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41.78
Nathan der Weise

Bezpłatny fragment - Nathan der Weise

Objętość:
255 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0505-7

PERSONEN

Sultan Saladin

Sittah, dessen Schwester

Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem

Recha, dessen angenommene Tochter

Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden, alsGesellschafterin der Recha

Ein junger Tempelherr

Ein Derwisch

Der Patriarch von Jerusalem

Ein Klosterbruder

Ein Emir nebst verschiedenen Mameluken des Saladin

Die Szene ist in Jerusalem.

ERSTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

Szene: Flur in Nathans Hause.Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.

DAJA

Er ist es! Nathan! — Gott sei ewig Dank,

Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.

NATHAN

Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?

Hab ich denn eher wiederkommen wollen?

Und wiederkommen können? Babylon

Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,

Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin

Genötigt worden, gut zweihundert Meilen;

Und Schulden einkassieren, ist gewiss

Auch kein Geschäft, das merklich fördert, das

So von der Hand sich schlagen lässt.

DAJA

      O Nathan,

Wie elend, elend hättet Ihr indes

Hier werden können! Euer Haus ...

NATHAN

      Das brannte.

So hab ich schon vernommen. — Gebe Gott,

Dass ich nur alles schon vernommen habe!

DAJA

Und wäre leicht von Grund aus abgebrannt.

NATHAN

Dann, Daja, hätten wir ein neues uns

Gebaut; und ein bequemeres.

DAJA

      Schon wahr! —

Doch Recha wär bei einem Haare mit

Verbrannt.

NATHAN

      Verbrannt? Wer? meine Recha? sie? —

Das hab ich nicht gehört. — Nun dann! So hätte

Ich keines Hauses mehr bedurft. — Verbrannt

Bei einem Haare! — Ha! sie ist es wohl!

Ist wirklich wohl verbrannt! — Sag nur heraus!

Heraus nur! — Töte mich, und martre mich

Nicht länger. — Ja, sie ist verbrannt.

DAJA

      Wenn sie

Es wäre, würdet Ihr von mir es hören?

NATHAN

Warum erschreckest du mich denn? — O Recha!

O meine Recha!

DAJA

      Eure? Eure Recha?

NATHAN

Wenn ich mich wieder je entwöhnen müsste,

Dies Kind mein Kind zu nennen!

DAJA

      Nennt Ihr alles,

Was Ihr besitzt, mit eben so viel Rechte

Das Eure?

NATHAN

      Nichts mit größerm! Alles, was

Ich sonst besitze, hat Natur und Glück

Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein

Dank ich der Tugend.

DAJA

      O wie teuer lasst

Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen!

Wenn Güt’, in solcher Absicht ausgeübt,

Noch Güte heißen kann!

NATHAN

      In solcher Absicht?

In welcher?

DAJA

      Mein Gewissen...

NATHAN

      Daja, lass

Vor allen Dingen dir erzählen ...

DAJA

      Mein

Gewissen, sag ich ...

NATHAN

      Was in Babylon

Für einen schönen Stoff ich dir gekauft.

So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe

Für Recha selbst kaum einen schönern mit.

DAJA

Was hilft’s? Denn mein Gewissen, muss ich Euch

Nur sagen, lässt sich länger nicht betäuben.

NATHAN

Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,

Wie Ring und Kette dir gefallen werden,

Die in Damaskus ich dir ausgesucht:

Verlanget mich zu sehn.

DAJA

      So seid Ihr nun!

Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!

NATHAN

Nimm du so gern, als ich dir geb; — und schweig!

DAJA

Und schweig! — Wer zweifelt, Nathan, dass Ihr nicht

Die Ehrlichkeit, die Großmut selber seid?

Und doch ...

NATHAN

      Doch bin ich nur ein Jude. — Gelt,

Das willst du sagen?

DAJA

      Was ich sagen will,

Das wisst Ihr besser.

NATHAN

      Nun so schweig!

DAJA

      Ich schweige.

Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht,

Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann —

Nicht kann, — komm’ über Euch!

NATHAN

      Komm’ über mich! —

Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie? — Daja,

Wenn du mich hintergehst! — Weiß sie es denn,

Dass ich gekommen bin?

DAJA

      Das frag ich Euch!

Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.

Noch malet Feuer ihre Phantasie

Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,

Im Wachen schläft ihr Geist: bald weniger

Als Tier, bald mehr als Engel.

NATHAN

      Armes Kind!

Was sind wir Menschen!

DAJA

      Diesen Morgen lag

Sie lange mit verschlossnem Aug', und war

Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: „Horch! horch!

Da kommen die Kamele meines Vaters!

Horch! seine sanfte Stimme selbst!” — Indem

Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,

Dem seines Armes Stütze sich entzog,

Stürzt auf das Kissen. — Ich, zur Pfort' hinaus!

Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!

Was Wunder! ihre ganze Seele war

Die Zeit her nur bei Euch — und ihm. —

NATHAN

      Bei ihm?

Bei welchem Ihm?

DAJA

      Bei ihm, der aus dem Feuer

Sie rettete.

NATHAN

      Wer war das! wer? — Wo ist er?

Wer rettete mir meine Recha? Wer?

DAJA

Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage

Zuvor, man hier gefangen eingebracht,

Und Saladin begnadigt hatte.

NATHAN

      Wie?

Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin

Das Leben ließ? Durch ein geringres Wunder

War Recha nicht zu retten? Gott!

DAJA

      Ohn ihn,

Der seinen unvermuteten Gewinst

Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.

NATHAN

Wo ist er, Daja, dieser edle Mann? —

Wo ist er? Führe mich zu seinen Füßen.

Ihr gabt ihm doch vors Erste, was an Schätzen

Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?

Verspracht ihm mehr? weit mehr?

DAJA

      Wie konnten wir?

NATHAN

Nicht? nicht?

DAJA

      Er kam, und niemand weiß woher.

Er ging, und niemand weiß wohin. — Ohn alle

Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr

Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,

Er kühn durch Flamm’ und Rauch der Stimme nach,

Die uns um Hülfe rief. Schon hielten wir

Ihn für verloren, als aus Rauch und Flamme

Mit eins er vor uns stand, im starken Arm

Empor sie tragend. Kalt und ungerührt

Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute

Er nieder, drängt sich unters Volk und ist —

Verschwunden!

NATHAN

      Nicht auf immer, will ich hoffen.

DAJA

Nachher die ersten Tage sahen wir

Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,

Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.

Ich nahte mich ihm mit Entzücken, dankte,

Erhob, entbot, beschwor — nur einmal noch

Die fromme Kreatur zu sehen, die

Nicht ruhen könne, bis sie ihren Dank

Zu seinen Füßen ausgeweinet.

NATHAN

      Nun?

DAJA

Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;

Und goss so bittern Spott auf mich besonders ...

NATHAN

Bis dadurch abgeschreckt ...

DAJA

      Nichts weniger!

Ich trat ihn jeden Tag von neuem an;

Ließ jeden Tag von neuem mich verhöhnen.

Was litt ich nicht von ihm! Was hätt ich nicht

Noch gern ertragen! — Aber lange schon

Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,

Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;

Und niemand weiß, wo er geblieben ist. —

Ihr staunt? Ihr sinnt?

NATHAN

      Ich überdenke mir,

Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl

Für Eindruck machen muss. Sich so verschmäht

Von dem zu finden, den man hochzuschätzen

Sich so gezwungen fühlt; so weggestoßen,

Und doch so angezogen werden; — Traun,

Da müssen Herz und Kopf sich lange zanken,

Ob Menschenhass, ob Schwermut siegen soll

Oft siegt auch keines; und die Phantasie,

Die in den Streit sich mengt, macht Schwärmer,

Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald

Das Herz den Kopf muss spielen. — Schlimmer Tausch! —

Das Letztere, verkenn ich Recha nicht,

Ist Rechas Fall: sie schwärmt.

DAJA

      Allein so fromm,

So liebenswürdig!

NATHAN

      Ist doch auch geschwärmt!

DAJA

Vornehmlich eine — Grille, wenn Ihr wollt,

Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr

Kein irdischer und keines irdischen;

Der Engel einer, deren Schutze sich

Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern

Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,

In die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer,

Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr

Hervorgetreten, — Lächelt nicht! — Wer weiß?

Lasst lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,

In dem sich Jud' und Christ und Muselmann

Vereinigen; — so einen süßen Wahn!

NATHAN

Auch mir so süß! — Geh, wackre Daja, geh;

Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann. —

Sodann such ich den wilden, launigen

Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,

Hienieden unter uns zu wallen; noch

Beliebt, so ungesittet Ritterschaft

Zu treiben: find ich ihn gewiss, und bring

Ihn her.

DAJA

      Ihr unternehmet viel.

NATHAN

      Macht dann

Der süße Wahn der süßern Wahrheit Platz: —

Denn, Daja, glaube mir, dem Menschen ist

Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel —

So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zürnen,

Die Engelschwärmerin geheilt zu sehn?

DAJA

Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!

Ich geh! — Doch hört! — doch seht! — Da kommt sie selbst.

ZWEITER AUFTRITT

Recha und die Vorigen.

RECHA

So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?

Ich glaubt, Ihr hättet Eure Stimme nur

Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge,

Für Wüsten, was für Ströme trennen uns

Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,

Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?

Die arme Recha, die indes verbrannte! —

Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!

Es ist ein garst’ger Tod, verbrennen.

NATHAN

Mein Kind! Mein liebes Kind!

RECHA

      Ihr musstet über

Den Euphrat, Tigris, Jordan; über — wer

Weiß was für Wasser all? — Wie oft hab ich

Um Euch gezittert, eh das Feuer mir

So nahe kam! Denn seit das Feuer mir

So nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben

Erquickung, Labsal, Rettung. — Doch Ihr seid

Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht

Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,

Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen

Auf Flügeln seiner unsichtbaren Engel

Die ungetreuen Ström’ hinüber. Er,

Er winkte meinem Engel, dass er sichtbarAuf seinem weißen Fittiche mich durch

Das Feuer trüge —

NATHAN

beiseite

      Weißem Fittiche!

Ja, ja! der weiße vorgespreizte Mantel

Des Tempelherrn.

RECHA

      Er sichtbar, sichtbar mich

Durchs Feuer trüg, von seinem Fittiche

Verweht. — Ich also, ich hab einen Engel

Von Angesicht zu Angesicht gesehn;

Und meinen Engel.

NATHAN

      Recha wär es wert;

Und würd an ihm nichts Schönres sehn, als er

An ihr.

RECHA

lächelnd

      Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? Wem?

Dem Engel, oder Euch?

NATHAN

      Doch hätt auch nur

Ein Mensch — ein Mensch, wie die Natur sie täglich

Gewährt — dir diesen Dienst erzeigt, er müsste

Für dich ein Engel sein. Er müsst und würde.

RECHA

Nicht so ein Engel, nein! ein wirklicher;

Es war gewiss ein wirklicher! — Habt Ihr,

Ihr selbst die Möglichkeit, dass Engel sind,

Dass Gott zum Besten derer, die ihn lieben,

Auch Wunder könne tun, mich nicht gelehrt?

Ich lieb ihn ja.

NATHAN

      Und er liebt dich; und tut

Für dich und deinesgleichen, stündlich Wunder;

Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit

Für euch getan.

RECHA

      Das hör ich gern.

NATHAN

      Wie? Weil

Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,

Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr

Gerettet hätte: sollt es darum weniger

Ein Wunder sein? — Der Wunder höchstes ist,

Dass uns die wahren, echten Wunder so

Alltäglich werden können, werden sollen.

Ohn dieses allgemeine Wunder hätte

Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je

Genannt, was Kindern bloß so heißen müsste,

Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,

Das Neuste nur verfolgen.

DAJA

zu Nathan

      Wollt Ihr denn

Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn

Durch solcherlei Subtilitäten ganz

Zersprengen?

NATHAN

      Lass mich! — Meiner Recha wär

Es Wunders nicht genug, dass sie ein MenschGerettet, welchen selbst kein kleines Wunder

Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!

Denn wer hat schon gehört, dass Saladin

Je eines Tempelherrn verschont? dass je

Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden

Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freiheit

Mehr als den ledern Gurt geboten, der

Sein Eisen schleppt, und höchstens seinen Dolch?

RECHA

Das schließt für mich, mein Vater — Darum eben

War das kein Tempelherr; er schien es nur. —

Kommt kein gefangner Tempelherr je anders

Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;

Geht keiner in Jerusalem so frei

Umher: wie hätte mich des Nachts freiwillig

Denn einer retten können?

NATHAN

Sieh! wie sinnreich.

Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja

Von dir, dass er gefangen hergeschickt

Ist worden. Ohne Zweifel weißt du mehr.

DAJA

Nun ja. — So sagt man freilich; — doch man sagt

Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn

Begnadigt, weil er seiner Brüder einem,

Den er besonders lieb gehabt, so ähnlich sehe.

Doch da es viele zwanzig Jahre her,

Dass dieser Bruder nicht mehr lebt — er hieß,

Ich weiß nicht wie — er blieb, ich weiß nicht wo: —

So klingt das ja so gar — so gar unglaublich,

Dass an der ganzen Sache wohl nichts ist.

NATHAN

Ei, Daja! Warum wäre denn das so

Unglaublich? Doch wohl nicht — wie’s wohl geschieht —

Um lieber etwas noch Unglaublichers

Zu glauben? — Warum hätte Saladin,

Der sein Geschwister insgesamt so liebt,

In jüngern Jahren einen Bruder nicht

Noch ganz besonders lieben können? — Pflegen

Sich zwei Gesichter nicht zu ähneln? — Ist

Ein alter Eindruck ein verlorner? — Wirkt

Das Nämliche nicht mehr das Nämliche? —

Seit wann? — Wo steckt hier das Unglaubliche? —

Ei freilich, weise Daja, wär’s für dich

Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur

Bedürf ... verdienen, will ich sagen, Glauben.

DAJA

Ihr spottet.

NATHAN

      Weil du meiner spottest. — Doch

Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung

Ein Wunder, dem nur möglich, der die strengsten

Entschlüsse, die unbändigsten Entwürfe

Der Könige, sein Spiel — wenn nicht sein Spott —

Gern an den schwächsten Fäden lenkt.

RECHA

      Mein Vater!

Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wisst, ich irre

Nicht gern.

NATHAN

      Vielmehr, du lässt dich gern belehren. —

Sieh! eine Stirn, so oder so gewölbt;

Der Rücken einer Nase, so vielmehr

Als so geführet; Augenbraunen, die

Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen

So oder so sich schlängeln; eine Linie,

Ein Bug, ein Winkel, eine Falt’, ein Mal,

Ein Nichts, auf eines wilden Europäers

Gesicht: — und du entkommst dem Feu’r in Asien!

Das wär kein Wunder, wundersücht’ges Volk?

Warum bemüht ihr denn noch einen Engel?

DAJA

Was schadet’s — Nathan, wenn ich sprechen darf —

Bei alledem, von einem Engel lieber

Als einem Menschen sich gerettet denken?

Fühlt man der ersten unbegreiflichen

Ursache seiner Rettung nicht sich so

Viel näher?

NATHAN

      Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf

Von Eisen will mit einer silbern Zange

Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst

Ein Topf von Silber sich zu dünken. — Pah! —

Und was es schadet, fragst du? Was es schadet?

Was hilft es? dürft ich nur hinwieder fragen. —

Denn dein „Sich Gott um so viel näher fühlen”

Ist Unsinn oder Gotteslästerung. —

Allein es schadet; ja, es schadet allerdings. —

Kommt! hört mir zu. — Nicht wahr? dem Wesen, das

Dich rettete — es sei ein Engel oder

Ein Mensch — dem möchtet ihr, und du besonders,

Gern wieder viele große Dienste tun?

Nicht wahr? — Nun, einem Engel, was für Dienste,

Für große Dienste könnt ihr dem wohl tun?

Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;

Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen;

Könnt an dem Tage seiner Feier fasten,

Almosen spenden — Alles nichts. — Denn mich

Däucht immer, dass ihr selbst und euer Nächster

Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird

Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich

Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher

Durch eu’r Entzücken; wird nicht mächtiger

Durch eu’r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!

DAJA

Ei freilich hätt ein Mensch, etwas für ihn

Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.

Und Gott weiß, wie bereit wir dazu waren!

Allein er wollte ja, bedurfte ja

So völlig nichts; war in sich, mit sich so

Vergnügsam, als nur Engel sind, nur Engel

Sein können.

RECHA

      Endlich, als er gar verschwand...

NATHAN

Verschwand? — Wie denn verschwand? — Sich untern Palmen

Nicht ferner sehen ließ? — Wie? oder habt

Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?

DAJA

Das nun wohl nicht.

NATHAN

      Nicht, Daja? nicht? — Da sieh

Nun, was es schad’t! — Grausame Schwärmerinnen! —

Wenn dieser Engel nun — nun krank geworden!

RECHA

Krank!

DAJA

      Krank? Er wird doch nicht!

RECHA

      Welch kalter Schauer

Befällt mich! — Daja! — Meine Stirne, sonst

So warm, fühl! ist auf einmal Eis.

NATHAN

      Er ist

Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt!

Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,

Des Hungerns, Wachens ungewohnt.

RECHA

      Krank! krank!

DAJA

Das wäre möglich, meint ja Nathan nur.

NATHAN

Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld,

Sich Freunde zu besolden.

RECHA

      Ah, mein Vater!

NATHAN

Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach,

Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!

RECHA

Wo? Wo?

NATHAN

      Er, der für eine, die er nie

Gekannt, gesehn — genug, es war ein Mensch —

Ins Feu’r sich stürzte ...

DAJA

      Nathan, schonet ihrer!

NATHAN

Der, was er rettete, nicht näher kennen,

Nicht weiter sehen mocht, um ihm den Dank

Zu sparen ...

DAJA

      Schonet ihrer, Nathan!

NATHAN

      Weiter

Auch nicht zu sehn verlangt, es wäre denn,

Dass er zum zweiten Mal es retten sollte —

Denn g'nug, es ist ein Mensch ...

DAJA

      Hört auf, und seht!

NATHAN

Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts —

Als das Bewusstsein dieser Tat!

DAJA

      Hört auf!

Ihr tötet sie!

NATHAN

      Und du hast ihn getötet! —

Hättest so ihn töten können. — Recha! Recha!

Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.

Er lebt! — komm zu dir! — ist auch wohl nicht krank;

Nicht einmal krank!

RECHA

      Gewiss? — nicht tot? nicht krank?

NATHAN

Gewiss, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier

Getan, auch hier noch. — Geh! — Begreifst du aber,

Wie viel andächtig schwärmen leichter, alsGut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch

Andächtig schwärmt, um nur, — ist er zu Zeiten

Sich schön der Absicht deutlich nicht bewusst —

Um nur gut handeln nicht zu dürfen?

RECHA

      Ah,

Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha, doch

Nie wiederum allein! — Nicht wahr, er kann

Auch wohl verreist nur sein? —

NATHAN

      Geht! — Allerdings. —

Ich seh, dort mustert mit neugier’gem Blick

Ein Muselmann mir die beladenen

Kamele. Kennt ihr ihn?

DAJA

      Ha! Euer Derwisch.

NATHAN

Wer?

DAJA

      Euer Derwisch; Euer Schachgesell!

NATHAN

Al-Hafi? das Al-Hafi?

DAJA

      Jetzt des Sultans

Schatzmeister.

NATHAN

      Wie? Al-Hafi? Träumst du wieder? —

Er ist’s! — wahrhaftig ist’s! — kommt auf uns zu.

Hinein mit Euch, geschwind! — Was werd’ ich hören!

DRITTER AUFTRITT

Nathan und der Derwisch.

DERWISCH

Reißt nur die Augen auf, so weit Ihr könnt!

NATHAN

Bist du’s? Bist du es nicht? — In dieser Pracht,

Ein Derwisch! ...

DERWISCH

      Nun! Warum denn nicht! Lässt sich

Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?

NATHAN

Ei wohl, genug! — Ich dachte mir nur immer,

Der Derwisch — so der rechte Derwisch — woll'

Aus sich nichts machen lassen.

DERWISCH

      Beim Propheten!

Dass ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.

Zwar wenn man muss —

NATHAN

      Muss! Derwisch! — Derwisch muss?

Kein Mensch muss müssen, und ein Derwisch müsste?

Was müsst er denn?

DERWISCH

      Warum man ihn recht bittet,

Und er für gut erkennt: das muss ein Derwisch.

NATHAN

Bei unserm Gott! da sagst du wahr. — Lass dich

Umarmen, Mensch. — Du bist doch noch mein Freund?

DERWISCH

Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?

NATHAN

Trotz dem, was du geworden!

DERWISCH

      Könnt ich nicht

Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft

Euch ungelegen wäre?

NATHAN

      Wenn dein Herz

Noch Derwisch ist, so wag ich’s drauf. Der Kerl

Im Staat ist nur dein Kleid.

DERWISCH

      Das auch geehrt

Will sein. — Was meint Ihr? ratet! — Was wär ich

An Eurem Hofe?

NATHAN

      Derwisch, weiter nichts.

Doch nebenher, wahrscheinlich — Koch!

DERWISCH

      Nun ja!

Mein Handwerk bei Euch zu verlernen. — Koch!

Nicht Kellner auch? — Gesteht, dass Saladin.

Mich besser kennt. — Schatzmeister bin ich bei

Ihm worden.

NATHAN

      Du? — bei ihm?

DERWISCH

      Versteht:

Des kleinem Schatzes; denn des größern waltet

Sein Vater noch — des Schatzes für sein Haus.

NATHAN

Sein Haus ist groß.

DERWISCH

      Und größer, als Ihr glaubt;

Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.

NATHAN

Doch ist den Bettlern Saladin so feind —

DERWISCH

Dass er mit Stumpf und Stiel sie zu vertilgen

Sich vorgesetzt, — und sollt er selbst darüber

Zum Bettler werden.

NATHAN

      Brav! so mein ich’s eben.

DERWISCH

Er ist’s auch schon, trotz einem! — Denn sein Schatz

Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang

Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch

Sie Morgens eintritt, ist des Mittags längst

Verlaufen —

NATHAN

      Weil Kanäle sie zum Teil

Verschlingen, die zu füllen oder zu

Verstopfen, gleich unmöglich ist.

DERWISCH

      Getroffen!

NATHAN

      Ich kenne das!

DERWISCH

      Es taugt nun freilich nichts,

Wenn Fürsten Geier unter Äsern sind.

Doch sind sie Äser unter Geiern, taugt’s

Noch zehnmal weniger.

NATHAN

      O nicht doch, Derwisch!

Nicht doch!

DERWISCH

      Ihr habt gut reden, Ihr! — Kommt an:

Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'

Euch ab.

NATHAN

      Was bringt dir deine Stelle?

DERWISCH

      Mir?

Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern:

Denn ist es Ebb’ im Schatz, — wie öfters ist, —

So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schießt vor,

Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefällt.

NATHAN

Auch Zins vom Zins der Zinsen?

DERWISCH

      Freilich!

NATHAN

      Bis

Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.

DERWISCH

Das lockt Euch nicht? So schreibet unsrer Freundschaft

Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab

Ich sehr auf Euch gerechnet.

NATHAN

      Wahrlich? Wie

Denn so? Wie so denn?

DERWISCH

      Dass Ihr mir mein Amt

Mit Ehren würdet führen helfen; dass

Ich allzeit offne Kasse bei Euch hätte. —

Ihr schüttelt?

NATHAN

      Nun, verstehn wir uns nur recht!

Hier gibt’s zu unterscheiden. — Du? warum

Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,

Was ich vermag, mir stets willkommen. — Aber

Al-Hafi Defterdar des Saladin,

Der — dem —

DERWISCH

      Erriet ich’s nicht? Dass Ihr doch immer

So gut als klug, so klug als weise seid? —

Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,

Soll bald geschieden wieder sein. — Seht da

Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.

Eh es verschossen ist, eh es zu Lumpen

Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,

Hängt’s in Jerusalem am Nagel, und

Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuß

Den heißen Sand mit meinen Lehrern trete.

NATHAN

Dir ähnlich g'nug!

DERWISCH

      Und Schach mit ihnen spiele.

NATHAN

Dein höchstes Gut!

DERWISCH

      Denkt nur, was mich verführte! —

Damit ich selbst nicht länger betteln dürfte?

Den reichen Mann mit Bettlern spielen könnte?

Vermögend wär im Hui den reichsten Bettler

In einen armen Reichen zu verwandeln?

NATHAN

Das nun wohl nicht.

DERWISCH

      Weit etwas Abgeschmackteres!

Ich fühlte mich zum erstenmal geschmeichelt;

Durch Saladins gutherz’gen Wahn geschmeichelt.

NATHAN

Der war?

DERWISCH

      „Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern

Zumute sei; ein Bettler habe nur

Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.

Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,

Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab;

Erkundigte so ungestüm sich erst

Nach dem Empfänger; nie zufrieden, dass

Er nur den Mangel kenne, wollt er auch

Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe

Nach dieser Ursach' filzig abzuwägen.

Das wird Ai-Hafi nicht! So unmild mild

Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!

Ai-Hafi gleicht verstopften Röhren nicht,Die ihre klar und still empfangnen Wasser

So unrein und so sprudelnd wieder geben.

Al-Hafi denkt, Al-Hafi fühlt wie ich!” —

So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis

Der Gimpel in dem Netze war. — Ich Geck!

Ich eines Gecken Geck!

NATHAN

      Gemach, mein Derwisch,

Gemach!

DERWISCH

      Ei was! — Es wär nicht Geckerei,

Bei Hunderttausenden die Menschen drücken,

Ausmergeln, plündern, martern, würgen; und

Ein Menschenfreund an Einzeln scheinen wollen?

Es wär nicht Geckerei, des Höchsten Milde,

Die sonder Auswahl über Bös' und Gute

Und Flur und Wüstenei, in Sonnenschein

Und Regen sich verbreitet — nachzuäffen,

Und nicht des Höchsten immer volle Hand

Zu haben? Was? es wär nicht Geckerei ...

NATHAN

Genug! hör auf!

DERWISCH

      Laszt meiner Geckerei

Mich doch nur auch erwähnen! — Was? Es wäre

Nicht Geckerei, an solchen Geckereien

Die gute Seite dennoch auszuspüren,

Um Anteil, dieser guten Seite wegen,

An dieser Geckerei zu nehmen? He?

Das nicht?

NATHAN

      Al-Hafi, mache, dass du bald

In deine Wüste wieder kommst. Ich fürchte,

Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch

Zu sein verlernen.

DERWISCH

      Recht, das fürcht ich auch.

Lebt wohl!

NATHAN

      So hastig? — Warte doch, Al-Hafi.

Entläuft dir denn die Wüste? — Warte doch! —

Dass er mich hörte! — He, Al-Hafi! hier! —

Weg ist er; und ich hätt ihn noch so gern

Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,

Dass er ihn kennt.

VIERTER AUFTRITT

Daja eilig herbei. Nathan.

DAJA

      O Nathan, Nathan!

NATHAN

      Nun?

Was gibt’s?

DAJA

      Er lässt sich wieder sehn! Er lässt

Sich wieder sehn!

NATHAN

      Wer, Daja? wer?

DAJA

      Er! er!

NATHAN

Er? Er? Wann lässt sich der nicht sehn! — Ja so

Nur Euer Er heißt er. — Das sollt er nicht!

Und wenn er auch ein Engel wäre, nicht!

DAJA

Er wandelt untern Palmen wieder auf

Und ab, und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln!

NATHAN

Sie essend? — und als Tempelherr?

DAJA

      Was quält

Ihr mich? — Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter

Den dicht verschränkten Palmen schon, und folgt

Ihm unverrückt. Sie lässt Euch bitten — Euch

Beschwören, ungesäumt ihn anzugehn.

O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,

Ob er hinaufgeht oder weiter ab

Sich schlägt. O eilt!

NATHAN

      So wie ich vom Kamele

Gestiegen? — Schickt sich das? — Geh, eile du

Ihm zu, und meld ihm meine Wiederkunft.

Gib Acht, der Biedermann hat nur mein Haus

In meinem Absein nicht betreten wollen;

Und kommt nicht ungern, wenn der Vater selbst

Ihn laden lässt. Geh, sag, ich lass ihn bitten,

Ihn herzlich bitten ...

DAJA

      All umsonst! Er kömmt

Euch nicht. — Denn kurz: er kommt zu keinem Juden.

NATHAN

So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten,

Ihn wenigstens mit deinen Augen zu

Begleiten. — Geh, ich komme gleich dir nach.

Nathan eilt hinein, und Daja heraus.

FÜNFTER AUFTRITT

Szene: ein Platz mit Palmen,unter welchen der Tempelherr auf und nieder geht. EinKlosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von derSeite, immer als ob er ihn anreden wolle.

TEMPELHERR

Der folgt mir nicht vor langer Weile! — Sieh,

Wie schielt er nach den Händen! — Guter Bruder,

Ich kann Euch auch wohl Vater nennen, nicht?

KLOSTERBRUDER

Nur Bruder. — Laienbruder nur; zu dienen.

TEMPELHERR

Ja, guter Bruder, wer nur selbst was hätte!

Bei Gott! bei Gott! ich habe nichts —

KLOSTERBRUDER

      Und doch

Recht warmen Dank! Gott geb’ Euch tausendfach,

Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille

Und nicht die Gabe macht den Geber. — Auch

Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar

Nicht nachgeschickt.

TEMPELHERR

      Doch aber nachgeschickt?

KLOSTERBRUDER

Ja, aus dem Kloster.

TEMPELHERR

      Wo ich eben jetzt

Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?

KLOSTERBRUDER

Die Tische waren schon besetzt: komm' aber

Der Herr nur wieder mit zurück.

TEMPELHERR

      Wozu?

Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen

Allein was tut’s? Die Datteln sind ja reif.

KLOSTERBRUDER

Nehm' sich der Herr in Acht mit dieser Frucht.

Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft

Die Milz, macht melancholisches Geblüt.

TEMPELHERR

Wenn ich nun melancholisch gern mich fühlte? —

Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr

Mir doch nicht nachgeschickt?

KLOSTERBRUDER

      O nein! — Ich soll

Mich nur nach Euch erkunden, auf den Zahn

Euch fühlen.

TEMPELHERR

      Und das sagt Ihr mir so selbst?

KLOSTERBRUDER

Warum nicht?

TEMPELHERR

      (Ein verschmitzter Bruder!) — Hat

Das Kloster Euresgleichen mehr?

KLOSTERBRUDER

      Weiss nicht.

Ich muss gehorchen, lieber Herr.

TEMPELHERR

      Und da

Gehorcht Ihr denn auch, ohne viel zu klügeln?

KLOSTERBRUDER

Wär’s sonst gehorchen, lieber Herr?

TEMPELHERR

      (Dass doch

Die Einfalt immer Recht behält!) — Ihr dürft

Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern

Genauer kennen möchte? — Dass Ihr’s selbst

Nicht seid, will ich wohl schwören.

KLOSTERBRUDER

      Ziemte mir's?

Und frommte mir’s?

TEMPELHERR

      Wem ziemt und frommt es denn,

Dass er so neubegierig ist? Wem denn?

KLOSTERBRUDER

Dem Patriarchen; muss ich glauben. — Denn

Der sandte mich Euch nach.

Tempelherr

      Der Patriarch?

Kennt der das rote Kreuz auf weißem Mantel

Nicht besser?

KLOSTERBRUDER

      Kenn ja ich’s!

TEMPELHERR

      Nun, Bruder? Nun: —

Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner —

Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,

Der Burg, die mit des Stillstands letzter, Stunde

Wir gern erstiegen hätten, um sodann

Auf Sidon loszugehn; — setz ich hinzu:

Selbzwanzigster gefangen und allein

Vom Saladin begnadiget: so weiß

Der Patriarch, was er zu wissen braucht —

Mehr, als er braucht.

KLOSTERBRUDER

      Wohl aber schwcrlich mehr,

Als er schon weiß. — Er wüsst auch gern, warum

Der Herr vom Saladin begnadigt worden;

Er ganz allein.

TEMPELHERR

      Weiß ich das selber? — Schon

Den Hals entblößt, kniet ich auf meinem Mantel;

Den Streich erwartend, als mich schärfer Saladin

Ins Auge faßt, mir näher springt, und winkt.

Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will

Ihm danken; seh sein Aug’ in Tränen; stumm

Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe. — Wie

Nun das zusammenhängt, enträtsle sich

Der Patriarche selbst.

KLOSTERBRUDER

      Er schließt daraus,

Dass Gott zu großen, großen Dingen Euch

Müss' aufbehalten haben.

TEMPELHERR

      Ja, zu großen!

Ein Judenmädchen aus dem Feu’r zu retten;

Auf Sinai neugier’ge Pilger zu

Geleiten, und dergleichen mehr.

KLOSTERBRUDER

      Wird schon

Noch kommen! — Ist inzwischen auch nicht übel. —

Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits

Weit wicht’gere Geschäfte für den Herrn.

TEMPELHERR

So? Meint Ihr, Bruder? — Hat er gar Euch schon

Was merken lassen?

KLOSTERBRUDER

      Ei, ja wohl! — Ich soll

Den Herrn nur erst ergründen, ob er so

Der Mann wohl ist.

TEMPELHERR

      Nun ja, ergründet nur!

(Ich will doch sehn, wie der ergründet!) — Nun?

KLOSTERBRUDER

Das Kürz'ste wird wohl sein, dass ich dem Herrn

Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch

Eröffne.

TEMPELHERR

      Wohl!

KLOSTERBRUDER

      Er hätte durch den Herrn

Ein Briefchen gern bestellt.

TEMPELHERR

      Durch mich? Ich bin

Kein Bote. — Das, das wäre das Geschäft,

Das weit glorreicher sei, als Judenmädchen

Dem Feu’r entreißen?

KLOSTERBRUDER

      Muss doch wohl! Denn — sagt

Der Patriarch — an diesem Briefchen sei

Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.

Dies Briefchen wohl bestellt zu haben — sagt

Der Patriarch — werd einst im Himmel Gott

Mit einer ganz besondem Krone lohnen.

Und dieser Krone — sagt der Patriarch —

Sei niemand würd’ger, als mein Herr.

TEMPELHERR

      Als ich?

KLOSTERBRUDER

Denn diese Krone zu verdienen — sagt

Der Patriarch — sei schwerlich jemand auch

Geschickter, als mein Herr.

TEMPELHERR

      Als ich?

KLOSTERBRUDER

      Er sei

Hier frei; könn' überall sich hier besehn;

Versteh', wie eine Stadt zu stürmen und

Zu schirmen; könne — sagt der Patriarch —

Die Stärk’ und Schwäche der von Saladin

Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer

Am besten schätzen, sie am deutlichsten

Den Streitern Gottes — sagt der Patriarch —Beschreiben.

TEMPELHERR

      Guter Bruder, wenn ich doch

Nun auch des Briefchens nähern Inhalt wüßte.

KLOSTERBRUDER

Ja den, — den weiß ich nun wohl nicht so recht.

Das Briefchen aber ist an König Philipp —

Der Patriarch ... Ich hab mich oft gewundert,

Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz

Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet

Von Dingen dieser Welt zu sein herab

Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.

TEMPELHERR

Nun denn? Der Patriarch? —

KLOSTERBRUDER

      Weiß ganz genau,

Ganz zuverlässig, wie und wo, wie stark,

Von welcher Seite Saladin, im Fall

Es völlig wieder los geht, seinen Feldzug

Eröffnen wird.

TEMPELHERR

      Das weiß er?

KLOSTERBRUDER

      Ja, und möcht

Es gern den König Philipp wissen lassen:

Damit der ungefähr ermessen könne,

Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um

Mit Saladin den Waffenstillstand,

Den Euer Orden schon so brav gebrochen,

Es koste was es wolle, wiederher-

Zustellen.

TEMPELHERR

      Welch ein Patriarch! — Ja so!

Der liebe, tapfre Mann will mich zu keinem

Gemeinen Boten; will mich — zum Spion. —

Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,

So viel Ihr mich ergründen können, wär

Das meine Sache nicht. — Ich müsse mich

Noch als Gefangenen betrachten; und

Der Tempelherren einziger Beruf

Sei, mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht

Kundschafterei zu treiben.

KLOSTERBRUDER

      Dacht ich’s doch! —

Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln.

Zwar kommt das Beste noch. — Der Patriarch

Hiernächst hat ausgegattert, wie die Veste

Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,

In der die ungeheuren Summen stecken,

Mit welchen Saladins vorsicht’ger Vater

Das Heer besoldet, und die Zurüstungen

Des Kriegs bestreitet. Saladin verfügt

Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen

Nach dieser Veste sich, nur kaum begleitet. —

Ihr merkt doch?

TEMPELHERR

      Nimmermehr!

KLOSTERBRUDER

      Was wäre da

Wohl leichter, als des Saladins sich zu

Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen? —

Ihr schaudert? — O es haben schon ein Paar

Gottsfürcht’ge Maroniten sich erboten,

Wenn nur ein wackrer Mann sie führen wolle,

Das Stück zu wagen.

TEMPELHERR

      Und der Patriarch

Hätt auch zu diesem wackern Manne mich

Ersehn?

KLOSTERBRUDER

      Er glaubt, dass König Philipp wohl

Von Ptolemais aus die Hand hierzu

Am besten bieten könne.

TEMPELHERR

      Mir? mir, Bruder?

Mir? Habt Ihr nicht gehört? nur erst gehört,

Was für Verbindlichkeit dem Saladin

Ich habe?

KLOSTERBRUDER

      Wohl hab ich’s gehört.

TEMPELHERR

      Und doch?

KLOSTERBRUDER

Ja — meint der Patriarch — das wär’ schon gut;

Gott aber und der Orden ...

TEMPELHERR

      Ändern nichts!

Gebieten mir kein Bubenstück!

KLOSTERBRUDER

      Gewiss nicht! —

Nur — meint der Patriarch — sei Bubenstück

Vor Menschen nicht auch Bubenstück vor Gott.

TEMPELHERR

Ich wär dem Saladin mein Leben schuldig:

Und raubt ihm seines?

KLOSTERBRUDER

      Pfui! — Doch bliebe — meint

Der Patriarch — noch immer Saladin

Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund

Zu sein, kein Recht erwerben könne.

TEMPELHERR

      Freund?

An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden,

Zum undankbaren Schurken?

KLOSTERBRUDER

      Allerdings! —

Zwar — meint der Patriarch — des Dankes sei

Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns

Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.

Und da verlauten wolle — meint der Patriarch —

Dass Euch nur darum Saladin begnadet,

Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen,

So was von seinem Bruder eingeleuchtet ...

TEMPELHERR

Auch dieses weiß der Patriarch; und doch? —

Ah! wäre das gewiss! Ah, Saladin! —

Wie? die Natur hätt auch nur Einen Zug

Von mir in deines Bruders Form gebildet:

Und dem entspräche nichts in meiner Seele?

Was dem entspräche, könnt ich unterdrücken,

Um einem Patriarchen zu gefallen? —

Natur, so lügst du nicht! So widerspricht

Sich Gott in seinen Werken nicht! — Geht, Bruder! —

Erregt mir meine Galle nicht! — Geht! geht!

KLOSTERBRUDER

Ich geh; und geh vergnügter als ich kam.

Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute

Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.

SECHSTER AUFTRITT

Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eineZeitlang von weitem beobachtet hatte, und sich nun ihmnähert.

DAJA

Der Klosterbruder, wie mich dünkt, ließ in

Der besten Laun' ihn nicht. — Doch muss ich mein

Paket nur wagen.

TEMPELHERR

      Nun, vortrefflich! — Lügt

Das Sprichwort wohl: dass Mönch und Weib, und Weib

Und Mönch des Teufels beide Krallen sind?

Er wirft mich heut aus einer in die andre.

DAJA

Was seh ich? — Edler Ritter! Euch? — Gott Dank!

Gott tausend Dank! — Wo habt Ihr denn

Die ganze Zeit gesteckt? — Ihr seid doch wohl

Nicht krank gewesen?

TEMPELHERR

      Nein.

DAJA

      Gesund doch?

TEMPELHERR

      Ja.

DAJA

Wir waren Euertwegen wahrlich ganz

Bekümmert.

TEMPELHERR

      So?

DAJA

      Ihr wart gewiss verreist?

TEMPELHERR

Erraten!

DAJA

      Und kamt heut erst wieder?

TEMPELHERR

      Gestern.

DAJA

Auch Recha’s Vater ist heut angekommen.

Und nun darf Recha doch wohl hoffen?

TEMPELHERR

      Was?

DAJA

Warum sie Euch so öfters bitten lassen.

Ihr Vater ladet Euch nun selber bald

Aufs dringlichste. Er kommt von Babylon,

Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,

Und allem, was an edeln Spezereien,

An Steinen und an Stoffen, Indien

Und Persien und Syrien, gar Sina,

Kostbares nur gewähren.

TEMPELHERR

      Kaufe nichts.

DAJA

Sein Volk verehret ihn als einen Fürsten.

Doch dass es ihn den weisen Nathan nennt,

Und nicht vielmehr den reichen, hat mich oft

Gewundert.

TEMPELHERR

      Seinem Volk ist reich und weise

Vielleicht das Nämliche.

DAJA

      Vor allem aber

Hätt’s ihn den Guten nennen müssen. Denn

Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.

Als er erfuhr, wie viel Euch Recha schuldig:

Was hätt, in diesem Augenblicke, nicht

Er alles Euch getan, gegeben!

TEMPELHERR

      Ei!

DAJA

Versucht's, und kommt und seht!

TEMPELHERR

      Was denn? Wie schnell

Ein Augenblick vorüber ist?

DAJA

      Hätt ich,

Wenn er so gut nicht wär, es mir so lange

Bei ihm gefallen lassen! Meint Ihr etwa,

Ich fühle meinen Wert als Christin nicht?

Auch mir ward’s vor der Wiege nicht gesungen,

Dass ich nur darum meinem Ehgemahl

Nach Palästina folgen würd, um da

Ein Judenmädchen zu erziehn. Es war

Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht

In Kaiser Friedrichs Heere —

TEMPELHERR

      Von Geburt

Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward,

Mit Seiner Kaiserlichen Majestät

In einem Flusse zu ersaufen. — Weib!

Wie vielmal habt Ihr mir das schon erzählt?

Hört Ihr denn gar nicht auf, mich zu verfolgen?

DAJA

Verfolgen! Lieber Gott!

TEMPELHERR

      Ja, ja, verfolgen.

Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!

Nicht hören! Will von Euch an eine Tat

Nicht fort und fort erinnert sein, bei der

Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke,

Zum Rätsel von mir selbst mir wird. Zwar möcht

Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht,

Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr

Seid Schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn

Ich mich vorher erkund — und brennen lasse,

Was brennt.

DAJA

      Bewahre Gott!

TEMPELHERR

      Von heut an tut

Mir den Gefallen wenigstens, und kennt

Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lasst

Den Vater mir vom Halse. Jud’ ist Jude.

Ich bin ein plumper Schwab. Des Mädchens Bild

Ist längst aus meiner Seele, wenn es je

Da war.

DAJA

      Doch Eures ist aus ihrer nicht.

TEMPELHERR

Was soll’s nun aber da? was soll’s?

DAJA

      Wer weiß!

Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.

TEMPELHERR

Doch selten etwas Bessers.

Er geht.

DAJA

      Wartet doch!

Was eilt Ihr?

TEMPELHERR

      Weib, macht mir die Palmen nicht

Verhasst, worunter ich so gern sonst wandle.

DAJA

So geh, du deutscher Bär! so geh! — Und doch

Muss ich die Spur des Tieres nicht verlieren.

Sie geht ihm von weitem nach.

ZWEITER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

Szene: des Sultans Palast.Saladin und Sittah spielen Schach.

SITTAH

Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?

SALADIN

Nicht gut? Ich dächte doch.

SITTAH

      Für mich; und kaum.

Nimm diesen Zug zurück.

SALADIN

      Warum?

SITTAH

      Der Springer

Wird unbedeckt.

SALADIN

      Ist wahr. Nun so!

SITTAH

      So zieh

Ich in die Gabel.

SALADIN

      Wieder wahr. — Schach dann!

SITTAH

Was hilft dir das? Ich setze vor, und du

Bist, wie du warst.

SALADIN

      Aus dieser Klemme, seh

Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.

Mag's! Nimm den Springer nur.

SITTAH

      Ich will ihn nicht.

Ich geh vorbei.

SALADIN

      Du schenkst mir nichts. Dir liegt

An diesem Platze mehr, als an dem Springer.

SITTAH

Kann sein.

SALADIN

      Mach deine Rechnung nur nicht ohne

Den Wirt. Denn sieh! Was gilt’s, das warst du nicht

Vermuten?

SITTAH

      Freilich nicht. Wie konnt ich auch

Vermuten, dass du deiner Königin

So müde wärst?

SALADIN

      Ich meiner Königin?

SITTAH

Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend

Dinar, kein Naserinchen mehr gewinnen.

SALADIN

Wieso?

SITTAH

      Frag noch! — Weil du mit Fleiß, mit aller

Gewalt verlieren willst. — Doch dabei find

Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, dass

Ein solches Spiel das unterhaltendste

Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten

Mit dir, wenn ich verlor? Wann hast du mir

Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen

Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?

SALADIN

Ei sieh! so hättest du ja wohl, wenn du

Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?

SITTAH

Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine

Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,

Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.

SALADIN

Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!

SITTAH

So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!

SALADIN

Nun freilich, dieses Abschach hab ich nicht

Gesehn, das meine Königin zugleich

Mit niederwirft.

SITTAH

      War dem noch abzuhelfen?

Lass sehn.

SALADIN

      Nein, nein; nimm nur die Königin.

Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.

SITTAH

Bloß mit dem Steine?

SALADIN

      Fort damit! — Das tut

Mir nichts. Denn so ist alles wiederum

Geschützt.

SITTAH

      Wie höflich man mit Königinnen

Verfahren müsse: hat mein Bruder mich

Zu wohl gelehrt.

Sie lässt sie stehen.

SALADIN

      Nimm, oder nimm sie nicht!

Ich habe keine mehr.

SITTAH

      Wozu sie nehmen?

Schach! — Schach!

SALADIN

Nur weiter.

SITTAH

      Schach! — und Schach! — und Schach! —

SALADIN

Und matt!

SITTAH

      Nicht ganz; du ziehst den Springer noch

Dazwischen, oder was du machen willst.

Gleichviel!

SALADIN

      Ganz recht! — Du hast gewonnen, und

Al-Hafi zahlt. Man lass’ ihn rufen! gleich! —

Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht: ich

War nicht so ganz beim Spiele, war zerstreut.

Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine

Beständig, die an nichts erinnern, nichts

Bezeichnen? Hab ich mit dem Iman denn

Gespielt? — Doch was? Verlust will Vorwand. NichtDie ungeformten Steine, Sittah, sind’s,

Die mich verlieren machten: deine Kunst,

Dein ruhiger und schneller Blick.

SITTAH

      Auch so

Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.

Genug, du warst zerstreut, und mehr als ich.

SALADIN

Als du? Was hätte dich zerstreuet?

SITTAH

      Deine

Zerstreuung freilich nicht! — O Saladin,

Wann werden wir so fleißig wieder spielen!

SALADIN

So spielen wir um so viel gieriger! —

Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? — Mag's! —

Nur zu! — Ich habe nicht zuerst gezogen;

Ich hätte gern den Stillestand aufs Neue

Verlängert; hätte meiner Sittah gern,

Gern einen guten Mann zugleich verschafft.

Und das muss Richards Bruder sein: er ist

Ja Richards Bruder.

SITTAH

      Wenn du deinen Richard

Nur loben kannst!

SALADIN

      Wenn unserm Bruder Melek

Dann Richards Schwester wär zu Teile worden:

Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,

Der besten Häuser in der Welt das beste! —

Du hörst, ich bin mich selbst zu loben auch

Nicht faul. Ich dünk mich meiner Freunde wert. —

Das hätte Menschen geben sollen! das!

SITTAH

Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?

Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.

Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn

Selbst das, was noch von ihrem Stifter her,

Mit Menschlichkeit den Aberglauben wirzt,

Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:

Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. —

Wohl ihnen, dass er ein so guter Mensch

Noch war: Wohl ihnen, dass sie seine Tugend

Auf Treu und Glauben nehmen können! — Doch

Was Tugend? — Seine Tugend nicht; sein Name

Soll überall verbreitet werden; soll

Die Namen aller guten Menschen schänden,Verschlingen. Um den Namen, um den Namen

Ist ihnen nur zu tun.

SALADIN

      Du meinst: warum

Sie sonst verlangen würden, dass auch ihr,

Auch du und Melek, Christen hießet, eh

Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

SITTAH

Ja wohl! Als wär von Christen nur, als Christen,

Die Liebe zu gewärtigen, womit

Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!

SALADIN

Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,

Als dass sie die nicht auch noch glauben könnten! —

Und gleichwohl irrst du dich. — Die Tempelherren,

Die Christen nicht, sind Schuld: sind nicht, als Christen,

Als Tempelherren Schuld. Durch die allein

Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,

Das Richards Schwester unserm Bruder Melek

Zum Brautschatz bringen müsste, schlechterdings

Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil

Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,

Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge

Ein guter Streich gelänge, haben sie

Des Waffenstillestandes Ablauf kaum

Erwarten können. — Lustig! Nur so weiter!

Ihr Herren, nur so weiter! — Mir schon recht!

Wär alles sonst nur, wie es müsste.

SITTAH

      Nun

Was irrte dich denn sonst? Was könnte sonst

Dich aus der Fassung bringen?

SALADIN

      Was von je

Mich immer aus der Fassung hat gebracht.

Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.

Er unterliegt den Sorgen noch ...

SITTAH

      O weh!

SALADIN

Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;

Es fehlt bald da, bald dort —

SITTAH

      Was klemmt? Was fehlt?

SALADIN

Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd’ge?

Was, wenn ich’s habe, mir so überflüssig,

Und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint.

Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach

Ihm aus? — Das leidige, verwünschte Geld! —

Gut, Hafi, dass du kömmst.

ZWEITER AUFTRITT

Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.

AL-HAFI

      Die Gelder aus

Ägypten sind vermutlich angelangt.

Wenn’s nur fein viel ist.

SALADIN

      Hast du Nachricht?

AL-HAFI

      Ich?

Ich nicht. Ich denke; dass ich hier sie in

Empfang soll nehmen.

SALADIN

      Zahl an Sittah tausend

Dinare!

In Gedanken hin und her gehend.

AL-HAFI

      Zahl! anstatt, empfang! O schön!

Das ist für Was noch weniger als Nichts. —

An Sittah? — wiederum an Sittah? Und

Verloren? — wiederum im Schach verloren? —

Da steht es noch, das Spiel!

SITTAH

      Du gönnst mir doch

Mein Glück?

AL-HAFI

das Spiel betrachtend

      Was gönnen? Wenn — Ihr wißt ja wohl.

SITTAH

ihm winkend

Bst! Hafi! bst!

AL-HAFI

noch auf das Spiel gerichtet

      Gönnt's Euch nur selber erst!

SITTAH

Al-Hafi, bst!

AL-HAFI

zu Sittah

      Die Weißen waren Euer?

Ihr bietet Schach?

SITTAH

      Gut, dass er nichts gehört.

AL-HAFI

Nun ist der Zug an ihm?

SITTAH

ihm näher tretend

      So sage doch,

Dass ich mein Geld bekommen kann.

AL-HAFI

noch auf das Spiel geheftet

      Nun ja;

Ihr sollt’s bekommen, wie Ihr’s stets bekommen.

SITTAH

Wie? bist du toll?

AL-HAFI

      Das Spiel ist ja nicht aus.

Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.

SALADIN

kaum hinhörend

Doch! doch! Bezahl! bezahl!

AL-HAFI

      Bezahl! bezahl!

Da steht ja Eure Königin.

SALADIN

noch so

      Gilt nicht;

Gehört nicht mehr ins Spiel.

SITTAH

      So mach, und sag,

Dass ich das Geld mir nur kann holen lassen.

AL-HAFI

noch immer in das Spiel vertieft

Versteht sich, so wie immer. — Wenn auch schon;

Wenn auch die Königin nichts gilt: Ihr seid

Doch darum noch nicht matt.

SALADIN

tritt hinzu und wirft das Spiel um

      Ich bin es, will

Es sein.

AL-HAFI

Ja so! — Spiel wie Gewinst! So wie

Gewonnen, so bezahlt.

SALADIN

zu Sittah

      Was sagt er? was?

SITTAH

von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend

Du kennst ihn ja. Er sträubt sich gern; lässt gern

Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch. —

SALADIN

Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? —

Was hör ich, Hafi? Neidisch, du?

AL-HAFI

      Kann sein!

Kann sein! — Ich hätt ihr Hirn wohl lieber selbst;

Wär lieber selbst so gut, als sie.

SITTAH

      Indes

Hat er doch immer richtig noch bezahlt.

Und wird auch heut bezahlen. Lass ihn nur!

Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld

Schon holen lassen.

AL-HAFI

      Nein, ich spiele länger

Die Mummerei nicht mit. Er muss es doch

Einmal erfahren.

SALADIN

      Wer? und was?

SITTAH

      Al-Hafi!

Ist dieses dein Versprechen? Hältst du so

Mir Wort?

AL-HAFI

      Wie konnt ich glauben, dass es so

Weit gehen würde.

SALADIN

      Nun? erfahr ich nichts?

SITTAH

Ich bitte dich, Al-Hafi, sei bescheiden.

SALADIN

Das ist doch sonderbar! Was könnte Sittah

So feierlich, so warm bei einem Fremden,

Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,

Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen.

Al-Hafi, nun befehl ich. — Rede, Derwisch!

SITTAH

Lass eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir

Nicht näher treten, als sie würdig ist,

Du weißt, ich habe zu verschiednen Malen

Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.

Und weil ich jetzt das Geld nicht nötig habe;

Weil jetzt in Hafis Kasse doch das Geld

Nicht eben allzu häufig ist, so sind

Die Posten stehn geblieben. Aber sorgt

Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,

Noch Hafi, noch der Kasse schenken.

AL-HAFI

      Ja,

Wenn’s das nur wäre! das!

SITTAH

      Und mehr dergleichen. —

Auch das ist in der Kasse stehn geblieben,

Was du mir einmal ausgeworfen; ist

Seit wenig Monden stehn geblieben.

AL-HAFI

      Noch

Nicht alles.

Saladin.

      Noch nicht? — Wirst du reden?

AL-HAFI

Seit aus Ägypten wir das Geld erwarten,

Hat sie ...

SITTAH

zu Saladin

      Wozu ihn hören?

AL-HAFI

      Nicht nur Nichts

Bekommen ...

SALADIN

      Gutes Mädchen! — Auch beiher

Mit vorgeschossen. Nicht?

AL-HAFI

      Den ganzen Hof

Erhalten; Euern Aufwand ganz allein

Bestritten.

SALADIN

      Ha! das, das ist meine Schwester!

Sie umarmend.

SITTAH

Wer hatte, dies zu können, mich so reich

Gemacht, als du, mein Bruder?

AL-HAFI

      Wird schon auch

So bettelarm sie wieder machen, als

Er selber ist.

SALADIN

      Ich arm? Der Bruder arm?

Wann hab ich mehr? wann weniger gehabt? —

Ein Kleid, ein Schwert, ein Pferd — und einen Gott! —

Was brauch ich mehr? wann kann's an dem mir fehlen?

und doch, Al-Hafi, könnt ich mit dir schelten.

SITTAH

Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater

Auch seine Sorgen so erleichtern könnte!

SALADIN

Ah! Ah! Nun schlägst du meine Freudigkeit

Auf einmal wieder nieder! — Mir, für mich

Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,

Ihm fehlet; und in ihm uns allen. — Sagt,

Was soll ich machen? — Aus Ägypten kommt

Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,

Weiß Gott. Es ist doch da noch alles ruhig. —

Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,

Mir gern gefallen lassen, wenn es mich,

Bloß mich betrifft; bloß ich, und niemand sonst

Darunter leidet. — Doch was kann das machen?

Ein Pferd, ein Kleid, ein Schwert, muß ich doch haben.

Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.

Ihm g’nügt schon so mit wenigem genug;

Mit meinem Herzen. — Auf den Überschuss

Von deiner Kasse, Hafi, hatt ich sehr

Gerechnet.

AL-HAFI

      Überschuss? — Sagt selber, ob

Ihr mich nicht hättet spießen, wenigstens

Mich drosseln lassen, wenn auf Überschuss

Ich von Euch wär ergriffen worden. Ja,

Auf Unterschleif! das war zu wagen.

SALADIN

      Nun,

Was machen wir denn aber? — Konntest du

Vorerst bei niemand anderm borgen, als

Bei Sittah?

SITTAH

      Würd ich dieses Vorrecht, Bruder,

Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?

Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf

Dem Trocknen völlig nicht.

SALADIN

      Nur völlig nicht!

Das fehlte noch! — Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!

Nimm auf, bei wem du kannst! und wie du kannst!

Geh, borg, versprich. — Nur, Hafi, borge nicht

Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen

Von diesen, möchte wiederfordern heißen.

Geh zu den Geizigsten; die werden mir

Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,

Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert.

AL-HAFI

Ich kenne deren keine.

SITTAH

      Eben fällt

Mir ein, gehört zu haben, Hafi, dass

Dein Freund zurückgekommen.

AL-HAFI

betroffen

      Freund? mein Freund?

Wer wär denn das?

SITTAH

Dein hochgepriesner Jude.

AL-HAFI

Gepriesner Jude? hoch von mir?

SITTAH

      Dem Gott, —

Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst

Du selber dich von ihm bedientest, — dem

Sein Gott von allen Gütern dieser Welt

Das Kleinst’ und Größte so in vollem Maß

Erteilet habe. —

AL-HAFI

      Sagt’ ich so? — Was meint

Ich denn damit?

SITTAH

      Das Kleinste: Reichtum. Und

Das Größte: Weisheit.

AL-HAFI

      Wie? von einem Juden?

Von einem Juden hätt ich das gesagt?

SITTAH

Das hättest du von deinem Nathan nicht

Gesagt?

AL-HAFI

      Ja so! von dem! vom Nathan! — Fiel

Mir der doch gar nicht bei. — Wahrhaftig? Der

Ist endlich wieder heim gekommen? Ei!

So mag’s doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn. —

Ganz recht: den nannt einmal das Volk den Weisen!

Den Reichen auch.

SITTAH

      Den Reichen nennt es ihn

Jetzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,

Was er für Kostbarkeiten! was für Schätze

Er mitgebracht.

AL-HAFI

      Nun, ist’s der Reiche wieder:

So wird’s auch wohl der Weise wieder sein.

SITTAH

Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?

AL-HAFI

Und was bei ihm? — Doch wohl nicht borgen? — Ja,

Da kennt Ihr ihn! — Er borgen! — Seine Weisheit

Ist eben, dass er niemand borgt.

SITTAH

      Du hast

Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm

Gemacht.

AL-HAFI

      Zur Not wird er Euch Waren borgen.

Geld aber, Geld? Geld nimmermehr. — Es ist

Ein Jude freilich übrigens, wie’s nicht

Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiß

Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er

Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten,

Vor allen andern Juden aus. — Auf den,

Auf den nur rechnet nicht. — Den Armen gibt

Er zwar, und gibt vielleicht trotz Saladin;

Wenn schon nicht ganz so viel, doch ganz so gern;

Doch ganz so sonder Ansehn, Jud’ und Christ

Und Muselmann und Parsi, alles ist

Ihm eins.

SITTAH

      Und so ein Mann...

SALADIN

      Wie kommt es denn,

Dass ich von diesem Manne nie gehört? ...

SITTAH

Der sollte Saladin nicht borgen? nicht

Dem Saladin, der nur für andre braucht,

Nicht sich?

AL-HAFI

      Da seht nun gleich den Juden wieder;

Den ganz gemeinen Juden! — Glaubt mir’s doch! —

Er ist aufs Geben Euch so eifersüchtig,

So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in

Der Welt gesagt wird, zög er lieber ganz

Allein. Nur darum eben leiht er keinem,

Damit er stets zu geben habe. Weil

Die Mild' ihm im Gesetz geboten, die

Gefälligkeit ihm aber nicht geboten, macht

Die Mild’ ihn zu dem ungefälligsten

Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit

Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß

Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, dass ich

Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.

Er ist zu allem gut, bloß dazu nicht;

Bloß dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich

Nur gehn, an andre Türen klopfen ... Da

Besinn ich mich so eben eines Mohren,

Der reich und geizig ist. — Ich geh, ich geh.

SITTAH

Was eilst du, Hafi?

SALADIN

      Lass ihn! lass ihn!

DRITTER AUFTRITT

Sittah. Saladin.

SITTAH

      Eilt

Er doch, als ob er mir nur gern entkäme! —

Was heißt das? — Hat er wirklich sich in ihm

Betrogen, oder — möcht er uns nur gern

Betrügen?

SALADIN

      Wie? das fragst du mich? Ich weiß

Ja kaum, von wem die Rede war; und höre

Von eurem Juden, eurem Nathan, heut

Zum ersten Mal.

SITTAH

      Ist’s möglich, dass ein Mann

Dir so verborgen blieb, von dem es heißt,

Er habe Salomons und Davids Gräber

Erforscht, und wisse deren Siegel durch

Ein mächtiges geheimes Wort zu lösen?

Aus ihnen bring’ er dann von Zeit zu Zeit

Die unermesslichen Reichtümer an

Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.

SALADIN

Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Gräbern,

So waren’s sicherlich nicht Salomons,

Nicht Davids Gräber. Narren lagen da

Begraben!

SITTAH

      Oder Bösewichter! — Auch

Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger,

Weit unerschöpflicher, als so ein Grab

Voll Mammon.

SALADIN

      Denn er handelt, wie ich hörte.

SITTAH

Sein Saumtier treibt auf allen Straßen, zieht

Durch alle Wüsten; seine Schiffe liegen

In allen Häfen. Das hat mir wohl eh'

Al-Hafi selbst gesagt, und voll Entzücken

Hinzugefügt, wie groß, wie edel dieser

Sein Freund anwende, was so klug und emsig

Er zu erwerben für zu klein nicht achte;

Hinzugefügt, wie frei von Vorurteilen

Sein Geist, sein Herz wie offen jeder Tugend,

Wie eingestimmt mit jeder Schönheit sei.

SALADIN

Und jetzt sprach Hafi doch so ungewiss,

So kalt von ihm.

SITTAH

      Kalt nun wohl nicht; verlegen,

Als halt' er’s für gefährlich, ihn zu loben,

Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.

Wie? oder wär es wirklich so, dass selbst

Der Beste seines Volkes seinem Volke

Nicht ganz entfliehen kann? dass wirklich sich

Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite

Zu schämen hätte? — Sei dem, wie ihm wolle! —

Der Jude sei mehr oder weniger

Als Jud’, ist er nur reich: genug für uns!

SALADIN

Du willst ihm aber doch das Seine mit

Gewalt nicht nehmen, Schwester?

SITTAH

      Ja, was heißt

Bei dir Gewalt? Mit Feu’r und Schwert? Nein! nein!

Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt,

Als ihre Schwäche? — Komm für jetzt nur mit

In meinen Harem, eine Sängerin

Zu hören, die ich gestern erst gekauft.

Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,

Den ich auf diesen Nathan habe. — Komm!

VIERTER AUFTRITT

Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stößt. Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.

RECHA

Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er

Wird kaum noch mehr zu treffen sein.

NATHAN

      Nun, nun;

Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:

Doch anderwärts. — Sei jetzt nur ruhig. — Sieh!

Kommt dort nicht Daja auf uns zu?

RECHA

      Sie wird

Ihn ganz gewiss verloren haben.

NATHAN

      Auch

Wohl nicht.

RECHA

      Sie würde sonst geschwinder kommen.

NATHAN

Sie hat uns wohl noch nicht gesehn ...

RECHA

      Nun sieht

Sie uns.

NATHAN

      Und doppelt ihre Schritte. Sieh!

Sei doch nur ruhig! ruhig!

RECHA

      Wolltet Ihr

Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre?

Sich unbekümmert ließe, wessen Wohltat

Ihr Leben sei? Ihr Leben, — das ihr nur

So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.

NATHAN

Ich möchte dich nicht anders, als du bist:

Auch wenn ich wüßte, dass in deiner Seele

Ganz etwas anders noch sich rege.

RECHA

      Was,

Mein Vater?

NATHAN

      Fragst du mich? so schüchtern mich?

Was auch in deinem Innern vorgeht, ist

Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge

Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur

Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher

Sich einst erklärt, mir seiner Wünsche keinen

Zu bergen.

RECHA

      Schon die Möglichkeit, mein Herz

Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern.

NATHAN

Nichts mehr hiervon! Das ein für allemal

Ist abgetan. — Da ist ja Daja. — Nun?

DAJA

Noch wandelt er hier untern Palmen, und

Wird gleich um jene Mauer kommen. — Seht,

Da kommt er!

RECHA

      Ah! und scheinet unentschlossen,

Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?

Ob links?

DAJA

      Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster

Gewiss noch öfter, und dann muss er hier

Vorbei. — Was gilt’s?

RECHA

      Recht! recht! — Hast du ihn schon

Gesprochen? Und wie ist er heut?

DAJA

      Wie immer.

NATHAN

So macht nur, dass er Euch hier nicht gewahr

Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz

Hinein.

RECHA

      Nur einen Blick noch! — Ah! die Hecke,

Die mir ihn stiehlt!

DAJA

      Kommt! kommt! Der Vater hat

Ganz recht Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,

Dass auf der Stell' er umkehrt.

RECHA

      Ah! die Hecke!

NATHAN

Und kommt er plötzlich dort aus ihr hervor,

So kann er anders nicht, er muss Euch sehen.

Drum geht doch nur!

DAJA

      Kommt! kommt! Ich weiß ein Fenster,

Aus dem wir sie bemerken können.

RECHA

      Ja?

Beide hinein.

FÜNFTER AUFTRITT

Nathan und bald darauf der Tempelherr.

NATHAN

Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht

Mich seine rauhe Tugend stutzen. Dass

Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen

Soll machen können! — Ha! er kommt. — Bei Gott!

Ein Jüngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl,

Den guten, trotz’gen Blick! den drallen Gang!

Die Schale kann nur bitter sein: der Kern

Ist’s sicher nicht. — Wo sah ich doch dergleichen? —

Verzeihet, edler Franke ...

TEMPELHERR

      Was?

NATHAN

      Erlaubt...

TEMPELHERR

Was, Jude? was?

NATHAN

      Dass ich mich untersteh,

Euch anzureden.

TEMPELHERR

      Kann ich’s wehren? Doch

Nur kurz!

NATHAN

      Verzieht, und eilet nicht so stolz,

Nicht so verächtlich einem Mann vorüber,

Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.

TEMPELHERR

Wie das? — Ah, fast errat ich’s. Nicht? Ihr seid ...

NATHAN

Ich heiße Nathan, bin des Mädchens Vater,

Das Eure Großmut aus dem Feu’r gerettet;

Und komme ...

TEMPELHERR

      Wenn zu danken: — spart’s! Ich hab

Um diese Kleinigkeit des Dankes schon

Zu viel erdulden müssen. — Vollends Ihr,

Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst ich denn

Dass dieses Mädchen Eure Tochter war?

Es ist der Tempelherren Pflicht, dem Ersten

Dem Besten beizuspringen, dessen Not

Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem

In diesem Augenblicke lästig. Gern,

Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,

Es für ein andres Leben in die Schanze

Zu schlagen: für ein andres — wenn’s auch nur

Das Leben einer Jüdin wäre.

NATHAN

      Groß!

Groß und abscheulich! — Doch die Wendung lässt

Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet

Sich hinter das Abscheuliche, um der

Bewundrung auszuweichen. — Aber wenn

Sie so das Opfer der Bewunderung

Verschmäht, was für ein Opfer denn verschmäht

Sie minder? — Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd

Und nicht gefangen wäret, würd ich Euch

So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit

Kann man Euch dienen?

TEMPELHERR

      Ihr? Mit nichts.

NATHAN

      Ich bin

Ein reicher Mann.

TEMPELHERR

      Der reichre Jude war

Mir nie der bessre Jude.

NATHAN

      Dürft Ihr denn

Darum nicht nützen, was dem ungeachtet

Er Besseres hat? nicht seinen Reichtum nützen?

TEMPELHERR

Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden,

Um meines Mantels willen nicht. Sobald

Der ganz und gar verschlissen, weder Stich

Noch Fetze länger halten will: komm ich

Und borge mir bei Euch zu einem neuen

Tuch oder Geld. — Seht nicht mit eins so finster!

Noch seid Ihr sicher; noch ist’s nicht so weit

Mit ihm. Ihr seht, er ist so ziemlich noch

Im Stande. Nur der eine Zipfel da

Hat einen garst’gen Fleck: er ist versengt.

Und das bekam er, als ich Eure Tochter

Durchs Feuer trug.

NATHAN

der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet

      Es ist doch sonderbar,

Dass so ein böser Fleck, dass so ein Brandmal

Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als

Sein eigner Mund. Ich möcht ihn küssen gleich

Den Flecken! — Ah, verzeiht! — Ich tat es ungern.

TEMPELHERR

Was?

NATHAN

      Eine Träne fiel darauf.

TEMPELHERR

      Tut nichts!

Er hat der Tropfen mehr. — (Bald aber fängt

Mich dieser Jud' an zu verwirren.)

NATHAN

      Wärt

Ihr wohl so gut und schicktet Euerm Mantel

Auch einmal meinem Mädchen?

TEMPELHERR

      Was damit?

NATHAN

Auch ihren Mund auf diesen Fleck zu drücken.

Denn Eure Kniee selber zu umfassen,

Wünscht sie nun wohl vergebens.

TEMPELHERR

      Aber, Jude —

Ihr heißet Nathan? — Aber, Nathan — Ihr

Setzt Eure Worte sehr — sehr gut — sehr spitz —

Ich bin betreten — Allerdings — ich hätte ...

NATHAN

Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find

Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,

Um höflicher zu sein. — Das Mädchen, ganz

Gefühl; der weibliche Gesandte, ganz

Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt —

Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge;

Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu siegen.

Auch dafür dank ich Euch —

TEMPELHERR

      Ich muss gestehn,

Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.

NATHAN

Nur Tempelherren? sollten bloß? und bloß,

Weil es die Ordensregeln so gebieten?

Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,

Dass alle Länder gute Menschen tragen.

TEMPELHERR

Mit Unterschied doch hoffentlich?

NATHAN

      Jawohl;

An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.

TEMPELHERR

Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

NATHAN

Mit diesem Unterschied ist’s nicht weit her.

Der große Mann braucht überall viel Boden;

Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen

Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir,

Find’t sich hingegen überall in Menge.

Nur muss der eine nicht den andern mäkeln.

Nur muss der Knorr den Knuppen hübsch vertragen.

Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Dass es allein der Erde nicht entschossen.

TEMPELHERR

Sehr wohl gesagt! — Doch kennt Ihr auch das Volk,

Das diese Menschenmäkelei zuerst

Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk

Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?

Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,

Doch wegen seines Stolzes zu verachten

Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes,

Den es auf Christ und Muselmann vererbte,

Nur sein Gott sei der rechte Gott! — Ihr stutzt,

Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?

Wenn hat, und wo die fromme Raserei,

Den bessern Gott zu haben, diesen bessern

Der ganzen Welt als besten aufzudringen,

In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr

Gezeigt, als hier, als jetzt? Wem hier, wem jetzt

Die Schuppen nicht vom Auge fallen ... Doch

Sei blind, wer will! — Vergesst, was ich gesagt,

Und lasst mich!

Will gehen.

NATHAN

      Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester

Ich nun mich an Euch drängen werde. — Kommt,

Wir müssen, müssen Freunde sein! — Verachtet

Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide

Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind

Wir etwa unser Volk? Was heißt denn Volk?

Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,

Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch

Gefunden hätte, dem es g’nügt, ein Mensch

Zu heißen!

TEMPELHERR

      Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!

Das habt Ihr! — Eure Hand! — Ich schäme mich,

Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

NATHAN

Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine

Verkennt man selten.

TEMPELHERR

      Und das Seltene

Vergisst man schwerlich. — Nathan, ja,

Wir müssen, müssen Freunde werden.

NATHAN

      Sind

Es schon. — Wie wird sich meine Recha freuen! —

Und ah! welch eine heitre Ferne schließt

Sich meinen Blicken auf! — Kennt sie nur erst!

TEMPELHERR

Ich brenne vor Verlangen. — Wer stürzt dort

Aus Eurem Hause? Ist’s nicht ihre Daja?

NATHAN

Jawohl. So ängstlich?

TEMPELHERR

      Unsrer Recha ist

Doch nichts begegnet?

SECHSTER AUFTRITT

Die Vorigen und Daja eilig.

DAJA

      Nathan! Nathan!

NATHAN

      Nun?

DAJA

Verzeihet, edler Ritter, dass ich Euch

Muss unterbrechen.

NATHAN

      Nun, was ist’s?

TEMPELHERR

      Was ist’s?

DAJA

Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will

Euch sprechen. Gott, der Sultan!

NATHAN

      Mich? Der Sultan?

Er wird begierig sein, zu sehen, was

Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei

Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.

DAJA

Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,

Euch in Person, und bald, so bald Ihr könnt.

NATHAN

Ich werde kommen. — Geh nur wieder, geh!

DAJA

Nehmt ja nicht übel auf, gestrenger Ritter. —

Gott, wir sind so bekümmert, was der Sultan

Doch will.

NATHAN

      Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!

SIEBENTER AUFTRITT

Nathan und der Tempelherr.

TEMPELHERR

So kennt Ihr ihn noch nicht? — Ich meine, von

Person.

NATHAN

      Den Saladin? Noch nicht. Ich habe

Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.

Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut

Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte,

Als sehn. Doch nun — wenn anders dem so ist —

Hat er durch Sparung Eures Lebens ...

TEMPELHERR

      Ja;

Dem allerdings ist so. Das Leben, das

Ich leb, ist sein Geschenk.

NATHAN

      Durch das er mir

Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies

Hat alles zwischen uns verändert; hat

Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das

Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,

Und kaum kann ich es nun erwarten, was

Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin

Bereit zu allem; bin bereit ihm zu

Gestehn, dass ich es Euertwegen bin.

TEMPELHERR

Noch hab ich selber ihm nicht danken können,

So oft ich auch ihm in den Weg getreten.

Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam

So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.

Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert.

Und dennoch muss er, einmal wenigstens,

Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal

Ganz zu entscheiden. Nicht genug, dass ich

Auf sein Geheiß noch bin, mit seinem Willen

Noch leb: ich muss nun auch von ihm erwarten,Nach wessen Willen ich zu leben habe.

NATHAN

Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen. —

Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch

Zu kommen, Anlass gibt. — Erlaubt, verzeiht —

Ich eile. — Wann, wann aber sehn wir Euch

Bei uns?

TEMPELHERR

      Sobald ich darf.

NATHAN

      Sobald Ihr wollt.

TEMPELHERR

Noch heut.

NATHAN

      Und Euer Name? — muss ich bitten.

TEMPELHERR

Mein Name war — ist Curd von Stauffen. — Curd! Nathan.

NATHAN

Von Stauffen? — Stauffen? — Stauffen?

TEMPELHERR

      Warum fällt

Euch das so auf?

NATHAN

      Von Stauffen? — Des Geschlechts

Sind wohl schon mehrere ...

TEMPELHERR

      O ja! hier waren,

Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.

Mein Oheim selbst — mein Vater will ich sagen —

Doch warum schärft sich Euer Blick auf mich

Je mehr und mehr?

NATHAN

      O nichts! o nichts! Wie kann

Ich Euch zu sehn ermüden?

TEMPELHERR

      Drum verlass

Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand

Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.

Ich fürcht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allmählich,

Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.

Er geht.

NATHAN

der ihm mit Erstaunen nachsieht)

„Der Forscher fand nicht selten mehr, als er

Zu finden wünschte.” — Ist es doch, als ob

In meiner Seel’ er lese! — Wahrlich ja,

Das könnt auch mir begegnen. — Nicht allein

Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme . So,

Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;

Trug Wolf sogar das Schwert im Arm; strich Wolf

Sogar die Augenbraunen mit der Hand,

Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. —

Wie solche tiefgeprägte Bilder doch

Zu Zeiten in uns schlafen können, bis

Ein Wort, ein Laut sie weckt! — Von Stauffen! —

Ganz recht, ja, ja! ganz recht; Filnek und Stauffen. —

Ich will das bald genauer wissen, bald.

Nur erst zum Saladin. — Doch wie? lauscht dort

Nicht Daja? — Nun, so komm nur näher, Daja.

ACHTER AUFTRITT

Daja. Nathan.

NATHAN

Was gilt’s? nun drückt’s euch beiden schon das Herz,

Noch ganz was anders zu erfahren, als

Was Saladin mir will.

DAJA

      Verdenkt Ihr’s ihr?

Ihr fingt so eben an, vertraulicher

Mit ihm zu sprechen, als des Sultans Botschaft

Uns von dem Fenster scheuchte.

NATHAN

      Nun so sag

Ihr nur, dass sie ihn jeden Augenblick

Erwarten darf.

DAJA

      Gewiss? gewiss?

NATHAN

      Ich kann

Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei

Auf deiner Hut, ich bitte dich. Es soll

Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst

Soll seine Rechnung dabei finden. Nur

Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur

Erzähl und frage mit Bescheidenheit,

Mit Rückhalt ...

DAJA

      Dass Ihr doch noch erst so was

Erinnern könnt! — Ich geh; geht Ihr nur auch.

Denn seht! ich glaube gar, da kommt vom Sultan

Ein zweiter Bot’, Al-Hafi, Euer Derwisch.

Geht ab.

NEUNTER AUFTRITT

Nathan. Al-Hafi.

AL-HAFI

Ha! ha! zu Euch wollt ich nun eben wieder.

NATHAN

Ist’s denn so eilig? Was verlangt er denn

Von mir?

AL-HAFI

      Wer?

NATHAN

      Saladin. — Ich komm, ich komme.

AL-HAFI

Zu wem? Zum Saladin?

NATHAN

      Schickt Saladin

Dich nicht?

AL-HAFI

      Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?

NATHAN

Ja freilich hat er.

AL-HAFI

      Nun, so ist es richtig.

NATHAN

Was? was ist richtig?

AL-HAFI

      Dass — ich bin nicht Schuld;

Gott weiß, ich bin nicht Schuld. — Was hab ich nicht

Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!

NATHAN

Was abzuwenden? Was ist richtig?

AL-HAFI

      Dass

Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich

Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich’s nicht.

Ich geh von Stund an, geh, Ihr habt es schon

Gehört, wohin, und wisst den Weg. — Habt Ihr

Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin

Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein,

Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.

Ich geh, sagt bald.

NATHAN

      Besinn dich doch, Al-Hafi.

Besinn dich, dass ich noch von gar nichts weiß.

Was plauderst du denn da?

AL-HAFI

      Ihr bringt sie doch

Gleich mit, die Beutel?

NATHAN

      Beutel?

AL-HAFI

      Nun, das Geld,

Das Ihr dem Saladin vorschießen sollt.

NATHAN

Und weiter ist es nichts?

AL-HAFI

      Ich sollt’ es wohl

Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag

Aushöhlen wird bis auf die Zehen? Sollt’

Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus

Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern

So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch

Die armen eingebornen Mäuschen drin

Verhungern? — Bildet Ihr vielleicht Euch ein,

Wer Eures Gelds bedürftig sei, der werde

Doch Euerm Rate wohl auch folgen? — Ja,

Er Rate folgen! Wenn hat Saladin

Sich raten lassen? — Denkt nur, Nathan, was

Mir eben jetzt mit ihm begegnet.

NATHAN

      Nun?

AL-HAFI

Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach

Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt

Nicht übel; und das Spiel, das Saladin

Verloren glaubte, schon gegeben hatte,

Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,

Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht

Verloren.

NATHAN

      Ei! das war für dich ein Fund!

AL-HAFI

Er durfte mit dem König an den Bauer

Nur rücken, auf ihr Schach. — Wenn ich’s Euch gleich

Nur zeigen könnte!

NATHAN

      O ich traue dir!

AL-HAFI

Denn so bekam der Roche Feld: und sie

War hin. — Das alles will ich ihm nun weisen

Und ruf ihn. — Denkt! ...

NATHAN

      Er ist nicht deiner Meinung?

AL-HAFI

Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich

Das ganze Spiel in Klumpen.

NATHAN

      Ist das möglich?

AL-HAFI

Und sagt: Er wolle matt nun einmal sein:

Er wolle! Heißt das spielen?

NATHAN

      Schwerlich wohl;

Heißt mit dem Spiele spielen.

AL-HAFI

      Gleichwohl galt

Es keine taube Nuss.

NATHAN

      Geld hin, Geld her!

Das ist das Wenigste. Allein dich gar

Nicht anzuhören! über einen Punkt

Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal

Zu hören! deinen Adlerblick nicht zu

Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?

AL-HAFI

Ach was? Ich sag Euch das nur so, damit

Ihr sehen könnt, was für ein Kopf er ist.

Kurz, ich, ich halt’s mit ihm nicht länger aus.

Da lauf ich nun bei allen schmutz’gen Mohren

Herum, und frage, wer ihm borgen will.

Ich, der ich nie für mich gebettelt habe,

Soll nun für andre borgen. Borgen ist

Viel besser nicht als betteln; so wie leihen,

Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,

Als stehlen. Unter meinen Gebern, an

Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche

Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,

Am Ganges nur gibt’s Menschen. Hier seid Ihr

Der Einzige, der noch so würdig wäre,

Dass er am Ganges lebte. — Wollt Ihr mit? —

Lasst ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,

Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach

Und nach doch drum. So wär die Plackerei

Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.

Kommt! kommt!

NATHAN

      Ich dächte zwar, das blieb uns ja

Noch immer übrig. Doch, Al-Hafi, will

Ich’s überlegen. Warte ...

AL-HAFI

      Überlegen?

Nein, so was überlegt sich nicht.

NATHAN

      Nur bis

Ich von dem Sultan wiederkomme; bis

Ich Abschied erst ...

AL-HAFI

      Wer überlegt, der sucht

Bewegungsgründe, nicht zu dürfen. Wer

Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht

Entschließen kann, der lebet andrer Sklav'

Auf immer. — Wie Ihr wollt! — Lebt wohl! wie’s Euch

Wohl dünkt. — Mein Weg liegt dort, und Eurer da.

NATHAN

Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das deine

Berichtigen?

AL-HAFI

      Ach Possen! Der Bestand

Von meiner Kass’ ist nicht des Zählens wert;

Und meine Rechnung bürgt — Ihr oder Sittah.

Lebt wohl! (Ab.)

NATHAN

ihm nachsehend

      Die bürg ich! — Wilder, guter, edler —

Wie nenn ich ihn? — Der wahre Bettler ist

Doch einzig und allein der wahre König!

Von einer andern Seite ab.

DRITTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

Szene: In Nathans Hause.Recha und Daja.

RECHA

Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus?

,,Ich dürf ihn jeden Augenblick erwarten?”

Das klingt — nicht wahr? — als ob er noch so bald

Erscheinen werde. — Wie viel Augenblicke

Sind aber schon vorbei! — Ah nun; wer denkt

An die verflossenen? — Ich will allein

In jedem nächsten Augenblicke leben.

Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

DAJA

O der verwünschten Botschaft von dem Sultan!

Denn Nathan hätte sicher ohne sie

Ihn gleich mit hergebracht.

RECHA

      Und wenn er nun

Gekommen dieser Augenblick; wenn denn

Nun meiner Wünsche wärmster, innigster

Erfüllet ist: was dann? — was dann?

DAJA

      Was dann?

Dann hoff ich, dass auch meiner Wünsche wärmster

Soll in Erfüllung gehen.

RECHA

      Was wird dann

In meiner Brust an dessen Stelle treten,

Die schon verlernt, ohn einen herrschenden

Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen? — Nichts?

Ah, ich erschrecke! ...

DAJA

      Mein, mein Wunsch wird dann

An des erfüllten Stelle treten, meiner.

Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen

Zu wissen, welche deiner würdig sind.

RECHA

Du irrst. — Was diesen Wunsch zu deinem macht,

Das Nämliche verhindert, dass er meiner

Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:

Und meines, meines sollte mich nicht halten?

Ein Bild der deinen, das in deiner Seele

Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen,

Als die ich sehn, und greifen kann, und hören,

Die Meinen?

DAJA

      Sperre dich, so viel du willst!

Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.

Und wenn es nun dein Retter selber wäre,

Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in

Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,

Für welche du geboren wurdest?

RECHA

      Daja!

Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!

Du hast doch wahrlich deine sonderbaren

Begriffe! „Sein, sein Gott! für den er kämpft!”

Wem eignet Gott! Was ist das für ein Gott,

Der einem Menschen eignet? der für sich

Muss kämpfen lassen! — Und wie weiß

Man denn, für welchen Erdkloß man geboren,

Wenn man’s für den nicht ist, auf welchem man

Geboren? — Wenn mein Vater dich so hörte! —

Was tat er dir, mir immer nur mein Glück

So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?

Was tat er dir, den Samen der Vernunft,

Den er so rein in meine Seele streute,

Mit deines Landes Unkraut oder Blumen,

So gern zu mischen? — Liebe, liebe Daja,

Er will nun deine bunten Blumen nicht

Auf meinem Boden! — Und ich muss dir sagen,

Ich selber fühle meinen Boden, wenn

Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet,

So ausgezehrt durch deine Blumen; fühle

In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte,

Mich so betäubt, so schwindelnd! — Dein Gehirn

Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum

Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen.

Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel,

Wie wenig fehlte, dass er mich zur Närrin

Gemacht? — Noch schäm ich mich vor meinem Vater

Der Posse!

DAJA

      Posse! — Als ob der Verstand

Nur hier zu Hause wäre! — Posse! Posse! —

Wenn ich nur reden dürfte!

RECHA

      Darfst du nicht?

Wann war ich nicht ganz Ohr, so oft es dir

Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich

Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten

Nicht stets Bewunderung, und ihren Leiden

Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube

Schien freilich mir das Heldenmäßigste

An ihnen nie. Doch so viel tröstender

War mir die Lehre, dass Ergebenheit

In Gott von unserm Wähnen über Gott

So ganz und gar nicht abhängt. — Liebe Daja,

Das hat mein Vater uns so oft gesagt;

Darüber hast du selbst mit ihm so oft

Dich einverstanden; warum untergräbst

Du denn allein, was du mit ihm zugleich

Gebauet? — Liebe Daja, das ist kein

Gespräch, womit wir unserm Freund am besten

Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir,

Mir liegt daran unendlich, ob auch er ...

Horch, Daja! — Kommt es nicht an unsre Türe?

Wenn er es wäre! Horch!

ZWEITER AUFTRITT

Recha, Daja und der Tempelherr, dem jemand vonaußen die Türe öffnet, mit den Worten:

      Nur hier herein!

RECHA

fährt zusammen, fasst sich, und will ihm zu Füßen fallen.

Er ist’s — Mein Retter, ah!

TEMPELHERR

      Dies zu vermeiden

Erschien ich bloß so spät: und doch —

RECHA

      Ich will

Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes

Nur Gott noch einmal danken, nicht dem Manne.

Der Mann will keinen Dank, will ihn so wenig

Als ihn der Wassereimer will, der bei

Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen.

Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir

Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der

Ward nur so in die Glut hineingestoßen;

Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm;

Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken

Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;

Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide

Herausschmiss aus der Glut. — Was gibt es da

Zu danken? — In Europa treibt der Wein

Zu noch weit andern Taten. — Tempelherren,

Die müssen einmal nun so handeln; müssen

Wie etwas besser zugelernte Hunde,

Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.

TEMPELHERR

der sie mit Erstaunen und Unruhe die ganze Zeit über betrachtet.

O Daja, Daja! Wenn in AugenblickenDes Kummers und der Galle, meine Laune

Dich übel anließ, warum jede Torheit,

Die meiner Zung’ entfuhr, ihr hinterbringen?

Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja!

Doch wenn du nur von nun an besser mich

Bei ihr vertreten willst.

DAJA

      Ich denke, Ritter,

Ich denke nicht, dass diese kleinen Stacheln,

Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr

Geschadet haben.

RECHA

      Wie? Ihr hattet Kummer?

Und wart mit Euerm Kummer geiziger

Als Euerm Leben?

TEMPELHERR

      Gutes, holdes Kind! —

Wie ist doch meine Seele zwischen Auge

Und Ohr geteilt! — Das war das Mädchen nicht,

Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer

Ich holte. — Denn wer hätte die gekannt,

Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte

Auf mich gewartet? — Zwar — verstellt — der Schreck.

Pause, unter der er in Anschauung ihrer sich wie verliert.

RECHA

Ich aber find Euch noch den Nämlichen. —desgleichen, bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu unterbrechen.Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange

Gewesen? — Fast dürft ich auch fragen: wo

Ihr itzo seid?

TEMPELHERR

      Ich bin, — wo ich vielleicht

Nicht sollte sein. —

RECHA

      Wo Ihr gewesen? — Auch

Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?

Das ist nicht gut.

TEMPELHERR

      Auf — auf — wie heißt der Berg?

Auf Sinai.

RECHA

      Auf Sinai? — Ah schön!

Nun kann ich zuverlässig doch einmal

Erfahren, ob es wahr ...

TEMPELHERR

      Was? was? Ob’s wahr,

Dass noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses

Vor Gott gestanden, als ...

RECHA

      Nun das wohl nicht.

Denn wo er stand, stand er vor Gott. Und davon

Ist mir zur G’nüge schon bekannt. — Ob’s wahr,

Möcht ich nur gern von Euch erfahren, dass —

Dass es bei weitem nicht so mühsam sei,

Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als

Herab? — Denn seht, so viel ich Berge noch

Gestiegen bin, war’s just das Gegenteil. —

Nun, Ritter? — Was? — Ihr kehrt Euch von mir ab?

Wollt mich nicht sehn?

TEMPELHERR

      Weil ich Euch hören will.

RECHA

Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dass

Ihr meiner Einfalt lächelt; dass Ihr lächelt,

Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers

Von diesem heil’gen Berge aller Berge

Zu fragen weiß? Nicht wahr?

TEMPELHERR

      So muss

Ich doch Euch wieder in die Augen sehn. —

Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeißt

Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen

In zweifelhaften Mienen lesen will,

Was ich so deutlich hör, Ihr so vernehmlich

Mir sagt — verschweigt? — Ah Recha! Recha! Wie

Hat er so wahr gesagt; „Kennt sie nur erst!”

RECHA

Wer hat? — von wem? — Euch das gesagt?

TEMPELHERR

      „Kennt sie

Nur erst!” hat Euer Vater mir gesagt,

Von Euch gesagt.

DAJA

      Und ich nicht etwa auch?

Ich denn nicht auch?

TEMPELHERR

      Allein wo ist er denn?

Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch

Beim Sultan?

RECHA

      Ohne Zweifel.

TEMPELHERR

      Noch, noch da? —

O mich Vergesslichen! Nein, nein; da ist

Er schwerlich mehr. — Er wird dort unten bei

Dem Kloster meiner warten; ganz gewiss.

So red’ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!

Ich geh, ich hol ihn ...

DAJA

      Das ist meine Sache.

Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzüglich.

TEMPELHERR

Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen,

Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht — wer weiß? —

Er könnte bei dem Sultan leicht — Ihr kennt

Den Sultan nicht! — leicht in Verlegenheit

Gekommen sein. — Glaubt mir, es hat Gefahr,

Wenn ich nicht geh.

RECHA

      Gefahr? Was für Gefahr?

TEMPELHERR

Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich

Nicht schleunig, schleunig geh.

Ab.

DRITTER AUFTRITT

Recha und Daja.

RECHA

      Was ist das, Daja? —

So schnell? — Was kommt ihn an? Was fiel ihm auf?

Was jagt ihn?

DAJA

      Lasst nur, lasst. Ich denk, es ist

Kein schlimmes Zeichen.

RECHA

      Zeichen? Und wovon?

DAJA

Dass etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,

Und soll nicht überkochen. Lasst ihn nur.

Nun ist’s an Euch.

RECHA

      Was ist an mir? Du wirst,

Wie er, mir unbegreiflich.

DAJA

      Bald nun könnt

Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die

Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch

Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.

RECHA

Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.

DAJA

Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?

RECHA

Das bin ich; ja, das bin ich ...

DAJA

      Wenigstens

Gesteht, dass Ihr Euch seiner Unruh’ freut,

Und seiner Unruh’ danket, was Ihr jetzt

Von Ruh’ genießt.

RECHA

      Mir völlig unbewusst!

Denn was ich höchstens dir gestehen könnte,

Wär, dass es mich — mich selbst befremdet, wie

Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen

So eine Stille plötzlich folgen können.

Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton

Hat mich ...

DAJA

      Gesättigt schon?

RECHA

      Gesättigt, will

Ich nun nicht sagen; nein — bei weitem nicht —

DAJA

Den heißen Hunger nur gestillt.

RECHA

      Nun ja,

Wenn du so willst.

DAJA

      Ich eben nicht.

RECHA

      Er wird

Mir ewig wert, mir ewig werter, als

Mein Leben bleiben, wenn auch schon mein Puls

Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt;

Nicht mehr mein Herz, so oft ich an ihn denke,

Geschwinder, stärker schlägt. — Was schwatz ich? Komm,

Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,

Das auf die Palmen sieht.

DAJA

      So ist er doch

Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger.

RECHA

Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn,

Nicht ihn bloß untern Palmen.

DAJA

      Diese Kälte

Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.

RECHA

Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich

Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.

VIERTER AUFTRITT

Szene; ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.Saladin und Sittah.

SALADIN

im Hereintreten, gegen die Türe

Hier bringt den Juden her, sobald er kommt.

Er scheint sich eben nicht zu übereilen.

SITTAH

Er war auch wohl nicht bei der Hand, nicht gleich

Zu finden.

SALADIN

      Schwester! Schwester!

SITTAH

      Tust du doch,

Als stünde dir ein Treffen vor.

SALADIN

      Und das

Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.

Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;

Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.

Wann hätt ich das gekonnt? Wo hätt ich das

Gelernt? — Und soll das alles, ah, wozu?

Wozu? — Um Geld zu fischen! Geld! — Um Geld,

Geld einem Juden abzubangen? Geld!

Zu solchen kleinen Listen wär ich endlich

Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir

Zu schaffen?

SITTAH

      Jede Kleinigkeit, zu sehr

Verschmäht, die rächt sich, Bruder.

SALADIN

      Leider wahr. —

Und wenn nun dieser Jude gar der gute,

Vernünft’ge Mann ist, wie der Derwisch dir

Ihn ehedem beschrieben?

SITTAH

      O nun dann!

Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt

Ja nur dem geizigen, besorglichen,

Furchtsamen Juden; nicht dem guten, nicht

Dem weisen Manne. Dieser ist ja so

Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen,

Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred’t;

Mit welcher dreisten Stärk' entweder er

Die Stricke kurz zerreißet, oder auch

Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze

Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast

Du obendrein.

SALADIN

      Nun, das ist wahr. Gewiss,

Ich freue mich darauf.

SITTAH

      So kann dich ja

Auch weiter nichts verlegen machen. Denn

Ist’s einer aus der Menge bloß; ist’s bloß

Ein Jude, wie ein Jude: gegen den

Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen,

Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr,

Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm

Als Geck, als Narr.

SALADIN

      So muss ich ja wohl gar

Schlecht handeln, dass von mir der Schlechte nicht

Schlecht denke?

SITTAH

      Traun! wenn du schlecht handeln nennst,

Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

SALADIN

Was hätt ein Weiberkopf erdacht, das er

Nicht zu beschönen wüsste!

SITTAH

      Zu beschönen!

SALADIN

Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,

In meiner plumpen Hand zerbricht! — So was

Will ausgeführt sein, wie’s erfunden ist:

Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit; — Doch,

Mag’s doch nur, mag’s! Ich tanze, wie ich kann;

Und könnt es freilich, lieber — schlechter noch

Als besser.

SITTAH

      Trau dir auch nur nicht zu wenig!

Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst. —

Dass uns die Männer deinesgleichen doch

So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,

Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.

Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit

Dem Fuchse jagt — des Fuchses, nicht der List.

SALADIN

Und dass die Weiber doch so gern den Mann

Zu sich herunter hätten! — Geh nur, geh! —

Ich glaube meine Lektion zu können.

SITTAH

Was? Ich soll gehn?

SALADIN

      Du wolltest doch nicht bleiben?

SITTAH

Wenn auch nicht bleiben ... im Gesicht euch bleiben —

Doch hier im Nebenzimmer —

SALADIN

      Da zu horchen?

Auch das nicht, Schwester, wenn ich soll bestehn. —

Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kommt! — Doch dass

Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

Indem sie sich durch die eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern herein, und Saladin hat sich gesetzt.

FÜNFTER AUFTRITT

Saladin und Nathan.

SALADIN

Tritt näher, Jude! — Näher! — Nur ganz her! —

Nur ohne Furcht!

NATHAN

      Die bleibe deinem Feinde!

SALADIN

Du nennst dich Nathan?

NATHAN

      Ja.

SALADIN

      Den weisen Nathan?

NATHAN

Nein.

SALADIN

      Wohl! nennst du dich nicht, nennt dich das Volk.

NATHAN

Kann sein, das Volk!

SALADIN

      Du glaubst doch nicht, dass ich

Verächtlich von des Volkes Stimme denke? —

Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen,

Den es den Weisen nennt.

NATHAN

      Und wenn es ihn

Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise

Nichts weiter wär als klug? und klug nur der,

Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

SALADIN

Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

NATHAN

Dann freilich wär der Eigennützigste

Der Klügste. Dann wär freilich klug und weise

Nur eins.

SALADIN

      Ich höre dich erweisen, was

Du widersprechen willst. — Des Menschen wahre

Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du,

Hast du zu kennen wenigstens gesucht;

Hast drüber nachgedacht: das auch allein

Macht schon den Weisen.

NATHAN

      Der sich jeder dünkt

Zu sein.

SALADIN

      Nun der Bescheidenheit genug!

Denn sie, nur immerdar zu hören, wo

Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. Er springt auf.Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber

Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

NATHAN

      Sultan, ich

Will sicherlich dich so bedienen, dass

Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe.

SALADIN

Bedienen? Wie?

NATHAN

      Du sollst das Beste haben

Von allem; sollst es um den billigsten

Preis haben.

SALADIN

      Wovon sprichst du? Doch wohl nicht

Von deinen Waren? — Schachern wird mit dir

Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)

Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.

NATHAN

So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,

Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,

Der allerdings sich wieder reget, etwa

Bemerkt, getroffen? — Wenn ich unverhohlen ...

SALADIN

Auch darauf bin ich eben nicht mit dir

Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel

Ich nötig habe. — Kurz: —

NATHAN

Gebiete, Sultan.

SALADIN

Ich heische deinen Unterricht in ganz

Was anderm, ganz was anderm. — Da du nun

So weise bist: so sage mir doch einmal —

Was für ein Glaube, was für ein Gesetz

Hat dir am meisten eingeleuchtet?

NATHAN

      Sultan,

Ich bin ein Jud'.

SALADIN

      Und ich ein Muselmann.

Der Christ ist zwischen uns. — Von diesen drei

Religionen kann doch eine nur

Die wahre sein. — Ein Mann, wie du, bleibt da

Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt

Ihn hingeworfen; oder wenn er bleibt,

Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern

Wohlan! so teile deine Einsicht mir

Denn mit. Lass mich die Gründe hören, denen

Ich selber nachzugrübeln nicht die Zeit

Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gründe

Bestimmt — versteht sich, im Vertrauen — wissen,

Damit ich sie zu meiner mache. — Wie?

Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? — Kann

Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin,

Der eine solche Grille hat, die mich

Doch eines Sultans eben nicht so ganz

Unwürdig dünkt. — Nicht wahr? So rede doch!

Sprich! — Oder willst du einen Augenblick,

Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir. ---

(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;

Will hören, ob ich’s recht gemacht.) Denk nach,

Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück

Zu kommen.

Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.

SECHSTER AUFTRITT

Nathan allein.

      Hm! hm! — wunderlich! — Wie ist

Mir denn? — Was will der Sultan? Was? — Ich bin

Auf Geld gefasst, und er will — Wahrheit. Wahrheit!

Und will sie so, — so bar, so blank, — als ob

Die Wahrheit Münze wäre! — Ja, wenn noch

Uralte Münze, die gewogen ward! —

Das ginge noch! Allein so neue Münze,

Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett

Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!

Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf

Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?

Ich oder er? — Doch wie? Sollt er auch wohl,

Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern? — Zwar,

Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur

Als Falle brauche, wär auch gar zu klein! —

Zu klein? — Was ist für einen Großen denn

Zu klein? — Gewiss, gewiss: er stürzte mit

Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört

Doch erst, wenn man als Freund sich naht. — Ich muss

Behutsam gehn! — Und wie? wie das? — So ganz

Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. —

Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.

Denn, wenn kein Jude, dürft er mich nur fragen,

Warum kein Muselmann? — Das war’s! Das kann

Mich retten! — Nicht die Kinder bloß speist man

Mit Märchen ab. — Er kömmt. Er komme nur!

SIEBENTER AUFTRITT

Saladin tuid Nathan.

SALADIN

(So ist das Feld hier rein! ) — Ich komm dir doch

Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande

Mit deiner Überlegung? — Nun so rede!

Es hört uns keine Seele.

NATHAN

      Möcht auch doch

Die ganze Welt uns hören.

SALADIN

      So gewiss

Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn

Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu

Verhehlen! für sie alles auf das Spiel

Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

NATHAN

Ja! ja! wann’s nötig ist und nutzt.

SALADIN

      Von nun

An darf ich hoffen, einen meiner Titel,

Verbesserer der Welt und des Gesetzes,

Mit Recht zu führen.

NATHAN

      Traun, ein schöner Titel!

Doch, Sultan, eh ich mich dir ganz vertraue,

Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu

Erzählen?

SALADIN

      Warum das nicht? Ich bin stets

Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut

Erzählt.

NATHAN

      Ja, gut erzählen, das ist nun

Wohl eben meine Sache nicht.

SALADIN

      Schon wieder

So stolz bescheiden? — Mach! erzähl, erzähle!

NATHAN

Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann im Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,

dass ihn der Mann im Osten darum nie

Vom Finger ließ, und die Verfügung traf,

Auf ewig ihn bei seinem Hause zu

Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring

Von seinen Söhnen dem Geliebtesten;

Und setzte fest, dass dieser wiederum

Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,

Der ihm der Liebste sei; und stets der Liebste,

Ohn Ansehn der Geburt, in Kraft allein

Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. —

Versteh mich, Sultan.

SALADIN

      Ich versteh dich. Weiter!

NATHAN

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,

Auf einen Vater endlich von drei Söhnen,

Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,

Die alle drei er folglich gleich zu lieben

Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit

Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald

Der dritte, — sowie jeder sich mit ihm

Allein befand, und sein ergießend Herz

Die andern zwei nicht teilten, — würdiger

Des Ringes, den er denn auch einem jeden

Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.

Das ging nun so, so lang es ging. — Allein

Es kam zum Sterben, und der gute Vater

Kommt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei

Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort

Verlassen, so zu kränken. — Was zu tun?

Er sendet in geheim zu einem Künstler,

Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes

Zwei andere bestellt, und weder Kosten

Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,

Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt

Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,

Kann selbst der Vater seinen Musterring

Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft

Er seine Söhne, jeden insbesondre;

Gibt jedem insbesondre seinen Segen, —

Und seinen Ring, — und stirbt. — Du hörst doch, Sultan?

SALADIN

der betroffen sich von ihm gewandt

Ich hör, ich höre! — Komm mit deinem Märchen

Nur bald zu Ende. — Wird's?

NATHAN

      Ich bin zu Ende.

Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. —

Kaum war der Vater tot, so kommt ein jeder

Mit seinem Ring und jeder will der Fürst

Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht

Erweislich —Nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet.

      Fast so unerweislich als

Uns jetzt — der rechte Glaube.

SALADIN

      Wie? das soll

Die Antwort sein auf meine Frage? ...

Nathan

      Soll

Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe

Mir nicht getrau zu unterscheiden, die

Der Vater in der Absicht machen ließ,

Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

SALADIN

Die Ringe! — Spiele nicht mit mir! — Ich dächte,

dass die Religionen, die ich dir

Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.

Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!

NATHAN

Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. —

Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?

Geschrieben oder überliefert! — Und

Geschichte muss doch wohl allein auf Treu

Und Glauben angenommen werden? — Nicht? —

Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn

Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?

Doch deren Blut wir sind? Doch deren, die

Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe

Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo

Getäuscht zu werden uns heilsamer war? —

Wie kann ich meinen Vätern weniger,

Als du den deinen glauben? Oder, umgekehrt:

Kann ich von dir verlangen, dass du deine

Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht

Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

Das Nämliche gilt von den Christen. Nicht? —

SALADIN

(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.

Ich muss verstummen.)

NATHAN

      Lass auf unsre Ring'

Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne

Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,

Unmittelbar aus seines Vaters Hand

Den Ring zu haben — wie auch wahr! — nachdem

Er von ihm lange das Versprechen schon

Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu

Genießen. — Wie nicht minder wahr! — Der Vater,

Beteu’rte jeder, könne gegen ihn

Nicht falsch gewesen sein; und eh er dieses

Von ihm, von einem solchen lieben Vater,

Argwohnen lass': eh müss’ er seine Brüder,

So gern er sonst von ihnen nur das Beste

Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels

Bezeihen; und er wolle die Verräter

Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

SALADIN

Und nun, der Richter? — Mich verlangt zu hören

Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

NATHAN

Der Richter sprach: wenn Ihr mir nun den Vater

Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich Euch

Von meinem Stuhle. Denkt Ihr, dass ich Rätsel

Zu lösen da bin? Oder harret Ihr,

Bis dass der rechte Ring den Mund eröffne? —

Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring

Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;

Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können! — Nun, wen lieben zwei

Von Euch am meisten? — Macht, sagt an! Ihr schweigt?

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten? — O so seid Ihr alle drei

Betrogene Betrüger! Eure Ringe

Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring

Vermutlich ging verloren. Den Verlust

Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.

SALADIN

      Herrlich! Herrlich!

NATHAN

Und also, fuhr der Richter fort, wenn Ihr

Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:

Geht nur! — Mein Rat ist aber der: Ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater,

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. — Möglich, dass der Vater nun

Die Tyrannei des einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! — Und gewiss,

dass er Euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. — Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen,

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von Euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott,

Zu Hülf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei Euem Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad ich über tausend tausend JahreSie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weis’rer Mann auf diesem Stuhle sitzen,

Als ich, und sprechen. Geht! — So sagte der

Bescheidne Richter.

SALADIN

      Gott! Gott!

NATHAN

      Saladin,

Wenn du dich fühlest, dieser weisere

Versprochne Mann zu sein ...

SALADIN

der auf ihn zustürzt, und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren lässt.

      Ich Staub? Ich Nichts?

O Gott!

NATHAN

      Was ist dir, Sultan?

SALADIN

      Nathan, lieber Nathan! —

Die tausend tausend Jahre deines Richters

Sind noch nicht um. — Sein Richterstuhl ist nicht

Der meine. — Geh! — Geh! — Aber sei mein Freund.

NATHAN

Und weiter hätte Saladin mir nichts

Zu sagen?

SALADIN

      Nichts.

NATHAN

      Nichts?

SALADIN

      Gar nichts. — Und warum?

NATHAN

Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht,

Dir eine Bitte vorzutragen.

SALADIN

      Braucht's

Gelegenheit zu einer Bitte? — Rede!

NATHAN

Ich komm von einer weiten Reis’, auf welcher

Ich Schulden eingetrieben. — Fast hab ich

Des baren Gelds zu viel. — Die Zeit beginnt

Bedenklich wiederum zu werden; — und

Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin. —

Da dacht ich, ob nicht du vielleicht, — weil doch

Ein naher Krieg des Geldes immer mehr

Erfordert, — etwas brauchen könntest.

SALADIN

ihm steif in die Augen sehend

      Nathan! —

Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon

Bei dir gewesen: — will nicht untersuchen,

Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses

Erbieten freierdings zu tun ...

NATHAN

      Ein Argwohn?

SALADIN

Ich bin ihn wert. — Verzeih mir! — denn was hilft’s?

Ich muss dir nur gestehen, — dass ich im

Begriffe war —

NATHAN

      Doch nicht, das Nämliche

An mich zu suchen?

SALADIN

      Allerdings.

NATHAN

      So wär

Uns beiden ja geholfen! Dass ich aber

Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,

Das macht der junge Tempelherr. — Du kennst

Ihn ja. — Ihm hab ich eine große Post

Vorher noch zu bezahlen.

SALADIN

      Tempelherr?

Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht

Mit deinem Geld auch unterstützen wollen?

NATHAN

Ich spreche von dem einen nur, dem du

Das Leben spartest ...

SALADIN

      Ah! woran erinnerst

Du mich! — Hab ich doch diesen Jüngling ganz

Vergessen! — Kennst du ihn? — Wo ist er?

NATHAN

      Wie?

So weißt du nicht, wie viel von deiner Gnade

Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,

Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,

Hat meine Tochter aus dem Feu’r gerettet.

SALADIN

Er? Hat er das? — Ha! danach sah er aus.

Das hätte traun mein Bruder auch getan,

Dem er so ähnelt! — Ist er denn noch hier?

So bring ihn her! — Ich habe meiner Schwester

Von diesem ihrem Bruder, den sie nicht

Gekannt, so viel erzählet, dass ich sie

Sein Ebenbild doch auch muss sehen lassen! —

Geh, hol ihn! — Wie aus einer guten Tat,

Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft,

Doch so viel andre gute Taten fließen!

Geh, hol ihn!

NATHAN

indem er Saladins Hand fahren lässt.

      Augenblicks! Und bei dem andern

Bleibt es doch auch?

SALADIN

      Ah! dass ich meine Schwester

Nicht horchen lassen! — Zu ihr! Zu ihr! — Denn

Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?

Ab von der andern Seite.

ACHTER AUFTRITT

Die Szene: unter den Palmen,in der Nähe des Klosters, wo der Tempelherr Nathans wartet.

TEMPELHERR

geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab, bis er losbricht.

— Hier hält das Opfertier ermüdet still. —

Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen,

Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,

Was vorgehn wird. — Genug, ich bin umsonst

Geflohn; umsonst. — Und weiter könnt ich doch

Auch nichts, als fliehn! — Nun komm’, was kommen soll! —

Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell

Gefallen, unter den zu kommen, ich

So lang und viel mich weigerte. — Sie sehn,

Die ich zu sehn so wenig lüstern war, —

Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus

Den Augen nie zu lassen — Was Entschluss?

Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt’,

Ich litte bloß. — Sie sehn, und das Gefühl,

An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein

War eins. — Bleibt eins. — Von ihr getrennt

Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär

Mein Tod, — und wo wir immer nach dem Tode

Noch sind, auch da mein Tod. --- Ist das nun Liebe:

So — liebt der Tempelritter freilich, — liebt

Der Christ das Judenmädchen freilich. — Hm!

Was tut’s? — Ich hab in dem gelobten Lande, —

Und drum auch mir gelobt auf immerdar! —

Der Vorurteile mehr schon abgelegt. —

Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr

Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,

Der mich zu Saladins Gefangnen machte.

Der Kopf, den Saladin mir schenkte, war

Mein alter? — Ist ein neuer, der von allem

Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward,

Was jenen band; — und ist ein bessrer; für

Den väterlichen Himmel mehr gemacht

Das spür ich ja. Denn erst mit ihm beginn

Ich so zu denken, wie mein Vater hier

Gedacht muss haben; wenn man Märchen nicht

Von ihm mir vorgelogen. — Märchen? — doch

Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,

Als jetzt geschienen, da ich nur Gefahr

Zu straucheln laufe, wo er fiel — Er fiel?

Ich will mit Männern lieber fallen, als

Mit Kindern stehn. — Sein Beispiel bürget mir

Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall

Liegt mir denn sonst? — An Nathans? — O an dessen

Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir

Noch weniger gebrechen. — Welch ein Jude! —

Und der so ganz nur Jude scheinen will!

Da kommt er; kommt mit Hast; glüht heitre Freude.

Wer kam vom Saladin je anders? He!

He, Nathan!

NEUNTER AUFTRITT

Nathan und der Tempelherr.

NATHAN

      Wie? seid Ihr’s?

TEMPELHERR

      Ihr habt

Sehr lang Euch bei dem Sultan aufgehalten.

NATHAN

So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn

Zu viel verweilt. — Ah, wahrlich Curd; der Mann

Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloß sein Schatten. —

Doch lasst vor allen Dingen Euch geschwind

Nur sagen ...

TEMPELHERR

      Was?

NATHAN

      Er will Euch sprechen; will,

dass ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet

Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn

Erst etwas anders zu verfügen habe:

Und dann, so gehn wir.

TEMPELHERR

      Nathan, Euer Haus

Betret ich wieder eher nicht ...

NATHAN

      So seid

Ihr doch indes schon da gewesen? Habt

Indes sie doch gesprochen? — Nun? — Sagt: wie

Gefällt Euch Recha?

TEMPELHERR

      Über allen Ausdruck!

Allein — sie wiedersehn — das werd ich nie!

Nie! nie! — Ihr müsstet mir zur Stelle denn

Versprechen: — dass ich sie auf immer, immer —

Soll können sehn.

NATHAN

      Wie wollt Ihr, dass ich das

Versteh?

TEMPELHERR

nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend

      Mein Vater!

NATHAN

      — Junger Mann!

TEMPELHERR

ihn eben so plötzlich wieder lassend

      Nicht Sohn? —

Ich bitt Euch, Nathan! —

NATHAN

      Lieber junger Mann!

TEMPELHERR

Nicht Sohn? — Ich bitt Euch, Nathan! — Ich beschwör

Euch bei den ersten Banden der Natur! —

Zieht ihnen spätere Fesseln doch nicht vor! —

Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein! — Stoßt mich

Nicht von Euch!

NATHAN

      Lieber, lieber Freund!...

TEMPELHERR

      Und Sohn?

Sohn nicht? — Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn

Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter

Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?

Auch dann nicht einmal, wenn in Eins zu schmelzen

Auf Euern Wink nur beide warteten? —

Ihr schweigt?

NATHAN

      Ihr überrascht mich, junger Ritter.

TEMPELHERR

Ich überrasch Euch? — überrasch Euch, Nathan,

Mit Euem eigenen Gedanken? — Ihr

Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?

Ich überrasch Euch?

NATHAN

      Eh ich einmal weiß,

Was für ein Stauffen Euer Vater denn

Gewesen ist!

TEMPELHERR

      Was sagt Ihr, Nathan? was? —

In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts,

Als Neubegier?

NATHAN

      Denn seht! Ich habe selbst

Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,

Der Conrad hieß.

TEMPELHERR

      Nun — wenn mein Vater denn

Nun eben so geheißen hätte?

NATHAN

      Wahrlich?

TEMPELHERR

Ich heiße selber ja nach meinem Vater: Curd

Ist Conrad.

NATHAN

      Nun — so war mein Conrad doch

Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,

Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.

TEMPELHERR

O darum!

NATHAN

      Wie?

TEMPELHERR

      O darum könnt er doch

Mein Vater wohl gewesen sein.

NATHAN

      Ihr scherzt.

TEMPELHERR

Und Ihr nehmt’s wahrlich zu genau! — Was wär’s

Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!

Der Schlag ist auch nicht zu verachten. — Doch

Entlasst mich immer meiner Ahnenprobe.

Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.

Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel

In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte!

Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham

Hinauf belegen. Und von da so weiter,

Weiß ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.

NATHAN

Ihr werdet bitter. — Doch verdien ich’s? — Schlug

Ich denn Euch schon was ab? — Ich will Euch ja

Nur bei dem Worte nicht den Augenblick

So fassen. — Weiter nichts.

TEMPELHERR

      Gewiss? — Nichts weiter?

O so vergebt! ...

NATHAN

      Nun kommt nur, kommt!

TEMPELHERR

      Wohin?

Nein! — Mit in Euer Haus? — Das nicht! das nicht! —

Da brennt’s! — Ich will Euch hier erwarten. Geht! —

Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie

Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie

Schon viel zu viel ...

NATHAN

      Ich will mich möglichst eilen.

ZEHNTER AUFTRITT

Der Tempelherr und bald darauf Daja.

TEMPELHERR

Schon mehr als g’nug! — Des Menschen Hirn fasst so

Unendlich viel; und ist doch manchmal auch

So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit

So plötzlich voll! — Taugt nichts, taugt nichts; es sei

Auch voll, wovon es will. — Doch nur Geduld!

Die Seele wirkt den aufgedunsenen Stoff

Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht

Und Ordnung kommen wieder. — Lieb ich denn

Zum ersten Male? Oder war, was ich

Als Liebe kenne, Liebe nicht? — Ist Liebe

Nur was ich jetzt empfinde? ...

DAJA

die sich von der Seite herbeigeschlichen

      Ritter! Ritter!

TEMPELHERR

Wer ruft? — Ha, Daja, Ihr?

DAJA

      Ich habe mich

Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch

Könnt er uns sehn, wo Ihr da steht — Drum kommt

Doch näher zu mir, hinter diesen Baum.

TEMPELHERR

Was gibt’s denn? — So geheimnisvoll? — Was ist’s?

DAJA

Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was

Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.

Das eine weiß nur ich; das andre wisst

Nur Ihr. — Wie wär es, wenn wir tauschten?

Vertraut mir Euers, so vertrau ich Euch

Das meine.

TEMPELHERR

      Mit Vergnügen. — Wenn ich nur

Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch

Das wird aus Euerm wohl erhellen. — Fangt

Nur immer an.

DAJA

      Ei denkt doch! — Nein, Herr Ritter:

Erst Ihr; ich folge. — Denn versichert, mein

Geheimnis kann Euch gar nichts nützen, wenn

Ich nicht zuvor das Eure habe. — Nur

Geschwind! — Denn frag ich’s Euch erst ab: so habt

Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann

Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid

Ihr los. — Doch, armer Ritter! — dass ihr Männer

Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben

Zu können auch nur glaubt!

TEMPELHERR

      Das wir zu haben

Oft selbst nicht wissen.

DAJA

      Kann wohl sein. Drum muss

Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt

Zu machen, schon die Freundschaft haben. — Sagt:

Was hieß denn das, dass Ihr so Knall und Fall

Euch aus dem Staube machtet? dass Ihr uns

So sitzen ließet? — dass Ihr nun mit Nathan

Nicht wiederkommt? — Hat Recha denn so wenig

Auf Euch gewirkt? Wie? oder auch, so viel? —

So viel! so viel! — Lehrt Ihr des armen Vogels,

Der an der Rute klebt, Geflattre mich

Doch kennen! — Kurz: gesteht es mir nur gleich,

dass Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und

Ich sag Euch was ...

TEMPELHERR

      Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr

Versteht Euch trefflich drauf.

DAJA

      Nun gebt mir nur

Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch

Erlassen.

TEMPELHERR

      Weil er sich von selbst versteht? —

Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben! ...

DAJA

Scheint freilich wenig Sinn zu haben. — Doch

Zuweilen ist des Sinns in einer Sache

Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre

So unerhört doch nicht, dass uns der Heiland

Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge

Von selbst nicht leicht betreten würde.

TEMPELHERR

      Das

So feierlich? — (Und setz ich statt des Heilands

Die Vorsicht: hat sie denn nicht Recht? —) Ihr macht

Mich neubegieriger, als ich wohl sonst

Zu sein gewohnt bin.

DAJA

      O! das ist das Land

Der Wunder!

TEMPELHERR

      (Nun! — des Wunderbaren. Kann

Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt

Drängt sich ja hier zusammen.) — Liebe Daja,

Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt:

dass ich sie liebe; dass ich nicht begreife,

Wie ohne sie ich leben werde; dass ...

DAJA

Gewiss? gewiss? — So schwört mir, Ritter, sie

Zur Eurigen zu machen; sie zu retten;

Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

TEMPELHERR

Und wie? — Wie kann ich? — Kann ich schwören, was

In meiner Macht nicht steht?

DAJA

      In Eurer Macht

Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort

In Eure Macht.

TEMPELHERR

      Dass selbst der Vater nichts

Dawider hätte?

DAJA

      Ei, was Vater! Vater!

Der Vater soll schon müssen.

TEMPELHERR

      Müssen, Daja? —

Noch ist er unter Räuber nicht gefallen.

Er muss nicht müssen.

DAJA

      Nun, so muss er wollen;

Muss gern am Ende wollen.

TEMPELHERR

      Muss? und gern? —

Doch Daja, wenn ich Euch nun sage, dass

Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen

Bereits versucht?

DAJA

      Was? und er fiel nicht ein?

TEMPELHERR

Er fiel mit einem Misslaut ein, der mich —

Beleidigte.

DAJA

      Was sagt Ihr? — Wie? Ihr hättet

Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha

Ihm blicken lassen: und er wär vor Freuden

Nicht aufgesprungen? — hätte frostig sich

Zurückgezogen? — hätte Schwierigkeiten

Gemacht?

TEMPELHERR

      So ungefähr.

DAJA

      So will ich denn

Mich länger keinen Augenblick bedenken. —Pause.

TEMPELHERR

Und Ihr bedenkt Euch doch?

DAJA

      Der Mann ist sonst

So gut! — Ich selber bin so viel ihm schuldig! —

Dass er doch gar nicht hören will! — Gott weiß,

Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

TEMPELHERR

Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut

Aus dieser Ungewissheit. Seid Ihr aber

Noch selber ungewiss, ob, was Ihr vorhabt,

Gut oder böse, schändlich oder löblich

Zu nennen: schweigt! Ich will vergessen, dass

Ihr etwas zu verschweigen habt.

DAJA

      Das spornt,

Anstatt zu halten. — Nun; so wisst denn: Recha

Ist keine Jüdin; ist — ist eine Christin.

TEMPELHERR

kalt

So? Wünsch Euch Glück! Hat’s schwer gehalten? Lasst

Euch nicht die Wehen schrecken! Fahret ja

Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern;

Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt!

DAJA

      Wie, Ritter?

Verdienet meine Nachricht diesen Spott?

dass Recha eine Christin ist, das freuet

Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,

Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

TEMPELHERR

      Besonders, da

Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

DAJA

Ah! so versteht Ihr’s? So mag’s gelten! — Nein!

Den will ich sehn, der die bekehren soll!

Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden

Verdorben ist.

TEMPELHERR

      Erklärt Euch, oder — geht!

DAJA

Sie ist ein Christenkind; von Christeneltern

Geboren; ist getauft ...

TEMPELHERR

hastig

      Und Nathan?

DAJA

      Nicht

Ihr Vater!

TEMPELHERR

      Nathan nicht ihr Vater? — Wisst

Ihr, was Ihr sagt?

DAJA

      Die Wahrheit, die so oft

Mich blut’ge Tränen weinen machen. — Nein,

Er ist ihr Vater nicht ...

TEMPELHERR

      Und hätte sie

Als seine Tochter nur erzogen? hätte

Das Christenkind als eine Jüdin sich

Erzogen?

DAJA

      Ganz gewiss.

TEMPELHERR

      Sie wüsste nicht,

Was sie geboren sei? — Sie hätt es nie

Von ihm erfahren, dass sie eine Christin

Geboren sei, und keine Jüdin?

DAJA

      Nie!

TEMPELHERR

Er hätt in diesem Wahne nicht das Kind

Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch

In diesem Wahne?

DAJA

      Leider!

TEMPELHERR

      Nathan — Wie? —

Der weise, gute Nathan hätte sich

Erlaubt, die Stimme der Natur so zu

Verfälschen? — Die Ergießung eines Herzens

So zu verlenken, die, sich selbst gelassen,

Ganz andre Wege nehmen würde? — Daja,

Ihr habt mir allerdings etwas vertraut —

Von Wichtigkeit, — was Folgen haben kann,

Was mich verwirrt, — worauf ich gleich nicht weiß,

Was mir zu tun. — Drum lasst mir Zeit. — Drum geht!

Er kommt hier wiederum vorbei. Er möcht

Uns überfallen. Geht!

DAJA

      Ich wär des Todes!

TEMPELHERR

Ich bin ihn jetzt zu sprechen ganz und gar

Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt

Ihm nur, dass wir einander bei dem Sultan

Schon finden würden.

DAJA

      Aber lasst Euch ja

Nichts merken gegen ihn. — Das soll nur so

Den letzten Druck dem Dinge geben; soll

Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur

Benehmen! — Wenn Ihr aber dann sie nach

Europa führt, so lasst Ihr doch mich nicht

Zurück?

TEMPELHERR

      Das wird sich finden. Geht nur! geht!

VIERTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

Szene: in den Kreuzgängen des Klosters.Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.

KLOSTERBRUDER

Ja, ja! er hat schon Recht, der Patriarch!

Es hat mir freilich noch von alledem

Nicht viel gelingen wollen, was er mir

So aufgetragen. — Warum trägt er mir

Auch lauter solche Sachen auf? — Ich mag

Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag

Mein Näschen nicht in alles stecken; mag

Mein Händchen nicht in allem haben. — Bin

Ich darum aus der Welt geschieden, ich

Für mich, um mich für andre mit der Welt

Noch erst recht zu verwickeln?

TEMPELHERR

mit Hast auf ihn zukommend

      Guter Bruder!

Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon

Gesucht.

KLOSTERBRUDER

      Mich, Herr?

TEMPELHERR

      Ihr kennt mich schon nicht mehr?

KLOSTERBRUDER

Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn

In meinem Leben wieder nie zu sehn

Bekommen würde. Denn ich hofft es zu

Dem lieben Gott. — Der liebe Gott, der weiß,

Wie sauer mir der Antrag ward, den ich

Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiß,

Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch

Zu finden; weiß, wie sehr ich mich gefreut,

Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund

Das alles, ohne viel Bedenken, von

Euch wies’t, was einem Ritter nicht geziemt. —

Nun kommt Ihr doch! Nun hat’s doch nachgewirkt!

TEMPELHERR

Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum

Weiß ich es selbst.

KLOSTERBRUDER

      Ihr habt’s nun überlegt;

Habt nun gefunden, dass der Patriarch

So Unrecht doch nicht hat: dass Ehr' und Geld

Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass

Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel

Auch siebenmal gewesen wäre. Das,

Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,

Und kommt, und tragt Euch wieder an. — Ach Gott!

TEMPELHERR

Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.

Deswegen komm ich nicht; deswegen will

Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,

Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich

Gedacht, und wollt um alles in der Welt

Die gute Meinung nicht verlieren, deren

Mich ein so grader, frommer, lieber Mann

Einmal gewürdiget. — Ich komme bloß,

Den Patriarchen über eine Sache

Um Rat zu fragen ...

KLOSTERBRUDER

      Ihr den Patriarchen?

Ein Ritter einen — Pfaffen?

Sich schüchtern umsehend.)

TEMPELHERR

      Ja; — die Sach'

Ist ziemlich pfäffisch.

KLOSTERBRUDER

      Gleichwohl fragt der Pfaffe

Den Ritter nie, die Sache sei auch noch

So ritterlich.

TEMPELHERR

      Weil er das Vorrecht hat,

Sich zu vergehn, das unsereiner ihm

Nicht sehr beneidet. — Freilich, wenn ich nur

Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn

Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte:

Was braucht' ich Eures Patriarchen? Aber

Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,

Nach andrer Willen, machen; als allein

Nach meinem, gut. — Zudem, ich seh nun wohl,

Religion ist auch Partei; und wer

Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,

Hält, ohn es selbst zu wissen, doch nur seiner

Die Stange. Weil das einmal nun so ist;

Wird’s so wohl recht sein.

KLOSTERBRUDER

      Dazu schweig ich lieber.

Denn ich versteh den Herrn nicht recht.

TEMPELHERR

      Und doch! —

(lass sehn, warum mir eigentlich zu tun!

Um Machtspruch oder Rat? — Um lautern, oder

Gelehrten Rat?) — Ich dank Euch Bruder; dank

Euch für den guten Wink. — Was Patriarch? —

Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch

Den Christen mehr im Patriarchen, als

Den Patriarchen in dem Christen fragen. —

Die Sach’ ist die ...

KLOSTERBRUDER

      Nicht weiter, Herr, nicht weiter!

Wozu? — Der Herr verkennt mich. — Wer viel weiß,

Hat viel zu sorgen; und ich habe ja

Mich einer Sorge nur gelobt. — O gut!

Hört! seht! Dort kommt, zu meinem Glück, er selbst

Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.

ZWEITER AUFTRITT

Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einenKreuzgang heraufkommt, und die Vorigen.

TEMPELHERR

Ich wich' ihm lieber aus. — Wär nicht mein Mann? —

Ein dicker, roter, freundlicher Prälat!

Und welcher Prunk!

KLOSTERBRUDER

      Ihr solltet ihn erst sehn

Nach Hofe sich erheben. Itzo kommt

Er nur von einem Kranken.

TEMPELHERR

      Wie sich da

Nicht Saladin wird schämen müssen!

PATRIARCH

indem er näher kommt, winkt dem Bruder

      Hier! —

Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will

Er?

KLOSTERBRUDER

      Weiß nicht.

PATRIARCH

auf ihn zu gehend, indem der Bruder und das Gefolge zurücktreten

      Nun, Herr Ritter! — Sehr erfreut

Den braven jungen Mann zu sehn! — Ei, noch

So gar jung! — Nun, mit Gottes Hülfe, daraus

Kann etwas werden.

TEMPELHERR

      Mehr, ehrwürd’ger Herr,

Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch

Was weniger.

PATRIARCH

      Ich wünsche wenigstens,

dass so ein frommer Ritter lange noch

Der lieben Christenheit, der Sache Gottes

Zu Ehr' und Frommen blühn und grünen möge!

Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein

Die junge Tapferkeit dem reifen Rate

Des Alters folgen will! — Womit wär sonst

Dem Herrn zu dienen?

TEMPELHERR

      Mit dem Nämlichen,

Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.

PATRIARCH

Recht gern! — Nur ist der Rat auch anzunehmen.

TEMPELHERR

Doch blindlings nicht?

PATRAIARCH

      Wer sagt denn das? — Ei freilich

muss niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,

Zu brauchen unterlassen — wo sie hin--

Gehört. Gehört sie aber überall

Denn hin? — O nein! — Zum Beispiel: wenn uns Gott

Durch einen seiner Engel, — ist zu sagen,

Durch einen Diener seines Worts — ein Mittel

Bekannt zu machen würdiget, das Wohl

Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche

Auf irgendeine ganz besondre WeiseZu fördern, zu befestigen: wer darf

Sich da noch unterstehn, die Willkür des,

Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft

Zu untersuchen? und das ewige

Gesetz der Herrlichkeit des Himmels nach

Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre

Zu prüfen? — Doch hiervon genug. Was ist

Es denn, worüber unsern Rat für jetzt

Der Herr verlangt?

TEMPELHERR

      Gesetzt, ehrwürd’ger Vater,

Ein Jude hätt ein einzig Kind, — es sei

Ein Mädchen, — das er mit der größten Sorgfalt

Zu allem Guten auferzogen, das

Er liebe mehr als seine Seele, das

Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe.

Und nun würd unsereinem hinterbracht,

Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht;

Er hab’ es in der Kindheit aufgelesen,

Gekauft, gestohlen — was Ihr wollt; man wisse,

Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei

Getauft; der Jude hab' es nur als Jüdin

Erzogen; lass es nur als Jüdin und

Als seine Tochter so verharren: — sagt,

Ehrwürd’ger Vater, was wär hierbei wohl

Zu tun?

PATRIARCH

      Mich schaudert! — Doch zu allerest

Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall

Ein Faktum oder eine Hypothes’.

Das ist zu sagen: ob der Herr sich das

Nur bloß so dichtet, oder ob’s geschehn,

Und fortfährt zu geschehn.

TEMPELHERR

      Ich glaubte, das

Sei eins, um Euer Hochehrwürden Meinung

Bloß zu vernehmen.

PATRIARCH

      Eins? — Da seh' der Herr,

Wie sich die stolze menschliche Vernunft

Im Geistlichen doch irren kann. — Mitnichten!

Denn ist der vorgetragene Fall nur so

Ein Spiel des Witzes, so verlohnt es sich

Der Mühe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.

Ich will den Herrn damit auf das Theater

Verwiesen haben, wo dergleichen proEt contra sich mit vielem Beifall könnte

Behandeln lassen. — Hat der Herr mich aber

Nicht bloß mit einer theatral’schen Schnurre

Zum Besten; ist der Fall ein Faktum; hätt

Er sich wohl gar in unsrer Diözes',

In unsrer lieben Stadt Jerusalem,

Ereignet: — ja alsdann —

TEMPELHERR

      Und was alsdann —

PATRIARCH

Dann wäre an dem Juden fördersamst

Die Strafe zu vollziehn, die päpstliches

Und kaiserliches Recht so einem Frevel,

So einer Lastertat bestimmen.

TEMPELHERR

      So?

PATRIARCH

Und zwar bestimmen obbesagte Rechte

Dem Juden, welcher einen Christen zur

Apostasie verführt — den Scheiterhaufen, —

Den Holzstoß —

TEMPELHERR

      So?

PATRIARCH

      Und wie vielmehr dem Juden,

Der mit Gewalt ein armes Christenkind

Dem Bunde seiner Tauf entreißt! Denn ist

Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? —

Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch'

An Kindern tut.

TEMPELHERR

      Wenn aber nun das Kind,

Erbarmte seiner sich der Jude nicht,

Vielleicht im Elend umgekommen wäre?

PATRIARCH

Tut nichts! der Jude wird verbrannt. — Denn besser,

Es wäre hier im Elend umgekommen,

Als dass zu seinem ewigen Verderben

Es so gerettet ward. — Zudem, was hat

Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott

Kann, wen er retten will, schon ohn ihn retten.

TEMPELHERR

Auch trotz ihm, sollt ich meinen — selig machen.

PATRIARCH

Tut nichts! der Jude wird verbrannt.

TEMPELHERR

      Das geht

Mir nah'! Besonders da man sagt, er habe

Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als

Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,

Und sie von Gott nicht mehr, nicht weniger

Gelehrt, als der Vernunft genügt.

PATRIARCH

      Tut nichts!

Der Jude wird verbrannt ... Ja, wär allein

Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt

Zu werden! — Was? ein Kind ohn allen Glauben

Erwachsen lassen? — Wie? die große Pflicht,

Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?

Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,

Euch selbst ...

TEMPELHERR

      Ehrwürd’ger Herr, das Übrige,

Wenn Gott will, in der Beichte.

will gehen

PATRIARCH

      Was? mir nun

Nicht einmal Rede stehn? — Den Bösewicht;

Den Juden mir nicht nennen? — mir ihn nicht

Zur Stelle schaffen? — O da weiß ich Rat!

Ich geh sogleich zum Sultan. — Saladin,

Vermöge der Kapitulation,

Die er beschworen, muss uns, muss uns schützen:

Bei allen Rechten, allen Lehren schützen,

Die wir zu unsrer allerheiligsten

Religion nur immer rechnen dürfen!

Gottlob! wir haben das Original.

Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir! —

Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie

Gefährlich selber für den Staat es ist,

Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande

Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenn

Der Mensch nichts glauben darf. — Hinweg! hinweg

Mit solchem Frevel! ...

TEMPELHERR

      Schade, dass ich nicht

Den trefflichen Sermon mit bessrer Muße

Genießen kann! Ich bin zum Saladin

Gerufen.

PATRIARCH

      Ja? — Nun so — Nun freilich — Dann —

TEMPELHERR

Ich will den Sultan vorbereiten, wenn

Es Euer Hochehrwürden so gefällt.

PATRIARCH

O, oh! — Ich weiß, der Herr hat Gnade fanden

Vor Saladin! Ich bitte meiner nur

Im Besten bei ihm eingedenk zu sein. —

Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.

Was ich zu viel tu, tu ich ihm. — Das wolle

Doch ja der Herr erwägen! — Und nicht wahr,

Herr Ritter, das vorhin Erwähnte von

Dem Juden war nur ein Problema? — ist

Zu sagen —

TEMPELHERR

      Ein Problema.

Geht ab.

PATRIARCH

      (Dem ich tiefer

Doch auf den Grund zu kommen suchen muss.

Das wär so wiederum ein Auftrag für

Den Bruder Bonafides.) — Hier, mein Sohn!

Er spricht im Abgehen mit dem Klosterbruder.

DRITTER AUFTRITT

Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin,in welches von Sklaven eine Menge Beutel getragen und auf dem Boden nebeneinander gestellt werden.Saladin und bald darauf Sittah.

SALADIN

der dazu kommt

Nun wahrlich! das hat noch kein Ende. — Ist

Des Dings noch viel zurück?

EIN SKLAVE

      Wohl noch die Hälfte.

SALADIN

So tragt das Übrige zu Sittah. — Und

Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich

Al-Hafi zu sich nehmen. Oder ob

Ich’s nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier

Fällt mir es doch nur durch die Finger. — Zwar

Man wird wohl endlich hart; und nun gewiss

Solls Künste kosten, mir viel abzuzwacken.

Bis wenigstens die Gelder aus Ägypten

Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn,

Wie’s fertig wird! — Die Spenden bei dem Grabe,

Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger

Mit leeren Händen nur nicht abziehn dürfen

Wenn nur —

SITTAH

      Was soll nun das? Was soll das Geld

Bei mir?

SALADIN

      Mach dich davon bezahlt; und leg

Auf Vorrat, wenn was übrig bleibt.

SITTAH

      Ist Nathan

Noch mit dem Tempelherrn nicht da?

SALADIN

      Er sucht

Ihn aller Orten.

SITTAH

      Sieh doch, was ich hier

Indem mir so mein alt Geschmeide durch

Die Hände geht, gefunden.

Ihm ein kleines Gemälde zeigend.

SALADIN

      Ha! mein Bruder!

Das ist er, ist er! — War er! war er! ah! —

Ah, wackrer lieber Junge, dass ich dich

So früh verlor! Was hätt ich erst mit dir,

An deiner Seit’ erst unternommen! — Sittah,

lass mir das Bild. Auch kenn ich’s schon: er gab

Es deiner ältern Schwester, seiner Lilla,

Die eines Morgens ihn so ganz und gar

Nicht aus den Armen lassen wollt. Es war

Der letzte, den er ausritt. — Ah, ich ließ

Ihn reiten, und allein! Ah, Lilla starb

Vor Gram, und hat mir’s nie vergeben, dass

Ich so allein ihn reiten lassen. — Er

Blieb weg!

SITTAH

      Der arme Bruder!

SALADIN

      Lass nur gut

Sein! — Einmal bleiben wir doch alle weg! —

Zudem, wer weiß? Der Tod ist’s nicht allein,

Der einem Jüngling seiner Art das Ziel

Verrückt. Er hat der Feinde mehr; und oft

Erliegt der Stärkste gleich dem Schwächsten. — Nun,

Sei wie ihm sei! — Ich muss das Bild doch mit

Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muss

Doch sehn, wie viel mich meine Phantasie

Getäuscht.

SITTAH

      Nur darum bring ich’s. Aber gib

Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das

Versteht ein weiblich Aug am besten.

SALADIN

zu einem Türsteher, der hereintritt

      Wer

Ist da? — der Tempelherr? — Er komm’!

SITTAH

      Euch nicht

Zu stören: ihn mit meiner Neugier nicht

Zu irren —

Sie setzt sich seitwärts auf einen Sofa und läßt den Schleier fallen.

SALADIN

      Gut so! gut! — (Und nun sein Ton!

Wie der wohl sein wird! — Assads Ton

Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch!)

VIERTER AUFTRITT

Der Tempelherr und Saladin.

TEMPELHERR

Ich, dein Gefangner, Sultan ...

SALADIN

      Mein Gefangner?

Wem ich das Leben schenke, werd ich dem

Nicht auch die Freiheit schenken?

TEMPELHERR

      Was dir ziemt

Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht

Vorauszusetzen. Aber, Sultan — Dank,

Besondern Dank dir für mein Leben zu

Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem

Charakter nicht. — Es steht in allen Fällen

Zu deinen Diensten wieder.

SALADIN

      Brauch es nur

Nicht wider mich! — Zwar ein Paar Hände mehr,

Die gönnt ich meinem Feinde gern. Allein

Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt

Mir schwer. — Ich habe mich mit dir in nichts

Betrogen, braver junger Mann! Du bist

Mit Seel und Leib mein Assad. Sieh! ich könnte

Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit

Gesteckt? in welcher Höhle du geschlafen?

In welchem Ginnistan, von welcher guten

Div diese Blume fort und fort so frisch

Erhalten worden? Sieht ich könnte dich

Erinnern wollen, was wir dort und dort

Zusammen ausgeführt. Ich könnte mit

Dir zanken, dass du ein Geheimnis doch

Vor mir gehabt! ein Abenteuer mir

Doch unterschlagen: — Ja, das könnt ich; wenn

Ich dich nur säh', und nicht auch mich. — Nun mag’s!

Von dieser süßen Träumerei ist immer

Doch so viel wahr, dass mir in meinem Herbst

Ein Assad wieder blühen soll. — Du bist

Es doch zufrieden, Ritter?

TEMPELHERR

      Alles, was

Von dir mir kommt, — sei was es will — das lag

Als Wunsch in meiner Seele.

SALADIN

      Lass uns das

Sogleich versuchen. — Bliebst du wohl bei mir?

Um mich? — Als Christ, als Muselmann: gleichviel!

Im weißen Mantel, oder Jamerlonk;

Im Turban, oder deinem Filze: wie

Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,

dass allen Bäumen eine Rinde wachse.

TEMPELHERR

Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der du bist:

Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre.

SALADIN

Nun denn; wenn du nicht schlechter von mir denkst,

So wären wir ja halb schon richtig?

TEMPELHERR

      Ganz!

SALADIN

ihm die Hand bietend

Ein Wort!

TEMPELHERR

einschlagend

      Ein Mann! — Hiermit empfange mehr

Als du mir nehmen konntest. Ganz der deine!

SALADIN

Zu viel Gewinn für einen Tag! zu viel! —

Kam er nicht mit?

TEMPELHERR

      Wer?

SALADIN

      Nathan.

TEMPELHERR

frostig

      Nein. Ich kam

Allein.

SALADIN

      Welch eine Tat von dir! Und welch

Ein weises Glück, dass eine solche Tat

Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.

TEMPELHERR

Ja, ja!

SALADIN

      So kalt? — Nein, junger Mann! wenn Gott

Was Gutes durch uns tut, muss man so kalt

Nicht sein! — selbst aus Bescheidenheit so kalt

Nicht scheinen wollen!

TEMPELHERR

      Dass doch in der Welt

Ein jedes Ding so manche Seiten hat! —

Von denen oft sich gar nicht denken läßt,

Wie sie zusammenpassen!

SALADIN

      Halte dich

Nur immer an die best’, und preise Gott!

Der weiß, wie sie zusammenpassen! Aber,

Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann,

So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut

Mich mit dir halten müssen? Leider bin

Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die

Oft nicht so recht zu passen scheinen mögen.

TEMPELHERR

Das schmerzt! — Denn Argwohn ist so wenig sonst

Mein Fehler —

SALADIN

      Nun, so sage doch, mit wem

Du’s hast? — Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?

Auf Nathan Argwohn? du? — Erklär dich! sprich!

Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.

TEMPELHERR

Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn

Allein mit mir —

SALADIN

      Und über was?

TEMPELHERR

      Dass mir

Geträumt, ein Jude könn’ auch wohl ein Jude

Zu sein verlernen; dass mir wachend so

Geträumt.

SALADIN

      Heraus mit diesem wachen Traume!

TEMPELHERR

Du weißt von Nathans Tochter, Sultan. Was

Ich für sie tat, das tat ich, — weil ich’s tat.

Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn

Nicht säete, verschmäht ich Tag für Tag,

Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater

War fern; er kömmt; er hört; er sucht mich auf;

Er dankt; er wünscht, dass seine Tochter mir

Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht

Von heitern Fernen. — Nun, ich lasse mich

Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich

Ein Mädchen ... Ah, ich muss mich schämen, Sultan! —

SALADIN

Dich schämen! — dass ein Judenmädchen auf

Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?

TEMPELHERR

Dass diesem Eindruck, auf das liebliche

Geschwätz des Vaters hin, mein rasches Herz

So wenig Widerstand entgegensetzte! —

Ich Tropf! ich sprang zum zweiten Mal ins Feuer. —

Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmäht.

SALADIN

Verschmäht?

TEMPELHERR

      Der weise Vater schlägt nun wohl

Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater

muss aber doch sich erst erkunden, erst

Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das

Nicht auch? Erkundete, besann ich denn

Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? —

Fürwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schönes,

So weise, so bedächtig sein!

SALADIN

      Nun, nun!

So sieh doch einem Alten etwas nach!

Wie lange können seine Weigerungen

Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,

dass du erst Jude werden sollst?

TEMPELHERR

      Wer weiß!

SALADIN

Wer weiß? — der diesen Nathan besser kennt.

TEMPELHERR

Der Aberglaube in dem wir aufgewachsen,

Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum

Doch seine Macht nicht über uns. — Es sind

Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

SALADIN

Sehr reif bemerkt! Doch Nathan, wahrlich Nathan ...

TEMPELHERR

Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen

Für den erträglichern zu halten ... —

SALADIN

      Mag

Wohl sein! Doch Nathan ...

TEMPELHERR

      Dem allein

Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis

Sie hellern Wahrheitstag gewöhne; dem

Allein ...

SALADIN

      Gut! Aber Nathan! Nathans Los

Ist diese Schwachheit nicht.

TEMPELHERR

      So dacht ich auch!...

Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen

So ein gemeiner Jude wäre, dass

Er Christenkinder zu bekommen suchte,

Um sie als Juden aufzuziehn — wie dann?

SALADIN

Wer sagt ihm so was nach?

TEMPELHERR

      Das Mädchen selbst,

Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung

Er gern mir zu bezahlen schiene, was

Ich nicht umsonst für sie getan soll haben: —

Dies Mädchen selbst, ist seine Tochter — nicht;

Ist ein verzettelt Christenkind.

SALADIN

      Das er

Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?

TEMPELHERR

heftig

Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.

Der tolerante Schwätzer ist entdeckt!

Ich werde hinter diesen jüd’schen Wolf

Im philosoph’schen Schafspelz Hunde schon

Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!

SALADIN

ernst

Sei ruhig, Christ!

TEMPELHERR

      Was? Ruhig Christ? Wenn Jud’

Und Muselmann auf Jud’, auf Muselmann

Bestehen: soll allein der Christ den Christen

Nicht machen dürfen?

SALADIN

noch ernster

      Ruhig, Christ!

TEMPELHERR

      Ich fühle

Des Vorwurfs ganze Last, — die Saladin

In diese Silbe preßt! Ah, wenn ich wüßte,

Wie Assad, — Assad sich an meiner Stelle

Hierbei genommen hätte!

SALADIN

      Nicht viel besser! —

Vermutlich, ganz so brausend! — Doch, wer hat

Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er

Mit einem Worte zu bestechen? Freilich,

Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest:

Kann ich mich selber kaum in Nathan finden. —

Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde

muss keiner mit dem andern hadern. — lass

Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht

Sofort den Schwärmern deines Pöbels preis!

Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihmZu rächen, mir so nahe legen würde!

Sei keinem Juden, keinem Muselmanne

Zum Trotz ein Christ!

TEMPELHERR

      Bald wär’s damit zu spät!

Doch Dank der Blutbegier des Patriarchen,

Des Werkzeug mir zu werden graute!

SALADIN

      Wie?

Du kamst zum Patriarchen eher, als

Zu mir?

TEMPELHERR

      Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel

Der Unentschlossenheit! — Verzeih! — Du wirst

Von deinem Assad, fürcht ich, ferner nun

Nichts mehr in mir erkennen wollen.

SALADIN

      Wär

Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weiß

Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.

Pfleg diese ferner nur, und jene sollen

Bei mir dir wenig schaden. Aber geh!

Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;

Und bring ihn her. Ich muss Euch doch zusammen

Verständigen. — Wär um das Mädchen dir

Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!

Auch soll es Nathan schon empfinden, dass

Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind

Erziehen dürfen! — Geh!

Der Tempelherr geht ab, und Sittah verlässt den Sofa.

FÜNFTER AUFTRITT

Saladin und Sittah.

SITTAH

      Ganz sonderbar!

SALADIN

Gelt, Sittah? muss mein Assad nicht ein braver,

Ein schöner junger Mann gewesen sein?

SITTAH

Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde

Der Tempelherr vielmehr gesessen! — Aber

Wie hast du doch vergessen können, dich

Nach seinen Eltern zu erkundigen?

SALADIN

Und insbesondere wohl nach seiner Mutter?

Ob seine Mutter hierzulande nie

Gewesen sei? — Nicht wahr?

SITTAH

      Das machst du gut!

SALADIN

O, möglicher wär nichts! Denn Assad war

Bei hübschen Christendamen so willkommen,

Auf hübsche Christendamen so erpicht,

Dass einmal gar die Rede ging — Nun, nun;

Man spricht nicht gern davon. — Genug; ich hab

Ihn wieder! — will mit allen seinen Fehlern,

Mit allen Launen seines weichen Herzens

Ihn wieder haben! — O! das Mädchen muss

Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?

SITTAH

      Ihm geben?

Ihm lassen!

SALADIN

      Allerdings! Was hätte Nathan,

Sobald er nicht ihr Vater ist, für Recht

Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,

Tritt einzig in die Rechte des, der ihr

Es gab.

SITTAH

      Wie also, Saladin? wenn du

Nur gleich das Mädchen zu dir nähmst? Sie nur

Dem unrechtmäßigen Besitzer gleich

Entzögest?

SALADIN

      Täte das wohl Not?

SITTAH

      Not nun

Wohl eben nicht! — Die liebe Neubegier

Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.

Denn von gewissen Männern mag ich gar

Zu gern, so bald wie möglich, wissen, was

Sie für ein Mädchen lieben können.

SALADIN

      Nun,

So schick und lass sie holen.

SITTAH

      Darf ich, Bruder?

SALADIN

Nur schone Nathans! Nathan muss durchaus

Nicht glauben, dass man mit Gewalt ihn von

Ihr trennen wolle.

SITTAH

      Sorge nicht.

SALADIN

      Und ich,

Ich muss schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.

SECHSTER AUFTRITT

Szene: Die offene Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu;wie im ersten Auftritt des ersten Aufzuges.Ein Teil der Waren und Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren eben daselbst gedacht wird.Nathan und Daja.

DAJA

O, alles herrlich! alles auserlesen!

O, alles — wie nur Ihr es geben könnt.

Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken

Gemacht? Was kostet er? — Das nenn ich noch

Ein Brautkleid! Keine Königin verlangt

Es besser.

NATHAN

      Brautkleid? Warum Brautkleid eben?

DAJA

Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,

Als Ihr ihn kauftet. — Aber wahrlich, Nathan,

Der und kein andrer muss es sein! Er ist

Zum Brautkleid wie bestellt. Der weiße Grund:

Ein Bild der Unschuld; und die goldnen Ströme,

Die allerorten diesen Grund durchschlängeln:

Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!

NATHAN

Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid

Sinnbilderst du mir so gelehrt? — Bist du

Denn Braut?

DAJA

      Ich?

NATHAN

      Nun wer denn?

DAJA

      Ich? — Lieber Gott!

NATHAN

Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn?

Das alles ist ja dein, und keiner andern.

DAJA

Ist mein? Soll mein sein? — Ist für Recha nicht?

NATHAN

Was ich für Recha mitgebracht, das liegt

In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!

Trag deine Siebensachen fort!

DAJA

      Versucher!

Nein, wären es die Kostbarkeiten auch

Der ganzen Welt! Nicht rühr an! wenn Ihr mir

Vorher nicht schwört, von dieser einzigen

Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel

Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.

NATHAN

Gebrauch? von was? — Gelegenheit? wozu?

DAJA

O stellt Euch nicht so fremd! — Mit kurzen Worten:

Der Tempelherr liebt Recha; gebt sie ihm!

So hat doch einmal Eure Sünde, die

Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende.

So kommt das Mädchen wieder unter Christen;

Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was

Sie war; und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,

Das wir Euch nicht genug verdanken können,

Nicht Feuerkohlen bloß auf Euer Haupt

Gesammelt.

NATHAN

      Doch die alte Leier wieder? —

Mit einer neuen Saite nur bezogen,

Die, fürcht ich, weder stimmt noch hält.

DAJA

      Wieso?

NATHAN

Mir wär der Tempelherr schon recht. Ihm gönnt

Ich Recha mehr als einem in der Welt.

Allein ... Nun, habe nur Geduld.

DAJA

      Geduld?

Geduld, ist Eure alte Leier nun

Wohl nicht?

NATHAN

      Nur wenig Tage noch Geduld!...

Sieh doch! — Wer kommt denn dort? Ein Klosterbruder?

Geh, frag ihn, was er will.

DAJA

      Was wird er wollen?

Sie geht auf ihn zu und fragt.

NATHAN

So gib! — und eh er bittet. — (Wüsst ich nur

Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne

Die Ursach meiner Neugier ihm zu sagen!

Denn wenn ich sie ihm sag, und der Verdacht

Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst

Den Vater auf das Spiel gesetzt) — Was ist’s?

DAJA

Er will Euch sprechen.

NATHAN

      Nun, so lass ihn kommen;

Und geh indes.

SIEBENTER AUFTRITT

Nathan und der Klosterbruder.

NATHAN

      (Ich bliebe Rechas Vater

Doch gar zu gern! — Zwar kann’ ich’s denn nicht bleiben,

Auch wenn ich aufhör, es zu heißen? — Ihr,

Ihr selbst werd ich’s doch immer auch noch heißen,

Wenn sie erkennt, wie gern ich’s wäre.) — Geh! —

Was ist zu Euren Diensten, frommer Bruder?

KLOSTERBRUDER

Nicht eben viel. — Ich freue mich, Herr Nathan,

Euch annoch wohl zu sehn.

NATHAN

      So kennt Ihr mich?

KLOSTERBRUDER

Je nun; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem

Ja Euern Namen in die Hand gedrückt.

Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.

NATHAN

nach seinem Beutel langend

Kommt, Bruder, kommt; ich frisch’ ihn auf.

KLOSTERBRUDER

      Habt Dank!

Ich würd’ es Ärmern stehlen; nehme nichts. —

Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig

Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn

Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand

Etwas gelegt zu haben, was nicht zu

Verachten war.

NATHAN

      Verzeiht! — Ich schäme mich —

Sagt, was? — und nehmt zur Buße siebenfach

Den Wert desselben von mir an.

KLOSTERBRUDER

      Hört doch

Vor allen Dingen, wie ich selber nur

Erst heut’ an dies mein Euch vertrautes Pfand

Erinnert worden.

NATHAN

      Mir vertrautes Pfand?

KLOSTERBRUDER

Vor Kurzem saß ich noch als Eremit

Auf Quarantana, unweit Jericho.

Da kam arabisch Raubgesindel, brach

Mein Gotteshäuschen ab, und meine Zelle,

Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam

Ich noch, und floh hierher zum Patriarchen,

Um mir ein ander Plätzchen auszubitten,

Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit

Bis an mein selig Ende dienen könne.

NATHAN

Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht

Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!

KLOSTERBRUDER

Sogleich, Herr Nathan. — Nun, der Patriarch

Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,

Sobald als eine leer; und hieß inzwischen

Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.

Da bin ich jetzt, Herr Nathan; und verlange

Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn

Der Patriarch braucht mich zu allerlei,

Wovor ich großen Ekel habe. Zum

Exempel:

NATHAN

      Macht, ich bitt Euch!

KLOSTERBRUDER

      Nun, es kommt! —

Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:

Es lebe hierherum ein Jude, der

Ein Christenkind als seine Tochter sich

Erzöge.

NATHAN (betroffen)

      Wie?

KLOSTERBRUDER

      Hört mich nur aus! — Indem

Er mir nun aufträgt, diesem Juden stracks,

Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und

Gewaltig sich ob eines solchen Frevels

Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider

Den heiligen Geist bedünkt; — das ist, die Sünde,

Die aller Sünden größte Sünd' uns gilt;

Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,

Worin sie eigentlich besteht: — da wacht

Mit einmal mein Gewissen auf; und mir

Fällt bei, ich könnte selber wohl vor Zeiten

Zu dieser unverzeihlich großen Sünde

Gelegenheit gegeben haben. — Sagt:

Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren

Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen?

NATHAN

Wie das? — Nun freilich — allerdings —

KLOSTERBRUDER

      Ei, seht

Mich doch recht an! — Der Reitknecht, der bin ich!

NATHAN

Seid Ihr?

KLOSTERBRUDER

      Der Herr, von welchem ich’s Euch brachte,

War — ist mir recht — ein Herr von Filneck. — Wolf

Von Filneck.

NATHAN

      Richtig!

KLOSTERBRUDER

      Weil die Mutter kurz

Vorher gestorben war, und sich der Vater

Nach — mein ich — Gazza plötzlich werfen musste,

Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte,

So sandt er's Euch. Und traf ich Euch damit

Nicht in Darun?

NATHAN

      Ganz recht!

KLOSTERBRUDER

      Es wär kein Wunder,

Wenn mein Gedächtnis mich betrög'. Ich habe

Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem

Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.

Er blieb bald drauf bei Askalon; und war

Wohl sonst ein lieber Herr.

NATHAN

      Jawohl! jawohl!

Dem ich so viel, so viel zu danken habe!

Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!

KLOSTERBRUDER

O schön! So werd’t Ihr seines Töchterchens

Euch um so lieber angenommen haben.

NATHAN

Das könnt Ihr denken.

KLOSTERBRUDER

      Nun, wo ist es denn?

Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben? —

Lasst’s lieber nicht gestorben sein! — Wenn sonst

Nur niemand um die Sache weiß, so hat

Es gute Wege.

NATHAN

      Hat es?

KLOSTERBRUDER

      Traut mir, Nathan!

Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,

Das ich zu tun vermeine, gar zu nah

Was gar zu Schlimmes grenzt, so tu ich lieber

Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar

So ziemlich zuverlässig kennen, aber

Bei weitem nicht das Gute. — War ja wohl

Natürlich; wenn das Christentöchterchen

Recht gut von Euch erzogen werden sollte,

dass Ihr’s als Euer eigen Töchterchen

Erzögt. — Das hättet Ihr mit aller Lieb'

Und Treue nun getan, und müßtet so

Belohnet werden? Das will mir nicht ein.

Ei freilich, klüger hättet Ihr getan,

Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand

Als Christin auferziehen lassen: aber

So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds

Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,

Wär's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,

In solchen Jahren mehr als Christentum.

Zum Christentume hat’s noch immer Zeit.

Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm

Vor Euern Augen aufgewachsen ist,

So blieb’s vor Gottes Augen, was es war.

Und ist denn nicht das ganze Christentum

Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft

Geärgert, hat mir Tränen g’nug gekostet,

Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,

dass unser Herr ja selbst ein Jude war.

NATHAN

Ihr, guter Bruder, müsst mein Fürsprach sein,

Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich

Erheben sollten — wegen einer Tat —

Ah, wegen einer Tat! — Nur Ihr, Ihr sollt

Sie wissen! Nehmt sie aber mit ins Grab!

Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,

Sie jemand anderm zu erzählen. Euch

Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt

Allein erzähl ich sie. Weil die allein

Versteht, was sich der gottergebne Mensch

Für Taten abgewinnen kann.

KLOSTERBRUDER

      Ihr seid

Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?

NATHAN

Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.

Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage

Zuvor, in Gath die Christen alle Juden

Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst

Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau

Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich

Befunden, die in meines Bruders Hause,

Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt

Verbrennen müssen.

KLOSTERBRUDER

      Allgerechter!

NATHAN

      Als

Ihr kamt, hatt ich drei Tag' und Nächt’ in Asch'

Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. —

Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,

Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht:

Der Christenheit den unversöhnlichsten

Hass zugeschworen —

KLOSTERBRUDER

      Ach! Ich glaub’s Euch wohl!

NATHAN

Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.

Sie sprach mit sanfter Stimm’: „Und doch ist Gott!

Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!

Komm! übe, was du längst begriffen hast;

Was sicherlich zu üben schwerer nicht,

Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.

Steh auf!” Ich stand und rief zu Gott: ich will!

Willst du nur, dass ich will! — Indem stiegt Ihr

Vom Pferd’, und überreichtet mir das Kind,

ln Euerm Mantel eingehüllt. — Was Ihr

Mir damals sagtet, was ich Euch: hab ich

Vergessen. So viel weiß ich nur: ich nahm

Das Kind, trug’s auf mein Lager, küsst es, warf

Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben

Doch nun schon Eines wieder!

KLOSTERBRUDER

      Nathan! Nathan!

Ihr seid ein Christ! — Bei Gott, Ihr seid ein Christ!

Ein bessrer Christ war nie!

NATHAN

      Wohl uns! Denn was

Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir

Zum Juden! — Aber lasst uns länger nicht

Einander nur erweichen. Hier braucht’s Tat!

Und ob mich siebenfache Liebe schon

Bald an dies einz’ge fremde Mädchen band;

Ob der Gedanke mich schon tötet, dass

Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs Neue

Verlieren soll: — wenn sie von meinen Händen

Die Vorsicht wieder fordert — ich gehorche!

KLOSTERBRUDER

Nun vollends! — Eben das bedacht ich mich

So viel, Euch anzuraten! Und so hat's

Euch Euer guter Geist schon angeraten!

NATHAN

Nur muss der erste Beste mir sie nicht

Entreißen wollen!

KLOSTERBRUDER

      Nein, gewiss nicht!

NATHAN

      Wer

Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich,

muss frühere zum mind’sten haben —

KLOSTERBRUDER

      Freilich!

NATHAN

Die ihm Natur und Blut erteilen.

KLOSTERBRUDER

      So

Mein ich es auch!

NATHAN

      Drum nennt mir nur geschwind

Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,

Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt:

Ihm will ich sie nicht vorenthalten — sie,

Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde

Zu sein erschaffen und erzogen ward. —

Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn

Und dem Geschlechte dessen mehr als ich.

KLOSTERBRUDER

Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! — Denn

Ihr habt ja schon gehört, dass ich nur gar

Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.

NATHAN

      Wisst

Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts

Die Mutter war? — War sie nicht eine Stauffin?

KLOSTERBRUDER

Wohl möglich! — Ja, mich dünkt.

NATHAN

      Hieß nicht ihr Bruder

Conrad von Stauffen? — und war Tempelherr?

KLOSTERBRUDER

Wenn mich’s nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein,

Dass ich vom sel’gen Herrn ein Büchelchen

Noch hab. Ich zog’s ihm aus dem Busen, als

Wir ihn bei Askalon verscharrten.

NATHAN

      Nun?

KLOSTERBRUDER

Es sind Gebete drin. Wir nennen’s ein

Brevier — Das, dacht ich, kann ein Christenmensch

Ja wohl noch brauchen. — Ich nun freilich nicht —

Ich kann nicht lesen —

NATHAN

      Tut nichts! — Nur zur Sache.

KLOSTERBRUDER

In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten,

Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn

Selbsteigner Hand, die Angehörigen

Von ihm und ihr geschrieben.

NATHAN

      O erwünscht!

Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind!

Ich bin bereit, mit Gold es aufzuwiegen;

Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!

KLOSTERBRUDER

      Recht gern!

Es ist Arabisch aber, was der Herr

Hineingeschrieben.

Ab.

NATHAN

      Einerlei! Nur her!

Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten,

Und einen solchen Eidam mir damit

Erkaufen könnte! — Schwerlich wohl! — Nun, fall'

Es aus, wie’s will! — Wer mag es aber denn

Gewesen sein, der bei dem Patriarchen

So etwas angebracht? Das muss ich doch

Zu fragen nicht vergessen. — Wenn es gar

Von Daja käme?

ACHTER AUFTRITT

Daja und Nathan.

DAJA

eilig und verlegen

      Denkt doch, Nathan!

NATHAN

Nun?

DAJA

Das arme Kind erschrak wohl recht darüber!

Da schickt ...

NATHAN

      Der Patriarch?

DAJA

Des Sultans Schwester,

Prinzessin Sittah ...

NATHAN

Nicht der Patriarch?

DAJA

Nein, Sittah! — Hört Ihr nicht? — Prinzessin Sittah

Schickt her, und lässt sie zu sich holen.

NATHAN

      Wen?

Lässt Recha holen? — Sittah lässt sie holen? —

Nun, wenn sie Sittah holen lässt, und nicht

Der Patriarch ...

DAJA

      Wie kommt Ihr denn auf den?

NATHAN

So hast du kürzlich nichts von ihm gehört?

Gewiss nicht? Auch ihm nichts gesteckt?

DAJA

      Ich? ihm?

NATHAN

Wo sind die Boten?

DAJA

      Vorn.

NATHAN

      Ich will sie doch

Aus Vorsicht selber sprechen. Komm! — Wenn nur

Vom Patriarchen nichts dahinter steckt.

Ab.

DAJA

Und ich — ich fürchte ganz was anders noch.

Was gilt’s? die einzige vermeinte Tochter

So eines reichen Juden wär auch wohl

Für einen Muselmann nicht übel? — Hui,

Der Tempelherr ist drum. Ist drum, wenn ich

Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht

Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist! —Getrost! Lass mich den ersten Augenblick,

Den ich allein sie habe, dazu brauchen!

Und der wird sein — vielleicht nun eben, wenn

Ich sie begleite. — So ein erster Wink

Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.

Ja, ja! Nur zu! Jetzt oder nie! Nur zu!

Ihm nach.

FÜNFTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

Szene: Das Zimmer in Saladins Palaste,in welches die Beutel mit Geld getragen worden, die noch zu sehen.Saladin und bald darauf verschiedene Mamelucken.

SALADIN

im Hereintreten

Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiß

Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich

Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,

Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht; —

Warum nicht meiner? — Nun, Geduld! Was gibt’s?

EIN MAMELUCK

Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan!

Die Karavane von Kahira kommt;

Ist glücklich da! mit siebenjährigem

Tribut des reichen Nils.

SALADIN

      Brav, Ibrahim!

Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote! —

Ha! endlich einmal! endlich! — Habe Dank

Der guten Zeitung.

DER MAMELUCK

wartend

      (Nun? nur her damit!)

SALADIN

Was wart’st du? — Geh nur wieder.

DER MAMELUCK

      Dem Willkommnen

Sonst nichts?

SALADIN

      Was denn noch sonst?

DER MAMELUCK

      Dem guten Boten

Kein Botenbrot? — So wär ich ja der Erste,

Den Saladin mit Worten abzulohnen

Doch endlich lernte! — Auch ein Ruhm! Der Erste,

Mit dem er knickerte.

SALADIN

      So nimm dir nur

Dort einen Beutel.

DER MAMELUCK

      Nein, nun nicht! Du kannst

Mir nun sie alle schenken wollen.

SALADIN

      Trotz! —

Komm her! Da hast du zwei. — Im Ernst? Er geht?

Tut mir’s an Edelmut zuvor? Denn sicher

muss ihm es saurer werden, auszuschlagen,

Als mir zu geben. — Ibrahim! — Was kommt

Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt

Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen? —

Will Saladin als Saladin nicht sterben? —

So musst er auch als Saladin nicht leben.

EIN ZWEITER MAMELUCK

Nun, Sultan! ...

SALADIN

      Wenn du mir zu melden kommst...

ZWEITER MAMELUCK

Dass aus Ägypten der Transport nun da!

SALADIN

Ich weiß schon.

ZWEITER MAMELUCK

      Kam ich doch zu spät!

SALADIN

      Warum

Zu spät? — Da nimm für deinen guten Willen

Der Beutel einen oder zwei.

ZWEITER MAMELUCK

      Macht drei.

SALADIN

Ja, wenn du rechnen kannst! — So nimm sie nur.

ZWEITER MAMELUCK

Es wird wohl noch ein Dritter kommen — wenn

Er anders kommen kann.

SALADIN

      Wie das?

ZWEITER MAMELUCK

      Je nu!

Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn

Sobald wir drei der Ankunft des Transports

Versichert waren, sprengte jeder frisch

Davon. Der Vorderste, der stürzt; und so

Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in

Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker,

Die Gassen besser kennt.

SALADIN

      O der Gestürzte!

Freund, der Gestürzte! — Reit’ ihm doch entgegen.

ZWEITER MAMELUCK

Das werd ich ja wohl tun! — Und wenn er lebt,

So ist die Hälfte dieser Beutel sein.

Geht ab.

SALADIN

Sieh, welch ein guter edler Kerl auch das! —

Wer kann sich solcher Mamelucken rühmen?

Und wär mir denn zu denken nicht erlaubt,

Dass sie mein Beispiel bilden helfen? — Fort

Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt

Noch an ein andres zu gewöhnen! ...

EIN DRITTER MAMELUCK

      Sultan...

SALADIN

Bist du's, der stürzte?

DRITTER MAMELUCK

      Nein. Ich melde nur, —

Dass Emir Mansor, der die Karavane

Geführt, vom Pferde steigt ...

SALADIN

      Bring ihn! geschwind! —

Da ist er ja! —

ZWEITER AUFTRITT

Emir Mansor und Saladin.

SALADIN

      Willkommen, Emir! Nun,

Wie ist’s gegangen? — Mansor, Mansor, hast

Uns lange warten lassen!

MANSOR

      Dieser Brief

Berichtet, was dein Abulkassem erst

Für Unruh' in Thebais dämpfen müssen:

Eh wir es wagen durften abzugehen.

Den Zug darauf hab ich beschleuniget,

So viel wie möglich war.

SALADIN

      Ich glaube dir! —

Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich ...

Du tust es aber doch auch gern? ... nimm frische

Bedeckung nur sogleich. Du musst sogleich

Noch weiter; musst der Gelder größern Teil

Auf Libanon zum Vater bringen.

MANSOR

      Gern!

Sehr gern!

SALADIN

      Und nimm dir die Bedeckung ja

Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon

Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht

Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege.

Sei wohl auf deiner Hut! — Komm nur! Wo hält

Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst

Betreiben. — Ihr! ich bin sodann bei Sittah.

Dritter Auftritt

Szene: die Palmen vor Nathans Hause.Der Tempelherr geht auf und nieder.

Ins Haus nun will ich einmal nicht. — Er wird

Sich endlich doch wohl sehen lassen! Man

Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! —

Will’s noch erleben, dass er sich’s verbittet,

Vor seinem Hause mich so fleißig finden

Zu lassen. — Hm! — ich bin doch aber auch

Sehr ärgerlich. — Was hat mich denn nun so

Erbittert gegen ihn? — Er sagte ja:

Noch schlüg’ er mir nichts ab. Und Saladin

Hat’s über sich genommen, ihn zu stimmen. —

Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ

Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? —

Wer kennt sich recht! Wie könnt ich ihm denn sonst

Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den

Er sich’s zu solcher Angelegenheit

Gemacht, den Christen abzujagen? Freilich,

Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf! — Geschöpf?

Und wessen? — Doch des Sklaven nicht, der auf

Des Lebens öden Strand den Block geflößt,

Und sich davon gemacht? Des Künstlers doch

Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke

Die göttliche Gestalt sich dachte, die

Er dargestellt? — Ach! Rechas wahrer Vater

Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte — bleibt

In Ewigkeit der Jude. — Wenn ich mir

Sie lediglich als Christendirne denke,

Sie sonder alles das mir denke, was

Allein ihr so ein Jude geben konnte: —

Sprich, Herz, — was wär an ihr, das dir gefiel?

Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär es nichts

Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln;

Wär, was sie lächeln macht, des Reizes unwert,

In den es sich auf ihrem Munde kleidet: —

Nein, selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja

Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand,

An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhler

Verschwenden sehn! — Hat’s da mich auch bezaubert?

Hat’s da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben

In seinem Sonnenscheine zu verflattern? —

Ich wüßte nicht! Und bin auf den doch launisch,

Der diesen hohem Wert allein ihr gab?

Wie das? warum? — Wenn ich den Spott verdiente,

Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm

Genug, dass Saladin es glauben konnte!

Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie

Verächtlich! — Und das alles um ein Mädchen? —

Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends

Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte,

Was schwerlich zu erweisen stünde? — Sieh,

Da tritt er endlich, im Gespräch vertieft,

Aus seinem Hause! — Ha! mit wem! — Mit ihm?

Mit meinem Klosterbruder? — Ha! so weiß

Er sicherlich schon alles! ist wohl gar

Dem Patriarchen schon verraten! — Ha!

Was hab ich Querkopf nun gestiftet! — dass

Ein einz’ger Funken dieser Leidenschaft

Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!

Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun!

Ich will hier seitwärts ihrer warten; ob

Vielleicht der Klosterbruder ihn verlässt.

VIERTER AUFTRITT

Nathan und der Klosterbruder.

NATHAN

ihm näher kommend

Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!

KLOSTERBRUDER

Und Ihr desgleichen!

NATHAN

      Ich? von Euch? wofür?

Für meinen Eigensinn, Euch aufzudringen,

Was Ihr nicht braucht? — Ja, wenn ihm Eurer nur

Auch nachgegeben hätt; Ihr mit Gewalt

Nicht wolltet reicher sein, als ich.

KLOSTERBRUDER

      Das Buch

Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört

Ja ohnedem der Tochter; ist ja so

Der Tochter ganzes väterliches Erbe. —

Je nun, sie hat ja Euch. — Gott gebe nur,

dass Ihr es nie bereuen dürft, so viel

Für sie getan zu haben!

NATHAN

      Kann ich das?

Das kann ich nie. Seid unbesorgt!

KLOSTERBRUDER

      Nu, nu!

Die Patriarchen und die Tempelherren ...

NATHAN

Vermögen mir des Bösen nie so viel

Zu tun, dass irgendwas mich reuen könnte:

Geschweige, das! Und seid Ihr denn so ganz

Versichert, dass ein Tempelherr es ist,

Der Euern Patriarchen hetzt?

KLOSTERBRUDER

      Es kann

Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr

Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hörte,

Das klang danach.

NATHAN

      Es ist doch aber nur

Ein einziger jetzt in Jerusalem.

Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.

Ein junger, edler, offner Mann!

KLOSTERBRUDER

      Ganz recht;

Der nämliche! — Doch was man ist, und was

Man sein muss in der Welt, das passt ja wohl

Nicht immer.

NATHAN

      Leider nicht. — So tue, wer’s

Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!

Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen:

Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.

KLOSTERBRUDER

Viel Glücks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.

NATHAN

Und habt sie nicht einmal gesehn! — Kommt ja

Doch bald, doch fleißig wieder. — Wenn nur heut

Der Patriarch noch nichts erfährt! — Doch was?

Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.

KLOSTERBRUDER

      Ich nicht.

Lebt wohl!

Geht ab.

NATHAN

      Vergesst uns ja nicht, Bruder! — Gott!

dass ich nicht hier gleich unter freiem Himmel

Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich

Der Knoten, der so oft mir bange machte,

Nun von sich selber löset! — Gott! wie leicht

Mir wird, dass ich nun weiter auf der Welt

Nichts zu verbergen habe! dass ich vor

Den Menschen nun so frei kann wandeln, als

Vor dir, der du allein den Menschen nicht

Nach seinen Taten brauchst zu richten.

So selten seine Taten sind, o Gott! —

FÜNFTER AUFTRITT

Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn znkommt.

TEMPELHERR

He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!

NATHAN

      Wer ruft? —

Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, dass

Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?

TEMPELHERR

Wir sind einander fehl gegangen. Nehmt’s

Nicht übel!

NATHAN

      Ich nicht; aber Saladin...

TEMPELHERR

Ihr wart nur eben fort ...

NATHAN

      Und spracht ihn doch?

Nun, so ist’s gut.

TEMPELHERR

      Er will uns aber beide

Zusammen sprechen.

NATHAN

      Desto besser. Kommt

Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm. —

TEMPELHERR

Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer

Euch da verließ?

NATHAN

      Ihr kennt ihn doch wohl nicht?

TEMPELHERR

War’s nicht die gute Haut, der Laienbruder,

Des sich der Patriarch so gern zum Stöber

Bedient?

NATHAN

      Kann sein! Beim Patriarchen ist

Er allerdings.

TEMPELHERR

      Der Pfiff ist gar nicht übel:

Die Einfalt vor der Schurkerei voraus

Zu schicken.

NATHAN

      Ja, die dumme; — nicht die fromme.

TEMPELHERR

An fromme glaubt kein Patriarch.

NATHAN

      Für den

Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen

Nichts Ungebührliches vollziehen helfen.

TEMPELHERR

So stellt er wenigstens sich an. — Doch hat

Er Euch von mir denn nichts gesagt?

NATHAN

      Von Euch?

Von Euch nun namentlich wohl nichts. — Er weiß

Ja wohl auch schwerlich Euem Namen?

TEMPELHERR

      Schwerlich.

NATHAN

Von einem Tempelherren freilich hat

Er mir gesagt ...

TEMPELHERR

      Und was?

NATHAN

      Womit er Euch

Doch ein für allemal nicht meinen kann!

TEMPELHERR

Wer weiß? Lasst doch nur hören.

NATHAN

      Dass mich einer

Bei seinem Patriarchen angeklagt ...

TEMPELHERR

Euch angeklagt? — Das ist, mit seiner Gunst —

Erlogen. — Hört mich, Nathan! — Ich bin nicht

Der Mensch, der irgendetwas abzuleugnen

Im Stande wäre. Was ich tat, das tat ich!

Doch bin ich auch nicht der, der alles, was

Er tat, als wohlgetan verteid’gen möchte.

Was sollt ich eines Fehls mich schämen? Hab

Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?

Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem

Es Menschen bringen können? — Hört mich, Nathan! —

Ich bin des Laienbruders Tempelherr,

Der Euch verklagt soll haben, allerdings. —

Ihr wisst ja, was mich wurmisch machte! was

Mein Blut in allen Adern sieden machte!

Ich Gauch! — Ich kam, so ganz mit Leib und Seel

Euch in die Arme mich zu werfen. Wie

Ihr mich empfingt — Wie kalt — wie lau — denn lau

Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen

Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;

Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen

Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:

Das darf ich kaum mir jetzt noch denken, wenn

Ich soll gelassen bleiben. — Hört mich, Nathan! —

In dieser Gährung schlich mir Daja nach,

Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf,

Das mir den Aufschluss Euers rätselhaften

Betragens zu enthalten schien.

NATHAN

      Wie das?

TEMPELHERR

Hört mich nur aus! — Ich bildete mir ein:

Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen

So abgejagt, an einen Christen wieder

Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,

Euch kurz und gut das Messer an die Kehle

Zu setzen.

NATHAN

      Kurz und gut? und gut? — Wo steckt

Das Gute?

TEMPELHERR

      Hört mich, Nathan! — Allerdings:

Ich tat nicht recht! — Ihr seid wohl gar nicht schuldig. —

Die Närrin Daja weiß nicht, was sie spricht —

Ist Euch gehässig — sucht Euch nur damit

In einen bösen Handel zu verwickeln —

Kann sein! kann sein! — Ich bin ein junger Laffe,

Der immer nur an beiden Enden schwärmt;

Bald viel zu viel, bald viel zu wenig tut —

Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.

NATHAN

      Wenn

Ihr so mich freilich fasset —

TEMPELHERR

      Kurz, ich ging

Zum Patriarchen! — Hab Euch aber nicht

Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!

Ich hab ihm bloß den Fall ganz allgemein

Erzählt, um seine Meinung zu vernehmen. —

Auch das hätt unterbleiben können: ja doch! —

Denn kannt ich nicht den Patriarchen schon

Als einen Schurken? Könnt ich Euch nicht selber

Nur gleich zur Rede stellen? — musst ich der

Gefahr, so einen Vater zu verlieren,

Das arme Mädchen opfern? — Nun, was tut's!

Die Schurkerei des Patriarchen, die

So ähnlich immer sich erhält, hat mich

Des nächsten Weges wieder zu mir selbst

Gebracht. — Denn hört mich, Nathan; hört mich aus! —

Gesetzt; er wüsst auch Euern Namen: was

Nun mehr, was mehr? — Er kann Euch ja das Mädchen

Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.

Er kann sie doch aus Eurem Hause nur

Ins Kloster schleppen. — Also — gebt sie mir!

Gebt sie nur mir, und lasst ihn kommen. Ha!

Er solls wohl bleiben lassen, mir mein Weib

Zu nehmen. — Gebt sie mir; geschwind! — Sie sei

Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!

Sei Christin, oder Jüdin, oder keines!

Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder jetzt

Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben

Darum befragen. Sei, wie’s sei!

NATHAN

      Ihr wähnt

Wohl gar, dass mir die Wahrheit zu verbergen

Sehr nötig?

TEMPELHERR

      Sei, wie’s sei!

NATHAN

      Ich hab es ja

Euch — oder wem es sonst zu wissen ziemt —

Noch nicht geleugnet, dass sie eine Christin,

Und nichts als meine Pflegetochter ist. —

Warum ich’s aber ihr noch nicht entdeckt? —

Darüber brauch ich nur bei ihr mich zu

Entschuldigen.

TEMPELHERR

      Das sollt Ihr auch bei ihr

Nicht brauchen. — Gönnt’s ihr doch, dass sie Euch nie

Mit andern Augen darf betrachten! Spart

Ihr die Entdeckung doch! — Noch habt Ihr ja,

Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt

Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!

Ich bin’s allein, der sie zum zweiten Male

Euch retten kann — und will.

NATHAN

      Ja — konnte! konnte!

Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spät.

TEMPELHERR

Wie so? Zu spät?

NATHAN

      Dank sei dem Patriarchen...

TEMPELHERR

Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür?

Dank hätte der bei uns verdienen wollen?

Wofür? wofür?

NATHAN

      Dass wir nun wissen, wem

Sie anverwandt; nun wissen, wessen Händen

Sie sicher ausgeliefert werden kann.

TEMPELHERR

Das dank’ ihm — wer für mehr ihm danken wird!

NATHAN

Aus diesen müsst Ihr sie nun auch erhalten,

Und nicht aus meinen.

TEMPELHERR

      Arme Recha! Was

Dir alles zustößt, arme Recha! Was

Ein Glück für andre Waisen wäre, wird

Dein Unglück! — Nathan! — Und wo sind sie, diese

Verwandte?

NATHAN

      Wo sie sind?

TEMPELHERR

      Und wer sie sind?

NATHAN

Besonders hat ein Bruder sich gefunden,

Bei dem Ihr um sie werben müsst.

TEMPELHERR

      Ein Bruder?

Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?

Ein Geistlicher? — Lasst hören, was ich mir

Versprechen darf.

NATHAN

      Ich glaube, dass er keines

Von beiden — oder beides ist. Ich kenn

Ihn noch nicht recht.

TEMPELHERR

      Und sonst?

NATHAN

      Ein braver Mann!

Bei dem sich Recha gar nicht übel wird

Befinden.

TEMPELHERR

      Doch ein Christ! — Ich weiß zu Zeiten

Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll: —

Nehmt mir’s nicht ungut, Nathan! — Wird sie nicht

Die Christin spielen müssen unter Christen?

Und wird sie, was sie lange g’nug gespielt,

Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,

Den Ihr gesä’t, das Unkraut endlich nicht

Ersticken? — Und das kümmert Euch so wenig?

Dem ungeachtet könnt Ihr sagen — Ihr? —

Dass sie bei ihrem Bruder sich nicht übel

Befinden werde?

NATHAN

      Denk ich! hoff ich! — Wenn

Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat

Sie Euch und mich denn nicht noch immer?

TEMPELHERR

      Oh!

Was wird bei ihm ihr mangeln können? Wird

Das Brüderchen mit Essen und mit Kleidung,

Mit Naschwerk und mit Putz das Schwesterchen

Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht

Ein Schwesterchen denn mehr? — Ei freilich: auch

Noch einen Mann! — Nun, nun; auch den, auch den

Wird ihr das Brüderchen zu seiner Zeit

Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!

Der Christlichste der Beste! — Nathan, Nathan!

Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,

Den Euch nun andre so verhunzen werden!

NATHAN

Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe

Noch immer wert genug behaupten.

TEMPELHERR

      Sag

Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht!

Denn die lässt nichts sich unterschlagen; nichts.

Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen! —

Doch halt! — Argwohnt sie wohl bereits, was mit

Ihr vorgeht?

NATHAN

      Möglich; ob ich schon nicht wüsste,

Woher?

TEMPELHERR

      Auch eben viel. Sie soll — sie muss

In beiden Fällen, was ihr Schicksal droht,

Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,

Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,

Als bis ich sie die Meine nennen dürfe,

Fällt weg. Ich eile ...

NATHAN

      Bleibt! wohin?

TEMPELHERR

      Zu ihr!

Zu sehn, ob diese Mädchenseele Manns genug

Wohl ist, den einzigen Entschluss zu fassen,

Der ihrer würdig wäre!

NATHAN

Welchen?

TEMPELHERR

      Den:

Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht

Zu fragen —

NATHAN

      Und?

TEMPELHERR

      Und mir zu folgen; — wenn

Sie drüber eines Muselmannes Frau

Auch werden müsste.

NATHAN

      Bleibt! Ihr trefft sie nicht;

Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.

TEMPELHERR

Seit wann? warum?

NATHAN

      Und wollt Ihr da bei ihnen

Zugleich den Bruder finden, kommt nur mit.

TEMPELHERR

Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?

NATHAN

Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!

Er führt ihn fort.

SECHSTER AUFTRITT

Szene: in Sittah’s Harem.Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.

SITTAH

Was freu ich mich nicht deiner, süßes Mädchen! —

Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern! —

Sei munter! sei gesprächiger! vertrauter!

RECHA

Prinzessin ...

SITTAH

      Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn

Mich Sittah, — deine Freundin, — deine Schwester.

Nenn mich dein Mütterchen! — Ich könnte das

Ja schier auch sein. — So jung! so klug! so fromm!

Was du nicht alles weißt! nicht alles musst

Gelesen haben!

RECHA

      Ich gelesen? — Sittah,

Du spottest deiner kleinen albern Schwester.

Ich kann kaum lesen.

SITTAH

      Kannst kaum, Lügnerin!

RECHA

Ein wenig meines Vaters Hand! — Ich meinte,

Du sprächst von Büchern.

SITTAH

      Allerdings! von Büchern.

RECHA

Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen! —

SITTAH

Im Emst?

RECHA

      In ganzem Ernst. Mein Vater liebt

Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich

Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt,

Zu wenig.

SITTAH

      Ei, Was sagst du! — Hat indes

Wohl nicht sehr Unrecht! — und so manches, was

Du weißt ...?

RECHA

      Weiß ich allein aus seinem Munde,

Und könnte bei dem meisten dir noch sagen,

Wie? wo? warum? er mich’s gelehrt.

SITTAH

      So hängt

Sich freilich alles besser an. So lernt

Mit eins die ganze Seele.

RECHA

      Sicher hat

Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!

SITTAH

Wieso? — Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil. —

Allein wieso? Dein Grund? Sprich dreist. Dein Grund?

RECHA

Sie ist so schlecht und recht; so unverkünstelt

So ganz sich selbst nur ähnlich ...

SITTAH

      Nun?

RECHA

      Das sollen

Die Bücher uns nur selten lassen; sagt

Mein Vater.

SITTAH

      O was ist dein Vater für

Ein Mann!

RECHA

      Nicht wahr?

SITTAH

Wie nah er immer doch

Zum Ziele trifft!

RECHA

Nicht wahr? — Und diesen Vater —

SITTAH

Was ist dir, Liebe?

RECHA

      Diesen Vater —

SITTAH

      Gott!

Du weinst?

RECHA

      Und diesen Vater — Ah! es muss

Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft ...

Wirft sich, von Tränen überwältigt, zu ihren Füßen.

SITTAH

      Kind, was

Geschieht dir? Recha?

RECHA

      Diesen Vater soll —

Soll ich verlieren!

SITTAH

      Du? verlieren? ihn?

Wie das? — Sei ruhig! — Nimmermehr! — Steh auf!

RECHA

Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,

Zu meiner Schwester nicht erboten haben!

SITTAH

Ich bin’s ja! bin’s! — Steh doch nur auf! Ich muss

Sonst Hülfe rufen.

RECHA

die sich ermannt und aufsteht

      Ah! verzeih! vergib! —

Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer

Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein

Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft

Will alles über sie allein vermögen.

Wes Sache diese bei ihr führt, der siegt!

SITTAH

Nun denn?

RECHA

      Nein; meine Freundin, meine Schwester

Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, dass mir

Ein andrer Vater aufgedrungen werde!

SITTAH

Ein andrer Vater? aufgedrungen? Dir?

Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?

RECHA

Wer? Meine gute, böse Daja kann

Das wollen, — will das können. — Ja; du kennst

Wohl diese gute, böse Daja nicht?

Nun, Gott vergeb' es ihr! — belohn' es ihr!

Sie hat mir so viel Gutes, — so viel Böses

Erwiesen!

SITTAH

      Böses dir? — so muss sie Gutes

Doch wahrlich wenig haben.

RECHA

      Doch! recht viel,

Recht viel!

SITTAH

      Wer ist sie?

RECHA

      Eine Christin, die

In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so

Gepflegt! — Du glaubst nicht! — Die mir eine Mutter

So wenig missen lassen! — Gott vergelt'

Es ihr! — Die aber mich auch so geängstet!

Mich so gequält!

SITTAH

      Und über was? warum?

Wie?

RECHA

      Ach! die arme Frau, — ich sag dir's ja —

Ist eine Christin; — muss aus Liebe quälen

Ist eine von den Schwärmerinnen, die

Den allgemeinen, einzig wahren Weg

Nach Gott zu wissen wähnen!

SITTAH

      Nun versteh ich!

RECHA

Und sich gedrungen fühlen, einen jeden,

Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken. —

Kaum können sie auch anders. Denn ist’s wahr,

Dass dieser Weg allein nur richtig führt:

Wie sollen sie gelassen ihre Freunde

Auf einem andern wandeln sehn, — der ins

Verderben stürzt, ins ewige Verderben?

Es müsste möglich sein, denselben Menschen

Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen. —

Auch ist’s das nicht, was endlich laute Klagen

Mich über sie zu führen zwingt. Ihr Seufzen,

Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt

Ich gern noch länger ausgehalten; gern!

Es brachte mich doch immer auf Gedanken,

Die gut und nützlich. Und wem schmeichelt’s doch

Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,

Von wem’s auch sei, gehalten fühlen, dass

Er den Gedanken nicht ertragen kann,

Er müss’ einmal auf ewig uns entbehren!

SITTAH

Sehr wahr!

RECHA

      Allein — allein — das geht zu weit!

Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht

Geduld, nicht Überlegung; nichts!

SITTAH

      Was? wem?

RECHA

Was sie mir eben jetzt entdeckt will haben.

SITTAH

Entdeckt? und eben jetzt?

RECHA

      Nur eben jetzt!

Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem

Verfallnen Christentempel. Plötzlich stand,

Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte

Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald

Auf mich. Komm, sprach sie endlich, lass uns hier

Durch diesen Tempel in die Richte gehn!

Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift

Mit Graus die wankenden Ruinen durch.

Nun steht sie wieder; und ich sehe mich

An den versunknen Stufen eines morschen

Altars mit ihr. Wie ward mir, als sie da

Mit heißen Tränen, mit gerungnen Händen

Zu meinen Füßen stürzte ...

SITTAH

      Gutes Kind!

RECHA

Und bei der Göttlichen, die da wohl sonst

So manch Gebet erhört, so manches Wunder

Verrichtet habe, mich beschwor, — mit Blicken

Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner

Doch zu erbarmen! — Wenigstens, ihr zu

Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse,

Was ihre Kirch’ auf mich für Anspruch habe.

SITTAH

(Unglückliche! — Es ahnte mir!)

RECHA

      Ich sei

Aus christlichem Geblüte; sei getauft;

Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater! —

Gott! Gott! Er nicht mein Vater! — Sittah! Sittah!

Sieh mich aufs Neu' zu deinen Füßen ...

SITTAH

      Recha!

Nicht doch! steh auf! — Mein Bruder kommt! steh auf!

SIEBENTER AUFTRITT

Saladin und die Vorigen

SALADIN

Was gibt's hier, Sittah?

SITTAH

      Sie ist von sich! Gott!

SALADIN

Wer ist’s?

SITTAH

      Du weißt ja...

SALADIN

      Unsers Nathans Tochter?

Was fehlt ihr?

SITTAH

      Komm doch zu dir, Kind! — Der Sultan...

RECHA

die sich auf den Knieen zu Saladins Füßen schleppt, den Kopf zur Erde gesenkt

Ich steh nicht auf! nicht eher auf! — mag eher

Des Sultans Antlitz nicht erblicken eher

Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit

Und Güte nicht in seinen Augen, nicht

Auf seiner Stirn bewundern ...

SALADIN

      Steh ... steh auf!

RECHA

Eh er mir nicht verspricht ...

SALADIN

      Komm! ich verspreche...

Sei was es will!

RECHA

      Nicht mehr, nicht weniger,

Als meinen Vater mir zu lassen; und

Mich ihm! — Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater

Zu sein verlangt, — verlangen kann. Will’s auch

Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut

Den Vater? nur das Blut?

SALADIN

der sie aufhebt

      Ich merke wohl —

Wer war so grausam denn, dir selbst — dir selbst

Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist

Es denn schon völlig ausgemacht? — erwiesen?

RECHA

Muss wohl! Denn Daja will von meiner Amm'

Es haben.

SALADIN

      Deiner Amme?

RECHA

      Die es sterbend

Ihr zu vertrauen sich verbunden fühlte.

SALADIN

Gar sterbend! — Nicht auch faselnd schon? — Und wär’s

Auch wahr! — Ja wohl: das Blut, das Blut allein

Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum

Den Vater eines Tieres! gibt zum höchsten

Das erste Recht, sich diesen Namen zu

Erwerben! — Lass dir doch nicht bange sein! —

Und weißt du was? Sobald der Väter zwei

Sich um dich streiten: — Lass sie beide; nimm

Den dritten! — Nimm dann mich zu deinem Vater!

SITTAH

O tu’s! o tu’s!

SALADIN

      Ich will ein guter Vater,

Recht guter Vater sein! — Doch halt! mir fällt

Noch viel was Bessers bei. — Was brauchst du denn

Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben?

Bei Zeiten sich nach einem umgesehn,

Der mit uns um die Wette leben will!

Kennst du noch keinen? ...

SITTAH

      Mach sie nicht erröten!

SALADIN

Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.

Erröten macht die Hässlichen so schön:

Und sollte Schöne nicht noch schöner machen

Ich habe deinen Vater Nathan, und

Noch einen — einen noch hierher bestellt.

Errätst du ihn? — Hierher! Du wirst mir doch

Erlauben, Sittah?

SITTAH

      Bruder!

SALADIN

      Dass du ja

Vor ihm recht sehr errötest, liebes Mädchen!

RECHA

Vor wem? erröten? ...

SALADIN

      Kleine Heuchlerin!

Nun so erblasse lieber! Wie du willst

Und kannst! —Eine Sklavin tritt herein, und nahet sich Sittah.Sie sind doch etwa nicht schon da?

SITTAH

Gut! lass sie nur herein. — Sie sind es, Bruder!

LETZTER AUFTRITT

Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.

SALADIN

Ah, meine guten, lieben Freunde! — dich,

Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen

Bedeuten, dass du nun, sobald du willst,

Dein Geld kannst wieder holen lassen! ...

NATHAN

      Sultan!...

SALADIN

Nun steh ich auch zu deinen Diensten ...

NATHAN

      Sultan!...

SALADIN

Die Karawan’ ist da. Ich bin so reich

Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. —

Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Großes

Zu unternehmen! Denn auch Ihr, auch Ihr,

Ihr Handelsleute, könnt des baren Geldes

Zu viel nie haben!

NATHAN

      Und warum zuerst

Von dieser Kleinigkeit? — Ich sehe dort

Ein Aug' in Tränen, das zu trocknen mir

Weit angelegner ist. Geht auf Recha zu. Du hast geweint?

Was fehlt dir? — bist doch meine Tochter noch?

RECHA

Mein Vater! ...

NATHAN

      Wir verstehen uns. Genug! —

Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz

Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst

Nur kein Verlust nicht droht! — Dein Vater ist

Dir unverloren!

RECHA

      Keiner, keiner sonst!

TEMPELHERR

Sonst keiner? — Nun! so hab ich mich betrogen.

Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat

Man zu besitzen nie geglaubt, und nie

Gewünscht. — Recht wohl! recht wohl! — Das ändert, Nathan,

Das ändert alles! — Saladin, wir kamen

Auf dein Geheiß. — Allein, ich hatte dich

Verleitet: jetzt bemüh dich nur nicht weiter!

SALADIN

Wie gach nun wieder, junger Mann! — Soll alles

Dir denn entgegen kommen? alles dich

Erraten?

TEMPELHERR

      Nun, du hörst ja! siehst ja, Sultan!

SALADIN

Ei wahrlich! — Schlimm genug, dass deiner Sache

Du nicht gewisser warst!

TEMPELHERR

      So bin ich’s nun.

SALADIN

Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,

Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist

Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wär

Der Räuber, den sein Geiz in’s Feuer jagt,

So gut ein Held, wie du!Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuführen.

      Komm, liebes Mädchen,

Komm! Nimm’s mit ihm nicht so genau. Denn wär

Er anders, wär er minder warm und stolz:

Er hätt es bleiben lassen, dich zu retten.

Du musst ihm eins fürs andre rechnen. — Komm!

Beschäm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!

Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!

Und wenn er dich verschmäht; dir's je vergisst,

Wie ungleich mehr in diesem Schritte du

Für ihn getan, als er für dich ... Was hat

Er denn für dich getan? Ein wenig sich

Beräuchern lassen? ist was Rechts! — so hat

Er meines Bruders, meines Assad, nichts!

So trägt er seine Larve, nicht sein Herz.

Komm, Liebe ...

SITTAH

      Geh! geh, Liebe, geh! Es ist

Für deine Dankbarkeit noch immer wenig;

Noch immer nichts.

NATHAN

      Halt Saladin! halt Sittah!

SALADIN

Auch du?

NATHAN

      Hier hat noch einer mitzusprechen...

SALADIN

Wer leugnet das? — Unstreitig, Nathan, kommt

So einem Pflegevater eine Stimme

Mit zu! Die erste, wenn du willst. — Du hörst,

Ich weiß der Sache ganze Lage.

NATHAN

      Nicht so ganz! —

Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;

Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,

Doch auch vorher zu hören bitte.

SALADIN

      Wer?

NATHAN

Ihr Bruder!

SALADIN

      Rechas Bruder?

NATHAN

Ja!

RECHA

Mein Bruder?

So hab ich einen Bruder?

TEMPELHERR

aus einer wilden, stummen Zerstreuung auffahrend

      Wo? wo ist

Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt

Ihn hier ja treffen.

NATHAN

      Nur Geduld!

TEMPELHERR

äußerst bitter

      Er hat

Ihr einen Vater aufgebunden: — wird

Er keinen Bruder für sie finden?

SALADIN

      Das

Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger

Verdacht wär über Assads Lippen nicht

Gekommen. — Gut! fahr nur so fort!

NATHAN

      Verzeih

Ihm! Ich verzeih ihm gern. — Wer weiß, was wir

An seiner Stell', in seinem Alter dächten!

Freundschaftlich, auf ihn zugehend

Natürlich, Ritter! — Argwohn folgt auf Misstraun

Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich

Gewürdigt hättet ...

TEMPELHERR

      Wie?

NATHAN

      Ihr seid kein Stauffen!

TEMPELHERR

Wer bin ich denn?

NATHAN

      Heißt Curd von Stauffen nicht!

TEMPELHERR

Wie heiß ich denn?

NATHAN

      Heißt Leu von Filneck.

TEMPELHERR

      Wie?

NATHAN

Ihr stutzt?

TEMPELHERR

      Mit Recht! Wer sagt das?

NATHAN

      Ich, der mehr,

Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes

Euch keiner Lüge.

TEMPELHERR

      Nicht?

NATHAN

      Kann doch wohl sein,

Dass jener Nam' Euch ebenfalls gebührt.

TEMPELHERR

Das sollt ich meinen! — (Das hieß Gott ihn sprechen!)

NATHAN

Denn Eure Mutter — die war eine Stauffin.

Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,

Dem Eure Eltern Euch in Deutschland ließen,

Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,

Sie wieder hier zu Lande kamen: — der

Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindestatt

Vielleicht Euch angenommen haben! — Seid

Ihr lange schon mit ihm nun auch herüber

Gekommen? Und er lebt doch noch?

TEMPELHERR

      Was soll

Ich sagen? — Nathan! — Allerdings! So ist’s!

Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten

Verstärkung unsers Ordens. — Aber, aber —

Was hat mit diesem allen Rechas Bruder

Zu schaffen?

NATHAN

      Euer Vater...

TEMPELHERR

      Wie? auch den

Habt Ihr gekannt? auch den?

NATHAN

      Er war mein Freund.

TEMPELHERR

War Euer Freund? Ist’s möglich, Nathan! ...

NATHAN

      Nannte

Sich Wolf von Filneck; aber war kein Deutscher ...

TEMPELHERR

Ihr wisst auch das?

NATHAN

      War einer Deutschen nur

Vermählt, war Eurer Mutter nur nach Deutschland

Auf kurze Zeit gefolgt ...

TEMPELHERR

      Nicht mehr! Ich bitt

Euch! — Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder ...

NATHAN

Seid Ihr!

TEMPELHERR

      Ich? ich ihr Bruder?

RECHA

      Er mein Bruder?

SITTAH

Geschwister!

SALADIN

      Sie Geschwister!

RECHA

will auf ihn zu

      Ah! mein Bruder!

TEMPELHERR

tritt zurück

Ihr Bruder!

RECHA

hält an, und wendet sich zu Nathan

      Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz

Weiß nichts davon! — Wir sind Betrüger! Gott!

SALADIN

zum Tempelherrn

Betrüger? wie? Das denkst du? kannst du denken?

Betrüger selbst! Denn alles ist erlogen

An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!

So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!

TEMPELHERR

sich demütig ihm nahend

Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!

Verkenn in einem Augenblick, in dem

Du schwerlich deinen Assad je gesehen,

Nicht ihn und mich!Auf Nathan zueilend.Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!

Mit vollen Händen beides! — Nein! Ihr gebt

Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!Recha um den Hals fallendAh meine Schwester! meine Schwester!

NATHAN

      Blanda

Von Filneck!

TEMPELHERR

      Blanda? Blanda? — Recha nicht?

Nicht Eure Recha mehr? — Gott! Ihr verstoßt

Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!

Verstoßt sie meinetwegen! — Nathan! Nathan!

Warum es sie entgelten lassen? — sie!

NATHAN

Und was? — O meine Kinder! meine Kinder! —

Denn meiner Tochter Bruder wär mein Kind

Nicht auch, — sobald er will?

Indem er sich ihren Umarmungen überlässt, tritt Saladin mit unruhigemErstaunen zu seiner Schwester.

SALADIN

      Was sagt du, Schwester?

SITTAH

Ich bin gerührt ...

SALADIN

      Und ich, — ich schaudre

Vor einer größern Rührung fast zurück!

Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.

SITTAH

Wie?

SALADIN

      Nathan, auf ein Wort! ein Wort! —

Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm ihre Teilnehmung zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin

Nicht —?

NATHAN

      Was?

SALADIN

      Aus Deutschland sei ihr Vater nicht

Gewesen, ein geborner Deutscher nicht.

Was war er denn? Wo war er sonst denn her?

NATHAN

Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.

Aus seinem Munde weiß ich nichts davon.

SALADIN

Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer?

NATHAN

O! dass er der nicht sei, gestand er wohl. —

Er sprach am liebsten Persisch ...

SALADIN

      Persisch? Persisch?

Was will ich mehr? — Er ist’s! Er war es!

NATHAN

      Wer?

SALADIN

Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad! Ganz.

Gewiss!

NATHAN

      Nun, wenn du selbst darauf verfällst: —

Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!

Ihm das Brevier überreichend.

SALADIN

es begierig aufschlagend

Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!

NATHAN

Noch wissen sie von nichts! Noch steht’s bei dir

Allein, was sie davon erfahren sollen!

SALADIN

indes er darin geblättert

Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?

Ich meine Neffen — meine Kinder nicht?

Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?Wieder laut.Sie sind’s! sie sind es, Sittah, sind’s! Sie sind’s!

Sind beide meines ... deines Bruders Kinder!

Er rennt in ihre Umarmungen.

SITTAH

ihm folgend

Was hör ich! — Konnt’s auch anders, anders sein!

SALADIN

zum Tempelherrn

Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben!Zu Recha.Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?

Magst wollen, oder nicht!

SITTAH

      Ich auch! ich auch!

Saladin zum Tempelherrn zurück.Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!

TEMPELHERR

Ich deines Bluts! — So waren jene Träume,

Womit man meine Kindheit wiegte, doch —

Doch mehr als Träume!

Ihm zu Füßen fallend

SALADIN

ihn aufhebend

      Seht den Bösewicht!

Er wusste was davon, und konnte mich

Zu seinem Mörder machen wollen! Wart!

Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.

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