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15.47
Die schwarze Jakobe

Bezpłatny fragment - Die schwarze Jakobe


Objętość:
46 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, druk czarno-biały
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0299-5

1883

Eines Abends, als ich, meiner täglichen Gewohnheit nach, bei Frau von F. eintrat, fand ich meine alte Freundin nicht wie sonst in ihrem Lehnstuhl am Tische sitzend, hinter dem grünen Lichtschirm, in dessen Schatten sie der Vorlesung ihres Fräuleins zuzuhören pflegte. Das Buch zwar lag aufgeschlagen neben der Lampe, der Platz der Vorleserin aber war leer, und die alte Dame ging trotz ihrer Gebrechlichkeit mit hastigen, aufgeregten Schritten hin und her über den weichen Teppich des halbdunklen Gemaches.

Als sie mich eintreten sah, blieb sie stehen, streckte mir aber nicht wie sonst mit herzlicher Gebärde die kleine welke Hand entgegen, sondern begrüßte mich mit einem wunderlichen Kopfschütteln, das eher nach einer Abweisung als einer Bewillkommnung aussah.

Sie kommen gerade zur rechten Zeit, rief sie mir entgegen, um mich einmal im Zorn zu sehen und sich tüchtig schelten zu lassen! In einer halben Stunde würde ich mich beruhigt haben, und morgen hätte ich vielleicht alles vergessen; denn es ist entsetzlich, wie rasch in so einem alten Kopf alle neuen Eindrücke verblassen und verschwinden! Nun aber ist die Schale meines Zornes noch frisch gefüllt undsoll bis auf den letzten Tropfen über Ihr schuldiges Haupt ergossen werden!

Wenn ich nur erst wüsste — erwiderte ich, indem ich zu lächeln versuchte, obwohl ich allerdings trotz meines arglosen Gewissens durch die leidenschaftliche Erregung der sonst so gütigen Frau bestürzt worden war.

Was Sie verbrochen haben? Sie haben mir ein schlechtes Buch empfohlen; das ist fast so strafbar, als wenn Sie einen schlechten Menschen bei mir eingeführt hätten. Oder nicht eigentlich ein schlechtes Buch, nur ein schwaches, das aber die Kraft gehabt hat, an meine teuersten Erinnerungen zu rühren und mich in die helle Empörung zu versetzen. Zum Glück hat meine gute Camilla mitten im Lesen einen Brief erhalten, den sie sofort beantworten musste. Wer weiß, was ich sonst noch alles zu hören bekommen hätte.

Ich war an den Tisch getreten und hatte in das offene Buch geblickt. Nun konnte ich mich in der Tat des Lachens nicht enthalten.

Wenn es nichts Ärgeres ist, verehrte Freundin! sagte ich. Der gute Fortlage und seine psychologischen Vorträge! Was in aller Welt haben Sie in diesen Blättern gefunden, das Sie so in Harnisch bringen konnte? Der treffliche Mann, der diese Vorträge gehalten, war freilich kein Ödipus, der das Welträtsel der alten Sphinx zu lüften verstanden hätte, aber ein freier Kopf, ein edles, zartsinniges Gemüt, ein gewissenhafter Beobachter, und wenn Sie das gemischte Publikum bedenken, vor dem er hier zu reden hatte —

Hören Sie auf, ihn zu loben! unterbrach sie mich, und ihre sonst so sanfte Stimme zitterte noch immer von verhaltenem Unwillen, Sie könnten diesen Philosophen nicht schärfer tadeln als durch diese Ihre Schutzrede. Sagen Sie selbst: ist nicht Denken das Intimste und Kühnste, das Rücksichtsloseste und Schamloseste, was es geben kann? Ist nicht Philosophieren im wahren und echten Sinne immer etwas Zynisches? Wer es in Wahrheit gewissenhaft betreibt, darf der sich davor scheuen, die Wahrheit zu entblößen, die im gedankenlosen alltäglichen Leben immer nur mit hundert Schleiern verhüllt sich blicken läßt? Und kann Der sich für einen Denker ausgeben, der dies bedenkliche Geschäft vor den Augen eines gemischten Publikums unternimmt, dem er ums Himmels willen durch den Anblick der nackten Wahrheit kein Ärgernis geben darf? Und dieser hier, den Sie so „edel und zartsinnig” finden, hat sich nicht einmal Zwang antun müssen, seine Weisheit den Unmündigen mundgerecht zu machen. Er scheint mir selbst so mädchenhaft geartet gewesen zu sein, dass er sich hütete, für die letzten Fragen das letzte Wort zu suchen und dem verschleierten Bilde die letzte Hülle abzureißen, damit nur ja „der schöne Wahn” nicht mit entzweireiße. Glauben Sie nur nicht, lieber Freund, ich sei ein alte Sansculottin und wolle die weltalte Ordnung der Gesellschaft umstürzen, die nun einmal darauf gegründet ist, dass man im täglichen Verkehr beileibe nicht alles beim Namen nennt. Oft sind ja auch die Dinge so häßlich, dass man sie unerträglich fände, wenn man nicht Verschönernde Ausdrücke dafür hätte. Aber ein Denker von Profession, ein Welt-- und Herzensfündiger, von dem verlang' ich, dass er sich nicht einen Augenblick besinne, mit seinem Seziermesser bis an den geheimsten Sitz des Lebens zu dringen, auch wenn schöne Seelen mit schwachen Nerven vor dem Anblick der innersten Natur der Dinge zurückschrecken sollten.

Sie war während dieser eifrigen Rede zu ihrem Lehnstuhl gewankt und ließ sich nun erschöpft in demselben nieder. Immer noch begriff ich nicht, was in diesem Buch es gewesen sein möchte, das sie so gewaltsam aus ihrem Gleichgewicht gerissen hatte.

Sie mögen Recht haben, sagte ich. Es ist eine Unsitte, schwere psychologische Fragen — und gibt es überhaupt leichte? — in einer kurzen Stunde vor wenig oder gar nicht vorbereiteten Zuhörern abzuhandeln. Aber hat nicht alle und jede Erziehung dieselbe unmögliche Aufgabe zu lösen? Und löst sie am Ende doch, indem sie mit unverstandenen Worten, die sich nur allmählich aufhellen, immer engere Kreise um dunkle Begriffe zieht, bis hier und da, wie im Mittelpunkt eines Brennspiegels, ein Funken aufleuchtet? Sagen Sie mirnur, wo das ungemischte Publikum zu finden wäre, vor welchem der Denker, ohne sich herabzuwürdigen, seine letzten Erkenntnisse ausbreiten könnte? Etwa in den Hörsälen der Universitäten, wo eine grüne Jugend zu seinen Füßen sitzt, die, während er spricht, an die nächste Mensur oder den gestrigen Kneipabend denkt?

Sie antwortete nicht sogleich. Sie hatte den kleinen Kopf in die Hand gestützt und schien meine letzten Worte überhört zu haben.

Plötzlich blickte sie auf, sah mich mit ihren dunklen Augen durchdringend an und sagte:

Was halten denn Sie von der Freundschaft? Sind Sie auch der Meinung Ihres Philosophen, das Gefühl, das wir so nennen, wurzle in dem Geselligkeitstriebe, in jenem Instinkt, der Bienen und Ameisen und Vogelschwärme zusammenführt und die Menschen dazu treibt, Vereine zu stiften und Staaten zu gründen? Und wie denken Sie über den Ausspruch des großen Aristoteles: nur unter Guten sei Freundschaft möglich? Sie mögen mich nun im Stillen eine hochmütige alte Närrin schelten — ich behaupte dennoch: wenn Ihre Philosophen nichts Klügeres von der Freundschaft zu sagen wissen, so sprechen sie wie Blinde von den Farben. Ich wenigstens — ich habe so wenig Geselligkeitstrieb, dass, wenn es auf mich angekommen wäre, die Menschen noch heut in lauter einzelnen Hütten über die ganze Erde zerstreut wohnten, und gleichwohl und eben darum glaube ich besser als die Meisten, denen ihre sogenannten Freundschaften eben nur zu dem übrigen Komfort des Lebens gehören, zu wissen, was Freundschaft sei. Gerade diejenigen, die von allgemeiner Menschenliebe überfließen und in den Ruf einstimmen: Seid umschlungen, Millionen! haben die geringste Anlage, das schwächste Bedürfnis nach dem, was ich allein dieses hohen Namens würdig finde. Ein sogenannter Menschenfreund — er mag sehr respektabel sein, vielleicht weit edler, sittlicher, wohltätiger, als der Freund eines Einzigen. Aber man sollte verschiedene Dinge nicht mit demselben Namen bezeichnen, Freundschaft nicht mit Nächstenliebe oder Humanitätverwechseln. Sie schweigen? Sie sind nicht meiner Meinung? Ober meinen Sie, dass eine kleine alte Frau nicht mitsprechen dürfe, wo der große alte Aristoteles gesprochen hat?

Durchaus nicht, verehrte Freundin! erwiderte ich. Ich glaube nicht daran, dass irgendein Denker irgendeinen Gedanken je zu Ende gedacht habe, so dass die späteren, wenn sie ihr eigenes Leben erleben und neue Blicke in die Welt tun, nichts davon-- und dazuzudenken hätten. Was aber jenes aristotelische Wort betrifft, von dem ich im Augenblick nicht weiß, in welchem Zusammenhang es steht, so begreife ich nicht, was Sie so lebhaft dagegen aufbringt. Auch ich glaube in diesem Punkt einige Erfahrung zu haben und bin ganz Ihrer Meinung, dass es töricht ist, Freundschaft aus der allgemeinen menschlichen Bedürftigkeit, dem Trieb nach Anlehnung und Verbrüderung herzuleiten. Gerade dass man Einen unter Tausenden sich zum Freunde wählt —

Wählt! — unterbrach sie mich wieder. Wie Sie dies Wort nur brauchen können, wo es sich um eine Naturmacht handelt, die alles Wollen und Wahlen ausschließt! Man kann allenfalls einen Beruf wählen, eine Konfession, eine Gattin — obwohl auch in all diesen Fällen, wenn es immer mit rechten Dingen dabei zuginge, nur von einem Müssen die Rede sein sollte. Hier aber können Zweckmäßigkeitsgründe den Ausschlag geben. Und freilich — aus eben solchen Gründen „Wählen” die meisten Menschen auch ihre Freunde, wegen dieser oder jener nützlichen oder angenehmen Eigenschaften, deren Mitgenuss ihnen durch eine vertraute Verbindung gesichert wird. Mir aber erscheint eine Freundschaft, die aus solchen Quellen entspringt, so wenig als die echte und rechte, wie ich das Wort Liebe entweihen möchte, wo es sich um eine Wahl aus irgendwelchen Rücksichten handelt, und seien sie der edelsten Art. Solche Bündnisse können sehr segensreich werden; die Macht der Gewohnheit und der Dankbarkeit für vieles Gute und Schöne kann sie mit der Zeit mehr und mehr adeln: immerhin bleibt in ihnen ein Erdenrest kühler und kluger Überlegung, im besten Falle die Früchte wahrer Hochachtung und sittlicher Würdigung.Was sich aber in Wahrheit Liebe und Freundschaft nennen darf, muss auf einem Grunde wurzeln, der mit dem Verstande nichts gemein hat, auf einem dunklen, unerforschlichen und unergründlichen Zuge der Natur; nur der ist so stark, dass er, wie es in der Bibel heißt, stärker ist als der Tod und die Pforten der Hölle. Solange ich einen Menschen nur liebenswürdig finde in dem üblichen Sinne des Wortes, darf ich noch nicht sagen, dass ich ihn liebe. Solange ich an einem anderen nur eine Reihe trefflicher Gaben und Tugenden bemerke, darf ich mir nicht anmaßen, sein Freund zu sein. Er selbst, sein verhülltes undurchdringliches Wesen, seine Persönlichkeit mit all ihren Rätseln, Schwächen und Stärken muss mich anziehen, bis ich mich nicht mehr dagegen wehren kann und nach schrankenloser Hingebung verlange. Und so ist im Grunde Liebe und Freundschaft ein-- und dasselbe, nicht etwa durch einen höheren oder geringeren Grad von Leidenschaftlichkeit unterschieden, so dass Freundschaft eine zahmere Liebe wäre, die allenfalls auch eine Teilung des geliebten Gegenstandes ertrüge, sondern nur darin liegt der Unterschied, dass Liebe nach einer Hingabe mit Leib und Seele trachtet, Freundschaft nur unter gleichen Geschlechtern besteht. Im Übrigen ist sie ganz so eigensinnig und unzurechnungsfähig beim Ergreifen ihres Gegenstandes, wie die verliebte Liebe selbst, ebenso ausschließlich, so eifersüchtig, so völlig unbekümmert, ob ihr Gegenstand gut oder böse sei. Nur dass im letzteren Falle Freundschaft ebenso sehr wie Liebe, die sich an einen Unwürdigen gefesselt fühlt, zu einem traurigen Verhängnis wird, wovon freilich die schönen Seelen, die bei der „Wahl” ihrer Freunde auf einen guten Charakter und reine Sitten sehen, nicht die leiseste Ahnung haben!

Sie schwieg hierauf wieder eine ganze Weile. Es war so still im Zimmer, dass ich die Atemzüge vernehmen konnte, die sich nach dem gewaltsamen Ausbruch ihres Inneren nur langsam beruhigten. Keinen Augenblick war ich im Zweifel darüber, dass diese im Munde einer Frau doppelt seltsam klingende schroffe Doktrin einer eigenen schweren Lebenserfahrung entsprungen sei. Da ich aber sah, wie tief die Erinnerung sie aufregte, wagte ich nicht weiter zu forschen. Und obwohl es mir auf der Zunge schwebte zu sagen, dies alles sei nur insofern wahr, als man etwa auch die Art und Eigenheit einer Pflanze in ihrer höchsten Blüte finde, während sie doch auch auf allen Stufen ihrer Entwicklung schon dieselbe Pflanze sei, hütete ich mich doch, die wundersame Stimmung, in die meine alte Freundin versunken war, mit klügelnden Einwürfen zu stören. Sie aber, als hatte sie in meine verschwiegenen Gedanken hineingehorcht, sagte auf einmal mit ganz veränderter Stimme, sanft und heiter, wie nach einem überstandenen Sturm:

Sie haben Recht, wenn Sie sich wundern, dass ich so alt geworden bin und noch immer alles auf die Spitze treibe. Man hat mir das schon in meinen jüngsten Jahren vorgeworfen und mich getröstet, mit der Zeit werde sich's geben. Die Zeit hat auch mir Vieles gebracht und genommen — über gewisse Axiome meines Herzens hat sie keine Gewalt gehabt. Noch heut, wenn ich an die einzige Freundin meines Lebens zurückdenke, — was werden Sie sagen, lieber Freund, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich von allen Menschen, die der Tod mir genommen, keinen einzigen lieber auferweckte als dieses ewig unvergessene und unverschmerzte Wesen, das gar kein Ausbund trefflicher Eigenschaften war und mir viel Herzeleid gemacht hat? Werden Sie nicht an mir selbst irre werden, wenn Sie hören, dass die, die ich am leidenschaftlichsten geliebt und betrauert habe, eine schlechte Tochter war, eine schlechte Mutter, eine bestrafte Diebin, eine zügellose Landstreicherin, ja etwas Schlimmeres, — das Schlimmste, was ein Weib werden kann und was ihr von ihrem eigenen Geschlecht am bittersten verdacht zu werden pflegt? Setzen Sie sich dort auf den Stuhl meiner Camilla. Sie müssen diese Geschichte hören; wenn Sie Ihnen missfällt, nehmen Sie es hin als Buße dafür, dass Sie mir eine Abhandlung über die Freundschaft empfohlen haben, in der von all diesen Abgründen des Menschenherzens auch nicht das leiseste Wort zu lesen ist.

Sie wissen, dass ich nicht gerade eine glückliche Jugend gehabt habe: unschön, frühreif, von nachdenklicher Gemütsart, die alles viel zu schwer nahm und mich in den Augen der Menschen, welche Kinder als lebendige Spielsachen betrachten, nicht eben liebenswürdig erscheinen ließ. Und so verschloss ich mich früh in mir selbst und gelangte halb zu einer vorzeitigen, altklugen Resignation, in der ich mich endlich fast behaglich fühlte, zumal ich wohl bemerkte, dass ich dadurch über gewisse Täuschungen und kindische Leiden hinausgehoben wurde, die der ganz naiven, in den Tag hineinlachenden Jugend nicht erspart bleiben.

Ich war fünfzehn Jahre und eben eingesegnet worden, als ein alter Oheim meiner Mutter starb und ihr ein Landhaus vermachte, von dem wir bisher viel hatten reden hören, ohne es je zu betreten. Der alte Herr hatte dort ganz zurückgezogen die letzten Jahre seines Lebens zugebracht; es war seine Marotte gewesen, aus diesem kahlen Stück Land etwas zu machen, was er als seine eigenste Schöpfung, einen Triumph der Kunst über die Natur betrachten durfte. Doch immer noch war ihm sein Park nicht ansehnlich genug erschienen, im Garten fehlte es immer noch an dem und jenem, womit er die Freunde, die ihn wegen seines Eigensinns verspottet hatten, überraschen wollte, und so überraschte ihn endlich der Tod, ehe er das seit Jahren verheißene Fest der Einweihung hatte veranstalten können. Seine Nächsten betraten den großen Gartensaal erst, als der Sarg des Besitzers unter den schönsten Gewächsen des Treibhauses darin aufgebahrt war.

Nach der Beerdigung, die auf dem ärmlichen Kirchhof des nahen Dorfes stattfand, blieben nur meine Eltern und ich in den verödeten Räumen zurück. Es war zu Ende April, die Witterung noch nicht zu einem längeren Landaufenthalt verlockend. Sie wollten nur von dem ererbten Gut Besitz ergreifen und für ein späteres Wiederkommen allerlei Anordnungen treffen.

Als ich zum ersten Mal allein durch den Garten schlenderte, den nach allen Seiten hohe Heckenwände gegen dasumliegende flache und unbewaldete Land abgrenzten, bemerkte ich an einer Stelle, wo die Sträucher noch kein Laub angesetzt hatten, ein hohes Stacket, das unseren Grund und Boden gegen jedes Eindringen von außen schützte. Ich trat ohne sonderliche Neugier näher und spähte durch die schlanken Stämmchen, aus denen der Zaun zusammengefügt war, auf das nachbarliche Gebiet hinaus. Es gehörte, wie ich wusste, einem Handelsgärtner, der sich klugerweise hier angesiedelt hatte, weil die Lage neben dem herrschaftlichen Besitztum allerlei Vorteile, besonders in wasserarmen Sommern, versprach. Denn der Onkel war ein guter Mann gewesen und hatte von seinem Überfluss gern seinen Nebenmenschen zugutekommen lassen.

Der lange, schmale Streifen Landes, in Gemüsebeete abgeteilt und hie und da mit Fluchtbäumen bepflanzt, sah in dieser Jahreszeit durstig genug aus, und das Häuschen vollends, das am Ende des Grundstückes unter einem schweren grauen Strohdach fast in den Erdboden zu versinken schien, machte den Eindruck großer Verwahrlosung. Ich wollte mich darum schon wieder abwenden, als eine Mädchengestalt, die eifrig mit dem Umgraben eines Beetes beschäftigt war, auf einmal sich aufrichtete und den Kopf nach mir umwandte. Unter dem zerrissenen, durch manchen Regenguss unförmlich gewordenen Strohhut sahen mich zwei Augen an, die bei dem ersten Blick eine sonderbare Gewalt über mich ausübten.

Das übrige Gesicht konnte ich bei meiner Kurzsichtigkeit nicht sogleich unterscheiden. Ich sah aber, dass die junge Gärtnerin aufs Armseligste gekleidet war. Trotz des rauen Aprilwindes trug sie nur ein ärmelloses Leibchen und einen gestickten rotwollenen Unterrock, der nur eben über die Knie reichte, die nackten Füße steckten in Pantinen — Sie kennen diesen Ausdruck für die groben Lederschuhe mit Holzsohlen, die bei uns in der Mark getragen werden, — ihre Arme waren bis über die Ellbogen bloß. Und doch war Etwas in der schlanken, rüstigen Gestalt, was mich fesselte und zu einem freundlichen Nicken bewog.

Dieses Nicken wurde nicht erwidert; aber da in dem dunklen Gesicht plötzlich etwas schimmerte wie eine Reihe blanker Zähne, merkte ich, dass das Mädchen mich nicht mit feindseligen Augen betrachtete. Einsam und müßig, wie ich war, fühlte ich die größte Lust, mit meiner jungen Nachbarin nähere Bekanntschaft zu machen. Ich winkte ihr daher herablassend zu, dass sie an den Zaun herankommen möchte, worauf sie sich mit dem bloßen Arm den Schweiß von der Stirn wischte, so dass der Hut ihr in den Nacken fiel; darauf warf sie einen forschenden Blick nach dem Häuschen zurück und kam behutsam mit ihren schweren Schuhen zwischen den frisch bepflanzten Beeten zu mir herangestapft.

Nun konnte ich sie genauer betrachten und fand sie weit hübscher, als ich aus der Ferne geglaubt, Ihre Farbe war auffallend braun, Haar und Augenbrauen kohlschwarz, aber die funkelnden kleinen Augen von einem ganz hellen Grau, und das Weiße um den Augenstern hatte einen bläulichen Glanz, Ihr Obergesicht mit der schlanken geraden Nase war vollkommen schön, nur die untere Hälfte, wenn sie lachte, verdarb den Eindruck trotz der schönen Zähne, da der Mund dann einen breiten, wilden und sinnlichen Zug bekam, der sofort verschwand, wenn sie im Trotz oder Unwillen die Lippen zusammenpresste.

Du bist die Tochter des Gärtners? fragte ich.

Sie nickte, indem sie, beide Hände auf den Spaten gestemmt, mir gegenüber stand und mich ruhig vom Kopf bis zu den Füßen musterte.

Wie heißest du?

Jakobine. Die Mutter nennt mich Jakobe, der Vater „feine Schwarze”; im Dorf heißen sie mich die schwarze Jakobe. Und wie heißest du?

Ich hatte mir als junge Aristokratin nichts dabei gedacht, sie zu duzen. dass sie sich aber ebenso unbedenklich dieselbe Freiheit nahm, verletzte mich ein wenig. Doch konnte ich ihrem ruhigen Blick nicht ausweichen und sagte ihr nach einigem Zögern meinen Namen.

Wirst du länger hier bleiben? fragte sie weiter.

Ich sagte, dass wir für diesmal nur einige Tage uns aufhalten würden, aber später im Jahr wiederzukommen gedächten.

Sie schüttelte den Kopf. Warum wollt ihr wiederkommen? sagte sie. Hier ist es nicht schön. Wenn ich in der Stadt lebte, käme ich nie wieder heraus, auch nicht, wenn ich in eurem schönen Haus wohnen könnte. Hier ist es nicht schön! wiederholte sie und stieß den Spaten mit einer verächtlichen Gebärde in den harten Grund.

Du bist immer allein? fragte ich, da mich der traurige Ton ihrer Stimme rührte. Hast du keine Geschwister? Gibt es im Dorf keine Mädchen von deinem Alter, mit denen du Freundschaft halten könntest? Wie alt bist du denn?

Im Juni werd' ich sechzehn. Geschwister hab ich keine, ich möcht' auch keine haben. Es ist genug, wenn ein Kind im Haus es schlecht hat. Und die im Dorf —

Sie rümpfte verächtlich die Lippen. Ihr seltsames Wesen nahm mich mehr und mehr gefangen.

Jakobine, sagte ich, ich habe auch keine Geschwister und bin hier ganz allein. Wenn du manchmal ein bißchen Zeit hättest, möchte ich gern mit dir plaudern, du müsstest aber zu mir herüberkommen, denn ich darf nicht allein aus dem Hause oder gar ins freie Feld. Willst du?

Ich sah, wie sie überlegte. Ich muss den ganzen Tag arbeiten, sagte sie, und jetzt erst fiel mir auf, welch eine raue Stimme sie hatte. Wenn ich zu früh Feierabend machte, kriegt' ich es mit der Mutter. Sie ist immer froh, wenn sie mich beim Vater verklagen kann, weil der mich — lieber hat als sie. Und er fürchtet sich vor ihr und läßt sich's nicht merken, dass er mir gern was Besseres gönnte. Ja, du — du hast's gut! Aber laß die Zeit nur vergehen; eines Tages —

Sie vollendete den Satz nicht, sondern hob den Spaten mit ihrem kräftigen braunen Arm und schleuderte ihn weit von sich. In diesem Augenblick hörte ich eine Weiberstimme vom Hause her rufen: Jakobe! Wo steckst du denn? Bistdu schon fertig? — Ich sah nur undeutlich ein kleines Weibchen, das aus der Tür des Gärtnerhauses getreten war und heftig mit den Armen durch die Luft fuhr. Hörst du wohl? sagte das Mädchen, nicht einmal die paar Augenblicke gönnt sie mir. Aber übermorgen ist Sonntag — da komme ich nachmittags zu dir in den Baumgarten (sie meinte den Park) — da, wo die weiße Figur an dem Teiche steht. Aber du — du wirst bis dahin die Schwarze längst vergessen haben.

Ich beteuerte ihr, dass ich getreulich auf sie warten würde, und sah noch, wie ein Lächeln über ihr Gesicht flog, das ihr vollends mein Herz gewann. Dann nickte sie mir flüchtig zu, ging ihren Spaten aufzuheben und kehrte langsam zu ihrer Arbeit zurück, ohne der Mutter, die noch eine Weile fortkeifte, ein einziges Wort zu erwidern.

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