drukowana A5
16.68
Androgyne

Bezpłatny fragment - Androgyne

Objętość:
57 str.
Blok tekstowy:
papier offsetowy 90 g/m2, styly
Format:
145 × 205 mm
Okładka:
miękka
Rodzaj oprawy:
blok klejony
ISBN:
978-83-288-0762-4

Es war späte Nacht, als er nach Hause kam.

Er setzte sich an den Schreibtisch und sahgedankenlos auf einen herrlichen Blumenstraußhin, der mit einem breiten roten Band umwundenwar.

Auf dem einen Ende stand in goldenen Buchstaben ein mystischer, weiblicher Name.

Nichts weiter.

Und wieder empfand er diesen langen, fliederweichen Schauer, der ihn durchzuckte, als manihm diesen Strauß auf die Estrade hinaufreichte.

Man hat ihn ja mit Blumen beworfen, sovielKränze regneten nieder zu seinen Füßen — aberdieser Strauß mit diesem roten Band und demmystischen Namen — wer mag ihn wohl hinaufgeschickt haben?

Er wusste es nicht.

Als ob eine warme, kleine Hand die seine erfasst — nein! nicht erfasst, — sich wollüstig einschmeichelte, hineinküsste mit heißen Fingern...

Und sie, deren Name ihn so verwirrte...

Vielleicht hat sie die Blumen geküsst, bevorman sie ihm reichte, ihr Gesicht in das weicheBlumenbett eingewühlt, bevor sie es zum Straußgewunden, das reiche Armgewinde von Blumenan ihr Herz gedrückt und sich nackt und lustkeuchend über das Blumenlager gewälzt...

Und das Geblüte atmete noch den Duft ihresKörpers, zitterte noch das kauernde, heiße Lispelnihres Verlangens...

Sie liebte ihn ja, sie kannte ihn schon lange,ganze Tage hat sie zitternd durchdacht, bevorsie wagte, ihm diese Blumen zu schenken...Er wusste es, ganz genau wusste er es...

Er wusste sicher, dass sie ihn liebte, dennsolche Blumen schenken nur Mädchen, die lieben.

Er schloss die Augen und horchte.

Er sah riesige Märchenrosen, schwarze, blutdürstige, weiße, auf langen Stengeln sich wiegende Rosen. Sie verneigten sich, tief und tiefer,sie richteten sich stolz empor, sie lockten undlachten, trunken ihrer eigenen Pracht.

Er sah Tuberosen, weiß wie Bethlehemsterne, feinstrankig mit bläulichem Geäder — ersah Urbäume von weißen und roten Azaleen,belastet und überladen von weichflaumiger Blütenpracht und herrlich anzuschauen wie reiche Ballkleider auf wundersamen Märchengestalten längstverstorbener adliger Frauen, er sah Orchideenauf heißgeöffneten Lippen, lustheischenden, giftigen Lippen und Lilien mit weitgebreitetemMutterschoß der keuschen Lüste und Narzissenund Bionen, Begonien und Kamelien — eine ganzeSintflut von berauschendem Farbengift, berückendem saugenden Duft überströmte seine Seele.

Der weiche Maienduft des Flieders ergosssich in ihm mit der stillen, kindlich naiven Serenade der Hirtenflöten in heißen Frühlingsnächten— wie brünstige Triumphfanfare brauste dasgelle Purpur der Rosen, mit keuschen Armenumfingen die Lilien sein Herz, lüstern saugtenan ihm mit roten Zungen die Orchideen, in weißemkalten Glanz tanzten um ihn die Tuberosen, wieaphrodisisches Gift ergoss sich in ihm der berückende Duft der Akazienblüten, geschwängertvon dem blitzheißen Sommergewitter, und allediese Düfte, kühl und weich wie reine Mädchenaugen, unwissend ihres Geschlechts — heiß undgierig wie die Arme einer rasenden Hetäre —giftig und schreiend wie der Blick einer getretenen Otter: dies alles ergoss sich in ihm, durchtränkte, durchsättigte ihn; er war berauscht,machtlos; er fühlte, dass er kein Glied rührenkonnte, er unterschied nicht mehr die Eindrückevoneinander, er sah keine Farben, fühlte den Duftnicht mehr, alles wurde eins.

Aus der Tiefe blühte in ihm auf ein weitesBrachfeld, öde; traurig, schwer gebreitet wie dasStöhnen der Glocken in der Abenddämmerungdes Gründonnerstags — weit in der Ferne blauteein glitzernder Streifen eines fernen Sees, stillgebettet von der schlafschweren Hitze des Mittags— nur hie und da schoss empor der schlankeStengel einer Königskerze, als hätte sie die durchglühte Erdscholle aufgerissen und drohte nun mitsiegesmächtiger Faust dem Himmel — nur hierund da ein paar verkümmerte Wachholderbüsche,verkrampft zu seltsamen Formen, als wären siekrank an dem Gift der Leichen, die hier einstensdie Erde gedüngt haben — nur hier und da anden sandigen Gräbern träumten blaue Zichorienkörbchen, sehnsüchtig auf den Sonnenuntergangwartend, wenn sie die Blüten zusammenschließenund den Kirchhofszauber der öden Heide schauernddurchkosten dürften...

Dann wieder sah er Kreuzwege auf den Moortriften zwischen den Sümpfen und abschüssigenGräben. Die Stunde des Mitternachtsgrauensnaht, voll von schreckender Angst und Pein. Abund zu schießt ein Irrlicht, behende wie ein Gedanke über die sumpfigen Wassertümpel, blitztauf ein stilles, geheimes Leuchten, hin und wieder bellt ein Hund auf im nahen Dorf, ein anderer antwortet ihm mit langgedehntem Winseln,dann wieder der gelle Ruf des Nachtwächterhornes — und wieder Stille, Stille, die sich hineinschraubt, mählich und tief in die dunkelstenAbgründe und alles aufsaugt, mein Heute undmein Morgen, die den Schritt und jede Regunglahm legt und einen so unendlich einsam, so weitfern und daseinsfremd macht.

Und in immer neuen Bildern erstand vorseinen Augen sein ganzes Heimatland: ein riesiges Laken, zerrissen und zerfetzt in grüneGerstenlappen, in weißaufgeblühte Heidekrautfelder, goldene Roggenteppiche, blutrote Beetepeitschenschwerer Weizenähren: die ganze Erdeist maitrunken, brünstig in ihrer Blütenpracht,ungeheuer in ihrer schöpferischen Raserei, in derhochzeitlichen Majestät andächtiger Liebe — dieganze Erde weit hinauf bis an die Umfriedungder weißen Kirche auf der Anhöhe...

Breite Ströme von Glockenklängen gossensich in das flache Land hinab, ringsherum brandete das Gewoge eines mächtigen Kirchenliedeswährend der Prozession am Fronleichnamsfest;zwischen dem schwarzen Gebüsch und dem dichten Gehege schimmerten die weißen Kleider derMädchen, die zu Füßen des Priesters mit demAllerheiligsten Blumen streuten, es blauten dielangen Bauernröcke, gegürtelt mit breiten rotenSchals...

Er zuckte auf. Lechzte nach mehr Sehnsucht.

Unaufhörlich in wunderlichen Reigen: einHochzeitsgang an einem Julitag — das breiteSchluchzen der Geigen, gefertigt aus der Lindenrinde, das heisere Stöhnen der Bässe, die vondem Geld klappern, das der Bräutigam in ihrInneres geworfen hat — und ein jauchzendesGeschrei, das in taktmäßigen Abständen mitschrillen Strahlen in die Luft hinaufschießt:Juchahei! Dann wieder schleppt sich ein Trauergeleite im Spätherbst auf der regendurchweichtenLandstraße.... Ein paar Mädchen tragen denweißen Sarg eines Kindes — dann wieder einfeierlicher Pilgerzug, der zu dem Wunderbildeines Heiligen wallfahrtet — dann wieder... oh,oh... ohne Ende, ohne Maß...

Langsam dunkelte es ihm in den Augen —nur ein paar unklarer, abgerissener Bilder glittenfaul und zögernd über sein Gehirn — die Seeledämmerte, wiegte sich in weiches Träumen, erlosch,bis sie sich plötzlich in einem mächtigen Liedemporriss.

Der heimtückische Zauber, das berauschendeGift der exotischen Blumen und das Paradiesder Heimaterde, das alles ließ seine Seele erbeben mit dem dröhnenden ehernen Schrittklangvon Rittern, die in Erz gegossen schienen, dassdie Erde unter ihrer siegesjauchzenden Schrittwucht erbebte, — dann fühlte er seine Seele auftauen in den schluchzenden Klagen der Mutter,die ihre Erstgeburt verlor, sie ergrünte in demMyrtenkranz hochzeitlicher Lieder, sie raste intrunkenem Tanz mit Jauchzen und Stampfen aufdem Boden einer überfüllten Schenke, schoss hochempor mit wildem Schrei, wie die Blüte derKönigskerze auf dem sengend heißen Brachacker— das ganze Lied ergoss sich in einem düsteren,wilden Bett, vertrocknete, schnellte rückwärtszurück, um mächtiger noch vorzustürmen undsich endlos über das ganze Flachland zu ergießen...

Eine entsetzliche Macht packte ihn in ihreArme. Die Tollwut des Gewitters umkrallte ihnmit dem Geächze der Verdammnis, warf ihn aufdie kochende Gischt eines abgründigen Malstroms,wütete in ihm, heulte, krachte, schleuderte ihnkreischend hin und her die steilen Felsen hinaufwie ein Wrack — nur in der Tiefe, ganz inder Tiefe des bodenlosen Trichters ein hellerKlang, der schwand und wieder aufleuchtete,sank unter und wieder auftauchte, wie der Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumendenStrudel dunkler Wogen.

Lange hat dieser helle Strahl mit der spritzenden Wasserflut, mit dem Gewitter aufgewühlterWogen gerungen, aber beharrlich ergoss er sichin lange, schmale Streifen, tanzte über den Flutenin zierlichen Schlangenwindungen, rollte sich zusammen, schnellte dann wie eine aufgerollte Federlanghin: über dem sturmgepeitschten Abgrundverzweifelten Ächzens und Kreischens, über demStrudel abgründiger Qual, dem Geheul und Geschrei tollgewordener Gewitterbrunst flogen stille,sehnsüchtige, weichgesponnene Lichtwellen; immer breitere, immer stärkere Wellen der Beruhigung und lichter Versagung, entzückter Gebeteumfingen den Sturm und das qualschreiende Entsetzen in heilige Mutterarme, pressten es an sichin unendlicher Liebe, wiegten es in eine überirdischeSehnsucht, in einen ohnmächtigen Verzückungstraum...

Da:

Ein Mädchengesicht tauchte auf: ein heller,heiliger Klang in den schwarzen Sturmakkorden,der helle Widerschein eines blassen Sternes indem schäumenden Gischt dunkler Wogen, — niefrüher hatte er es gesehen, aber er kannte es,er kannte es gut, dies Mädchengesicht ...

Er wachte auf: rieb sich die Augen, ging indem Zimmer auf und ab, aber er konnte die Vision dieses Gesichtes nicht loswerden: halb Kind,halb Weib.

Ja, ja — sie war es sicher. Sie ließ ihmden Blumenstrauß auf die Estrade reichen.

Er dachte nach, woher seine plötzliche Gewissheit, dass sie es war.

Jemand Fremdes hat ihm die Blumen hinaufgereicht.

Und er dachte und grübelte...

Sie war also da, sie saß in der ersten Reiheund leuchtete das dunkle Doppelgestirn ihrerAugen in seine Seele hinein, sie hat den Abglanzin ihr zurückgelassen. Damals, als die ganzeWelt vor meinen Augen in Nebelschwaden zerrann, als alles zusammenströmte in dem Orkandes Gewitters, das unter meinen Fingern heulte,hat die Macht der Sehnsucht den Abglanz ihrerAugen in mir festgeklebt.... Ich selbst habezu den Augen das Gesicht geformt, denn nurdieses und kein anderes erglüht in dem Glanzsolcher Augen...

Und der Glanz umfing ihn von allen Seiten,ergoss sich in sein Blut, durchströmte seine Adern,ein heißer Schauer durchzuckte ihn — er zittertein unbekanntem Wonneschmerz.

— Denn vor der Stunde der Erlösung geschehen seltsame Zeichen und Wunder — flüsterteer leise in sich hinein — die ganze Muttererdeist in mir aufgewacht — das ganze Leben glittmit Blitzesschnelle über das Himmelsgewölbemeiner Seele — die ganze Verzweiflungslustmeines Lebens breitete vor meinen Augen ihreschweren wunden Fittiche vom einem End’ zumanderen...

Er blieb wieder stehen und starrte lange denBlumenstrauß an und das breite rote Band mitdem mystischen Namen...

Ja — sie ist rank und biegsam wie derStengel der Tuberose, und ihre Augen so rein,wie die weißen Bethlehemsterne, die auf ihmruhten und sich träumerisch hin und her wiegten...

Woher nur die Vision dieses Gesichtchens — halb Kind, halb Weib?

Er dachte:

Das ist die geheime Stunde, bevor die Sonneaufwacht.

Er sah lange durch das Fenster auf dieschneeigen Felder der Vorstädte — in dem ersten Morgenschauer blaute der Schnee — einStreifen heller Töne ergoss sich in Schlangenlinien den Himmelsrand entlang, verschwand,tauchte auf und umfing den Osten breiter undbreiter................

Seit dieser Zeit stand unablässig vor seinenAugen die Vision des zarten feinen Gesichts mitdunklem Doppelgestirn, das sein Licht in seineAdern hineinschien — unablässig sah er dieschlanke Mädchengestalt, halb Weib, halb Kind,einer Tuberose gleich, die zwei weiße Blüten,zwei weiße Bethlehemsaugen auf ihrem Stengelwiegte.

Ganze Stunden dachte er an sie und träumte. —

Immer und wieder tauchten vor seinen Augendieselben Bilder auf: In der Tiefe seiner Seeleverflochten sich unentwirrbar die Visionen seinerMuttererde mit dem geheimen Reigen von Tönenund Liedern, dem Duft der Blumen, dem dunklenGewitter und dem Abglanz blasser Sterne in demStrudel wogender Meere.

Er verstand nicht den Zusammenhang —gleichwohl — es kam ihm vor, dass sie seineMuttererde in ihrer Frühlingsbrunst sei — dieBlumen, die sie ihm geschenkt, das Kleid, ewigneues und ewig dasselbe Kleid ihrer Seele, ewigliche Form ihres Seins — dass die Augen — ihreAugen...

Absichtlich zerriss er die Flut seiner Gedanken, umfasste die Blumen, bewarf sich mitihnen, wühlte in ihnen mit fiebrigen Händen undträumte und heischte nach ihr.

Schon hatte er sie in seine Arme gefasst,warf sie auf seine Brust in kranker Lust undküsste sie — küsste...

Und zugleich beschloss er mit sich: er musstesie finden — er musste!

Nur einen Strahl ihrer Augen erhaschen —nur ein Aufleuchten — ein zuckendes Aufdämmern ihrer Augen — und er wird sie erkennen— ganz sicher wird er sie erkennen in einemSekundentausendstel des Aufblitzens ihrer Augen...

Ganze Tage trieb er sich auf den Straßender Stadt herum, ganze Stunden harrte er in denParkanlagen, rings um die Stadt. Tausendevon Menschen glitten an seinen Augen vorüber,in jedem Mädchengesicht glaubte er ihres zu erkennen, jeder Blick schien in seinen Adern dieselbe Lust zu entfachen, mit der ihre Augen sein Herz wundgebrannt hatten — aber vergebens;immer dieselbe Enttäuschung: das war nicht sie!

Und doch hörte er manchmal in der Abenddämmerung dicht hinter sich Schritte, wie dasSchlagen unruhiger Vogelflügel, die bereit waren,sich zur Flucht zu schwingen — manchmal saher ein blitzschnelles, verstohlenes Aufleuchteneines dunklen Augenpaars, das aus unbekanntenFernen oder Nähen sich in seine Seele einsaugte— einmal streifte ihn der Hauch einer weichen,zärtlichen Hand, als er in dem Dunkel einerKirche stehenblieb und das heimliche kostbareGut der dämmrigen Abendgebete kostete, aberals er sich umdrehte, als er das Dunkel mit seinen Augen zu zerfetzen suchte, verflog das Gesicht — nur ein zittriges Aufleuchten, nur einwarmer Atem einer fiebernden Hand, und dieNerven entlang das Gefühl einer schlanken Tuberose mit zwei weißen Sternen.

Ein König war er — ja ein König und einmächtiger Gebieter...

O die kranke, qualvolle Lust schlafloser Nächte,als er auf der Terrasse seines Palastes lag unddie üppige, sternenbesäete Himmelspracht anstarrte!

Rings rankten sich tropische Efeugewinde;aus dunklem Gebüsche blühten auf goldene Blütenquasten, wuchsen hoch empor Blumenkelche, dienoch kein menschliches Auge geschaut hatte:Blumen mit Kelchen von der Form bronzenerGlocken, Blumen, umgeben von Blättern, die inder Farbe von poliertem Gusseisen schimmertenoder wie gerinnendes Messing blitzten, dann wieder Blumen mit fein behaartem Schoß, dem ewigen Leben aufblühender Jungfrauen, Blumen, diemit lebendigen, schauenden und wissenden Augeneiner Kurtisane lachten, oder suchenden, verirrtenAugen von todesmüden Möwen und weißen Albatrossen.... Strunke und Stengel sah er wieLilien, die aus toten Herzen aufwuchsen oderaus Erdäpfeln, den Totenschädeln vergleichbar.Aus dem syphilitischen Rachen unglaublicher Orchideen streckten sich Zungen empor, mit purpurroten Fieberflecken besprenkelte Ungeheuer, dieherauszukriechen und das Gift über das umgebendeBlütenmeer zu verschleppen schienen.

Soweit das Auge reichte ungeheure, vorsintflutige, dunkle Kohlenwälder, umwunden, umstrickt, verknäuelt zu einer unentwirrbaren Massedurch Stränge und Stricke von Efeustämmen,Lianen, Windenkraut und Klettengeflechte — undall dieses Schmarotzergezücht rankte sich emporan den verkohlten Farrenbäumen, den isaurischenPalmstauden, den Kokos-- und Brotblumen, verflocht sie wie ein Korbgewinde, verankerte sieunlösbar miteinander und von der Höhe der Terrasse sah das aus wie ein ungeheuerliches, aus dem Urmagma heraufkriechendes Otternnest.

Und in der sternenbrünstigen, lichtwütigenNacht in diesem abgründigen Fieber von verkrampften Formen, kranker Düfte, Farben, dieman in den Delirien des Opiumrausches sieht,träumte der König von ihr — ihr, der Einzigen,kroch auf den tiefen weichen Teppichen, kralltesich mit den Fingern an den Füßen der Sesselfest, sog das Gift der ungeheuerlichsten Blumenund schrie nach ihr —.

Vergebens!

Bis endlich:

Er ließ die schönsten Jungfrauen zu sichin seinen Palast befehlen, stellte sie in dem endlosen Saal in zwei Reihen, die sich von demThrone bis in die Tiefe der Palastgärten erstreckten...

Und angetan mit seiner unerhörten königlichen Pracht saß er lange auf seinem Thron,vergrub das Gesicht in beide Hände und sah dievor Erwartung und Hoffnung zitternden Jungfrauen, von denen jede mit unendlichem Glücksich zu seiner Sklavin machen ließe.

Er sah, sah sie an und dachte:

Welche ist es?

Wie soll er sie auffinden in dem Gewogevon blonden, schwarzen, roten Köpfen?

Ist es die, deren Augen blitzten wie dieBeeren von Tollkraut, das an den Schuttgräbenwächst?

Oder die, aus deren sanften Augen ab undzu der blutdürstige Blick eines gebändigten Jaguars herausschießt?

Jene da vielleicht, über deren Stirn einBlitz fliegt, der das Herz gebärt und sichüber das Gesicht mit unendlichem Leid ergießt?

Die da, deren Arme herabhängen wie welkeLilien oder jene, welche in den verführerischenHänden die lüsternen Trauben ihres Leibes hält,vielleicht die dort mit der gleißenden Biegsamkeit einer Schlange, oder jene, die aus demSchoß einer Lotosblume aufgestiegen ist — undjene dort, weitab, wie aus einem Sternenkelchaufgeblüht, aus dem Glanz des Mondlichtes geboren?

Tiefer noch vergrub er das Gesicht in seineHände, schmerzlicher noch, denn er fühlte, dasser sie nicht finden wird — das Chaos von verschwimmenden, ineinander verfließenden Formen, Gesichter, Augen trübte die Seele desKönigs.

Er stieg die Stufen des Thrones hinunterund die Reihen der Jungfrauen neigten sich wieein frisch aufgeblähtes, weißes Birkengehölzwenn der Windstrom es umfließt.

Wie köstliche Weizenähren in der sengendenMittagsglut, wenn plötzlich ein heißer Lufthauchüber sie fährt, neigten sich die Köpfe; der ganzeSaal schien zu keuchen in gespannter Erwartungund verhaltenem Atem der Hoffnung.

Dreimal schritt er die Reihen der schönstenJungfrauen seines Landes ab, langsam, immerlangsamer und trauriger, setzte sich wieder aufseinen Thron, winkte mit der Hand — er blieballein.

Es dunkelte in dem Saal. Der König vergrub sich in seine Verzweiflung, stemmte seinGesicht auf die krampfgeballten Fäuste undbrütete vor sich hin.

Da fühlte er plötzlich, wie sich jemand anden Säulen entlangstahl, die das Gewölbe desSaales stützen — jemand schlängelte sich durchdas dämmernde Dunkel und hinter ihm ein Schimmervon etwas Leuchtendem, wie das Licht einesnackten Körpers.

Der König hob sein Haupt stolz empor —denn noch kein Sterblicher wagte ihn in seinemVerzweiflungsschmerz anzuschauen.

Er klatschte in die Hände, und aus einerunsichtbaren Lichtquelle ergoss sich in den Saalein kaltes metallenes Leuchten — und in diesemHalbdunkel sah er, wie ein syrischer Sklavenhändler an den Thron herankroch und hinter sichein nacktes Mädchen schleifte.

Ihre Arme umwanden Spangen — goldeneSchlangen, und mit goldenen Schlangen warendie Knöchel umringelt, und um die Lenden eingoldener Gürtel, dessen Schloss eine Lotosblumebildete, besetzt von kostbaren Steinen.

Der König sah sie erstaunt an.

Er sah nicht ihr Gesicht, denn sie verschränkte vor ihm ihre Arme, er sah nur dieGestalt, sah die schlanken, biegsamen Gliedereiner Tuberose mit zwei weißen Sternen hinterden Lilien ihrer Arme.

Mit verhaltenem Atem sah der König aufdie seltsamen Zauber und Wunder des Mädchenkörpers, er zitterte wie in Todesangst, dass ihmder Traum nicht verfliegt — er sah sie, wie siesich hin und her neigte, wie sie im Feuer zustehen schien aus Angst und Scham; ihre Haareflossen über die weißen Lilien ihres Körperswie ein heißer Strom — und plötzlich knietesie nieder und sah zu ihm auf.

Sie, sie war es!

Mit beiden Händen griff er um die Lehnenseines Thrones und zitternd flüsterte er:

Du hast mir die Blumen geschenkt?

Sie nickte...

Mit heißem Schrei streckte er ihr seine Händeentgegen — alles verschwand...

Er rieb sich die Stirn ...

Er war doch wach.

Ja ganz sicher, aber nur, um von neuem ineinen noch tieferen, noch wilderen Traum zuverfallen.

Nun war er ein Magier, übergroß und übermächtig, ein Diener seines Herrn und ein Gottzugleich...

Ja: ipse philosophus, magus, Deus et omnia...

Drei Tage und drei Nächte hat er sich fürseine Beschwörung vorbereitet. Drei Tage unddrei Nächte las er in heiligen Büchern, entziffertedie geheimen Runen und erbrach die sieben Siegelder apokalyptischen Weisheit. Er prägte seinem Gedächtnis die furchtbaren Beschwörungsformeln ein,die unbekannte Mächte ihm, seinem Machtspruchdienstbar machten — drei Tage und drei Nächteberauschte er sich an dem giftigen Dunst gebrauter Pflanzen und Wurzeln, die in der geheimen Johannisnacht blühen, bis er die Kraft insich fühlte, das Wachstum der Pflanzen beschleunigen zu können, einen Strom in seinem Lauf aufhalten, den Mutterschoß unfruchtbar zu machen,ja selbst den Donner auf die Erde herabzubeschwören.

Und in der Stunde des großen Wunderskleidete er sich an mit den kostbaren Kleiderndes Hochamtes, das einstens sein Urvater Samyasaverrichtete, sein Haar umwand er mit einer siebenmal geknoteten Binde, nahm das Schwert zurHand, zeichnete einen Kreis, schrieb in ihn geheime Zeichen hinein, blieb in seiner Mitte stehen,einem großen Spiegel gegenüber und sprach mitlauter Stimme:

O Astaroth, Astaroth!

Mutter der Liebe, die du mir das Herz mitdem Gift des Verlangens und der Sehnsucht zerfrisst, das Feuer irrsinniger Qual in meinen Adernergossen hast — einzige Mutter, die aus denSaiten meiner Seele schmerzliches Stöhnen vereitelter Hoffnungen und Schreie der Sehnsucht reißest, du furchtbare Mutter, die du michauf dem höllischen Bett vergeblichen Ringensstreckst —

Erbarme dich meiner!

O Astaroth, Astaroth!

Du höllische Tochter der Lüge und desScheins, die du in meinen Nächten mir vor dieAugen die unsagbarste Lust und Verzückungzauberst, die du mir das Weib, das ich suche, indie wilde Umarmung meiner Glieder wirfst undsie meinen Leib lustschreiend umflechten lassest— du furchtbare grausame Höllenmutter, die duaus meinem Blut Macht und Leben saugst, ummich wieder zu wecken zu neuer Qual und Verzweiflung, —

Erbarme dich meiner!

O Astaroth, Astaroth!

Mutter der Verkehrtheit, Beschützerin desunfruchtbaren Schoßes und unfruchtbarer Lüste,die du mir in die Seele ein Verlangen eingeimpfthast, das du nicht stillst, in mein Blut Träumehineingeschienen, die nicht von dieser Welt sind,mein Gehirn mit einer Brunst verkrampfst, diemeine Augen mit Irrsinn umflort —

Erhöre mich!

Und in einer unmenschlichen Willensanspannung bäumte sich sein Haar. Er zitterteund erschauerte, als ob jedes Glied für sichselbständig lebte. Es kam ihm vor, als gehe eraus sich selbst heraus, als verkörpere er sich vonneuem draußen, außerhalb seines Leibes, alsgestalte sich etwas, das aus seiner Seele ausseinem mächtigsten Verlangen aus seiner qualvollsten Sehnsucht herausströmte.

Ein krachender Donner, als ob sich ein Erdkörper vom Himmel losgerissen hätte und in denNichtsabgrund fiele — ein furchtbarer Sturm hatalle Fesseln gerissen — ein höllisches Lachen,Heulen, Kreischen wateten in seinem Gehirn undin grausigem Entsetzen sieht er um den Spiegelherum einen Nebel kreisen und glänzen, sich formen, Gestalt annehmen, sieht ihn, wie er sichrundet, Körper annimmt, zu atmen anfängt, blutstrotzend, lebendig!

Eine Flut von Blitzen wogte schwer durchden Saal, ein Donner krachte in den Spiegel, einSchrei und auf seinen Hals warf sich in wilder,zügelloser Brunst die, die er so lange gesucht,nach der er so lange geheischt und um derenWillen er sein Heil verwirkt hat...

O irre Nacht ungesättigter Lust!

Er erschrak über diese Träume.

Er konnte sich nicht wiedererkennen. DieVerkoppelungen und Zusammenhänge in seinerSeele haben sich losgelöst, die Verbindungsfädenrissen; nichts ging ihn jetzt mehr an, er lebtenur in seinen kranken Träumen, und in denHänden zerknitterte er das Band, mit dem derlängst verwelkte Strauß umbunden war.

Es schien ihm, als ob dieses Band etwasvon ihrem Wesen eingesaugt hätte. Er fühlte,dass es lebt. Wenn er es streichelte, war es, alsglitte seine Hand ihren Sammetkörper entlang,küsste er es, sog er den Duft ihrer seidenenHaare, und wand er es sich um seine Brust,empfand er es, als hätten sich ihre Glieder umseinen Körper gewunden...

Immer mächtiger schwollen in ihm die Sehnsucht und der Schmerz an. Er quälte sich inohnmächtigem Ringen. Die, die ihm den Straußgeschenkt, wurde zu einem Vampir, der ihm allesBlut aus den Adern sog.

Und wieder irrte er auf leeren Straßen undPlätzen, und wenn die Dämmerung kam, schlicher sich in dunkle Kirchen hinein, denn einmalkam es ihm vor, als hätte sich eine weiche,liebende, verlangende Hand mit sehnsüchtigerInbrunst in die seine geschoben. Er irrte zwischenden Frühlingsbäumen im Park, denn einmal hörteer Schritte hinter sich — ihre Schritte — wiedas Schlagen unruhiger, flugbereiter Flügel.Stundenlang stand er in dem Fenster und bohrtesich spähend in die Finsternis, denn einmalschien es ihm, als sähe er ein Augenpaar —ihre Augen — die mit heißer Sehnsucht dieseinigen suchten.

Bis endlich:

Schwer sank die Dämmerung herab. Zwischendem dunklen Geäst der Bäume blutete hier unddort das unruhige Flackern des Gaslichts derLaternen, auf und nieder wogte die Unruhe derStadt, und ein schwüles, unendlich traurigesBrüten breitete sich über den finsteren Dächernder Bäume.

Plötzlich erblickte er sie da, wo sich zweiAlleen kreuzten.

Er wusste, dass sie es ist.

Dieselben Augen, die sie ihm an jenem Abendin die Seele eingebrannt hatte, dasselbe Gesicht,denn nur ein solches Gesicht erstrahlt in demGlanz, der um diese Augen sich goss.

Er zuckte auf, blieb stehen und sie rührtesich nicht vom Platz, erschrocken und verwirrt.

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