drukowana A5
21.09
Iphigenie auf Tauris

Bezpłatny fragment - Iphigenie auf Tauris

Objętość:
97 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0233-9

PERSONEN:

Iphigenie

Thoas, König der Taurier

Orest

Pylades

Arkas

Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel

ERSTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

IPHIGENIE

Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,

Wie in der Göttin stilles Heiligtum

Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,

Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,

Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.

So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen

Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;

Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.

Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,

Und an dem Ufer steh ich lange Tage

Das Land der Griechen mit der Seele suchend;

Und gegen meine Seufzer bringt die Welle

Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.

Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern

Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram

Das nächste Glück vor seinen Lippen weg.

Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken

Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne

Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo

Sich Mitgeborne spielend fest und fester

Mit sanften Banden aneinander knüpften.

Ich rechte mit den Göttern nicht; allein

Der Frauen Zustand ist beklagenswert.

Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann

Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.

Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg;

Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.

Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,

Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar

Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!

So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,

In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.

O wie beschämt gesteh ich, daß ich dir

Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,

Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte

Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.

Auch hab ich stets auf dich gehofft und hoffe

Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,

Des größten Königes verstoßne Tochter,

In deinen heil'gen sanften Arm genommen.

Ja, Tochter Zeus', wenn du den hohen Mann,

Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest;

Wenn du den göttergleichen Agamemnon,

Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,

Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich

Nach seinem Vaterland zurück begleitet,

Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,

Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;

So gib auch mich den Meinen endlich wieder,

Und rette mich, die du vom Tod errettet,

Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!

ZWEITER AUFTRITT

Iphigenie. Arkas.

ARKAS

Der König sendet mich hierher und beut

Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.

Dies ist der Tag, da Tauris seiner Göttin

Für wunderbare neue Siege dankt.

Ich eile vor dem König und dem Heer,

Zu melden, daß er kommt und daß es naht.

IPHIGENIE

Wir sind bereit sie würdig zu empfangen,

Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer

Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.

ARKAS

O fänd ich auch den Blick der Priesterin,

Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,

O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,

Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt

Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;

Vergebens harren wir schon Jahre lang

Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.

So lang ich dich an dieser Stätte kenne,

Ist dies der Blick, vor dem ich immer schaudre;

Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele

Ins Innerste des Busens dir geschmiedet.

IPHIGENIE

Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.

ARKAS

Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?

IPHIGENIE

Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?

ARKAS

Und dir ist fremd das Vaterland geworden.

IPHIGENIE

Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt

In erster Jugend, da sich kaum die Seele

An Vater, Mutter und Geschwister band;

Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich,

Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts

Zu dringen strebten; leider faßte da

Ein fremder Fluch mich an und trennte mich

Von den Geliebten, riß das schöne Band

Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,

Der Jugend beste Freude, das Gedeihn

Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war

Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust

Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.

ARKAS

Wenn du dich so unglücklich nennen willst;

So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.

IPHIGENIE

Dank habt ihr stets.

ARKAS

      Doch nicht den reinen Dank,

Um dessentwillen man die Wohltat tut;

Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben

Und ein geneigtes Herz dem Wirte zeigt.

Als dich ein tief geheimnisvolles Schicksal

Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,

Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,

Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,

Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,

Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,

Weil niemand unser Reich vor dir betrat,

Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,

Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.

IPHIGENIE

Frei atmen macht das Leben nicht allein.

Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte,

Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,

Ich nur vertrauern muß? Und nenn ich das

Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn

Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt,

Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,

Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,

Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;

Dies Frauenschicksal ist vor allen meins.

ARKAS

Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest,

Verzeih ich dir, so sehr ich dich bedaure;

Er raubet den Genuss des Lebens dir.

Du hast hier nichts getan seit deiner Ankunft?

Wer hat des König trüben Sinn erheitert?

Wer hat den alten grausamen Gebrauch,

Daß am Altar Dianens jeder Fremde

Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr,

Mit sanfter Überredung aufgehalten,

Und die Gefangnen vom gewissen Tod

Ins Vaterland so oft zurückgeschickt?

Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein,

Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt,

Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?

Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg

Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?

Und fühlt nicht jeglicher ein besser Los,

Seitdem der König, der uns weis und tapfer

So lang geführet, nun sich auch der Milde

In deiner Gegenwart erfreut und uns

Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?

Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen

Auf Tausende herab ein Balsam träufelt?

Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,

Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst,

Und an dem unwirtbaren Todes-Ufer

Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest?

IPHIGENIE

Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,

Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt.

ARKAS

Doch lobst du den, der was er tut nicht schätzt?

IPHIGENIE

Man tadelt den, der seine Taten wägt.

ARKAS

Auch den, der wahren Wert zu stolz nicht achtet,

Wie den, der falschen Wert zu eitel hebt.

Glaub mir und hör auf eines Mannes Wort,

Der treu und redlich dir ergeben ist:

Wenn heut der König mit dir redet, so

Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.

IPHIGENIE

Du ängstest mich mit jedem guten Worte;

Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus.

ARKAS

Bedenke was du tust und was dir nützt.

Seitdem der König seinen Sohn verloren,

Vertraut er wenigen der Seinen mehr,

Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.

Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn

Als seines Reiches Folger an, er fürchtet

Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht

Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod.

Der Scythe setzt ins Reden keinen Vorzug,

Am wenigsten der König. Er, der nur

Gewohnt ist zu befehlen und zu tun,

Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch

Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.

Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern,

Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh

Gefällig ihm den halben Weg entgegen.

IPHIGENIE

Soll ich beschleunigen was mich bedroht?

ARKAS

Willst du sein Werben eine Drohung nennen?

IPHIGENIE

Es ist die schrecklichste von allen mir.

ARKAS

Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun.

IPHIGENIE

Wenn er von Furcht erst meine Seele löst.

ARKAS

Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?

IPHIGENIE

Weil einer Priesterin Geheimnis ziemt.

ARKAS

Dem König sollte nichts Geheimnis sein;

Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch

Und fühlt es tief in seiner großen Seele,

Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst.

IPHIGENIE

Nährt er Verdruss und Unmut gegen mich?

ARKAS

So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;

Doch haben hingeworfne Worte mich

Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch

Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß,

O überlaß ihn nicht sich selbst! damit

In seinem Busen nicht der Unmut reife

Und dir Entsetzen bringe, du zu spät

An meinen treuen Rat mit Reue denkest.

IPHIGENIE

Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann,

Der seinen Namen liebt und dem Verehrung

Der Himmlischen den Busen bändiget,

Je denken sollte? Sinnt er vom Altar

Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?

So ruf ich alle Götter und vor allen

Dianen, die entschloss'ne Göttin, an,

Die ihren Schutz der Priesterin gewiß

Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt.

ARKAS

Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut

Treibt nicht den König, solche Jünglingstat

Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,

Befürcht ich andern harten Schluß von ihm,

Den unaufhaltbar er vollenden wird:

Denn seine Seel ist fest und unbeweglich.

Drum bitt ich dich, vertrau ihm, sei ihm dankbar,

Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.

IPHIGENIE

O sage was dir weiter noch bekannt ist.

ARKAS

Erfahr's von ihm. Ich seh den König kommen;

Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,

Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.

Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort

Der Frauen weit geführt.

IPHIGENIE

allein.

      Zwar seh ich nicht,

Wie ich dem Rat des Treuen folgen soll;

Doch folg ich gern der Pflicht, dem Könige

Für seine Wohltat gutes Wort zu geben,

Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen,

Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.

DRITTER AUFTRITT

Iphigenie. Thoas.

IPHIGENIE

Mit königlichen Gütern segne dich

Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm

Und Reichtum und das Wohl der Deinigen

Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!

Daß, der du über viele sorgend herrschest,

Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.

THOAS

Zufrieden wär ich wenn mein Volk mich rühmte:

Was ich erwarb, genießen andre mehr

Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei

Ein König oder ein Geringer, dem

In seinem Hause Wohl bereitet ist.

Du nahmest Teil an meinen tiefen Schmerzen,

Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,

Den letzten, besten, von der Seite riß.

So lang die Rache meinen Geist besaß,

Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;

Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,

Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,

Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.

Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst

Aus einem jeden Auge blicken sah,

Ist nun von Sorg und Unmut still gedämpft.

Ein jeder sinnt was künftig werden wird,

Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.

Nun komm ich heut in diesen Tempel, den

Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und

Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch

Trag ich im Busen, der auch dir nicht fremd

Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,

Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,

Als Braut in meine Wohnung einzuführen.

IPHIGENIE

Der Unbekannten bietest du zu viel,

O König, an. Es steht die Flüchtige

Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer

Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.

THOAS

Daß du in das Geheimnis deiner Ankunft

Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,

Wär unter keinem Volke recht und gut.

Dies Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz

Gebietet's und die Not. Allein von dir,

Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl

Von uns empfangner Gast, nach eignem SinnUnd Willen ihres Tages sich erfreut,

Von dir hofft ich Vertrauen, das der Wirt

Für seine Treue wohl erwarten darf.

IPHIGENIE

Verbarg ich meiner Eltern Namen und

Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,

Nicht Mißtraun. Denn vielleicht, ach wüßtest du

Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt

Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte

Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,

Und statt die Seite deines Thrones mir

Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit

Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,

Eh zu den Meinen frohe Rückkehr mir

Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,

Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,

Von seinem Haus Vertriebnen überall

Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.

THOAS

Was auch der Rat der Götter mit dir sei,

Und was sie deinem Haus und dir gedenken;

So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst

Und eines frommen Gastes Recht genießest,

An Segen nicht, der mir von oben kommt.

Ich möchte schwer zu überreden sein,

Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.

IPHIGENIE

Dir bringt die Wohltat Segen, nicht der Gast.

THOAS

Was man Verruchten tut wird nicht gesegnet.

Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;

Es fordert dies kein ungerechter Mann.

Die Göttin übergab dich meinen Händen;

Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.

Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:

Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,

So sprech ich dich von aller Fordrung los.

Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,

Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch

Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,

So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.

Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.

IPHIGENIE

Vom alten Bande löset ungern sich

Die Zunge los, ein lang verschwiegenes

Geheimnis endlich zu entdecken; denn

Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr

Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,

Wie es die Götter wollen, oder nützt.

Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.

THOAS

Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.

Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt

Als einen ehmals Hochbegnadigten

Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus,

Den Jupiter zu Rat und Tafel zog,

An dessen alterfahrnen, vielen Sinn

Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,

Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?

IPHIGENIE

Er ist es; aber Götter sollten nicht

Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;

Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach

In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.

Unedel war er nicht und kein Verräter;

Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen

Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war

Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht

War streng, und Dichter singen: Übermut

Und Untreu stürzten ihn von Jovis Tisch

Zur Schmach des alten Tartarus hinab.

Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!

THOAS

Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

IPHIGENIE

Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen

Kraftvolles Mark war seiner Söhn und Enkel

Gewisses Erbteil; doch es schmiedete

Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.

Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld

Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;

Zur Wut ward ihnen jegliche Begier,

Und gränzenlos drang ihre Wut umher.

Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,

Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb

Sich durch Verrat und Mord das schönste Weib,

Önomaus Erzeugte, Hippodamien.

Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,

Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie

Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn

Aus einem andern Bette wachsend an.

Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt

Das Paar im Brudermord die erste Tat.

Der Vater wähnet Hippodamien

Die Mörderin, und grimmig fordert er

Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt

Sich selbst —

THOAS

      Du schweigest? Fahre fort zu reden!

Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!

IPHIGENIE

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,

Der froh von ihren Taten, ihrer Größe

Den Hörer unterhält, und still sich freuend

Ans Ende dieser schönen Reihe sich

Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich

Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;

Erst eine Reihe Böser oder Guter

Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude

Der Welt hervor. — Nach ihres Vaters Tode

Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,

Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht

Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest

Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus

Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon

Thyest, auf schwere Taten sinnend, lange

Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich

Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.

Dem füllet er die Brust mit Wut und Rache

Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er

Im Oheim seinen eignen Vater morde.

Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König

Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,

Er töte seines Bruders Sohn. Zu spät

Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen

Gemartert stirbt; und die Begier der Rache

Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still

Auf unerhörte Tat. Er scheint gelassen

Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder

Mit seinen beiden Söhnen in das Reich

Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie,

Und setzt die ekle schaudervolle Speise

Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.

Und da Thyest an seinem Fleische sich

Gesättigt, eine Wehmut ihn ergreift,

Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme

Der Knaben an des Saales Türe schon

Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend

Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.

Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:

So wendete die Sonn ihr Antlitz weg

Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.

Dies sind die Ahnherrn deiner Priesterin;

Und viel unseliges Geschick der Männer,

Viel Taten des verworrnen Sinnes deckt

Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt

Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn.

THOAS

Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug

Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder

Von diesem wilden Stamme du entsprangst.

IPHIGENIE

Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon:

Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,

In ihm hab ich seit meiner ersten Zeit

Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.

Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling

Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte

Der König, und es war dem Hause Tantals

Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein

Es mangelte dem Glück der Eltern noch

Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,

Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest

Der Liebling wuchs, als neues Übel schon

Dem sichern Hause zubereitet war.

Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,

Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,

Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands

Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie

Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel

Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte

Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie

Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,

Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt

Die Eilenden zurück und forderte

Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter.

Sie lockten mit der Mutter mich ins Lager;

Sie rissen mich vor den Altar und weihten

Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:

Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend

In eine Wolke mich; in diesem Tempel

Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.

Ich bin es selbst, bin Iphigenie,

Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,

Der Göttin Eigentum, die mit dir spricht.

THOAS

Mehr Vorzug und Vertrauen geb ich nicht

Der Königstochter als der Unbekannten.

Ich wiederhole meinen ersten Antrag:

Komm, folge mir, und teile was ich habe.

IPHIGENIE

Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?

Hat nicht die Göttin, die mich rettete,

Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?

Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,

Und sie bewahrt mich einem Vater, den

Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht

Zur schönsten Freude seines Alters hier.

Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;

Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte

Mich wider ihren Willen hier gefesselt?

Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

THOAS

Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.

Such Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.

Man spricht vergebens viel, um zu versagen;

Der andre hört von allem nur das Nein.

IPHIGENIE

Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;

Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.

Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,

Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen

Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?

Daß in den alten Hallen, wo die Trauer

Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,

Die Freude, wie um eine Neugeborne,

Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.

O sendetest du mich auf Schiffen hin!

Du gäbest mir und allen neues Leben.

THOAS

So kehr zurück! Tu was dein Herz dich heißt,

Und höre nicht die Stimme guten Rats

Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib

Dich hin dem Triebe, der dich zügellos

Ergreift und dahin oder dorthin reißt.

Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,

Hält vom Verräter sie kein heilig Band,

Der sie dem Vater oder dem Gemahl

Aus langbewährten, treuen Armen lockt;

Und schweigt in ihrer Brust die rasche Glut,

So dringt auf sie vergebens treu und mächtig

Der Überredung goldne Zunge los.

IPHIGENIE

Gedenk, o König, deines edeln Wortes!

Willst du mein Zutraun so erwidern? Du

Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.

THOAS

Aufs Ungehoffte war ich nicht bereitet;

Doch sollt ich's auch erwarten: wußt ich nicht,

Daß ich mit einem Weibe handeln ging?

IPHIGENIE

Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.

Nicht herrlich wie die euern, aber nicht

Unedel sind die Waffen eines Weibes.

Glaub es, darin bin ich dir vorzuziehn,

Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.

Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,

Ein näher Band werd uns zum Glück vereinen.

Voll guten Mutes wie voll guten Willens

Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;

Und hier dank ich den Göttern, daß sie mir

Die Festigkeit gegeben, dieses Bündnis

Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.

THOAS

Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.

IPHIGENIE

Sie reden nur durch unser Herz zu uns.

THOAS

Und hab Ich, sie zu hören, nicht das Recht?

IPHIGENIE

Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.

THOAS

Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?

IPHIGENIE

Vor allen andern merke sie der Fürst.

THOAS

Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht

An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,

Als einen erdgebornen Wilden.

IPHIGENIE

      So

Büß ich nun das Vertraun, das du erzwangst.

THOAS

Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.

So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin

Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;

Doch mir verzeih Diane, daß ich ihr,

Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,

Die alten Opfer vorenthalten habe.

Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;

Von Alters her ist ihm der Tod gewiß.

Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,

In der ich bald der zarten Tochter Liebe,

Bald stille Neigung einer Braut zu sehn

Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden

Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.

Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,

Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;

Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes

Frühzeit'gem Tode lauter über mich.

Um deinetwillen halt ich länger nicht

Die Menge, die das Opfer dringend fordert.

IPHIGENIE

Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.

Der mißversteht die Himmlischen, der sie

Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur

Dir eignen grausamen Begierden an.

Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?

Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.

THOAS

Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen

Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft

Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.

Tu deine Pflicht, ich werde meine tun.

Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen

Versteckt gefunden, und die meinem Lande

Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.

Mit diesen nehme deine Göttin wieder

Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!

Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.

VIERTER AUFTRITT

IPHIGENIE

allein.

Du hast Wolken, gnädige Retterin,

Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,

Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie

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