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Die Leiden des jungen Werther

Bezpłatny fragment - Die Leiden des jungen Werther

Objętość:
181 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0225-4

Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt, und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mirs danken werdet. Ihr könnt seinem Geiste und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.

Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.

Erstes Buch

Am 4. Mai 1771

Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herzdes Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ichunzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mirs.Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal,um ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und dochwar ich unschuldig. Konnt ich dafür, daß, während die eigensinnigenReize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung verschafften,daß eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch — binich ganz unschuldig? Hab ich nicht ihre Empfindungen genährt? habich mich nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oftzu lachen machten, so wenig lächerlich sie waren, selbst ergötzt,hab ich nicht — O was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf!Ich will, lieber Freund, ich verspreche dirs, ich will mich bessern,will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt,wiederkäuen, wie ichs immer getan habe; ich will das Gegenwärtigegenießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiß, du hastrecht, Bester, der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sienicht — Gott weiß, warum sie so gemacht sind — mit so viel Emsigkeitder Einbildungskraft sich beschäftigten, die Erinnerungen desvergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwartzu ertragen.

Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, daß ich ihr Geschäft bestensbetreiben und ihr ehstens Nachricht davon geben werde. Ich habe meineTante gesprochen und bei weitem das böse Weib nicht gefunden, das manbei uns aus ihr macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von dembesten Herzen. Ich erklärte ihr meiner Mutter Beschwerden über denzurückgehaltenen Erbschaftsanteil; sie sagte mir ihre Gründe, Ursachenund die Bedingungen, unter welchen sie bereit wäre, allesherauszugeben, und mehr als wir verlangten — Kurz, ich mag jetzt nichtsdavon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Undich habe, mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden,daß Mißverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Weltmachen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzterengewiß seltener.

Übrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinemHerzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und dieseJahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz.Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man möchte zumMaienkäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben undalle seine Nahrung darin finden zu können.

Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eineunaussprechliche Schönheit der Natur. Das bewog den verstorbenenGrafen von M., einen Garten auf einem der Hügel anzulegen, die mit derschönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen und die lieblichsten Tälerbilden. Der Garten ist einfach, und man fühlt gleich bei demEintritte, daß nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern einfühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier genießenwollte. Schon manche Träne hab ich dem Abgeschiedenen in demverfallenen Kabinettchen geweint, das sein Lieblingsplätzchen war undauch meines ist. Bald werde ich Herr vom Garten sein; der Gärtner istmir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird sich nicht übeldabei befinden.

Am 10. Mai

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleichden süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich binallein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solcheSeelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, meinBester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meineKunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einenStrich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesenAugenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonnean der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht,und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ichdann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erdetausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich dasWimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen,unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinemHerzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nachseinem Bilde schuf, das Wehen des All-liebenden, der uns in ewiger Wonneschwebend trägt und erhält; mein Freund! wenns dann um meine Augendämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seeleruhn wie die Gestalt einer Geliebten — dann sehne ich mich oft unddenke: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papieredas einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde derSpiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichenGottes! — Mein Freund — Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliegeunter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

Am 12. Mai

Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oderob die warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir allesrings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte einBrunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine mit ihrenSchwestern. — Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dichvor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten dasklarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die obenumher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umherbedecken, die Kühle des Ortes; das hat alles so was Anzügliches, wasSchauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde dasitze. Da kommen die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, dasharmloseste Geschäft und das nötigste, das ehemals die Töchter derKönige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt diepatriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter,am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen undQuellen wohltätige Geister schweben. O der muß nie nach einerschweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben,der das nicht mitempfinden kann.

Am 13. Mai

Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? — Lieber, ich bittedich um Gottes willen, laß mir sie vom Halse! Ich will nicht mehrgeleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch genugaus sich selbst; ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seinerFülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull ich mein empörtes Blutzur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts gesehen als diesesHerz. Lieber! brauch ich dir das zu sagen, der du so oft die Lastgetragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süßerMelancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehn? Auchhalte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihmgestattet. Sage das nicht weiter; es gibt Leute, die mir es verübelnwürden.

Am 15. Mai

Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich,besonders die Kinder. Wie ich im Anfange mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten, undfertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen;nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste:Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vomgemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren;und dann gibts Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich herabzulassenscheinen, um ihren Übermut dem armen Volke desto empfindlicher zumachen.

Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ichhalte dafür, daß der, der nötig zu haben glaubt, vom so genanntenPöbel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaftist als ein Feiger, der sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zuunterliegen fürchtet.

Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, dasihr Gefäß auf die unterste Treppe gesetzt hatte und sich umsah, obkeine Kamerädin kommen wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ichstieg hinunter und sah sie an. — Soll ich Ihr helfen, Jungfer? sagteich. — Sie ward rot über und über. — O nein, Herr! sagte sie. — OhneUmstände! — Sie legte ihren Kringen zurecht, und ich half ihr. Siedankte und stieg hinauf.

Den 17. Mai

Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich nochkeine gefunden. Ich weiß nicht, was ich Anzügliches für die Menschenhaben muß; es mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich, undda tut mirs weh, wenn unser Weg nur eine kleine Strecke miteinandergeht. Wenn du fragst, wie die Leute hier sind, muß ich dir sagen: wieüberall! Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Diemeisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und dasbißchen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß siealle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden. O Bestimmung des Menschen!

Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse,manchmal mit ihnen die Freuden genieße, die den Menschen noch gewährtsind, an einem artig besetzten Tisch mit aller Offen-- undTreuherzigkeit sich herumzuspaßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zurrechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz guteWirkung auf mich; nur muß mir nicht einfallen, daß noch so vieleandere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ichsorgfältig verbergen muß. Ach das engt das ganze Herz so ein — Unddoch! mißverstanden zu werden, ist das Schicksal von unser einem.

Ach, daß die Freundin meiner Jugend dahin ist! ach, daß ich sie jegekannt habe! — Ich würde sagen: du bist ein Tor! du suchst, washienieden nicht zu finden ist. Aber ich habe sie gehabt, ich habe dasHerz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehrzu sein, als ich war, weil ich alles war, was ich sein konnte. GuterGott! blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt? Konnt ichnicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem meinHerz die Natur umfaßt? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben vonder feinsten Empfindung, dem schärfsten Witze, dessen Modifikationen,bis zur Unart, alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren? Undnun! — Ach ihre Jahre, die sie voraus hatte, führten sie früher ansGrab als mich. Nie werde ich sie vergessen, nie ihren festen Sinn undihre göttliche Duldung.

Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V. an, einen offnen Jungen, miteiner gar glücklichen Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademieendünkt sich eben nicht weise, aber glaubt doch, er wisse mehr alsandere. Auch war er fleißig, wie ich an allerlei spüre, kurz, er hathübsche Kenntnisse. Da er hörte, daß ich viel zeichnete undGriechisch könnte (zwei Meteore hierzulande), wandte er sich an michund kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zuWinckelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie, den erstenTeil, ganz durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heynen über dasStudium der Antike. Ich ließ das gut sein.

Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürstlichenAmtmann, einen offenen, treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eineSeelenfreude sein, ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neunhat; besonders macht man viel Wesens von seiner ältesten Tochter. Erhat mich zu sich gebeten, und ich will ihn ehster Tage besuchen. Erwohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier,wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis erhielt, daihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthause zu weh tat.

Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, andenen alles unausstehlich ist, am unerträglichstenFreundschaftsbezeigungen.

Leb wohl! der Brief wird dir recht sein, er ist ganz historisch.

Am 22. Mai

Daß das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon sovorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wennich die Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschendenKräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alleWirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zuverschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenzzu verlängern, und dann, daß alle Beruhigung über gewisse Punkte desNachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich dieWände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten undlichten Aussichten bemalt — das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ichkehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! Wieder mehr inAhnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft.Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann soträumend weiter in die Welt.

Daß die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind allehochgelahrte Schul-- und Hofmeister einig; daß aber auch Erwachsenegleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln und wie jene nichtwissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebensowenig nach wahrenZwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiserregiert werden: das will niemand gern glauben, und mich dünkt, mankann es mit Händen greifen.

Ich gestehe dir gern, denn ich weiß, was du mir hierauf sagen möchtest,daß diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in denTag hinein leben, ihre Puppen herumschleppen, aus-- und anziehen undmit großem Respekt um die Schublade umherschleichen, wo Mama dasZuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn sie das gewünschte endlicherhaschen, es mit vollen Backen verzehren und rufen: Mehr! — Das sindglückliche Geschöpfe. Auch denen ists wohl, die ihrenLumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtigeTitel geben und sie dem Menschengeschlechte als Riesenoperationen zudessen Heil und Wohlfahrt anschreiben. — Wohl dem, der so sein kann!Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft, wer dasieht, wie artig jeder Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zumParadiese zuzustutzen weiß, und wie unverdrossen auch der Unglücklicheunter der Bürde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich interessiertsind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zu sehen — ja, der ist still und bildet auch seine Welt aus sich selbst und ist auchglücklich, weil er ein Mensch ist. Und dann, so eingeschränkt er ist,hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und daß erdiesen Kerker verlassen kann, wann er will.

Am 26. Mai

Du kennst von altersher meine Art, mich anzubauen, mir irgend aneinem vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen und da mit allerEinschränkung zu herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Plätzchenangetroffen, das mich angezogen hat.

Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheim nennen. Die Lage an einem Hügel ist sehr interessant, und wenn manoben auf dem Fußpfade zum Dorf herausgeht, übersieht man auf einmaldas ganze Tal. Eine gute Wirtin, die gefällig und munter in ihremAlter ist, schenkt Wein, Bier, Kaffee; und was über alles geht, sindzwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Ästen den kleinen Platz vorder Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäusern, Scheunen und Höfeneingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab ich nicht leichtein Plätzchen gefunden, und dahin laß ich mein Tischchen aus demWirtshause bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lesemeinen Homer. Das erste Mal, als ich durch einen Zufall an einemschönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen soeinsam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr vier Jahrensaß an der Erde und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihmzwischen seinen Füßen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seineBrust, so daß er ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet derMunterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganzruhig saß. Mich vergnügte der Anblick: ich setzte mich auf einenPflug, der gegenüber stand, und zeichnete die brüderliche Stellung mitvielem Ergötzen. Ich fügte den nächsten Zaun, ein Scheunentor undeinige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie es hinter einander stand,und fand nach Verlauf einer Stunde, daß ich eine wohlgeordnete, sehrinteressante Zeichnung verfertigt hatte, ohne das mindeste von demMeinen hinzuzutun. Das bestärkte mich in meinem Vorsatze, michkünftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich,und sie allein bildet den großen Künstler. Man kann zum Vorteile derRegeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichenGesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wirdnie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, dersich durch Gesetze und Wohlstand modeln läßt, nie ein unerträglicherNachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aberauch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Naturund den wahren Ausdruck derselben zerstören! Sag du, das ist zuhart! sie schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben etc. — GuterFreund, soll ich dir ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit derLiebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alleStunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, allsein Vermögen, um ihr jeden Augenblick auszudrücken, daß er sich ganzihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein Mann, der in einemöffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: Feiner junger Herr!lieben ist menschlich, nur müßt Ihr menschlich lieben! Teilet EureStunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmetEurem Mädchen. Berechnet Euer Vermögen, und was Euch von EurerNotdurft übrig bleibt, davon verwehr ich Euch nicht, ihr ein Geschenk,nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu ihrem Geburts-- und Namenstage etc. — Folgt der Mensch, so gibts einen brauchbaren jungen Menschen,und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein Kollegium zusetzen; nur mit seiner Liebe ists am Ende und, wenn er ein Künstlerist, mit seiner Kunst. O meine Freunde! warum der Strom des Geniesso selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eurestaunende Seele erschüttert? — Liebe Freunde, da wohnen die gelassenenHerren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen,Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden, die daher in Zeitenmit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.

Am 27. Mai

Ich bin, wie ich sehe, in Verzückung, Gleichnisse und Deklamationverfallen und habe darüber vergessen, dir auszuerzählen, was mit denKindern weiter geworden ist. Ich saß, ganz in malerische Empfindungvertieft, die dir mein gestriges Blatt sehr zerstückt darlegt, aufmeinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da kommt gegen Abend eine junge Frauauf die Kinder los, die sich indes nicht gerührt hatten, mit einemKörbchen am Arm und ruft von weitem: Philipps, du bist recht brav.— Sie grüßte mich, ich dankte ihr, stand auf, trat näher hin undfragte sie, ob sie Mutter von den Kindern wäre? Sie bejahte es, undindem sie dem ältesten einen halben Weck gab, nahm sie das kleine aufund küßte es mit aller mütterlichen Liebe. — Ich habe, sagte sie,meinem Philipps das Kleine zu halten gegeben und bin mit meinemÄltesten in die Stadt gegangen, um Weißbrot zu holen und Zucker undein irden Breipfännchen. — Ich sah das alles in dem Korbe, dessenDeckel abgefallen war. — Ich will meinem Hans (das war der Name desJüngsten) ein Süppchen kochen zum Abende; der lose Vogel, der Große,hat mir gestern das Pfännchen zerbrochen, als er sich mit Philippsenum die Scharre des Breis zankte. — Ich fragte nach dem Ältesten, undsie hatte mir kaum gesagt, daß er sich auf der Wiese mit ein paarGänsen herumjage, als er gesprungen kam und dem Zweiten eineHaselgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich weiter mit dem Weibe underfuhr, daß sie des Schulmeisters Tochter sei, und daß ihr Mann eineReise in die Schweiz gemacht habe, um die Erbschaft eines Vetters zuholen. — Sie haben ihn drum betrügen wollen, sagte sie, und ihm aufseine Briefe nicht geantwortet; da ist er selbst hineingegangen. Wennihm nur kein Unglück widerfahren ist, ich höre nichts von ihm. — Esward mir schwer, mich von dem Weibe loszumachen, gab jedem derKinder einen Kreuzer, und auch fürs jüngste gab ich ihr einen, ihmeinen Weck zur Suppe mitzubringen, wenn sie in die Stadt ginge, und soschieden wir von einander.

Ich sage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr haltenwollen, so lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschöpfs,das in glücklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht,von einem Tage zum andern sich durchhilft, die Blätter abfallen siehtund nichts dabei denkt, als daß der Winter kommt.

Seit der Zeit bin ich oft draußen. Die Kinder sind ganz an michgewöhnt, sie kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und teilen dasButterbrot und die saure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehltihnen der Kreuzer nie, und wenn ich nicht nach der Betstunde da bin,so hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen.

Sie sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergötze ichmich an ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüchen des Begehrens,wenn mehr Kinder aus dem Dorfe sich versammeln.

Viele Mühe hat michs gekostet, der Mutter ihre Besorgnis zu nehmen,sie möchten den Herrn inkommodieren.

Am 30. Mai

Was ich dir neulich von der Malerei sagte, gilt gewiß auch von derDichtkunst; es ist nur, daß man das Vortreffliche erkenne und esauszusprechen wage, und das ist freilich mit wenigem viel gesagt. Ichhabe heute eine Szene gehabt, die, rein abgeschrieben, die schönsteIdylle von der Welt gäbe; doch was soll Dichtung, Szene und Idylle?Muß es denn immer gebosselt sein, wenn wir teil an einerNaturerscheinung nehmen sollen?

Wenn du auf diesen Eingang viel Hohes und Vornehmes erwartest, so bistdu wieder übel betrogen; es ist nichts als ein Bauerbursch, der michzu dieser lebhaften Teilnehmung hingerissen hat. Ich werde, wiegewöhnlich, schlecht erzählen, und du wirst mich, wie gewöhnlich,denk ich, übertrieben finden; es ist wieder Wahlheim, und immerWahlheim, das diese Seltenheiten hervorbringt.

Es war eine Gesellschaft draußen unter den Linden, Kaffee zu trinken.Weil sie mir nicht ganz anstand, so blieb ich unter einem Vorwandezurück.

Ein Bauerbursch kam aus einem benachbarten Hause und beschäftigte sich,an dem Pfluge, den ich neulich gezeichnet hatte, etwas zurecht zumachen. Da mir sein Wesen gefiel, redete ich ihn an, fragte nachseinen Umständen, wir waren bald bekannt und, wie mirs gewöhnlich mitdieser Art Leuten geht, bald vertraut. Er erzählte mir, daß er beieiner Witwe in Diensten sei und von ihr gar wohl gehalten werde. Ersprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt, daß ich bald merkenkonnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan. Sie sei nicht mehrjung, sagte er, sie sei von ihrem ersten Mann übel gehalten worden,wolle nicht mehr heiraten, und aus seiner Erzählung leuchtete somerklich hervor, wie schön, wie reizend sie für ihn sei, wie sehr erwünschte, daß sie ihn wählen möchte, um das Andenken der Fehler ihresersten Mannes auszulöschen, daß ich Wort für Wort wiederholen müßte,um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieses Menschenanschaulich zu machen. Ja, ich müßte die Gabe des größten Dichtersbesitzen, um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonieseiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellenzu können. Nein, es sprechen keine Worte die Zartheit aus, die inseinem ganzen Wesen und Ausdruck war; es ist alles nur plump, was ichwieder vorbringen könnte. Besonders rührte mich, wie er fürchtete,ich möchte über sein Verhältnis zu ihr ungleich denken und an ihrerguten Aufführung zweifeln. Wie reizend es war, wenn er von ihrerGestalt, von ihrem Körper sprach, der ihn ohne jugendliche Reizegewaltsam an sich zog und fesselte, kann ich mir nur in meinerinnersten Seele wiederholen. Ich hab in meinem Leben die dringendeBegierde und das heiße, sehnliche Verlangen nicht in dieser Reinheitgesehen, ja wohl kann ich sagen, in dieser Reinheit nicht gedacht undgeträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir sage, daß bei derErinnerung dieser Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele glüht,und daß mich das Bild dieser Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt,und daß ich, wie selbst davon entzündet, lechze und schmachte.

Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wennichs recht bedenke, ich wills vermeiden. Es ist besser, ich sehesie durch die Augen ihres Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vormeinen eigenen Augen nicht so, wie sie jetzt vor mir steht, und warumsoll ich mir das schöne Bild verderben?

Am 16. Junius

Warum ich dir nicht schreibe? — Fragst du das und bist doch auch derGelehrten einer. Du solltest raten, daß ich mich wohl befinde, undzwar — Kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herznäher angeht. Ich habe — ich weiß nicht.

Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen ist, daß ich eins derliebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen, wird schwer halten.Ich bin vergnügt und glücklich, und also kein guter Historienschreiber.

Einen Engel! — Pfui! Das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Unddoch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist,warum sie vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinngefangen genommen.

So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so vielFestigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und derTätigkeit. —

Das ist alles garstiges Gewäsch, was ich da von ihr sage,leidige Abstraktionen, die nicht einen Zug ihres Selbst ausdrücken.Ein andermal — Nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dirserzählen. Tu ichs jetzt nicht, so geschäh es niemals. Denn,unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schondreimal im Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zulassen und hinauszureiten. Und doch schwur ich mir heute früh, nichthinauszureiten, und gehe doch alle Augenblick ans Fenster, zu sehen,wie hoch die Sonne noch steht. —

Ich habs nicht überwinden können,ich mußte zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will meinButterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das fürmeine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern Kinder, ihreracht Geschwister, zu sehen! —

Wenn ich so fortfahre, wirst du am Endeso klug sein wie am Anfange. Höre denn, ich will mich zwingen, insDetail zu gehen.

Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen,und wie er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei odervielmehr seinem kleinen Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässigtedas, und wäre vielleicht nie hingekommen, hätte mir der Zufall nichtden Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend verborgen liegt.

Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu demich mich denn auch willig finden ließ. Ich bot einem hiesigen guten,schönen, übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurdeausgemacht, daß ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrerBase nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren und auf dem WegeCharlotten S. mitnehmen sollte. — Sie werden ein schönes Frauenzimmerkennenlernen, sagte meine Gesellschafterin, da wir durch den weiten,ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren. — Nehmen Sie sich inacht, versetzte die Base, daß Sie sich nicht verlieben! — Wie so?sagte ich. — Sie ist schon vergeben, antwortete jene, an einen sehrbraven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen,weil sein Vater gestorben ist, und sich um eine ansehnliche Versorgungzu bewerben. — Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig.

Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor demHoftore anfuhren. Es war sehr schwül, und die Frauenzimmer äußertenihre Besorgnis wegen eines Gewitters, das sich in weißgrauen,dumpfichten Wölkchen rings am Horizonte zusammenzuziehen schien. Ichtäuschte ihre Furcht mit anmaßlicher Wetterkunde, ob mir gleich selbstzu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoß leiden.

Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einenAugenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ichging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich dievorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mirdas reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. Indem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um einMädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißesKleid, mit blaßroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hieltein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem seinStück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gabs jedem mitsolcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein: Danke!indem es mit den kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte,ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrote vergnügtentweder wegsprang, oder nach seinem stillern Charakter gelassendavonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu sehen,darin ihre Lotte wegfahren sollte. — Ich bitte um Vergebung, sagtesie, daß ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten lasse.Über dem Anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meinerAbwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben,und sie wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir.Ich machte ihr ein unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhteauf der Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und ich hatte eben Zeit, michvon der Überraschung zu erholen, als sie in die Stube lief, ihreHandschuhe und den Fächer zu holen. Die Kleinen sahen mich in einigerEntfernung so von der Seite an, und ich ging auf das jüngste los, dasein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung war. Es zog sichzurück, als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte: Louis, gib demHerrn Vetter eine Hand. — Das tat der Knabe sehr freimütig, und ichkonnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet seines kleinenRotznäschens, herzlich zu küssen. — Vetter? sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte, glauben Sie, daß ich des Glücks wert sei, mit Ihnen verwandt zu sein? — O, sagte sie mit einem leichtfertigen Lächeln, unsere Vetterschaft ist sehrweitläufig, und es wäre mir leid, wenn Sie der schlimmste drunter seinsollten. — Im Gehen gab sie Sophien, der ältesten Schwester nach ihr,einem Mädchen von ungefähr elf Jahren, den Auftrag, wohl auf dieKinder acht zu haben und den Papa zu grüßen, wenn er vom Spazierrittenach Hause käme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer SchwesterSophie folgen, als wenn sie's selber wäre, das denn auch einigeausdrücklich versprachen. Eine kleine, naseweise Blondine aber, vonungefähr sechs Jahren, sagte: Du bists doch nicht, Lottchen, wirhaben dich doch lieber. — Die zwei ältesten Knaben waren hinten aufdie Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte sie ihnen, bisvor den Wald mitzufahren, wenn sie versprächen, sich nicht zu neckenund sich recht festzuhalten.

Wir hatten uns kaum zurechtgesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt,wechselsweise über den Anzug, vorzüglich über die Hüte ihreAnmerkungen gemacht und die Gesellschaft, die man erwartete, gehörigdurchgezogen, als Lotte den Kutscher halten und ihre Brüderherabsteigen ließ, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten, dasdenn der älteste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von fünfzehnJahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinntat. Sie ließ die Kleinen noch einmal grüßen, und wir fuhren weiter.

Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig wäre, das sie ihr neulichgeschickt hätte. — Nein, sagte Lotte, es gefällt mir nicht, Siekönnens wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser. — Icherstaunte, als ich fragte, was es für Bücher wären, und sie mirantwortete: — Ich fand so viel Charakter in allem, was sie sagte, ichsah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geistes aus ihrenGesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt zuentfalten schienen, weil sie an mir fühlte, daß ich sie verstand.

Wie ich jünger war, sagte sie, liebte ich nichts so sehr als Romane.Weiß Gott, wie wohl mirs war, wenn ich mich Sonntags in so einEckchen setzen und mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einerMiß Jenny teilnehmen konnte. Ich leugne auch nicht, daß die Art nocheinige Reize für mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme,so muß es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor istmir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugehtwie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant undherzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich keinParadies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeitist.

Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Dasging freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit imVorbeigehen vom Landpriester von Wakefield, vom — reden hörte, kam ichganz außer mich, sagte ihr alles, was ich mußte, und bemerkte erstnach einiger Zeit, da Lotte das Gespräch an die anderen wendete, daßdiese die Zeit über mit offenen Augen, als säßen sie nicht da,dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einemspöttischen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war.

Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze. — Wenn diese Leidenschaftein Fehler ist, sagte Lotte, so gestehe ich Ihnen gern, ich weiß mirnichts übers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir aufmeinem verstimmten Klavier einen Contretanz vortrommle, so ist alleswieder gut.

Wie ich mich unter dem Gespäche in den schwarzen Augen weidete! wiedie lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganzeSeele anzogen! wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganzversunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen sie sichausdrückte! — davon hast du eine Vorstellung, weil du mich kennst. Kurz,ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir vor dem Lusthausestillehielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden Weltverloren, daß ich auf die Musik kaum achtete, die uns von demerleuchteten Saal herunter entgegenschallte.

Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N. — wer behält alle dieNamen! — die der Base und Lottens Tänzer waren, empfingen uns amSchlage, bemächtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich führte dasmeinige hinauf.

Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte einFrauenzimmer nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konntennicht dazu kommen, einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen.Lotte und ihr Tänzer fingen einen Englischen an, und wie wohl mirswar, als sie auch in der Reihe die Figur mit uns anfing, magst dufühlen. Tanzen muß man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzemHerzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, sosorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wennsie sonst nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewißschwindet alles andere vor ihr.

Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mir den dritten zu,und mit der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versichertesie mir, daß sie herzlich gern deutsch tanze. — Es ist hier so Mode,fuhr sie fort, daß jedes Paar, das zusammengehört, beim Deutschenzusammenbleibt, und mein Chapeau walzt schlecht und dankt mirs, wennich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kanns auch nicht undmag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, daß Sie gut walzen;wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehen Sie und bittensichs von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen. — Ichgab ihr die Hand darauf, und wir machten aus, daß ihr Tänzerinzwischen meine Tänzerin unterhalten sollte. Nun gings an! und wir ergötzten uns eine Weile an mannigfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander herumrollten, gings freilich anfangs, weils die wenigsten können, ein bißchen bunt durcheinander. Wir waren klug und ließen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geräumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit Audran und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mirs so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß alles rings umher verging, und — Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, daß ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem andern walzen sollte als mit mir, und wenn ich drüber zugrunde gehen müßte. Du verstehst mich!

Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dannsetzte sie sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, dienun die einzigen noch übrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nurdaß mir mit jedem Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarinehrenhalben zuteilte, ein Stich durchs Herz ging.

Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir dieReihe durchtanzten und ich, weiß Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Armund Auge hing, das voll vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinstenVergnügens war, kommen wir an eine Frau, die mir wegen ihrerliebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr ganz jungen Gesichtemerkwürdig gewesen war. Sie sieht Lotten lächelnd an, hebt einendrohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal imVorbeifliegen mit viel Bedeutung.

Wer ist Albert? sagte ich zu Lotten, wenns nicht Vermessenheitist zu fragen. — Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheidenmußten, um die große Achte zu machen, und mich dünkte einigesNachdenken auf ihrer Stirn zu sehen, als wir so vor einandervorbeikreuzten. — Was soll ichs Ihnen leugnen, sagte sie, indem siemir die Hand zur Promenade bot, Albert ist ein braver Mensch, demich so gut als verlobt bin. — Nun war mir das nichts Neues (denn dieMädchen hatten mirs auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu,weil ich es noch nicht im Verhältnis auf sie, die mir in so wenigAugenblicken so wert geworden war, gedacht hatte. Genug, ichverwirrte mich, vergaß mich und kam zwischen das unrechte Paar hinein,daß alles drunter und drüber ging und Lottens ganze Gegenwart undZerren und Ziehen nötig war, um es schnell wieder in Ordnung zubringen.

Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange amHorizonte leuchten gesehn und die ich immer für Wetterkühlen ausgegebenhatte, viel stärker zu werden anfingen und der Donner die Musiküberstimmte. Drei Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herrenfolgten; die Unordnung wurde allgemein, und die Musik hörte auf. Es istnatürlich, wenn uns ein Unglück oder etwas Schreckliches im Vergnügenüberrascht, daß es stärkere Eindrücke auf uns macht als sonst, teilswegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden läßt, teils undnoch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fühlbarkeit geöffnet sind undalso desto schneller einen Eindruck annehmen. Diesen Ursachen muß ichdie wunderbaren Grimassen zuschreiben, in die ich mehrere Frauenzimmerausbrechen sah. Die klügste setzte sich in eine Ecke, mit dem Rückengegen das Fenster, und hielt die Ohren zu. Eine andere kniete vor ihrnieder und verbarg den Kopf in der erster Schoß. Eine dritte schob sichzwischen beide hinein und umfaßte ihre Schwesterchen mit tausend Tränen.Einige wollten nach Hause; andere, die noch weniger wußten, was sietaten, hatten nicht so viel Besinnungskraft, den Keckheiten unsererjungen Schlucker zu steuern, die sehr beschäftigt zu sein schienen, alledie ängstlichen Gebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippender schönen Bedrängten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sichhinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die übrigeGesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugen Einfallkam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Läden und Vorhänge hätte. Kaum warenwir da angelangt, als Lotte beschäftigt war, einen Kreis von Stühlen zustellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte gesetzt hatte, denVortrag zu einem Spiele zu tun.

Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchenspitzte und seine Glieder reckte. — Wir spielen Zählens, sagte sie.Nun gebt acht! Ich geh im Kreise herum von der Rechten zur Linken,und so zählt ihr auch rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt,und das muß gehen wie ein Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt,kriegt eine Ohrfeige, und so bis tausend. — Nun war das lustiganzusehen. Sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum. Eins,fing der erste an, der Nachbar zwei, drei der folgende, und sofort. Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; daversahs einer, patsch! eine Ohrfeige, und über das Gelächter derfolgende auch patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegtezwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, daßsie stärker seien, als sie den übrigen zuzumessen pflegte. Einallgemeines Gelächter und Geschwärm endigte das Spiel, ehe noch dasTausend ausgezählt war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite,das Gewitter war vorüber, und ich folgte Lotten in den Saal.Unterwegs sagte sie: Über die Ohrfeigen haben sie Wetter und allesvergessen! — Ich konnte ihr nichts antworten. — Ich war, fuhr siefort, eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, umden anderen Mut zu geben, bin ich mutig geworden. — Wir traten ansFenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselteauf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülleeiner warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt,ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah gen Himmel und auf mich, ichsah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte:— Klopstock! — Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den siein dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte michauf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sahnach ihrem Auge wieder — Edler! hättest du deine Vergötterung indiesem Blicke gesehen, und möchte ich nun deinen so oft entweihtenNamen nie wieder nennen hören!

Am 19. Junius

Wo ich neulich mit meiner Erzählung geblieben bin, weiß ich nicht mehr;das weiß ich, daß es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam,und daß, wenn ich dir hätte vorschwatzen können, statt zu schreiben,ich dich vielleicht bis an den Morgen aufgehalten hätte.

Was auf unserer Hereinfahrt vom Balle geschehen ist, habe ich nochnicht erzählt, habe auch heute keinen Tag dazu.

Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der tröpfelnde Wald und daserfrischte Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Siefragte mich, ob ich nicht auch von der Partie sein wollte; ihretwegensollt ich unbekümmert sein. — So lange ich diese Augen offen sehe,sagte ich und sah sie fest an, so lange hats keine Gefahr. — Und wirhaben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da ihr die Magd leiseaufmachte und auf ihr Fragen versicherte, daß Vater und Kleine wohlseien und alle noch schliefen. Da verließ ich sie mit der Bitte, sieselbigen Tags noch sehen zu dürfen; sie gestand mirs zu, und ich bingekommen; und seit der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihreWirtschaft treiben, ich weiß weder, daß Tag noch daß Nacht ist, und dieganze Welt verliert sich um mich her.

Am 21. Junius

Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart;und mit mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, daß ich dieFreuden, die reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe. — Dukennst mein Wahlheim; dort bin ich völlig etabliert, von da habe ichnur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fühl ich mich selbst und allesGlück, das dem Menschen gegeben ist.

Hätt ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergängewählte, daß es so nahe am Himmel läge! Wie oft habe ich das Jagdhaus,das nun alle meine Wünsche einschließt, auf meinen weiten Wanderungen,bald vom Berge, bald von der Ebne über den Fluß gesehn!

Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, über die Begier imMenschen, sich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen,herumzuschweifen; und dann wieder über den inneren Trieb, sich derEinschränkung willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit sohinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu bekümmern.

Es ist wunderbar: wie ich hierher kam und vom Hügel in das schöne Talschaute, wie es mich ringsumher anzog. — Dort das Wäldchen! — Achkönntest du dich in seine Schatten mischen! — Dort die Spitze desBerges! — Ach könntest du von da die weite Gegend überschauen! — Die ineinander geketteten Hügel und vertraulichen Täler! — O könnte ich mich in ihnen verlieren! — — Ich eilte hin, und kehrte zurück, und hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft! Ein großes dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! Unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, großen, herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen — Und ach! Wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale.

So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinemVaterlande und findet in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, indem Kreise seiner Kinder, in den Geschäften zu ihrer Erhaltung dieWonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte.

Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinemWahlheim und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke,mich hinsetze, sie abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wennich in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aussteche,Schoten ans Feuer stelle, zudecke und mich dazusetze, sie manchmalumzuschütteln: da fühl ich so lebhaft, wie die übermütigen Freier derPenelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten. Es istnichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfüllte alsdie Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohneAffektation in meine Lebensart verweben kann.

Wie wohl ist mirs, daß mein Herz die simple, harmlose Wonne desMenschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, daser selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all dieguten Tage, den schönen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichenAbende, da er ihn begoß, und da er an dem fortschreitenden Wachstumseine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgenießt.

Am 29. Junius

Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann undfand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mirherumkrabbelten, andere mich neckten, und wie ich sie kitzelte und eingroßes Geschrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine sehrdogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine Manschetten in Faltenlegt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter derWürde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Ichließ mich aber in nichts stören, ließ ihn sehr vernünftige Sachenabhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die siezerschlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum undbeklagte, des Amtmanns Kinder wären so schon ungezogen genug, derWerther verderbe sie nun völlig.

Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf derErde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime allerTugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden;wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit desCharakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über dieGefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, soganz! — immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrersder Menschen: Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen! Und nun,mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Musteransehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinenWillen haben! — Haben wir denn keinen? Und wo liegt dasVorrecht? — Weil wir älter sind und gescheiter! — Guter Gott von deinemHimmel, alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts weiter; undan welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon langeverkündigt. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht, — das ist auchwas Altes! — und bilden ihre Kinder nach sich und — Adieu, Wilhelm! Ichmag darüber nicht weiter radotieren.

Am 1. Julius

Was Lotte einem Kranken sein muß, fühl ich an meinem eigenen Herzen,das übler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet.Sie wird einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frauzubringen, die sich nach der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht und indiesen letzten Augenblicken Lotten um sich haben will. Ich war vorigeWoche mit ihr, den Pfarrer von St. zu besuchen; ein Örtchen, das eineStunde seitwärts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen vier dahin. Lottehatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den mit zweihohen Nußbäumen überschatteten Pfarrhof traten, saß der gute alte Mannauf einer Bank vor der Haustür, und da er Lotten sah, ward er wie neubelebt, vergaß seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen.Sie lief hin zu ihm, nötigte ihn sich niederzulassen, indem sie sichzu ihm setzte, brachte viele Grüße von ihrem Vater, herzte seinengarstigen, schmutzigen jüngsten Buben, das Quakelchen seines Alters.Du hättest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschäftigte, wie sieihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden,wie sie ihm von jungen, robusten Leuten erzählte, die unvermutetgestorben wären, von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sieseinen Entschluß lobte, künftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, daßer viel besser aussähe, viel munterer sei als das letztemal, da sieihn gesehn. Ich hatte indes der Frau Pfarrerin meine Höflichkeitengemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte,die schönen Nußbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, finger an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davonzu geben. — Den alten, sagte er, wissen wir nicht, wer den gepflanzthat; einige sagen dieser, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dorthinten ist so alt als meine Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vaterpflanzte ihn des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Er warmein Vorfahr im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen;mir ist ers gewiß nicht weniger. Meine Frau saß darunter auf einemBalken und strickte, da ich vor siebenundzwanzig Jahren als ein armerStudent zum erstenmale hier in den Hof kam. — Lotte fragte nach seinerTochter; es hieß, sie sei mit Herrn Schmidt auf die Wiese hinaus zuden Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort: wie seinVorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu, und wie er erst seinVikar und dann sein Nachfolger geworden. Die Geschichte war nichtlange zu Ende, als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten HerrnSchmidt durch den Garten herkam; sie bewillkommte Lotten mitherzlicher Wärme, und ich muß sagen, sie gefiel mir nicht übel; einerasche, wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze Zeit über auf demLande wohl unterhalten hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stelltesich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, dersich nicht in unsere Gespräche mischen wollte, ob ihn gleich Lotteimmer hereinzog. Was mich am meisten betrübte, war, daß ich an seinenGesichtszügen zu bemerken schien, es sei mehr Eigensinn und üblerHumor als Eingeschränktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilenhinderte. In der Folge ward dies leider nur zu deutlich; denn alsFriederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich auch mitmir ging, wurde des Herrn Angesicht, das ohnedies einer bräunlichenFarbe war, so sichtlich verdunkelt, daß es Zeit war, daß Lotte michbeim Ärmel zupfte und mir zu verstehn gab, daß ich mit Friederiken zuartig getan. Nun verdrießt mich nichts mehr, als wenn die Menscheneinander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blüte des Lebens,da sie am offensten für alle Freuden sein könnten, einander die paarguten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu spät dasUnersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich wurmte das, und ichkonnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurückkehrtenund an einem Tische Milch aßen und das Gespräch auf Freude und Leidder Welt sich wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegendie üble Laune zu reden. — Wir Menschen beklagen uns oft, fing ich an,daß der guten Tage so wenig sind und der schlimmen so viel, und, wiemich dünkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten,das Gute zu genießen, das uns Gott für jeden Tag bereitet, wir würdenalsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu tragen, wenn es kommt.— Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt, versetzte diePfarrerin, wie viel hängt vom Körper ab! Wenn einem nicht wohl ist,ists einem überall nicht recht. — Ich gestand ihr das ein. — Wirwollen es also, fuhr ich fort, als eine Krankheit ansehen und fragen,ob dafür kein Mittel ist? — Das läßt sich hören, sagte Lotte, ichglaube wenigstens, daß viel von uns abhängt. Ich weiß es an mir.Wenn mich etwas neckt und mich verdrießlich machen will, spring ichauf und sing ein paar Contretänze den Garten auf und ab, gleich istsweg. — Das wars, was ich sagen wollte, versetzte ich, es ist mit derüblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es ist eine Art vonTrägheit. Unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nureinmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frischvon der Hand, und wir finden in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen.— Friederike war sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein,daß man nicht Herr über sich selbst sei und am wenigsten über seineEmpfindungen gebieten könne. — Es ist hier die Frage von einerunangenehmen Empfindung, versetzte ich, die doch jedermann gerne losist; und niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sieversucht hat. Gewiß, wer krank ist, wird bei allen Ärzten herumfragen,und die größten Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nichtabweisen, um seine gewünschte Gesundheit zu erhalten. — Ich bemerkte,daß der ehrliche Alte sein Gehör anstrengte, um an unserm Diskurseteilzunehmen, ich erhob die Stimme, indem ich die Rede gegen ihnwandte. Man predigt gegen so viele Laster, sagte ich, ich habenoch nie gehört, daß man gegen die üble Laune vom Predigtstuhlegearbeitet hätte. — Das müßten die Stadtpfarrer tun, sagte er, dieBauern haben keinen bösen Humor; doch könnte es auch zuweilen nichtschaden, es wäre eine Lektion für seine Frau wenigstens und für denHerrn Amtmann. — Die Gesellschaft lachte, und er herzlich mit, bis erin einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach;darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: Sie nannten denbösen Humor ein Laster; mich deucht, das ist übertrieben. — Mitnichten, gab ich zur Antwort, wenn das, womit man sich selbst undseinem Nächsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug,daß wir einander nicht glücklich machen können, müssen wir auch nocheinander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmalselbst gewähren kann? Und nennen Sie mir den Menschen, der üblerLaune ist und so brav dabei, sie zu verbergen, sie allein zu tragen,ohne die Freude um sich her zu zerstören! Oder ist sie nicht vielmehrein innerer Unmut über unsere eigene Unwürdigkeit, ein Mißfallen anuns selbst, das immer mit einem Neide verknüpft ist, der durch einetörichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen glückliche Menschen,die wir nicht glücklich machen, und das ist unerträglich. — Lottelächelte mich an, da sie die Bewegung sah, mit der ich redete, undeine Träne in Friederikens Auge spornte mich fortzufahren. — Wehedenen, sagte ich, die sich der Gewalt bedienen, die sie über einHerz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben, die aus ihm selbsthervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der Welt ersetzennicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eineneidische Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat.

Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung somanches Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamenmir in die Augen.

Wer sich das nur täglich sagte, rief ich aus, du vermagst nichts aufdeine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zuvermehren, indem du es mit ihnen genießest. Vermagst du, wenn ihreinnere Seele von einer ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummerzerrüttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?

Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt,das du in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt indem erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gen Himmel sieht, derTodesschweiß auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bettestehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefühl, daß du nichtsvermagst mit deinem ganzen Vermögen, und die Angst dich inwendigkrampft, daß du alles hingeben möchtest, dem untergehenden Geschöpfeeinen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflößen zu können.

Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwärtig war, fielmit ganzer Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm dasSchnupftuch vor die Augen und verließ die Gesellschaft, und nurLottens Stimme, die mir rief, wir wollten fort, brachte mich zu mirselbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt über den zu warmenAnteil an allem, und daß ich drüber zugrunde gehen würde! Daß ichmich schonen sollte! — O der Engel! Um deinetwillen muß ich leben!

Am 6. Julius

Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe,immer das gegenwärtige, holde Geschöpf, das, wo sie hinsieht,Schmerzen lindert und Glückliche macht. Sie ging gestern abend mitMariannen und dem kleinen Malchen spazieren, ich wußte es und traf siean, und wir gingen zusammen. Nach einem Wege von anderthalb Stundenkamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir so wert undnun tausendmal werter ist. Lotte setzte sich aufs Mäuerchen, wirstanden vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz soallein war, lebte wieder vor mir auf. — Lieber Brunnen, sagte ich,seither hab ich nicht mehr an deiner Kühle geruht, hab in eilendemVorübergehn dich manchmal nicht angesehn. — Ich blickte hinab und sah,daß Malchen mit einem Glase Wasser sehr beschäftigt heraufstieg. — Ichsah Lotten an und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommtMalchen mit einem Glase. Marianne wollt es ihr abnehmen: Nein! rief das Kind mit dem süßesten Ausdrucke, nein, Lottchen, du sollstzuerst trinken! — Ich ward über die Wahrheit, über die Güte, womit siedas ausrief, so entzückt, daß ich meine Empfindung mit nichtsausdrücken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und küßte eslebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing. — Sie habenübel getan, sagte Lotte. — Ich war betroffen. — Komm, Malchen, fuhrsie fort, indem sie es bei der Hand nahm und die Stufen hinabführte,da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind, geschwind, da tutsnichts. — Wie ich so dastand und zusah, mit welcher Emsigkeit dasKleine seinen nassen Händchen die Backen rieb, mit welchem Glauben,daß durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült und dieSchmach abgetan würde, einen häßlichen Bart zu kriegen; wie Lottesagte: es ist genug, und das Kind doch immer eifrig fortwusch, alswenn viel mehr täte als wenig — ich sage dir, Wilhelm, ich habe mitmehr Respekt nie einer Taufhandlung beigewohnt; und als Lotteheraufkam, hätte ich mich gern vor ihr niedergeworfen wie vor einemPropheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat.

Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens denVorfall einem Manne zu erzählen, dem ich Menschensinn zutraute, weiler Verstand hat; aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr übel vonLotten gewesen; man solle den Kindern nichts weismachen; dergleichengebe zu unzähligen Irrtümern und Aberglauben Anlaß, wovor man dieKinder frühzeitig bewahren müsse. — Nun fiel mir ein, daß der Mann voracht Tagen hatte taufen lassen, drum ließ ichs vorbeigehen und bliebin meinem Herzen der Wahrheit getreu: wir sollen es mit den Kindernmachen wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er unsin freundlichem Wahne so hintaumeln läßt.

Am 8. Julius

Was man ein Kind ist! Was man nach so einem Blicke geizt! Was manein Kind ist! — Wir waren nach Wahlheim gegangen. Die Frauenzimmerfuhren hinaus, und während unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottensschwarzen Augen — ich bin ein Tor, verzeih mirs! du solltest siesehen, diese Augen. — Daß ich kurz bin (denn die Augen fallen mir zuvor Schlaf), siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen um dieKutsche der junge W., Selstadt und Audran und ich. Da ward aus demSchlage geplaudert mit den Kerlchen, die freilich leicht und lüftiggenug waren. — Ich suchte Lottens Augen: ach, sie gingen von einem zumandern! Aber auf mich! mich! mich! der ganz allein auf sieresigniert dastand, fielen sie nicht! — Mein Herz sagte ihr tausendAdieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei, und eineTräne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputzsich zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach!Nach mir? — Lieber! In dieser Ungewißheit schwebe ich; das ist meinTrost: vielleicht hat sie sich nach mir umgesehen! Vielleicht! — GuteNacht! O, was ich ein Kind bin!

Am 10. Julius

Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihrgesprochen wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wiesie mir gefällt? — Gefällt! Das Wort hasse ich auf den Tod. Was mußdas für ein Mensch sein, dem Lotte gefällt, dem sie nicht alle Sinne,alle Empfindungen ausfüllt! Gefällt! Neulich fragte micheiner, wie mir Ossian gefiele!

Am 11. Julius

Frau M. ist sehr schlecht; ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lottendulde. Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mireinen wunderbaren Vorfall erzählt. — Der alte M. ist ein geiziger,rangiger Filz, der seine Frau im Leben was Rechts geplagt undeingeschränkt hat; doch hat sich die Frau immer durchzuhelfen gewußt.Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben abgesprochen hatte, ließsie ihren Mann kommen — Lotte war im Zimmer — und redete ihn also an: Ich muß dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung undVerdruß machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, soordentlich und sparsam als möglich; allein du wirst mir verzeihen, daßich dich diese dreißig Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest imAnfange unserer Heirat ein Geringes für die Bestreitung der Küche undanderer häuslichen Ausgaben. Als unsere Haushaltung stärker wurde,unser Gewerbe größer, warst du nicht zu bewegen, mein Wochengeld nachdem Verhältnisse zu vermehren; kurz, du weißt, daß du in den Zeiten,da sie am größten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden dieWoche auskommen. Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir den Überschuß wöchentlich aus der Losung geholt, da niemand vermutete, daß die Frau die Kasse bestehlen würde. Ich habe nichts verschwendet und wäre auch, ohne es zu bekennen, getrost der Ewigkeit entgegengegangen, wenn nicht diejenige, die nach mir das Hauswesen zu führen hat, sich nicht zu helfen wissen würde, und du doch immer darauf bestehen könntest, deine erste Frau sei damit ausgekommen.

Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung desMenschensinns, daß einer nicht argwohnen soll, dahinter müsse wasanders stecken, wenn eins mit sieben Gulden hinreicht, wo man denAufwand vielleicht um zweimal so viel sieht. Aber ich habe selbstLeute gekannt, die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne Verwunderungin ihrem Hause angenommen hätten.

Am 13. Julius

Nein, ich betrüge mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahreTeilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fühle, und darin darfich meinem Herzen trauen, daß sie — o darf ich, kann ich den Himmel indiesen Worten aussprechen? — daß sie mich liebt!

Mich liebt! — Und wie wert ich mir selbst werde, wie ich — dir darfichs wohl sagen, du hast Sinn für so etwas — wie ich mich selbstanbete, seitdem sie mich liebt!

Ob das Vermessenheit ist oder Gefühl des wahren Verhältnisses? — Ichkenne den Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzenfürchtete. Und doch — wenn sie von ihrem Bräutigam spricht, mitsolcher Wärme, solcher Liebe von ihm spricht — da ist mirs wie einem,der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und dem der Degen genommenwird.

Am 16. Julius

Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehensden ihrigen berührt, wenn unsere Füße sich unter dem Tische begegnen!Ich ziehe zurück wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht michwieder vorwärts — mir wirds so schwindelig vor allen Sinnen. — O! Und ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt nicht, wie sehr mich diekleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im Gespräch ihreHand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung näher zumir rückt, daß der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichenkann — ich glaube zu versinken, wie vom Wetter gerührt. — Und, Wilhelm! Wenn ich mich jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen — ! Du verstehst mich. Nein, mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! schwach genug! — Und ist das nicht Verderben? —

Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiß nie, wie mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allenNerven umkehrte. — Sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klavierespielet mit der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Esist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung undGrillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift.

Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich.Wie mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringenweiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schießen möchte!Die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atmewieder freier.

Am 18. Julius

Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eineZauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, soscheinen dir die buntesten Bilder an deine weiße Wand! Und wennsnichts wäre als das, als vorübergehende Phantome, so machts dochimmer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor stehen und unsüber die Wundererscheinungen entzücken. Heute konnte ich nicht zuLotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zutun? Ich schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen um michzu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ichihn erwartete, mit welcher Freude ich ihn wiedersah! Ich hätte ihngern beim Kopfe genommen und geküßt, wenn ich mich nicht geschämthätte.

Man erzählt von dem Bononischen Steine, daß er, wenn man ihn in dieSonne legt, ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet.So war mirs mit dem Burschen. Das Gefühl, daß ihre Augen auf seinemGesichte, seinen Backen, seinen Rockknöpfen und dem Kragen am Surtoutgeruht hatten, machte mir das alles so heilig, so wert! Ich hätte indem Augenblick den Jungen nicht um tausend Taler gegeben. Es war mirso wohl in seiner Gegenwart. — Bewahre dich Gott, daß du darüberlachest. Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?

Den 19. Julius

Ich werde sie sehen! ruf ich morgens aus, wenn ich mich ermuntereund mit aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegenblicke; ich werdesie sehen! Und da habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter.Alles, alles verschlingt sich in dieser Aussicht.

Am 20. Julius

Eure Idee will noch nicht die meinige werden, daß ich mit dem Gesandtennach *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wirwissen alle, daß der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. MeineMutter möchte mich gern in Aktivität haben, sagst du, das hat mich zulachen gemacht. Bin ich jetzt nicht auch aktiv, und ists im Grundenicht einerlei, ob ich Erbsen zähle oder Linsen? Alles in der Weltläuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um andererwillen, ohne daß es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnisist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer einTor.

Am 24. Julius

Da dir so sehr daran gelegen ist, daß ich mein Zeichnen nichtvernachlässige, möchte ich lieber die ganze Sache übergehen als dirsagen, daß zeither wenig getan wird.

Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Empfindung an derNatur, bis aufs Steinchen, aufs Gräschen herunter, voller und inniger,und doch — Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meinevorstellende Kraft ist so schwach, alles schwimmt und schwankt so vormeiner Seele, daß ich keinen Umriß packen kann; aber ich bilde mir ein,wenn ich Ton hätte oder Wachs, so wollte ichs wohl herausbilden.Ich werde auch Ton nehmen, wenns länger währt, und kneten, undsolltens Kuchen werden!

Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimalprostituiert; das mich um so mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeitsehr glücklich im Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenrißgemacht, und damit soll mir gnügen.

Am 25. Julius

Ja, liebe Lotte, ich will alles besorgen und bestellen; geben Sie mirnur mehr Aufträge, nur recht oft. Um eins bitte ich Sie: keinen Sandmehr auf die Zettelchen, die Sie mir schreiben. Heute führte ich esschnell nach der Lippe, und die Zähne knisterten mir.

Am 26. Julius

Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehen. Jawer das halten könnte! Alle Tage unterlieg ich der Versuchung undverspreche mir heilig: morgen willst du einmal wegbleiben. Und wennder Morgen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderstehliche Ursache,und ehe ich michs versehe, bin ich bei ihr. Entweder sie hat desAbends gesagt: Sie kommen doch morgen? — Wer könnte da wegbleiben?Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr selbstdie Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nachWahlheim, und wenn ich nun da bin, ists nur noch eine halbe Stunde zuihr! — Ich bin zu nah in der Atmosphäre — Zuck! so bin ich dort. Meine Großmutter hatte ein Märchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zunahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägelflogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen denübereinanderstürzenden Brettern.

Am 30. Julius

Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, deredelste Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zustellen bereit wäre, so wärs unerträglich, ihn vor meinem Angesichtim Besitz so vieler Vollkommenheit zu sehen. — Besitz! — Genug, Wilhelm,der Bräutigam ist da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut sein muß.Glücklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das hätte mir das Herzzerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwartnoch nicht ein einzigmal geküßt. Das lohn ihm Gott! Um des Respektswillen, den er vor dem Mädchen hat, muß ich ihn lieben. Er will mirwohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenenEmpfindung; denn darin sind die Weiber fein und haben recht: wenn siezwei Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können, ist derVorteil immer ihr, so selten es auch angeht.

Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelasseneAußenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab,die sich nicht verbergen läßt. Er hat viel Gefühl und weiß, was er anLotten hat. Er scheint wenig üble Laune zu haben, und du weißt, dasist die Sünde, die ich ärger hasse am Menschen als alle andere.

Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zuLotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe,vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sienicht einmal mit keiner Eifersüchtelei peinigt, das lasse ichdahingestellt sein, wenigstens würd ich an seinem Platz nicht ganzsicher vor diesem Teufel bleiben.

Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin.Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung? — Was brauchts Namen!erzählt die Sache an sich! — Ich wußte alles, was ich jetzt weiß, eheAlbert kam; ich wußte, daß ich keine Prätension an sie zu machen hatte,machte auch keine — das heißt, insofern es möglich ist, bei so vielLiebenswürdigkeit nicht zu begehren. — Und jetzt macht der Fratze großeAugen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Mädchen wegnimmt.

Ich beiße die Zähne aufeinander und spotte über mein Elend, undspottete derer doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich solltemich resignieren, und weil es nun einmal nicht anders sein könnte.— Schafft mir diese Strohmänner vom Halse! — Ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr sitzt imGärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ichausgelassen närrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an.— Um Gottes willen, sagte mir Lotte heut, ich bitte Sie, keine Szenewie die von gestern abend! Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustigsind. — Unter uns, ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch!bin ich drauß, und da ist mirs immer wohl, wenn ich sie allein finde.

Am 8. August

Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiß nicht auf dich geredet,wenn ich die Menschen unerträglich schalt, die von uns Ergebung inunvermeidliche Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran,daß du von ähnlicher Meinung sein könntest. Und im Grunde hast durecht. Nur eins, mein Bester! In der Welt ist es sehr selten mit demEntweder-Oder getan; die Empfindungen und Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer Habichts-- undStumpfnase sind.

Du wirst mir also nicht übelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argumenteinräume und mich doch zwischen dem Entweder-Oder durchzustehlen suche.

Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine.Gut, im ersten Fall suche sie durchzutreiben, suche die Erfüllungdeiner Wünsche zu umfassen: im anderen Fall ermanne dich und sucheeiner elenden Empfindung loszuwerden, die alle deine Kräfteverzehren muß. — Bester! das ist wohl gesagt, und — bald gesagt.

Und kannst du von dem Unglücklichen, dessen Leben unter einerschleichenden Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt, kannst duvon ihm verlangen, er solle durch einen Dolchstoß der Qual auf einmalein Ende machen? Und raubt das Übel, das ihm die Kräfte verzehrt, ihmnicht auch zugleich den Mut, sich davon zu befreien?

Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: Werließe sich nicht lieber den Arm abnehmen, als daß er durch Zaudern undZagen sein Leben aufs Spiel setzte? — Ich weiß nicht! — Und wir wollenuns nicht in Gleichnissen herumbeißen. Genug — Ja, Wilhelm, ich habemanchmal so einen Augenblick aufspringenden, abschüttelnden Muts, undda — wenn ich nur wüßte wohin? ich ginge wohl.

Abends

Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässiget, fiel mirheut wieder in die Hände, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlichin das alles, Schritt vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich übermeinen Zustand immer so klar gesehen und doch gehandelt habe wie einKind, jetzt noch so klar sehe, und es noch keinen Anschein zurBesserung hat.

Am 10. August

Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wenn ich nicht einTor wäre. So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, einesMenschen Seele zu ergötzen, als die sind, in denen ich mich jetztbefinde. Ach so gewiß ists, daß unser Herz allein sein Glück macht.— Ein Glied der liebenswürdigen Familie zu sein, von dem Alten geliebtzu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und von Lotten!— dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart mein Glückstört; der mich mit herzlicher Freundschaft umfaßt; dem ich nachLotten das Liebste auf der Welt bin — Wilhelm, es ist eine Freude, unszu hören, wenn wir spazierengehen und uns einander von Lottenunterhalten: es ist in der Welt nichts Lächerlichers erfunden wordenals dieses Verhältnis, und doch kommen mir oft darüber die Tränen indie Augen.

Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt: wie sie aufihrem Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben und ihmLotten anbefohlen habe, wie seit der Zeit ein ganz anderer GeistLotten belebt habe, wie sie, in der Sorge für ihre Wirtschaft und indem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie kein Augenblick ihrer Zeitohne tätige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und dennoch ihreMunterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe. — Ich geheso neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältigin einen Strauß und — werfe sie in den vorüberfließenden Strom und seheihnen nach, wie sie leise hinunterwallen. — Ich weiß nicht, ob ich dirgeschrieben habe, daß Albert hier bleiben und ein Amt mit einemartigen Auskommen vom Hofe erhalten wird, wo er sehr beliebt ist. InOrdnung und Emsigkeit in Geschäften habe ich wenig seinesgleichengesehen.

Am 12. August

Gewiß, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gesterneine wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied vonihm zu nehmen; denn mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten,von woher ich dir auch jetzt schreibe, und wie ich in der Stube aufund ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die Augen. — Borge mir diePistolen, sagte ich, zu meiner Reise. — Meinetwegen, sagte er,wenn du dir die Mühe nehmen willst, sie zu laden; bei mir hängen sienur pro forma. — Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: Seit mirmeine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat, mag ich mitdem Zeuge nichts mehr zu tun haben. — Ich war neugierig, dieGeschichte zu wissen. — Ich hielt mich, erzählte er, wohl einVierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein paarTerzerolen ungeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regnichtenNachmittage, da ich müßig sitze, weiß ich nicht, wie mir einfällt: wirkönnten überfallen werden, wir könnten die Terzerolen nötig haben undkönnten — du weißt ja, wie das ist. — Ich gab sie dem Bedienten, sie zu putzen und zu laden; und der dahlt mit den Mädchen, will sie schrecken, und Gott weiß wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock noch drin steckt, und schießt den Ladstock einem Mädchen zur Maus herein an der rechten Hand und zerschlägt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentieren, und die Kur zu bezahlen obendrein, und seit der Zeitlaß ich alles Gewehr ungeladen. Lieber Schatz, was ist Vorsicht?Die Gefahr läßt sich nicht auslernen! Zwar — Nun weißt du, daß ichden Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar; denn versteht sichsnicht von selbst, daß jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet? Aber sorechtfertig ist der Mensch! wenn er glaubt, etwas Übereiltes,Allgemeines, Halbwahres gesagt zu haben, so hört er dir nicht auf zulimitieren, zu modifizieren und ab-- und zuzutun, bis zuletzt garnichts mehr an der Sache ist.Und bei diesem Anlaß kam er sehr tief in Text: ich hörte endlich garnicht weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrendenGebärde drückte ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug andie Stirn. — Pfui! sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog,was soll das? — Sie ist nicht geladen, sagte ich. — Und auch so,was solls? versetzte er ungeduldig. Ich kann mir nicht vorstellen,wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschießen; der bloßeGedanke erregt mir Widerwillen.

Daß ihr Menschen, rief ich aus, um von einer Sache zu reden, gleichsprechen müßt: das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das istbös! Und was will das alles heißen? Habt ihr deswegen die innerenVerhältnisse einer Handlung erforscht? Wißt ihr mit Bestimmtheit dieUrsachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen mußte?Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein.

Du wirst mir zugeben, sagte Albert, daß gewisse Handlungenlasterhaft bleiben, sie mögen geschehen, aus welchem Beweggrunde siewollen.

Ich zuckte die Achseln und gabs ihm zu. — Doch, meinLieber, fuhr ich fort, finden sich auch hier einige Ausnahmen. Esist wahr, der Diebstahl ist ein Laster; aber der Mensch, der, um sichund die Seinigen vom gegenwärtigen Hungertode zu erretten, auf Raubausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer hebt den erstenStein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein untreues Weibund ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? Gegen das Mädchen, dasin einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden derLiebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten,lassen sich rühren und halten ihre Strafe zurück.

Das ist ganz was anders, versetzte Albert, weil ein Mensch, denseine Leidenschaften hinreißen, alle Besinnungskraft verliert und alsein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird.

Ach ihr vernünftigen Leute! rief ich lächelnd aus. Leidenschaft!Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da,ihr sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut denUnsinnigen, geht vorbei wie der Priester und dankt Gott wie derPharisäer, daß er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ichbin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren nieweit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in einemMaße begreifen lernen, wie man alle außerordentlichen Menschen, dieetwas Großes, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher fürTrunkene und Wahnsinnige ausschreien mußte.

Aber auch im gemeinen Leben ists unerträglich, fast einem jeden bei halbweg einer freien, edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu hören: der Mensch ist trunken, der ist närrisch! Schämt euch, ihr Nüchternen! Schämt euch, ihr Weisen!

Das sind nun wieder von deinen Grillen, sagte Albert, duüberspannst alles und hast wenigstens hier gewiß unrecht, daß du denSelbstmord, wovon jetzt die Rede ist, mit großen Handlungenvergleichst: da man es doch für nichts anders als eine Schwäche haltenkann. Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvollesLeben standhaft zu ertragen.

Ich war im Begriff abzubrechen; dennkein Argument bringt mich so aus der Fassung, als wenn einer mit einemunbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt, wenn ich aus ganzemHerzen rede. Doch faßte ich mich, weil ichs schon oft gehört und mich öfter darüber geärgert hatte, und versetzte ihm mit einiger Lebhaftigkeit: Du nennst das Schwäche? Ich bitte dich, laß dich vom Anscheine nicht verführen. Ein Volk, das unter dem unerträglichen Joch eines Tyrannen seufzt, darfst du das schwach heißen, wenn es endlich aufgärt und seine Ketten zerreißt? Ein Mensch, der über dem Schrecken, daß Feuer sein Haus ergriffen hat, alle Kräfte gespannt fühlt und mitLeichtigkeit Lasten wegträgt, die er bei ruhigem Sinne kaum bewegenkann; einer, der in der Wut der Beleidigung es mit sechsen aufnimmtund sie überwältig, sind die schwach zu nennen? Und, mein Guter, wennAnstrengung Stärke ist, warum soll die Überspannung das Gegenteilsein? — Albert sah mich an und sagte: Nimm mirs nicht übel, dieBeispiele, die du gibst, scheinen hieher gar nicht zu gehören. — Esmag sein, sagte ich, man hat mir schon öfters vorgeworfen, daß meineKombinationsart manchmal an Radotage grenze. Laßt uns denn sehen, obwir uns auf eine andere Weise vorstellen können, wie dem Menschen zumute sein mag, der sich entschließt, die sonst angenehme Bürde desLebens abzuwerfen. Denn nur insofern wir mitempfinden, haben wir dieEhre, von einer Sache zu reden. Die menschliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Maß seines Leidens ausdauern kann, es mag nun moralisch oder körperlich sein. Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der Mensch ist feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt. Paradox! Sehr paradox! rief Albert aus. — Nicht so sehr, als du denkst, versetzte ich. Du gibst mir zu: wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, daß teils ihre Kräfte verzehrt, teils so außer Wirkung gesetzt werden, daß sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen fähig ist.

Nun, mein Lieber, laß uns das auf den Geist anwenden. Sieh denMenschen an in seiner Eingeschränktheit, wie Eindrücke auf ihn wirken,Ideen sich bei ihm festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaftihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet.

Vergebens, daß der gelassene, vernünftige Mensch den Zustand desUnglücklichen übersieht, vergebens, daß er ihm zuredet! Ebenso wieein Gesunder, der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kräftennicht das geringste einflößen kann.

Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an einMädchen, das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, undwiederholte ihm ihre Geschichte. — Ein gutes, junges Geschöpf, das indem engen Kreise häuslicher Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmterArbeit herangewachsen war, das weiter keine Aussicht von Vergnügenkannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach zusammengeschafftenPutz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen, vielleicht allehohen Feste einmal zu tanzen und übrigens mit aller Lebhaftigkeit desherzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlaß eines Gezänkes,einer übeln Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern — deren feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürfnisse, die durch dieSchmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werdenihr nach und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen Menschenantrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreißt,auf den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sichvergißt, nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen,sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch die leeren Vergnügungeneiner unbeständigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr Verlangengerade nach dem Zweck, sie will die Seinige werden, sie will in ewigerVerbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigungaller Freuden genießen, nach denen sie sich sehnte. WiederholtesVersprechen, das ihr die Gewißheit aller Hoffnungen versiegelt, kühneLiebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele;sie schwebt in einem dumpfen Bewußtsein, in einem Vorgefühl allerFreuden, sie ist bis auf den höchsten Grad gespannt, sie strecktendlich ihre Arme aus, all ihre Wünsche zu umfassen — und ihr Geliebter verläßt sie. — Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde; alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! denn der hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie sieht nicht die weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Verlust ersetzen könnten, sie fühlt sich allein, verlassen von aller Welt — und blind, in die Enge gepreßt von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie sich hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken. — Sieh, Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen! und sag, ist das nicht der Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muß sterben.

Wehe dem, der zusehen und sagen könnte: Die Törin! Hätte siegewartet, hätte sie die Zeit wirken lassen, die Verzweifelung würdesich schon gelegt, es würde sich schon ein anderer sie zu tröstenvorgefunden haben. — Das ist eben, als wenn einer sagte: Der Tor,stirbt am Fieber! Hätte er gewartet, bis seine Kräfte sich erholt,seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegthätten: alles wäre gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag!

Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte nocheiniges ein, und unter andern: ich hätte nur von einem einfältigenMädchen gesprochen; wie aber ein Mensch von Verstande, der nicht soeingeschränkt sei, der mehr Verhältnisse übersehe, zu entschuldigensein möchte, könne er nicht begreifen. — Mein Freund, rief ich aus,der Mensch ist Mensch, und das bißchen Verstand, das einer haben mag,kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet und dieGrenzen der Menschheit einen drängen. Vielmehr — Ein andermal davon,sagte ich und griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll — Undwir gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie dennauf dieser Welt keiner leicht den andern versteht.

Am 15. August

Es ist doch gewiß, daß in der Welt den Menschen nichts notwendig machtals die Liebe. Ich fühls an Lotten, daß sie mich ungerne verlöre, unddie Kinder haben keinen andern Begriff, als daß ich immer morgenwiederkommen würde. Heute war ich hinausgegangen, Lottens Klavier zustimmen, ich konnte aber nicht dazu kommen, denn die Kleinenverfolgten mich um ein Märchen, und Lotte sagte selbst, ich sollteihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nunfast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzählte ihnen dasHauptstückchen von der Prinzessin, die von Händen bedient wird. Ichlerne viel dabei, das versichre ich dich, und ich bin erstaunt, was esauf sie für Eindrücke macht. Weil ich manchmal einen Inzidentpunkterfinden muß, den ich beim zweitenmal vergesse, sagen sie gleich, dasvorigemal wär es anders gewesen, so daß ich mich jetzt übe, sieunveränderlich in einem singenden Silbenfall an einem Schnürchen wegzu rezitieren. Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch einezweite, veränderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn sie poetischnoch so besser geworden wäre, notwendig seinem Buche schaden muß. Dererste Eindruck findet uns willig, und der Mensch ist gemacht, daß manihn das Abenteuerlichste überreden kann; das haftet aber auch gleichso fest, und wehe dem, der es wieder auskratzen und austilgen will!

Am 18. August

Mußte denn das so sein, daß das, was des Menschen Glückseligkeit macht,wieder die Quelle seines Elendes würde?

Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, dasmich mit so vieler Wonne überströmte, das rings umher die Welt mir zueinem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger,zu einem quälenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wennich sonst vom Felsen über den Fluß bis zu jenen Hügeln das fruchtbareTal überschaute und alles um mich her keimen und quellen sah; wenn ichjene Berge, vom Fuße bis auf zum Gipfel, mit hohen, dichten Bäumenbekleidet, jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von denlieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluß zwischen denlispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, dieder sanfte Abendwind am Himmel herüberwiegte; wenn ich dann die Vögelum mich den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme imletzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzterzuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite, und dasSchwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte,und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und dasGeniste, das den dürren Sandhügel hinunter wächst, mir das innere,glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie faßte ich das allesin mein warmes Herz, fühlte mich in der überfließenden Fülle wievergöttert, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegtensich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich,Abgründe lagen vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsseströmten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich sah siewirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, alle dieunergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter dem Himmelwimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe. Alles, allesbevölkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich inHäuslein zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihremSinne über die weite Welt! Armer Tor! Der du alles so gering achtest,weil du so klein bist. — Vom unzugänglichen Gebirge über die Einöde,die kein Fuß betrat, bis ans Ende des unbekannten Ozeans weht derGeist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubes, der ihnvernimmt und lebt. — Ach damals, wie oft habe ich mich mit Fitticheneines Kranichs, der über mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenenMeeres gesehnt, aus dem schäumenden Becher des Unendlichen jeneschwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in dereingeschränkten Kraft meines Busens einen Tropfen der Seligkeit desWesens zu fühlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt.

Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst dieseAnstrengung, jene unsäglichen Gelüste zurückzurufen, wiederauszusprechen, hebt meine Seele über sich selbst und läßt mich danndas Bange des Zustandes doppelt empfinden, der mich jetzt umgibt.

Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und derSchauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in denAbgrund des ewig offenen Grabes. Kannst du sagen: Das ist! Da allesvorübergeht? Da alles mit der Wetterschnelle vorüberrollt, so seltendie ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach! in den Stromfortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da istkein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her,kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein mußt; derharmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, eszerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampfteine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Ha! nicht die große,seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen, dieseErdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich; mir untergräbtdas Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgenliegt; die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sichselbst zerstörte. Und so taumle ich beängstigt. Himmel und Erde undihre webenden Kräfte um mich her: Ich sehe nichts, als ein ewigverschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer.

Am 21. August

Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich vonschweren Träumen aufdämmere, vergebens suche ich sie nachts in meinemBette, wenn mich ein glücklicher, unschuldiger Traum getäuscht hat,als säß ich neben ihr auf der Wiese und hielte ihre Hand und decktesie mit tausend Küssen. Ach, wenn ich dann noch halb im Taumel desSchlafes nach ihr tappe und drüber mich ermuntere — ein Strom vonTränen bricht aus meinem gepreßten Herzen, und ich weine trostloseiner finstern Zukunft entgegen.

Am 22. August

Es ist ein Unglück, Wilhelm, meine tätigen Kräfte sind zu einerunruhigen Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müßig sein und kanndoch auch nichts tun. Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühlan der Natur, und die Bücher ekeln mich an. Wenn wir uns selbstfehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir, manchmal wünschte ich,ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Aussichtauf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oftbeneide ich Alberten, den ich über die Ohren in Akten begraben sehe,und bilde mir ein, mir wäre wohl, wenn ich an seiner Stelle wäre!Schon etlichemal ist mirs so aufgefahren, ich wollte dir schreibenund dem Minister, um die Stelle bei der Gesandtschaft anzuhalten, die,wie du versicherst, mir nicht versagt werden würde. Ich glaube esselbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit, hatte lange mirangelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschäfte widmen; und eineStunde ist mirs auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder drandenke und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, seiner Freiheitungeduldig, sich Sattel und Zeug auflegen läßt und zuschanden gerittenwird, — ich weiß nicht, was ich soll — Und, mein Lieber! ist nichtvielleicht das Sehnen in mir nach Veränderung des Zustands eine innere,unbehagliche Ungeduld, die mich überallhin verfolgen wird?

Am 28. August

Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, so würden dieseMenschen es tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Früheempfange ich ein Päckchen von Alberten. Mir fällt beim Eröffnensogleich eine der blaßroten Schleifen in die Augen, die Lotte vorhatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie seitheretlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei,der kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oftverlangt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zuschleppen. Sieh! So kommen sie meinen Wünschen zuvor, so suchen siealle die kleinen Gefälligkeiten der Freundschaft auf, die tausendmalwerter sind als jene blendenden Geschenke, wodurch uns die Eitelkeitdes Gebers erniedrigt. Ich küsse diese Schleife tausendmal, und mitjedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mitdenen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tageüberfüllten. Wilhelm, es ist so, und ich murre nicht, die Blüten desLebens sind nur Erscheinungen! Wie viele gehn vorüber, ohne eine Spurhinter sich zu lassen, wie wenige setzen Frucht an, und wie wenigedieser Früchte werden reif! Und doch sind deren noch genug da; unddoch — O mein Bruder! --- können wir gereifte Früchte vernachlässigen,verachten, ungenossen verfaulen lassen?

Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer; ich sitze oft auf denObstbäumen in Lottens Baumstück mit dem Obstbrecher, der langen Stange,und hole die Birnen aus dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab,wenn ich sie ihr herunterlasse.

Am 30. August

Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nichtselbst? Was soll diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe keinGebet mehr als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint keine andereGestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nurim Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche glücklicheStunde — bis ich mich wieder von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! Wozumich mein Herz oft drängt! — Wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, dreiStunden, und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an demhimmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun nach und nachalle meine Sinne aufgespannt werden, mir es düster vor den Augen wird,ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel faßt wie einMeuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den bedrängten SinnenLuft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt — Wilhelm, ichweiß oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und — wenn nicht manchmal dieWehmut das Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt,auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen, — so muß ich fort, mußhinaus! und schweife dann weit im Felde umher; einen jähen Berg zuklettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfaddurchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch dieDornen, die mich zerreißen! Da wird mirs etwas besser! Etwas! Undwenn ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe,manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht,im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, ummeinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, unddann in einer ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein hinschlummre! OWilhelm! die einsame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und derStachelgürtel wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu!Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das Grab.

Am 3. September

Ich muß fort! Ich danke dir, Wilhelm, daß du meinen wankendenEntschluß bestimmt hast. Schon vierzehn Tage gehe ich mit demGedanken um, sie zu verlassen. Ich muß fort. Sie ist wieder in derStadt bei einer Freundin. Und Albert — und — ich muß fort!

Am 10. September

Das war eine Nacht! Wilhelm! nun überstehe ich alles. Ich werde sienicht wiedersehn! O daß ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mittausend Tränen und Entzückungen ausdrücken kann, mein Bester, dieEmpfindungen, die mein Herz bestürmen. Hier sitze ich und schnappenach Luft, suche mich zu beruhigen, erwarte den Morgen, und mitSonnenaufgang sind die Pferde bestellt.

Ach, sie schläft ruhig und denkt nicht, daß sie mich nie wieder sehenwird. Ich habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einemGespräch von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott,welch ein Gespräch!

Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten imGarten zu sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohenKastanienbäumen und sah der Sonne nach, die mir nun zum letzten Maleüber dem lieblichen Tale, über dem sanften Fluß unterging. So ofthatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem herrlichen Schauspielezugesehen, und nun — Ich ging in der Allee auf und ab, die mir so liebwar; ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft gehalten,ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfangunserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchenentdeckten, das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ichvon der Kunst hervorgebracht gesehen habe.

Erst hast du zwischen den Kastanienbäumen die weite Aussicht — Ach, ich erinnere mich, ich habe dir, denk ich, schon viel davon geschrieben,wie hohe Buchenwände einen endlich einschließen und durch eindaranstoßendes Boskett die Allee immer düsterer wird, bis zuletztalles sich in ein geschlossenes Plätzchen endigt, das alle Schauer derEinsamkeit umschweben. Ich fühle es noch, wie heimlich mirs ward,als ich zum ersten Male an einem hohen Mittage hineintrat; ich ahneteganz leise, was für ein Schauplatz das noch werden sollte vonSeligkeit und Schmerz.

Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, süßenGedanken des Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie dieTerrasse heraufsteigen hörte. Ich lief ihnen entgegen, mit einemSchauer faßte ich ihre Hand und küßte sie. Wir waren ebenheraufgetreten, als der Mond hinter dem buschigen Hügel aufging; wirredeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düstern Kabinette näher.Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch; dochmeine Unruhe ließ mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie,ging auf und ab, setzte mich wieder: es war ein ängstlicher Zustand.Sie machte uns aufmerksam auf die schöne Wirkung des Mondenlichtes,das am Ende der Buchenwände die ganze Terrasse vor uns erleuchtete:ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter war, weil uns ringseine tiefe Dämmerung einschloß. Wir waren still, und sie fing nacheiner Weile an: Niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals,daß mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, daß nichtdas Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme. Wir werden sein!fuhr sie mit der Stimme des herrlichsten Gefühls fort; aber, Werther,sollen wir uns wieder finden? wieder erkennen? was ahnen Sie? wassagen Sie?

Lotte, sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augenvoll Tränen wurden, wir werden uns wiedersehen! hier und dortwiedersehn! — Ich konnte nicht weiter reden — Wilhelm, mußte sie mich das fragen, da ich diesen ängstlichen Abschied im Herzen hatte! Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen, fuhr sie fort, ob sie fühlen, wenns uns wohl geht, daß wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? O! die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wennich am stillen Abend unter ihren Kindern, unter meinen Kindern sitzeund sie um mich versammelt sind, wie sie um sie versammelt waren.Wenn ich dann mit einer sehnenden Träne gen Himmel sehe und wünsche,daß sie hereinschauen könnte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte,das ich ihr in der Stunde des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein.Mit welcher Empfindung rufe ich aus: Verzeihe mirs, Teuerste, wennich ihnen nicht bin, was du ihnen warst. Ach! tue ich doch alles,was ich kann; sind sie doch gekleidet, genährt, ach, und, was mehr istals das alles, gepflegt und geliebt. Könntest du unsere Eintrachtsehen, liebe Heilige! du würdest mit dem heißesten Danke den Gottverherrlichen, den du mit den letzten, bittersten Tränen um dieWohlfahrt deiner Kinder batest. —

Sie sagte das! o Wilhelm, wer kann wiederholen, was sie sagte! Wie kann der kalte, tote Buchstabe diese himmlische Blüte des Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanft in die Rede: Es greift Sie zu stark an, liebe Lotte! Ich weiß, Ihre Seele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte Sie. — O Albert, sagte sie, ich weiß, du vergissest nicht die Abende, da wir zusammensaßen an dem kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreist war, und wir die Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch und kamst so selten dazu, etwas zu lesen — War der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als alles? Die schöne, sanfte, muntere und immer tätige Frau! Gott kennt meine Tränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr gleichmachen.

Lotte! rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahmund mit tausend Tränen netzte, Lotte! Der Segen Gottes ruht über dirund der Geist deiner Mutter! Wenn Sie sie gekannt hätten, sagtesie, indem sie mir die Hand drückte, — sie war wert, von Ihnen gekanntzu sein! — Ich glaubte zu vergehen. Nie war ein größeres, stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden — und sie fuhr fort: Und diese Frau mußte in der Blüte ihrer Jahre dahin, da ihr jüngster Sohn nicht sechs Monate alt war! Ihre Krankheit dauerte nicht lange; sie war ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: Bringe mir sie herauf, und wie ich sie hereinführte, die kleinen, die nicht wußten, und die ältesten, die ohne Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hände aufhob und über sie betete, und sie küßte nacheinander und sie wegschickte und zu mir sagte: Sei ihre Mutter! — Ich gab ihr die Hand drauf! — Du versprichst viel, meine Tochter, sagte sie, das Herz einer Mutter und das Aug einer Mutter. Ich habe oft an deinen dankbaren Tränen gesehen, daß du fühlst, was das sei. Habe es für deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau. Du wirst ihn trösten. — Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen. Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehn und fragte und forderte dich zu sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten, ruhigen Blicke, daß wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden. — Albert fiel ihr um den Hals und küßte sie und rief: Wir sind es! wir werden es sein! — Der ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wußte nichts von mir selber.

Werther, fing sie an, und diese Frau sollte dahin sein! Gott! Wenn ichmanchmal denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen läßt, undniemand als die Kinder das so scharf fühlt, die sich noch langebeklagten, die schwarzen Männer hätten die Mama weggetragen!

Sie stand auf, und ich ward erweckt und erschüttert, blieb sitzen undhielt ihre Hand. — Wir wollen fort, sagte sie, es wird Zeit. — Siewollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester. — Wir werdenuns wiedersehen rief ich, wir werden uns finden, unter allenGestalten werden wir uns erkennen. Ich gehe, fuhr ich fort, ichgehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf ewig, ich würde esnicht aushalten. Leb wohl, Lotte! Leb wohl, Albert! Wir sehn unswieder. — Morgen, denke ich, versetzte sie scherzend. — Ich fühltedas Morgen! Ach, sie wußte nicht, als sie ihre Hand aus der meinenzog — Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach imMondscheine und warf mich an die Erde und weinte mich aus und sprangauf und lief auf die Terrasse hervor und sah noch dort unten imSchatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach der Gartentürschimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.

Zweites Buch

Am 20. Oktober 1771

Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpaß und wird sichalso einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht so unhold wäre, wäralles gut. Ich merke, ich merke, das Schicksal hat mir hartePrüfungen zugedacht. Doch guten Muts! Ein leichter Sinn trägt alles!Ein leichter Sinn? Das macht mich zu lachen, wie das Wort in meineFeder kommt. O ein bißchen leichteres Blut würde mich zumGlücklichsten unter der Sonne machen. Was! da, wo andere mit ihrembißchen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbstgefälligkeitherumschwadronieren, verzweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben?Guter Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest du nichtdie Hälfte zurück und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit?

Geduld! Geduld! es wird besser werden. Denn ich sage dir, Lieber,du hast recht. Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetriebenwerde und sehe, was sie tun und wie sie's treiben, stehe ich vielbesser mit mir selbst. Gewiß, weil wir doch einmal so gemacht sind,daß wir alles mit uns und uns mit allem vergleichen, so liegt Glückoder Elend in den Gegenständen, womit wir uns zusammenhalten, und daist nichts gefährlicher als die Einsamkeit. Unsere Einbildungskraft,durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die phantastischenBilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wowir das unterste sind und alles außer uns herrlicher erscheint, jederandere vollkommner ist. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlenso oft, daß uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint unsoft ein anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, waswir haben, und noch eine gewisse idealistische Behaglichkeit dazu. Undso ist der Glückliche vollkommen fertig, das Geschöpf unserer selbst.

Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nurgerade fortarbeiten, so finden wir gar oft, daß wir mit unseremSchlendern und Lavieren es weiter bringen als andere mit ihrem Segelnund Rudern — und — das ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich-- oder gar vorläuft.

Am 26. November

Ich fange an, mich insofern ganz leidlich hier zu befinden. Das besteist, daß es zu tun genug gibt; und dann die vielerlei Menschen, dieallerlei neuen Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meinerSeele. Ich habe den Grafen C... kennen lernen, einen Mann, den ichjeden Tag mehr verehren muß, einen weiten, großen Kopf, und derdeswegen nicht kalt ist, weil er viel übersieht; aus dessen Umgange soviel Empfindung für Freundschaft und Liebe hervorleuchtet. Er nahmteil an mir, als ich einen Geschäftsauftrag an ihn ausrichtete und erbei den ersten Worten merkte, daß wir uns verstanden, daß er mit mirreden konnte wie nicht mit jedem. Auch kann ich sein offenes Betragengegen mich nicht genug rühmen. So eine wahre, warme Freude ist nichtin der Welt, als eine große Seele zu sehen, die sich gegen einenöffnet.

Am 24. Dezember

Der Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehen. Er istder pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt undumständlich wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbstzufrieden ist, und dem es daher niemand zu Danke machen kann. Icharbeite gern leicht weg, und wie es steht, so steht es; da ist erimstande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu sagen: Er ist gut,aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres Wort, einereinere Partikel. — Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, keinBindewörtchen darf außenbleiben, und von allen Inversionen, die mirmanchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Perioden nichtnach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichtsdrin. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.

Das Vertrauen des Grafen von C... ist noch das einzige, was michschadlos hält. Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufriedener mit der Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei. DieLeute erschweren es sich und andern; doch, sagte er, man muß sichdarein resignieren wie ein Reisender, der über einen Berg muß;freilich, wäre der Berg nicht da, so wär der Weg viel bequemer undkürzer; er ist nun aber da, und man soll hinüber!

Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm gibt,und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Übels gegen michvom Grafen zu reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurchwird die Sache nur schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, dennich war mit gemeint: zu so Weltgeschäften sei der Graf ganz gut, erhabe viele Leichtigkeit zu arbeiten und führe eine gute Feder, doch angründlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen Belletristen. Dazumachte er eine Miene, als ob er sagen wollte: Fühlst du denStich? Aber es tat bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete denMenschen, der so denken und sich so betragen konnte. Ich hielt ihmstand und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich sagte, der Graf seiein Mann, vor dem man Achtung haben müsse, wegen seines Charakterssowohl als wegen seiner Kenntnisse. Ich habe, sagt ich, niemandgekannt, dem es so geglückt wäre, seinen Geist zu erweitern, ihn überunzählige Gegenstände zu verbreiten und doch diese Tätigkeit fürsgemeine Leben zu behalten. — Das waren dem Gehirne spanische Dörfer,und ich empfahl mich, um nicht über ein weiteres Deraisonnement nochmehr Galle zu schlucken. Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wennnicht der mehr tut, der Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, seinKorn zu verkaufen, als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf derGaleere abarbeiten, auf der ich nun angeschmiedet bin.

Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, dassich hier neben einander sieht! die Rangsucht unter ihnen, wie sienur wachen und aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; dieelendesten, erbärmlichsten Leidenschaften, ganz ohne Röckchen. Da istein Weib, zum Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Landeunterhält, so daß jeder Fremde denken muß: das ist eine Närrin, diesich auf das bißchen Adel und auf den Ruf ihres Landes Wunderstreicheeinbildet. — Aber es ist noch viel ärger: eben das Weib ist hier ausder Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter. --- Sieh, ich kann dasMenschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich soplatt zu prostituieren.

Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie töricht man ist, anderenach sich zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tunhabe und dieses Herz so stürmisch ist — ach ich lasse gern die andernihres Pfades gehen, wenn sie mich auch nur könnten gehen lassen.

Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse.Zwar weiß ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Ständeist, wie viel Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nichteben gerade im Wege stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einenSchimmer von Glück auf dieser Erde genießen könnte. Ich lernteneulich auf dem Spaziergange ein Fräulein von B. kennen, einliebenswürdiges Geschöpf, das sehr viele Natur mitten in dem steifenLeben erhalten hat. Wir gefielen uns in unserem Gespräche, und da wirschieden, bat ich sie um Erlaubnis, sie bei sich sehen zu dürfen. Siegestattete mir das mit so vieler Freimütigkeit, daß ich denschicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sieist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im Hause. DiePhysiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr vielAufmerksamkeit, mein Gespräch war meist an sie gewandt, und in minderals einer halben Stunde hatte ich so ziemlich weg, was mir dasFräulein nachher selbst gestand: daß die liebe Tante in ihrem AlterMangel von allem, kein anständiges Vermögen, keinen Geist und keineStütze hat als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm als den Stand,in den sie sich verpalisadiert, und kein Ergetzen, als von ihremStockwerk herab über die bürgerlichen Häupter wegzusehen. In ihrerJugend soll sie schön gewesen sein und ihr Leben weggegaukelt, erstmit ihrem Eigensinne manchen armen Jungen gequält, und in den reiferenJahren sich unter den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben,der gegen diesen Preis und einen leidlichen Unterhalt das eherneJahrhundert mit ihr zubrachte und starb. Nun sieht sie im eisernensich allein und würde nicht angesehn, wär ihre Nichte nicht soliebenswürdig.

Den 8. Januar 1772

Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht,deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einenStuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, daß sie sonst keine Angelegenheit hätten: nein, vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vorige Woche gab es bei der Schlittenfahrt Händel, und der ganze Spaß wurde verdorben.

Die Toren, die nicht sehen, daß es eigentlich auf den Platz gar nichtankommt, und daß der, der den ersten hat, so selten die erste Rollespielt! Wie mancher König wird durch seinen Minister, wie mancherMinister durch seinen Sekretär regiert! Und wer ist dann der Erste?Der, dünkt mich, der die anderen übersieht und so viel Gewalt oder Listhat, ihre Kräfte und Leidenschaften zu Ausführung seiner Pläneanzuspannen.

Am 20. Januar

Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringenBauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtethabe. Solange ich in dem traurigen Nest D..., unter dem fremden,meinem Herzen ganz fremden Volke herumziehe, habe ich keinenAugenblick gehabt, keinen, an dem mein Herz mich geheißen hätte, Ihnenzu schreiben; und jetzt in dieser Hütte, in dieser Einsamkeit, indieser Einschränkung, da Schnee und Schloßen wider mein Fensterchenwüten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat,überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! so heilig, so warm!Guter Gott! der erste glückliche Augenblick wieder. Wenn Sie mich sähen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! wie ausgetrocknet meine Sinne werden; nicht Einen Augenblick der Fülle des Herzens, nicht Eine selige Stunde! nichts! nichts! Ich stehewie vor einem Raritätenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vormir herumrücken, und frage mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist.Ich spiele mit, vielmehr, ich werde gespielt wie eine Marionette undfasse manchmal meinen Nachbar an der hölzernen Hand und schauderezurück. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu genießen,und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des Mondscheinszu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht recht, warumich aufstehe, warum ich schlafen gehe.

Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, dermich in tiefen Nächten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgensaus dem Schlafe weckte, ist weg.

Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, eine Fräuleinvon B.... sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichenkann. Ei! werden Sie sagen, der Mensch legt sich auf niedlicheKomplimente! Ganz unwahr ist es nicht. Seit einiger Zeit bin ichsehr artig, weil ich doch nicht anders sein kann, habe viel Witz, unddie Frauenzimmer sagen, es wüßte niemand so fein zu loben als ich (undzu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab, verstehenSie?). Ich wollte von Fräulein B... reden. Sie hat viel Seele, dievoll aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr Stand ist ihr zur Last,der keinen der Wünsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich ausdem Getümmel, und wir verphantasieren manche Stunde in ländlichenSzenen von ungemischter Glückseligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oftmuß sie Ihnen huldigen, muß nicht, tut es freiwillig, hört so gern vonIhnen, liebt Sie. —

O säß ich zu Ihren Füßen in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und unsere kleinen Lieben wälzten sich miteinander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu laut würden, wollte ich sie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur Ruhe versammeln.

Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, derSturm ist hinüber gezogen, und ich — muß mich wieder in meinen Käfigsperren — Adieu! Ist Albert bei Ihnen? Und wie —? Gott verzeihe mirdiese Frage!

Den 8. Februar

Wir haben seit acht Tagen das abscheulichste Wetter, und mir ist eswohltätig. Denn so lang ich hier bin, ist mir noch kein schöner Tagam Himmel erschienen, den mir nicht jemand verdorben oder verleidethätte. Wenns nun recht regnet und stöbert und fröstelt und taut — ha!denk ich, kanns doch zu Hause nicht schlimmer werden, als esdraußen ist, oder umgekehrt, und so ists gut. Geht die Sonne desMorgens auf und verspricht einen feinen Tag, erwehr ich mir niemalsauszurufen: da haben sie doch wieder ein himmlisches Gut, worum sieeinander bringen können! Es ist nichts, worum sie einander nichtbringen. Gesundheit, guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meistaus Albernheit, Unbegriff und Enge und, wenn man sie anhört, mit derbesten Meinung. Manchmal möcht ich sie auf den Knieen bitten, nichtso rasend in ihre eigenen Eingeweide zu wüten.

Am 17. Februar

Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehrlange aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zuarbeiten und Geschäfte zu treiben ist so lächerlich, daß ich michnicht enthalten kann, ihm zu widersprechen und oft eine Sache nachmeinem Kopf und meiner Art zu machen, das ihm denn, wie natürlich,niemals recht ist. Darüber hat er mich neulich bei Hofe verklagt, undder Minister gab mir einen zwar sanften Verweis, aber es war doch einVerweis, und ich stand im Begriffe, meinen Abschied zu begehren, alsich einen Privatbrief von ihm erhielt, einen Brief, vor dem ichniedergekniet, und den hohen, edlen, weisen Sinn angebetet habe. Wieer meine allzu große Empfindlichkeit zurechtweiset, wie er meineüberspannten Ideen von Wirksamkeit, von Einfluß auf andere, vonDurchdringen in Geschäften als jugendlichen guten Mut zwar ehrt, sienicht auszurotten, nur zu mildern und dahin zu leiten sucht, wo sieihr wahres Spiel haben, ihre kräftige Wirkung tun können. Auch binich auf acht Tage gestärkt und in mir selbst einig geworden. Die Ruheder Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst.Lieber Freund, wenn nur das Kleinod nicht eben so zerbrechlich wäre,als es schön und kostbar ist.

Am 20. Februar

Gott segne euch, meine Lieben, gebe euch alle die guten Tage, die ermir abzieht!

Ich danke dir, Albert, daß du mich betrogen hast: ich wartete aufNachricht, wann euer Hochzeitstag sein würde, und hatte mirvorgenommen, feierlichst an demselben Lottens Schattenriß von der Wandzu nehmen und ihn unter andere Papiere zu begraben. Nun seid ihr einPaar, und ihr Bild ist noch hier! Nun, so soll es bleiben! Und warumnicht? Ich weiß, ich bin ja auch bei euch, bin dir unbeschadet inLottens Herzen, habe, ja ich habe den zweiten Platz darin und will undmuß ihn behalten. O, ich würde rasend werden, wenn sie vergessenkönnte — Albert, in dem Gedanken liegt eine Hölle. Albert, leb wohl!Leb wohl, Engel des Himmels! Leb wohl, Lotte!

Den 15. März

Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ichknirsche mit den Zähnen! Teufel! er ist nicht zu ersetzen, und ihrseid doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und treibt undquältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinnewar. Nun habe ichs! nun habt ihrs! Und daß du nicht wieder sagst,meine überspannten Ideen verdürben alles, so hast du hier, lieber Herr,eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber dasaufzeichnen würde.

Der Graf von C... liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, dashabe ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zuTafel, eben an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herrenund Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auchmir nie aufgefallen ist, daß wir Subalternen nicht hineingehören. Gut.Ich speise bei dem Grafen, und nach Tische gehn wir in dem großenSaal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Obristen B.... der dazukommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke,Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S...mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit derflachen Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihrehergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir dieNation von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen undwartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als meineFräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bißchen aufgeht,wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl undbemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit alssonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf.Ist sie auch wie all das Volk, dachte ich, und war angestochen undwollte gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigthätte und es nicht glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffteund — was du willst. Unterdessen füllte sich die Gesellschaft. DerBaron F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz desErsten her, der Hofrat R.... hier aber in qualitate Herr von R...genannt, mit seiner tauben Frau etc., den übelfournierten J... nichtzu vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mitneumodischen Lappen ausflickt, das kommt zu Hauf, und ich rede miteinigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ichdachte — und gab nur auf meine B... acht. Ich merkte nicht, daß dieWeiber am Ende des Saales sich in die Ohren flüsterten, daß es auf dieMänner zirkulierte, daß Frau von S. mit dem Grafen redete (das alleshat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich der Graf auf michlosging und mich in ein Fenster nahm. — Sie wissen, sagte er, unserewunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merkte ich,Sie hier zu sehn. Ich wollte nicht um alles — Ihro Exzellenz, fielich ein, ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher drandenken sollen, und ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ichwollte schon vorhin mich empfehlen. Ein böser Genius hat michzurückgehalten, setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte.— Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte.Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setztemich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonneuntergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zulesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Daswar alles gut.

Des Abends komme ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in derGaststube; die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuchzurückgeschlagen. Da kommt der ehrliche Adelin hinein, legt seinenHut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise: Duhast Verdruß gehabt? — Ich? sagte ich. — Der Graf hat dich aus derGesellschaft gewiesen. — Hole sie der Teufel! sagt ich, mir warslieb, daß ich in die freie Luft kam. — Gut, sagte er, daß dus aufdie leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt michs, es ist schon überallherum. — Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tischkamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gabböses Blut.

Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre,daß meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe mans, wo es mitden Übermütigen hinausginge, die sich ihres bißchen Kopfs überhöbenund glaubten, sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen,und was des Hundegeschwätzes mehr ist — da möchte man sich ein Messerins Herz bohren; denn man rede von Selbständigkeit, was man will, denwill ich sehen, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn sieeinen Vorteil über ihn haben; wenn ihr Geschwätze leer ist, ach, dakann man sie leicht lassen.

Am 16. März

Es hetzt mich alles. Heute treffe ich die Fräulein B... in derAllee, ich konnte mich nicht enthalten, sie anzureden und ihr, sobaldwir etwas entfernt von der Gesellschaft waren, meine Empfindlichkeitüber ihr neuliches Betragen zu zeigen. — O Werther, sagte sie miteinem innigen Tone, konnten Sie meine Verwirrung so auslegen, da Siemein Herz kennen? Was ich gelitten habe um Ihretwillen, von demAugenblicke an, da ich in den Saal trat! Ich sah alles voraus,hundertmal saß mirs auf der Zunge, es Ihnen zu sagen. Ich wußte,daß die von S... und T... mit ihren Männern eher aufbrechen würden,als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; ich wußte, daß der Graf es mitihnen nicht verderben darf, — und jetzo der Lärm! — Wie,Fräulein? sagte ich und verbarg meinen Schrecken; denn alles, wasAdelin mir ehegestern gesagt hatte, lief mir wie siedend Wasser durchdie Adern in diesem Augenblicke. — Was hat mich es schon gekostet!sagte das süße Geschöpf, indem ihr die Tränen in den Augen standen.— Ich war nicht Herr mehr von mir selbst, war im Begriffe, mich ihrzu Füßen zu werfen. — Klären Sie sich! rief ich. — Die Tränenliefen ihr die Wangen herunter. Ich war außer mir. Sie trocknete sieab, ohne sie verbergen zu wollen. — Meine Tante kennen Sie, fing siean: sie war gegenwärtig und hat, o, mit was für Augen hat sie dasangesehen! Werther, ich habe gestern nacht ausgestanden und heutefrüh eine Predigt über meinen Umgang mit Ihnen, und ich habe müssenzuhören Sie herabsetzen, erniedrigen, und konnte und durfte Sie nurhalb verteidigen.

Jedes Wort, das sie sprach, ging mir wie einSchwert durchs Herz. Sie fühlte nicht, welche Barmherzigkeit esgewesen wäre, mir das alles zu verschweigen, und nun fügte sie nochhinzu, was weiter würde geträtscht werden, was eine Art Menschendarüber triumphieren würde.Wie man sich nunmehr über die Strafe meines Übermuts und meinerGeringschätzung anderer, die sie mir schon lange vorwerfen, kitzelnund freuen würde. Das alles, Wilhelm, von ihr zu hören, mit derStimme der wahrsten Teilnehmung — Ich war zerstört und bin noch wütendin mir. Ich wollte, daß sich einer unterstünde, mirs vorzuwerfen,daß ich ihm den Degen durch den Leib stoßen könnte; wenn ich Blut sähe,würde mirs besser werden. Ach, ich habe hundertmal ein Messerergriffen, um diesem gedrängten Herzen Luft zu machen. Man erzähltvon einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schrecklich erhitzt undaufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeißen, um sichzum Atem zu helfen. So ist mirs oft, ich möchte mir eine Ader öffnen,die mir die ewige Freiheit schaffte.

Am 24. März

Ich habe meine Entlassung vom Hofe verlangt und werde sie, hoffeich, erhalten, und ihr werdet mir verzeihen, daß ich nicht erstErlaubnis dazu bei euch geholt habe. Ich mußte nun einmal fort, undwas ihr zu sagen hattet, um mir das Bleiben einzureden, weiß ichalles, und also — Bringe das meiner Mutter in einem Säftchen bei, ichkann mir selbst nicht helfen, und sie mag sich gefallen lassen, wennich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muß es ihr wehe tun. Denschönen Lauf, den ihr Sohn gerade zum Geheimenrat und Gesandtenansetzte, so auf einmal Halte zu sehen, und rückwärts mit demTierchen in den Stall! Macht nun daraus, was ihr wollt, undkombiniert die möglichen Fälle, unter denen ich hätte bleiben könnenund sollen; genug, ich gehe, und damit ihr wißt, wo ich hinkomme, soist hier der Fürst **, der vielen Geschmack an meiner Gesellschaftfindet; der hat mich gebeten, da er von meiner Absicht hörte, mit ihmauf seine Güter zu gehen und den schönen Frühling da zuzubringen.Ich soll ganz mir selbst gelassen sein, hat er mir versprochen, undda wir uns zusammen bis auf einen gewissen Punkt verstehn, so willich es denn auf gut Glück wagen und mit ihm gehen.

Zur Nachricht

Am 19. April

Danke für deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ichdieses Blatt liegen ließ, bis mein Abschied vom Hofe da wäre; ichfürchtete, meine Mutter möchte sich an den Minister wenden und mirmein Vorhaben erschweren. Nun aber ist es geschehen, mein Abschiedist da. Ich mag euch nicht sagen, wie ungern man mir ihn gegeben hat,und was mir der Minister schreibt — ihr würdet in neue Lamentationenausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünfundzwanzig Dukatengeschickt, mit einem Wort, das mich bis zu Tränen gerührt hat; alsobrauche ich von der Mutter das Geld nicht, um das ich neulich schrieb.

Am 5. Mai

Morgen gehe ich von hier ab, und weil mein Geburtsort nur sechsMeilen vom Wege liegt, so will ich den auch wiedersehen, will michder alten, glücklich verträumten Tage erinnern. Zu eben dem Tore willich hineingehn, aus dem meine Mutter mit mir heraus fuhr, als sienach dem Tode meines Vaters den lieben, vertraulichen Ort verließ, umsich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren. Adieu, Wilhelm, dusollst von meinem Zuge hören.

Am 9. Mai

Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht einesPilgrims vollendet, und manche unerwarteten Gefühle haben michergriffen. An der großen Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadtnach S... zu steht, ließ ich halten, stieg aus und hieß den Postillionfortfahren, um zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinemHerzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde, die ehedem, alsKnabe, das Ziel und die Grenze meiner Spaziergänge gewesen. Wieanders! Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus indie unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele Nahrung, so vielenGenuß hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zubefriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt — o meinFreund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie vielzerstörten Planen! — Ich sah das Gebirge vor mir liegen, dastausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen war. Stundenlangkonnt ich hier sitzen und mich hinübersehnen, mit inniger Seelemich in den Wäldern, den Tälern verlieren, die sich meinen Augen sofreundlichdämmernd darstellten; und wenn ich dann um die bestimmteZeit wieder zurück mußte, mit welchem Widerwillen verließ ich nichtden lieben Platz! — Ich kam der Stadt näher, alle die alten,bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mirzuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst vorgenommen hatte.Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder.Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, soeinförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen,auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Haus. ImHingehen bemerkte ich, daß die Schulstube, wo ein ehrliches altesWeib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einen Kramladenverwandelt war. Ich erinnere mich der Unruhe, der Tränen, derDumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Locheausgestanden hatte. — Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdigwar. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht so viele Stättenreligiöser Erinnerungen an, und seine Seele ist schwerlich so vollheiliger Bewegung. — Noch eins für tausend. Ich ging den Fluß hinab,bis an einen gewissen Hof; das war sonst auch mein Weg, und diePlätzchen, wo wir Knaben uns übten, die meisten Sprünge der flachenSteine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnerte mich so lebhaft, wennich manchmal stand und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbarenAhnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegendenvorstellte, wo es nun hinflösse, und wie ich da sobald Grenzen meinerVorstellungskraft fand; und doch mußte das weitergehen, immer weiter,bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Ferne verlor.— Sieh, mein Lieber, so beschränkt und so glücklich waren dieherrlichen Altväter! So kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung! WennUlyß von dem ungemeßnen Meer und von der unendlichen Erde spricht,das ist so wahr, menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilftmichs, daß ich jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, daß sierund sei? Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zugenießen, weniger, um drunter zu ruhen. Nun bin ich hier, auf demfürstlichen Jagdschloß. Es läßt sich noch ganz wohl mit dem Herrnleben, er ist wahr und einfach. Wunderliche Menschen sind um ihnherum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen undhaben doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmalkommen sie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen.Was mir noch leid tut, ist, daß er oft von Sachen redet, die er nurgehört und gelesen hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sieihm der andere vorstellen mochte.

Auch schätzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes. Ach, was ich weiß, kann jeder wissen — mein Herz habe ich allein.

Am 25. Mai

Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nichts sagen wollte, bises ausgeführt wäre: jetzt, da nichts draus wird, ist es ebenso gut.Ich wollte in den Krieg; das hat mir lange am Herzen gelegen.Vornehmlich darum bin ich dem Fürsten hierher gefolgt, der General in***schen Diensten ist. Auf einem Spaziergang entdeckte ich ihm meinVorhaben; er widerriet mir es, und es müßte bei mir mehr Leidenschaftals Grille gewesen sein, wenn ich seinen Gründen nicht hätte Gehörgeben wollen.

Am 11. Junius

Sage was du willst, ich kann nicht länger bleiben. Was soll ichhier? Die Zeit wird mir lang. Der Fürst hält mich, so gut man nurkann, und doch bin ich nicht in meiner Lage. Wir haben im Grundenichts gemein mit einander. Er ist ein Mann von Verstande, aber vonganz gemeinem Verstande; sein Umgang unterhält mich nicht mehr, alswenn ich ein wohl geschriebenes Buch lese. Noch acht Tage bleibe ich,und dann ziehe ich wieder in der Irre herum. Das Beste, was ichhier getan habe, ist mein Zeichnen. Der Fürst fühlt in der Kunst undwürde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch das garstigewissenschaftliche Wesen und durch die gewöhnliche Terminologieeingeschränkt wäre. Manchmal knirsche ich mit den Zähnen, wenn ichihn mit warmer Imagination an Natur und Kunst herumführe und er esauf einmal recht gut zu machen denkt, wenn er mit einem gestempeltenKunstworte dreinstolpert.

Am 16. Junius

Ja wohl bin ich nur ein Wandrer, ein Waller auf der Erde! Seid ihrdenn mehr?

Am 18. Junius

Wo ich hin will? Das laß dir im Vertrauen eröffnen. Vierzehn Tagemuß ich doch noch hier bleiben, und dann habe ich mir weisgemacht,daß ich die Bergwerke im ***schen besuchen wollte; ist aber im Grundenichts dran, ich will nur Lotten wieder näher, das ist alles. Undich lache über mein eignes Herz — und tu ihm seinen Willen.

Am 29. Julius

Nein, es ist gut! es ist alles gut! — Ich — ihr Mann! O Gott, derdu mich machtest, wenn du mir diese Seligkeit bereitet hättest, meinganzes Leben sollte ein anhaltendes Gebet sein. Ich will nichtrechten, und verzeihe mir diese Tränen, verzeihe mir meinevergeblichen Wünsche! — Sie meine Frau! Wenn ich das liebsteGeschöpf unter der Sonne in meine Arme geschlossen hätte — Es geht mirein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert sie um denschlanken Leib faßt.

Und, darf ich es sagen? Warum nicht, Wilhelm? Sie wäre mit mirglücklicher geworden als mit ihm! O, er ist nicht der Mensch, dieWünsche dieses Herzens alle zu füllen. Ein gewisser Mangel anFühlbarkeit, ein Mangel — nimm es, wie du willst; daß sein Herz nichtsympathetisch schlägt bei — oh! — bei der Stelle eines lieben Buches, wo mein Herz und Lottens in Einem zusammentreffen; in hundert andern Vorfällen, wenn es kommt, daß unsere Empfindungen über eine Handlung eines Dritten laut werden. Lieber Wilhelm! — Zwar er liebt sie von ganzer Seele, und so eine Liebe, was verdient die nicht! —

Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen. Meine Tränen sindgetrocknet. Ich bin zerstreut. Adieu, Lieber!

Am 4. August

Es geht mir nicht allein so. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungengetäuscht, in ihren Erwartungen betrogen. Ich besuchte mein gutesWeib unter der Linde. Der älteste Junge lief mir entgegen, seinFreudengeschrei führte die Mutter herbei, die sehr niedergeschlagenaussah. Ihr erstes Wort war: Guter Herr, ach, mein Hans ist mirgestorben! — Es war der jüngste ihrer Knaben. Ich war stille. Undmein Mann, sagte sie, ist aus der Schweiz zurück und hat nichtsmitgebracht, und ohne gute Leute hätte er sich herausbetteln müssen,er hatte das Fieber unterwegs gekriegt. — Ich konnte ihr nichtssagen und schenkte dem Kleinen was; sie bat mich, einige Äpfelanzunehmen, das ich tat, und den Ort des traurigen Andenkens verließ.

Am 21. August

Wie man eine Hand umwendet, ist es anders mit mir. Manchmal willwohl ein freudiger Blick des Lebens wieder aufdämmern, ach, nur füreinen Augenblick! — Wenn ich mich so in Träumen verliere, kann ichmich des Gedankens nicht erwehren: wie, wenn Albert stürbe? Duwürdest! ja, sie würde — und dann laufe ich dem Hirngespinste nach,bis es mich an Abgründe führet, vor denen ich zurückbebe.

Wenn ich zum Tor hinausgehe, den Weg, den ich zum erstenmal fuhr,Lotten zum Tanze zu holen, wie war das so ganz anders! Alles, allesist vorübergegangen! Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsschlagmeines damaligen Gefühles. Mir ist es, wie es einem Geiste seinmüßte, der in das ausgebrannte, zerstörte Schloß zurückkehrte, das erals blühender Fürst einst gebaut und mit allen Gaben der Herrlichkeitausgestattet, sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvollhinterlassen hätte.

Am 3. September

Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann,lieb haben darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe, nichts anders kenne, noch weiß, noch habe als sie!

Am 4. September

Ja, es ist so. Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbstin mir und um mich her. Meine Blätter werden gelb, und schon sinddie Blätter der benachbarten Bäume abgefallen. Hab ich dir nichteinmal von einem Bauerburschen geschrieben, gleich da ich herkam?Jetzt erkundigte ich mich wieder nach ihm in Wahlheim; es hieß, ersei aus dem Dienste gejagt worden, und niemand wollte was weiter vonihm wissen. Gestern traf ich ihn von ungefähr auf dem Wege nach einemandern Dorfe, ich redete ihn an, und er erzählte mir seine Geschichte,die mich doppelt und dreifach gerührt hat, wie du leicht begreifenwirst, wenn ich dir sie wiedererzähle. Doch wozu das alles, warumbehalt ich nicht für mich, was mich ängstigt und kränkt? Warumbetrüb ich noch dich? warum geb ich dir immer Gelegenheit, mich zubedauern und mich zu schelten? Sei's denn, auch das mag zu meinemSchicksal gehören!

Mit einer stillen Traurigkeit, in der ich ein wenig scheues Wesenzu bemerken schien, antwortete der Mensch mir erst auf meine Fragen;aber gar bald offner, als wenn er sich und mich auf einmalwiedererkennte, gestand er mir seine Fehler, klagte er mir seinUnglück. Könnt ich dir, mein Freund, jedes seiner Worte vor Gerichtstellen! Er bekannte, ja er erzählte mit einer Art von Genuß undGlück der Wiedererinnerung, daß die Leidenschaft zu seiner Hausfrausich in ihm tagtäglich vermehrt, daß er zuletzt nicht gewußt habe,was er tue, nicht, wie er sich ausdrückte, wo er mit dem Kopfehingesollt. Er habe weder essen noch trinken noch schlafen können, eshabe ihm an der Kehle gestockt, er habe getan, was er nicht tunsollen; was ihm aufgetragen worden, hab er vergessen, er sei als wievon einem bösen Geist verfolgt gewesen, bis er eines Tages, als ersie in einer obern Kammer gewußt, ihr nachgegangen, ja vielmehr ihrnachgezogen worden sei; da sie seinen Bitten kein Gehör gegeben, haber sich ihrer mit Gewalt bemächtigen wollen; er wisse nicht, wie ihmgeschehen sei, und nehme Gott zum Zeugen, daß seine Absichten gegensie immer redlich gewesen, und daß er nichts sehnlicher gewünscht,als daß sie ihn heiraten, daß sie mit ihm ihr Leben zubringen möchte.Da er eine Zeitlang geredet hatte, fing er an zu stocken, wie einer,der noch etwas zu sagen hat und sich es nicht herauszusagen getraut;endlich gestand er mir auch mit Schüchternheit, was sie ihm fürkleine Vertraulichkeiten erlaubt, und welche Nähe sie ihm vergönnet.Er brach zwei-, dreimal ab und wiederholte die lebhaftestenProtestationen, daß er das nicht sage, um sie schlecht zu machen, wieer sich ausdrückte, daß er sie liebe und schätze wie vorher, daß soetwas nicht über seinen Mund gekommen sei und daß er es mir nur sage,um mich zu überzeugen, daß er kein ganz verkehrter und unsinnigerMensch sei. — Und hier, mein Bester, fang ich mein altes Lied wieder an, dasich ewig anstimmen werde: könnt ich dir den Menschen vorstellen, wieer vor mir stand, wie er noch vor mir steht! Könnt ich dir allesrecht sagen, damit du fühltest, wie ich an seinem Schicksaleteilnehme, teilnehmen muß! Doch genug, da du auch mein Schicksalkennst, auch mich kennst, so weißt du nur zu wohl, was mich zu allenUnglücklichen, was mich besonders zu diesem Unglücklichen hinzieht.

Da ich das Blatt wieder durchlese, seh ich, daß ich das Ende derGeschichte zu erzählen vergessen habe, das sich aber leichthinzudenken läßt. Sie erwehrte sich sein; ihr Bruder kam dazu, derihn schon lange gehaßt, der ihn schon lange aus dem Hause gewünschthatte, weil er fürchtet, durch eine neue Heirat der Schwester werdeseinen Kindern die Erbschaft entgehn, die ihnen jetzt, da siekinderlos ist, schöne Hoffnungen gibt; dieser habe ihn gleich zumHause hinausgestoßen und einen solchen Lärm von der Sache gemacht,daß die Frau, auch selbst wenn sie gewollt, ihn nicht wieder hätteaufnehmen können. Jetzt habe sie wieder einen andern Knecht genommen,auch über den, sage man, sei sie mit dem Bruder zerfallen, und manbehaupte für gewiß, sie werde ihn heiraten, aber er sei festentschlossen, das nicht zu erleben.

Was ich dir erzähle, ist nicht übertrieben, nichts verzärtelt, jaich darf wohl sagen, schwach, schwach hab ichs erzählt, undvergröbert hab ichs, indem ichs mit unsern hergebrachtensittlichen Worten vorgetragen habe.

Diese Liebe, diese Treue, diese Leidenschaft ist also keinedichterische Erfindung. Sie lebt, sie ist in ihrer größten Reinheitunter der Klasse von Menschen, die wir ungebildet, die wir roh nennen.Wir Gebildeten — zu Nichts Verbildeten! Lies die Geschichte mitAndacht, ich bitte dich. Ich bin heute still, indem ich dashinschreibe; du siehst an meiner Hand, daß ich nicht so strudele undsudele wie sonst. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, daß es auchdie Geschichte deines Freundes ist. Ja so ist mirs gegangen, sowird mirs gehn, und ich bin nicht halb so brav, nicht halb soentschlossen als der arme Unglückliche, mit dem ich mich zuvergleichen mich fast nicht getraue.

Am 5. September

Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann aufs Land geschrieben, wo ersich Geschäfte wegen aufhielt. Es fing an: Bester, Liebster, komme,sobald du kannst, ich erwarte dich mit tausend Freuden. — EinFreund, der hereinkam, brachte Nachricht, daß er wegen gewisserUmstände so bald noch nicht zurückkehren würde. Das Billett bliebliegen und fiel mir abends in die Hände. Ich las es und lächelte; siefragte worüber? — Was die Einbildungskraft für ein göttlichesGeschenk ist, rief ich aus, ich konnte mir einen Augenblickvorspiegeln, als wäre es an mich geschrieben. — Sie brach ab, esschien ihr zu mißfallen, und ich schwieg.

Am 6. September

Es hat schwer gehalten, bis ich mich entschloß, meinen blaueneinfachen Frack, in dem ich mit Lotten zum ersten Male tanzte,abzulegen, er ward aber zuletzt gar unscheinbar. Auch habe ich mireinen machen lassen ganz wie den vorigen, Kragen und Aufschlag, undauch wieder so gelbe Weste und Beinkleider dazu. Ganz will es dochdie Wirkung nicht tun. Ich weiß nicht — Ich denke, mit der Zeit sollmir der auch lieber werden.

Am 12. September

Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich inihre Stube, sie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tausendFreuden.

Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter.— Einen neuen Freund, sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, er istmeinen Kleinen zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wennich ihm Brot gebe, flattert er mit den Flügeln und pickt so artig.Er küßt mich auch, sehen Sie!

Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblichin die süßen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können,die es genoß.

Er soll Sie auch küssen, sagte sie und reichte den Vogel herüber.— Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen,und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollenGenusses.

Sein Kuß, sagte ich, ist nicht ganz ohne Begierde, er suchtNahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück.

Er ißt mir auch aus dem Munde, sagte sie. — Sie reichte ihm einigeBrosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldigteilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.

Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nichtmeine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld undSeligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmaldie Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken! — Und warumnicht? — Sie traut mir so! Sie weiß, wie ich sie liebe!

Am 15. September

Man möchte rasend werden, Wilhelm, daß es Menschen geben soll ohneSinn und Gefühl an dem wenigen, was auf Erden noch einen Wert hat.Du kennst die Nußbäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zuSt... mit Lotten gesessen, die herrlichen Nußbäume, die mich, Gottweiß, immer mit dem größten Seelenvergnügen füllten! Wie vertraulichsie den Pfarrhof machten, wie kühl! Und wie herrlich die Äste waren!Und die Erinnerung bis zu den ehrlichen Geistlichen, die sie vorvielen Jahren pflanzten. Der Schulmeister hat uns den einen Namen oftgenannt, den er von seinem Großvater gehört hatte; und so ein braverMann soll er gewesen sein, und sein Andenken war immer heilig unterden Bäumen. Ich sage dir, dem Schulmeister standen die Tränen in denAugen, da wir gestern davon redeten, daß sie abgehauen worden — Abgehauen! Ich möchte toll werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat. Ich, der ich mich vertrauern könnte, wennso ein paar Bäume in meinem Hofe stünden und einer davon stürbe vorAlter ab, ich muß zusehen. Lieber Schatz, eins ist doch dabei! WasMenschengefühl ist! Das ganze Dorf murrt, und ich hoffe, die FrauPfarrerin soll es an Butter und Eiern und übrigem Zutrauen spüren,was für eine Wunde sie ihrem Orte gegeben hat. Denn sie ist es, die Frau des neuen Pfarrers (unser alter ist auch gestorben), ein hageres,kränkliches Geschöpf, das sehr Ursache hat, an der Welt keinenAnteil zu nehmen, denn niemand nimmt Anteil an ihr. Eine Närrin, diesich abgibt, gelehrt zu sein, sich in die Untersuchung des Kanonsmeliert, gar viel an der neumodischen, moralisch-kritischenReformation des Christentumes arbeitet und über LavatersSchwärmereien die Achseln zuckt, eine ganz zerrüttete Gesundheit hatund deswegen auf Gottes Erdboden keine Freude. So einer Kreatur wares auch allein möglich, meine Nußbäume abzuhauen. Siehst du, ichkomme nicht zu mir! Stelle dir vor: die abfallenden Blätter machenihr den Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen ihr das Tageslicht,und wenn die Nüsse reif sind, so werfen die Knaben mit Steinendarnach, und das fällt ihr auf die Nerven, das stört sie in ihrentiefen Überlegungen, wenn sie Kennikot, Semler und Michaelis gegeneinander abwiegt. Da ich die Leute im Dorfe, besonders die alten, sounzufrieden sah, sagte ich: Warum habt ihr es gelitten? — Wenn derSchulze will, hier zu Lande, sagten sie, was kann man machen? — Abereins ist recht geschehen. Der Schulze und der Pfarrer, der doch auchvon seiner Frauen Grillen, die ihm ohnedies die Suppen nicht fettmachen, was haben wollte, dachten es mit einander zu teilen; daerfuhr es die Kammer und sagte: hier herein! denn sie hatte nochalte Prätensionen an den Teil des Pfarrhofes, wo die Bäume standen,und verkaufte sie an den Meistbietenden. Sie liegen! O wenn ichFürst wäre! ich wollte die Pfarrerin, den Schulzen und die Kammer — Fürst! — Ja, wenn ich Fürst wäre, was kümmerten mich die Bäume in meinem Lande!

Am 10. Oktober

Wenn ich nur ihre schwarzen Augen sehe, ist mir es schon wohl!Sieh, und was mich verdrießt, ist, daß Albert nicht so beglückt zusein scheinet, als er — hoffte — als ich — zu sein glaubte — wenn — Ichmache nicht gern Gedankenstriche, aber hier kann ich mich nichtanders ausdrücken — und mich dünkt deutlich genug.

Am 12. Oktober

Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt,in die der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaustvom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Väter imdämmernden Lichte des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebirge her, imGebrülle des Waldstroms, halb verwehtes Ächzen der Geister aus ihrenHöhlen, und die Wehklagen des zu Tode sich jammernden Mädchens, umdie vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine des Edelgefallnen,ihres Geliebten. Wenn ich ihn dann finde, den wandelnden grauenBarden, der auf der weiten Heide die Fußstapfen seiner Väter suchtund, ach! ihre Grabsteine findet und dann jammernd nach dem liebenSterne des Abends hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, unddie Zeiten der Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, danoch der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete undder Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien; wenn ichden tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten verlassenenHerrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken sehe, wie er immerneue, schmerzlich glühende Freuden in der kraftlosen Gegenwart derSchatten seiner Abgeschiedenen einsaugt und nach der kalten Erde, demhohen, wehenden Grase niedersieht und ausruft: Der Wanderer wirdkommen, kommen, der mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: Woist der Sänger, Fingals trefflicher Sohn? Sein Fußtritt geht übermein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erde. — OFreund! ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das Schwert ziehen,meinen Fürsten von der zückenden Qual des langsam absterbendenLebens auf einmal befreien und dem befreiten Halbgott meine Seelenachsenden.

Am 19. Oktober

Ach diese Lücke! diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinemBusen fühle! — Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal andieses Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde ausgefüllt sein.

Am 26. Oktober

Ja, es wird mir gewiß, Lieber! gewiß und immer gewisser, daß an demDasein eines Geschöpfes wenig gelegen ist, ganz wenig. Es kam eineFreundin zu Lotten, und ich ging herein ins Nebenzimmer, ein Buch zunehmen, und konnte nicht lesen, und dann nahm ich eine Feder, zuschreiben. Ich hörte sie leise reden; sie erzählten einanderunbedeutende Sachen, Stadtneuigkeiten: wie diese heiratet, wie jenekrank, sehr krank ist. Sie hat einen trocknen Husten, die Knochenstehn ihr zum Gesichte heraus, und kriegt Ohnmachten; ich gebe keinenKreuzer für ihr Leben, sagte die eine. Der N. N. ist auch soübel dran, sagte Lotte. Er ist schon geschwollen, sagte dieandere. — Und meine lebhafte Einbildungskraft versetzte mich ans Bettdieser Armen; ich sah sie, mit welchem Widerwillen sie dem Leben denRücken wandten, wie sie — Wilhelm! und meine Weibchen redeten davon,wie man eben davon redet — daß ein Fremder stirbt. — Und wenn ichmich umsehe und sehe das Zimmer an, und rings um mich Lottens Kleiderund Alberts Skripturen und diese Möbeln, denen ich nun so befreundetbin, sogar diesem Tintenfaß, und denke: Siehe, was du nun diesemHause bist! Alles in allem. Deine Freunde ehren dich! Du machst oftihre Freude, und deinem Herzen scheint es, als wenn es ohne sie nichtsein könnte; und doch — wenn du nun gingst, wenn du aus diesem Kreiseschiedest? würden sie, wie lange würden sie die Lücke fühlen, diedein Verlust in ihr Schicksal reißt? wie lange? — O, so vergänglichist der Mensch, daß er auch da, wo er seines Daseins eigentlicheGewißheit hat, da, wo er den einzigen wahren Eindruck seinerGegenwart macht, in dem Andenken, in der Seele seiner Lieben, daß erauch da verlöschen, verschwinden muß, und das so bald!

Am 27. Oktober

Ich möchte mir oft die Brust zerreißen und das Gehirn einstoßen,daß man einander so wenig sein kann. Ach die Liebe, Freude, Wärme undWonne, die ich nicht hinzubringe, wird mir der andere nicht geben,und mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit werde ich den andern nichtbeglücken, der kalt und kraftlos vor mir steht.

Abends.

Ich habe so viel, und die Empfindung an ihr verschlingt alles; ichhabe so viel, und ohne sie wird mir alles zu nichts.

Am 30. Oktober

Wenn ich nicht schon hundertmal auf dem Punkte gestanden bin, ihrum den Hals zu fallen! Weiß der große Gott, wie einem das tut, soviele Liebenswürdigkeit vor einem herumkreuzen zu sehen und nichtzugreifen zu dürfen; und das Zugreifen ist doch der natürlichsteTrieb der Menschheit. Greifen die Kinder nicht nach allem, was ihnenin den Sinn fällt? — Und ich?

Am 3. November

Weiß Gott! Ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, jamanchmal mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: und morgensschlage ich die Augen auf, sehe die Sonne wieder, und bin elend. Odaß ich launisch sein könnte, könnte die Schuld aufs Wetter, aufeinen Dritten, auf eine fehlgeschlagene Unternehmung schieben, sowürde die unerträgliche Last des Unwillens doch nur halb auf mirruhen. Wehe mir! ich fühle zu wahr, daß an mir alle Schuldliegt, — nicht Schuld! Genug, daß in mir die Quelle alles Elendesverborgen ist, wie ehemals die Quelle aller Seligkeiten. Bin ichnicht noch eben derselbe, der ehemals in aller Fülle der Empfindungherumschwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies folgte, der ein Herzhatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfassen? Und dies Herz ist jetzttot, aus ihm fließen keine Entzückungen mehr, meine Augen sindtrocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden Tränengelabt werden, ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich leide viel,denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige Wonne war, dieheilige, belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie istdahin! — Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe,wie die Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und den stillenWiesengrund bescheint, und der sanfte Fluß zwischen seinenentblätterten Weiden zu mir herschlängelt, — o! wenn da dieseherrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen,und alle die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen heraufin das Gehirn pumpen kann, und der ganze Kerl vor Gottes Angesichtsteht wie ein versiegter Brunnen, wie ein verlechter Eimer. Ich habemich oft auf den Boden geworfen und Gott um Tränen gebeten, wie einAckersmann um Regen, wenn der Himmel ehern über ihm ist und um ihndie Erde verdürstet.

Aber, ach! ich fühle es, Gott gibt Regen und Sonnenschein nichtunserm ungestümen Bitten, und jene Zeiten, deren Andenken mich quält,warum waren sie so selig? als weil ich mit Geduld seinen Geisterwartete und die Wonne, die er über mich ausgoß, mit ganzem, innigdankbarem Herzen aufnahm.

Am 8. November

Sie hat mir meine Exzesse vorgeworfen! Ach, mit so vielLiebenswürdigkeit! Meine Exzesse, daß ich mich manchmal von einemGlase Wein verleiten lasse, eine Bouteille zu trinken. — Tun Sie esnicht! sagte sie, denken Sie an Lotten! — Denken! sagte ich,brauchen Sie mir das zu heißen? Ich denke! — ich denke nicht! Siesind immer vor meiner Seele. Heute saß ich an dem Flecke, wo Sieneulich aus der Kutsche stiegen. — Sie redete was anders, um michnicht tiefer in den Text kommen zu lassen. Bester, ich bin dahin!sie kann mit mir machen, was sie will.

Am 15. November

Ich danke dir, Wilhelm, für deinen herzlichen Anteil, für deinenwohlmeinenden Rat und bitte dich, ruhig zu sein. Laß mich ausdulden,ich habe bei aller meiner Müdseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen.Ich ehre die Religion, das weißt du, ich fühle, daß sie manchemErmatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur — kannsie denn, muß sie denn das einem jeden sein? Wenn du die große Weltansiehst, so siehst du Tausende, denen sie es nicht war, Tausende,denen sie es nicht sein wird, gepredigt oder ungepredigt, und muß siemir es denn sein? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes, daß die um ihnsein würden, die ihm der Vater gegeben hat? Wenn ich ihm nun nichtgegeben bin? wenn mich nun der Vater für sich behalten will, wie mirmein Herz sagt? — Ich bitte dich, lege das nicht falsch aus; siehnicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten; es ist meine ganzeSeele, die ich dir vorlege; sonst wollte ich lieber, ich hättegeschwiegen: wie ich denn über alles das, wovon jedermann so wenigweiß als ich, nicht gern ein Wort verliere. Was ist es anders alsMenschenschicksal, sein Maß auszuleiden, seinen Becher auszutrinken?— Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zubitter, warum soll ich großtun und mich stellen, als schmeckte er mirsüß? Und warum sollte ich mich schämen, in dem schrecklichenAugenblick, da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein zittert,da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finstern Abgrunde derZukunft leuchtet und alles um mich her versinkt und mit mir die Weltuntergeht? Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten,sich selbst ermangelnden und unaufhaltsam hinabstürzenden Kreatur, inden innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte zu knirschen:Mein Gott! mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Und sollt' ichmich des Ausdruckes schämen, sollte mir es vor dem Augenblicke bangesein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt wie einTuch?

Am 21. November

Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, daß sie ein Gift bereitet, dasmich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollustschlürfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Wassoll der gütige Blick, mit dem sie mich oft — oft? — nein, nicht oft,aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit, womit sie einenunwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt, das Mitleiden mitmeiner Duldung, das sich auf ihrer Stirne zeichnet?

Gestern, als ich wegging, reichte sie mir die Hand und sagte: Adieu,lieber Werther! — Lieber Werther! Es war das erste Mal, daß sie michLieber hieß, und es ging mir durch Mark und Bein. Ich habe es mirhundertmal wiederholt, und gestern nacht, da ich zu Bette gehenwollte und mit mir selbst allerlei schwatzte, sagte ich so auf einmal:Gute Nacht, lieber Werther! und mußte hernach selbst über michlachen.

Am 22. November

Ich kann nicht beten: Laß mir sie! und doch kommt sie mir oft alsdie Meine vor. Ich kann nicht beten: Gib mir sie! denn sie ist einesandern. Ich witzle mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mirsnachließe, es gäbe eine ganze Litanei von Antithesen.

Am 24. November

Sie fühlt, was ich dulde. Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herzgedrungen. Ich fand sie allein; ich sagte nichts, und sie sah mich an.Und ich sah nicht mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehrdas Leuchten des trefflichen Geistes, das war alles vor meinen Augenverschwunden. Ein weit herrlicherer Blick wirkte auf mich, vollAusdruck des innigsten Anteils, des süßesten Mitleidens. Warumdurfte ich mich nicht ihr zu Füßen werfen? warum durfte ich nicht anihrem Halse mit tausend Küssen antworten? Sie nahm ihre Zuflucht zumKlavier und hauchte mit süßer, leiser Stimme harmonische Laute zuihrem Spiele. Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehen; es war, alswenn sie sich lechzend öffneten, jene süßen Töne in sich zu schlürfen,die aus dem Instrument hervorquollen, und nur der heimlicheWiderschall aus dem reinen Munde zurückklänge — Ja wenn ich dir das sosagen könnte! — Ich widerstand nicht länger, neigte mich und schwur:nie will ich es wagen, einen Kuß euch aufzudrücken, Lippen! auf denendie Geister des Himmels schweben — Und doch — ich will — Ha! siehstdu, das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seele — dieseSeligkeit — und dann untergegangen, diese Sünde abzubüßen — Sünde?

Am 26. November

Manchmal sag ich mir: Dein Schicksal ist einzig; preise dieübrigen glücklich — so ist noch keiner gequält worden. Dann lese icheinen Dichter der Vorzeit, und es ist mir, als säh ich in meineignes Herz. Ich habe so viel auszustehen! Ach, sind denn Menschenvor mir schon so elend gewesen?

Am 30. November

Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen! Wo ich hintrete,begegnet mir eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt.Heute! o Schicksal! o Menschheit!

Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hattekeine Lust zu essen. Alles war öde, ein naßkalter Abendwind blies vomBerge, und die grauen Regenwolken zogen das Tal hinein. Von fernseh ich einen Menschen in einem grünen, schlechten Rocke, derzwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu suchen schien. Alsich näher zu ihm kam und er sich auf das Geräusch, das ich machte,herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin einestille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einengeraden guten Sinn ausdrückte; seine schwarzen Haare waren mit Nadelnin zwei Rollen gesteckt, und die übrigen in einen starken Zopfgeflochten, der ihm den Rücken herunterhing. Da mir seine Kleidungeinen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubte ich,er würde es nicht übelnehmen, wenn ich auf seine Beschäftigungaufmerksam wäre, und daher fragte ich ihn, was er suchte? — Ichsuche, antwortete er mit einem tiefen Seufzer, Blumen — und findekeine. — Das ist auch die Jahreszeit nicht, sagte ich lächelnd.— Es gibt so viele Blumen, sagte er, indem er zu mir herunterkam. In meinem Garten sind Rosen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten,eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie Unkraut; ich sucheschon zwei Tage darnach und kann sie nicht finden. Da haußen sindauch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und dasTausendgüldenkraut hat ein schönes Blümchen. Keines kann ich finden.— Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg:Was will Er denn mit den Blumen? — Ein wunderbares, zuckendesLächeln verzog sein Gesicht. Wenn Er mich nicht verraten will,sagte er, indem er den Finger auf den Mund drückte, ich habe meinemSchatz einen Strauß versprochen. — Das ist brav, sagte ich. — O, sagte er, sie hat viel andere Sachen, sie ist reich. — Und dochhat sie Seinen Strauß lieb, versetzte ich. — O! fuhr er fort, siehat Juwelen und eine Krone. — Wie heißt sie denn? — Wenn mich dieGeneralstaaten bezahlen wollten, versetzte er, ich wär ein andererMensch! Ja, es war einmal eine Zeit, da mir es so wohl war! Jetztist es aus mit mir. Ich bin nun — Ein nasser Blick zum Himmeldrückte alles aus. — Er war also glücklich? fragte ich. — Ach ichwollte, ich wäre wieder so! sagte er. Da war mir es so wohl, solustig, so leicht wie einem Fisch im Wasser! — Heinrich! rief einealte Frau, die den Weg herkam, Heinrich, wo steckst du? wir habendich überall gesucht, komm zum Essen! — Ist das Euer Sohn? fragtich, zu ihr tretend. — Wohl, mein armer Sohn! versetzte sie. Gotthat mir ein schweres Kreuz aufgelegt. — Wie lange ist er so? fragteich. — So stille, sagte sie, ist er nun ein halbes Jahr. Gott seiDank, daß er nur so weit ist, vorher war er ein ganzes Jahr rasend,da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut er niemand nichts,nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen. Er war ein soguter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Handschrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hitzigesFieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wennich Ihnen erzählen sollte, Herr — Ich unterbrach den Strom ihrerWorte mit der Frage: Was war denn das für eine Zeit, von der er rühmt,daß er so glücklich, so wohl darin gewesen sei? — Der törichteMensch! rief sie mit mitleidigem Lächeln, da meint er die Zeit, da ervon sich war, das rühmt er immer; das ist die Zeit, da er imTollhause war, wo er nichts von sich wußte — Das fiel mir auf wieein Donnerschlag, ich drückte ihr ein Stück Geld in die Hand undverließ sie eilend.

Da du glücklich warst! rief ich aus, schnell vormich hin nach der Stadt zu gehend, da dir es wohl war wie einem Fischim Wasser! — Gott im Himmel! hast du das zum Schicksale der Menschengemacht, daß sie nicht glücklich sind, als ehe sie zu ihrem Verstandekommen und wenn sie ihn wieder verlieren! — Elender! und auch wiebeneide ich deinen Trübsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der duverschmachtest! Du gehst hoffnungsvoll aus, deiner Königin Blumen zupflücken — im Winter — und trauerst, da du keine findest, und begreifstnicht, warum du keine finden kannst. Und ich — und ich gehe ohneHoffnung, ohne Zweck heraus und kehre wieder heim, wie ich gekommenbin. — Du wähnst, welcher Mensch du sein würdest, wenn dieGeneralstaaten dich bezahlten. Seliges Geschöpf, das den Mangelseiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann! Dufühlst nicht, du fühlst nicht, daß in deinem zerstörten Herzen, indeinem zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige derErde dir nicht helfen können.

Müsse der trostlos umkommen, der eines Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seine Krankheit vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird! der sich über das bedrängte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine Pilgrimschaft nach dem heiligen Grabe tut. Jeder Fußtritt, der seine Sohlen auf ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen der geängsteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich das Herz um viele Bedrängnisse leichter nieder. — Und dürft ihr das Wahn nennen, ihr Wortkrämer auf euren Polstern? — Wahn! — O Gott! du siehst meine Tränen! Mußtest du, der du den Menschen arm genug erschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bißchen Armut, das bißchen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, du All-liebender! Denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu den Tränen des Weinstockes, was ist es als Vertrauen zu dir, daß du in alles, was uns umgibt, Heil-- und Linderungskraft gelegt hast, der wir so stündlich bedürfen? Vater! den ich nicht kenne! Vater! der sonst meine ganze Seele füllte und nun sein Angesicht von mir gewendet hat! rufe mich zu dir! schweige nicht länger! dein Schweigen wird diese dürstende Seele nicht aufhalten — Und würde ein Mensch, ein Vater, zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Hals fiele und riefe: Ich bin wieder da, mein Vater! Zürne nicht, daß ich die Wanderschaft abbreche, die ich nach deinem Willen längeraushalten sollte. Die Welt ist überall einerlei, auf Mühe und ArbeitLohn und Freude; aber was soll mir das? mir ist nur wohl, wo du bist,und vor deinem Angesichte will ich leiden und genießen. — Und du,lieber himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?

Am 1. Dezember

Wilhelm! der Mensch, von dem ich dir schrieb, der glücklicheUnglückliche, war Schreiber bei Lottens Vater, und eine Leidenschaftzu ihr, die er nährte, verbarg, entdeckte und worüber er aus demDienst geschickt wurde, hat ihn rasend gemacht. Fühle bei diesentrocknen Worten, mit welchem Unsinn mich die Geschichte ergriffen hat,da mir sie Albert ebenso gelassen erzählte, als du sie vielleichtliesest.

Am 4. Dezember

Ich bitte dich — Siehst du, mit mir ists aus, ich trag es nichtlänger! Heute saß ich bei ihr — saß, sie spielte auf ihrem Klavier,mannigfaltige Melodieen, und all den Ausdruck! all! — all! — Waswillst du? — Ihr Schwesterchen putzte ihre Puppe auf meinem Knie.Mir kamen die Tränen in die Augen. Ich neigte mich, und ihr Trauringfiel mir ins Gesicht — meine Tränen flossen — Und auf einmal fiel sie in die alte, himmelsüße Melodie ein, so auf einmal, und mir durch die Seele gehn ein Trostgefühl und eine Erinnerung des Vergangenen, derZeiten, da ich das Lied gehört, der düstern Zwischenräume, desVerdrusses, der fehlgeschlagenen Hoffnungen, und dann — Ich ging inder Stube auf und nieder, mein Herz erstickte unter dem Zudringen.— Um Gottes willen, sagte ich, mit einem heftigen Ausbruch hin gegensie fahrend, um Gottes willen, hören Sie auf! — Sie hielt und sahmich starr an. — Werther, sagte sie mit einem Lächeln, das mir durchdie Seele ging, Werther, Sie sind sehr krank, Ihre Lieblingsgerichtewiderstehen Ihnen. Gehen Sie! Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich.— Ich riß mich von ihr weg und — Gott! du siehst mein Elend und wirstes enden.

Am 6. Dezember

Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meineganze Seele! Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne,wo die innere Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen.Hier! ich kann dir es nicht ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, sosind sie da; wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir,füllen die Sinne meiner Stirn.

Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nichteben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er inFreude sich aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht inbeiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kaltenBewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle desUnendlichen zu verlieren sehnte?

Der Herausgeber an den Leser

Wie sehr wünscht' ich, daß uns von den letzten merkwürdigen Tagenunsers Freundes so viel eigenhändige Zeugnisse übrig geblieben wären,daß ich nicht nötig hätte, die Folge seiner hinterlaßnen Briefedurch Erzählung zu unterbrechen.

Ich habe mir angelegen sein lassen, genaue Nachrichten aus demMunde derer zu sammeln, die von seiner Geschichte wohl unterrichtetsein konnten; sie ist einfach, und es kommen alle Erzählungen davonbis auf wenige Kleinigkeiten miteinander überein; nur über dieSinnesarten der handelnden Personen sind die Meinungen verschiedenund die Urteile geteilt.

Was bleibt uns übrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Müheerfahren können, gewissenhaft zu erzählen, die von dem Abscheidendenhinterlaßnen Briefe einzuschalten und das kleinste aufgefundeneBlättchen nicht gering zu achten; zumal da es so schwer ist, dieeigensten, wahren Triebfedern auch nur einer einzelnen Handlung zuentdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht, die nicht gemeiner Artsind.

Unmut und Unlust hatten in Werthers Seele immer tiefer Wurzelgeschlagen, sich fester untereinander verschlungen und sein ganzesWesen nach und nach eingenommen. Die Harmonie seines Geistes warvöllig zerstört, eine innerliche Hitze und Heftigkeit, die alleKräfte seiner Natur durcheinanderarbeitete, brachte die widrigstenWirkungen hervor und ließ ihm zuletzt nur eine Ermattung übrig, ausder er noch ängstlicher emporstrebte, als er mit allen Übeln bishergekämpft hatte. Die Beängstigung seines Herzens zehrte die übrigenKräfte seines Geistes, seine Lebhaftigkeit, seinen Scharfsinn auf, erward ein trauriger Gesellschafter, immer unglücklicher, und immerungerechter, je unglücklicher er ward. Wenigstens sagen dies AlbertsFreunde; sie behaupten, daß Werther einen reinen, ruhigen Mann, dernun eines lang gewünschten Glückes teilhaftig geworden, und seinBetragen, sich dieses Glück auch auf die Zukunft zu erhalten, nichthabe beurteilen können, er, der gleichsam mit jedem Tage sein ganzesVermögen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert,sagen sie, hatte sich in so kurzer Zeit nicht verändert, er war nochimmer derselbige, den Werther so vom Anfang her kannte, so sehrschätzte und ehrte. Er liebte Lotten über alles, er war stolz auf sieund wünschte sie auch von jedermann als das herrlichste Geschöpfanerkannt zu wissen. War es ihm daher zu verdenken, wenn er auchjeden Schein des Verdachtes abzuwenden wünschte, wenn er in demAugenblicke mit niemand diesen köstlichen Besitz auch auf dieunschuldigste Weise zu teilen Lust hatte? Sie gestehen ein, daßAlbert oft das Zimmer seiner Frau verlassen, wenn Werther bei ihr war,aber nicht aus Haß noch Abneigung gegen seinen Freund, sondern nurweil er gefühlt habe, daß dieser von seiner Gegenwart gedrückt sei.

Lottens Vater war von einem Übel befallen worden, das ihn in derStube hielt, er schickte ihr seinen Wagen, und sie fuhr hinaus. Eswar ein schöner Wintertag, der erste Schnee war stark gefallen unddeckte die ganze Gegend.

Werther ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Albert sie nichtabzuholen käme, sie hereinzubegleiten.

Das klare Wetter konnte wenig auf sein trübes Gemüt wirken, eindumpfer Druck auf seiner Seele, die traurigen Bilder hatten sich beiihm festgesetzt, und sein Gemüt kannte keine Bewegung als von einemschmerzlichen Gedanken zum andern.

Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte, schien ihm auch derZustand andrer nur bedenklicher und verworrener, er glaubte, dasschöne Verhältnis zwischen Albert und seiner Gattin gestört zu haben,er machte sich Vorwürfe darüber, in die sich ein heimlicher Unwillegegen den Gatten mischte.

Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand. Ja, ja,sagte er zu sich selbst, mit heimlichem Zähneknirschen: das ist dervertraute, freundliche, zärtliche, an allem teilnehmende Umgang, dieruhige, dauernde Treue! Sattigkeit ists und Gleichgültigkeit! Ziehtihn nicht jedes elende Geschäft mehr an als die teure, köstlicheFrau? Weiß er sein Glück zu schätzen? Weiß er sie zu achten, wie siees verdient? Er hat sie, nun gut, er hat sie — ich weiß das, wie ichwas anders auch weiß, ich glaube an den Gedanken gewöhnt zu sein, erwird mich noch rasend machen, er wird mich noch umbringen — Und hatdenn die Freundschaft zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht inmeiner Anhänglichkeit an Lotten schon einen Eingriff in seine Rechte,in meiner Aufmerksamkeit für sie einen stillen Vorwurf? Ich weiß eswohl, ich fühl es, er sieht mich ungern, er wünscht meine Entfernung,meine Gegenwart ist ihm beschwerlich.

Oft hielt er seinen raschen Schritt an, oft stand er stille undschien umkehren zu wollen; allein er richtete seinen Gang immerwieder vorwärts und war mit diesen Gedanken und Selbstgesprächenendlich gleichsam wider Willen bei dem Jagdhause angekommen.

Er trat in die Tür, fragte nach dem Alten und nach Lotten, er fanddas Haus in einiger Bewegung. Der älteste Knabe sagte ihm, es seidrüben in Wahlheim ein Unglück geschehn, es sei ein Bauer erschlagenworden! — Es machte das weiter keinen Eindruck auf ihn. — Er trat indie Stube und fand Lotten beschäftigt, dem Alten zuzureden, derungeachtet seiner Krankheit hinüber wollte, um an Ort und Stelle dieTat zu untersuchen. Der Täter war noch unbekannt, man hatte denErschlagenen des Morgens vor der Haustür gefunden, man hatteMutmaßungen: der Entleibte war Knecht einer Witwe, die vorher einenandern im Dienste gehabt, der mit Unfrieden aus dem Hause gekommenwar.

Da Werther dieses hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf. — Istsmöglich! rief er aus, ich muß hinüber, ich kann nicht einenAugenblick ruhn. — Er eilte nach Wahlheim zu, jede Erinnerung wardihm lebendig, und er zweifelte nicht einen Augenblick, daß jenerMensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen, der ihm sowert geworden war.

Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo sieden Körper hingelegt hatten, entsetzt' er sich vor dem sonst sogeliebten Platze. Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oftgespielt hatten, war mit Blut besudelt. Liebe und Treue, dieschönsten menschlichen Empfindungen, hatten sich in Gewalt und Mordverwandelt. Die starken Bäume standen ohne Laub und bereift, dieschönen Hecken, die sich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten,waren entblättert, und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt durchdie Lücken hervor.

Als er sich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Dorfversammelt war, entstand auf einmal ein Geschrei. Man erblickte vonfern einen Trupp bewaffneter Männer, und ein jeder rief, daß man denTäter herbeiführe. Werther sah hin und blieb nicht lange zweifelhaft.Ja, es war der Knecht, der jene Witwe so sehr liebte, den er voreiniger Zeit mit dem stillen Grimme, mit der heimlichen Verzweiflungumhergehend angetroffen hatte.

Was hast du begangen, Unglücklicher! rief Werther aus, indem erauf den Gefangenen losging. — Dieser sah ihn still an, schwieg undversetzte endlich ganz gelassen: Keiner wird sie haben, sie wirdkeinen haben. — Man brachte den Gefangnen in die Schenke, undWerther eilte fort.

Durch die entsetzliche, gewaltige Berührung war alles, was inseinem Wesen lag, durcheinandergeschüttelt worden. Aus seiner Trauer,seinem Mißmut, seiner gleichgültigen Hingegebenheit wurde er aufeinen Augenblick herausgerissen; unüberwindlich bemächtigte sich dieTeilnehmung seiner, und es ergriff ihn eine unsägliche Begierde, denMenschen zu retten. Er fühlte ihn so unglücklich, er fand ihn alsVerbrecher selbst so schuldlos, er setzte sich so tief in seine Lage,daß er gewiß glaubte, auch andere davon zu überzeugen. Schonwünschte er für ihn sprechen zu können, schon drängte sich derlebhafteste Vortrag nach seinen Lippen, er eilte nach dem Jagdhauseund konnte sich unterwegs nicht enthalten, alles das, was er demAmtmann vorstellen wollte, schon halblaut auszusprechen.

Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwärtig, diesverstimmte ihn einen Augenblick; doch faßte er sich bald wieder undtrug dem Amtmann feurig seine Gesinnungen vor. Dieser schüttelteeinigemal den Kopf, und obgleich Werther mit der größtenLebhaftigkeit, Leidenschaft und Wahrheit alles vorbrachte, was einMensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann, so war doch, wiesichs leicht denken läßt, der Amtmann dadurch nicht gerührt. Er ließvielmehr unsern Freund nicht ausreden, widersprach ihm eifrig undtadelte ihn, daß er einen Meuchelmörder in Schutz nehme! er zeigteihm, daß auf diese Weise jedes Gesetz aufgehoben, alle Sicherheit desStaats zugrunde gerichtet werde; auch setzte er hinzu, daß er in einersolchen Sache nichts tun könne, ohne sich die größte Verantwortungaufzuladen, es müsse alles in der Ordnung, in dem vorgeschriebenenGang gehen.

Werther ergab sich noch nicht, sondern bat nur, der Amtmann möchtedurch die Finger sehn, wenn man dem Menschen zur Flucht behülflichwäre! Auch damit wies ihn der Amtmann ab. Albert, der sich endlichins Gespräch mischte, trat auch auf des Alten Seite. Werther wurdeüberstimmt, und mit einem entsetzlichen Leiden machte er sich auf denWeg, nachdem ihm der Amtmann einigemal gesagt hatte: Nein, er istnicht zu retten!

Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein müssen, sehn wir auseinem Zettelchen, das sich unter seinen Papieren fand und das gewißan dem nämlichen Tage geschrieben worden:

Du bist nicht zu retten, Unglücklicher! Ich sehe wohl, daß wirnicht zu retten sind.

Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart desAmtmanns gesprochen, war Werthern höchst zuwider gewesen: er glaubteeinige Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenngleich bei mehrerem Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging, daßbeide Männer recht haben möchten, so war es ihm doch, als ob erseinem innersten Dasein entsagen müßte, wenn er es gestehen, wenn eres zugeben sollte.

Ein Blättchen, das sich darauf bezieht, das vielleicht sein ganzesVerhältnis zu Albert ausdrückt, finden wir unter seinen Papieren:

Was hilft es, daß ich mirs sage und wieder sage, er ist brav und gut,aber es zerreißt mir mein inneres Eingeweide; ich kann nicht gerechtsein.

Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing, sich zumTauen zu neigen, ging Lotte mit Alberten zu Fuße zurück. Unterwegssah sie sich hier und da um, eben als wenn sie Werthers Begleitungvermißte. Albert fing von ihm an zu reden, er tadelte ihn, indem erihm Gerechtigkeit widerfahren ließ. Er berührte seine unglücklicheLeidenschaft und wünschte, daß es möglich sein möchte, ihn zuentfernen. — Ich wünsch es auch um unsertwillen, sagt' er, und ichbitte dich, fuhr er fort, siehe zu, seinem Betragen gegen dich eineandere Richtung zu geben, seine öftern Besuche zu vermindern. DieLeute werden aufmerksam, und ich weiß, daß man hier und da drübergesprochen hat. — Lotte schwieg, und Alberten schien ihr Schweigenempfunden zu haben, wenigstens seit der Zeit erwähnte er Werthersnicht mehr gegen sie, und wenn sie seiner erwähnte, ließ er dasGespräch fallen oder lenkte es wo anders hin.

Der vergebliche Versuch, den Werther zur Rettung des Unglücklichengemacht hatte, war das letzte Auflodern der Flamme einesverlöschenden Lichtes; er versank nur desto tiefer in Schmerz undUntätigkeit; besonders kam er fast außer sich, als er hörte, daß manihn vielleicht gar zum Zeugen gegen den Menschen, der sich nun aufsLeugnen legte, auffordern könnte. Alles was ihm Unangenehmes jeweils in seinem wirksamen Leben begegnet war, der Verdruß bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonstmißlungen war, was ihn je gekränkt hatte, ging in seiner Seele auf undnieder. Er fand sich durch alles dieses wie zur Untätigkeitberechtigt, er fand sich abgeschnitten von aller Aussicht, unfähig,irgendeine Handhabe zu ergreifen, mit denen man die Geschäfte desgemeinen Lebens anfaßt; und so rückte er endlich, ganz seinerwunderbaren Empfindung, Denkart und einer endlosen Leidenschafthingegeben, in dem ewigen Einerlei eines traurigen Umgangs mit demliebenswürdigen und geliebten Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, inseine Kräfte stürmend, sie ohne Zweck und Aussicht abarbeitend, immereinem traurigen Ende näher.

Von seiner Verworrenheit, Leidenschaft, von seinem rastlosenTreiben und Streben, von seiner Lebensmüde sind einige hinterlaßneBriefe die stärksten Zeugnisse, die wir hier einrücken wollen.

Am 12. Dezember

Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jeneUnglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würdenvon einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift michs; esist nicht Angst, nicht Begier — es ist ein inneres, unbekanntes Toben,das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt!Wehe! wehe! und dann schweife ich umher in den furchtbarennächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.

Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwettereingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bächegeschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt!Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel,vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zusehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Talhinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenndann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhteund vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerscheinrollte und klang: da überfiel mich ein Schauer und wieder ein Sehnen!Ach, mit offnen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab!hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden dahinabzustürmen! dahinzubrausen wie die Wellen! Oh! — und den Fuß vomBoden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden!— Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wiegern hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde dieWolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! und wird nichtvielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil? —

Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lottenunter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange, — das warauch überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte! Wilhelm! Undihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! wie verstörtjetzt vom reißenden Strome unsere Laube! dacht ich. Und derVergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen einTraum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand! — Ich scheltemich nicht, denn ich habe Mut zu sterben. — Ich hätte — Nun sitze ichhier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihrBrot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein nocheinen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.

Am 14. Dezember

Was ist das, mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nichtmeine Liebe zu ihr die heiligste, reinste, brüderlichste Liebe? Habeich jemals einen strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt? — Ichwill nicht beteuern — Und nun, Träume! O wie wahr fühlten die Menschen,die so widersprechende Wirkungen fremden Mächten zuschrieben! DieseNacht! ich zittere, es zu sagen, hielt ich sie in meinen Armen, festan meinen Busen gedrückt, und deckte ihren liebelispelnden Mund mitunendlichen Küssen; mein Auge schwamm in der Trunkenheit des ihrigen!Gott! bin ich strafbar, daß ich auch jetzt noch eine Seligkeit fühle,mir diese glühenden Freuden mit voller Innigkeit zurückzurufen?Lotte! Lotte! — Und mit mir ist es aus! meine Sinne verwirren sich,schon acht Tage habe ich keine Besinnungskraft mehr, meine Augen sindvoll Tränen. Ich bin nirgend wohl und überall wohl. Ich wünschenichts, ich verlange nichts. Mir wäre besser, ich ginge.

Der Entschluß, die Welt zu verlassen, hatte in dieser Zeit, untersolchen Umständen in Werthers Seele immer mehr Kraft gewonnen. Seitder Rückkehr zu Lotten war es immer seine letzte Aussicht undHoffnung gewesen; doch hatte er sich gesagt, es solle keine übereilte,keine rasche Tat sein, er wolle mit der besten Überzeugung, mit dermöglichst ruhigen Entschlossenheit diesen Schritt tun.

Seine Zweifel, sein Streit mit sich selbst blicken aus einemZettelchen hervor, das wahrscheinlich ein angefangener Brief anWilhelm ist und ohne Datum unter seinen Papieren gefunden worden:

Ihre Gegenwart, ihr Schicksal, ihre Teilnehmung an dem meinigenpreßt noch die letzten Tränen aus meinem versengten Gehirne.

DenVorhang aufzuheben und dahinterzutreten! Das ist alles! Und warumdas Zaudern und Zagen? Weil man nicht weiß, wie es dahinten aussieht?und man nicht wiederkehrt? Und daß das nun die Eigenschaft unseresGeistes ist, da Verwirrung und Finsternis zu ahnen, wovon wir nichtsBestimmtes wissen. —

Endlich ward er mit dem traurigen Gedanken immer mehr verwandt undbefremdet und sein Vorsatz fest und unwiderruflich, wovon folgenderzweideutige Brief, den er an seinen Freund schrieb, ein Zeugnisabgibt.

Am 20. Dezember

Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, daß du das Wort so aufgefangenhast. Ja, du hast recht: mir wäre besser, ich ginge. Der Vorschlag,den du zu einer Rückkehr zu euch tust, gefällt mir nicht ganz;wenigstens möchte ich noch gern einen Umweg machen, besonders da wiranhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben. Auch ist mir es sehrlieb, daß du kommen willst, mich abzuholen; verziehe nur nochvierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren.Es ist nötig, daß nichts gepflückt werde, ehe es reif ist. Undvierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen:daß sie für ihren Sohn beten soll, und daß ich sie um Vergebung bittewegen alles Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun meinSchicksal, die zu betrüben, denen ich Freude schuldig war. Leb wohl,mein Teuerster! Allen Segen des Himmels über dich! Leb wohl!

Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungengegen ihren Mann, gegen ihren unglücklichen Freund gewesen, getrauenwir uns kaum mit Worten auszudrücken, ob wir uns gleich davon, nachder Kenntnis ihres Charakters, wohl einen stillen Begriff machenkönnen, und eine schöne weibliche Seele sich in die ihrige denken undmit ihr empfinden kann.

So viel ist gewiß, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun,um Werthern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eineherzliche, freundschaftliche Schonung, weil sie wußte, wie viel esihm kosten, ja daß es ihm beinahe unmöglich sein würde. Doch ward siein dieser Zeit mehr gedrängt, Ernst zu machen; es schwieg ihr Mannganz über dies Verhältnis, wie sie auch immer darüber geschwiegenhatte, und um so mehr war ihr angelegen, ihm durch die Tat zubeweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.

An demselben Tage, als Werther den zuletzt eingeschalteten Brief anseinen Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam erabends zu Lotten und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einigeSpielwerke in Ordnung zu bringen, die sie ihren kleinen Geschwisternzum Christgeschenke zurecht gemacht hatte. Er redete von demVergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den Zeiten, da einendie unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung einesaufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln inparadiesische Entzückung setzte. — Sie sollen, sagte Lotte, indemsie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, Sie sollenauch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind; einWachsstöckchen und noch was. — Und was heißen Sie geschicktsein? rief er aus; wie soll ich sein? wie kann ich sein? besteLotte! — Donnerstag abend, sagte sie, ist Weihnachtsabend, da kommendie Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommenSie auch — aber nicht eher. — Werther stutzte. — Ich bitte Sie,fuhr sie fort, es ist nun einmal so, ich bitte um meiner Ruhe willen,es kann nicht, es kann nicht so bleiben. — Er wendete seine Augenvon ihr und ging in der Stube auf und ab und murmelte das: „Es kannnicht so bleiben!” zwischen den Zähnen. Lotte, die den schrecklichenZustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte durchallerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens. — Nein,Lotte, rief er aus, ich werde Sie nicht wiedersehen! — Warumdas? versetzte sie, Werther, Sie können, Sie müssen uns wiedersehen,nur mäßigen Sie sich. O, warum mußten Sie mit dieser Heftigkeit,dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was Sie einmalanfassen, geboren werden! Ich bitte Sie, fuhr sie fort, indem sieihn bei der Hand nahm, mäßigen Sie sich! Ihr Geist, IhreWissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltigeErgetzungen dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurigeAnhänglichkeit von einem Geschöpf, das nichts tun kann als Siebedauern. — Er knirrte mit den Zähnen und sah sie düster an. Siehielt seine Hand: Nur einen Augenblick ruhigen Sinn, Werther! sagtesie. Fühlen Sie nicht, daß Sie sich betrügen, sich mit Willenzugrunde richten! Warum denn mich, Werther? just mich, das Eigentumeines andern? just das? Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur dieUnmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizendmacht. — Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einemstarren, unwilligen Blick ansah. Weise! rief er, sehr weise! hatvielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! sehr politisch! — Es kann sie jeder machen, versetzte sie drauf. Und sollte dennin der weiten Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche Ihres Herzenserfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen Sie darnach, und ichschwöre Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange ängstigt mich,für Sie und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit herselbst gebannt haben. Gewinnen Sie über sich! eine Reise wird Sie,muß Sie zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werten GegenstandIhrer Liebe, und kehren Sie zurück, und lassen Sie uns zusammen dieSeligkeit einer wahren Freundschaft genießen.

Das könnte man, sagte er mit einem kalten Lachen, drucken lassen und allenHofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! lassen Sie mir noch ein kleinwenig Ruh, es wird alles werden! — Nur das, Werther, daß Sie nichteher kommen als Weihnachtsabend! — Er wollte antworten, und Alberttrat in die Stube. Man bot sich einen frostigen Guten Abend und gingverlegen im Zimmer neben einander auf und nieder. Werther fing einenunbedeutenden Diskurs an, der bald aus war, Albert desgleichen, dersodann seine Frau nach gewissen Aufträgen fragte und, als er hörte,sie seien noch nicht ausgerichtet, ihr einige Worte sagte, dieWerthern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte gehen, er konnte nichtund zauderte bis acht, da sich denn sein Unmut und Unwillen immervermehrte, bis der Tisch gedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm.Albert lud ihn zu bleiben, er aber, der nur ein unbedeutendesKompliment zu hören glaubte, dankte kalt dagegen und ging weg.

Er kam nach Hause, nahm seinem Burschen, der ihm leuchten wollte,das Licht aus der Hand und ging allein in sein Zimmer, weinte laut,redete aufgebracht mit sich selbst, ging heftig die Stube auf und abund warf sich endlich in seinen Kleidern aufs Bette, wo ihn derBediente fand, der es gegen eilfe wagte hineinzugehn, um zu fragen, ober dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das er denn zuließ unddem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu kommen, bis erihm rufen würde.

Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgendenBrief an Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinemSchreibtische gefunden und ihr überbracht hat, und den ich absatzweisehier einrücken will, so wie aus den Umständen erhellet, daß er ihngeschrieben habe.

Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreibe ichdir ohne romantische Überspannung, gelassen, an dem Morgen des Tages,an dem ich dich zum letzten Male sehen werde. Wenn du dieses liesest,meine Beste, deckt schon das kühle Grab die erstarrten Reste desUnruhigen, Unglücklichen, der für die letzten Augenblicke seinesLebens keine größere Süßigkeit weiß, als sich mit dir zu unterhalten.Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt und, ach, eine wohltätigeNacht. Sie ist es, die meinen Entschluß befestiget, bestimmt hat:ich will sterben! Wie ich mich gestern von dir riß, in derfürchterlichen Empörung meiner Sinne, wie sich alles das nach meinemHerzen drängte und mein hoffnungsloses, freudeloses Dasein neben dirin gräßlicher Kälte mich anpackte — ich erreichte kaum mein Zimmer,ich warf mich außer mir auf meine Knie, und o Gott! du gewährtestmir das letzte Labsal der bittersten Tränen! Tausend Anschläge,tausend Aussichten wüteten durch meine Seele, und zuletzt stand er da,fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben! — Ichlegte mich nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens, steht ernoch fest, noch ganz stark in meinem Herzen: ich will sterben! — Esist nicht Verzweiflung, es ist Gewißheit, daß ich ausgetragen habe,und daß ich mich opfere für dich. Ja, Lotte! Warum sollte ich esverschweigen? Eins von uns dreien muß hinweg, und das will ich sein!O meine Beste! In diesem zerrissenen Herzen ist es wütendherumgeschlichen, oft — deinen Mann zu ermorden! — dich! — mich!— So sei es denn! — Wenn du hinaufsteigst auf den Berg, an einemschönen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich so oft dasTal heraufkam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach meinemGrabe, wie der Wind das hohe Gras im Scheine der sinkenden Sonne hinund her wiegt. — Ich war ruhig, da ich anfing; nun, nun weine ichwie ein Kind, da alles das so lebhaft um mich wird. —

Gegen zehn Uhr rief Werther seinem Bedienten, und unter demAnziehen sagte er ihm, wie er in einigen Tagen verreisen würde, ersolle daher die Kleider auskehren und alles zum Einpacken zurechtmachen; auch gab er ihm Befehl, überall Kontos zu fordern, einigeausgeliehene Bücher abzuholen und einigen Armen, denen er wöchentlichetwas zu geben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf zwei Monate voraus zubezahlen.

Er ließ sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritter hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er gingtiefsinnig im Garten auf und ab und schien noch zuletzt alleSchwermut der Erinnerung auf sich häufen zu wollen.

Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn,sprangen an ihm hinauf, erzählten ihm, daß, wenn morgen, und wiedermorgen, und noch ein Tag wäre, sie die Christgeschenke bei Lottenholten, und erzählten ihm Wunder, die sich ihre kleineEinbildungskraft versprach. — Morgen! rief er aus, und wiedermorgen! Und noch ein Tag! — und küßte sie alle herzlich und wolltesie verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte.Der verriet ihm, die großen Brüder hätten schöne Neujahrswünschegeschrieben, so groß! und einen für den Papa, für Albert und Lotteneinen und auch einen für Herrn Werther; die wollten sie amNeujahrstage früh überreichen. Das übermannte ihn, er schenkte jedemetwas, setzte sich zu Pferde, ließ den Alten grüßen und ritt mitTränen in den Augen davon.

Gegen fünf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zusehen und es bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hieß erBücher und Wäsche unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen.Darauf schrieb er wahrscheinlich folgenden Absatz seines letztenBriefes an Lotten.

Du erwartest mich nicht! Du glaubst, ich würde gehorchen und erstWeihnachtsabend dich wiedersehn. O, Lotte! heut oder nie mehr.Weihnachtsabend hältst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst undbenetzest es mit deinen lieben Tränen. Ich will, ich muß! O, wie wohlist es mir, daß ich entschlossen bin. —

Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten. Nach derletzten Unterredung mit Werthern hatte sie empfunden, wie schwer esihr fallen werde, sich von ihm zu trennen, was er leiden würde, wenner sich von ihr entfernen sollte.

Es war wie im Vorübergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden, daßWerther vor Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde, und Albert warzu einem Beamten in der Nachbarschaft geritten, mit dem er Geschäfteabzutun hatte, und wo er über Nacht ausbleiben mußte.

Sie saß nun allein, keins von ihren Geschwistern war um sie, sieüberließ sich ihren Gedanken, die stille über ihren Verhältnissenherumschweiften. Sie sah sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden,dessen Liebe und Treue sie kannte, dem sie von Herzen zugetan war,dessen Ruhe, dessen Zuverlässigkeit recht vom Himmel dazu bestimmt zusein schien, daß eine wackere Frau das Glück ihres Lebens daraufgründen sollte; sie fühlte, was er ihr und ihren Kindern auf immersein würde. Auf der andern Seite war ihr Werther so teuer geworden,gleich von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an hatte sich dieÜbereinstimmung ihrer Gemüter so schön gezeigt, der lange dauerndeUmgang mit ihm, so manche durchlebten Situationen hatten einenunauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was sieInteressantes fühlte und dachte, war sie gewohnt mit ihm zu teilen,und seine Entfernung drohte in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu reißen,die nicht wieder ausgefüllt werden konnte. O, hätte sie ihn in demAugenblick zum Bruder umwandeln können, wie glücklich wäre siegewesen! Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen,hätte sie hoffen können, auch sein Verhältnis gegen Albert ganz wiederherzustellen!

Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand beieiner jeglichen etwas auszusetzen, fand keine, der sie ihn gegönnthätte.

Über allen diesen Betrachtungen fühlte sie erst tief, ohne sich esdeutlich zu machen, daß ihr herzliches, heimliches Verlangen sei, ihnfür sich zu behalten, und sagte sich daneben, daß sie ihn nichtbehalten könne, behalten dürfe; ihr reines, schönes, sonst so leichtesund leicht sich helfendes Gemüt empfand den Druck einer Schwermut,dem die Aussicht zum Glück verschlossen ist. Ihr Herz war gepreßt,und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge.

So war es halb sieben geworden, als sie Werthern die Treppeheraufkommen hörte und seinen Tritt, seine Stimme, die nach ihr fragte,bald erkannte. Wie schlug ihr Herz, und wir dürfen fast sagen zumerstenmal, bei seiner Ankunft. Sie hätte sich gern vor ihmverleugnen lassen, und als er hereintrat, rief sie ihm mit einer Artvon leidenschaftlicher Verwirrung entgegen: Sie haben nicht Wortgehalten. — Ich habe nichts versprochen, war seine Antwort. — Sohätten Sie wenigstens meiner Bitte stattgeben sollen, versetzte sie,ich bat Sie um unser beider Ruhe.

Sie wußte nicht recht, was sie sagte, ebensowenig was sie tat, alssie nach einigen Freundinnen schickte, um nicht mit Werthern alleinzu sein. Er legte einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragtenach andern, und sie wünschte, bald daß ihre Freundinnen kommen, balddaß sie wegbleiben möchten. Das Mädchen kam zurück und brachte dieNachricht, daß sich beide entschuldigen ließen.

Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzenlassen; dann besann sie sich wieder anders. Werther ging in der Stubeauf und ab, sie trat ans Klavier und fing eine Menuett an, sie wolltenicht fließen. Sie nahm sich zusammen und setzte sich gelassen zuWerthern, der seinen gewöhnlichen Platz auf dem Kanapee eingenommenhatte.

Haben Sie nichts zu lesen? sagte sie. — Er hatte nichts. — Dadrin in meiner Schublade, fing sie an, liegt Ihre Übersetzungeiniger Gesänge Ossians; ich habe sie noch nicht gelesen, denn ichhoffte immer, sie von Ihnen zu hören; aber zeither hat sichs nichtfinden, nicht machen wollen. — Er lächelte, holte die Lieder, einSchauer überfiel ihn, als er sie in die Hände nahm, und die Augenstanden ihm voll Tränen, als er hineinsah. Er setzte sich nieder undlas:

Stern der dämmernden Nacht, schön funkelst du in Westen, hebstdein strahlend Haupt aus deiner Wolke, wandelst stattlich deinenHügel hin. Wornach blickst du auf die Heide? Die stürmenden Windehaben sich gelegt; von ferne kommt des Gießbachs Murmeln; rauschendeWellen spielen am Felsen ferne; das Gesumme der Abendfliegenschwärmet übers Feld. Wornach siehst du, schönes Licht? Aber dulächelst und gehst, freudig umgeben dich die Wellen und baden deinliebliches Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl. Erscheine, du herrlichesLicht von Ossians Seele!

Und es erscheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedenenFreunde, sie sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die vorübersind. — Fingal kommt wie eine feuchte Nebelsäule; um ihn sind seineHelden, und, siehe! die Barden des Gesanges: Grauer Ullin!stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sänger! und du, sanft klagendeMinona! — Wie verändert seid ihr, meine Freunde, seit den festlichenTagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Gesanges, wieFrühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelndeGras.

Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenemBlick und tränenvollem Auge, schwer floß ihr Haar im unsteten Winde,der von dem Hügel herstieß. — Düster wards in der Seele der Helden,als sie die liebliche Stimme erhob; denn oft hatten sie das GrabSalgars gesehen, oft die finstere Wohnung der weißen Colma. Colma,verlassen auf dem Hügel, mit der harmonischen Stimme; Salgarversprach zu kommen; aber ringsum zog sich die Nacht. Höret ColmasStimme, da sie auf dem Hügel allein saß.

Colma: Es ist Nacht! — ich bin allein, verloren auf dem stürmischenHügel. Der Wind saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab.Keine Hütte schützt mich vor Regen, mich Verlaßne auf dem stürmischenHügel.

Tritt, o Mond, aus deinen Wolken! erscheinet, Sterne der Nacht!Leite mich irgendein Strahl zu dem Orte, wo meine Liebe ruht von denBeschwerden der Jagd, sein Bogen neben ihm abgespannt, seine Hundeschnobend um ihn! Aber hier muß ich sitzen allein auf dem Felsen desverwachsenen Stroms. Der Strom und der Sturm saust, ich höre nicht dieStimme meines Geliebten.

Warum zaudert mein Salgar? Hat er sein Wort vergessen? — Da istder Fels und der Baum und hier der rauschende Strom! Miteinbrechender Nacht versprachst du hier zu sein; ach! Wohin hat sichmein Salgar verirrt? Mit dir wollt ich fliehen, verlassen Vater undBruder! die Stolzen! Lange sind unsere Geschlechter Feinde, aber wirsind keine Feinde, o Salgar!

Schweig eine Weile, o Wind! still eine kleine Weile, o Strom! daßmeine Stimme klinge durchs Tal, daß mein Wanderer mich höre. Salgar!ich bins, die ruft! Hier ist der Baum und der Fels! Salgar! meinLieber! hier bin ich; warum zauderst du zu kommen?

Sieh, der Mond erscheint, die Flut glänzt im Tale, die Felsenstehen grau den Hügel hinauf; aber ich seh ihn nicht auf der Höhe,seine Hunde vor ihm her verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muß ichsitzen allein.

Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide? — MeinGeliebter? Mein Bruder? — Redet, o meine Freunde! Sie antwortennicht. Wie geängstigt ist meine Seele! — Ach sie sind tot! IhreSchwerter rot vom Gefechte! O mein Bruder, mein Bruder! warum hast dumeinen Salgar erschlagen? O mein Salgar! warum hast du meinen Brudererschlagen? Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schön an demHügel unter Tausenden! Er war schrecklich in der Schlacht. Antwortetmir! hört meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach! sie sind stumm,stumm auf ewig! kalt, wie die Erde ist ihr Busen!

O, von dem Felsen des Hügels, von dem Gipfel des stürmenden Berges,redet, Geister der Toten! redet! mir soll es nicht grausen! — Wohinseid ihr zur Ruhe gegangen? in welcher Gruft des Gebirges soll icheuch finden? — Keine schwache Stimme vernehme ich im Winde, keinewehende Antwort im Sturme des Hügels. Ich sitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Tränen. Wühlet das Grab, ihr Freunde der Toten, aber schließt es nicht, bis ich komme. Mein Leben schwindet wie ein Traum; wie sollt' ich zurückbleiben!Hier will ich wohnen mit meinen Freunden an dem Strome des klingendenFelsens — Wenns Nacht wird auf dem Hügel, und Wind kommt über die Heide,soll mein Geist im Winde stehn und trauern den Tod meiner Freunde. DerJäger hört mich aus seiner Laube, fürchtet meine Stimme und liebt sie;denn süß soll meine Stimme sein um meine Freunde, sie waren mir beide solieb!

Das war dein Gesang, o Minona, Tormans sanft errötende Tochter.Unsere Tränen flossen um Colma, und unsere Seele ward düster.

Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang — AlpinsStimme war freundlich, Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhtensie im engen Hause, und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einstkehrte Ullin zurück von der Jagd, ehe die Helden noch fielen. Erhörte ihren Wettegesang auf dem Hügel. Ihr Lied war sanft, abertraurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine Seelewar wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars — Aber erfiel, und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren vollTränen, Minonas Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichenMorars. Sie trat zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond in Westen,der den Sturmregen voraussieht und sein schönes Haupt in eine Wolkeverbirgt. — Ich schlug die Harfe mit Ullin zum Gesange des Jammers.

Ryno: Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolken teilen sich. Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne. Rötlich fließt der Strom des Bergs im Tale hin. Süß ist dein Murmeln, Strom; doch süßer die Stimme, die ich höre. Es ist Alpins Stimme, er bejammert den Toten. Sein Haupt ist vor Alter gebeugt und rot sein tränendes Auge. Alpin! trefflicher Sänger, warum allein auf dem schweigenden Hügel? Warum jammerst du wie ein Windstoß im Walde, wie eine Welle am fernen Gestade?

Alpin: Meine Tränen, Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für die Bewohner des Grabs. Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter den Söhnen der Heide. Aber du wirst fallen wie Morar, und auf deinem Grabe wird der Trauernde sitzen. Die Hügel werden dich vergessen, dein Bogen in der Halle liegen ungespannt.

Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklichwie die Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwertin der Schlacht wie Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimmeglich dem Waldstrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln.Manche fielen von deinem Arm, die Flamme deines Grimmes verzehrte sie.Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie friedlich war deineStirne! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter,gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie derSee, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.

Eng ist nun deine Wohnung! finster deine Stätte! mit drei Schrittenmeß ich dein Grab, o du! der du ehe so groß warst! vier Steine mitmoosigen Häuptern sind dein einziges Gedächtnis; ein entblätterterBaum, langes Gras, das im Winde wispelt, deutet dem Auge des Jägersdas Grab des mächtigen Morars. Keine Mutter hast du, dich zu beweinen,kein Mädchen mit Tränen der Liebe. Tot ist, die dich gebar,gefallen die Tochter von Morglan.

Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiß ist vorAlter, dessen Augen rot sind von Tränen? Es ist dein Vater, o Morar!der Vater keines Sohnes außer dir. Er hörte von deinem Ruf in derSchlacht, er hörte von zerstobenen Feinden; er hörte Morars Ruhm!Ach! Nichts von seiner Wunde? Weine, Vater Morars, weine! aber deinSohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihrKissen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht erauf deinen Ruf. O, wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten demSchlummerer: Erwache!

Lebe wohl! edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmerwird dich das Feld sehen, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanzedeines Stahls. Du hinterließest keinen Sohn, aber der Gesang solldeinen Namen erhalten, künftige Zeiten sollen von dir hören, hörenvon dem gefallenen Morar.

Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstenderSeufzer. Ihn erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in denTagen der Jugend. Carmor saß nah bei dem Helden, der Fürst deshallenden Galmal. Warum schluchzet der Seufzer Armins? sprach er,was ist hier zu weinen? Klingt nicht Lied und Gesang, dieSeele zu schmelzen und zu ergetzen? sie sind wie sanfter Nebel, dersteigend vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet dasNaß; aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel istgegangen. Warum bist du so jammervoll, Armin, Herrscher desseeumflossenen Gorma?

Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meinesWehs. — Carmor, du verlorst keinen Sohn, verlorst keine blühendeTochter; Colgar, der Tapfere, lebt, und Annira, die schönste derMädchen. Die Zweige deines Hauses blühen, o Carmor; aber Armin istder Letzte seines Stammes. Finster ist dein Bett, o Daura! dumpf istdein Schlaf in dem Grabe — Wann erwachst du mit deinen Gesängen, mitdeiner melodischen Stimme? Auf! ihr Winde des Herbstes! auf! stürmtüber die finstere Heide! Waldströme, braust! heult, Stürme, imGipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeigewechselnd dein bleiches Gesicht! Erinnre mich der schrecklichenNacht, da meine Kinder umkamen, da Arindal, der Mächtige, fiel, Daura,die Liebe, verging.

Daura, meine Tochter, du warst schön! schön wie der Mond auf denHügeln von Fura, weiß wie der gefallene Schnee, süß wie die atmendeLuft! Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer schnell auf demFelde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolkeim Sturme!

Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; siewiderstand nicht lange. Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde.

Erath, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagenvon Armar. Er kam, in einen Schiffer verkleidet. Schön war seinNachen auf der Welle, weiß seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstesGesicht. Schönste der Mädchen, sagte er, liebliche Tochter vonArmin, dort am Felsen, nicht fern in der See, wo die rote Frucht vomBaume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura; ich komme, seine Liebezu führen über die rollende See.

Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als dieStimme des Felsens. Armar! mein Lieber! mein Lieber! warumängstest du mich so? Höre, Sohn Arnarths! höre! Daura ists, diedich ruft!

Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme,rief nach ihrem Vater und Bruder: Arindal! Armin! Ist keiner,seine Daura zu retten?

Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügelherab, rauh in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seinerSeite, seinen Bogen trug er in der Hand, fünf schwarzgraue Doggenwaren um ihn. Er sah den kühnen Erath am Ufer, faßte und band ihn andie Eiche, fest umflocht er seine Hüften, der Gefesselte füllte mitÄchzen die Winde.

Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura herüber zubringen. Armar kam in seinem Grimme, drückt' ab den graubefiedertenPfeil, er klang, er sank in dein Herz, o Arindal, mein Sohn! StattEraths, des Verräters, kamst du um, das Boot erreichte den Felsen, ersank dran nieder und starb. Zu deinen Füßen floß deines Bruders Blut,welch war dein Jammer, o Daura! Die Wellen zerschmettern das Boot.Armar stürzt sich in die See, seine Daura zu retten oder zu sterben.Schnell stürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen, er sank und hobsich nicht wieder.

Allein auf den seebespülten Felsen hörte ich die Klagen meinerTochter. Viel und laut war ihr Schreien, doch konnte sie ihr Vaternicht retten. Die ganze Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie imschwachen Strahle des Mondes, die ganze Nacht hörte ich ihr Schreien,laut war der Wind, und der Regen schlug scharf nach der Seite desBerges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen erschien, sie starbweg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mitJammer starb sie und ließ Armin allein! Dahin ist meine Stärke imKriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen.

Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellenhochhebt, sitze ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichenFelsen. Oft im sinkenden Monde sehe ich die Geister meiner Kinder,halb dämmernd wandeln sie zusammen in trauriger Eintracht. — —

Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihremgepreßten Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Er warf dasPapier hin, faßte ihre Hand und weinte die bittersten Tränen. Lotteruhte auf der andern und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch. DieBewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes Elend indem Schicksale der Edlen, fühlten es zusammen, und ihre Tränenvereinigten sich. Die Lippen und Augen Werthers glühten an LottensArme; ein Schauer überfiel sie; sie wollte sich entfernen, undSchmerz und Anteil lagen betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete,sich zu erholen, und bat ihn schluchzend fortzufahren, bat mit derganzen Stimme des Himmels! Werther zitterte, sein Herz wollte bersten,er hob das Blatt auf und las halb gebrochen:

Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: Ichbetaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe,nahe der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird derWanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit, ringsumwird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden. —

Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen.Er warf sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweiflung, faßteihre Hände, drückte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihrschien eine Ahnung seines schrecklichen Vorhabens durch die Seele zufliegen. Ihre Sinne verwirrten sich, sie drückte seine Hände,drückte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigenBewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Weltverging ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, preßte sie an seineBrust und deckte ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütendenKüssen. — Werther! rief sie mit erstickter Stimme, sich abwendend,Werther! und drückte mit schwacher Hand seine Brust von derihrigen; — Werther! rief sie mit dem gefaßten Tone des edelstenGefühles. — Er widerstand nicht, ließ sie sich aus seinen Armen undwarf sich unsinnig vor sie hin. Sie riß sich auf, und inängstlicher Verwirrung, bebend zwischen Liebe und Zorn, sagte sie:Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder. — Undmit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie insNebenzimmer und schloß hinter sich zu. Werther streckte ihr dieArme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der Erde,den Kopf auf dem Kanapee, und in dieser Stellung blieb er über einehalbe Stunde, bis ihn ein Geräusch zu sich selbst rief. Es war dasMädchen, das den Tisch decken wollte. Er ging im Zimmer auf und ab,und da er sich wieder allein sah, ging er zur Türe des Kabinetts undrief mit leiser Stimme: Lotte! Lotte! nur noch Ein Wort! einLebewohl! — Sie schwieg. Er harrte und bat und harrte; dann riß ersich weg und rief: Lebe wohl, Lotte! auf ewig lebe wohl!

Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren,ließen ihn stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen undSchnee, und erst gegen eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte,als Werther nach Hause kam, daß seinem Herrn der Hut fehlte. Ergetraute sich nicht, etwas zu sagen, entkleidete ihn, alles war naß.Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange desHügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihnin einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.

Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihnschreibend, als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffeebrachte. Er schrieb folgendes am Briefe an Lotten:

Zum letzten Male denn, zum letzten Male schlage ich diese Augen auf.Sie sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehen, ein trüber, neblichterTag hält sie bedeckt. So traure denn, Natur! dein Sohn, dein Freund,dein Geliebter naht sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefühlohnegleichen, und doch kommt es dem dämmernden Traum am nächsten, zusich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ichhabe keinen Sinn für das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da inmeiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff amBoden. Sterben! was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vomTode reden. Ich habe manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt istdie Menschheit, daß sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinnhat. Jetzt noch mein, dein! dein, o Geliebte! Und einenAugenblick — getrennt, geschieden — vielleicht auf ewig? — Nein, Lotte, nein — Wie kann ich vergehen? wie kannst du vergehen? Wir sind ja! — Vergehen! — Was heißt das? Das ist wieder ein Wort! ein leerer Schall! ohne Gefühl für mein Herz. — Tot, Lotte! eingescharrt der kalten Erde, so eng! so finster! — Ich hatte eine Freundin, die mein Alles war meiner hülflosen Jugend; sie starb, und ich folgte ihrer Leiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterließen und die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann die erste Schaufel hinunterschollerte, und die ängstliche Lade einen dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich bedeckt war! — Ich stürzte neben das Grab hin — ergriffen, erschüttert, geängstigt, zerrissen mein Innerstes, aber ich wußte nicht, wie mir geschah — wie mir geschehen wird — Sterben! Grab! ich verstehe die Worte nicht!

O vergib mir! vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblickmeines Lebens sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum erstenMale ganz ohne Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte michdas Wonnegefühl: Sie liebt mich! sie liebt mich! Es brennt noch aufmeinen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen strömte; neue,warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! vergib mir!

Ach, ich wußte, daß du mich liebtest, wußte es an den erstenseelenvollen Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ichwieder weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagte ichwieder in fieberhaften Zweifeln.

Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du injener fatalen Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichenkonntest? o ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und sieversiegelten mir deine Liebe. Aber ach! diese Eindrücke gingenvorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich wieder ausder Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle inheiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.

Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühendeLeben auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoß, das ich inmir fühle! Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfaßt, diese Lippenhaben auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigengestammelt. Sie ist mein! du bist mein! Ja, Lotte, auf ewig.

Und was ist das, daß Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn fürdiese Welt — und für diese Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß ichdich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut,und ich strafe mich dafür; ich habe sie in ihrer ganzen Himmelswonnegeschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam und Kraft in mein Herzgesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! mein, o Lotte! Ichgehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ichsklagen, und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich fliege direntgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte desUnendlichen in ewigen Umarmungen.

Ich träume nicht, ich wähne nicht! nahe am Grabe wird mir es heller.Wir werden sein! wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen!ich werde sie sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzesHerz ausschütten! Deine Mutter, dein Ebenbild. —

Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albertzurückgekommen sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferddahinführen sehen. Darauf gibt ihm der Herr ein offenes Zettelchendes Inhalts:

Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise IhrePistolen leihen? Leben Sie recht wohl!

Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was siegefürchtet hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, diesie weder ahnen noch fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leichtfließendes Blut war in einer fieberhaften Empörung, tausenderleiEmpfindungen zerrütteten das schöne Herz. War es das Feuer vonWerthers Umarmungen, das sie in ihrem Busen fühlte? war es Unwilleüber seine Verwegenheit? war es eine unmutige Vergleichung ihresgegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freierUnschuld und sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sieihrem Manne entgegengehen, wie ihm eine Szene bekennen, die sie sogut gestehen durfte, und die sie sich doch zu gestehen nichtgetraute? Sie hatten so lange gegen einander geschwiegen, und solltesie die erste sein, die das Stillschweigen bräche und eben zurunrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte?Schon fürchtete sie, die bloße Nachricht von Werthers Besuch werdeihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwarteteKatastrophe! Konnte sie wohl hoffen, daß ihr Mann sie ganz im rechtenLichte sehen, ganz ohne Vorurteil aufnehmen würde? und konnte siewünschen, daß er in ihrer Seele lesen möchte? Und doch wieder, konntesie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie immer wie einkristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine ihrerEmpfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins unddas andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immerkehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für sie verloren war,den sie nicht lassen konnte, den sie leider! sich selbstüberlassen mußte, und dem, wenn er sie verloren hatte, nichts mehrübrig blieb.

Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlichmachen konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzthatte! So verständige, so gute Menschen fingen wegen gewisserheimlicher Verschiedenheiten unter einander zu schweigen an, jedesdachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und dieVerhältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt, daß esunmöglich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von demalles abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit siefrüher wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsichtwechselsweise unter ihnen lebendig worden und hätte ihre Herzenaufgeschlossen, vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen.

Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir ausseinen Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er sichdiese Welt zu verlassen sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auchwar zwischen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen.Dieser, wie er einen entschiedenen Widerwillen gegen die Tat empfand,hatte auch gar oft mit einer Art von Empfindlichkeit, die sonst ganzaußer seinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, daß er an dem Ernsteines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach finde, er hatte sichsogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lottenmitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihreGedanken ihr das traurige Bild vorführten, von der andern aber fühltesie sich auch dadurch gehindert, ihrem Manne die Besorgnissemitzuteilen, die sie in dem Augenblicke quälten.

Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenenHastigkeit entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nichtvollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen,kleinsinnigen Menschen gefunden. Der üble Weg auch hatte ihnverdrießlich gemacht.

Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mitÜbereilung: Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, obBriefe gekommen, und er erhielt zur Antwort, daß ein Brief und Paketeauf seiner Stube lägen. Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. DieGegenwart des Mannes, den sie liebte und ehrte, hatte einen neuenEindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken seines Edelmuts, seinerLiebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt, sie fühlte einenheimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf seinZimmer, wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt, diePakete zu erbrechen und zu lesen. Einige schienen nicht dasAngenehmste zu enthalten. Sie tat einige Fragen an ihn, die er kurzbeantwortete, und sich an den Pult stellte, zu schreiben.

Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und esward immer dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihrwerden würde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor wäre, daszu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut,die ihr um desto ängstlicher ward, als sie solche zu verbergen undihre Tränen zu verschlucken suchte.

Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die größteVerlegenheit; er überreichte Alberten das Zettelchen, der sichgelassen nach seiner Frau wendete und sagte: Gib ihm die Pistolen.— Ich lasse ihm glückliche Reise wünschen, sagte er zum Jungen.— Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag, sie schwankte aufzustehen,sie wußte nicht, wie ihr geschah. Langsam ging sie nach der Wand,zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab undzauderte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durcheinen fragenden Blick sie gedrängt hätte. Sie gab das unglücklicheWerkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu können, und als derzum Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihrZimmer, in dem Zustande der unaussprechlichsten Ungewißheit. IhrHerz weissagte ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im Begriffe, sichzu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, dieGeschichte des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dannsah sie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konntesie hoffen, ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. DerTisch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragenkam, gleich gehen wollte — und blieb, machte die Unterhaltung beiTische erträglich; man zwang sich, man redete, man erzählte, manvergaß sich.

Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mitEntzücken abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließsich Brot und Wein bringen, hieß den Knaben zu Tische gehen undsetzte sich nieder, zu schreiben.

Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davongeputzt, ich küsse sie tausendmal, du hast sie berührt: und du, Geistdes Himmels, begünstigst meinen Entschluß, und du, Lotte, reichst mirdas Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte,und ach! nun empfange. O ich habe meinen Jungen ausgefragt. Duzittertest, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein Lebewohl!— Wehe! wehe! kein Lebewohl! — Solltest du dein Herz für michverschlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dichbefestigte? Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen!und ich fühle es, du kannst den nicht hassen, der so für dich glüht.

Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken, zerrißviele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung.Er kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet desRegens, in den gräflichen Garten, schweifte weiter in der Gegendumher und kam mit anbrechender Nacht zurück und schrieb.

Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmelgesehen. Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie,Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebtwohl! Wir sehen uns wieder und freudiger.

Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habeden Frieden deines Hauses gestört, ich habe Mißtrauen zwischen euchgebracht. Lebe wohl! ich will es enden. O daß ihr glücklich wäretdurch meinen Tod! Albert! Albert! mache den Engel glücklich! Undso wohne Gottes Segen über dir! —

Er kamte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriß vieles undwarf es in den Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen anWilhelm. Sie enthielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, derenich verschiedene gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hattenachlegen und sich eine Flasche Wein geben lassen, schickte er denBedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der Hausleute weithinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in seinen Kleidernniederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hattegesagt, die Postpferde würden vor sechse vors Haus kommen.

Nach Eilfe

Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich dankedir, Gott, der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, dieseKraft schenkest.

Ich trete an das Fenster, meine Beste! und sehe, und sehe nochdurch die stürmenden, vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne desewigen Himmels! Nein, ihr werdet nicht fallen! der Ewige trägt euchan seinem Herzen, und mich. Ich sehe die Deichselsterne des Wagens,des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn ich nachts von dir ging,wie ich aus deinem Tore trat, stand er gegen mir über. Mit welcherTrunkenheit habe ich ihn oft angesehen! oft mit aufgehabenen Händenihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigenSeligkeit gemacht! und noch — O Lotte, was erinnert mich nicht an dich! umgibst du mich nicht! und habe ich nicht, gleich einem Kinde,ungenügsam allerlei Kleinigkeiten zu mir gerissen, die du Heiligeberührt hattest!

Liebes Schattenbild! Ich vermache dir es zurück, Lotte, und bittedich, es zu ehren. Tausend, tausend Küsse habe ich darauf gedrückt,tausend Grüße ihm zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hause kam.

Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zuschützen. Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume, hinten in der Eckenach dem Felde zu; dort wünsche ich zu ruhen. Er kann, er wird dasfür seinen Freund tun. Bitte ihn auch. Ich will frommen Christennicht zumuten, ihren Körper neben einen armen Unglücklichen zu legen.Ach, ich wollte, ihr begrübt mich am Wege, oder im einsamen Tale,daß Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich segnendvorübergingen und der Samariter eine Träne weinte.

Hier, Lotte! Ich schaudre nicht, den kalten, schrecklichen Kelch zufassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtestmir ihn, und ich zage nicht. All! all! So sind alle die Wünsche undHoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, so starr an der ehernenPforte des Todes anzuklopfen.

Daß ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu sterben! Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederschaffen könnte. Aber ach! das ward nur wenigen Edelngegeben, ihr Blut für die Ihrigen zu vergießen und durch ihren Todein neues, hundertfältiges Leben ihren Freunden anzufachen.

In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sieberührt, geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum gebeten. MeineSeele schwebt über dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen.Diese blaßrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zumersten Male unter deinen Kindern fand — O küsse sie tausendmal underzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen Freundes. Die Lieben!sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloß! seit demersten Augenblicke dich nicht lassen konnte! — Diese Schleife sollmit mir begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du mir sie!Wie ich das alles verschlang! — Ach, ich dachte nicht, daß mich derWeg hierher führen sollte! — — Sei ruhig! ich bitte dich, sei ruhig! — Sie sind geladen — Es schlägt zwölfe! So sei es denn! — Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl! —

Ein Nachbar sah den Blitz vom Pulver und hörte den Schuß fallen; daaber alles stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.

Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Erfindet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, erfaßt ihn an; keine Antwort, er röchelt nur noch. Er läuft nach denÄrzten, nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zitternergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf,der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinktohnmächtig vor Alberten nieder.

Als der Medikus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erdeohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt. Überdem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirnwar herausgetrieben. Man ließ ihm zum Überfluß eine Ader am Arme, dasBlut lief, er holte noch immer Atem. Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist erheruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herumgewälzt.Er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in völligerKleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.

Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert tratherein. Werthern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden,sein Gesicht schon wie eines Toten, er rührte kein Glied. Die Lungeröchelte noch fürchterlich, bald schwach, bald stärker; man erwartetesein Ende.

Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. Emilia Galotti lagauf dem Pulte aufgeschlagen.

Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer laßt mich nichts sagen.Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küßteden Sterbenden unter den heißesten Tränen. Seine ältesten Söhne kamenbald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdruckedes unbändigsten Schmerzens, küßten ihm die Hände und den Mund, undder älteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen,bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß. Umzwölfe mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmannes und seineAnstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe ließ er ihn andie Stätte begraben, die er sich erwählt hatte. Der Alte folgte derLeiche und die Söhne, Albert vermochts nicht. Man fürchtete fürLottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihnbegleitet.

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