalten, dem deutschenMusiker war es nicht gelungen, sich mit Glück in denLuxus-Betrieb der Künste einzuordnen, er war selberzum ungetümlichen verschlossenen Märchen geworden,voll der rührendsten Laute und Anzeichen, ein unbehilflicher Frager, etwas ganz Verzaubertes und Erlösungsbedürftiges. Hier hörte der Künstler deutlichden Befehl, der an ihn allein erging — den Mythusins Männliche zurückzuschaffen und die Musik zu entzaubern, zum Reden zu bringen: er fühlte seine Kraftzum Drama mit einem Male entfesselt, seine Herrschaftüber ein noch unentdecktes Mittelreich zwischen Mythusund Musik begründet. Sein neues Kunstwerk, in welchem er alles Mächtige, Wirkungsvolle, Beseligende,was er kannte, zusammenschloss, stellte er jetzt mit seinergroßen schmerzlich einschneidenden Frage vor dieMenschen hin: „Wo seid ihr, welche ihr gleich leidetund bedürft wie ich? Wo ist die Vielheit, welche ichals Volk ersehne? Ich will euch daran erkennen, dassihr das gleiche Glück, den gleichen Trost mit mirgemein haben sollt: an eurer Freude soll sich mireuer Leiden offenbaren!” Mit dem Tannhäuser unddem Lohengrin fragte er also, sah er sich also nachSeinesgleichen um; der Einsame dürstete nach derVielheit.

Aber wie wurde ihm zumute? Niemand gab eineAntwort, niemand hatte die Frage verstanden. Nichtdass man überhaupt stille geblieben wäre, im Gegenteil, man antwortete auf tausend Fragen: die er garnicht gestellt hatte, man zwitscherte über die neuenKunstwerke, als ob sie ganz eigentlich zum Zerredetwerden geschaffen wären. Die ganze ästhetische Schreib-- und Schwatzseligkeit brach wie ein Fieber unter denDeutschen aus, man maß und fingerte an den Kunstwerken, an der Person des Künstlers herum, mit jenemMangel an Scham, welcher den deutschen Gelehrtennicht weniger, als den deutschen Zeitungsschreibernzu eigen ist. Wagner versuchte dem Verständnis seinerFrage durch Schriften nachzuhelfen: neue Verwirrung,neues Gesumme — ein Musiker, der schreibt und denkt,war aller Welt damals ein Unding; nun schrie man,es ist ein Theoretiker, welcher aus erklügelten Begriffendie Kunst umgestalten will, steinigt ihn! — Wagnerwar wie betäubt; seine Frage wurde nicht verstanden,seine Not nicht empfunden, sein Kunstwerk sah einerMitteilung an Taube und Blinde, sein Volk einemHirngespinste ähnlich; er taumelte und geriet insSchwanken. Die Möglichkeit eines völligen Umsturzesaller Dinge taucht vor seinen Blicken auf, er erschricktnicht mehr über diese Möglichkeit: vielleicht ist jenseitsder Umwälzung und Verwüstung eine neue Hoffnungaufzurichten, vielleicht auch nicht — und jedenfalls istdas Nichts besser, als das widerliche Etwas. In Kürzewar er politischer Flüchtling und im Elend.

Und jetzt erst, gerade mit dieser furchtbaren Wendung seines äußeren und inneren Schicksals, beginntder Abschnitt im Leben des großen Menschen, aufdem das Leuchten höchster Meisterschaft wie der Glanzflüssigen Goldes liegt! Jetzt erst wirft der Genius derdithyrambischen Dramatik die letzte Hülle von sich!Er ist vereinsamt, die Zeit erscheint ihm nichtig, erhofft nicht mehr: so steigt sein Weitblick in die Tiefe,nochmals, und jetzt hinab bis zum Grunde: dort siehter das Leiden im Wesen der Dinge und nimmt vonjetzt ab, gleichsam unpersönlicher geworden, seinenTeil von Leiden stiller hin. Das Begehren nachhöchster Macht, das Erbgut früherer Zustände, trittganz ins künstlerische Schaffen über; er spricht durchseine Kunst nur noch mit sich, nicht mehr mit einemPublikum oder Volke und ringt darnach, ihr die größteDeutlichkeit und Befähigung für ein solches mächtigstesZwiegespräch zu geben. Es war auch im Kunstwerkeder vorhergehenden Periode noch anders: auch in ihmhatte er eine, wenngleich zarte und veredelte, Rücksichtauf sofortige Wirkung genommen: als Frage war jenesKunstwerk ja gemeint, es sollte eine sofortige Antworthervorrufen; und wie oft wollte Wagner es denen,welche er fragte, erleichtern, ihn zu verstehen — sodass er ihnen und ihrer Ungeübtheit im Gefragtwerdenentgegenkam und an ältere Formen und Ausdrucksmittel der Kunst sich anschmiegte; wo er fürchtenmusste, mit seiner eigensten Sprache nicht zu überzeugen und verständlich zu werden, hatte er versuchtzu überreden und in einer halb fremden, seinen Zuhörern aber bekannteren Zunge seine Frage kund zutun. Jetzt gab es nichts mehr, was ihn zu einer solchen Rücksicht hätte bestimmen können, er wollte jetztnur noch eins: sich mit sich verständigen, über dasWesen der Welt in Vorgängen denken, in Tönen philosophieren; der Rest des Absichtlichen in ihm gehtauf die letzten Einsichten aus. Wer würdig ist zuwissen, was damals in ihm vorging, worüber er in demheiligsten Dunkel seiner Seele mit sich Zwiesprachepflog — es sind nicht viele dessen würdig: der höre,schaue und erlebe Tristan und Isolde, das eigentlicheopus metaphysicum aller Kunst, ein Werk, auf demder gebrochene Blick eines Sterbenden liegt, mit seinerunersättlichen süßesten Sehnsucht nach den Geheimnissen der Nacht und des Todes, fern weg von demLeben, welches als das Böse, Trügerische, Trennendein einer grausenhaften, gespenstischen Morgenhelle undSchärfe leuchtet: dabei ein Drama von der herbstenStrenge der Form, überwältigend in seiner schlichtenGröße und gerade nur so dem Geheimnis gemäß, vondem es redet, dem Tot-sein bei lebendigem Leibe, demEins-sein in der Zweiheit. Und doch ist noch etwaswunderbarer als dies Werk: der Künstler selber, dernach ihm in einer kurzen Spanne Zeit ein Weltbildder verschiedensten Färbung, die Meistersinger vonNürnberg, schaffen konnte, ja der in beiden Werkengleichsam nur ausruhte und sich erquickte, um den vorihnen entworfenen und begonnenen vierteiligen Riesenbau mit gemessener Eile zu Ende zu türmen, seinSinnen und Dichten durch zwanzig Jahre hindurch,sein Bayreuther Kunstwerk, den Ring des Nibelungen!Wer sich über die Nachbarschaft des Tristan und derMeistersinger befremdet fühlen kann, hat das Lebenund Wesen aller wahrhaft großen Deutschen in einemwichtigen Punkte nicht verstanden: er weiß nicht, aufwelchem Grunde allein jene eigentlich und einzigdeutsche Heiterkeit Luthers, Beethovens undWagners erwachsen kann, die von anderen Völkerngar nicht verstanden wird und den jetzigen Deutschenselber abhanden gekommen scheint — jene goldhelledurchgegorene Mischung von Einfalt, Tiefblick derLiebe, betrachtendem Sinne und Schalkhaftigkeit, wiesie Wagner als den köstlichsten Trank allen deneneingeschenkt hat, welche tief am Leben gelitten habenund sich ihm gleichsam mit dem Lächeln der Genesenden wieder zukehren. Und wie er selber so versöhnterin die Welt blickte, seltener von Grimm und Ekelerfasst wurde, mehr in Trauer und Liebe auf Machtverzichtend als vor ihr zurückschaudernd, wie er soin Stille sein größtes Werk förderte und Partiturneben Partitur legte, geschah einiges, was ihn aufhorchen ließ: die Freunde kamen, eine unterirdischeBewegung vieler Gemüter ihm anzukündigen — eswar noch lange nicht das „Volk”, das sich bewegteund hier ankündigte, aber vielleicht der Keim underste Lebensquell einer in ferner Zukunft vollendeten,wahrhaft menschlichen Gesellschaft; zunächst nur dieBürgschaft, dass sein großes Werk einmal in Handund Hut treuer Menschen gelegt werden könne, welcheüber dieses herrlichste Vermächtnis an die Nachweltzu wachen hätten und zu wachen würdig wären; inder Liebe der Freunde wurden die Farben am Tageseines Lebens leuchtender und wärmer; seine edelsteSorge, gleichsam noch vor Abend mit seinem Werkeans Ziel zu kommen und für dasselbe eine Herbergezu finden, wurde nicht mehr von ihm allein gehegt.Und da begab sich ein Ereignis, welches von ihmnur symbolisch verstanden werden konnte und für ihneinen neuen Trost, ein glückliches Wahrzeichen bedeutete. Ein großer Krieg der Deutschen ließ ihn aufblicken, derselben Deutschen, welche er so tief entartet,so abgefallen von dem hohen deutschen Sinne wusste,wie er ihn in sich und den anderen großen Deutschender Geschichte mit tiefstem Bewusstsein erforscht underkannt hatte — er sah, dass diese Deutschen in einerganz ungeheuren Lage zwei echte Tugenden: schlichteTapferkeit und Besonnenheit zeigten und begann mitinnerstem Glücke zu glauben, dass er vielleicht dochnicht der letzte Deutsche sei und dass seinem Werkeeinmal noch eine gewaltigere Macht zur Seite stehenwerde als die aufopfernde, aber geringe Kraft derwenigen Freunde, für jene lange Dauer, wo es seinerihm vorherbestimmten Zukunft, als das Kunstwerk dieser Zukunft entgegenharren soll. Vielleicht, dass dieserGlaube sich nicht dauernd vor dem Zweifel schützenkonnte, je mehr er sich besonders zu sofortigen Hoffnungen zu steigern suchte: genug, er empfand einenmächtigen Anstoß, um sich an eine noch unerfülltehohe Pflicht erinnert zu fühlen.

Sein Werk wäre nicht fertig, nicht zu Ende getangewesen, wenn er es nur als schweigende Partitur derNachwelt anvertraut hätte: er musste das Unerratbarste,ihm Vorbehaltenste, den neuen Stil für seinen Vortrag,seine Darstellung öffentlich zeigen und lehren, um dasBeispiel zu geben, welches kein anderer geben konnteund so eine Stil-Überlieferung zu begründen,die nicht in Zeichen auf Papier, sondern in Wirkungenauf menschliche Seelen eingeschrieben ist. Dies warum so mehr für ihn zur ernstesten Pflicht geworden,als seine anderen Werke inzwischen, gerade in Beziehungauf Stil des Vortrags, das unleidlichste und absurdesteSchicksal gehabt hatten: sie waren berühmt, bewundertund wurden — gemisshandelt, und niemand schien sichzu empören. Denn so seltsam die Tatsache klingenmag: während er auf Erfolg bei seinen Zeitgenossen,in einsichtigster Schätzung derselben, immer grundsätzlicher verzichtete und dem Gedanken der Machtentsagte, kam ihm der „Erfolg” und die „Macht”;wenigstens erzählte ihm alle Welt davon. Es halfnichts, dass er auf das Entschiedenste das durchausMissverständliche, ja für ihn Beschämende jener „Erfolge”immer wieder ans Licht stellte; man war so wenigdaran gewöhnt, einen Künstler in der Art seiner Wirkungen streng unterscheiden zu sehen, dass man selbstseinen feierlichsten Verwahrungen nicht einmal rechttraute. Nachdem ihm der Zusammenhang unseres heutigen Theaterwesens und Theatererfolges mit demCharakter des heutigen Menschen aufgegangen war,hatte seine Seele nichts mehr mit diesem Theater zuschaffen; um ästhetische Schwärmerei und den Jubelaufgeregter Massen war es ihm nicht mehr zu tun,ja es musste ihn ergrimmen, seine Kunst so unterschiedlos in den gähnenden Rachen der unersättlichenLangeweile und Zerstreuungs-Gier eingehen zu sehen.Wie flach und gedanken-bar hier jede Wirkung seinmusste, wie es hier wirklich mehr auf die Füllung einesNimmersatten, als auf die Ernährung eines Hungerndenankäme, schloss er zumal aus einer regelmäßigen Erscheinung: man nahm überall auch von Seiten derAufführenden und Vortragenden seine Kunst wie jedeandere Bühnenmusik hin, nach dem widerlichen Rezeptier-Buche des Opernstiles, ja man schnitt und hackte sichseine Werke, dank den gebildeten Kapellmeistern,geradewegs zur Oper zurecht, wie der Sänger ihnenerst nach sorgfaltiger Entgeistung beizukommen glaubte;und wenn man es recht gut machen wollte, ging manmit einer Ungeschicklichkeit und einer prüden Beklemmung auf Wagners Vorschriften ein, ungefähr so, als obman den nächtlichen Volks-Auflauf in den StraßenNürnbergs, wie er im zweiten Akte der Meistersingervorgeschrieben ist, durch künstlich figurierende Ballettänzer darstellen wollte — und bei alledem schien manim guten Glauben, ohne böse Nebenabsichten zu handeln. Wagners aufopfernde Versuche, durch die Tatund das Beispiel nur wenigstens auf schlichte Korrektheit und Vollständigkeit der Aufführung hinzuweisenund einzelne Sänger in den ganz neuen Stil des Vortrags einzuführen, waren immer wieder vom Schlammder herrschenden Gedankenlosigkeit und Gewohnheitweggeschwemmt worden; sie hatten ihn überdies immerzu einem Befassen mit eben dem Theater genötigt,dessen ganzes Wesen ihm zum Ekel geworden war.Hatte doch selbst Goethe die Lust verloren, den Aufführungen seiner Iphigenie beizuwohnen, „ich leideentsetzlich”, hatte er zur Erklärung gesagt, „wenn ichmich mit diesen Gespenstern herumschlagen muss, dienicht so zur Erscheinung kommen wie sie sollten.” Dabei nahm der „Erfolg” an diesem ihm widerlichgewordenen Theater immer zu; endlich kam es dahin,dass gerade die großen Theater fast zumeist von denfetten Einnahmen lebten, welche die Wagnersche Kunstin ihrer Verunstaltung als Opernkunst ihnen eintrug.Die Verwirrung über diese wachsende Leidenschaft desTheater-Publikums ergriff selbst manche FreundeWagners: er musste das Herbste erdulden — dergroße Dulder! — und seine Freunde von „Erfolgen”und „Siegen” berauscht sehen, wo sein einzig-hoherGedanke gerade mitten hindurch zerknickt und verleugnet war. Fast schien es, als ob ein in vielenStücken ernsthaftes und schweres Volk sich in Bezugauf seinen ernstesten Künstler eine grundsätzlicheLeichtfertigkeit nicht verkümmern lassen wollte, als obsich gerade deshalb an ihm alles Gemeine, Gedankenlose, Ungeschickte und Boshafte des deutschen Wesensauslassen müsste. — Als sich nun während des deutschenKrieges eine großartigere, freiere Strömung der Gemüter zu bemächtigen schien, erinnerte sich Wagnerseiner Pflicht der Treue, um wenigstens sein größtesWerk vor diesen missverständlichen Erfolgen und Beschimpfungen zu retten und es in seinem eigenstenRhythmus, zum Beispiel für alle Zeiten hinzustellen: soerfand er den Gedanken von Bayreuth. Im Gefolgejener Strömung der Gemüter glaubte er auch auf derSeite derer, welchen er seinen kostbarsten Besitz anvertrauen wollte, ein erhöhteres Gefühl von Pflicht erwachen zu sehen — aus dieser Doppelseitigkeit vonPflichten erwuchs das Ereignis, welches wie ein fremdartiger Sonnenglanz auf der letzten und nächsten Reihevon Jahren liegt; zum Heile einer fernen, einer nurmöglichen, aber unbeweisbaren Zukunft ausgedacht, fürdie Gegenwart und die nur gegenwärtigen Menschennicht viel mehr, als ein Rätsel oder ein Greuel, fürdie wenigen, die an ihm helfen durften, ein Vorgenuss,ein Vorausleben der höchsten Art, durch welches sieweit über ihre Spanne Zeit sich beseligt, beseligendund fruchtbar wissen, für Wagner selbst eine Verfinsterung von Mühsal, Sorge, Nachdenken, Gram, ein erneutes Wüten der feindseligen Elemente, aber alles überstrahlt von dem Sterne der selbstlosen Treue, und, in diesem Lichte, zu einem unsäglichen Glücke umgewandelt!

Man braucht es kaum auszusprechen: es liegt derHauch des Tragischen auf diesem Leben. Und jeder,der aus seiner eigenen Seele etwas davon ahnen kann,jeder, für den der Zwang einer tragischen Täuschungüber das Lebensziel, das Umbiegen und Brechen derAbsichten, das Verzichten und Gereinigt-werden durchLiebe keine ganz fremden Dinge sind, muss in dem,was Wagner uns jetzt im Kunstwerke zeigt, ein traumhaftes Zurückerinnern an das eigene heldenhafte Daseindes großen Menschen fühlen. Ganz von Ferne her wirduns zumute sein, als ob Siegfried von seinen Tatenerzählte: im rührendsten Glück des Gedenkens webtdie tiefe Trauer des Spätsommers, und alle Natur liegtstill in gelbem Abendlichte. —

9

Darüber nachzudenken, was Wagner, der Künstler, ist und an dem Schauspiele eines wahrhaft freigewordenen Könnens und Dürfens betrachtend vorüberzugehen: Das wird jeder zu seiner Heilung und Erholungnötig haben, der darüber, wie Wagner, der Menschwurde, gedacht und gelitten hat. Ist die Kunst überhaupt eben nur das Vermögen, das an andere mitzuteilen, was man erlebt hat, widerspricht jedes Kunstwerk sich selbst, wenn es sich nicht zu verstehen gebenkann: so muss die Größe Wagners, des Künstlers,gerade in jener dämonischen Mitteilbarkeit seinerNatur bestehen, welche gleichsam in allen Sprachenvon sich redet und das innere, eigenste Erlebnis mitder höchsten Deutlichkeit erkennen lässt; sein Auftretenin der Geschichte der Künste gleicht einem vulkanischenAusbruche des gesamten ungeteilten Kunstvermögensder Natur selber, nachdem die Menschheit sich an denAnblick der Vereinzelung der Künste wie an eineRegel gewöhnt hatte. Man kann deshalb schwanken,welchen Namen man ihm beilegen solle, ob er Dichteroder Bildner oder Musiker zu nennen sei, jedes Wortin einer außerordentlichen Erweiterung seines Begriffsgenommen, oder ob erst ein neues Wort für ihn geschaffen werden müsse.

Das Dichterische in Wagner zeigt sich darin,dass er in sichtbaren und fühlbaren Vorgängen, nichtin Begriffen denkt, das heißt, dass er mythisch denkt,so wie immer das Volk gedacht hat. Dem Mythusliegt nicht ein Gedanke zugrunde, wie die Kindereiner verkünstelten Kultur vermeinen, sondern er selberist ein Denken; er teilt eine Vorstellung von der Weltmit, aber in der Abfolge von Vorgängen, Handlungenund Leiden. Der Ring des Nibelungen ist ein ungeheures Gedankensystem ohne die begriffliche Formdes Gedankens. Vielleicht könnte ein Philosoph etwasganz Entsprechendes ihm zur Seite stellen, das ganzohne Bild und Handlung wäre und bloß in Begriffenzu uns spräche: dann hätte man das gleiche in zweidisparaten Sphären dargestellt: einmal für das Volkund einmal für den Gegensatz des Volkes, den theoretischen Menschen. An diesen wendet sich also Wagnernicht; denn der theoretische Mensch versteht von demeigentlich Dichterischen, dem Mythus, gerade so viel,als ein Tauber von der Musik, das heißt, beide seheneine ihnen sinnlos scheinende Bewegung. Aus der einenvon jenen disparaten Sphären kann man in die anderenicht hineinblicken: solange man im Banne des Dichtersist, denkt man mit ihm, als sei man nur ein fühlendes,sehendes und hörendes Wesen; die Schlüsse, welcheman macht, sind die Verknüpfungen der Vorgänge,die man sieht, also tatsächliche Kausalitäten, keinelogischen.

Wenn die Helden und Götter solcher mythischenDramen, wie Wagner sie dichtet, nun auch in Wortensich deutlich machen sollen, so liegt keine Gefahr näher,als dass diese Wortsprache in uns den theoretischen Menschen aufweckt und dadurch uns in eine andere,unmythische Sphäre hinüberhebt: so dass wir zuletztdurch das Wort nicht etwa deutlicher verstanden hätten,was vor uns vorging, sondern gar nichts verstandenhätten. Wagner zwang deshalb die Sprache in einenUrzustand zurück, wo sie fast noch nicht in Begriffendenkt, wo sie noch selber Dichtung, Bild und Gefühlist; die Furchtlosigkeit, mit der Wagner an diese ganzerschreckende Aufgabe ging, zeigt, wie gewaltsam ervon dem dichterischen Geiste geführt wurde, als einer,der folgen muss, wohin auch sein gespenstischer Führerden Weg nimmt. Man sollte jedes Wort dieser Dramensingen können, und Götter und Helden sollten es inden Mund nehmen: das war die außerordentliche Anforderung, welche Wagner an seine sprachliche Phantasie stellte. Jeder andere hätte dabei verzagen müssen;denn unsere Sprache scheint fast zu alt und zu verwüstet zu sein, als dass man von ihr hätte verlangendürfen, was Wagner verlangte: und doch rief sein Schlaggegen die Felsen eine reichliche Quelle hervor. GeradeWagner hat, weil er diese Sprache mehr liebte undmehr von ihr forderte, auch mehr als ein andererDeutscher an ihrer Entartung und Schwächung gelitten,also an den vielfältigen Verlusten und Verstümmelungender Formen, an dem schwerfälligen Partikelwesen unserer Satzfügung, an den unsingbaren Hilfszeitwörtern: —alles dieses sind ja Dinge, welche durch Sünden undVerlotterungen in die Sprache hineingekommen sind.Dagegen empfand er mit tiefem Stolze die auch jetztnoch vorhandene Ursprünglichkeit und Unerschöpflichkeit dieser Sprache, die tonvolle Kraft ihrer Wurzeln,in welchen er, im Gegensatz zu den höchst abgeleiteten, künstlich rhetorischen Sprachen der romanischenStämme, eine wunderbare Neigung und Vorbereitung zurMusik, zur wahren Musik ahnt. Es geht eine Lust andem Deutschen durch Wagners Dichtung, eine Herzlichkeit und Freimütigkeit im Verkehre mit ihm, wieso etwas, außer bei Goethe, bei keinem Deutschen sichnachfühlen lässt. Leiblichkeit des Ausdruckes, verwegene Gedrängtheit, Gewalt und rhythmische Vielartigkeit, ein merkwürdiger Reichtum an starken und bedeutenden Wörtern, Vereinfachung der Satzgliederung,eine fast einzige Erfindsamkeit in der Sprache deswogenden Gefühls und der Ahnung, eine mitunter ganzrein sprudelnde Volkstümlichkeit und Sprichwörtlichkeit — solche Eigenschaften würden aufzuzählen sein,und doch wäre dann immer noch die mächtigste undbewunderungswürdigste vergessen. Wer hintereinanderzwei solche Dichtungen wie Tristan und die Meistersinger liest, wird in Hinsicht auf die Wortsprache einähnliches Erstaunen und Zweifeln empfinden, wie inHinsicht auf die Musik: wie es nämlich möglich war,über zwei Welten, so verschieden an Form, Farbe,Fügung, als an Seele, schöpferisch zu gebieten. Diesist das Mächtigste an der Wagnerschen Begabung,etwas, das — allein dem großen Meister gelingen wird:für jedes Werk eine neue Sprache auszuprägen undder neuen Innerlichkeit auch einen neuen Leib, einenneuen Klang zu geben. Wo eine solche allerseltensteMacht sich äußert, wird der Tadel immer nur kleinlich und unfruchtbar bleiben, welcher sich auf einzelnesÜbermütige und Absonderliche, oder auf die häufigerenDunkelheiten des Ausdruckes und Umschleierungen desGedankens bezieht. Überdies war denen, welchebisher am lautesten getadelt haben, im Grunde nichtsowohl die Sprache als die Seele, die ganze Art zuleiden und zu empfinden, anstößig und unerhört. Wirwollen warten, bis diese selber eine andere Seele haben, dann werden sie selber auch eine andere Sprachesprechen: und dann wird es, wie mir scheint, auch mitder deutschen Sprache im ganzen besser stehen, alses jetzt steht.

Vor allem aber sollte niemand, der über Wagner,den Dichter und Sprachbildner, nachdenkt, vergessen,dass keines der Wagnerschen Dramen bestimmt ist,gelesen zu werden und also nicht mit den Forderungenbehelligt werden darf, welche an das Wortdrama gestellt werden. Dieses will allein durch Begriffe undWorte auf das Gefühl wirken; mit dieser Absicht gehört es unter die Botmäßigkeit der Rhetorik. Aberdie Leidenschaft im Leben ist selten beredt: im Wortdrama muss sie es sein, um überhaupt sich auf irgendeine Art mitzuteilen. Wenn aber die Sprache einesVolkes sich schon im Zustande des Verfalls und derAbnutzung befindet, so kommt der Wortdramatiker indie Versuchung, Sprache und Gedanken ungewöhnlichaufzufärben und umzubilden; er will die Sprache heben,damit sie wieder das gehobene Gefühl hervorklingenlasse, und gerät dabei in die Gefahr, gar nicht verstanden zu werden. Ebenso sucht er der Leidenschaftdurch erhabene Sinnsprüche und Einfälle etwas vonHöhe mitzuteilen und verfällt dadurch wieder in eineandere Gefahr: er erscheint unwahr und künstlich.Denn die wirkliche Leidenschaft des Lebens sprichtnicht in Sentenzen und die dichterische erweckt leichtMisstrauen gegen ihre Ehrlichkeit, wenn sie sich wesentlich von dieser Wirklichkeit unterscheidet. Dagegen gibt Wagner, der erste, welcher die inneren Mängeldes Wortdramas erkannt hat, jeden dramatischen Vorgang in einer dreifachen Verdeutlichung, durch Wort,Gebärde und Musik; und zwar überträgt die Musikdie Grundregungen im Innern der darstellenden Personen des Dramas unmittelbar auf die Seelen derZuhörer, welche jetzt in den Gebärden derselben Personen die erste Sichtbarkeit jener inneren Vorgängeund in der Wortsprache noch eine zweite abgeblasstereErscheinung derselben, übersetzt in das bewusstereWollen, wahrnehmen. Alle diese Wirkungen erfolgengleichzeitig und durchaus ohne sich zu stören, undzwingen den, welchem ein solches Drama vorgeführtwird, zu einem ganz neuen Verstehen und Miterleben,gleich als ob seine Sinne auf einmal vergeistigter undsein Geist versinnlichter geworden wäre, und als oballes, was aus dem Menschen heraus will und nachErkenntnis dürstet, sich jetzt in einem Jubel des Erkennens frei und selig befände. Weil jeder Vorgangeines Wagnerschen Dramas sich mit der höchstenVerständlichkeit dem Zuschauer mitteilt, und zwardurch die Musik von innen heraus erleuchtet unddurchglüht, konnte sein Urheber aller der Mittel entraten, welche der Wortdichter nötig hat, um seinenVorgängen Wärme und Leuchtkraft zu geben. Derganze Haushalt des Dramas durfte einfacher sein, derrhythmische Sinn des Baumeisters konnte es wiederwagen, sich in den großen Gesamtverhältnissen desBaues zu zeigen; denn es fehlte zu jener absichtlichenVerwicklung und verwirrenden Vielgestaltigkeit desBaustils jetzt jede Veranlassung, durch welche derWortdichter zu Gunsten seines Werkes das Gefühl derVerwunderung und des angespannten Interesses zuerreichen strebt, um dies dann zu dem Gefühl desbeglückten Staunens zu steigern. Der Eindruck deridealisierenden Ferne und Höhe war nicht erst durchKunstgriffe herbeizuschaffen. Die Sprache zog sichaus einer rhetorischen Breite in die Geschlossenheitund Kraft einer Gefühlsrede zurück; und trotzdem, dassder darstellende Künstler viel weniger, als früher, überdas sprach, was er im Schauspiel tat und empfand,zwangen jetzt innerliche Vorgänge, welche die Angstdes Wortdramatikers vor dem angeblich Undramatischenbisher von der Bühne fern gehalten hat, den Zuhörerzum leidenschaftlichen Miterleben, während die begleitende Gebärdensprache nur in der zartesten Modulationsich zu äußern brauchte. Nun ist überhaupt die gesungene Leidenschaft in der Zeitdauer um etwas länger,als die gesprochene; die Musik streckt gleichsam dieEmpfindung aus: daraus folgt im allgemeinen, dassder darstellende Künstler, welcher zugleich Sänger ist,die allzu große unplastische Aufgeregtheit der Bewegung, an welcher das aufgeführte Wortdrama leidet,überwinden muss. Er sieht sich zu einer Veredelungder Gebärde hingezogen, um so mehr, als die Musikseine Empfindung in das Bad eines reineren Ätherseingetaucht und dadurch unwillkürlich der Schönheitnäher gebracht hat.

Die außerordentlichen Aufgaben, welche Wagnerden Schauspielern und Sängern gestellt hat, werdenauf ganze Menschenalter hin einen Wetteifer unterihnen entzünden, um endlich das Bild jedes Wagnerschen Helden in der leiblichsten Sichtbarkeit und Vollendung zur Darstellung zu bringen: so wie diese vollendete Leiblichkeit in der Musik des Dramas schonvorgebildet liegt. Diesem Führer folgend, wird zuletztdas Auge des plastischen Künstlers die Wunder einerneuen Schauwelt sehen, welche vor ihm allein derSchöpfer solcher Werke, wie der Ring des Nibelungenist, zum ersten Mal erblickt hat: als ein Bildnerhöchster Art, welcher wie Äschylus einer kommendenKunst den Weg zeigt. Müssen nicht schon durch dieEifersucht große Begabungen geweckt werden, wenndie Kunst des Plastikers ihre Wirkung mit der einerMusik vergleicht, wie die Wagnersche ist: in welcheres reinstes, sonnenhellstes Glück gibt; so dass dem,welcher sie hört, zumute wird, als ob fast alle frühereMusik eine veräußerlichte, befangene, unfreie Sprachegeredet hätte, als ob man mit ihr bisher hätte ein Spielspielen wollen, vor solchen, welche des Ernstes nichtwürdig waren, oder als ob mit ihr gelehrt und demonstriert werden sollte, vor solchen, welche nicht einmaldes Spieles würdig sind. Durch diese frühere Musikdringt nur auf kurze Stunden jenes Glück in uns ein,welches wir immer bei Wagnerscher Musik empfinden:es scheinen seltene Augenblicke der Vergessenheit,welche sie gleichsam überfallen, wo sie mit sich alleinredet und den Blick aufwärts richtet, wie Rafaels Cäcilia, weg von den Hörern, welche Zerstreuung, Lustbarkeit oder Gelehrsamkeit von ihr fordern.

Von Wagner, dem Musiker, wäre im allgemeinenzu sagen, dass er allem in der Natur, was bis jetztnicht reden wollte, eine Sprache gegeben hat: er glaubtnicht daran, dass es etwas Stummes geben müsse. Ertaucht auch in Morgenröte, Wald, Nebel, Kluft, Bergeshöhe, Nachtschauer, Mondesglanz hinein und merktihnen ein heimliches Begehren ab: sie wollen auchtönen. Wenn der Philosoph sagt, es ist ein Wille,der in der belebten und unbelebten Natur nach Daseindürstet, so fügt der Musiker hinzu: und dieser Willewill, auf allen Stufen, ein tönendes Dasein.

Die Musik hatte vor Wagner im ganzen engeGrenzen; sie bezog sich auf bleibende Zustände desMenschen, auf das, was die Griechen Ethos nennen,und hatte mit Beethoven eben erst begonnen, die Sprachedes Pathos, des leidenschaftlichen Wollens, der dramatischen Vorgänge im Innern des Menschen, zu finden.Ehedem sollte eine Stimmung, ein gefasster oder heiterer oder andächtiger oder bußfertiger Zustand sichdurch Töne zu erkennen geben, man wollte durch einegewisse auffallende Gleichartigkeit der Form und durchdie längere Andauer dieser Gleichartigkeit den Zuhörerzur Deutung dieser Musik nötigen und endlich in diegleiche Stimmung versetzen. Allen solchen Bildernvon Stimmungen und Zuständen waren einzelne Formennotwendig; andere wurden durch Konvention in ihnenüblich. Über die Länge entschied die Vorsicht desMusikers, welcher den Zuhörer wohl in eine Stimmungbringen, aber nicht durch allzu lange Andauer derselbenlangweilen wollte. Man ging einen Schritt weiter, alsman die Bilder entgegengesetzter Stimmungen nacheinander entwarf und den Reiz des Kontrastes entdeckte,und noch einen Schritt, als dasselbe Tonstück in sicheinen Gegensatz des Ethos, zum Beispiel durch dasWiderstreben eines männlichen und eines weiblichenThemas, aufnahm. Dies alles sind noch rohe und uranfängliche Stufen der Musik. Die Furcht vor derLeidenschaft gibt die einen, die vor der Langeweiledie anderen Gesetze; alle Vertiefungen und Ausschreitungen des Gefühls wurden als „unethisch” empfunden.Nachdem aber die Kunst des Ethos dieselben gewöhnlichen Zustände und Stimmungen in hundertfacherWiederholung dargestellt hatte, geriet sie, trotz derwunderbarsten Erfindsamkeit ihrer Meister, endlich inErschöpfung. Beethoven zuerst ließ die Musik eineneue Sprache, die bisher verbotene Sprache der Leidenschaft, reden: weil aber seine Kunst aus den Gesetzenund Konventionen der Kunst des Ethos herauswachsenund versuchen musste, sich gleichsam vor jener zu rechtfertigen, so hatte sein künstlerisches Werden eine eigentümliche Schwierigkeit und Undeutlichkeit an sich. Eininnerer, dramatischer Vorgang — denn jede Leidenschafthat einen dramatischen Verlauf — wollte sich zu einerneuen Form hindurchringen, aber das überlieferte Schemader Stimmungsmusik widersetzte sich und redete beinahmit der Miene der Moralität wider ein Aufkommen derUnmoralität. Es scheint mitunter so, als ob Beethovensich die widerspruchsvolle Aufgabe gestellt habe, dasPathos mit den Mitteln des Ethos sich aussprechen zulassen. Für die größten und spätesten Werke Beethovens reicht aber die Vorstellung nicht aus. Um dengroßen geschwungenen Bogen einer Leidenschaft wiederzugeben, fand er wirklich ein neues Mittel: er nahmeinzelne Punkte ihrer Flugbahn heraus und deutete siemit der größten Bestimmtheit an, um aus ihnen danndie ganze Linie durch den Zuhörer erraten zu lassen.Äußerlich betrachtet, nahm sich die neue Form aus,wie die Zusammenstellung mehrerer Tonstücke, vondenen jedes einzelne scheinbar einen beharrenden Zustand, in Wahrheit aber einen Augenblick im dramatischen Verlauf der Leidenschaft darstellte. Der Zuhörerkonnte meinen, die alte Musik der Stimmung zu hören,nur dass das Verhältniss der einzelnen Teile zueinander ihm unfasslich geworden war und sich nichtmehr nach dem Kanon des Gegensatzes deuten ließ.Selbst bei Musikern stellte sich eine Geringschätzunggegen die Forderung eines künstlerischen Gesamtbaues ein; die Folge der Teile in ihren Werken wurdewillkürlich. Die Erfindung der großen Form der Leidenschaft führte durch ein Missverständnis auf denEinzelsatz mit beliebigem Inhalte zurück, und dieSpannung der Teile gegeneinander hörte ganz auf.Deshalb ist die Symphonie nach Beethoven ein sowunderlich undeutliches Gebilde, namentlich wenn sieim einzelnen noch die Sprache des BeethovenschenPathos stammelt. Die Mittel passen nicht zur Absichtund die Absicht im ganzen wird dem Zuhörer überhaupt nicht klar, weil sie auch im Kopfe des Urhebersniemals klar gewesen ist. Gerade aber die Forderung,dass man etwas ganz Bestimmtes zu sagen habe unddass man es auf das Deutlichste sage, wird um so unerlässlicher, je höher, schwieriger und anspruchsvollereine Gattung ist.

Deshalb war Wagners ganzes Ringen darauf aus,alle Mittel zu finden, welche der Deutlichkeit dienen; vor allem hatte er dazu nötig, sich von allenBefangenheiten und Ansprüchen der älteren Musik derZustände loszubinden und seiner Musik, dem tönendenProzesse des Gefühls und der Leidenschaft, eine gänzlich unzweideutige Rede in den Mund zu legen. Schauenwir auf das hin, was er erreicht hat, so ist uns, als ober im Bereiche der Musik das Gleiche getan habe,was im Bereiche der Plastik der Erfinder der Freigruppetat. Alle frühere Musik scheint, an der Wagnerschengemessen, steif oder ängstlich, als ob man sie nichtvon allen Seiten ansehen dürfe und sie sich schäme.Wagner ergreift jeden Grad und jede Farbe des Gefühls mit der größten Festigkeit und Bestimmtheit; ernimmt die zarteste, entlegenste und wildeste Regung,ohne Angst sie zu verlieren, in die Hand, und hält siewie etwas Hart-- und Festgewordenes, wenn auch jedermann sonst in ihr einen unangreifbaren Schmetterlingsehen sollte. Seine Musik ist niemals unbestimmt,stimmungshaft; alles, was durch sie redet, Mensch oderNatur, hat eine streng individualisierte Leidenschaft;Sturm und Feuer nehmen bei ihm die zwingende Gewalt eines persönlichen Willens an. Über allen dentönenden Individuen und dem Kampfe ihrer Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen,schwebt, mit höchster Besonnenheit, ein übermächtigersymphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege fortwährend die Eintracht gebiert: Wagners Musik alsGanzes ist ein Abbild der Welt, sowie diese von demgroßen ephesischen Philosophen verstanden wurde, alseine Harmonie, welche der Streit aus sich zeugt, alsdie Einheit von Gerechtigkeit und Feindschaft. Ichbewundere die Möglichkeit, aus einer Mehrzahl vonLeidenschaften, welche nach verschiedenen Richtungenhin laufen, die große Linie einer Gesamtleidenschaftzu berechnen: dass so etwas möglich ist, sehe ich durchjeden einzelnen Akt eines Wagnerschen Dramas bewiesen, welcher nebeneinander die Einzelgeschichteverschiedener Individuen und eine Gesamtgeschichtealler erzählt. Wir spüren es schon zu Anfang, dasswir widerstrebende einzelne Strömungen, aber auchüber alle mächtig, einen Strom mit einer gewaltigenRichtung vor uns haben: dieser Strom bewegt sichzuerst unruhig, über verborgene Felsenzacken hinweg,die Flut scheint mitunter auseinander zu reißen, nachverschiedenen Richtungen hin zu wollen. Allmählichbemerken wir, dass die innere Gesamtbewegung gewaltiger, fortreißender geworden ist; die zuckendeUnruhe ist in die Ruhe der breiten furchtbaren Bewegungnach einem noch unbekannten Ziele übergegangen; undplötzlich, am Schluss, stürzt der Strom hinunter in dieTiefe, in seiner ganzen Breite, mit einer dämonischenLust an Abgrund und Brandung. Nie ist Wagner mehrWagner, als wenn die Schwierigkeiten sich verzehnfachen und er in ganz großen Verhältnissen mit derLust des Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen Rhythmen bändigen,durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von Ansprüchen und Begehrungen, einen Willen durchführen —das sind die Aufgaben, zu welchen er sich geboren,in welchen er seine Freiheit fühlt. Nie verliert er dabei den Atem, nie kommt er keuchend an sein Ziel.Er hat ebenso unablässig darnach gestrebt, sich dieschwersten Gesetze aufzuerlegen, als andere nach Erleichterung ihrer Last trachten; das Leben und dieKunst drücken ihn, wenn er nicht mit ihren schwierigsten Problemen spielen kann. Man erwäge nur einmaldas Verhältnis der gesungenen Melodie zur Melodieder ungesungenen Rede — wie er die Höhe, die Stärkeund das Zeitmaß des leidenschaftlich sprechendenMenschen als Naturvorbild behandelt, das er in Kunstumzuwandeln hat: — man erwäge dann wiederum dieEinordnung einer solchen singenden Leidenschaft in denganzen symphonischen Zusammenhang der Musik, um einWunderding von überwundenen Schwierigkeiten kennenzu lernen; seine Erfindsamkeit hierbei, im kleinen undgroßen, die Allgegenwart seines Geistes und seinesFleißes ist der Art, dass man beim Anblick einerWagnerschen Partitur glauben möchte, es habe vorihm gar keine rechte Arbeit und Anstrengung gegeben.Es scheint, dass er auch in Bezug auf die Mühsal derKunst hätte sagen können, die eigentliche Tugend desDramatikers bestehe in der Selbstentäußerung, aberer würde wahrscheinlich entgegnen: es gibt nur eineMühsal, die des noch nicht Freigewordenen; die Tugendund das Gute sind leicht.

Als Künstler im ganzen betrachtet, so hat Wagner,um an einen bekannteren Typus zu erinnern, etwasvon Demosthenes an sich: den furchtbaren Ernst umdie Sache und die Gewalt des Griffs, so dass er jedesmal die Sache fasst; er schlägt seine Hand darum, imAugenblick, und sie hält fest, als ob sie aus Erz wäre.Er verbirgt wie jener seine Kunst oder macht sie vergessen, indem er zwingt, an die Sache zu denken; unddoch ist er, gleich Demosthenes, die letzte und höchsteErscheinung hinter einer ganzen Reihe von gewaltigenKunstgeistern, und hat folglich mehr zu verbergen,als die ersten der Reihe; seine Kunst wirkt als Natur,als hergestellte, wiedergefundene Natur. Er trägt nichtsEpideiktisches an sich, was alle früheren Musiker haben,welche gelegentlich mit ihrer Kunst auch ein Spieltreiben und ihre Meisterschaft zur Schau stellen. Mandenkt bei dem Wagnerschen Kunstwerke weder andas Interessante, noch das Ergötzliche, noch an Wagnerselbst, noch an die Kunst überhaupt: man fühlt alleindas Notwendige. Welche Strenge und Gleichmäßigkeit des Willens, welche Selbstüberwindung derKünstler in der Zeit seines Werdens nötig hatte, umzuletzt, in der Reife, mit freudiger Freiheit in jedemAugenblick des Schaffens das Notwendige zu tun,das wird ihm niemals jemand nachrechnen können:genug, wenn wir es an einzelnen Fällen spüren, wieseine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit desEntschlusses dem Gange des Dramas, der wie dasSchicksal unerbittlich ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt, einmal ohne alleZügel in der Freiheit und Wildnis umherzuschweifen.

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Ein Künstler, welcher diese Gewalt über sich hat,unterwirft sich, selbst ohne es zu wollen, alle anderenKünstler. Ihm allein wiederum werden die Unterworfenen, seine Freunde und Anhänger nicht zur Gefahr,zur Schranke: während die geringeren Charaktere, weilsie sich auf die Freunde zu stützen suchen, durch sieihre Freiheit einzubüßen pflegen. Es ist höchst wunderbar anzusehen, wie Wagner sein Leben lang jederGestaltung von Parteien ausgewichen ist, wie sichaber hinter jeder Phase seiner Kunst ein Kreis vonAnhängern zusammenschloss, scheinbar, um ihn nunauf dieser Phase festzuhalten. Er ging immer mittendurch sie hindurch und ließ sich nicht binden; seinWeg ist überdies zu lang gewesen, als dass ein einzelner so leicht ihn von Anfang an hätte mitgehenkönnen: und so ungewöhnlich und steil, dass auch demTreuesten wohl einmal der Atem ausging. Fastzu allen Lebenszeiten Wagners hätten ihn seine Freundegern dogmatisieren mögen; und ebenfalls, obwohl ausanderen Gründen, seine Feinde. Wäre die Reinheitseines künstlerischen Charakters nur um einen Gradweniger entschieden gewesen, so hätte er viel zeitigerzum entscheidenden Herrn, der gegenwärtigen Kunst-- und Musikzustände werden können: — was er jetztendlich auch geworden ist, aber in dem viel höherenSinne, dass alles, was auf irgendeinem Gebiete derKunst vorgeht, sich unwillkürlich vor den Richterstuhlseiner Kunst und seines künstlerischen Charakters gestellt sieht. Er hat sich die Widerwilligsten unterjocht:es gibt keinen begabten Musiker mehr, welcher nichtinnerlich auf ihn hörte und ihn hörenswerter, als sichund die übrige Musik zusammen, fände. Manche, welchedurchaus etwas bedeuten wollen, ringen geradezu mitdiesem sie überwältigenden inneren Reize, bannen sichmit ängstlicher Beflissenheit in den Kreis der älterenMeister und wollen lieber ihre „Selbstständigkeit” anSchubert oder Händel anlehnen, als an Wagner. Umsonst! Indem sie gegen ihr besseres Gewissen kämpfen,werden sie als Künstler selber geringer und kleinlicher;sie verderben ihren Charakter dadurch, dass sie schlechteBundesgenossen und Freunde dulden müssen: und nachallen diesen Aufopferungen begegnet es ihnen doch,vielleicht in einem Traume, dass ihr Ohr nach Wagnerhinhorcht. Diese Gegner sind bedauernswürdig: sieglauben viel zu verlieren, wenn sie sich verlieren undirren sich dabei.

Nun liegt ersichtlich Wagner nicht viel daran, obdie Musiker von jetzt ab wagnerisch komponieren undob sie überhaupt komponieren; ja er tut, was er kann,um jenen unseligen Glauben zu zerstören, dass sichnun wieder an ihn eine Schule von Komponisten anschließen müsse. So weit er unmittelbaren Einflussauf Musiker hat, sucht er sie über die Kunst des großenVortrags zu belehren; es scheint ihm ein Zeitpunktin der Entwicklung der Kunst gekommen, in welchemder gute Wille, ein tüchtiger Meister der Darstellungund Ausübung zu werden, viel schätzenswerter ist,als das Gelüst, um jeden Preis selber zu „schaffen.”Denn dieses Schaffen, auf der jetzt erreichten Stufe derKunst, hat die verhängnisvolle Folge, das wahrhaftgroße in seinen Wirkungen zu verflachen, dadurch,dass man es, so gut es geht, vervielfältigt und dieMittel und Kunstgriffe des Genies durch alltäglichenGebrauch abnützt. Selbst das Gute in der Kunst istüberflüssig und schädlich, wenn es aus der Nachahmungdes Besten entstand. Die Wagnerschen Zwecke undMittel gehören zusammen: es braucht nichts weiterdazu, als künstlerische Ehrlichkeit, dies zu fühlen, undes ist Unehrlichkeit, die Mittel ihm abzumerken undzu ganz anderen, kleineren Zwecken zu verwenden.

Wenn also Wagner es ablehnt, in einer Schar vonwagnerisch komponierenden Musikern fortzuleben, sostellt er um so eindringlicher allen Begabungen dieneue Aufgabe, mit ihm zusammen die Gesetze des Stilsfür den dramatischen Vortrag zu finden. Das tiefsteBedürfnis treibt ihn, für seine Kunst die Traditioneines Stils zu begründen, durch welche sein Werk,in reiner Gestalt, von einer Zeit zur anderen fortlebenkönne, bis es jene Zukunft erreicht, für welche es vonseinem Schöpfer vorausbestimmt war.

Wagner besitzt einen unersättlichen Trieb, alles,was sich auf jene Begründung des Stils und, solchermaßen, auf die Fortdauer seiner Kunst bezieht, mitzuteilen. Sein Werk, um mit Schopenhauer zu reden,als ein heiliges Depositum und die wahre Frucht seinesDaseins, zum Eigentum der Menschheit zu machen,es niederlegend für eine besser urteilende Nachwelt,dies wurde ihm zum Zweck, der allen anderenZwecken vorgeht, und für den er die Dornenkroneträgt, welche einst zum Lorbeerkranze ausschlagen soll:auf die Sicherstellung seines Werkes konzentrierte seinStreben sich eben so entschieden, wie das des Insekts,in seiner letzten Gestalt, auf die Sicherstellung seinerEier und Vorsorge für die Brut, deren Dasein es nieerlebt: es deponiert die Eier da, wo sie, wie es sicherweiß, einst Leben und Nahrung finden werden, undstirbt getrost.

Dieser Zweck, der allen anderen Zwecken vorgeht,treibt ihn zu immer neuen Erfindungen; er schöpft derenaus dem Borne seiner dämonischen Mitteilbarkeit immermehr, je deutlicher er sich im Ringen mit dem abgeneigtesten Zeitalter fühlt, das zum Hören den schlechtesten Willen mitgebracht hat. Allmählich aber beginntselbst dieses Zeitalter seinen unermüdlichen Versuchen,seinem biegsamen Andringen nachzugeben und dasOhr hinzuhalten. Wo eine kleine oder bedeutendeGelegenheit sich von Ferne zeigte, seine Gedanken durchein Beispiel zu erklären, war Wagner dazu bereit: erdachte seine Gedanken in die jedesmaligen Umständehinein und brachte sie aus der dürftigsten Verkörperungheraus noch zum Reden. Wo eine halbwegs empfängliche Seele sich ihm auftat, warf er seinen Samenhinein. Er knüpft dort Hoffnungen an, wo der kalteBeobachter mit den Achseln zuckt; er täuscht sichhundertfach, um einmal gegen diesen Beobachter Rechtzu behalten. Wie der Weise im Grunde mit lebendenMenschen nur so weit verkehrt, als er durch sie denSchatz seiner Erkenntniss zu mehren weiß, soscheint es fast, als ob der Künstler keinen Verkehrmehr mit den Menschen seiner Zeit haben könne, durchwelchen er nicht die Verewigung seiner Kunst fördert:man liebt ihn nicht anders, als wenn man diese Verewigung liebt und ebenso empfindet er nur eine Artdes gegen ihn gerichteten Hasses, den Hass nämlich,welcher die Brücken zu jener Zukunft seiner Kunstihm abbrechen will. Die Schüler, welche Wagner sicherzog, die einzelnen Musiker und Schauspieler, denener ein Wort sagte, eine Gebärde vormachte, die kleinenund großen Orchester, die er führte, die Städte, welcheihn im Ernste seiner Tätigkeit sahen, die Fürsten undFrauen, welche halb mit Scheu, halb mit Liebe anseinen Plänen Teil nahmen, die verschiedenen europäischen Länder, denen er zeitweilig als der Richterund das böse Gewissen ihrer Künste angehörte: alleswurde allmählich zum Echo seines Gedankens, seinesunersättlichen Strebens nach einer zukünftigen Fruchtbarkeit; kam dieses Echo auch oft entstellt und verwirrt zu ihm zurück, so muss doch zuletzt der Übermacht des gewaltigen Tones, welchen er hundertfältigin die Welt hineinrief, auch ein übermächtiger Nachklang entsprechen; und es wird bald nicht mehr möglich sein, ihn nicht zu hören, ihn falsch zu verstehen.Dieser Nachklang ist es schon jetzt, welcher die Kunststätten der modernen Menschen erzittern macht; jedesmal, wenn der Hauch seines Geistes in diese Gärtenhineinblies, bewegte sich alles, was darin windfälligund wipfeldürr war; und in noch beredterer Weise, alsdieses Erzittern, spricht ein überall auftauchender Zweifel: niemand weiß mehr zu sagen, wo nur immer nochdie Wirkung Wagners unvermutet herausbrechenwerde. Er ist ganz und gar außerstande, das Heilder Kunst losgetrennt von irgendwelchem anderenHeil und Unheil zu betrachten: wo nur immer dermoderne Geist Gefahren in sich birgt, da spürt er mitdem Auge des spähendsten Misstrauens auch die Gefahr der Kunst. Er nimmt in seiner Vorstellung dasGebäude unserer Zivilisation auseinander und lässtsich nichts Morsches, nichts leichtfertig Gezimmertesentgehen: wenn er dabei auf wetterfeste Mauern undüberhaupt auf dauerhaftere Fundamente stößt, so sinnter sofort auf ein Mittel, daraus für seine Kunst Bollwerke und schützende Dächer zu gewinnen. Er lebtwie ein Flüchtling, der nicht sich, sondern ein Geheimnis zu bewahren trachtet; wie ein unglückliches Weib,welches das Leben des Kindes, das sie im Schoßeträgt, nicht ihr eigenes retten will: er lebt wie Sieglinde,,um der Liebe willen.”

Denn freilich ist es ein Leben voll mannigfacherQual und Scham, in einer Welt unstet und unheimischzu sein und doch zu ihr reden, von ihr fordern zumüssen, sie verachten und doch die Verachtete nichtentbehren zu können, — es ist die eigentliche Not desKünstlers der Zukunft; als welcher nicht, gleich demPhilosophen, in einem dunklen Winkel für sich derErkenntnis nachjagen kann: denn er braucht menschliche Seelen als Vermittler an die Zukunft, öffentlicheEinrichtungen als Gewährleistung dieser Zukunft, alsBrücken zwischen jetzt und einstmals. Seine Kunst istauf dem Kahne der schriftlichen Aufzeichnung nichteinzuschiffen, wie dies der Philosoph vermag: dieKunst will Könnende als Überlieferer, nicht Buchstaben und Noten. Über ganze Strecken im LebenWagners hinweg klingt der Ton der Angst, diesenKönnenden nicht mehr nahe zu kommen und an Stelledes Beispiels, das er ihnen zu geben hat, gewaltsamauf die schriftliche Andeutung sich eingeschränkt zusehen, und anstatt die Tat vorzutun, den blässestenSchimmer der Tat solchen zu zeigen, welche Bücherlesen, das heißt im ganzen so viel als: welche keineKünstler sind.

Wagner als Schriftsteller zeigt den Zwangeines tapferen Menschen, dem man die rechte Handzerschlagen hat und der mit der linken ficht: er istimmer ein Leidender, wenn er schreibt, weil er derrechten Mitteilung auf seine Weise, in Gestalt einesleuchtenden und siegreichen Beispiels, durch eine zeitweilig unüberwindliche Notwendigkeit beraubt ist.Seine Schriften haben gar nichts Kanonisches, Strenges:sondern der Kanon liegt in den Werken. Es sindVersuche, den Instinkt zu begreifen, welcher ihn zuseinen Werken trieb und gleichsam sich selber insAuge zu sehen; hat er es erst erreicht, seinen Instinktin Erkenntnis umzuwandeln, so hofft er, dass in denSeelen seiner Leser der umgekehrte Prozess sich einstellen werde: mit dieser Aussicht schreibt er. Wennsich vielleicht ergeben sollte, dass hierbei irgend etwasUnmögliches versucht worden ist, so hätte Wagnerdoch nur dasselbe Schicksal mit allen denen gemein,welche über die Kunst nachdachten; und vor denmeisten von ihnen hat er voraus, dass in ihm der gewaltigste Gesamtinstinkt der Kunst Herberge genommenhat. Ich kenne keine ästhetischen Schriften, welche soviel Licht brächten, wie die Wagnerschen; was überdie Geburt des Kunstwerkes überhaupt zu erfahren ist,das ist aus ihnen zu erfahren. Es ist einer der ganzgroßen, der hier als Zeuge auftritt und sein Zeugnisdurch eine lange Reihe von Jahren immer mehr verbessert, befreit, verdeutlicht und aus dem Unbestimmtenheraushebt; auch wenn er, als Erkennender, stolpert,schlägt er Feuer heraus. Gewisse Schriften, wie „Beethoven”, „über das Dirigieren”, „über Schauspieler undSänger”, „Staat und Religion”, machen jedes Gelüstzum Widersprechen verstummen und erzwingen sichein stilles innerliches, andächtiges Zuschauen, wie essich beim Auftun kostbarer Schreine geziemt. Andere,namentlich die aus der früheren Zeit, „Oper und Drama”mit eingerechnet, regen auf, machen Unruhe: es ist eineUngleichmäßigkeit des Rhythmus in ihnen, wodurchsie, als Prosa, in Verwirrung setzen. Die Dialektik inihnen ist vielfältig gebrochen, der Gang durch Sprüngedes Gefühls mehr gehemmt, als beschleunigt; eine Artvon Widerwilligkeit des Schreibenden liegt wie einSchatten auf ihnen, gleich als ob der Künstler desbegrifflichen Demonstrierens sich schämte. Am meistenbeschwert vielleicht den nicht ganz Vertrauten einAusdruck von autoritativer Würde, welcher ganz ihmeigen und schwer zu beschreiben ist: mir kommt esso vor, als ob Wagner häufig wie vor Feindenspreche — denn alle diese Schriften sind im Sprechstil, nicht im Schreibstil geschrieben, und man wirdsie viel deutlicher finden, wenn man sie gut vorgetragenhört — vor Feinden, mit denen er keine Vertraulichkeithaben mag, weshalb er sich abhaltend, zurückhaltendzeigt. Nun bricht nicht selten die fortreißende Leidenschaft seines Gefühls durch diesen absichtlichen Faltenwurf hindurch; dann verschwindet die künstliche, schwereund mit Nebenworten reich geschwellte Periode, undes entschlüpfen ihm Sätze und ganze Seiten, welchezu dem Schönsten gehören, was die deutsche Prosahat. Aber selbst angenommen, dass er in solchenTeilen seiner Schriften zu Freunden redet und dasGespenst seines Gegners dabei nicht mehr neben seinemStuhle steht: alle die Freunde und Feinde, mit welchenWagner als Schriftsteller sich einlässt, haben etwasGemeinsames, was sie gründlich von jenem Volke abtrennt, für welches er als Künstler schafft. Sie sindin der Verfeinerung und Unfruchtbarkeit ihrer Bildungdurchaus unvolkstümlich und der, welcher vonihnen verstanden werden will, muss unvolkstümlichreden: so wie dies unsere besten Prosa-Schriftstellergetan haben, so wie es auch Wagner tut. Mit welchem Zwange, das lässt sich erraten. Aber die Gewalt jenes vorsorglichen, gleichsam mütterlichen Triebes,welchem er jedes Opfer bringt, zieht ihn selber in denDunstkreis der Gelehrten und Gebildeten zurück, demer als Schaffender auf immer Lebewohl gesagt hat.Er unterwirft sich der Sprache der Bildung und allenGesetzen ihrer Mitteilung, ob er schon der erste gewesen ist, welcher das tiefe Ungenügen dieser Mitteilung empfunden hat.

Denn, wenn irgend etwas seine Kunst gegen alleKunst der neueren Zeiten abhebt, so ist es dies: sieredet nicht mehr die Sprache der Bildung einer Kaste,und kennt überhaupt den Gegensatz von Gebildetenund Ungebildeten nicht mehr. Damit stellt sie sich inGegensatz zu aller Kultur der Renaissance, welche bisher uns neuere Menschen in ihr Licht und ihren Schatten eingehüllt hatte. Indem die Kunst Wagners unsauf Augenblicke aus ihr hinausträgt, vermögen wirihren gleichartigen Charakter überhaupt erst zu überschauen: da erscheinen uns Goethe und Leopardi als,die letzten großen Nachzügler der italienischen Philologen-Poeten, der Faust als die Darstellung des unvolkstümlichsten Rätsels, welches sich die neueren Zeiten,in der Gestalt des nach Leben dürstenden theoretischenMenschen, aufgegeben haben; selbst das Goethische Liedist dem Volksliede nachgesungen, nicht vorgesungen,und sein Dichter wusste, weshalb er mit so vielemErnste einem Anhänger den Gedanken ans Herz legte:,,meine Sachen können nicht populär werden; wer darandenkt und dafür strebt, ist im Irrtum.”

Dass es überhaupt eine Kunst geben könne, sosonnenhaft hell und warm, um ebenso die Niedrigenund Armen am Geiste mit ihrem Strahle zu erleuchten,als den Hochmut der Wissenden zu schmelzen: Dasmusste erfahren werden und war nicht zu erraten.Aber im Geiste eines jeden, der es jetzt erfährt, musses alle Begriffe über Erziehung und Kultur umwenden;ihm wird der Vorhang vor einer Zukunft aufgezogenscheinen, in welcher es keine höchsten Güter und Beglückungen mehr gibt, die nicht den Herzen allergemein sind. Der Schimpf, welcher bisher dem Worte,,gemein” anklebte, wird dann von ihm hinweggenommen sein.

Wenn sich solchermaßen die Ahnung in die Fernewagt, wird die bewusste Einsicht die unheimliche sozialeUnsicherheit unserer Gegenwart ins Auge fassen undsich die Gefährdung einer Kunst nicht verbergen, welchegar keine Wurzeln zu haben scheint, wenn nicht in jenerFerne und Zukunft und die ihre blühenden Zweige unseher zu Gesicht kommen lässt, als das Fundament, ausdem sie hervorwächst. Wie retten wir diese heimatlose Kunst hindurch bis zu jener Zukunft, wie dämmenwir die Flut der überall unvermeidlich scheinendenRevolution so ein, dass mit dem Vielen, was demUntergange geweiht ist und ihn verdient, nicht auch diebeseligende Antizipation und Bürgschaft einer besserenZukunft, einer freieren Menschheit weggeschwemmt wird?

Wer so sich fragt und sorgt, hat an WagnersSorge Anteil genommen; er wird mit ihm sich getrieben fühlen, nach jenen bestehenden Mächten zu suchen,welche den guten Willen haben, in den Zeiten derErdbeben und Umstürze die Schutzgeister der edelstenBesitztümer der Menschheit zu sein. Einzig in diesemSinne fragt Wagner durch seine Schriften bei denGebildeten an, ob sie sein Vermächtnis, den kostbarenRing seiner Kunst mit in ihren Schatzhäusern bergenwollen; und selbst das großartige Vertrauen, welchesWagner dem deutschen Geiste auch in seinen politischen Zielen geschenkt hat, scheint mir darin seinenUrsprung zu haben, dass er dem Volke der Reformationjene Kraft, Milde und Tapferkeit zutraut, welche nötigist, um „das Meer der Revolution in das Bette des ruhigfließenden Stromes der Menschheit einzudämmen”: undfast möchte ich meinen, dass er dies und nichts anderesdurch die Symbolik seines Kaisermarsches ausdrückenwollte.

Im allgemeinen ist aber der hilfreiche Drang desschaffenden Künstlers zu groß, der Horizont seinerMenschenliebe zu umfänglich, als dass sein Blick anden Umzäunungen des nationalen Wesens hängen bleiben sollte. Seine Gedanken sind wie die jedes gutenund großen Deutschen überdeutsch und die Spracheseiner Kunst redet nicht zu Völkern, sondern zu Menschen.

Aber zu Menschen der Zukunft.

Das ist der ihm eigentümliche Glaube, seine Qualund seine Auszeichnung. Kein Künstler irgendwelcherVergangenheit hat eine so merkwürdige Mitgift vonseinem Genius erhalten, niemand hat außer ihm diesenTropfen herbster Bitterkeit mit jedem nektarischenTranke, welchen die Begeisterung ihm reichte, trinkenmüssen. Es ist nicht, wie man glauben möchte, derverkannte, der gemisshandelte, der in seiner Zeit gleichsam flüchtige Künstler, welcher sich diesen Glauben,zur Notwehr, gewann: Erfolg und Misserfolg bei denZeitgenossen konnten ihn nicht aufheben und nichtbegründen. Er gehört nicht zu diesem Geschlecht, mages ihn preisen oder verwerfen: — das ist das Urteilseines Instinktes; und ob je ein Geschlecht zu ihm gehören werde, das kann dem, welcher daran nicht glauben mag, auch nicht bewiesen werden. Aber wohlkann auch dieser Ungläubige die Frage stellen, welcherArt ein Geschlecht sein müsse, in dem Wagner sein,,Volk” wiedererkennen würde, als den Inbegriff allerderjenigen, welche eine gemeinsame Not empfindenund sich von ihr durch eine gemeinsame Kunst erlösenwollen. Schiller freilich ist gläubiger und hoffnungsvoller gewesen: er hat nicht gefragt, wie wohl eineZukunft aussehen werde, wenn der Instinkt des Künstlers, der von ihr wahrsagt, Recht behalten sollte, vielmehr von den Künstlern gefordert:

Erhebet euch mit kühnem Flügel

hoch über euren Zeitenlauf!

Fern dämmre schon in eurem Spiegel

das kommende Jahrhundert auf!

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Die gute Vernunft bewahre uns vor dem Glauben,dass die Menschheit irgendwann einmal endgültigeideale Ordnungen finden werde und dass dann dasGlück mit immer gleichem Strahle, gleich der Sonneder Tropenländer, auf die solchermaßen Geordnetenniederbrennen müsse: mit einem solchen Glauben hatWagner nichts zu tun, er ist kein Utopist. Wenn erdes Glaubens an die Zukunft nicht entraten kann, soheißt dies gerade nur so viel, dass er an den jetzigenMenschen Eigenschaften wahrnimmt, welche nicht zumunveränderlichen Charakter und Knochenbau des menschlichen Wesens gehören, sondern wandelbar, ja vergänglich sind, und dass gerade dieser Eigenschaftenwegen die Kunst unter ihnen ohne Heimat und erselber der vorausgesendete Bote einer anderen Zeitsein müsse. Kein goldenes Zeitalter, kein unbewölkterHimmel ist diesen kommenden Geschlechtern beschieden,auf welche ihn sein Instinkt anweist und deren ungefähre Züge aus der Geheimschrift seiner Kunst so weitzu erraten sind, als es möglich ist, von der Art derBefriedigung auf die Art der Not zu schließen. Auchdie übermenschliche Güte und Gerechtigkeit wird nichtwie ein unbeweglicher Regenbogen über das Gefildedieser Zukunft gespannt sein. Vielleicht wird jenesGeschlecht im ganzen sogar böser erscheinen, als dasjetzige, — denn es wird, im Schlimmen wie im Guten,offener sein; ja es wäre möglich, dass seine Seele,wenn sie einmal in vollem, freiem Klange sich ausspräche, unsere Seelen in ähnlicher Weise erschütternund erschrecken würde, wie wenn die Stimme irgendeinesbisher versteckten bösen Naturgeistes laut gewordenwäre. Oder wie klingen diese Sätze an unser Ohr:dass die Leidenschaft besser ist, als der Stoizismusund die Heuchelei, dass Ehrlich-sein, selbst im Bösen,besser ist, als sich selber an die Sittlichkeit des Herkommens verlieren, dass der freie Mensch sowohl gut,als böse sein kann, dass aber der unfreie Mensch eineSchande der Natur ist, und an keinem himmlischen,noch irdischen Troste Anteil hat; endlich, dass jeder,der frei werden will, es durch sich selber werden muss,und dass niemandem die Freiheit als ein Wundergeschenkin den Schoß fällt. Wie schrill und unheimlich diesauch klingen möge: es sind Töne aus jener zukünftigenWelt, welche der Kunst wahrhaft bedürftig ist undvon ihr auch wahrhafte Befriedigungen erwarten kann;es ist die Sprache der auch im Menschlichen wiederhergestellten Natur, es ist genau das, was ich früherrichtige Empfindung im Gegensatz zu der jetzt herrschenden unrichtigen Empfindung nannte.

Nun aber gibt es allein für die Natur, nicht fürdie Unnatur und die unrichtige Empfindung, wahreBefriedigungen und Erlösungen. Der Unnatur, wennsie einmal zum Bewusstsein über sich gekommen ist,bleibt nur die Sehnsucht ins Nichts übrig, die Naturdagegen begehrt nach Verwandelung durch Liebe: jenewill nicht sein, diese will anders sein. Wer diesbegriffen hat, führe sich jetzt in aller Stille der Seeledie schlichten Motive der Wagnerschen Kunst vorüber,um sich zu fragen, ob mit ihnen die Natur oder dieUnnatur ihre Ziele, wie diese eben bezeichnet wurden,verfolgt.

Der Unstete, Verzweifelte findet durch die erbarmende Liebe eines Weibes, das lieber sterben, als ihmuntreu sein will, die Erlösung von seiner Qual: dasMotiv des fliegenden Holländers. — Die Liebende, allemeigenen Glück entsagend, wird, in einer himmlischenWandelung von amor in caritas, zur Heiligen undrettet die Seele des Geliebten: Motiv des Tannhäuser.— Das Herrlichste, Höchste kommt verlangend herabzu den Menschen und will nicht nach dem Woher?gefragt sein; es geht, als die unselige Frage gestelltwird, mit schmerzlichem Zwang in sein höheres Lebenzurück: Motiv des Lohengrin. — Die liebende Seeledes Weibes und ebenso das Volk nehmen willig denneuen beglückenden Genius auf, obschon die Pflegerdes Überlieferten und Herkömmlichen ihn von sichstoßen und verlästern: Motiv der Meistersinger. —Zwei Liebende, ohne Wissen über ihr Geliebtsein,sich vielmehr tief verwundet und verachtet glaubend,begehren von einander den Todestrank zu trinken,scheinbar zur Sühne der Beleidigung, in Wahrheit aberaus einem unbewussten Drange: sie wollen durch denTod von aller Trennung und Verstellung befreit sein.Die geglaubte Nähe des Todes löst ihre Seele und führtsie in ein kurzes schauervolles Glück, wie als ob siewirklich dem Tage, der Täuschung, ja dem Leben entronnen wären: Motiv in Tristan und Isolde.

Im Ringe des Nibelungen ist der tragische Heldein Gott, dessen Sinn nach Macht dürstet, und der,indem er alle Wege geht, sie zu gewinnen, sich durchVerträge bindet, seine Freiheit verliert, und in denFluch, welcher auf der Macht liegt, verflochten wird.Er erfährt seine Unfreiheit gerade darin, dass er keinMittel mehr hat, sich des goldenen Ringes, des Inbegriffs aller Erdenmacht und zugleich der höchsten Gefahren für ihn selbst, so lange er in dem Besitze seinerFeinde ist, zu bemächtigen: die Furcht vor dem Endeund der Dämmerung aller Götter überkommt ihn undebenso die Verzweifelung darüber, diesem Ende nurentgegensehen, nicht entgegenwirken zu können. Erbedarf des freien furchtlosen Menschen, welcher, ohneseinen Rat und Beistand, ja im Kampfe wider diegöttliche Ordnung, von sich aus die dem Gotte versagteTat vollbringt: er sieht ihn nicht und gerade dann,wenn eine neue Hoffnung noch erwacht, muss er demZwange, der ihn bindet, gehorchen: durch seine Handmuss das Liebste vernichtet, das reinste Mitleiden mitseiner Not bestraft werden. Da ekelt ihn endlich vorder Macht, welche das Böse und die Unfreiheit imSchoße trägt, sein Wille bricht sich, er selber verlangt nach dem Ende, das ihm von Ferne her droht.Und jetzt erst geschieht das früher Ersehnteste: derfreie furchtlose Mensch erscheint, er ist im Widerspruchegegen alles Herkommen entstanden; seine Erzeugerbüßen es, dass ein Bund wider die Ordnung der Naturund Sitte sie verknüpfte: sie gehen zugrunde, aberSiegfried lebt. Im Anblick seines herrlichen Werdensund Aufblühens weicht der Ekel aus der Seele Wotans,er geht dem Geschicke des Helden mit dem Auge derväterlichsten Liebe und Angst nach. Wie er das Schwertsich schmiedet, den Drachen tötet, den Ring gewinnt,dem listigsten Truge entgeht, Brünnhilde erweckt, wieder Fluch, der auf dem Ringe ruht, auch ihn nichtverschont, ihm nah und näher kommt, wie er, treu inUntreue, das Liebste aus Liebe verwundend, von denSchatten und Nebeln der Schuld umhüllt wird, aberzuletzt lauter wie die Sonne heraustaucht und untergeht, den ganzen Himmel mit seinem Feuerglanze entzündend und die Welt vom Fluche reinigend, — dasalles schaut der Gott, dem der waltende Speer imKampfe mit dem Freiesten zerbrochen ist und der seineMacht an ihn verloren hat, voller Wonne am eigenenUnterliegen, voller Mitfreude und Mitleiden mit seinemÜberwinder: sein Auge liegt mit dem Leuchten einerschmerzlichen Seligkeit auf den letzten Vorgängen, erist frei geworden in Liebe, frei von sich selbst.

Und nun fragt euch selber, ihr Geschlechter jetztlebender Menschen! Ward dies für euch gedichtet?Habt ihr den Mut, mit eurer Hand auf die Sternedieses ganzen Himmelsgewölbes von Schönheit undGüte zu zeigen und zu sagen: es ist unser Leben,das Wagner unter die Sterne versetzt hat?

Wo sind unter euch die Menschen, welche dasgöttliche Bild Wotans sich nach ihrem Leben zu deuten vermögen und welche selber immer größer werden,je mehr sie, wie er, zurücktreten? Wer von euch willauf Macht verzichten, wissend und erfahrend, dass dieMacht böse ist? Wo sind die, welche wie Brünnhildeaus Liebe ihr Wissen dahingeben und zuletzt dochihrem Leben das allerhöchste Wissen entnehmen:,,trauernder Liebe tiefstes Leid schloss die Augen mirauf”. Und die Freien, Furchtlosen, in unschuldigerSelbstigkeit aus sich Wachsenden und Blühenden, dieSiegfriede unter euch?

Wer so fragt und vergebens fragt, der wird sichnach der Zukunft umsehen müssen; und sollte seinBlick in irgendwelcher Ferne gerade noch jenes „Volk”entdecken, welches seine eigene Geschichte aus denZeichen der Wagnerschen Kunst herauslesen darf, soversteht er zuletzt auch, was Wagner diesem Volkesein wird: — Etwas, das er uns allen nicht sein kann,nämlich nicht der Seher einer Zukunft, wie er unsvielleicht erscheinen möchte, sondern der Deuter undVerklärer einer Vergangenheit.

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